Skip to main content

Full text of "Briefe der Brüder Grimm an hessische Freunde"

See other formats


This  is  a  digital  copy  of  a  book  that  was  preserved  for  generations  on  library  shelves  before  it  was  carefully  scanned  by  Google  as  part  of  a  project 
to  make  the  world's  books  discoverable  online. 

It  has  survived  long  enough  for  the  Copyright  to  expire  and  the  book  to  enter  the  public  domain.  A  public  domain  book  is  one  that  was  never  subject 
to  Copyright  or  whose  legal  Copyright  term  has  expired.  Whether  a  book  is  in  the  public  domain  may  vary  country  to  country.  Public  domain  books 
are  our  gateways  to  the  past,  representing  a  wealth  of  history,  culture  and  knowledge  that 's  often  difficult  to  discover. 

Marks,  notations  and  other  marginalia  present  in  the  original  volume  will  appear  in  this  file  -  a  reminder  of  this  book's  long  journey  from  the 
publisher  to  a  library  and  finally  to  you. 

Usage  guidelines 

Google  is  proud  to  partner  with  libraries  to  digitize  public  domain  materials  and  make  them  widely  accessible.  Public  domain  books  belong  to  the 
public  and  we  are  merely  their  custodians.  Nevertheless,  this  work  is  expensive,  so  in  order  to  keep  providing  this  resource,  we  have  taken  Steps  to 
prevent  abuse  by  commercial  parties,  including  placing  technical  restrictions  on  automated  querying. 

We  also  ask  that  you: 

+  Make  non- commercial  use  of  the  file s  We  designed  Google  Book  Search  for  use  by  individuals,  and  we  request  that  you  use  these  files  for 
personal,  non-commercial  purposes. 

+  Refrain  from  automated  querying  Do  not  send  automated  queries  of  any  sort  to  Google's  System:  If  you  are  conducting  research  on  machine 
translation,  optical  character  recognition  or  other  areas  where  access  to  a  large  amount  of  text  is  helpful,  please  contact  us.  We  encourage  the 
use  of  public  domain  materials  for  these  purposes  and  may  be  able  to  help. 

+  Maintain  attribution  The  Google  "watermark"  you  see  on  each  file  is  essential  for  informing  people  about  this  project  and  helping  them  find 
additional  materials  through  Google  Book  Search.  Please  do  not  remove  it. 

+  Keep  it  legal  Whatever  your  use,  remember  that  you  are  responsible  for  ensuring  that  what  you  are  doing  is  legal.  Do  not  assume  that  just 
because  we  believe  a  book  is  in  the  public  domain  for  users  in  the  United  States,  that  the  work  is  also  in  the  public  domain  for  users  in  other 
countries.  Whether  a  book  is  still  in  Copyright  varies  from  country  to  country,  and  we  can't  off  er  guidance  on  whether  any  specific  use  of 
any  specific  book  is  allowed.  Please  do  not  assume  that  a  book's  appearance  in  Google  Book  Search  means  it  can  be  used  in  any  manner 
any  where  in  the  world.  Copyright  infringement  liability  can  be  quite  severe. 

About  Google  Book  Search 

Google's  mission  is  to  organize  the  world's  Information  and  to  make  it  universally  accessible  and  useful.  Google  Book  Search  helps  readers 
discover  the  world's  books  while  helping  authors  and  publishers  reach  new  audiences.  You  can  search  through  the  füll  text  of  this  book  on  the  web 

at  http  :  //books  .  google  .  com/| 


y  Google 


^C>^L37^f*^^ 


y  Google 


\ 


y  Google 


> 


y  Google. 


y  Google 


0 

Frivate  il  amtliclie  Bezielmieii 


der 


Brüder   Grimm 

ZU  Hessen. 


Eine 

Sammlung  von  Briefen  und  Aotenstücken 

als  Festschrift  zum. 

hundertsten  Geburtstag  Wilhelm  Grimms 

den  24.  Februar  1880 

zuaammengeatellt  und  erläutert 


von 


E.J|tengel. 


Band  I: 
Briefe  der  Brider  Grimm  in  hessische  Freude. 


-:>-<Ä^^ 


^  Marburg. 
N.  G.  Elwertsohe  Verlagsbuchhandlung. 
1886. 


y  Google  I 


^ 


Briefe 


der 


Brüder  Grimm 


hessische  Freunde 

gesammelt 


E.  Stengel.  rv,^^ 


--)$:3-JJH=^ 


^  Marburg. 

le  Verlagsbuchhandlung. 
1886. 


y  Google 


iß^p-^ 


-l^ 


^^1(>'E.2.J  W  ^ 


C^^tlKÄL     ytc-"^ 


y  Google 


Vorwort. 


'leräiischloser   aber   mit   nicht   minder   innigem 
Antheil    wird    am    24.    Februar    1886    die   hundert- 
jährige   Wiederkehr    des    Geburtstages  von  Jacob 
Grimms    Bruder    Wilhelm    in  Deutschland    ge- 
feiert  werden.     Möge   dann   auch   diese  Sammlung 
als    Kranz   das  Denkmal,    das   sich   die   Brüder   im 
Herzen  des  deutschen  Volkes  selbst  errichtet  haben, 
zieren !    In  dankbarer  Liebe  ist  er  gewunden,    nicht 
zierlich  und  kunstgerecht,  aber  voll  duftender  Blüthen 
und    saftiger    Blätter,     zwischen    denen    auch    viel 
dürres  Strauchwerk,    auf    dem    sie  ruhen,    deutlich 
hindurchschimmert.      Nicht   Wilhelm   allein    ist    er 
gewidmet,  nein  ebenso  wohl  auch  dem  von  ihm  un- 
zertrennlichen älteren  Jakob,  ebenso  wie  an  Jakob's 
Geburtstag  Jedermann  auch  seines  Bruders  Wilhelm 
gedachte.      Welche     enge     Bande    die     Brüder    an 
Hessen   knüpfte ,    wie    viel   Liebe  und    Leid    ihnen 
hier  zu  Theil  wurde,  es  wird  aus  dieser  Sammlung 
von    neuem   hervorgehen.     Stolz   und   freudig  kann 
auch    die  Alma  Philippina  sich  ihrer  Zugehörigkeit 
rühmen.    Möge  die  bescheidene  Gabe  eines  Marburger 
Docenten   bezeugen,    dass   sie   sich  dieser  Ehre  be- 
wusst  ist,  und  als  Spende  eines  Romanisten  zugleich 
ein  Schärflein  der  Dankbarkeit  abtragen,  welche  die 
romanische  Philologie  den  Begründern  der  deutschen 


y  Google 


VI  Vorwort. 

schuldet!  Mögen  vor  allen  aber  auch  die  hier 
zusammengestellten  Äusserungen  ohne  Falsch  und 
Flitter,  voll  von  edler  Gesinnung,  Herzensgute  und 
warmer  Liebe  zum  deutschen  Vaterland  dazu  bei- 
tragen, das  Bild  des  sittenreinen,  gemüthvollen 
Brüderpaares  tiefer  und  tiefer  in  das  Herz  unseres 
Volkes  zu  drücken,  und  es  vor  den  Irr-  und  Ab- 
wegen charakterlosen  Streberthums  und  pietätloser 
Frivolität  zu  schützen! 

Durch  jfreundliches  Entgegenkommen  von  ver- 
schiedenen Seiten  ist  es  mir  gelungen  nach  und  nach 
eine  recht  stattliche  Anzahl  von  bisher  ungedruckten 
Briefen  der  Brüder  an  hessische  Freunde  zusammen 
zu  bringen,  imd  denselben  aus  den  noch  ungehobenen 
Schätzen  unseres  Archivs  auch  eine  Reihe  für  die 
Beurtheüung  namentlich  Jacob  Grimms  wichtiger 
Actenstücke  hinzuzufügen,  auf  deren  Vorhandensein 
mich  Arcbivrath  Dr.  Könnecke  freundschaftlichst 
aufmerksam  machte.  So  musste  der  anfanglich 
nur  auf  einen  Band  berechnete  Umfang  der  Sammlung 
auf  zwei  ausgedehnt  werden.  Da  diese  Erweiterung 
wie  die  Fixirung  des  derzeitigen  Planes  aber  erst 
erfolgen  konnte,  als  bereits  die  ersten  Bogen  fertig 
gestellt  waren,  so  sind  einige  Unebenheiten  in  der 
Anordnung  des  Stoffes  entstanden,  welche  ich  zu 
entschuldigen  bitte.  Der  eilige  Beginn  des  Druckes 
war  besonders  dadurch  veranlasst,  dass  von  einer 
Anzahl  Briefen  die  Originale  mir  nur  auf  kurze 
Zeit  anvertraut  waren  und  möglichste  Genauigkeit 
auch  hinsichtlich  der  schwankenden  Schreibung  bei 
der  Wiedergabe  von  mir  angestrebt  wurde.     Nur  in- 


dby  Google 


Vorwort.  VII 

soweit  wich  ich  prinzipiell  von  den  Originalen  ab, 
als  ich  alle  Briefe  in  Antiquasatz  wiedergeben  liess, 
während  Jakob  in  den  Briefen  erst  1826  durchaus 
die  Antiquaschrifb  verwandte  und  Wilhelm  ihm 
sogar  erst  1838,  nachdem  er  Göttingen  verlassen, 
auch  in  dieser  Beziehung  folgte.  Alle  mir  vor- 
liegenden Briefe  theilte  ich  vollständig  mit.  Nur 
in  den  letzten  Briefen  Jakobs  waren  einige  durch 
Pünktchen  angedeutete  Kürzungen  geboten.  Einige 
wenige  Briefe  passen,  da  sie  nicht  an  Hessen  ge- 
richtet sind,  nicht  in  die  Sammlung,  wie  sie  sich 
jetzt  darstellt;  doch  sind  sie  so  schön,  dass  man 
sich  nur  ihrer  Mittheilung  freuen  wird.  Anderer- 
seits fehlen  hier  viele  Briefe,  welche,  wäre  möglichste 
Vollständigkeit  beabsichtigt  gewesen,  mit  Recht 
?ermisst  werden  könnten.  Um  manche  derselben 
habe  ich  mich  zwar  vergeblich  bemüht,  von  anderen 
hörte  ich  zu  spät  und  erst  als  der  zu  Gebote  stehende 
Raum  ohnehin  überschritten  war,  noch  andere 
werden  mir  gänzlich  unbekannt  geblieben  sein. 
Möchten  die  empfindlichsten  dieser  Lücken  bald  von 
anderer  Seite  ausgefüllt  werden! 

Dass  für  die  Anmerkungen,  so  weit  es  die  Kürze 
der  Zeit  gestattete,  keine  Mühe  gespart  worden  ist, 
wird  schon  ihr  beträchtlicher  Umfang  zeigen.  Ausser 
dem  Jedermann  zugänglichen  gedruckten  Material 
konnte  ich  besonders  die  in  der  Berliner  Bibliothek 
aufbewahrte  umfangreiche  Grimm  -  Correspondenz 
dafür  ausbeuten.  Mit  gütiger  Genehmigung  der 
Kinder  Wilhelm  Grimms  suchte  mir  Dr.  Ippel 
freundlichst  die  von  hessischen  Freunden  herrühren- 


y  Google 


VIII  Vorwort. 

den  Briefe  heraus.  Weiterhin  hatte  K.  Weigands 
Tochter,  Frau  Oberlehrer  Dr.  Flach  in  Wiesbaden 
die  Güte  mir  nebst  den  Briefen  der  Brüder  Grimm 
an  ihren  Vater,  auch  dessen  übrigen  wissenschaftlichen 
Nachlass,  soweit  er  noch  in  ihren  Händen  war,  zu 
übergeben.  Aus  der  recht  umfangreichen  wissen- 
schaftlichen Correspondenz  entnahm  ich  manche 
Äusserung  über  die  Brüder  und  theilte  ausserdem 
eine  Anzahl  Briefe  Schmellers,  dessen  hundertster 
Geburtstag  ebenfalls  in  diesem  Jahre  begangen 
wurde,  mit,  sowie  einige  interessante  Stellen  aus 
Briefen  Müllenhofs.  Sonst  suchte  und  erhielt  ich 
bereitwilligst  von  verschiedenen  Seiten  Auskunft 
über  die  und  jene  Stelle.  Da  wo  es  angezeigt  er- 
schien, habe  ich  die  freundlichen  Rathgeber  namhaft 
gemacht,  alle  sonstigen  Gönner  und  Förderer  dieser 
Sammlung  mögen  meines  aufrichtigen  Dankes  eben- 
so versichert  sein. 

Die  chronologische  Tabelle  der  hier  gedruckten 
Grimmbriefe,  sowie  das  alphabetische  Namenregister 
werden  hoffentlich  erwünscht  sein,  ebenso  wird  die 
Wiedergabe  der  philosophischen  Doctordiplome, 
welche  schon  dem  Grimmprogramm  der  Universität 
Marburg  beigefügt  war  und  hier  wiederholt  ist. 
Manchem,  dem  jenes  Programm  nicht  zu  Gesicht 
kommt,  willkommen  sein. 

Marburg,   Ende  October  1885. 

E.  Stengel. 


y  Google 


L    Aus  Briefen  Jacob  Grimms  an  Paul  Wigand. 

1. 

[1802]  Marburg,  den  31. — 15.  May,  Abends, 

^7    TTv       tt    xt'        Ao    18910«5321100216787   «  i 

7  Uhr  11  Min.  43  -loooooooooööooo-  ^ek. 
Mein  lieber  Wigand! 

Da  bin  ich  nun  in  Marburg  und  Gott  sey  Dank 
noch  gesund.  Ungewohnt  thut  mir's  jfreilich  noch, 
aber  doch  nicht  mehr  so  wie  anfangs,  da  ich  wegen 
meiner  Geschäfte  jetzt  mehr  Zerstreuung  habe.  Be- 
sonders leid  that  mir  die  Trennung  von  meinen 
Brüdern,  Ihnen  und  noch  einigen. 

Es  gefällt  mir  sonst  recht  gut  hier.  Ich  weisz 
nicht,  ob  Sie,  mein  lieber,  schon  einmal  hier  waren, 
aber  die  Lage  Marburgs  und  umliegende  Gegend  ist 
gewisz  sehr  schön.  Besonders  wenn  man  in  der 
Nähe  des  Schlosses  steht  und  da  herunter  sieht, 
die  Stadt  selbst  aber  sehr  häsziich.  Ich  glaube,  es 
sind  mehr  Treppen  auf  den  Straszen  als  in  den 
Hausern.  In  ein  Haus  geht  man  gar  zum  Dach 
hinein.  — 

2. 

Marburg,  den  30.  Juni  1802. 

Bisweilen  gehe  ich  spazieren.  0  eine  prächtige 
Gegend.  Mit  jedem  Schritt  romantischer  und  schöner. 

£.  fitengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  1 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


2  I.   J.  Grimm  an  P.  Wigand.  1802—14 

Hohe  Berge,  aber  keine  kahle  Hügel,  sondern  mit 
mannichfachem  Grün  geschmückt.  Wiesen  und  Wiesen- 
quellen. Links  das  Schloss  auf  dem  Berge  von  der 
Abendsonne  vergoldet.  Vor  mir  ein  Dörfchen,  das 
man  vor  Bäumen  nicht  würde  sehen  können,  Ter- 
riethe  es  nicht  der  aufsteigende  Rauch.  Da  gehe 
ich  aber  oft  sinnig  herum  und  sehe  nichts.  Meine 
Gedanken  sind  nicht  hier.  Dann  sitze  ich  unter 
einem  Weidenbaum  und  sehe  nichts  wieder  als  die 
schöne  Gegend  aber  plötzlich  fallts  mir  ein,  dasz  ich 
so  einsam  dasitze.  Dann  mache  ich  nur  um  wieder 
nach  Haus  zu  kommen. 

8. 

Marburg,  den  12.  Aug.  1802. 

Am  Sonntag  besah  ich  die  hiesige  Elisabether- 
kirche.  Ein  wahres  Meisterstück,  in  acht  gothischem 
Geschmack,  und  die  farbigen  Fenster  —  eine  leider 
jetzt  verlorene  Kunst  —  wie  feierlich  und  die  Gruft 
mancher  Landgrafen  wie  schauerlich!  Der  Vorwelt 
Schattengebilde  umsäuseln  uns  imd  erinnern  uns  an 
unsre  Vergänglichkeit!  —  Auch  findet  man  da  öe- 
mählde.von  dem  berühmten  Alb.  Dürer,  die  aber, 
schade,  sehr  beschädigt  sind. 


V  August  1814. 

An  Aergemiss  über  unsere  Regierung  fehlt  es 
nicht;  der  Kurfürst  ist  auch  zu  alt,   um  sich  emsfc- 


y  Google 


1813-14  n.  W.  Grimm  an  P.  WigancL  3 

lieh  zu  ändern,  aber  es  thnt  einem  weh,  dasz  das 
Unglück  nnd  Glück  unseres  Vaterlandes  den  Kur- 
prinzen nicht,  wie  sie  sollten,  und  es  das  allematür- 
Hehste  wäre,  rühren  und  beszem.  Ein  braves  Volk, 
wie  wir  Hessen  sind,  sollte  von  Miszgriffen,  Persön- 
lichkeiten und  der  Verstocktheit  nach  allem  Vorher- 
gegangenen nichts  zu  leiden  haben  ....  Unsere 
bevorstehende  deutsche  Verfassung  wird  hoflfentlich 
den  Rechten  des  Volks  aufhelfen  und  darum  wollen 
wir  guter  Hoffnung  sein. 


II.   Aus  Briefen  Wilhelm  Grimms  an  Paul 
Wigand. 

5. 

Cassel,  den  29.  Mai  1818. 

. . .  »Wir  haben  wie  Wanderer  Regen,  Sturm,  Sonnen- 
schein untereinander  erlebt.  Der  Qedanke  an  das 
eine  hat  immer  das  andere  gemaszigt,  und  wenn  auch 
die  Wolken  alle  Berge  verdeckt,  ist  uns  doch  die 
Oewiszheit  noch  geblieben,  dasz  noch  höher  die  Sonne 
leuchte,  nur  wann  sie  aufgehe,  das  war  in  Oottes 
Hände  gelegt.  Dazwischen  haben  wir,  sobald  es 
ging,  fori^earbeitet;  es  ist  im  äuszeren  Leben  nichts 
besseres  als  solch^  ein  fester  Beruf,  wie  ich  unser 
Arbeiten  betrachte,  und  ohne  ihn  würde  Freud  oder 
Leid  uns  zu  Boden  werfen,  wie  wir  beides,  Sonnen- 
schein und  Frost,  ohne  Schutz  nicht  vertragen, 
sondern  darunter  ohne  Bewegung  hinsterben.* 


y  Google 


4  ni.   J.  Grimm  an  den  Kurfürsten.  1813 

6. 

9.  Febr.  1814. 
Ich  habe  am  Sonntag  das  Rescript  als  Secretarius 
der  Bibliothek  erhalten,  dazu  Einhundert  Thal  er 
Besoldung,  was  ich  mit  Buchstaben  schreibe,  damit 
Du  nicht  glaubst  ich  habe  mich  verschrieben. 

7. 

?  Mai  1814. 

Vielleicht  ist  noch  niemals  eine  Zeitung  in 
Deutschland  mit  so  freiem,  edlem  Sinn  geschrieben 
[als  der  Rheinische  Merkur  von  öörres], 

8. 

Ende  1814. 

Ich  habe  200  Thaler  Zulage  bekommen,  sodass 
mir  die  Laubthaler  schon  aus  der  Tasche  tanzen. 

IIL    Vier  Gesuche  Jakob  Grimms  an  den  Kur- 
fürsten von  Hessen. 

9. 

Durchlauchtigster  Kurfürst 
Gnädigster  Fürst  und  Herr! 

In  der  Hoffnung,  dasz  ich  unter  den  jetzigen 
Zeitumständen  meinem  Yaterlande  in  der  diplo- 
matischen Laufbahn  am  meisten  nützen  könnte,  und 
im  Vertrauen,  mich  durch  ein  eifriges  Studium  der 
Geschichte  nicht  unwürdig  dazu  vorbereitet  zu  haben, 
wage  ich  es,  Eure  Kurfürstliche  Durchlaucht  zu  bitten : 


y  Google 


1813—15       m.    J.  Grimm  an  den  KurfQrsten.  5 

mir  die  Stelle   eines  Secretars  bei   einer  Ge- 
sandschafb  Imldreichst  zu  verleihen. 
Mit  Fleisz    und   Treue    werde   ich   diese  Gbade 
onablaszig   zu    yerdienen   suchen,    und  ersterbe    in 
tiefster  Ehrfurcht 

Euer  KurfElrstlichen  Durchlaucht 
unterthanigster 
Jacob  Grimm 
vormals  Kriegssecretar 
Caszel  am  16.  Dec.  1813. 

10. 

Allerdurchlauchtigster  Kurfürst 
Allergnädigster  Kurfürst  und  Herr. 

Ehe  und  bevor  Eure  Königliche  Hoheit  mich  mit 
den  in  meiner  anderweiten  unter  heutigem  Dato 
überreichten  unterthanigsten  Vorstellung  erbetenen 
Ämtern  begnadigen,  flehe  ich  nothgedrungen  um 
Allergnädigste  Verfügung  zur  strengen  Untersuchung 
der  nachfolgenden  mir  höchst  empfindlichen  Ver- 
anlaszung. 

Der  Geheime  Regirungs-Rath  von  Lepel  macht 
mir  den  Vorwurf,  dasz  ich  während  des  Congresses 
meine  Pflicht  nicht  geleistet  hätte  und  äuszert  sich 
darflber  auf  die  kränkendste  und  unanständigste 
Weise.  Die  unmittelbare  Gelegenheit  dazu  bricht 
er  von  einem  mir  vermuthlich  zur  Last  liegenden 
geringen  Versehen  ab,  welches  leicht  zu  berichtigen 
gewesen  wäre  und  zu  dessen  Berichtigung  ich  mich 
aaf  der  Stelle  erbot.    Da  ich  indessen  bald  merkte, 


Digitized  by 


Google 


6  ni.  J.  Grimm  an  den  Kurfürsten.  1815 

dasz  ihm  an  einer  uns  beiderseits  anständigen  Ver- 
ständigung nichts  gelegen  sey,  so  förderte  ich  ihn, 
getrost  auf  mein  gutes  Gewiszen,  auf,  seine  Beschwerde 
Allerhöchsten  Orts  anzubringen. 

Ein  Theil  meiner  in  Wien  gefertigten  Expedi- 
tionen liegt  Eurer  Königlichen  Hoheit  selbst  vor 
Augen ,  und  wird  allein  schon'  hinreichend  die  Be- 
schuldigung, dasz  ich  meine  Hände  gespart,  Ton 
mir  abwenden.  Allein  das  Bewusztseyn,  in  meinen 
früheren  Dienstverhältniszen  stets  vorwurfsfrei  da 
gestanden  zu  haben,  zwingt  mich  auch  gegenwärtig 
zu  der  ehrerbietigsten  Bitte: 

dasz  allerbuldreichst  befohlen  werden  möge, 
gedachten  Geh.  Regirungs-Rath  von  Lepel, 
falls  er  es  aufschieben  sollte,  zur  Angabe  seiner 
Beschwerden  anzuweisen  und  hiegegen  meine 
Rechtfertigung  vernehmen  zu  laszen. 

Der    ich     ehrfurchtsvollst    ersterbe 

Eurer  Königlichen  Hoheit 

unterthänigster ,      treugehorsamster 

pflichtschuldigster 

der  Legationssecretar  Grimm. 

Caszel,  den  10.  August  1815. 

U. 
Alerdurchlauchtigster  Kurfürst 
AUergnädigster  Kurfürst  und  Herr 

Aus  einem  so  eben  erhaltenen  Schreiben  des 
Herrn  Geheimen-raths  von  Carlshausen  habe 
ich  zu   ersehen   gehabt,  dasz  es  Eurer  Königlichen 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1815  UL   J.  Grimm  an  den  Knrfarsten.  7 

Hoheit  allergnadigste  Absicht  ist,  mich  von  neuem 
in  der  Eigenschaft  eines  Legationssecretars   zu  der 
frankfurter    Bundesversammlung     abzuordnen.      So 
sehr  ich  di^es   Zeichen  Allerhöchster  Zufriedenheit 
mit  meinen  geringen  Diensten  in  schuldigstem  Dank 
ond  um  so  lebhafter  anerkennen  musz,  als  ich  nach 
meiner  Rückkehr  aus  Wien  einige  Merkmale  eines, 
wie  ich  glaube ,  nicht  verdienten,  Misfallens  erfuhr, 
80  sehe  ich  mich  gleichwohl  nothgedrungen ,  meine 
allerunterthänigste ,    verwichenes    Frühjahr    bereits 
aus  Wien  ergangene  und  später  in  Caszel  wieder- 
holte  Vorstellung    um    Entlaszung  aus  der  diplo- 
matischen Laufbahn  hiermit  zu  erneuern.  Nicht  nur 
meine  schwächliche  Gesimdheit  und  die  Überzeugung, 
dasz  ich  meine   etwaigen  Kenntnisse  in  eine  solche 
Richtung  bringen  musz,   worin  sie  nützlich  werden 
könn^i,  bewegt  mich  zu  diesem   Schritt,  sondern 
auch  die  Erwägung,  dasz  ich  durch  nunmehr  zehn- 
jährigen Dienst  in  öffentlichen  Ämtern  einen  andern 
Posten  verdient  zu  haben  glaube,  als  einen  solchen, 
der  mich  zu  einer  unordentlichen,  unbequemen  Lebens- 
art verbindet,  meine  Besoldung  völlig  verzehrt  und 
mir  im  Grunde  die  Arbeit  eines  bloszen  Cancellisten 
auflegt. 

Ich  hatte  daher  jene  Veranlaszung  ergriffen,  um 
mich  zu  der  Stelle  eines  Hofarchivars  allerehrer- 
bietigst  zu  melden,  bin  aber  darauf  mit  keiner  Aller- 
höchsten Resolution  versehen  worden.  Wenn  Eure 
Königliche  Hoheit  von  Allerhöchst  Dero  Regirung 
zn  Caszel  Bericht  zu  fordern  geruhen  wollen:  in 
welchem    Zustande    sich    gegenwärtig    die    für  die 


y  Google 


8  in.   J.  Grimm  an  den  Kurfürsten.        1815—16 

vaterrändiache  heszische  Geschichte  wichtigsten 
Sammlungen  und  Verbriefungen  befinden?  so  wird 
sich  daraus  ergeben,  dasz  ich  wenigstens  um  keinen 
Platz  gebeten  habe,  deszen  Besetzung  der  Staat 
länger  entbehren  könnte. 

.Darf  ich  diesem  allem  hinzufügen  und  in  ge- 
ziemender Ehrerbietimg  erwähnen,  dasz  ich  Aus- 
sichten, welche  sich  mir  auswärts  zu  einer  ange- 
nehmen und  einträglichen  Anstellung  eröffnet  haben, 
stets  vernachlässige,  weil  ich  vor  allen  Dingen  mich 
meinem  Vaterlande  zu  widmen  trachte? 

In     tiefster    Ehrfurcht     ersterbe     ich 

Eurer  Königlichen  Hoheit 

allerunterthänigster ,   treugehorsamster 

und  pflichtschuldigster 

Grimm. 

Paris  23  October  1815. 


12. 

Allerdurchlauchtigster  Kurfürst 
Allergnädigster  Kurfürst  und  Herr! 

Seitdem  Eure  Königliche  Hoheit  allergnädigst 
geruheten,  mich  aus  der  diplomatischen  Laufbahn  zu 
entbinden,  habe  ich  nun  verschiedene  Monate  lang 
den  als  Legationssecretarius  genoszenen  Gehalt  blos 
in  der  steten  Hoffnung  einer  bald  erfolgenden  ander- 
weiten, meinen  geringen  Talenten  entsprechenden 
Wiederanstellung  fortbezogen.  So  dankbar  ich  diese 
Wohlthat  anerkenne,  so  widerstreitet  es  dennoch 
meinen  Grundsätzen,  eine  Besoldung  zu  empfangen, 


y  Google 


1817         IV.    J.  Grimm  an  Ch.  Bauer,  geb.  Ramus.  9 

die  ich  mit  keinen  Arbeiten  yerdiene ,  die  mich  aber 
gleichwohl  in  einer  meinem  künftigen  Unterkommen 
hinderlichen  Gebundenheit  und  Ungewiszheit  läzst. 
Daher  ich,  unter  Beziehung  auf  die  in  meinen  früheren 
ehrfurchtsvollsten  Vorstellungen  dargelegten  Ghründe, 
hiermit  wage,  meine  allerunterthänigste  Bitte  um 
Ertheilung  der  ledigen  Hofarchivarienstelle  zu  er- 
neuern. 

Der  ich  in  tiefster  Ehrerbietung  erharre 
Eurer  Königlichen  Hoheit 
allerunterthänigster,  treugehorsamster, 
pflichtschuldigster 

Grimm 
Caszel  am  14.  April  1816. 

IT.   Zwei  Briefe  Jacob  Grimme  an  Frau  Olier- 
medicinalrfttliin  Bauer,  geborene  Ramue. 

18. 

Gas  sei,  den  5.  Dec.  1817. 
Werthgeschätzte  Freundin, 
Da  es  mir  die  Mäuse  tagtäglich  ärger  machen 
und  sogar  Bücher  freszen,  die  ich  erst  noch  recensiren 
soll,  so  bin  ich  Willens,  eine  Katze  in  Dienst  zu 
nehmen;  könnten  Sie  mir  nicht  eine  wohlerzogene 
nnd  hoffnungsvolle  verschaffen?  Dieselbe  hat  zeit- 
lebens Brot  und  Milch  bei  mir  und  wird  anständig 
behandelt    Ich  bin  und  bleibe 

Ihr  ergebenster  Freund 

Jacob  Grimm. 
An 
Fr&nlein  Charlotte  Bamos. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


10  IV.   J.  Grimm  an  Ch.  Bauer,  geb.  Ramus.         1835 

14. 

Liebe  Charlotte! 

Wir  sind  recht  erschrocken  über  den  harten  Fall, 
der  Sie  betroffen  hat.  Als  ich  Bauer  vorigen  Herbst 
sah,  freute  ich  mich  seiner,  wie  es  schien,  ganzlichen 
Wiederherstellung  von  der  Krankheit,  mit  der  er  in 
den  letzten  Jahren  zu  schaffen  gehabt  hatte.  Gott 
hat  es  anders  beschieden.  Wie  bald  ist  er  meiner 
guten  seeligen  Schwester  nach  gefolgt,  und  welche 
gewaltige  Lücken  hat  der  Tod  schon  in  den  kleinen 
Kreis  unserer  alten  Bekanntschaft  gerissen. 
Wir  haben  uns  alle  etnander  in  der  letzten  Zeit  seltner 
gesehn  als  in  der  früheren,  aber  ich  meinestheils 
bin  oft  der  Vergangenheit  eingedenk  gewesen  und 
der  Freundschaft,  mit  der  Sie  ims  zugethan  waren; 
auch  von  Bauer  weifs  ich,  dafs  er  immer  noch  Theil 
an  uns  genommen  und  [uns]  nicht  vergessen  hat. 

Einen  traurigen  Winter  haben  wir  eben  zurück- 
gelegt. Wilhelm,  der  schon  so  viel  aushalten  muste, 
litt  diesmal  lange  und  fast  ununterbrochen  an  einem 
gefährlichen  Gichtübel ,  das  sich  auf  das  Herz  ge- 
worfen hatte.  Seit  einigen  Monaten  bessert  es  sich, 
Gott  sei  Dank  entschieden,    aber  äulüserst  langsam. 

Sein  Sie  von  uns  allen  herzlich  gegrüfst.  Es 
bedarf  kaum  der  Versicherung,  wenn  sich  je  einmal 
Gelegenheit  darbieten  sollte ,  Ihnen ,  liebe  Freundin, 
oder  Ihren  Kindern  beizustehn,  dafs  ich  es  mit 
Freuden  thun  werde. 

Jacob  Grimm. 
An  Ihre  Schwester  Julie  meine  Empfehlung. 

Göttingen,  22.  April  1835. 


y  Google 


1838  V.   J.  Grimm  an  K.  Gödeke.  H 

Liebsie  Charlotte,  ich  möchte  Dir  auch  so  gern 
ein  Wort  der  Liebe  und  des  Trostes  sagen  aber  Dein 
Verlust  ist  zu  grosz  Gott  allein  musz  Dir  Kraft 
geben  ihn  zu  tragen.  Ach  es  hat  uns  alle  tief  er- 
schüttert in  solchem  Augenblick  regt  sich  recht  die 
alte  Freundschaft  im  Herzen  —  Wären  wir  doch 
jetzt  nur  nicht  so  weit  von  einander  ich  musz  inuner 
an  Euch  denken,  vergeszt  nicht  in  Eurem  Schmerz 
dasz  Ihr  gute  treue  Freunde  in  Göttingen  habt 

Dorothea. 
Fran  Obermedicinalräthin  Bauer, 
Wohlgeboren,  Caszel. 


T.  Jacob  Grimm  an  stud.  phil.  K.  Gödeke 
gegenwärtig  Profeseor  in  Göttingen. 

15. 

Werthester  Freund, 

ich  konnte  nicht  früher  zum  antworten  gelangen, 
erst  war  mir  eine  augenkrankheit  hinderlich,  und 
dann  trat  ein  geschäft  nach  dem  andern  in  den  weg. 
Durch  Ihren  brief  bin  ich  herzlich  erfreut  worden 
imd  diese  fortwährende  Zuneigung  eines  auch  meiner- 
seits unvergessenen  zuhörers  thut  mir  in  meiner 
jetzigen  zurückgezogenheit  doppelt  wohl.  Die  über- 
sandten beitrage  zur  mythologie  sind  mir  lieb  und 
willkommen  und  gleich  dankbar  sein  werde  ich 
Ihnen  für  alle  ähnliche  aufzeichnungen,  die  sie  aus 
dem  lebendigen  munde  des  yolks  entnehmen  wollen. 


y  Google 


12  V.   J.  Grimm  an  K.  Gödeke.  1838 

ich  gebrauche  sie  treu  und  gewissenhaft  und  weisz 
aus  erfahrung,  wie  sehr  dadurch  meine  arbeiten  ge- 
fördert werden.  Auch  die  grammatische  bemerkung 
über  'ohne  zu'  hat  für  mich  werth;  meine  eignen 
Sammlungen  sind  mir  nicht  zur  hand,  aus  denen 
ich  Ihnen  das  älteste  beispiel  für  diesen  Sprachge- 
brauch herschreiben  könnte. 

Sie  fragen  mich  nach  Platens  spräche,  es  hat 
mir  bei  lesung  seiner  gedichte  beständig  den  an- 
genehmsten eindruck  hinterlassen  zu  sehn,  wie  er 
auf  reinheit  und  frische  des  deutschen  ausdrucks 
sorgsam  hält,  seine  reime  sind  fast  ohne  tadel,  und 
stehn  vortheilhaft  ab  von  der  freiheit  und  nach- 
lässigkeit,  die  sich  Schiller,  zum  theil  auch  Göthe 
zu  schulden  kommen  lassen,  denn  selbst  diese 
autoritäten  dürfen  ein  feines  ohr  nicht  bestechen, 
es  bezeichnet  vielmehr  die  laxe  metrische  ausbildung 
ihrer  zeit,  dass  sie  oft  so  fehlerhaft  gereimt  und 
handiert  haben.  Rückerts  spräche  ist  blühender 
und  gezierter  als  Platens,  aber  nicht  so  rein,  auch 
nicht  so  ergreifend.  Dagegen  scheint  mir  Platen 
hin  und  wieder  an  das  kalte  und  marmorne  zu  streifen; 
er  liebt  einige  orthographische  abweichungen ,  die 
an  sich  nicht  unrecht  sind,  aber  lange  nicht  aus- 
reichen, wenn  unsre  Schreibung  aus  dem  grund 
sollte  gesäubert  werden.  Ich  entsinne  mich  einzelner 
granmiatischer  yerstösze  bei  ihm,  die  er  absichtlich 
begangen  haben  musz,  z.  B.  „rathschlug^^  für  „rath- 
schlagte".  ich  habe  seine  gedichte  nicht  zur  band, 
und  kann  nichts  nachweisen.  Das  Schicksal  hat 
diesen   edlen  dichter  nicht  vergönnt,    seine  poesie 


y  Google 


1839  VI.   J.  Grimm  an  Berlit.  13 

mit  einem  groszen  werk,  wonach  er  rang  und  strebte, 
zu  yersiegeln;   das  würde  licht  und  glänz  auf  seine 
frühere  laufbahn  zurückgeworfen  haben. 
Bleiben  Sie  gut  Ihrem 

ergebensten 
Jacob  Grimm. 
Caszel  12.  April  1838. 
Herrn  Sind,  philol.  K.  Gödecke 
Wohlgeboren  Celle. 


Tl.    Zwei  Briefe  Jacob  Grimms  an  Gymnasial- 
lelirer  Berlit  in  Herefeid. 

16. 

Cassel,  2a  oct.  1839. 

Ich  habe  viel  zu  thun,  besonders  auch  briefe  zu 
schreiben,  daher  komme  ich  so  spät  zur  beant- 
Wertung  des  schon  vorigen  monat  von  Ew.  Wolgeb. 
empfangnen.  Fürs  ags.  Sprachstudium  sind  jetzt 
ziemlich  viel  hülfsmittel  da,  doch  kosten  alle  eng- 
lischen bücher  viel  und  sind  selbst  dort  nicht  immer 
zu  haben,  z.  B.  Lyes  Wörterbuch,  das  wegen  seiner 
reichen  citate  weit  brauchbarer  ist,  als  das  im  vorigen 
Jahr  von  Bosworth  herausgegebne,  auch  sonst  den 
jetzigen  forderungen  nicht  entsprechende.  Dagegen 
ist  die  englische  Übersetzung  der  Raskischen 
grammatik  von  Thorpe  Copenh.  1830  leicht  zu- 
ganglich und  wahrscheinlich  auch  in  Ihren  bänden. 
Von  Eembles  Beovulf  erschien  1835  die  zweite 
aosg.  in  zwei  bänden,  text,  genaue  Übersetzung  und 
Wörterbuch;    darin  ist  zwar  nicht  aUes  doch  vieles 


y  Google 


14  VI.  J.  Grimm  an  Berlit.  1839 

für  das  yerständnis  des  wichtigsten  denkmals  der 
ags.  poesie  geleistet.  Leo  zu  Halle  hat  eben  eine 
erläuterungsschrifk  herausgegeben,  worin  einiges  gute 
und  treffende  vorkommt.  In  diesem  augenblick  lasse 
ich  zwei  bedeutende  ags.  gedichte  drucken,  die  zu- 
sammen fast  so  Yiel  text  wie  Beovulf  liefern  und 
schwer  genug  sind,  ich  gebe  zwar  keine  Version, 
aber  erläuterungen.  Prüfen  Sie  einmal  an  bei- 
liegendem correcturbogen ,  wie  weit  Sie  im  Ver- 
ständnis dieser  spräche  und  dichtkunst  voi^erückfc 
sind.  Bei  Caedmon  hat  auch  Thorpe  noch  man- 
ches zu  thun  übrig  gelassen. 

Diese  kleine  arbeit  beschäftigte  mich  nur  neben- 
bei, als  ich  gerade  darüber  her  war,  in  der  neuen 
ausg.  des  ersten  th.  meiner  grammatik  auch  die  ags. 
umzuarbeiten.  Das  buch  (nemlich  die  grammatik) 
wird    aber  vor  einem  halben  jähre  nicht  erscheinen. 

Auch  Alfreds  Boethius  verdient  in  der  neuen 
Gar  dal  eschen  (nicht  besonders  gelungnen)  ausg. 
gelesen  und  studiert  zu  werden.  Die  sündlich  weg- 
gelassenen metra  hat  hinterher  Samuel  Fox  (Lond. 
1835)  geliefert. 

Hätten  Ew.  Wolgeb.  lust  und  mdse  einige 
deutsche  Schriftsteller  für  das  von  mir  und  meinem 
bruder  untemommne  deutsche  wörterb.  zu  excer- 
pieren?  ich  werde  dann  näheres  mittheilen.  Hoch- 
achtend und  ergebenst 

Jacob  Grimm. 


y  Google 


VL   J.  Grimm  an  Berlit.  15 


17. 

Geehrter  herr, 

ich  entsinne  mich  nicht  mehr  dessen,  was  Sie  mir 
Tor  langer  zeit  (es  musz  etwa  12  jähre  her  sein) 
über  Ihre  Sprachstudien  gemeldet,  noch  was  ich  Ihnen 
geantwortet  habe.  Sobald  Sie  irgendwo  tiefer  ein- 
schlagen wollen  und  können,  wird  auch  ein  erfolg 
nicht  ausbleiben,  denn  es  ist  noch  allenthalben  viel 
zu  forschen;  die  näheren  wege  musz  sich  jeder  selbst 
brechen. 

Sie  erbieten  sich  noch  zu  auszügen  f&rs  Wörter- 
buch und  es  ist  nicht  zu  spät  dazu;  doch  kann  die 
yerlagshandlung ,  nachdem  sie  früher  einen  be- 
deutenden fonds  dazu  verwandt  hat,  jetzt  kein 
honorar  mehr  dafOr  gewähren.  Von  jagdbüchem 
sind  auszer  dem  alten  weidwerkbuch  (Fft.  1582  fol.) 
schon  Döbels  practica  und  Tänzers  jagdgeheim- 
msse  zu  rathe  gezogen,  nicht  Heppes  Jäger;  es 
könnte  nicht  schaden,  wenn  daraus  das  merkwürdigste 
gezogen  würde,  die  art  und  weise  ist  aus  den  er- 
schienenen heften  des  wb.  zu  entnehmen. 

Hit  dem  wünsche  dasz  Ihre  persönlichen  yerhält- 
mse  sich  wieder  besser  gestalten  mögen 

hochachtend  und  ergebenst 

Jac.  Grimm. 
Berlin,  3.  Aug.  1852. 


y  Google 


46  VII.   J.  Grimm  an  Frl.  Gies.  1858 

TII.    Drei  Briefe  Jacob  Grimms  an  Fräulein 
Luise  Gie^,  damals  in  Hanau,  Jetzt  in  Cassel. 

18. 

Liebe  Fräulein  Luise, 

Sie  haben  mir  so  zutraulich  geschrieben,  dass  ich 
gleich  zu  der  vorstehenden  Anrede  berechtigt  bin; 
ich  will  auf  Ihre  Frage  Alles  antworten,  dessen  ich  mich 
entsinnen  kann.  Allerdings  bin  ich  in  dem  jetzt  von 
Ihnen  bewohnten  Hause,  in  der  Langen  Gkwse  neben 
dem  Hinterhaus  des  Rathhauses,  zum  ersten  Be- 
wusztsein  gekommen.  Mein  Vater  war  Stadtschreiber 
beim  Amt  Bücherthal  und  wurde  im  Sommer  1791 
als  Amtmann  nach  Steinau  versetzt,  wo  er  frühe, 
schon  Januar  1796  starb  und  sechs  Waisen  hinter- 
liesz.  Meine  frischesten  Enabenerinnerungen  stehen 
natürlich  zu  Steinau,  doch  ist  mir  noch  Manches 
aus  der  Hanauer  Zeit  im  Gedächtnisz.  Die  Kinder- 
stube war  hinten  imd  ging  in  den  von  einer  nahen 
Mauer  beschränkten  Hof,  über  die  Mauer  ragten 
Obstbäume  aus  dem  benachbarten  Garten,  wahr- 
scheinlich dem  Rathhausgarten.  Im  Rathhaushof 
spielten  wir  oft,  gegenüber  auf  der  anderen  Seite 
der  Strasze  wohnte  damals  ein  Handschuhmacher, 
dessen  Namen  ich  lang  behalten,  doch  jetzt  ver- 
gessen habe.  Ich  wurde  oft  über  den  Paradeplatz 
in  die  Altstadt  zum  Groszvater  getragen  und  geführt, 
muszte  im  letzten  Jahr,  etwa  1790,  in  eine  Schule 
laufen,  die  auf  der  entgegengesetzten  Seite  hinter 
dem  Neustadter  Markt  am  Platz  der  französischen 
Kirche  lag.     Wollen  Sie  wissen,   wie   ich  damals 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1858  YU.   J.  Grimm  an  Frl.  Gies.  17 

aussah,  so  kann  ich  ein  Bildchen  in  den  Brief  legen, 
das  nach  einem  Angust  1787  von  dem  Mahler  Urlaub 
gemahlten  Oelbild  radiert  worden  ist;  ich  stehe 
darauf  in  violetter  Jacke  und  Hose  mit  grüner 
Schärpe,  doch  gewöhnlich  werde  ich  damals  noch 
im  bloszen  Kittel  herumgelaufen  sein.  Zur  Zeit  des 
Bildes  war  ich  also  27»  Jahr  alt,  jetzt  wäre  ich  da- 
nach nicht  wieder  zu  erkennen. 

Aus  der  Zeit,  wo  wir  in  der  Langen  Gasse 
wohnten,  ist  mir  zufällig  etwas  in  Erinnerung  ge- 
blieben und  ich  habe  später  im  Leben  daran  denken 
müssen.  An  einem  frühen  Sommermorgen  stand  ich 
neben  dem  Vater  in  der  Wohnstube  am  Fenster, 
alle  Anderen  schliefen  noch,  da  sah  ich  eine  Magd 
mit  einem  Zuber  auf  dem  Kopf  Über  die  Gasse 
gehen  und  die  Sonne  spiegelte  sich  hell  in  dem 
Wasset  ab.  Ln  Geist  sehe  ich  noch  immer  das 
Sonnenbild  in  dem  Wasser  zittern.  Das  wird  im 
Jahr  1789  gewesen  sein. 

Aber  geboren  wurden  wir  in  diesem  Hause  nicht, 
sondern  in  einem  am  Paradeplatz,  wenn  man  vom 
weiszen  Löwen  an  hinaufgeht,  etwa  im  zweiten  oder 
dritten  Haus  der  Reihe  oben,  falls  dasselbe  Haus 
noch  stehen  geblieben  ist,  denn  es  sind  seitdem 
schon  75  Jahre  verstrichen.  Ich  hörte  einmal,  in 
diesem  Haus  sei  später  die  Polizei  gewesen,  daran 
können  Sie  sich  vielleicht  zurechtfinden.  Die  Eltern 
zogen  aus  diesem  Haus  in  das  andere  jetzt  von 
Ihnen  bewohnte  wahrscheinlich  1787  oder  1788. 
Gesetzt  Sie  ermitteln  es,  so  bitte  ich  mir  die  Haus- 

E.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orimm.  2 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


18  Vn.   J.  Grimm  an  Frl.  Giee.  1859 

nummer   aufzuschreiben,   wie   auch   die   von  Ihrem 
Haus  in  der  Langen  Gasse. 

Nehmen  Sie    vorlieb    mit    diesen    wenigen    und 
mageren  Nachrichten,  ich  bin  mit  herzlichem  Grus8 

Ihr  ergebenster 

Jacob    Grimm. 

Berlin,  30.  Dec.  1858. 


19. 

Wertheste  Freundin, 

Welche  Ueberraschimg  haben  Sie  mir  und  uns 
Allen  mit  dem  Bilde. bereitet!  Es  ist  mir  sehr  lieb 
es  zu  besitzen,  ich  wollte  nur,  der  Photograph  hätte 
sich  mit  seinem  Kasten  ins  Jahr  1783  zurückversetzen 
und  mir  den  Augenblick  festhalten  können,  wo  mein 
Vater  zu  dieser  Thür  seine  Braut  hineinführte. 
Thür  und  Schwelle  mögen  damals  schon  so  gewesen 
sein,  der  dritte  Stock  ist  sichtbar  später  aufgesetzt. 
So  streben  die  Menschen,  den  Dingen  immer  ein 
anderes  Ansehen  zu  geben. 

Gerührt  hat  mich  die  grosze  Mühe,  die  Sie  meinet- 
halben gehabt  und  mit  wie  reinlicher  Feder  Sie  die 
Nachrichten  aus  dem  Kirchenbuch  abgeschrieben 
haben.  Das  Meiste  davon  war  mir  schon  durch 
eine  vom  Groszvater  begonnene ,  vom  Vater  fort- 
geführte Aufzeichnung  in  eine  Bibel  bekannt,  doch 
nicht  Alles  und  ich  danke  sehr  für  diese  Bereicherung 
meiner  Familiengeschichte. 

Auch  Ihrem  Herrn  Vater  sagen  Sie  meinen  Dank 
für  die  mir  zu  Gefallen  gethanen  Gänge.     Sollte  er 


y  Google 


1859  VIL    J.  Grimm  an  Frl.  Gies.  19 

Gelegenheit  haben,  meine  Base,  die  Philippine  Hone, 
wieder  zu  sehen,  so  bitte  ich  ihn,  sie  herzlich  von 
mir  zu  gröszen  (Lieber  lege  ich  ein  Blatt  für  sie 
ein). 

Der  Buchbinder  hat  mich  aufgehalten,  sonst  wäre 
meine  Antwort  längst  in  Ihren  Händen.  Ich  wollte 
Dmen  gern  ein  Exemplar  der  Märchen  senden. 
Darin  müssen  Sie  nur  zuweilen  irgend  ein  Stück 
lesen,  denn  solche  Dinge  vertragen  sich  nicht  hinter- 
einander gehäuft.  Vomen  habe  ich  eine  wahre  Ge- 
schichte eingeklebt,  die  sich  letzten  Sommer  hier 
zutrug. 

Die  Bilder  mögen  Ihnen  wenigstens  Einiges  aus 
Berlin  vor  Augen  führen.  Ich  kann  Ihnen  darauf 
kein  Haus  bezeichnen,  wo  ich  wohne  oder  gewohnt 
Habe,  höchstens  angeben,  dasz  ich  durch  das  Branden- 
bui^er  Thor  fast  täglich  schreite,  obwohl  weit  da- 
von wohne.  Man  musz  hier  viel  Zeit  mit  entlegenen 
Wegen  verthun,  viel  schöner,  wenn  man,  wie  bei 
Omen,  in  zehn  oder  fünfzehn  Minuten  von  einem 
£nde  der  Stadt  zum  andern  gelangen  kann. 

Beigelegt  sind,  da  Sie  den  Kindskopf  schon  er- 
sten haben,  zwei  später,  1815  und  1845,  gemachte 
Zeichnungen  zur  Vergleichung. 

Von  Herzen  Ihr  ergebenster 

Jac.  Grimm. 
18.  Apr.  1859. 


2» 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


20  VII.   J.  Grimm  an  Frl.  Gies.  1860 

20. 

Wie  lange  Rchon,  werthe  Freundin,  ist  mein 
Dank  ausgeblieben  für  die  Aufmerksamkeit,  mit 
welcher  Sie  mir  eine  dort  erschienene  kleine  Schrift 
zu  übersenden  bedacht  waren.  Solche  öffentlich 
gemachte  Nachrichten  über  ein  Privatleben  sind  be- 
schämend, denn  die  gute  Meinung  des  Verfassers 
weisz  immer  nicht  genug  von  der  Sache,  um  die 
aufgetragenen  Lichtfarben  durch  gehörigen  Schatten 
mäszigen  zu  können. 

Zu  den  früher  übersandten  Bildern  sende  ich 
Ihnen  hier  noch  eine  Photographie,  die  neulich  von 
mir  genommen  wurde  und  die  vor  Ihrem  betrachten- 
den Auge  nicht  einmal  den  Hut  abzieht,  sondern 
still  stehen  bleibt.  Ich  wünsche  in  Ihrem  Andenken 
stehen  zu  bleiben. 

Jacob  Grimm. 

Berlin,  31.  Juli  1860. 


y  Google 


183?  VIIL  J.  Grimm  an  Fr.  Oetker.  21 

TnL    Brief  Jacob  Grimms  an  RacMsaiiwaK 
Fr.  Oetker. 

2L 

Berlin,  29.  October  1860. 

Sehr  geehrter  Herr, 

Spuken  ist  kein  hochdeutsches  wort  und  mir  bei 
uns  nicht  Tor  ende  des  17  jh.  erschienen.  Seitdem 
aber  bedeutet  [es]  ganz  einfach  das  was  umgehn,  um- 
ißanddn  und  wird  Ton  gespenstern  gebraucht,  f&r 
spuk  wird  niederl.  spook  oder  spodked^  schwed. 
spoge ,  dän.  ^pogdse  gesagt ,  wie  bereits  in  meiner 
mythologie  s.  866  zu  lesen  ist.  man  sagt  es  spukt 
greulich^  das  ist  ein  greulicher  spuk!  wol  von  lärm 
zu  nachtzeit  und  in  der  dämmerung,  wenn  geister 
omgehen.  ander[e]  redensarten  weisz  ich  nicht,  finde 
auch  beim  nachschlagen  keine  in  niederländ.  wdrter- 
bfichem.  ich  mag  nach  meinem  tod  nicht  spuken 
gekn,  nicht  umgehen. 

Sie  werden  genug  gequält  und  sollten  des  wdrter- 
spuks  überhoben  bleiben 

in  Toller  eile  ergebenst 


J.  Gr. 


Couvertadresse : 
Herrn  Rediteanwalt  Friedr.  Oetker 


Cassel. 


y  Google 


22  X.   J.  Grimm   an  D.  u.  H.  Dahlmaim.  1861 

IX.    Brief  Jacob  Grimms  an  Dorothee 
Dahlmann,  Tochter  Fr.  Chr.  Dahlmanns. 

22. 

[Göttinjjen  183?] 
Liebe  Dorothee, 

beides  ist  gleich  richtig,  zu  schreiben  getraide 
oder  getreide.  ich  ziehe  ersteres  vor,  aus  bloszem 
mitleiden,  weil  wir  so  wenig  ai  in  unserer  spräche 
haben  und  soviel  ei.  Diese  diphthongen  entspringen 
in  getraide  aus  der  zusammenziehung  der  vollen  ur- 
sprünglichen wortform  gitragidiy  von  tragen,  denn 
getreide  bedeutet  was  von  der  erde  getragen 
wird.  Wenn  ich  an  Hermann  schriebe,  würde  ich 
etwa  hinzufügen,  wie  ceres  =  geres  a  gerendo.  Das 
brauchst  du  aber  nicht  zu  verstehen.  Ich  bin  dein 
treuer  freund 

Jacob  Grimm 


X.    Brief  Jacob  Grimms  an  Hermann  Dahl- 
mann, gegenwärtig  Landgerichtsdirector  in  Marburg. 

28. 

Lieber  Hermann,  es  macht  mir  die  gröszte  fireude, 
dasz  ich  zu  deinem  neugebomen  söhn,  dem  künftigen 
Christoph,  mit  zu  gevatter  stehen  soll,  ich  ant- 
worte sogleich,  damit  mein  Brief  noch  vor  dienstag 
oder  doch  dienstag  morgen  eintreffen  und  dir  meine 
förmliche  einwiUigung,  an  der  du  ohnehin  nicht 
zweifeln  wirst,   ausdrücken  kann,     möge   gott   das 


y  Google 


1861  X.   J.  Grimm  an  Hennann  Dahlmann.  23 

kind  segnen,  und  es  seinem  schönen  namen  und 
Vornamen  einmal  ehre  machen,  wenn  es  erwachsen 
ist  and  du  ihm  erzählst  von  seinen  pathen,  so  wird 
es  auch  erfahren,  mit  welcher  treuen  liebe  ich  seinem 
groszvater  zugethan  gewesen  bin.  schon  dein  älterer 
sehn  soll  diesem  sehr  ähnlich  sein,  die  dahlmannischen 
spuren  laszen  sich  nicht  verwischen,  sage  auch 
deiner  lieben  frau ,  meiner  gevatterin ,  herzlichsten 
dank  und  es  ist  erwünscht,  dasz  sie  sich  so  bald 
wieder  erholt  hat. 

Jammerschade  dasz  die  aufzeichnungen  deines 
Vaters  über  sein  leben  unvollendet  geblieben  sind, 
aber  es  versteht  sich  dasz  alles  erhaltene  bekannt 
gemacht  werden  musz  und  der  weit  nicht  darf  entzogen 
werden,  den  rechten  augenblick  der  herausgäbe 
wirst  du  schon  noch  zu  treflFen  wiszen.  es  darf 
nicht  zu  lange  währen,  damit  ich  auch  noch  die 
freude  und  genugthuung  des  erscheinens  erlebe,  wie 
rührt  es  mich,  dasz  eine  so  kostbare  hinterlassen- 
schaft  mir  zugeeignet  werden  soUte. 

Ist  denn  Luischen  Reysiher  noch  in  Bonn? 
80  kommt  sie  auch  zur  taufe,  sage  ihr  sie  möge 
mir  gut  bleiben. 

Dortchen  und  wir  alle  grüszen  dich  getreulichst 

am  Sonnabend  4.  mai  [1861] 

Jacob  Grimm. 

Schreib  uns  auch  öfter,  oder  wenn  sie  will  deine 
frau,  damit  wir  vom  gedeihen  des  kindes  hören. 


y  Google 


24  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1814 


XL    Achtunddreissig    Briefe  von  Wilhelm    und 
Jacob  Grimm  an  Pfarrer  Bang  in  Goszfelden. 

24. 

Wilhelm  Grimm  an  Bang. 

Ich  danke  Ihnen  bestens  für  Ihre  Bemühungen 
zu  Gunstendes  armen  Heinrichs;  es  kommt  noch 
alles  zu  rechter  Zeit,  weil  ich  von  manchen  Orten 
noch  den  Erfolg,  wenigstens  Antwort  abzuwarten 
habe.  Auszerdem  ist  durch  die  Zeitumstande  die 
Copie  der  röm.  HS.  au%ehalten  worden,  und  von 
einer  andern,  die  wie  ich  eben  aus  Schlegels  Museum 
sehe,  sich  in  Ungarn  befindet,  will  ich  wo  mdglicfa 
auch  Nutzen  ziehen.  Also  werden  leicht  ein  paar 
Monate  hingehen,  ehe  der  Druck  anfangen  kann. 
Das  Geld  bitte  ich  an  Herrn  Prof.  Conradi  zu 
schicken,  der  mir  ohnehin  seine  Sammlung  über- 
senden wiU. 

Ich  danke  Ihnen  für  Ihre  Theilnahme.  Meine 
neue  Stelle  hat  mir  in  dieser  Zeit  einige  Arbeit 
gemacht,  da  die  Fächer  gerade  in  der  Kalte  nach- 
zusehen waren,  welche  die  Franzosen  bestohlen,  um 
das  Geraubte  in  Paris,  so  Gott  hilft,  wieder  zu 
holen.  Dies  Amt  ist  mir  an  sich  angenehm  und 
ohne  Nutzen  wird  es  auch  nicht  für  mich  seyn. 
Sobald  es  warm  geworden,  will  ich  einmal  sehen, 
was  wir  an  den  alten  Eloster  MSS.  besitzen.  Viel- 
leicht, wenn  Sie  gerade  in  Marburg  sind,  kann  Xhnen 
einer  meiner  beiden  Brüder,   der  diesen  Brief  mit- 


y  Google 


1814-15        XI.  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  25 

nimmt,  solchen  selber  geben.  Ein  dritter  ist  bei 
den  Baiem,  der  älteste,  wie  Sie  vielleicht  wissen  ist 
Legationssecretär  im  Hauptquartier;  so  bleibe  ich 
allein  hier  mit  Wünschen  fOr  ihr  Heil  und  das 
Glück  der  guten  Sache.  Nach  einem  Brief  vom 
20.  aus  Troyes  war  das  Hauptquartier  wieder  dahin 
zurfickgegangen  und  allerlei  Ungünstiges  vorgefallen. 
Indessen  rückt  von  allen  Seiten  Verstärkung  heran, 
mid  wir  dürfen  doch  in  guter  Zuversicht  leben. 

Schenken  Sie  mir  ein  Freundschaftliches  An- 
denken, idi  bin  mit  der  aufrichtigsten  Hochachtang 

Ihr  gehors.  Dr. 
W.  C.  Grimm. 

Gas  sei,  am  28.  Febr.  1814. 

Folgende  sind  die  Interessenten: 

1)  Herr  Krücke,  2)  Herr  Licherhof,  3)  Herr 
Leipold,  4)  Herr  Schulz,  5)  Herr  Hupfeld,  6)  Herr 
Theobald,  7)  Herr  Weife,  8)  Herr  Bang.  Diese 
haben  jeder  1  Thlr.  bezahlt.  9)  Herr  Prof.  Tenne- 
mann, 10)  Herr  Pfarrer  Hopf,  11)  Herr  Vdecan 
Creozer.    Diese  haben  noch  nicht  bezahlt. 

An  Herrn  Pfarrer  Bange.  Hochwürden 
d.  G.  Goszfelden. 

25. 

Wilhelm  Grimm  an  Bang. 

Gas  sei,  28.  Aognst  1815. 
Hochwürdiger,  Hochgeehrtester  Herr! 
Es  liegt   ein  sehr  werther  Brief  von  Ihnen  vor 
nur,  welcher  beinahe  anderthalb  Jahre  alt  ist,  den 


y  Google 


26  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1815 

ich  damals  sogleich  beantworten  wollte  und  dennoch 
komme  ich  ietzt  erst  dazu.  Aber  es  hat  an  den 
Umständen,  nicht  an  mir,  gelegen,  wenn  der  gute 
Vorsatz  nicht  ist  ausgeführt  worden.  Die  Haupt- 
sache betraflF  Conradi's  Berufung  nach  Heidelberg, 
ich  hatte  Gelegenheit  genommen,  weil  sie  sich  leicht 
darbot,  die  Sache,  so  wie  sie  war,  unserer  Kur- 
prinzessin, die  eine  in  vieler  Hinsicht  ausgezeichnete, 
alles  Gute  fördernde  Frau  ist,  erzählen  zu  lassen; 
das  nähere  darüber  wollte  ich  Ihnen  eben  melden, 
als  mir  Conradi  selbst  vertraulich  deshalb  schrieb, 
so  dasz  ich  ihm  nun  unmittelbar  die  Antwort  schickte, 
die  er  Ihnen  wohl  mitgetheilt  hat.  Damach  wollte 
ich  warten ,  bis  ich  Ihnen  den  armen  Heinrich  zu- 
schicken könnte,  aber  das  dauerte  von  einem  Monat 
zum  andern  ein  Jahr,  denn  solang  ist  es  etwa  dasz 
die  Handschrift  zum  Druck  bereit  war  und  über  ein 
halbes  Jahr  hat  es  gedauert,  bis  die  14  Bogen  in 
Frankfurt  fertig  wurden.  Endlich  ist  es  zu  Ende 
gekommen,  und  ich  bin  so  frei  Ihnen  die  Exemplare, 
Ihrer  Theilnehmer  in  kurzem,  wahrscheinlich  durct 
Krieger,  zuzusenden,  freilich  wird  es  Ihnen  schwer 
fallen,  einige,  welche  Studenten  zugehören,  an  den 
Mann  zu  bringen,  aber  ich  weisz  mir  nicht  anders 
zu  helfen  und  denke  mir  am  natürlichsten,  dasz 
sie  sich  bei  Ihnen  melden  oder  einmal  angefragt 
haben.  — 

Wie  vieles  ist  seit  Ihrem  Brief  vorübergegangen 
und  wie  wenig  sind  die  frischen  und  jugendlichen 
Ho£Ehungen  erfüllt,  zu  denen  wir  uns  berechtigt 
glaubten.    Die  Fürsten  liaben  wenig  Einsicht  in  das 


y  Google  I 


1S15  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  27 

Leben  der  Völker  gezeigt  und  wenig  Bereitwilligkeit 
sich  mit  ihnen  zu  verständigen,  dennoch  aber  bin 
ich  fest  überzeugt,  nicht  blos  davon,  dasz  guter 
Saamen  gesät,  sondern  auch  das  er  aufgegangen  und 
nicht  mehr  zu  unterdrücken  ist.  Kann  er  nur  lang- 
sam wachsen,  so  wächst  er  desto  sicherer,  wie  sich 
in  Pflanzen  die  edlere  Natur  zeigt,  die  längere  Zeit 
nöthig  hat,  aber  desto  dauerhafter  ist. 

Ich  bin  Willens  nach  Frankfurt  zu  reisen  und 
freue  mich  sehr  darauf,  dort  Savigny  zu  finden, 
der,  wie  Sie  wohl  wissen,  seit  der  Mitte  dieses 
Monats  da  ist,  dann  habe  ich  im  Sinn,  Conradi  in 
Heidelberg  zu  besuchen,  vielleicht  auch  bis  an  den 
Rhein  zu  gehen.  Künftigen  Freitag  werde  ich  in 
Marburg  mit  dem  Postwagen  eintreflFen,  da  wäre  es 
fiir  mich  ein  glücklicher  Zufall,  wenn  Sie  gerade 
dort  wären ,  und  mir  eine  rechte  Freude ,  wenn  ich 
Sie  in  der  Stunde,  die  ich  mich  dort  aufhalten  musz, 
sehen  imd  sprechen  könnte.  Was  Sie  mir  etwa  an 
beide  unsere  Freunde  aufzutragen  hätten,  will  ich 
gern  übernehmen.  Nach  zehn  Jahren  ist  mir  Mar- 
burg so  fremd  geworden ,  dass  ich  keine  Bekannten 
mehr  dort  habe,  sonst  hätte  ich  meine  Zeit  so  ein- 
getheilt,  dass  ich  ein  paar  Tage  dort  hätte  zubringen 
können  und  den  Weg  zu  Ihnen,  den  ich  zwar  nur 
einmal  gemacht,  doch  wiederfinden  wollen. 

Leben  Sie  wohl  und  schenken  Sie  mir  ein  freund- 
schaftliches Andenken,  mit  der  aufrichtigsten  Hoch- 
achtung 

der  Ihrige 
W.  C.  Grimm. 


y  Google 


28  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1816 

26. 

Jakob   Grimm   an   Bang. 

Caasel,  12.  Juni  1816. 
Verehrter  Herr  Pfarrer 

Hierbei  bin  ich  so  frei  unsre  Deutsche  Sagen 
zu  übersenden.  Nehmen  Sie  sie  mit  derselben  Freund- 
lichkeit auf,  welche  Sie  unsem  übr^en  Versuchen 
bisher  gegönnt  haben.  Vielleicht  bietet  Ihnen  Ober- 
hessen (zumal  das  Darmstadtische  und  das  Vogels- 
gebirgische)  ein  oder  den  andern  Beitrag  zur  Fort- 
setzung des  Werks  an,  welches  mir  gar  lieb  wäre 
und  warum  ich  bereits  früher  gebeten  hatte. 

Näher  liegt  mir  in  diesem  Augenblick  folgende 
Bitte.  Ein  Sprachforscher  läszt  eben  eine  grosze 
Sammlung  über  deutsche  Mundarten  drucken  und  zu 
dem  Ende  zwei  Bibelstellen  in  möglich  viele  Volks- 
idiome übersetzen.  Es  sind  die  Gleichnisze  vom 
Sämann  Marc.  IV.  3 — 8  und  verlorenen  Sohn  Luc. 
XV.  11—32.  —  könnten  Sie  mir  fttr  dies  ungemein 
nützliche  Unternehmen  die  gedachten  Stücke,  so  wie 
sie  der  oberhess.  Bauer  aussprechen  und  erzählen 
würde,  aufschreiben  oder  aufschreiben  lassen;  so 
geschähe  mir  dadurch  ein  wahrer  GeMlen.  Es 
müszte  aber,  weil  der  Druck  des  Werks  schon  an- 
gefangen hat,  bald  geschehen 

Mit  wahrer  Hochachtung  und  Ergebenheit 
der  Ihrige 

Grimm. 


y  Google 


1817  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  29 

27. 

Wilhelm  Orimm  an  Bang. 

Casael,  am  7.  Jan.  1817. 

Are  beiden  Briefe,  werthgeschätzter  Herr  Pfarrer, 
sind  richtig  angelangt  und  ich  sage  Ihnen  daffir,  so 
wie  f6r  die  Beilagen  herzlichen  Dank;  der  sonstige 
Inhalt  ist  wohl  beachtet  um  bei  vorkonmiender  Ge- 
legenheit davon  Gebrauch   zu   machen.    Das  Stück 
ans  dem  N.  T.  in  der  dortigen  Mundart  war  zu  einem 
deutschen  Sprachatlas  bestimmt,  den  Radio f,    der 
jetzt  in  Frankfurt  sich  aufhalt,  herausgibt  und  wo- 
von schon  Bogen  gedruckt  sind.    Es  ist  ein   nütz- 
liches, langst    gewünschtes   Unternehmen,    das    zu 
mancherlei  wichtigen  Ergebniszen  führt,  wenn  man 
80  in  nah    aneinander   liegenden   Stufenreihen    die 
Sigenthümlichkeiten    und    Bildungen    der   Sprache 
verfolgen   kann  z.  B.    den    Übergang    der    Vocale. 
Was  wir  bis  ietzt  von  deutschen  Mundarten  wissen 
betrifft    einzelne    Puncte,    vom  Ganzen  kennen  wir 
höchstens  nur  die  groben  Umrisze  und  das  zumeist 
hervorspringende,  ja  wie  viele  meinen  gewisz  noch, 
es  sey  mit  dem  Unterschied  zwischen  dem   platt- 
dentschen  und  hochdeutschen  abgethan.   Jenes  Werk 
ist  fireilich  nur   ein  Anfang,  aber  es  geht  doch  auf 
rechtem   Weg    und   wird  mindestens   darthim,   wie 
wichtig  und  nothwendig  ein  solches  Studium  für  so 
viele  Rücksichten   ist.    Radi of  ist  auf  der   einen 
Seite  gelehrt,  scharfsinnig  und  fieiszig  auf  der  andern 
Uebt  ihm  eine   gewisze  hölzerne   steifstellige  Vor- 
stellung an,  wie  man  die  gegenwärtige  Sprache  ver- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


30  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1817 

beszem  und  reinigen  müsze,  die  jedem  lebendigen 
Menschen  zuwider  ist  und  leicht  zu  einem  ungerechten 
XJrtheil  über  ihn  verleitet.  Ohne  Vergleich  ist  er 
tüchtiger  als  Krause,  (dessen  Urwortthum  ich  noch 
nicht  gesehen)  oder  gar  als  Wolke,  den  man 
lächerlich  nennen  kann,  obgleich  der  bis  ins  hohe 
Alter  bei  ihm  ausdauernde  Eifer  für  die  Sache  etwas 
rührendes  und  achtbares  hat. 

Die  Sagen  sind,  wie  wir  sie  wünschen  und  Sie 
erzeigen  uns  einen  grossen  Gefallen,  wenn  Sie  sich 
noch  weiter  darum  bemühen  wollen.  Ich  schicke 
Ihnen  in  dem  Paket  eine  gute  Anzahl  unserer  ge- 
druckten Einladungen ;  machen  Sie  davon  beliebigen 
Gebrauch.  Dasz  viel  versprochen  imd  nicht  viel  ge- 
halten wird,  ist  bei  dieser  Sammlung  eine  alte  Er- 
fahrung, es  liegt  nicht  sowohl  im  Mangel  an  gutem 
Willen,  als  in  der  Schwierigkeit,  die  Sache  leicht 
und  einfach  anzugreifen,  nach  dem  Anfang  gehts 
gewöhnlich  gut  und  der  Quelle  musz  nur  erst  Luft 
gemacht  werden.  Die  vier  Stücke,  die  Sie  uns  ver- 
schafft, sind  eben  darum  nicht  etwa  ein  geringer 
Beitrag.  Auch  von  andern  Orten  kommen  allmählig 
Unterstützungen  an  und  es  könnte  ein  zweiter  Band 
wohl  schon  gedruckt  werden.  Da  dieser  auch  die 
deutschen  Sagen,  die  sich  bei  den  Geschieh tschreibem 
von  Tacitus  an  [finden,]  zusammenstellen  wird,  so 
musz  manche  Erscheinimg  mehr  auffallen  und  die  Ge- 
lehrten werden  einen  Blick  darauf  zu  werfen,  nicht 
mehr  so  ganz  unter  ihrer  Würde  halten;  bis  ietzt 
hat  für  sie  die  Sammlung  noch  zusehr  das  Ansehen 
eines   blosen  Lesebuchs.     Von  den  Märchen  besitze 


y  Google 


1817  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  31 

ich  kein  Exemplar  mehr,  aber  sie  werden  wahr- 
scheinlich neu  aufgelegt,  dann  sollen  sie  gewisz  bei 
Ihnen  erscheinen  und  zwar  in  einer  viel  beszem 
Gestalt,  da  wir  auch  dafür  gar  schöne  Beiträge  er- 
halten haben. 

Von  S  a  V  i  g  n  y  haben  wir  kürzlich  Briefe  gehabt, 
er  ist  wohl   und  in  groszer  Freude   über   die  Ent- 
deckung des  Niebuhr;   Sie  werden  schon  davon  ge- 
hört haben ,    es  ist  ein  Codex  rescriptas  zu  Verona, 
der   wahrscheinlich   die    Institutionen    des   Oajus 
enthält     Arnim   war  dieses   Frühjahr    gefährlich 
krank,  da   bin  ich  zu  ihm  auf  sein  Gut,   das  etwa 
18  Stunden   von   Berlin   bei  Dahme   liegt,   gereist. 
Ich  fand  ihn  wieder  hergestellt   und  habe  dort  bei 
ihm  seiner  Frau  imd  seinen  lieben  Kindern  ein  paar 
vergnügte   Wochen    zugebracht.     Das    ganze    Land 
dort  hat  durch  seine  Ebenen ,    wo   sie   bebaut  sind, 
seme  reinlichen,  wie  zu  Festen  bereiteten  Birken- 
walder etwas   heiteres,    da  wo   Kiefern    und   Sand 
herrschen    etwas    sehr  ödes,    trauriges    und    armes. 
Savigny    mit  den  Seinigen  und  Clemens  kamen 
zum  Pfingstfest  auch   hin.     Savigny    wird   Ihnen 
wohl  schon  von  seinem  Plan  zu  einer  Gesellschaft 
fb-  deutsche  Geschichte  gesagt  haben,    der  gerade 
damals  entworfen  war.    Wenn   er  auch  nur  theil- 
weise  in  Erfüllung  geht,   so  kann  viel  dadurch  ge- 
schehen.   Vor  etwa  8  Wochen  war  Savigny   mit 
Arnim  zu  Göttingen  aber  nur  auf  einen  Tag,  wo 
mein  Bruder  ihn  gesprochen  hat.  —  Den  Clemens 
hatte  ich  seit   1809   nicht  wieder  gesehen,    er    ist 
etwas  starker  und  älter  geworden,  weisz  eine  Menge 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


32  XL    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1817 

Späsze  aus  dem  Ostreichischen  vortrefflich  zu  er- 
zählen, ist  dazwischen  auch  wohl  ernsthaft  und 
spricht  von  geistlichen  Dingen.  Die  Trutznachtigall 
von  Spee  will  erneu  auf  legen  lassen.  Sonst  hat  er 
ein  Festspiel  gedichtet,  , Victoria  mit  ihren  Sandern', 
aus  dem  mir  Proben  wohl  gefallen;  sonst  hat  er 
auch  einen  Band  Märchen  fertig.  Von  Christian 
hat  er  mir  mancherlei  erzählt,  dasz  er  ietzt  in 
Frankfurt  ist,  werden  Sie  wiszen,  er  hat  ein  paar 
Lustspiele  geschrieben,  soll  aber,  wie  Clemens  ver- 
sichert, sehr  ernsthaft  und  in  sich  gekehrt  seyn. 

Ich  schicke  ein  Paket  Bücher  für  Sie  Morgen 
oder  übermorgen  ab,  wenn  es  Krieger  nicht  an- 
nehmen will  mit  dem  Postwagen  poste  restante. 
Seyn  Sie  also  so  gut,  an  beiden  Orten  nachfragen 
zu  lassen,  ob  etwas  für  Sie  da  ist  und  mir  dann  mit 
ein  paar  Worten  die  Ankunft  zu  melden.  Es  ent- 
hält den  neuen  Band  von  Göthes  Leben  und  sein 
Erwachen  des  Epimenides,  Kleists  Erzählungen, 
die  ich  besonders  wegen  des  „M.  Kohlhaas"  und  der 
„hl.  Cäcilia*  in  welchen  sich  das  herrliche  Talent 
des  unglücklichen  Verfassers  recht  zeigt,  [schicke,]  die 
Gründung  Prags,  den  heil.  Bernhard  vonNeander, 
Suabedissens  Betrachtung  des  Menschen  und  den 
Pabst  Hildebrand  von  Voigt.  Ich  habe  das  letztere 
nicht  gelesen  und  hätte  lieber  die  Memoires  des  M. 
de  la  Roche  Jaquelein  dafür  beigelegt,  aber  es 
ging  diesmal  nicht,  Sie  sollen  das  nächstemal  folgen, 
denn  Sie  dürfen  dies  merkwürdige  Buch  nicht  vor- 
beigehen laszen.  Die  beiden  bestempelten  Bücher 
bitte  ich  mir  zuerst  zurück,   da   sie   der  Bibliothek 


y  Google 


1817  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  33 

zQgehören.  Haben  Sie  Mosers  patriot.  Phantasien 
gelesen?  Savigny  hat  das  Buch  wieder  in  der  £r- 
mnenmg  ai^efrischt;  wir  besitzen  es  auf  der  Bibl. 
Auch  im  Fach  der  Reisebeschreibungen  und  der 
Literargeschichte  sind  wir  so  ziemlich  versorgt  und 
ich  könnte  Ihnen  davon  manches  schicken.  Ich 
glaube  auch,  dasz  Sie  mir  die  Bibliotheks-Bücher 
mit  der  Post  unfrankirt  zurücksenden  können,  nur 
ist  ausdrücklich  darauf  zu  setzen,  dasz  es  Bücher 
för  kurfürstl.  Bibl.  im  Museum  sind. 

Nun  leben  Sie  wohl  und  seyn  Sie  von  uns  beiden 
herzUch   gegrüszt.    Mit  aufrichtiger  Hochschätzung 

der  Ihrige 

W.  C.  Grimm. 


Wilhelm  örimm  an  Bang. 

Cassel,  am  25.  April  1817. 
Werther  Freund,  vor  einigen  Tagen  habe  ich 
der  Krieger.  Buchhandl.  ein  Paket  Bücher  für  Sie 
zustellen  lassen  und  sie  hat  versprochen,  es  in  der 
nächsten  Woche  zu  befördern.  Es  enthält  1.  den 
nwzischen  Feldzug  von  Pojrt  er.  2.  Wellingtons 
Leben.  3.  Erwin  von  Solger.  4.  Golownins 
Beise.  5.  Vinke  über  die  Verwaltung  von  Grosz- 
britt  6.  Salfelds  Napoleon,  aber  nicht  die  neue 
Ausgabe.  7.  Reinhard  von  Pölitz.  8.  Wieland 
von  Gruber  in  2  voll.  Vinke's  kleines  Buch  ist 
lehrreich  und  unserer  Zeit  zum  Nutzen  von  Nie- 
buhr  herausgegeben.  Erwin  wird  gerühmt,  ich 
kenne  es  nur  ein  wenig  nach  einzelnen  Stellen,  aber 

£.  ßtengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  ;j 


y  Google 


34  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1817 

unter  andern  Tieck  soll  es  für  das  erste  Buch,  das 
er  sehr  verehre,  erklärt  haben.  Golownins  Reise 
nach  Japan  ist  äuszerst  merkwürdig,  man  thut  einen 
Blick  in  ein  ganz  fremdartiges,  aber  vollständig  ent- 
wickeltes Staatsleben,  auf  der  einen  Seite  Ruhe, 
Wohlbehagen,  Ordnimg  und  Gutmüthigkeit ;  aber 
auf  der  andern,  welch  ein  Erstarren,  eine  Feigheit 
und  Ertödtung  alles  Lebendigen!  Wenn  sie  es 
durchführen  und  fest  daran  halten,  keinen  Fremden 
einzulaszen,  so  kann  die  blose  Form,  wenn  auch 
innerlich  schon  alles  vemagt  und  wurmstichig  ge- 
worden, noch  eine  gute  Zeit  ihr  Reich  hinhalten, 
bis  der  Stosz  kommt,  von  dem  sie  zusanmienfaUt. 
Für  diejenigen,  welche  keine  Landstände,  sondern 
ein  ungehindertes  Beherrschen  von  oben  wollen,  ist 
viel  hieraus  zu  lernen.  Eine  orientalische  Sage  von 
Salomon  paszt  auch  gut  dazu,  er  starb  auf  dem 
Throne  stehend,  die  Geister  stützten  den  Leichnam 
hinten  mit  einem  Holz  und  niemand  bemerkte,  dasz 
er  gestorben  war,  so  regierte  Salomon  noch  lange 
fort,  bis  die  Würmer  das  Holz  zernagt  hatten,  da 
fiel  er  um  und  alsbald  auch  das  Reich  zusammen. 
—  Von  Jungs  Leben  gibts  eine  Ausgabe  in  5  Thl. 
die  ich  selbst  besitze,  die  aber  wie  ein  Nachdruck 
aussieht.  Das  nächstemal  will  ich  sie  Ihnen  senden 
und  dann  sollen  auch  Wielands  Briefe  und  die 
Curiositäten,  ein  Mischmasch,  worin  auch  Schund 
vorkommt  und  aus  deszen  Hintergrund  eine  fatale 
Gesinnung  und  Gemeinheit,  wie  sie  Vulpius  hat, 
blickt,  folgen.  Kosegartens  fünfzigstes  Lebens- 
jahr  habe    ich    angesehen,    mogte   es   aber  für  die 


y  Google 


1817  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  36 

Bibliothek  nicht  kaufen,  weil  mir  zu  wenig  Wahr- 
heft und  zu  viel  Anmaszung  darin  zu  herrschen 
schien. 

Dasz  Sie  zom  Besten  der  deutschen  Sprache  mit- 
sammeln und  mitarbeiten  wollen,  ist  sehr  erwünscht 
fiür  uns  und  trifft  mit  einem  schon  ordentlich  über- 
dachten  Plan   zusanmien.     Sie   wiszen   wohl,    dasz 
Sa? ig n 7   einen   groszen  und  groszartigen  Entwurf 
zu  einer   Gesellschaft  ffir  deutsche   Oeschichte  ge- 
macht, wenn  er  noch  nicht  in  Ausführung  gekommen, 
80  ist  blos  das  hemmende  Wesen  das  in  Preuszen 
zur  Zeit   natürlich   ist,  schuld;    dasz  er  nicht  auf- 
gegeben wird,  können  Sie  denken.    Darin  war  nun 
auch  die   altdeutsche  Literatur  und  was  wir  damit 
in  Verbindung  setzen,  das  deutsche  Volksleben,  be- 
rGcksichtigt,   Göthe  in  deszen  Hände  jener  Plan 
auch  gelangte  und  der  viel  Theilnahme  dafür  zeigt, 
hatte    die    Oüte  .  über    diesen    Abschnitt    uns    zu 
schreiben.    Ich    habe    ihm  nun   ausführlich    geant- 
wortet, wie  ich  glaube,  dasz  unserm  Fach  am  besten 
ond  natürlichsten  kann  geholfen  werden.    Ein  Haupt- 
satz dabei  ist,  dasz  alle  Prediger  Mitglieder  derOe- 
sellschaft  sind  und  eingeladen  werden,  Sanunlungen 
ftr  die  Sprache,  Sitten,  Bechtsgewohnheiten  u.  s.  w. 
ihres  Umkreises  zu  machen,  welche  an  den  Mittel- 
pnnct  jeder  Landesgesellschaft  eingesendet  werden. 
Ist  das  Glück  günstig  und  konmit  es  zur -Ausführung, 
80  werden  sich  unsere  Bitten  zuerst  an  Sie  wenden. 
--Übrigens,   Regen  pluvia   konmit  ohne  Zweifel 
▼om  Zeitwort  regen  (movere)  und  bezeichnet  das 
zitternde   Herabfallen,   die  Bewegung  der  Tropfen, 


y  Google 


36  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1817 

der  Himmel  regt  sich,  wami  er  regnet.  Gegen  die 
Zusammenstellung  von  Qoyhg  mit  Roggen  (Rocken 
ist  nur  die  hochd.  Form,  k  u.  g  werden  oft  als 
ganz  gleichbedeutend  verwechselt  und  in  einer  alt- 
deutschen Hs.  kommt  ruggen  u.  rughen  Rücken 
vor)  und  atgioc^g  mit  Strasze  ist  nichts  einzu- 
wenden; es  gibt  so  viele  Beispiele,  wie  intlkitt^j 
oQoßog  aivnog  (Stab)  u.  s.  w.  die  auf  eine  gemein- 
schaftliche Quelle  deuten.  Die  erste  Ausgabe  von 
Adelungs  Wörterbuch  enthält  viele  gute  und  be- 
sonnene Etymologien,  man  sollte  seinen  Werth  in 
diesem  Fach  nicht  verkennen,  Vosz  mit  seiner 
harten  und  ungerechten  Recension  hat  viel  Schuld. 
Auch  Ihre  glossar.  Hoiogoth.  ist  gelehrt  und  sorg- 
fältig. Adelungs  Mühridates^  den  Vater  eben 
beendigt,  könnte  ich  Ihnen  zuschicken,  nur  ist  es 
ein  Buch  zum  Nachschlagen  und  nicht  zum  bloszen 
Durchlesen. 

M«in  Bruder  Jacob  ist  der  altd.  Hss.  wegen 
gegenwärtig  in  Heidelberg,  er  wird  zu  Anfang  des 
künftigen  Monats  zurückkommen  und  wenn  ihm  Zeit 
übrig  bleibt,  auch  bei  Ihnen  ansprechen.  Er  ist 
auch  der  eigentliche  Bibliothecar  ich  bin  noch 
bloszer  Bibliotheks  Secretar.  Er  war  Mher  bei  der 
Gesandschaft  in  Paris  und  Wien,  hatte  aber  keine 
Lust  nach  Frankfurt  mitzugehen  und  überhaupt 
wenig  Freude  am  diplomatischen  Wesen.  An 
Munkes  Stelle  kommt  Gerling,  er  ist  in  seinem 
Fache  tüchtig  und  sonst  ein  durchaus  redlicher  Mann 
von  schlichtem  Wesen,  den  wir  herzlich  lieb  gehabt. 
Machen  Sie  doch  seine  Bekanntschaft. 


y  Google 


1817  XI.   W.  nnd  J.  Grimm  an  Bang.  37 

Hr.  V.  Hanstein  sagte  mir,  dasz  er  im  Sommer 
mit  Urnen  eine  Reise  nach  dem  Meiszner  machen 
wolle.  Kommen  Sie  doch  auf  ein  paar  Tage  oder 
80  lange  es  Ihnen  gefallt,  zu  uns  und  wohnen  Sie 
bei  uns,  es  wird  uns  eine  Freude  seyn ;  mit  Freund- 
schaft und  aufrichtiger  Hochachtung 

der  Ihrige 
W.  C.  Grimm. 

29. 

Wilhelm  Grimm  an  Bang. 

Cassel,  5.  Nov.  1817. 

Am  25.  April  habe  ich  ein  Schreiben  an  Sie  ab- 
gehen laszen  und  ein  paar  Tage  früher  ein  Paket 
Bücher  der  Krieger.  Buchhandlung  abgegeben, 
das  Ihnen  sollte  zugestellt  werden.  Seit  der  Zeit 
habe  ich  nichts  von  Ihnen  gehört,  bis  auf  die  Grüsze, 
die  uns  Christian  Brentano  mitbrachte.  Da  er 
aber  die  Bücher  nicht  mitbrachte,  Sie  ihm  auch 
deshalb  keine  Bestellung  aufgetragen  haben,  so  fange 
ich  doch  über  die  richtige  Ankunft  derselben  an, 
besorgt  zu  werden,  obgleich  ich  mir  wiederum  nicht 
denken  kann,  dasz  beides  Brief  und  Paket  sollten 
Terloren  gegangen  seyn.  Bitte  also  um  ein  paar 
Zeilen  und  möglich  auch  Zurücksendung  der  Bücher, 
oder  doch  eines  Theils,  Golownins  Reisen,  Por- 
ters Busz.  Feldzug,  Vinke  über  Groszbrittanien 
werden  öfter  verlangt  und  diese  Bücher  waren  unter 
jenen. 

Christian  B.  war  den  28.  Octbr.  angekommen 
und  den  1.  Novbr.  haben  wir  ihn  bis  Münden  be- 
gleitet, heute  wird  er  in  Berlin  angekonmien  seyn. 


y  Google 


38  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1818 

Ich  lege  Urnen  eine  Ankündigung  von  unsenn 
Beinhart  Fuchs  bei,  vielleicht  findet  sich  doch  unter 
Ihren  Bekannten  einer,  der  die  Sache  unterstützt. 

Herzliche  Grüsze  von  uns  beiden,  mit  aufrichtiger 
Hochachtung  und  Freundschaft 

der  Ihrige 
W.  C.  Grimm. 

80. 

Wilhelm  und  Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel,  am  22.  Jan.  1818. 

Lieber  Freund,  seit  dem  November  schon,  wo 
Ihr  Brief  ankam,  habe  ich  mir  vorgenonmien,  Urnen 
eine  neue  Ladung  von  Büchern  zuzuschicken,  in- 
deszen  muszte  ich  es  von  einer  Woche  zur  andern 
verschieben,  weil  eins  und  das  andere,  was  mit- 
kommen sollte,  verliehen  war.  Überreich  sind  wir 
ohnehin  nicht,  ein  Theil  unseres  Einkommens  wird 
wie  billig  för  gröszere  Werke  und  Sammlungen 
angewendet  (so  haben  wir  erst  vor  nicht  lange  den 
Bouquet  kaufen  können)  ein  anderer  geht,  ohne 
dasz  ich  so  viel  Gefallen  daran  hätte,  für  Pracht- 
werke im  Fach  der  Antiquitäten,  Münzkunde  u.  s.  w. 
drauf,  da  bleibt  denn  nicht  so  viel  übrig  um  die 
andern  Fächer  so  zu  bedenken,  wie  wir  wünschen. 
Ich  habe  nun  zusammengepackt  1)  Maus o 's  Con- 
stantin.  2)  Freygangs  Briefe  über  den  Gaucasus. 
3)  Lüders  Gesch.  der  Statistik.  4)  Wolfs  Ana- 
lekten.  5)  Ochs  neuere  Kriegskunst.  6)  Bopps 
über  die  Sanskrit-Sprache.    7)  A  s  t  s  Piaton.    8)  M  e  - 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1818  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  39 

Unchthon's  Leben  Luthers.  9)  Horns  Fr.  W. 
T.  Preussen.  10)  Die  Tumkunst.  (Napoleons  Feld- 
zug in  Sachsen  von  0 dsleben  haben  wir  nicht. 
[Randbemerkung]). 

Von  mir  sind  die  5  Bände  der  Guriositäten  und 
die  Predigten  des  Mathesius;  ein  Geschenk  von' 
meinem  Bruder  ist  Radlofs  Sprache  der  Ger- 
manen, wozu  Sie  ja  selbst  Beitrage  geliefert  haben. 
Ich  schicke  das  Paket  nach  Marburg  an  Hm.  Prof. 
Gerling,  wo  Sie  es  können  abholen  laszen,  viel- 
leicht ist  es  Ihnen  angenehm,  deszen  Bekanntschaft 
zu  machen,  es  ist  ein  Freund  von  uns  und  ein  ge- 
schickter und  grundredlicher  Mann,  der  Sie  mit 
Herzlichkeit  empfangen  wird.  Die  Bücher  der 
Bibliothek  können  Sie  wohl  gegen  Ostern  zurück- 
senden, wir  müszen  ein  wenig  pedantisch  seyn,  wenn 
nicht  Unordnung  einreiszen  soll.  Mein  Bruder 
hat  mir  freilich  von  Ihnen  und  seinem  Aufenthalt 
in  Groszfelden  erzahlt,  aber  von  den  Büchern  nichts 
und  als  ich  um  Rücksendung  bat,  fand  ich  in  meinem 
Taschenbuch  keine  Anmerkung  von  richtiger  An- 
kunft. 

Christian  war  gleichfalls  acht  Tage  bei  uns, 
ging  darauf  nach  Berlin  und  ist  vor  kurzem  nach 
Prag  und  will  von  da  nach  Rom  zum  Pabst,  gegen 
den  er,  wie  Sie  wohl  selbst  werden  gehört  haben, 
grosze  Verehrung  hegt.  Ich  habe  ihn  gleichfalls 
sehr  verändert  gefunden,  allein  auch  seit  8—10  Jahre 
nicht  gesehen;  im  Ganzen  sehr  zu  seinem  Yortheil, 
er  war  mild  natürlich  ohne  Ziererei,  auch  lustig 
dabei  und   in  manchen  Stücken  gerecht  im  Urtheil, 


y  Google 


40  XI.   W.  und  J.  Griinm  an  Bang.  1818 

was  er  sonst  nur  alles  mitunter  war  und  mit  Ab- 
sprechen, Hoffart  u.  dergl.  abwechselte.  Insoweit 
ist  mir  auch  sein  religiöses  Streben  achtungswerth 
vorgekommen,  wenn  er  das  Gute  gefunden,  so  hat 
er  auch  Gott  gefunden  und  erkannt,  seinen  Weg 
dazu  kann  ich  ihm  laszen.  Sein  System  scheint  mir 
aus  der  besondern  Lage  entsprungen,  in  der  er  sich 
beständig  zu  den  Menschen  befunden,  er  hat  sie  be- 
trachtet, beobachtet,  unter  ihnen  gelebt,  aber  niemals 
mit  ihnen,  er  war  immer  für  sich  mit  seinen  Ge- 
danken und  Planen,  einsam  und  abgeschloszen.  Was 
ein  Volk,  ein  gemeinsamer  Sinn  ist,  hat  er  nicht 
erkannt,  beides  nie  geachtet;  sieht  er  ein,  dasz  das 
AVort  auch  lebendig  seyn  kann,  so  hängt  er  dem 
Buchstaben  an,  weil  seine  Erkenntnisz  einseitig  ist, 
denn  er  glaubt  nicht,  dasz  das  lebendige  Wort  nur 
der  Ausdruck  des  gemeinsamen  Lebens  ist.  So 
glaubt  er  nur  an  einzelne  Menschen,  wie  an  den 
Pabst  und  hängt  ihnen  an,  wirft  aber  mit  schneiden- 
der Parteilichkeit  ganze  Maszen  nieder.  Ungerecht 
ist  er  mir  hier  schon  in  seinem  Urtheil  gegen 
Protestanten  vorgekommen,  in  Berlin  soll  er  es  noch 
mehr  geworden  seyn.  So  würde  er  z.  B.  nicht  im 
Stande  seyn,  die  herrlichen  Predigten  von  Mathe- 
sius  zu  würdigen.  Dasz  er  sehr  leichtgläubig  ist, 
scheint  mir  auch  bei  jemand,  der  nur  seine  Ge- 
danken geachtet  hat,  natürlich ;  was  ietzt  dafür  paszt 
bei  andern,  nimmt  er  ohne  weiteres  an.  Clemens 
hat  sich  in  Berlin  fast  von  allen  Bekannten  zurück- 
gezogen, kommt,  wie  ich  gehört  habe,  auch  zu 
Savigny  nur  selten  und  ist  mit  einer  Liebschaft  be- 


y  Google 


1818  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  41 

schäfftigt  aas  der  schwerlich  etwas  Gutes  hervor- 
gehen kann.  Er  hat  die  Religion  auch  dabei  ein- 
gemischt und  will,  da  er  wohl  nicht  heirathen  kann, 
das  Madchen  bekehren.  Dem  Christian  hat  er  in 
allem  sehr  beigestimmt.  — 

Über  Hm.  Rommels  Entdeckungen  verwundere 
ich  mich  gar  nicht  mehr,  es  gibt  kaum  etwas,  dasz 
er  nicht  finden  wird.  Er  kam  einmal  )ner  auf  die 
Bibliothek  und  sprach  von  römischen  Gefäszen  die 
er  so  eben  beim  Schloszbau  bemerkt. (denn  er  will 
Caszel  durchaus  von  CasteUum  herleiten),  indeszen 
fand  sich  nachher  dasz  es  hiesige  Töpferarbeit  aus 
vorigem  Jahrhundert  war,  welche  beim  Schöpfen  in 
den  Brunnen  gefallen  war.  Die  Runen,  die  in 
Willingshausen  entdeckt  worden,  scheinen  mir  (nach 
der  Zeichnung)  zufölliges  Gekritzel;  an  Runen 
wenigstens  ist  gar  nicht  zu  denken.  Dasz  der 
Schwälmertanz  Aehnlichkeit  mit  dem  Tanz  an  der 
Ukraine  habe,  daran  kann  insofern  etwas  seyn,  als 
alle  nralten  Sitten  eine  gewisze  Verwandschafk  zeigen. 
Das  Kinderspiel  mit  5  Steinen  fand  ja  Niebuhr  in 
Arabien  wieder. 

Die  Abschrift  der  Handschrift  zu  Verona  habe 
ich  vor  ein  paar  Monaten  bei  Hugo  gesehen,  eben 
hat  er  ausführliche  Nachricht  darOber  in  den  Götting. 
Anz.  bekannt  gemacht,  es  bestätigt  sich  nun,  dasz 
es  mit  zu  dem  allerwichtigsten  gehört.  Sie  wiszen 
doch  auch,  dasz  ein  Theil  des  Ulphilas  vomMaio 
entdeckt  ist? 

Was  Sie  mir  von  Ihrem  Institut  schreiben,  werde 
ich  nicht  vergeszen. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


42  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1819 

Nun  leben  Sie  wohl,  wir  beide  grüszen  mit  herz- 
licher Freundschaft  und  Hochachtung 

Ihr 
W.  C.  Grimm. 

Ich  füge  nur  noch  eigenhändig,  lieber  Freund, 
diesen  herzlichen  Grusz  dazu.  Ich  arbeite  an  einer 
historischen  deutschen  Grammatik  und  musz  gerade 
aus  den  bloszen  Collectaneen  die  Bogen  zum  Druck 
schreiben,  ich  stecke  also  bis  an  den  Hals  in  Gitaten 
von  Nominativen,  Genitiven  u.  s-  w.  gedulden  Sie 
Sich  also,  bis  ich  einmal  einen  Brief  an  Sie  mit 
einem  ruhigen  und  ordentlichen  Vocativ  anfangen 
kann  und  behalten  Sie  lieb 

Ihren  Freund 
Jacob  Grimm 

81. 

Wilhelm   und  Jacob  Grimm  an  Bang. 

Gassei,  3.  Jan.  1819. 

Lieber  Freund,  der  gute  Gerling,  den  ich  mit 
Freude  wieder  einmal  hier  gesehen  habe,  wird  Ihnen 
die  gewünschten  Bilder  zugeschickt  haben;  über 
Savigny  will  ich  Ihr  Urtheil  erwarten,  soviel  ist 
gewisz,  er  ist  sehr  schwer  zu  treffen,  es  kommt  nur 
darauf  an,  wie  viel  Sie  von  ihm  in  diesem  Bildniaz 
finden.  Mein  Bruder  ist  ähnlich;  was  mich  be- 
trifft, so  müszen  Sie  nun  nicht  denken,  dasz  ich 
inmier  so  finster  oder  tiefsinnig  aussehe;  auch  ist 
beim  Ätzen  der  Steinplatte  einiges  nicht  gerathen, 
obgleich  sonst   die   Arbeit  Lob  verdient.    Über  die 


y  Google 


1819  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  43 

Bilder  von  Göthe  und  Wieland  kann  ich  nicht 
aus  eigener  Ansicht  urtheilen,  doch  da  ich  weisz, 
dasz  hei  solchen  fabrikmäszigen  Unternehmungen 
selten  ein  gutes  Werk  hervorkommt ,  so  wäre  ich 
insofern  geneigt,  Ihnen  von  der  Fortsetzung  abzu- 
rathen. 

Die    versprochenen    Bücher    folgen    nun    hier: 
1)  Böckhs  Staatshaush.    d.  6.    2.   voll.     2)  Stael 
fiber  die    Revolution,   ausgezeichnet   in   lebendiger 
Anschauung,   scharfer   Beobachtung  und   richtigem 
Ürtheil  üb«*r  die  Gegenwart;   seicht  und  oft  unleid- 
lich in  allem  dem,  was  sie  Philosophie  nennt.   Doch 
wird  man  vielfach  belehrt  und  das  Buch  ist  geradezu 
practisch  fBr  uns.    3)  Hallers  Restauration,  eigent- 
lich der  Gegensatz  zu  der  Stael,  in  gewissem  Sinne 
ganz  unpractisch,  denn  sollte  die  Welt  nach  seinen 
Grundsätzen  ietzt  restaurirt  werden,  so  würde  kein 
Stein  auf  dem  andern  bleiben,  dennoch  herrlich  in 
dem  lebendigen  Gefühl  von  dem  wahren  und  tiefen 
Grund  des   Daseyns  der   Staaten.    Das  Buch  wirkt 
wohlthätig,   indem   es  ein  verkanntes  Element  her- 
vorhebt,  sonst  kennt  es  keine  Geschichte,  versteht 
die  Gegenwart  nicht  und  es  fehlt  ihm  alles  was  die 
Stael   auszeichnet.    Diese  betrachtet  dagegen  die 
Welt,  wie   einen  strömenden  Flusz,  deszen  Krüm- 
mungen, Windungen,  Gewalt  undEinflusz  sie  genau 
kennt  und  berechnet,  um  deszen  Quellen  und  Aus- 
flusz  sie  sich   aber  nicht  bekümmert.     3)  Dohms 
Denkwürdigkeiten,  ehrlich  und  wahrheitsliebend,  den 
eisten   Band  haben  Sie,  wo  ich  nicht  irre,  gehabt. 
4)  Aus  der  Bertuchischen  Reise-Bibliothek  Bd.  7. 


y  Google 


46  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1819 

nachtigall  abdrucken  lassen  und  in  Zeitschriften 
Kleinigkeiten,  in  welchen  sich  die  alte  Spaszlust 
doch  noch  hier  und  da  hervordrängte.  Arnim, 
nachdem  er  im  Sommer  sein  Gut  selbst  bewirth- 
schaftet,  ist  ietzt  in  Berlin,  hat  4  Buben  und 
1.  Mädchen,  welches  das  jQngste  ist. 

Die  Universität  in  Marburg  wird  zwar  nicht 
ihrer  Auflösung  aber  doch  Entkräftung  entg^n 
gehen.  Etwas  durchgreifendes  ftlr  sie  wird  hier 
nicht  geschehen,  und  aUes  übrige  schadet  vielleicht, 
weil  es  einer  Crise  vorbeugt,  welche  unter  ver- 
änderten Umständen  vielleicht  Hilfe  verschafft.  Die 
philos.  Facultät  hat  uns  beide  zum  neuen  Jahr  mit 
der  Doctorwürde  beehrt,  wird  aber  dadurch  die  Uni- 
versität nicht  zu  Ehren  bringen.  Es  fragt  sich,  ob 
in  B  o  n  n  die  verschiedenartigen  Elemente  zusanunen- 
gehn?  mich  hat  bei  der  Gelegenheit  gefreut,  dasz 
die  Profeszoren  anfangen  vor  dem  beständigen  Her- 
umfahren und  Wechseln  eine  Scheu  zu  empfinden, 
denn  die  .Heidelberger  hatten  sich  das  Wort  ge- 
geben keine  Yocation  anzunehmen. 

Die  Ghranunatik  meines  Bruders,  nämlich  der 
erste  Band,  naht  sich  ihrem  Ende,  da  es  ein  sehr 
starker  Band  wird,  so  hat  den  ganzen  Sommer  über, 
oder  eigentlich  das  ganze  Jahr  daran  müssen  ge- 
druckt werden. 

Nun  leben  Sie  wohl,  lieber  Freund,  Gott  segne 
Sie  durch  das  ganze  Jahr  mit  Gesundheit  und  Heiter- 
keit, behalten  Sie  uns  in  freundschaftlichem  An- 
denken von  Herzen  Ihr 

W.  C.  Grimm. 


y  Google 


1819  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  47 

Was  Sie  zu  wiszen  verlangen  oder  wir  zu  melden 
haben,  ist  yon  Wilhelm  weggeschrieben  worden, 
selbst  Yon  meiner  Grammatik,  nach  der  Sie  Sich 
erkundigen  hat  er  schon  bemerkt,  dasz  sie  immer 
noch  nicht  fertig  ist.  Der  langsame  Druck  dauert 
nun  schon  ein  Jahr,  sobald  er  beendigt  wird,  soll 
sich-  ein  Exemplar  bei  Dmen  einstellen.  Ich  fOrchte, 
das  Ganze  wird  etwas  steif  aussehen  und  zum  Lesen 
wenig  einladen,  ich  hoffe  aber,  zum  Fortstudiren 
reizen.  Dasz  Prof.  Börsch  einen  ähnlichen  Plan 
gehabt,  freut  mich  und  mein  Buch  soll  ihn  ja  nicht 
Ton  der  Ausf&hmng  abschrecken,  denn  mit  allem 
was  man  recht  treibt  steht  es  so,  dasz  ihm  immer 
eigenthümliche  Wege  aufgethan  werden.  Haben 
wir  Ihnen  denn  einen  zweiten  Band  „Deutscher 
Sagen''  geschickt;  es  geht  auch  noch  auf  einen 
dritten  hinaus.  Seyn  Sie  herzlich  vonmir  gegrüszt; 
Sie  könnten  eigentlich  auch  einmal  nach  Caszel 
kommen. 

Jacob  Grimm. 

82. 

Wilhelm  Grimm  an  Bang. 

Casze],  am  29.  Jan.  1819. 

Lieber  Freund,  ich  schicke  Ihnen  hier  die  Fort- 
setzung der  Stael  nämlich  Bd.  3  u.  4.  Durch  ein 
Versehen  habe  ich  Ihnen  das  letztemal  statt  des  3. 
den  5.  geschickt,  es  bleibt  Ihnen  also  nun  noch  der 
6.  übrig  und  der  soll  folgen,  wenn  diese  wieder 
zurück  sind.  Sie  werden  mit  diesen  Bänden  zu- 
friedener seyn,  als  mit  dem  5.;   es  ist  zwar  auch 


y  Google 


48  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1819 

Conversation  darin,  aber  sie  beruht  auf  einer  Ein- 
sicht, der  man  Lebendigkeit  nicht  absprechen  kann, 
auszerdem  ist  doch  Vieles  eingeflochten,  was  sie 
mit  erlebt  hat  und  nicht  weniges  sollte  wohl  zum 
erstenmal  hier  bekannt  geworden  seyn.  Sodann 
folgt  Ne ander  über  die  gnostischen  Systeme  und 
die  Lebensbeschreibung  von  L  o  s  s  i  u  s.  Aus  meiner 
eigenen  Sammlung:  Doctor  Faustus  von  Marlowe, 
zur  Vergleichung  mit  dem  Göthischen  von  deszen 
Höhe  und  Tiefe  hier  nichts  zu  spüren  ist,  der  doch 
aber  etwas  tüchtiges  hat.  Arnims  Vorrede  ist 
gewisz  geistreich.  Der  zweite  Band  der  „Sagen" 
versteht  sich  von  selbst  ist  ein  Geschenk. 

Den  Untergang  der  Recensir  -  Anstalten  glaube 
ich  haben  wir  erlebt.  Auszerlich  halten  sie  sich 
nur  als  Fortsetzung  und  durch  die  Unterstützung 
der  Regierungen,  die  glauben  sie  gehörten  zum 
Glanz  des  Hofes.  Niemand  aber  glaubt  ernstlich, 
dasz  man  daraus  die  Litteratur  könnte  kennen  lernen 
und  einzelne,  sorgfaltige  Arbeiten,  die  hin  und 
wieder  hervor  kommen,  dauern  einen  ordentlich. 
Man  kann  wetten,  dasz  ordentliche  Werke  gar 
nicht  oder  spät  und  nebenher  angezeigt  werden. 
Die  Redactoren  werben  die  Recensenten  wie  Falstaff 
die  Recruten,  der  ganz  richtig  meinte ,  wenn  einer 
todtgeschoszen  wäre,  so  wärs  einerlei  ob  er  ein 
ordentlicher  und  couragirter  Mensch  gewesen  oder 
nicht.  Die  neue  Zeitschrift  Hermes  hat  die  Idee 
eine  Anstalt  zu  bilden,  wie  das  Edinburgh  und 
Quartherly  Review  för  England  ist ;  die  Absicht 
iöt  gut  aber  schwer   auszuführen.     1q   dem  ersten 


y  Google 


1819  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  49 

Heft  steht  eine  Recension  Ton  der  neuen  Über» 
setzui^  des  Shakespeare  durch  die  Vossische 
Familie,  sie  ist  von  dem  wunderlichen  Clodius 
und  angeachtet  einiger  sehr  lächerlicher  Ausdrücke 
und  einer  zu  groszen  Härte  gegen  Schlegel  ist 
doch  manches  Wahre  darin.  Die  Rec.  über  Presz- 
freiheit  ist  Yon  Suabedissen.  Die  Wiener  neu  auf- 
gestandenen Jahrbücher  läszt  der  Fürst  Metternich 
anf  seine  Kosten  drucken  und  zwar  sehr  prächtig, 
damit  6enz  einen  gewiszen  Platz  für  seine  politischen 
Abhandlungen  hat;  sonst  ist  sie  überaus  matt. 

Mit  Sayignys  Bild  ist  es  wimderlich.  Er 
schrieb  mir  von  der  Zeichnung,  sie  sey  die  ähnlichste, 
die  je  von  ihm  gemacht  worden,  (im  Verhältnisz  des 
Ganzen  ist  dadurch  gefehlt,  dasz  die  Nase  zu  lang 
und  groszist  [Randbemerkung]),  diese  haben  wir  ietzt 
und  ich  kann  versichern,  dasz  sie  das  radirte  Blatt 
treu  wieder  gibt.  Dagegen  schrieb  er  über  dieses  nach- 
her auch  nicht  sehr  günstig,  und  noch  niemand  hat  mit 
dem  Bild  recht  zufrieden  seyn  wollen.  Das  Berliner  ist 
ähnlich,  hat  aber  etwas  unerträglich  theatralisches. 

Ein  Reisender,  der  von  Berlin  kam,  hat  uns 
gesagt,  dasz  Clemens  Brentano  wieder  dort 
ist  Savigny  ist  wohl  mit  den  seinigen,  nur 
sein  ältster  Sohn,  der  Franz,  den  Sie  ja  auch 
gesehen  haben,  leidet  an  den  Augen  und  zwar  ist 
es  ihm  innerlich  auf  die  Sehnerven  gefallen,  so  dasz 
es  bedenklich  ist.  Der  Tod  nimmt  hier  viele  Menschen 
weg,  wir  haben  jemand  aus  unserer  Nachbarschaft 
herzlich  beklagt.    Ich  selbst  befinde  mich  seit  einigen 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orimxn.  4 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


50  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  BanR.  1819 

Wochen  unwohl;   es  scheint   sich   ein   neues  Clima 
zu  entwickeln  und  auf  uns  einzuwirken. 

Hätte  ich  noch  ein  Exemplar  unserer  i^Märchen', 
so  würde  ich  es  Ihnen  längst  geschickt  haben,  da 
Sie  es  einmal  wünschten.  Frau  von  Hanstein 
musz  also  die  neue  Auflage  erwarten,  welche  aber 
dieses  Jahr  wird  zu  stand  kommen. 

Sie  sind  uns  hier  zu  jeder  Stunde  willkommen 
und  von  uns  beiden  auf  das  herzlichste  gegrfiszt. 

Ihr     W.  C.  Grimm. 

88. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

C  a  8  z  e  1 ,  18.  August  1819. 
Auf  Ihren  Brief,  lieber  Freund,  von  vorigen 
Ostern  folgt  eine  recht  späte  Antwort,  es  war  aber 
gar  nichts  neues  von  Büchern  da,  was  sich  hätte 
mitschicken  laszen.  Wir  haben  allen  unsem  heurigen 
Geldvorrath  an  einige  antiquarische  und  grosze  Werke 
verschwenden  müszen  und  ich  weisz  Ihnen  auszer 
beifolgendem  Göth ersehen  Heft  nicht  das  Mindeste 
zu  übersenden.  In  einigen  Monaten  soll  aber  hoffent- 
lich anderes  und  mehr  da  seyn.  Creuzers  neue 
Ausg.  der  S  y  m  b  o  1  a  Th.  1  sowie  die  herodotischen 
Exercitationen  sind  sicher  in  Ihren  Händen;  ich 
bewundere  den  Fleisz  und  Ideenreichthum  dieses 
Mannes,  wiewohl  ich  nicht  ganz  seiner  mythologischen 
Ansicht  seyn  kann,  sie  ist  mir  oft  zu  weit  und 
springend.  Aber  ein  Hermannianer  bin  ich 
noch  viel  weniger  und  das  musz  jedermann  ein- 
gestehen, da3z  unser  Creuzer  eine  Menge  trefflicher 


y  Google 


1819  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  51 

Wahrheiten  gefanden  und  verbunden  hat.  Von 
Gor  res  steht  auszer  dem  übersetzten  Ferdusi 
ein  Werk  über  die  Natur  der  Sage  bevor.  Ist 
Bitters  Erdkunde  (bis  jetzt  zwei  starke  Bände) 
Dmen  bekannt?  ein  ausgezeichnetes,  ungeheuer 
fleisziges  Buch ,  das  ich  Ihnen  auf  kurze  Zeit  nur 
zQschicken  kann,  weil  es  häufig  verlangt  wird  und 
eben  diesen  Augenblick  verliehen  ist. 

Dasz  Savigny,  seit  er  nun  auch  Mitglied  des 
Bevisionshofes  für  die  Rheinländer  geworden,  noch 
mehr  in  seiner  Zeit  für  die  alten  Studien  beschränkt 
ist,  können  Sie  denken.  Von  dem  ersehnten  Gajus 
smd  erst  vier  Bogen  fertig.  Die  Gerüchte  von  der 
preosz.  Verschwörung  werden  Ihnen  auch  zu  Ohr 
gekommen  seyn  und  obgleich  sich  bei  Ihnen  eine 
vernünftige  Meinung,  wie  das  Ding  anzusehen  sey, 
schnell  gebildet  haben  wird;  so  gereicht  es  doch 
wohl  zu  Ihrem  besonderen  Tröste,  wenn  ich  Ihnen 
hier  abschreibe,  was  in  einem  frischen  Briefe  Savignys 
vom  8.  dieses  steht  und  zwar  folgendes  : 

»Was  nun  die  hiesigen  Angelegenheiten  betrifiFt, 
so  scheint  es,  dasz  man  Nachrichten  von  tadelns- 
werthen  Verbindungen  gehabt  hat.  Wie  weit  aber 
diese  giengen  und  ob  sie  sich  zu  einem  corpus 
ddidi  qualificirten ,  läszt  sich  noch  nicht  beur- 
theilen.  Aber  auch  im  äuszersten  Fall  ist  sehr  zu 
tadeln:  1)  die  Art  der  Behandlung.  Die  Papiere 
sind  groszentheils  von  rohen  Polizeileuten  genommen 
nnd  gelesen  worden,  z.  B.  selbst  die  Papiere  eines  so 
imbescholtenen  Mannes,  wie  Reimer,  und  vor  Gericht 
ist  bis  auf  diesen  Augenblick  noch  niemand  gestellt. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


52  XI.   W.  tmd  J.  Grimm  an  BanR.  1819 

2)  Die  Hände,  in  welche  die  Sache  gelegt  worden, 
nämlich  die  von  Eamptz,  der  nicht  nur  über- 
haupt ein  sehr  leidenschaftlicher  Mann  ist  sondern 
sich  gerade  in  diesen  Dingen  schon  in  unwürdigen 
Parteistreit  eingelaszen  hatte.  3)  Die  Wichtigkeit, 
womit  man  die  Sache  behandelte  und  besonders  die 
Art  der  Bekanntmachungen,  wodurch  man  auszer 
Preuszen  fast  zu  dem  Gedanken  kommen  muszte, 
als  sey  hier  im  Lande  eine  Verschwörung,  wohl  gar 
unter  bedeutenden  Leuten.  Jene  Wichtigkeit  ist 
auf  jeden  Fall  tactlos.  Denn  wie  auch  Verbindungen 
unter  einer  Anzahl  von  jungen  Leuten  existiren 
mögen  (was  ich  nicht  wiszen  kann)  so  sind  diese 
doch  politisch  ganz  unbedeutend,  sie  würden  es  in 
jeder  Rücksicht  seyn,  wenn  nicht  aus  Eotzebues 
Ermordimg  der  Gedanke  an  eine  früher  nicht  ge- 
ahnte Gefahr  hervorgienge,  aber  selbst  in  dieser 
Rücksicht  kann  ich  jenes  Benehmen  nur  sehr  un- 
weise finden.  Denn  im  unseeligsten  Fall,  wenn 
Sands  That  ansteckend  wirkte  oder  wenn  Ver- 
bindungen beständen  im  Sinn  jener  That  (was  ich 
weit  entfernt  bin  zu  glauben)  was  kann  thörichter 
und  verkehrter  seyn,  als  dem  Wahnsinnigen  merken 
laszen,  dasz  man  sich  vor  ihm  fürchtet  und  dasz 
man  ihn  für  eine  wichtige  Person  hält?* 

Der  Beifall ,  den  Sie  meiner  „Grammatik"  geben, 
hat  mich  herzlich  gefreut.  Ich  denke  es  darin  noch 
einmal  weiter  zu  bringen  und  bitte  mir  dazu  alles 
mitzutheilen,  was  Ihnen  von  Eigenheiten  der  dortigen 
Volkssprache  aufstöszt.  Unter  andern  wäre  ich  auf 
einen   Punct  begierig:   die  Dualformen  im  persönl. 


y  Google 


1819  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  53 

Pronomen  haben  sich  hin  und  wieder  beim  Volk 
erhalten,  ob  es  sie  gleich  wie  Plurale  braucht. 
(S.  340).  Ich  habe  darüber  viel  genauere  Nach- 
richten eingezogen  und  namentlich  aus  Westphalen. 
In  der  Grafschaft;  Mark  gilt  noch  jü  oder  get  (vos) ; 
inier  (vestrikm)  ink  (vobis  und  vos) ;  auch  wohl  enker 
und  enfc  st  inker^  ink.  Auszumachen :  bis  wie  weit 
diese  Formen  gehen,  ist  mir  wichtig,  sie  könnten 
durchs  Arensbergische,  Waldeckische  bis  nach  Ober- 
he^en  reichen.  Seyn  Sie  doch  so  gut  aufzumerken: 
ob  man  die  persdnl.  Pronomina  überhaupt  ab- 
weichend declinirt? 

Herzl.  Grüsze  von  uns  beiden. 

Jakob  Orimm. 

Von  Localsagen  erscheint  auch  noch  ein  dritter 
Band,  worin  sich  Beitrage  mündlich  gesammelter 
»ehr  gut  ausnehmen  würden. 

84. 

Wilhelm  und  Jacob  Grimm  an  Bang. 
Caszel,  den  7.  Dec.  1819. 

Lieber  Freund,  ich  überschicke  Ihnen  hier  die 
längst  versprochene,  aber  ietzt  erst  fertig  gewordene 
Ausgabe  der  „Märchen".  Ich  wünsche,  dasz  Ihnen 
das  Buch  einiges  Vergüten  macht  und  Sie  mir 
Dir  Urtheil  sagen  sowohl  über  den  Werth  desselben, 
insofern  es  ein  Bildungsbuch  seyn  soll,  als  über  die 
in  der  Einleitung  mitgetheilten  Ansichten  von  der 
mythischen  Bedeutung  dieser  Traditionen. 

Sie  hätten  sich  Ihres  Versprechens  erinnern  und 
einmal   hierherkommen  sollen.    Oder   thun   sie   es 


y  Google 


54  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang,  1819 

noch,  wann  die  Feiertage  vorüber  sind,  da  Sie  doch 
zu  Fusze  reisen  so  sind  die  gelinden  Wintertage 
am  einladendsten.  Wie  manches  liesz  sich  gut  und 
bequem  besprechen,  wozu  man  die  Feder  nicht  gerne 
ansetzt.  Wir  haben  diesen  Sommer  auch  den  so 
arg  verschrieenen  Schleiermacher  auf  seiner 
Dxurchreise  gesehen  imd  gesprochen  und  zwar  gerade 
an  dem  Tage,  wo  die  Zeitung  enthielt,  dasz  er  Berlin 
nicht  verlaszen  dürfe.  Er  ist  geistreich,  heiter  und  an- 
genehm ob  gleich  er  nicht  eigentlich  als  Geistlicher 
erscheint;  er  erzählte  unter  anderm,  dasz  er  in  der 
letzten  Zeit  ganz  unbekannte  und  fremde  Gesichter  in 
der  Kirche  gesehen,  die  nur  gekommen  wären,  um  den 
Eindruck  zu  beobachten,  den  es  machen  müsze,  wenn 
ein  Gensdarmes,  wie  das  Gerücht  ging,  hinter  ihm  auf 
der  Kanzel  stände.  Er  brachte  uns  Grüsze  und 
einen  Brief  von  Savigny,  der  uns  bestätigte  was 
wir  gleich  über  das  unsinnige  Geschrei  gedacht  hatten. 
Lesen  sie  doch  in  dem  3.  Heft  des  Sophronizon 
von  Paulus  die  ausführliche  Beantwortung  des 
alten  Vosz  über  die  Frage:  „wie  ward  Fritz  Stol- 
berg ein  Unfreier?"  Wie  kann  man  nur  so  vor 
aller  Welt  heraussagen,  was  zwischen  vertrauten 
Menschen  sich  zugetragen !  hier  ist  mehr  Heimlich- 
keit verrathen,  als  in  den  Briefen,  welche  Körte 
bekannt  machte  und  gegen  welche  sich  Yosz  doch 
auch  erklärte.  Starr,  eigensinnig  auch  wohl  ein- 
gebildet erscheint  der  Yosz  noch  in  seiner  eigenen 
Darstellung,  doch  auch  so  weit  es  sich  damit  ver- 
trägt recht-  und  wahrheitliebend.  Ich  wünsdie, 
dasz  von  der  andern  Seite  ebenso  ausführlich  dar- 


y  Google 


1820  XT.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  55 

stellend  ,  nur  nicht  polemisch  geantwortet  werde. 
Für  Sie  muaz  die  ganze  Verhandlung  in  alle  Wege 
merkwürdig  seyn. 

Leben  Sie  wohl  und  seyn  Sie  von  uns  beiden 
auf  das  herzlichste  gegrüszt 

der  Ihrige 
W.  C.  Grimm. 

Noch  eins:  nach  dem  Buch  Ton  Böckh  ist 
schon  mehrmals  gefragt ;  es  wäre  mir  lieb ,  wenn 
Sie  es  zurückschicken  könnten.  Ich  kann  es  Ihnen 
dann  wieder  einmal  zukommen  laszen. 


Eine  Stelle  aus  dem  von  Wilhelm  gedachten 
Briefe  Savignys  hatte  ich  Ihnen  gleich  damals 
geglaubt  zur  Erbautmg  mittheilen  zu  müszen  und 
f&gfce  glaube  ich  ein  Heft  von  Göthes  Kunst  und 
Alterthum  bei.  Sie  haben  es  doch  durch  die  Post 
richtig  empfangen.  Das  Ghite  scheint  jetzo  in 
Pireuszen  etwas  matt  zu  liegen,  doch  hoffe  ich  immer, 
daaz  der  Staat  die  fatalen  Erbrechungen  aushält 
Bndsich  wieder  curirt.  Christian  Brentano 
toll  neuerdings  zu  Frankfurt  seyn.    Herzl.  Grusz. 

J.  Grimm. 

85. 
Jacob  Grimm  an  Bang. 

Caszel,  28.  Juni  1820. 

Lieber    Herr    und    Freund.      Sie   haben   lange 

weder  Brief  noch  Bücher   empfangen.     Hier  folgt 

wenigsiens  etwas:  ein  Heft  von  Göthes  K.  und  A. 

—  Zoegas  Leben  (2  Bde.)  Kraus  Leben,  Ritters 


y  Google 


56  XI.    W.  and  J.  Grimm  an  Bang.  1820 

Vorhalle,  Görres  Ferdusst  1.  Theil.  Kraus  ist 
mehr  mein  Mami  als  Z  o  e  g  a ,  in  dem  das  italienische 
Blut  steckt;  am  Eonigsberger  geföUt  mir  die  stille, 
thätige,  geistreiche  Wiszbegier,  seine  Schriften  sind 
mir  unbekannt,  aber  in  den  Untersuchungen  über 
Zigeunersprache  und  dem  treffenden  Urtheil  über 
Gatharinens  W.  B.  nähert  er  sich  meinen  Studien. 
Sodann  bekenne  ich  des  Geredes  über  Kunst,  Alter- 
thimi  und  Italien  beinahe  satt  zu  seyn,  wozu  münd- 
liche Gespräche  mit  Mahlem,  Architecten,  die  mir 
noch  bekannt  geworden  sind,  das  ihrige  thun,  Leuten, 
die  selten  recht  vriszen,  woran  sie  sind  und  sich 
viel  einbilden;  das  Widerspiel  von  Naturforschem, 
Astronomen  u.  ähnl.  bei  denen  man  gewohnlich 
heitere,  ehrliche  Zufriedenheit  antrifft.  Die  Künstler 
halten  sich  für  schöpferischer  imd  edler  als  andere 
Menschen  und  stehen  darum  weiter  ab  von  dem 
einzigen  und  eigentlichen  Schöpfer;  zur  Erzeugung 
und  Verehrung  der  alten  Mahlerei  geholt  auch  der 
alte  Gatholicismus ,  einem  Protestanten  müszen 
Madonnen,  Ghristuskinder  und  Heilige  als  Heilig- 
thum  nicht  recht  seyn.  Dennoch  hat  Göthe  in 
seiner  Polemik  gegen  die  neuen  Künstler  meiner 
Meinung  nach  Unrecht,  die  weimarischen  Kunst- 
freunde giengen  von  dem  noch  leerem  Princip  griech. 
Form  und  Gomposition  aus,  auch  hat  ihre  Lehre 
keine  Fmcht  getragen.  Es  ist  ihm  von  Fr.  Schlegel 
treffend,  von  Docen  rechtschaffen  geantwortet 
worden  (beides  in  den  Wiener  Jahrbüchem).  Neulich 
hat  Dr.  Schlegel  Rohdesmythol.  Untersuchungen, 
gegen  die   sich   Grenzer    so   bitter   erklärt,    un- 


y  Google 


1820  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  57 

bindig  gepriesen ;  eigentl.  hat  er  Gelegenheit  gesucht, 

seine   Ansicht    vom    alten   Test,    und   zumahl    der 

Genesis  auseinander  zu  setzen ;  eine,  wie  Sie  denken 

können,   erzcatholische   Ansicht,   die   sich  gewagte 

Satze  erlaubt,  zwischenunter  hübsche  Bemerkungen. 

Bitters  Erdkunde  hat  er  auch  sehr  gerühmt,  ohne 

sie  vennuthl.   ordentlich    gelesen   zu    haben.     (Die 

Recension  steht  in  den  Wien.  Jahrb.  die  wir  nicht 

halten.)    Von  diesem  Ritter,  der  jetzt  nach  Berlin 

geht,  um  den  Rühs  tüchtiger  zu  ersetzen,   sende 

idi  die   Vorhalle,    wie    mir   yßrkommt,   doch    ein 

schwächeres  Buch,  als  die  Erdkunde  selbst,  in  dem 

Sie   mancherlei    über    Herodot    etc.    intaressiren 

wird.    Creuzers  mythol.  Behandlungsart  gewinnt 

tigiich  mehr  Einflusz  und  Anerkenntnisz ;  allmählich 

Theben  sich  gleichwohl  einzelne  Gegner.     Ich  habe 

Ihnen  heimlich  schon  einmal  bekannt  und  das  bleibt 

unter  uns ,   dasz  auch  meinem  Gefühl  und  einigem, 

was  ich  mir  von  deutscher  MythoL  vorstellen  musz, 

die   Creuzersche    Bearbeitung    nicht   recht   zusagt. 

Ich  ehre  seine  Gelehrsamkeit  und  streite  ihr  wichtige 

Combinationen  gewisz  nicht  ab,  au  Geist  übertrifft 

er  mir  Heynen  weit,  leidet  aber  etwas  an  der  vagen 

ZQ   viel    um&szenden    Manier,     die    Heyne     ein- 

gef&hrt  hat.     Gründlich  untersuchtes  verbindet  sich 

mit  halbuntersuchtem  und  nimmt  dieses  mit  in  sich 

auf.    Ich  meine,   dasz  man   sicherer  gehen  könne, 

lüLmlidi  langsamer   gehen  müsze.    Es  mag  leichter 

seyn,  einzelnes  zu  bestreiten  und  au&ustellen,  als 

das  Ganze,   aber  das  rechte  Ganze  musz  auch  dem 

fimzelnen   Stich    halten.      In    diesem    Sinne    soll 


y  Google 


58  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1820 

Lobek  (Prof.  zu  Königsb.)  gelehrte  und  scharf- 
sinnige Programme  wider  Greuzersche  Ideen  schreiben 
(man  bekommt  dergl.  nicht  zu  lesen,  doch  die 
Marburger  sind  eifrige  Dissertationstauscher  und 
wenn  Sie  einmahl  nach  Marb.  gehen,  sehen  Sie  zu 
dieser  Programme  habhaft  zu  werden  und  leihen 
mir  sie  dann  auch  hierher,  ich  bin  darauf  neugierig 
gemacht  worden.) 

Ihr  Urtheil  über  Vosz  gegen  Stolberg  freute 
mich,  letzterm  bin  ich  in  der  Sache,  ersterm  in 
der  Form  abgeneigt.  *  Neulich  ist  V  o  s  z  im  Hermes 
hart  recensiert  worden,  leider  von  einem  Unrechten, 
von  Körte,  der  früher  selbst  mit  Vosz  in  ge« 
häsziger  Fehde  begriffen  war  und  mir  fatal  ist 
Auch  dieser  Hermes  wird  nicht  gehalten  und  also 
selbst  meinen  Artikel  wider  Jean  Paul  vermag 
ich  Ihnen  nicht  zu  schicken.  J.  Paul  hat  neulich 
in  einem  eignen  Buche  (über  die  Doppelwörter) 
geantwortet  und  so,  dasz  ich  für  mich  zufrieden 
seyn  kann,  in  der  Sache  genügt  er  lange  nicht. 

Sie  werden  Neuigkeiten  aus  Preuszen  hören 
wollen.  Dasz  Savigny  vor.  Januar  ein  Sohn  ge» 
bohren  worden  ist,  wiszen  Sie  ohne  Zweifel,  viel- 
leicht nicht,  dasz  ich  zu  meiner  Freude  einer  der 
Hitgevatter  war!  Mündlich  habe  ich  noch  gans 
kürzlich  mancherlei  gehört.  Leiblich  ist  S.  dick 
geworden,  was  ihm  nicht  'so  gut  stehen  soll.  Er 
sagt,  dasz  ihm  die  andern  Arbeiten  in  Beendigung 
der  Recfatsgesch.  hinderlich  seyen.  Es  schien  mir 
vor  einem  Vierteljahre  einmahl  möglich,  dasz  er 
gar  ins  Ministerium  rückte;  jetzt  vemelune  ich,  da» 


y  Google 


1820  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  59 

sein  Einfliiaz  im  Staatsrath  abgenommen  haben  soll 
ond  fireue  mich.  Je  gelehrter,  unpolitischer,  desto 
vergnügter.  Das  politische  Preuszen  gefällt  mir 
auch  immer  nidit.  Nicht  einmahl  haben  sies  über 
sich  bringen  können,  die  alberne  Yerschwörungs- 
geschichte  durdi  Offenheit  zu  versöhnen,  hundert- 
tausend Briefe  sind  erbrochen  worden,  um  ein 
Paar  Menschen  in  zweifelhaften  Schein  zu  bringen. 
Ihr  überall  Torbrechender  Dünkel  will  lieber  die 
Form  retten,  öörres  haben  Sie  doch  gelesen? 
er  übertreibt,  aber  ganz  seiner  Weise  nach  und 
▼erdient  solch  ein  Mann  das  Herumirren  in  der 
Fremde,  Frau  und  Kinder  zu  Haus? 

Den  Ferdussi  habe  ich  selbst  noch  nicht  gelesen, 
iheils  misfällt  mir  die  Auszugsmanier,  theils  ist 
die  Einleiinng  mir  zu  bunt,  ich  müszte  viel  lernen, 
um  alles  ordentl.  zu  faszen  imd  lernte  ichs,  würde 
ich  mancherlei  zu  tadeln  haben.  Hammer  mit 
9met  zwar  geistigen  aber  schrankenlosen  Manier 
▼erleidet  mir  auch  das  Orientalische,  selbst  ööthes 
Diyan  ist  noch  ungekauft  und  ungelesen,  worin  doch 
banrÜche  Sachen  seyn  sollen. 

Wie  gehts  in  Marburg?  Vor  einigen  Monaten 
war  der  Vicecanzler  hier  und  soll  viel  verleumdet 
haben,  doch  ohne  Wirkung.  Rommel  hat,  wie  man 
sagt,  Lust  von  dort  weg  und  sich  hier  zu  intrudieren, 
wozu  ihm  die  heszische  Geschichte  doch  nicht  ein- 
mahl helfen  wird,  eher  andere  Verbindungen.  Das 
Buch  in  der  gezierten  Form  unleidlich  aber  nicht 
tidenilos,  hat  innerlich  weder  Saft  noch  Oelehrsam- 
keii     Haben    Sie    ein   jämmerliches   Gedicht    auf 


y  Google 


60  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1820 

seines  Vaters  Jubileum  in  der  Zeitung  gelesen? 
Es  ist  unbegreiflich,  wie  bei  solcher  Gemeinheit  an 
Stil  und  Sprache  noch  solcher  Unsinn  des  Inhalts 
bestehen  kann  (das  seltne  soll  unter  viel  tausenden 
kaum  einem  gelingen,  das  noch  seltnere  unter  ein 
Paar  Superintendenten  gleichwohl  schon  einigenl) 
Dergl.  macht  der  Rector  des  hies.  Lyceums  und 
unsere  Civilisten  und  Staatsleute  erinnern  sich  dabei 
an  Horaz.  Die  Inscription  auf  den  Schloszgrund- 
stein  rührt,  wie  das  gute  Latein  zeigt,  nicht  von 
diesem  Dichter  her,  sondern  Ton  meinem  gelehrten 
Gollegen,  dem  man  nur  das  mildere  incuria  in 
perversüate  verwandelt  hatte. 

Welcher  lai  Grammatik  bedienen  Sie  sich  ?  Der 
Grotefendi sehen ?  Eine  weit  gelehrtere  erscheint 
jetzt  zu  Berlin  von  Leop.  Schneider,  iuf  sieben 
Bände  berechnet,  davon  2  heraus  sind  (Buchst,  und 
Declinationen)   das  Ganze  mir  überaus  willkommen. 

Gott  befohlen!  Mit  meiner  Gesundheit  und 
Arbeitslust  könnte  es  beszer  stehen,  auch  des 
schlechten  Sommers  unerachtet,  wenn  ich  im  Ge- 
müth  recht  gestinmit  wäre.  Der  Himmel  wirds 
schon  wieder  ins  Geleise  bringen.  Wilhelm  grüszt 
mit  mir  auf  das  herzlichste 

der  Ihrige 

Jakob  Grimm. 


y  Google 


1820  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  61 

86. 

Jakob  und   Wilhelm   Grimm   an   Bang. 

Caazel,  8.  Oct.  1820. 

liebster  Freund 

Der  heute  erst  eingetroffene  Gevatterbriel  macht 
xms  herzliche  Freude  und  wir  sehen  darin  einen 
nenen  Beweis  Ihrer  uns  schon  lange  wohlthuenden 
Zuneigung.  Der  Himmel  segne  und  behüte  unsem 
Pathen,  bitten  Sie  Herrn  Würz  er,  dasz  er  uns  bei 
der  Taufe  mitvertrete,  an  ein  Wegkommen  von 
bier  ist  jetzt  nicht  zu  denken,  da  gerade  mein  College 
Völkel  mit  Urlaub  verreist  ist,  sonst  hätte  ich  sehr 
gern  einmahl  persönlich  die  Feierlichkeit  verrichtet, 
bisher  habe  ich  noch  immer  abwesend  seyn  müszen. 
Die  Frau  Gevatterin  grüszen  wir  auch  von  Herzen. 
Die  vollständigen  Namen  sind  unterschrieben,  nun 
wählen  Sie;  im  Carl  treffen  wir  zusammen.  Be- 
richten Sie  uns  aber  den  Hergang,  und  namentlich 
den  Tauftag.  In  dem  Tag  der  Geburt  hatten  Sie 
Sich  töchtig  verrechnet,  da  Sie  im  Julius  so  schnell 
Ton  hier  abreisten,  weil  Ihre  Frau  niederkommen 
wollte ;  dieser  damahls  etwas  weit  hergehohlte  Grund 
soll  Ihnen  jetzt  vergeben  seyn ,  da  Sies  auf  solche 
Weise  gut  zu  machen  wiszen. 

Dasz  Savigny  zu  Frankfurt  haust,  haben 
wir  bereits  gehört  und  glauben,  weil  er  uns  nicht 
hincitiert  hat,  dasz  er  den  Rückweg  hier  über  nehmen 
wird  und  das  musz  bald,  binnen  14  Tagen  geschehen. 
Dann  kriegen  Sie  ihn   früher  als   wir  zu  Marburg 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


62  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang. 

vor  Augen.    Nach  Frankfurt  hätten,  wie  obgemeldet, 
wir  auch  nicht  gekonnt. 

Was  ich  zu  Kraus  und  Zoega  gesagt  hatte, 
weisz  ich  jetzt  nicht  genau  mehr,  ich  meine  blosz, 
dasz  mir  jener  lieber,  als  dieser  wäre,  nicht  gerade, 
dasz  letzterer  weniger.  Beide  stehen  fast  auszer  Yer- 
gleichungspunkten.  Der  Drang  nach  antiker  Kunst 
und  Kunstgeschichte  hat  mir  was  unbehagliches  und 
unpractisches ;  dazu  die  italienische  Unruhe  in  dem 
Manne,  seine  Bücher  über  die  Obelisken  u.  s.  w. 
reizen  mich  gar  nicht  und  viel  eher  würde  ich 
Krauses  Schriften  vornehmen,  aber  noch  lieber 
andere,   zu  denen  ich  nicht  einmahl  gelangen  kann. 

.  Nicht  am  zweiten  Theil  der  Grammatik, 
sondern  an  einer  zweiten  ganz  umgearbeiteten  Aufl. 
des  ersten  lasze  ich  drucken,  dann  soUs  gleich  an 
den  zweiten  gehen.  Das  Feld  ist  überreich  an  Auf- 
schlüszen,  so  dasz  man  mit  Fleisz  und  Arbeit  weit 
kommt,  ohne  viel  Geist  dazu  zu  brauchen.  Vielleicht 
geräths  desto  treuer  und  ich  bin  schon  mit  dem 
Gefühl  zufrieden,  dasz  die  folgenden  nicht  neben 
mich  bauen,  sondern  auf  mich  bauen  werden,  wenn 
sie  auch  so  zubauen,  dasz  von  mir  nichts  mehr  zu 
sehn  seyn  wird. 

Der  Brief  soll  nicht  aufgeschoben  werden,  darum 
für  diesmahl  nichts  weiter  als  dasz  die  Freimdschaft 
zwischen  Ihnen,  Ihrer  Frau,  dem  neugebohmen 
Kind  und  mir  fort  bestehen  soll. 

Jacob  Ludwig  Carl  Grimm. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1820  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  63 

Ich  nnterschreibe  nicht  blos  mit  meinem 
ToUstandigen  Namen  Wilhelm  Carl  Orimm 
sondern  auch  yon  ganzem  Herzen,  was  mein  Bruder 
fiber  diese  nähere  Verbindung  zwischen  uns  gesagt 
and  gewünscht  hat.  Oott  lasze  Sie  an  Ihren  lieben 
Kindern  Freude  erleben,  so  kommt  das  Capital  mit 
Intereszen  zurück  und  die  Lust  ist  neunfach,  wie 
ietzt  die  Last.  Damit  wünsche  ich  Ihnen  denn  auch 
ein  fröhliches  Alter. 

Ich  sehe,  dasz  von  Zoega  die  Rede  war.  Ich 
will  nur  zufügen,  dasz  Leute,  die  ihn  persönlich 
gekannt  und  Verkehr  mit  ihm  gehabt,  mir  erzahlt, 
er  sey  yiel  angenehmer  und  zutraulicher  gewesen, 
iJs  er  so  hier  in  den  Briefen  erscheint.  Er  mag 
darin  seinen  Verdrusz  und  seine  Unruhe  groszentheils 
abgeladen  haben,  so  dasz  ihm  für  den  Umgang  mit 
Menschen  das  Beszere  übrig  blieb.  Jene  durch- 
herrschende Gesinntmg  macht  mir  die  Briefe  etwas 
ingstlichi  das  Vorzügliche  der  Griechen  jene  Eben- 
mäszigkeit  und  lebendige  Oleichmüthigkeit  hat  er 
auf  keinen  Fall  erworben ;  es  überrascht  fatal,  dasz 
er  nach  allen  immer  neu  anhebenden  Klagen,  heim- 
lich eine  ziemlich  grosze  Summe  gesammelt  hat. 
Es  fehlte  ihm  sichtlich  eine  christliche  Beruhigung 
und  dieser  Mangel  an  inneren  Halt,  würde  mich 
bei  allem  Respect  vor  der  Kraft  seines  Geistes 
0.  seiner  Gelehrsamkeit  auch  seiner  sonstigen 
trefflichen  Anlagen,  so  yon  ihm  entfernt  haben, 
dasz  ich  schwerlich  seinen  Umgang  gesucht 
liätie.  In  der  Leichtigkeit,  mit  welcher  er  daran 
dachte,  Frau  u.  Kinder  in  Rom  zu  laszen  u.  allein 


y  Google 


64  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Ban^r.  1820 

nach  Kiel  za  gehen,  so  dasz  ihm  am  Ende  nur  der 
alteklaszische  Boden  zurückhielt,  liegt  eine  italienische 
Kälte  der  Seele,  die  nur  auf  den  Yortheil  nehi 
Doch  er  war  auch  ein  Italiener  durch  Abstammung 
u.  verm.  Angewöhnung.  Sein  Gesicht  ist  frei,  doch 
liegt  mir  etwas  thierisch-geistreiches  darin. 

(Christians  genaue  Adresse  weisz  ich  nicht, 
am  sichersten  Sie  schicken  den  Brief  unter  Umschlag 
an  Franz  Brentano.    [Randbemerkung  v.  J.  G.]) 

87. 
J.  Grimm  an  Bang. 

Cassel  22  Dec.  1820. 
Lieber  Freund  und  Gevatter,  Sie  haben  uns  die 
gewünschte  nähere  Beschreibung  von  dem  Tau&ctus 
und  den  dabei  sich  zugetragenen  Umständen  bis 
jetzt  noch  vorenthalten.  Um  Sie  dazu  anzuregen, 
sende  ich  bei  dem  diesjährigen  Bibliotheksbeschlusz 
ein  Paar  Neuigkeiten 

Voszens  zweite  Schrift 
Göthes  letztes  Heft  von  Kunst 
Aus  Savignys  Besuch  im  October  war  nichts 
geworden,  doch  habe  ich  dafElr  einen  groszen  Brief 
aus  Berlin  empfangen.  Ausserdem  hat  uns  vor  drei 
Wochen  Arnim  hier  besucht,  er  kam  über  West- 
phalen  her  und  hatte  Clemens  und  Christian 
wohl  und  zufrieden  in  Dülmen  gefunden.  Christian 
will  ein  geistreiches  leligiöses  Buch  drucken  laszen, 
Erläuterungen  aus  den  ersten  Kirchenvätern ;  Arnim 
rühmte  es  sehr 

Gott  befohlen,  vergnügte  Weihnacht  und  Neujahr 

Grimm 


y  Google 


1821  XI.    W.  and  J.  Grimm  an  Bang.  65 


38. 

Wilhelm  und  Jacob  Grimm  an  Bang. 

Caezel,  14.  Juni  1821. 
beantwortet  d.  29.  Aug.  Bücher  retour. 

Lieber  Freund  und  Gevatter, 

Werden  Sie  nicht  bös  darüber,  dasz  ich  Ihnen 
so  lange  nicht  geschrieben  habe.  Ich  war  während 
dieses  Winters  in  einer  vielfach  ungewiszen  und 
unruhigen  Lage,  die  mir  alles  Briefschreiben,  wo 
man  sich  doch  gern  bestimmt  ausdrückt,  verleidete. 
An  Savigny  und  Arnim  nach  Berlin  habe  ich 
letzt  erst  fast  nach  einem  halbjährigen  Schweigen 
g^chrieben.  Ich  will  nicht  davon  sagen,  dasz  ich 
seit  dem  November  dem  Kurprinzen  Unterricht 
in  der  Geschichte  geben  musz,  was  mir  besonders 
im  Anfang  viel  Zeit  wegnahm,  da  ich  verschiedent- 
lich mit  dem  Ton  wechseln  und  den  paszenden 
anfauchen  muszte;  es  war  auch  die  Rede  davon, 
dasz  ich  mit  ihm  auf  Reisen  gehen  sollte  und  da 
war  in  meiner  Lage  vielerlei  zu  bedenken.  Nun 
ist  die  Reise  selbst  aufgeschoben  und  so  gut  als 
gewisz,  dasz  ich  nicht  mitgehe  und  da  sich  auf  diese 
Art  meine  Verhältnisze  zu  setzen  scheinen,  so  fange 
ich  auch  an  meine  nach  allen  Seiten  angewachsene 
Schuld  im  Briefschreiben  abzutragen.  Nur  bleibt 
das  bisher  gesagte  völlig  unter  uns. 

In  dem  was  bisher  hier  geschehen,  ist  guter  Wille 
sichtbar  und  der  verdient  unbedingt  Lob;   auch  ist 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Grimm.  5 


y  Google 


66  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  i821 

manchem  wirklichen  Bedürfnisz  schon  abgeholfen, 
namentlich  hat  das  Militär  keine  Ursache  mehr  zu 
klagen.  Überhaupt  aber  regt  sich  eine  gewisze 
Lebendigkeit,  bei  manchen  auch  wohl  wirklicher 
Eifer  für  das  Qute  und  das  thut  einem  schon  in 
der  Erscheinung  wohl.  Sonst  ist  es  die  Neigung 
der  Zeit,  die  Verhältnisze  mehr  nach  dem,  was  sich 
der  Verstand  darüber  ausdenkt,  als  nach  dem  was 
die  Erfahrung  giebt,  zu  ordnen  und  diese  Schule 
will  erst  durchgemacht  seyn.  Mit  einem  guten 
Willen  und  reinem  Wohlwollen  kommt  man  eiuUich 
doch  zum  Rechten  und  diese  Gesinnung  schätze  ich 
in  der  Zeit  der  Experimente  über  alles.  Zudem  be- 
findet sich  Hessen  in  mehr  als  einer  Hinsicht  in 
einer  günstigen  Lage  und  bei  einem  nicht  groszen 
Staate  ist  es  leichter  irgend  einen  Miszgriff  gut  zu 
machen,  weil  er  nicht  so  tiefe  Spuren  eindrückt. 
Für  die  übrigen  Branchen  wird  auch  etwas  geschehen, 
wenigstens  hat  man  alle  Hoffnung,  ich  glaube  auch 
für  die  Wiszenschaften  (man  spricht  von  einem 
Studiendirector);  nur  wird  an  diese  nach  der  Welt- 
lage die  Reihe  zuletzt  kommen.  —  Gebaut  wird  an 
vielen  Ecken,  aber  das  grosze  Schlosz,  das  wir  ge- 
meinschaftlich besahen,  ruht  für  die  ersten  Jahre 
ganz ;  der  verstorbene  Eur f ü r  s  t  hatte  dafür  die  Kräfte 
gespart  und  alles  andere  in  Verfall  gerathen  lassen. 
Ich  übersende  Ihnen  hier  meine  Abhandlung 
über  deutsche  Runen,  wenn  Sie  solche  nicht 
sehr  wichtig  finden,  so  denken  Sie  wie  ich;  nur 
müszen  Sie  es  gelten  lassen,  dasz  darin  ein  paar 
Alphabete  aus   sehr  alten  Hss.  zu  St.  Gallen,  Paris 


y  Google 


1821  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  67 

und  Wien  zum  erstenmal  bekannt  gemacht  und  er- 
läutert sind:  diese  wird  man  als  einen  Beitrag  zur 
Geschichte  des  Alphabeths  betrachten  müszen. 

Auch  l^e  ich  ein  paar  Bücher  aus  der  Biblio- 
thek bei:  die  Geschichte  des  Preuszischen  Staats 
ist  von  Manso  in  Breslau  und  von  der  Regierung 
nicht  gut  aufgenommen.  Es  ist  Haltung  darin,  Styl 
und  guter  Wille,  wer  kann  aber  in  dieser  Zeit  eine 
Geschichte  schreiben",  wo  niemand  so  hoch  steht, 
um  den  wahren  Zusammenhang  zu  sehen  und  wo 
die  Politiker  von  allen  Parteien,  wie  Pilatus,  fragen: 
was  ist  die  Wahrheit?  Man  sollte  blos  Memoiren 
schreiben  und  in  dieser  Richtung  beweisen  die  Fran- 
zosen wieder  ihren  Tact.  Das  Werk  über  Blücher 
scheint  mir  dirlich  und  unbefangen  geschrieben,  sonst 
vsk  es  roh  imd  in  einer  modernen  Manier  gefaszt,  die 
ich  nicht  liebe.  Doch  wird  sich  manches  neue  darin 
find^.  Die  Reisebeschreibung  lege  ich  aus 
doppeltem  Grunde  bei,  weil  sie  die  Gegenden  dar- 
stellt, die  eben  in  dieser  Zeit  so  grosze  Theilnahme 
erregen  und  weil  sie  von  einem  Naturalisten  her- 
rfihrt,  der  sichtbar  nicht  für  den  Druck  niederschrieb 
und  dem  man  deshalb  sein  Triviales  und  auch  Fades 
zu  Gut  halt.  Manches  hat  er  angemerkt  und  heraus- 
gesagt, was  ein  anderer  verschweigt,  weil  er  denkt, 
es  störe  die  Composition  oder  den  Eindruck,  den  er 
machen  will.  Vielleicht  hat  dieser  Natürlichkeit 
das  Buch  die  zweite  Auflage  zu  danken. 

Ich  höre  eben  von  einer  gewaltigen,  mit  bittem 
Xenien  und  sonstigen  Eigenthümlichkeiten  aus- 
gestatteten Recension,    die  Yosz    aus  Jena   gegen 

5* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


68  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1821 

Kreuzer  hat  auslaufen   laszen;   zu   Gesicht  ist  sie 
mir  noch  nicht  gekommen. 

Seyn  Sie  mit  herzlicher  Freundschaft  gegrüszt 
der  Ihrige 

W.  C.  Grimm. 

(Die  Geschichte  von  Preuszen  bitte  ich  bald 
zurückzuschicken,  da  häufig  darnach  gefragt  wird. 
[Randbemerkung.]) 

Der  Wilh.  wollte  Ihnen  länccst  seine  Runen 
schicken,  da  habe  ich  mit  schreiben  wollen,  heute 
finde  ich  Zeit  und  Raum  zu  diesem  Postscript.  Den 
Büchern  föge  ich  noch  Schweinichens  Leben 
hinzu,  worin  köstliche  Sachen  aus  dem  16.  Jahrb. 
stehen.  Gott  stehe  den  Griechen  bei,  wenn  etwas 
heiliges  an  der  heil.  Allianz  ist,  sollte  man  meinen, 
müszte  sie  ohne  Nebenrücksichten  helfen,  zuschlagen 
und  endlich  Europa  säubern.  Ich  grüsze  Sie  und 
unsem  Pathen. 

Ihr  Grimm 

Aus  beiliegendem  Bogen  mögen  Sie  sehen,  wie 
die  neue  Aufl.  wird,  es  sind  erst  100  Seiten  über 
diesen  Bogen  fertig  und  der  Band  kommt  nicht 
unter  900—1000  aus. 

80. 

Wilhelm   Grimm   an   Bang. 

Caezel,  16.  Ang.  1821. 
Lieber  Freund,  seyn  Sie  doch  so  gütig,  Schwei- 
nichens Leben  mit  umgehender  Post  an  mich  mit 


y  Google 


1821  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  69 

dem  Zusatz  för  kurfürstl.  Bibliothek  im  Museum 
(unfrankirt)  abzusenden.  Unser  Minister  hat  schon 
dreimal  darnach  ge&agt  und  ich  habe  endlich  ver- 
sprochen,  es  einzufordern. 

Was  sagen  Sie  zu  der  Vos zischen  Recension 
von  Creuzer  in  der  Jena.  Lr.-Ztg.  ?  Das  fatale, 
hämische  darin  abgerechnet  und  das  unsinnige  über 
theolog.  Umtriebe  und  Heimlichkeiten  Creuzers, 
wäre  es  sonst  gut,  wenn  die  Mythologie  auch  einmal 
in  diesem  Sinne  dargestellt  würde.  Eigentlich  sollte 
man  sich  nur  gegen  Creuzers  Schüler  erklären,  wenn 
sie  die  Sache  zu  weit,  oft  ohne  Gtnst  und  manchmal 
völlig  ins  Blaue  treiben.  Creuzers  Erwiderung  wäre 
wohl  beszer  unterblieben. 

Heute  dürfen  es  nur  diese  paar  Worte  seyn. 
Herzliche  Grüsze  an  Sie,  Frau  und  Kind,  lieber 
Gevatter 

W.  C.  Grimm. 


40. 
Wilhelm   Grimm  an  Bang. 

Caszel,  15.  Octbr.  1821. 

Lieber  Gevattersmann,  ich  hätte  Ihnen  auf  Ihren 
Brief,  den  wir  beide  mit  Vergnügen  gelesen  haben, 
gerne  mündlich  geantwortet,  welches  recht  gut  an- 
gegangen wäre,  wenn  Sie  den  19.  Septbr.  um  die 
Mittagszeit  in  Marburg  an  der  Diligence  yorüber- 
geschritten  wären.  Ich  habe  mich  wirklich  darnach 
tungesehen,  da  sich  ja  wohl  gröszere  ZufaUe  in  der 


y  Google 


70  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1821 

Welt  ereignet;  indessen  erblickte  ich  niemand,  auch 
bei  einem  kurzen  Gang  nach  dem  Eirchplatz,  zwar 
die  alten,  wohlbekannten  Häuser  und  die  fernen 
Berge,  aber  lauter  wildfremde  Gesichter.  Von  der 
Universität  sah  ich  nichts ,  als  hernach  einen  jungen 
Profeszor  Namens  Sartorius,  der  sich  mit  in  den 
Wagen  setzte  und  etwas  determinirtes  und  resolutes 
in  seinem  Wesen  hat.  Bei  der  Rückkehr  am  8.  Octbr. 
kam  ich  in  der  Nacht  in  Marburg  an.  Meine  Reise 
ging  nur  bis  Frankfurt,  wo  sich  von  der  Bren- 
tanoischen  Familie  ein  groszer  Theil  versammelt 
hatte,  zu  der  ich  freundschaftlich  eingeladen  war. 
Der  erste,  den  ich  traf,  war  Christian,  ich  fand 
ihn  wohl,  heiter  und  milder  gesinnt  als  je,  das  heiszt 
gleichförmiger  und  ohne  launenhafte  Zwischenakte. 
Da  ich  zwei  Puncte  nicht  berührte,  so  kam  ich  gut 
mit  ihm  aus,  der  eine  ist  der  Fürst  Hohenlohe,  an 
den  er  unbedingt  glaubt,  und  doch  scheinen  mir 
seine  Wunder  nicht  wimderbarer,  als  alles  andere, 
was  ein  Mensch  im  Vertrauen  auf  Gott  in  ihm  imd 
gestärkt  von  jener  Liebe,  welche  das  Wesen  unserer 
Religion  ist,  vollbringt.  Sonst  scheint  in  dem 
Hohenlohe,  über  den  ich  andere,  die  nicht  aus  blinder 
Leidenschaft  urtheilten,  hart  habe  reden  hören,  die 
Eitelkeit,  wenn  auch  versteckt,  mitzuwirken.  Der 
andere  anstöszige  Punct  bei  Christian  ist  sein 
Parteiwesen  gegen  die  Protestanten,  oder  sein  catho- 
lischer  Eifer.  Er  soll  dort  behauptet  haben,  in  dem 
Luther  habe  eigentlich  der  leibhafte  Teufel  ge- 
steckt und  wie  aufgebracht  er  gegen  Göthe  z.  B. 
sich  äuszert  habe  ich  selbst  mit  angehört.    Er  nannte 


y  Google 


1821  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  71 

ihn  den  deutschen  Voltaire  und  meinte,  statt  eines 
EhrentempeLs  müsze  man  ihm  eine  Schandsäule  er- 
richten. Ich  glaube,  man  musz  die  Zeit  beklagen, 
in  welcher  es  möglich  war,  oder  sogar  erlaubt  schien, 
jeder  Gesinnung  oder  Gedankenrichtung,  die  ein- 
mal in  der  Seele  eines  vom  Geist  hochgestellten 
Menschen  sich  hervordrängte,  eine  Gestalt  und 
poetische  Ausschmückung  zu  verleihen  und  es  ist 
betrübt,  dasz  Göthe  Gedichte,  wie  die  Diana  von 
Ephesus  hat  machen  können  oder  sagen:  im  SOsten 
Jahr  wird  der  Schwärmer  ans  Kreuz  genagelt.  Aber 
man  hat  Unrecht,  so  etwas  f&r  seine  selbsteigene 
Gesinnung  zu  halten  oder  ihn  deshalb  für  einen 
ungläubigen  und  Heiden  zu '  erklären.  Der  Faust 
allein  kann  das  widerlegen. 

Sodann  war  zugegen  die  Fr.  v.  Savigny  aus 
Berlin  nebst  ihrer  Tochter  Bettinchen.  Diese 
ist  grosz  herangewachsen  und  gleicht  dem  Savigny 
sehr,  hat  dessen  dunkle  Augen  und  das  ernste  und 
tiefe  Wesen  von  ihm,  so  dasz  sie  fast  ein  Gegensatz 
m  ihrer  Mutter  ist.  Savigny  konnte  nicht  mitkommen, 
da  er  an  dem  3.  Bande  seiner  Rechts-Geschichte 
arbeitet.  Auch  die  Frau  von  Arnim  mit  ihrem 
jfingsten  Kinde  war  da,  noch  ziemlich  unverändert 
in  ihrer  eigenthümlichen ,  immer  bewegten  Natur. 
Die  Frau  Jordis  mit  ihrem  Manne  aus  Paris  werden 
Sie  kaum  kennen. 

Ich  musz  aber  Ihren  Brief  vornehmen  und  ordent- 
lich beantworten.  Der  Candidat  hat  Ihre  Em- 
pfdünng  überbracht,  ich  kann  aber  nicht  sagen, 
4a8s  er  mir  gefallen.    Er  zeigte  im  Gesprach  etwas 


y  Google  ^ 


72  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1821 

von  jenem  harten,  eigensinnigen  Wesen,  das  den 
wahren  Zustand  der  Dinge  anzuerkennen  sich  weigert 
und  sich  darüber  zu  täuschen,  eine  gewisze  Absicht 
hat.  Ich  glaube  man  ist  verbunden,  den  Griechen 
Beistand  zu  leisten,  weil  sie  Christen  und  unsere 
Brüder  sind  und  weil  ich  mir  eine  barbarische  Herr- 
schaft von  Nichtchristen,  wie  die  der  Türken  ist, 
nicht  als  eine  legitime  denken  kann.  Wollte  man 
untersuchen  ob  ihr  gegenwärtiger  sittlicher  Zustand 
eines  solchen  Beistandes  würdig  sey,  so  könnte  man 
leicht  zweifeln;  in  mancher  Hinsicht  vielleicht  sind 
die  Türken  vorzüglicher:  edler,  tapferer  und  wahr- 
haftiger. Jene  Rücksicht  aber  müszte  alle  Gründe 
der  Politik  überwiegen,  gesetzt  auch  der  Zustand 
der  Griechen  unter  den  Türken,  wäre  leidlich,  da 
ein  dauernder  und  natürlicher  nur  unter  einem  christ- 
lichen Regenten  möglich  ist,  sonst  würde  man  ja 
gerade  auf  das  blos  zufallige  bauen.  Das  Zaudern 
übrigens  verdient  nicht  zusehr  gescholten  zu  werden, 
da  sich  leicht  ein  allgemeiner  Exieg  in  Europa  aus 
jenem  entwickeln  könnte.  Helfen  aber  kann  den 
Griechen  nichts,  als  der  Beistand  einer  groszen 
Macht.  Geld  und  Menschen  brauchen  sie  nicht; 
jenes  namentlich  haben  sie  mehr  ab  wir. 

In  Ihrem  ürtheile  über  Vosz,  für  den  ich  sonst 
gewisz  keine  Vorliebe  hege,  überrascht  mich  doch, 
dasz  Sie  nicht  einen  wahren  Gedanken  in  seiner 
Recension  gefunden  haben.  Ein  solcher  scheint  mir 
doch  zu  seyn,  wenn  er  auf  eine  Untersuchung  über 
die  Geschichte  des  Weinbaus  beim  Dionysus  dringt 
und  ein  Hindemisz  seiner  indischen  Abkunft  in  dem 


y  Google 


1821  XL    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  73 

Mangel  der  Rebe  in  Indien  findet.  Ich  glaube,  ich 
habe  Ihnen  schon  einmal  bemerkt,  es  sei  gegen 
Creazers  Lehre  ein  ungünstiges  Zeichen,  dasz  sie, 
die  der  Urheber  durch  Geist  imd  Originalität  halte, 
bei  den  Schülern  so  sehr  ausarte  und  ungenieszbare 
Fruchte  trage.  Ein  solcher  ist  Mone,  den  sie  schon 
aus  den  Noten  zu  den  ersten  Bänden,  deren  Zierde 
sie  eben  nicht  sind,  kennen.  Dieser  soll  nun  laut 
der  Vorrede  zum  letzten  Band  (in  welcher  ich  auch 
die  Anspielung  auf  das  gebrachte  Vivat  wegwünsche) 
einen  fünften  Band  über  die  nördlichen  Mythen 
dazu  schreiben,  welcher  nach  meiner  Überzeugung 
80  gut  wie  gar  nicht  wird  zu  brauchen  seyn.  Und 
doch  ist  Mone  fleiszig  hat  auch  Geist  und  Gelehr- 
samkeit Eben  hat  er  ein  altdeutsches  Gedicht: 
Otnit  herausgegeben,  mit  einer  Einleitung,  die  das 
Maas  yoU  macht.  Ich  getraue  mir  auf  diese  Art 
ans  einem  Steuerregister,  Frachtbrief  und  Parole- 
befehl die  Grundzüge  der  Druidischen  Mysterien  zu 
entwickeln. 

Göthe  hat  in  einem  neuen  Heft  über  Kunst 
und  Alterthum  das  Ihnen,  sobald  es  angeht,  mit 
andern  Büchern  soll  zugeschickt  werden,  zahme 
Xenien  mitgetheilt,  die  schwerer  zu  verstehen  sind 
als  die  wilden,  aber  doch  deutlich  seine  gegenwärtige 
Gesinnung  bezeichnen.  Sonst  wollte  ich,  statt  dieser 
gereizten  Stimmung  wohnte  ihm  eine  milde,  die 
Gegenwart  mit  mehr  Lust  und  Vertrauen  beschauende 
bei;  wir  würden  gewinnen,  das  ist  klar,  aber  auch 
er.  Achtung  und  Zuneigung  genieszt  er  so  viel, 
tis  ein  Mensch  sich    wünschen  mag,    doch  scheint 


y  Google 


74  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

ihn  eine  gewisze  Alterskrittelei  zu  beschleichen  und 
dasz  er  dabei  dem  Publicum  mancherlei  zumuthefc, 
kann  man  aus  den  neuen  Wanderjahren  sehen.  Das 
seltsame  Erziehungswesen,  der  Bildungsbund,  die 
drei  Ehrfurchten  begreift  kein  ordentlicher  Mensch 
und  so  reizend  die  einzelnen  Erzählungen,  so  unbe- 
deutend  das,  was  den  eigentlichen  Inhalt  ausmachen 
soll. 

Hierbei  kommt  endlich  Christians  Bild,  dessen 
Ähnlichkeit  ich  aufs  neue  bestätigen  kann,  das 
Ihnen  geschenkte  Exemplar  war  nicht  aufzufinden 
und  ein  anderes  schwer  zu  haben,  da  nur  erst  Probe- 
abdrücke gemacht  waren  und  hier  keine  können 
gemacht  werden. 

Leben  Sie  wohl,  und  seyn  Sie  und  die  Frau  Qe* 
vatterin  auf  das  Herzlichste  von  uns  beiden  gegrüszi 
Ihr 
Wilhelm  C.  Grimm. 

41. 

Jacob  und   Wilhelm  Grimm   an  Bang. 

Cassel   14.  Mai  1822. 
Lieber  Gevatter, 

Die  verlangten  Schreiben  gehen  auf  der  Stelle 
nach  Frankfurt  ab  und  zwar  an  Senator  Thomas 
und  Senator  Brentano,  beide  werden  mit  Guaita 
reden.  Hoffentlich  thut  es,  wenn  die  Stellen  noch 
unbesetzt  sind,  Wirkung,  denn  wir  sind  mit  diesen 
Leuten  recht  freundschaftlich.  Zwar  ärgerte  mich, 
dasz  Sie  aus  Hessen  wegwollen  und  sonderbar,  am 
frankf.  Gymnasium  bleiben  viele  nicht  lang;    Doch 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1822  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  75 

mit  Ausnahmen  und  im  Vaterland   gefällt  mirs  seit 
einiger  Zeit  auch  immer  weniger. 

Dasz  Ihnen  unheimlich  über  unsere  Saumseligkeit 
im  Briefschreiben  wird,  ist  nicht  recht;  die  liebsten 
Briefe  alle  liegen  seit  einem  halben  Jahre  vor  mir 
anbeantwortet;  ich  will  mich  zukünftig  vor  über- 
häuften Arbeiten  beszer  hüten,  vor  Kummer  und 
Kränklichkeit  wolle  uns  Gott  behüten,  dergleichen 
ist  im  letzten  Jahre  zu  viel  an  und  über  uns  ver- 
hängt gewesen.  Näheres  sobald  ich  aus  Frankfurt 
Antwort  habe,  dieses  nur  in  Eile. 

Ihr 
Jacob  Grimm 

Lieber  Gevatter,  ich  habe  eben  an  Brentano, 
auch  noch  an  Guaita  geschrieben  und  ich  hoffe, 
dasz  ihre  Antwort  nicht  lange  ausbleibt.  Da  zum 
Briefschreiben  eine  recht  heitere  und  unbedrängte 
Stimmung  gehört,  so  habe  ich  den  ganzen  Winter 
die  Feder  nicht  gerne  angesetzt.  Meine  Gesundheit 
hat  mir  zu  schaffen  gemacht  und  mir  oft  8 — 10  Tage 
ganz  geraubt  und  für  noch  längere  Zeit  mich  ver- 
stimmt. Bücher  wollte  ich  Ihnen  ein  paarmal 
schicken,  aber  die,  welche  ich  auswählte,  wurden 
Ton  angesehenen  Leuten  beständig  gefordert  u.  ge- 
lesen, daaz  ich  sie  nicht  wohl  auf  längere  Zeit  weg- 
nehmen konnte.  Savigny  habe  ich  letzt  einmal 
geschrieben,  als  ich  den  3.  Band  seiner  Rechts- 
gesehichte  gelesen  u.  zu  dem  darin  entwickelten 
Verhaltniaz  der  Florentinisch.  Hs.  des  corpus  j.  zu 
ders.  g.  bolognes.  Recension  etwas  anzumerken 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


76  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

hatte.  Es  sind  sehr  schöne  Dinge  in  diesem  Bande 
und  überall  erfreut  die  Reinlichkeit  und  Nettigkeit 
der  Ausführung.  Haben  Sie  die  falschen  Wander- 
jahre Wilhelm  Meisters  gelesen  und  was  sagen 
Sie  dazu?  Schubert  über  Göthe  kann  ich,  ob- 
gleich dieser  es  rühmt  nicht  vor  mir  behalten,  die 
Nachahmung  ist  mir  zu  widerlich.  Wenn  Sie  wollen, 
so  kann  ich  Ihnen  in  einiger  Zeit  etwas  zusenden, 
auch  die  Memoiren  Yon  Casanova  sollen  Sie  haben, 
in  welchen  eine  merkwürdige  Individualitat  höchst 
lebendig  und  wahr  beschrieben  wird,  aber  Sie  müszen 
das  Buch  verschlieszen.  Raumers  Vorlesungen 
über  die  alte  Geschichte  ist  frei  und  unbefimgen 
geschrieben  und  enthält  schöne  Dinge ;  ist  überhaupt 
beszer  als  man  anfangs  denkt.  Ich  habe  es  noch 
nicht  zu  Ende.  Von  Savigny  habe  ich  nichts 
näheres  seit  6  Wochen  gehört,  wo  er  schrieb  und 
zufrieden  schien,  ich  glaube,  er  hat  ietzt  etwas  mehr 
Zeit  für  sich,  als  früher.  Ein  holländ.  Gelehrter,  der 
lebendigste  u.  angenehmste,  den  ich  noch  gesehen, 
Namens  Thorbecke,  der  vor  kurzem  von  Berlin 
kam,  war  mit  dem  dortigen  Geist  nicht  recht  zu- 
frieden. Von  Christian  weisz  ich  gar  nichts, 
nicht  einmal,  ob  es  wahr  ist,  wie  die  Zeitungen 
melden,  dass  er  nach  Rom  zum  Papst  gegangen  ist. 
Von  meinem  Aufenthalt  in  Frankfurt  im  Herbst 
habe  ich  Ihnen  ja  geschrieben. 

Seyn  Sie  herzlich  gegrüszt  lieber  Gevatter,  Frau 
u.  Patchen  auch.  Besuchen  Sie  doch  den  Suabe- 
dissen,  es  ist  ein  geistreicher,  gelehrter  Mann,  von 
mildem   edeldenkendem  Herzen,  den   ich   recht  lieb 


y  Google 


1822  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  77 

habe.    Gott  aey  mit  Ihnen  und  lasze  alles  zu  Ihrem 
besten  ausschlagen 

Wilhelm  C.  Grimm. 
An  Herrn  Pfarrer  Bang  zn  Goszfelden  bei  Marburg. 

42. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel    11  Aug.  1822 

Lieber  Gevatter,  endlich  lauft  Antwort  von 
Prankfort  ein,  die  ich  im  Original  zu  näherer  Über- 
legung hier  beifOge.  Zu  rathen  ist  da  schwer; 
vieles  mnsz  Ihnen  leid  thun,  das  Aufgeben  der  lang- 
gewohnten schönen  Gegend,  der  Gang  nach  Marburg, 
die  alten  Bekanntschaften.  Mir  für  meine  Gemüths- 
art  ist  Prankfurt  zu  voll,  unruhig,  reich.  Indessen 
ists  ein  anderes,  sich  an  einem  Orte  als  bloszer  Gast 
zu  versuchen  und  sich  an  ihm  einzuwohnen.  Das 
Gute  lernt  sich  erst  allmählig  erkennen. 

Zur  Erklärung  einer  Ihnen  in  Thomas  Briefe 
unverständlichen  Stelle  dient,  dass  meine  Schwester 
vorigen  Monat  den  hiesigen  Obergerichtsrath  Hassen- 
pflug,  einen  braven  Mann,  geheirathet  hat. 

Der  mir  neulich  empfohlene  Mertin  oder 
Martin  war  ein  curioser  Mensch,  dessen  Reise  ich 
nicht  begreife ,  inzwischen  habe  ich  seinetwegen  an 
den  oestr.  Legationssecretär  geschrieben,  der  ihm 
auch  den  Pasz  visiert  hat,  tmd  ihm  eine  kleine 
Geldunterstützung  zur  Weiterreise  auf  sein  Ansuchen 
verabfolgt.  Der  Himmel  fahre  ihn  wieder  heim, 
wohin  er  zu  gehören  scheint;  er  sah  mehr  ungarisch 
aus,  als  österreichisch. 


y  Google 


78  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

Die  Grammatik  ist  endlich  fertig,  liegt  Ihnen  an 
einem  Ex.  so  solls  mit  Gelegenheit  ankommen. 
Wenn  Sie  andere  Bücher  zum  Lesen  von  unserer 
Bibl.  empfangen  wollen,  so  ists  ein  Zeichen,  dasz 
Sie  in  Hessen  bleiben,  in  der  üngewiszheit  mögen 
wir  nichts  hinsenden.  Creuzers  Selbstbiographie 
in  den  Zeitgenossen  werden  Sie  gelesen  haben,  sie 
ist  ehrlich,  aufrichtig,  aber  nicht  besonders  merk- 
würdig; eigentlich  möchte  ich  in  solcher  brok- 
hausischen  Gesellschaft  mein  Leben  nicht  gern  zum 
Besten  geben,  was  einem  am  heiszesten  gemacht 
hat,  kann  man  so  doch  nicht  recht  sagen. 

Herzl.  Grüsze  an  Ihre  Frau  und  den  Pathen, 
auch  von  Wilhelm. 

Ihr 

Jacob  Grimm 

Gelegentl.  grüszen  Sie  doch  Koch,  der  uns  seine 
Programme  freundlich  zusendet  und  der  meiner 
Gramm,  auch  in  seiner  Odyssee  gedenkt.  Haben 
Sie  Suabedissen  kennen  gelernt?  Fein  von  Ver- 
stand und  gut  VQU  Herz,  wie  er  ist,  musz  man  ihm 
gut  seyn,  in  seinen  Mittheilungen  dociert  er  mir  zu 
sehr.    Mit  Wilhelm  ist  er  viel  genauer. 

48. 

Jacob  Grimm  an   Bang. 

Cassel  6  Sept.  1822 
Lieber  Gevatter, 
gleich   nach   Empfang  Ihres  letzten  Briefs  habe 
ich  alles,  wie  Sie  es  wünschen,  und  ausf&hrlich  nacb 
Frankfurt  geschrieben,   seitdem  aber  von  dort  nock 


y  Google 


1822  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  79 

nichts  yemommen.  Gestern  war  ein  Mitbewerber 
auf  unserer  Bibliothek,  ein  Enkel  des  berühmten 
Harles,  Sohn  des  bonner  Mediciners,  der  mir  zu- 
fällig erzahlte,  dasz  er  nach  Frankfurt  reise,  um 
sich  far  eine  der  offenen  Stellen  beim  Gymnasium 
zü  melden.  Ich  sagte  ihm,  dem  Vernehmen  nach 
sey  schon  alles  besetzt.  Dasz  Sie  nicht  gern  andere 
Dinge,  als  phüclogica  lehren  wollen,  ist  ganz  mein 
Gef&hl;  ich  besinne  mich,  wie  unnütz  zu  meiner 
Schulzeit  Moral,  Antologie,  Logik,  Naturgeschichte 
des  Menschen  etc.  getrieben  wurde  und  gerade  der 
gute  Philolog  Ernesti  hat  in  seine  initia  so  viel 
unlehrhaftes  untereinander  gemengt. 

Hierbei  folgt  die  Grammatik  zum  beliebigen  Ge- 
brauch; es  ist  darin  keine  Zeile  der  vorigen  stehen 
geblieben^  buchstäblich  genommen,  und  doch  fordert 
noch  alles  Nachsicht  und  neue  Prüfung.  Dies  Fach 
könnte  recht  lebendig  getrieben  werden,  wenn  sich 
mehr  Leute  darum  bekünmierten,  so  aber  nehmen 
die  meisten  Schulleute  keine  Notiz  davon  und  jähr- 
lich erscheinen  neue  deutsche  Sprachlehren  für  ihre 
Kreise,  ohne  allen  inneren  Werth.  Was  halten  Sie 
?on  den  S.  584  aufgestellten  Sätzen?  ich  glaube  sie 
«nd  für  die  Etymologie  von  einigem  Werth,  wenn 
aneh  noch  manche  Schranken  beigefügt  werden 
müazen.  Ein  Dortmunder  Rector,  Namens  Kuithan, 
der  auch  früher  Pindars  Gesänge  für  Comödien  er- 
Uarie,  sonst  ein  m'cht  unbelesener  Mann,  ist  neulich 
imk  einer  caricaturmäszigen  Ansicht  über  die  Ver- 
^•ödtechafl  des  Deutschen  und  Griech.  vorgetreten, 


y  Google 


80  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

nach  welcher  erst  jetzo  ein  griech.  Wörterbuch 
möglich  werden  soll. 

Mögen  Sie  die  miscell,  crüica  lesen?  ich  lege  das 
zweite  Heft  bei,  es  wird  zu  viel  Mittelgut  darin  auf- 
genommen, die  Redaction  hat  keinen  festen,  gesunden 
Plan,  darum  wirds  bald  wieder  aufhören.  Butt- 
mann über  vv^  &orj  ist  recht  annehmlich,  aber  nicht 
alle  Artikel  seines  Lexilogus  verdienen  gleiches  Lob; 
alles  wo  er  Sachen  zu  erklären  hat,  gelingt  ihm 
mehr,  als  wo  es  auf  blosze  Granmiaticalien  an- 
kommt. 

Creuzers  Biographie  kann  ich  Ihnen  jetzt  nicht 
schaffen;  sie  circuliert  in  Lesegesellschaften.  Sa- 
vigny  schreibt  mir  darüber,  wie  folgt:  ,Cr.  Leben 
ist  factisch  wahr,  so  weit  ich  es  verfolgen  kann, 
auszer  insofeme  der  Totaleindruck  durch  willkür- 
liches Auslaszen  immer  unwahr  werden  musz;  aber 
daneben  hat  es  doch  manches  gar  curiose  und  ge- 
schraubte und  schon  die  eigentliche  Absicht  (Polemik 
gegen  Vosz,  ohne  ihn  zu  nennen)  muszte  ihm  eine 
schiefe  und  befangene  Richtung  geben.  Nichts 
kann  schlechter  motiviert  seyn,  als  die  schnelle 
Rückkehr  aus  Holland.  Im  Ganzen  macht  doch 
Gramer  bei  aller  Eitelkeit  imd  Burschikosität  einen 
frischern  und  lebendigem  Eindruck,  gibt  auch  neben 
der  Biogr.  einen  vollständigem  Eindruck  der  Zeit 
und  Umgebung,  als  Grenze r.* 

Auch  ich  war,  gleich  Ihnen,  mit  Savignys 
Schilderung  von  Bologna  nicht  so  ganz  zufrieden, 
er  antwortet:  „es  ist  mir  merkwürdig,  dasz  das 
Capitel  von  den  Universitäten,  worauf  ich  eigentlich 


y  Google 


Ifö2  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  81 

am  meisten  Werth  lege,  Sie  am  wenigsten  befriedigt 
za  haben  scheint.  In  demjenigen,  was  Sie  darin 
Termissen,  haben  Sie  zwei  starke  Allürte,  meine 
Frau  und  Arnim.  Ich  werde  gewisz  recht  ernstlich 
bedenken,  wie  viel  sich  davon  nachholen  läszt.  In- 
dessen hat  die  Sache  ihre  groszen  Schwierigkeiten, 
Tieles  ist  nicht  au&ufinden,  z.  B.  die  Frequenz, 
auszer  wenigen  und  sehr  vagen  Angaben,  anderes 
ist  nicht  klar  und  brauchbar  zu  machen,  ohne 
d^aillirte  Untersuchungen  etc.^^ 

Ich  mache  Ihnen  hier  Auszüge  aus  lieben  Briefen, 
die  ich  keinem  Menschen  machte,  doch  Sie  haben 
alle  diese  Leute  so  lieb,  wie  ich  und  darum  hats 
nichts  auf  sich,  sondern  erbaut  uns.  Hiermit  für 
heute  genug. 

Ihr 

Jacob  Gr. 
N.  S. 

Wie  ich  diesen  Brief  zwischen  Buch  und  Titel- 
blatt legen  will,  begegnet  ein  Unglück,  ich  reisze  es 
entzwei,  weil  der  Buchbinder  ungebührlich  geleimt 
hat  und  weisz  nun  nicht  zu  helfen,  da  ich  kein  Ex. 
weiter  habe. 

44. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Donnerstag  21  Nov. 
Lieber  Gevatter, 
hat  Ihre  Frau  aus  lauter  Ungeduld,  dasz  nichts 
aus  der  Sache  würde,  für  diesen  Winter  noch  Bohnen 
ttnd  Kraut  eingemacht?    und  doch  können  Sie  über 

1.  StengeL   Briefe  der  Brüder  Orixnm.  5 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


82  ^*   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

ein  Jahr  frankfurter  eszen  müazen,  die  etwas  zarter  seyn 
sollen.  Der  beifolgende  Thomasbrief  besagt  alles 
nähere,  ich  habe  kaum  Zeit  Ghrüsze  beizuschreiben 
und  trage  in  aller  Eile,  raj^a,  Ta^nna  selbst  zu  Post, 
dasz  Ihr  Rathschlag  keinen  Tag  angehalten  wird. 

T.  T.    Grimm 
Herrn  Pfarrer  Dr.  Bang  Hochwürden  Go8zfelden  unweit 
Marburg. 

45. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  19  Dec  1822. 
Diesmahl,  lieber  Gevatter,  folgt  schnellere  Ast- 
wort, weil  ich  Ihnen  noch  vor  dem  jahrig«n 
Bibliotheksschlusz  die  gewünschten  Bücher  zusammen- 
packen will.  Die  Kürze  des  vorigen  Briefs  ent- 
schuldigt mein  Eifer,  Ihnen  die  frankfurter  Nach- 
richt unverzögerlich  zugehen  zu  laszen,  die  Rath- 
losigkeit  des  Briefs  rührte  daher,  dasz  ich  früher 
schon  herausgesagt  hatte,  was  für  und  wider  in  mir 
zu  finden  war,  mich  aber,  der  ich  weder  im  Gosz- 
felder  Pfarrhaus,  noch  in  der  frankfurter  Schule 
lebendig  genug  stecke,  scheute,  bestimmter  zu-  oder 
abzureden.  Jetzt,  nachdem  Sie  entschloszen  sind, 
den  Ruf  anzunehmen,  melde  ich  dasz  ich  vorige 
Woche  an  Creuzer  geschrieben  (der  mich  vor 
6  Wochen  um  die  Sache  gefragt  hatte):  «ich  an 
B  an gs  Stelle  gienge  nach  Frankfurt  und  versuchte^s.* 
Sie  habens  in  Hessen  genug  versucht.  Gott  wird 
weiter  helfen;  Useners  5000  Gulden  sind  lächer- 
lich, er  nmsz  nicht  wiszen,  was  mäszig  und  ordent- 
lich wirtschaften  heiszt  und  zu  den  2200  erwerben 


y  Google 


1®2  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  83 

Sie  durch  Zöglinge  und  einige  Privatlectionen  ohne 
Zweifel  einen  erkleckliclien  Snccurs.  Was  mehr 
werth  ist,  Seele,  Muth  oimI  GManken  werden  Dmen 
in  der  nenen  Lebensweise  gelüftet  und  wer  weisz, 
wdche  Hoffiaungen  und  Aussichten  die  nächsten 
Jahre  offnen.  Haben  die  Frankfurter  vor  Ihren 
^en  Kindern  Furcht,  so  geben  Sie,  wenn  sie  an- 
wachsen, einige  nach  Hessen  (wo  Sie  gewisz  noch 
Anhang  b^alten)  zurück  und  thun  der  alten  schOnen 
Zmeigung  damit  Genüge.  Ich  schreibe  dieser  Tage 
anch  an  Thomas,  in  Ihrem  Sinn;  fürchten  Sie 
nscht  durch  eine  Äusserung  Ihres  Briefs,  den  ich 
ihn  mitgetheilt,  compromittirt  zu  werden.  Von 
Scbwencks  Hitbewerbung  wuszte  ich  noch  nichts, 
er  wohnte  zuletzt  in  Bonn  oder  ist  noch  da,  er  will 
Voflsen  in  der  Übersetzung  Homers  überbieten 
and  hat  jüngst  eine  Probe  der  Odyssee  gegeben, 
auch  früher  den  Eallimachus  steif  übertragen 
and  ganz  frisch  etymol.  und  myth.  Andeutimgen 
dmcken  laszen,  die  ich  Ihnen  hier  mitsende.  Sie 
g^len  mir  nicht,  wenigstens  etymologisiert  er 
leichtsinnig  und  etwas  in  Kannescher  Art,  ohne 
Kanne s  Combinationsgabe.  Beszer,  weit  beszer 
and  Welckers  Anhänge  zum  Buch.  Mittlerweile 
ist  ja  nun  anch  an  der  Heidelberger  Schule  ein 
Platz  leer  geworden,  durch  den  Tod  des  jungem 
Vosz,  (in  der  Jen.  L.  Z.  stand  eine  Anzeige  von 
Vater  und  Mutter,  die  mich  gerührt  hat)  worum 
sidi  Schwenck  bewerben  kann,  ich  weisz  zwar 
nicht,  wie  er  sich  mit  Creuzer  steht,  habe  aber 
diesem  neulich  meine  Meinung  von  den  „Andeutungen*^ 


y  Google 


84  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

geschrieben.  Soviel  sieht  man  jedoch  aus  dem 
Buche,  dasz  Schwenck  ein  Mann  von  Kopf  ist, 
der  etwa  künftig  anderes  leisten  wird. 

Creuzern  habe  ich  nie  genau  gekannt,  (wo  er 
unser  in  seiner  Biographie  erwähnt,  ist  auch  ein 
Anachronismus)  aber  bei  jeder  Gelegenheit  geföUig 
und  freundlich  gefunden;  ein  wenig  zu  höflich,  was 
ich  für  Professorenmanier  hielt.  Seine  weite  und 
breite  Gelehrsamkeit  flöszte  mir  R^spect  ein  und 
ohne  dasz  sich  dieser  verloren  hat,  ist  mir  hernach 
doch  seine  Methode  bedenklich  vorgekommen. 

Gramer,  dessen  Lebensbeschreibung  Ihnen  ge- 
fallen hat,  soll  unklug  geworden,  wenigstens  voriges 
Jahr  gewesen  seyn,  wenn  jetzt  wieder  ein  lucidum 
intervallum  eingetreten  ist.  Er  muszte  zu  Kiel  von 
allen  Dienstgeschäften  entbunden  werden.  Etwas 
schwärmerisch  burschikoses  hat  er  mit  seinem 
Bruder,  vielleicht  auch  dem  Vater  gemein  und  es 
bricht  selbst  an  einigen  Stellen  jenes  Buches  hin- 
durch. 

Ich  meinte  nur:  Ernesti,  eigner  Tüchtigkeit 
unbeschadet,  möge  der  alten,  strengen  Schulmethode 
durch  die  initia  geschadet  haben,  seitdem  wollten 
immer  mehr  die  Schulen  Vorgeschmäcke  von  den 
einzelnen  Universitätsdisciplinen  geben.  Hier  in 
Cassel  war  zu  meiner  Zeit  Richter  ein  tüchtiger 
Philolog  Rector,  zu  Halle  gebildet,  in  Latein  und 
Griechisch  stark,  aber  die  Stunden  Homers,  griech. 
Geschichte  und  selbst  Ciceros  wurden  aus  Liebhaberei 
zu  Logik,  Metaphysik  nach  Ernesti  oft  beein- 
trächtigt und   zwar   wider   die  Neigung,    soviel  ich 


y  Google 


1822  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  85 

mich  erinnere,  aller  Mitschüler.  Jetzt  siehts  mit 
dem  hiesigen  Lycenm  nicht  gut  aus,  kein  Lehrer  ist 
daran,  der  jenem  Richter  zu  vergleichen  wäre. 
Das  jetzige  Ministerium,  d.  h.  der  Ministerialrath 
Kraft,  hat  zwar  den  Gehalt  erhöht  (der  Rector 
steht  über  1000  Thlr.  und  hat  täglich  wohl  nur  2 
Stunden)  begünstigt  aber  die  Realwissenschaften 
über  alle  (Gebühr,  da  scheint  Mathematik,  Physik, 
Erdkunde,  Statistik  Hauptsache,  kurz  die  französ. 
westphalische  Ansicht  spukt  auch  in  den  Schulen. 
In  der  Bürgerschule  hat  der  Inspector  Schmieder 
neulich  sogar  Nosologie  vorgetragen;  das  haben  sie 
üun  zwar  gelegt,  denn  es  sitzen  im  Schulrath  noch 
ein  Paar  Verständige.  Aber  der  weltbürgerliche 
ünfdg  bricht  zu  leicht  durch  und  möchte  lieber  den 
Primanern  den  untersten  Freimaurergrad  ertheilen, 
als  die  alte  ehrliche  Burschicosität  aufblühen  laszen. 
Alles  dieses  unerachtet  hatte  ich,  als  es  mit  der 
frankfurter  Vocation  zu  zögern  schien,  vor  einigen 
Monaten  den  Versuch  gemacht,  Ihrer  zu  gedenken, 
aDein  meine  Stinmie  geht  nicht  weit  über  den  Stein- 
wnrf  geschweige  soweit  als  man  einen  rufen  hört. 

Sie  erhalten  hierbei:  1.)  Oenelli  2.)  Pal.  des 
Scanrus  (scheint  mir  unwichtig)  3.)  Schlossers 
BildniKE.  4.)  Dessen  Weltgeschichte  4  Bände  (ein 
treffliches  Buch,  wiewohl  imgleich  und  äuszerlich 
oft  nachlässig,  aber  der  Mann  hat  studiert  und 
beobachtet.)  5.)  Lachmann  über  griech.  Metrik 
(seharfisinnig  und  noch  imgeprüft);  ist  Hermann  zu 
boehmüthig  dazu?  oder  störts  ihn  in  seinen  Gewohn- 
heiten?   Ich  weisz  nicht,    ob  Sie  die  Metrik  genug 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


86  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1822 

interessiert;  der  Vf.  hat  auch  f&r  viel  anderem  Sinn, 
sein  Bruder  hat  neulich  einen  Göttinger  Preis  über 
Livius  gewonnen,  beide  sind  Braunschweiger) 
6.)  Schwenck.  7.)  Mise.  crü.  particula  HI.  {wom. 
ich  etwas  gegen  den  eigensinnigen  Grotefend  ge- 
schrieben habe,  der  zwar  bekritzelte  Dachziegeln 
alphabetisch  würdigt,  aber  die  klarsten  Dinge  an- 
ficht; es  stehen  auch  zwei  Lob ekische  Programme 
drin  abgedruckt ,  gegen  C  r  e  u  z  e  r  sehe  Ideen.) 
8.)  Stieglitz  Arch.  d.  Unterhalt. 

Meine  »Gramm."  betreflFend.  Die  Vorrede  u. 
EinL  muszte  wegbleiben,  weil  sie  zu  viel  unreife 
Dinge  enthält,  oder  neu  geschrieben  werden,  wozu 
Zeit  und  Raum  gebrach.  Wegen  der  Dedication 
habe  ich  mich  lange  bedacht,  endlich  überwog  das 
Bedenken,  das  mir  einer  meiner  Brüder  (den 
Sie  nicht  kennen,  er  ist  zu  Berlin  in  einer  Buch- 
handlung) in  die  Seele  gesetzt  hatte,  er  schrieb  mir 
damahls,  als  ich  ihm  die  erste  Ausg.  schickte:  wie 
magst  Du  so  was  von  der  seel.  Mutter,  von  Dir  und 
uns  unter  fremde  Leute  hinaussagen?  — 

Dem  jungen  Creuzer  will  ich  gern  Bücher 
schicken,  die  er  aus  der  hies.  Bibl.  brauchen  kann; 
nur  meine  ich,  einer  der  aus  Heidelberg  kommt, 
sollte  etwas  aus  den  dortigen  altd.  Hss.  zum  Besten 
geben,  mit  denen,  seit  dem  sie  aus  Rom  da  sind, 
blitzwenig  ausgerichtet  worden  ist  und  sie  enthalten 
des  Wichtigen  in  Menge;  hier  haben  wir  blosz 
Wichtigkeiten  der  dritten,  vierten  Ordnung. 

Senden  Sie  doch  No.  4  (Schlosser,  der  von 
einigen  hier  gebraucht  wird)  No.  6  (wegen  nöthiger 


y  Google 


1823  XI.    W.  nnd  J.  Grimm  an  Bang.  87 

Antwort  auf  Welk  er  8  angeklebten  Brief)  und 
No.  7.  früher  als  die  andern  zurück.  Heerens 
tust.  Schriften  und  Eichhorns  Jahrhund,  sind  zwar 
auf  der  Bibl.  allein  theilweise  ausgeliehen. 

Sobald  sich   Ihre  Sache  entscheidet  müszen  Sies 
gleich  melden.     Herzliche  QrOsze  von  Wilhelm 

Ihr  Jacob  Grimm. 


46. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Nachdem  ich  lange  auf  Neuigkeiten  aus  Frank- 
furt und  Goszfelden  geharrt  habe,  macht  beifolgender 
Brief  der  ganzen  Sache  ein  Ende.  Es  thut  mir 
herzlich  leid,  dasz  unsere  Wünsche  scheitern. 

Die  Bücher  von  vorigen  Weihnachten  werden 
Sie  empfangen  haben  nebst  einem  langem  Brief, 
ab  dieser  werden  kann,  denn  ich  habe  seit  Anfang 
cL  M.  auch  Wilhelms  Dienst  mitzuversehen  und 
auszerdem  Sollen  und  Besuche  über  seine  nicht  un- 
bedenklich gewesene  Krankheit  auszustehen,  und 
komme  Tag  und  Nacht  wenig  zu  mir.  Es  war  ein 
heftiges  Fieber,  wenn  auch  kein  Nervenfieber,  doch 
iuszerst  abmattend  und  niederschlagend.  Seit  fünf 
Tagen  ist  Gottlob  keine  Gefahr  mehr,  aber  er  liegt 
uoeh  und  gewinnt  kaum  die  Eszlust  wieder. 

Ihr  treuer  Freund  Grimm 
d.  19  Febr.  [1823] 
Herrn  Pfarrer  Dr.  Bang  Hochehrw.  Goszfelden  bei  Marburg. 


y  Google 


88  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.         1823-24 

47. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  26  Febr.  23 

Lieber  Freund 
ich  bestätige  Ihnen  mit  Freuden,  gleich  auf  den 
Empfang  Ihres  Briefes,  Wilhelms  Genesung;  er 
ist  nur  noch  schwach,  niedergeschlagen  und  etwas 
krittelig,  wie  es  seyn  soll,  wenn  die  Nerven  gelitten 
haben. 

Auf  das  Weitere  antworte  ich  mit  den  Büchern. 
Von  dem  jungen  Osterhausen  weisz  ich  nichts, 
glaube  aber  gehört  zu  haben,  dasz  ihn  die  bisherige 
Erziehung  nicht  verzärtelt  hat.  Er  wird  wohl  bei 
Collmann  gewesen  seyn  und  nicht  sehr  viel  ge- 
lernt haben. 

Ihr  Grimm 
Herrn  Pfarrer  Bang  Goszfelden  b  Marburg 

48. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  5  Jan  1824 

Lieber  Herr  Gevatter, 
ein  kurzer  Brief  nach   langem  Schweigen   kann  es 
nur  mit  Familienneuigkeiten  zuthun  haben,   deren 
ich  zwei  zu  melden  habe: 

1.)  heute  morgen  ist  die  Schwester  von  einem 

gesunden  Knaben  entbunden  worden. 
2.)  Gonradi  ist  Bräutigam.     Die  Tochter  des 
Philosophen   Schulze    hat   ihn   so   schnell 
erobert. 


y  Google 


1824  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  89 

Ein  gesegnetes  Neajahr!  bedürfen  Sie  denn  gar 
keiner  Bibliotheksbücher  mehr?  Von  uns  herzliche 
Ghrfisze 

Jacob  Grimm, 


49. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

M^i  non  uttam  moram  spatiumque  indulget 
Dens,  Sie  mögen  nun  denken  was  Sie  wollen  und 
mich  auf  falschem  Wege  wandelnd  glauben,  ich 
schreibe  bogenweise  den  zweiten  Theil  meiner 
deutschen  Gr.  in  die  Presse,  habe  im  letzten  Viertel- 
jahr eine  kleine  , serbische  Gramm.*  bearbeitet,  soll 
eine  schon  gewonnene  aber  noch  nicht  fertige  Preis- 
schriffc  über  die  deutschen  Adjectiva  liefern  und 
^erde  gekrankt  und  bekümmert  daneben.  Doch 
mein  guter  Muth  läszt  mich  selten.  Hierbei  Eich- 
horn 6  Bande,  Heeren  6,  Augusti  4,  Casanova  4, 
letzteres  ein  sündliches,  verbotenes  Buch,  das  wohl 
ungedruckt  hätte  bleiben  sollen,  zwar  lebendig,  aber 
doch  halb  erlogen  ist.  Wilh.  grüszt  herzlich  und 
wül  von  Marburgs  glänzenden  Cirkeln  nichts  wissen, 
blosz  bei  Schenk  habe  er  einmahl  gegessen  und 
bei  Suabedissen  seyen  nur  die  üblichen  Lichter 
Abends  gebrannt  worden.  Ich  verbleibe  Ihr  treuer 
Freund  und  Gevatter 

Grimm 
Am  14  Jan  1824. 


y  Google 


90  XI.  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1825 

50. 

Wilhelm  Grimm  an  Bang. 

Gaszel  10.  Man  1825. 
Lieber  Freund  und  Gevatter, 
ich  melde  Ihnen  feierlich,  dasz  ich  seit  kurzem  ver- 
sprochen bin  und  in  diesem  Frühjahr  heirath^ 
werde.  Meine  Braut  heiszt  Dorothea,  wie  meine 
selige  Mutter,  ihr  Familien  Name  aber  ist  Wild. 
Sie  ist  meine  älteste  und  liebste  Freundin,  ich  habe 
sie  schon  als  Kind  gekannt  und  wir  Geschwister, 
keinen  ausgenommen,  lieben  sie  längst  wie  eine 
Schwester ;  wenn  jemand  zu  uns  und  unserm  Wesen 
paszt,  so  ist  sie  es.  Das  soll  nun  gerade  kein  Lob* 
Spruch  seyn,  aber  auch  in  anderer  Hinsicht  können 
Sie  mir  mit  gutem  Gewiszen  Glück  wünschen.  Ich 
nehme  alles  an,  nur  keine  Anspielung  auf  die 
Namen  Grimm  u.  Wild,  ich  habe  sie  schon  so 
oft  gehört,  dasz  der  Witz  keinen  Eindruck  mehr 
auf  mich  macht,  zumal  sind  wir  beide  längst  brod- 
eszende  Menschen,  leidlig  zahm  und  sanftmüthig. 

Ich  weisz  nicht,  ob  es  sich  schickt  in  einem 
solchen  Briet  auch  von  andern  Dingen  zu  reden. 
Sie  haben  doch  die  Bücher  abholen  lassen?  die 
AntisymboUk  von  Yosz  biete  ich  Ihnen  nicht  an, 
weil  sie  wahrscheinlich  längst  in  Ihren  Händen  ist 
Nun  ist  ja  offener  Krieg  zwischen  den  Parteien, 
Welker  ist  in  der  Leipz.  Lit.-Ztg.  mitgenommen 
worden,  doch  mit  Anstand  und  billigen  Artigkeiten, 
dagegen  istSchloszer  gegen  den  Götting.  Müller 
gewaltig  ins  Zeug  gegangen.  Von  diesem  gefallt 
mir    die  Art,     wie    er   den  Vosz    in   den  Gtötting. 


y  Google 


1825  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  91 

Blättern  so  eben  ai^zeigt  hat,  sehr  wohl,  diese 
Manier  paszt  allein.  Polemisch  ist  der  Vosz  fast 
immer  trefflieh,  dazu  paszt  auch  seine  eigene,  beides 
gewandte  n.  steifstellige  Art  sich  auszudrücken,  soll 
er  aber  nun  selbst  etvras  vorbringen ,  so  gibts  auch 
wunderliches  Zeug.  Wiszen  Sie  wohl,  dasz  uns  beide 
die  Gdttinger  zu  Weihnachten  in  ihre  Societät 
der  Wissenschaften  aufgenommen  haben,  auch 
deshalb  nehmen  wir  Gratulation  an.  Dafür  haben 
wir  auch  treffliche  Recensionen  in  die  Anzeigen  ge- 
liefert, wie  sie  sagen;  wenn  dies  Wohlgefallen  an 
mis  nur  lange  dauert,  weil  wir  dergleichen  eigentlich 
nur  nach  Lust  und  Geüedlen  schmieden,  nicht  aber 
auf  Bestellung. 

Könnte  ich  Ihnen  doch  gute  Nachricht  von 
Sayigny  geben !  die  neuesten  (vom  4.  März)  sind  gar 
nicht  beruhigend,  das  Nerrenübel  durch  Verkältung 
gereizt,  hat  sich  wieder  eingestellt,  nun  ists  einen  Tag 
leidUch,  den  andern  desto  schlimmer  und  er  liegt  den 
Tag  über  mismuthig  auf  dem  Ganapee.  Andere,  (sehr 
ordentliche)  Leute,  Freunde  von  ihm  und  mir,  klagen 
darüber,  dasz  der  Verf.  der  Schrift  von  dem  Beruf 
zur  Gesetzgebung,  selbst  stark  an  der  Abfaszung 
einer  Menge  neuer  Gesetze  sich  abarbeite.  Das 
kann  ich  nicht  beurtheilen,  doch  scheint  mir,  als 
wenn  das  ausschlieszlich  gelehrte  Leben  seinem 
Charakter  und  Würde  angemeszener  gewesen  wäre 
ond  für  ihn  in  jedem  Falle  glücklicher,  als  ein 
solches,  welches  freilich,  wenn  er  leben  bleibt  zum 
Minister  führen  kann,  aber  doch  sein  Herz  schwer- 
Hch  ausfüllen.   Ich  glaube,  dasz  die  Frau  in  diesen 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


92  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1825 

Dingen   mehr  Einflusz   auf  ihn  hat,    als   er   selbst 
denkt. 

Hier  ist  alle  Welt  mit  der  bevorstehenden  Ver- 
mählung der  Prinzeszin  beschäftigt,  die  so  glänzend 
als  möglich  werden  soll.  Heute  sind  vor  meinem 
Fenster  die  Latemenstöcke  ausgegraben  worden, 
damit  die  100  u.  mehr  Wagen  nicht  davon  gehindert 
werden.  Nun  musz  z.  B.  ausgerechnet  werden,  wie 
viel  Minuten  jeder  Wagen  zum  Vorfahren  nöthig 
hat  u.  wie  viel  Stunden  vorher  also  der  erste  an 
der  Stelle  seyn  musz.  Wenn  Sie  kommen  wollen, 
sollen  Sie  den  ganzen  Zug  aus  meinem  Fenster  mit 
ansehen.  Ich  wünsche  der  Princeszin  das  beste 
Glück,  sie  ist,  wenn  gerade  nicht  regelmäszig  schön, 
doch  sehr  angenehm  imd  freundlich  und  von  einem 
trefflichen  Herzen;  ich  kann  das  sagen,  da  ich  sie 
öfter  bei  der  Kurfttrstin  gesehen  und  gesprochen 
habe.  Auch  der  Herzog  scheint  von  wohlwollender 
Gesinnung  zu  seyn  und  einen  schönen  Ernst  för 
seinen  Beruf  zu  haben. 

Nun  leben  Sie  wohl,  Ueber  Freund  und  Gevatter, 
der  Gratulations  Brief  wird  Ihnen  nicht  erlaszen, 
wir  sämmtlich  grüszen  Sie  auf  das  herzlichste. 

Wilhelm  Grimm. 

51. 
Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  23  febr  1826. 
Lieber   gevatter,    hier   haben   Sie    den    zweiten 
theil  meiner  „grammatik*,  worin  Sie  gutes  unii  un- 
reifes untereinander  finden  werden,  hinten  ist  auch 


y  Google 


i 


1^  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  93 

was  über  die  griech.  zusammensetzungsweise  gesagt 
und  sogar  ein  futurum  I.  imperativi  nachzuweisen 
versucht  worden.  Hinterher  sehe  ich,  dasz  die  griech. 
grammatiker  (ich  meine  die  alten,  nicht  die  heutigen) 
auch  eine  ci-v^fa^g  und  naqu^^ag  gründlich  zu  unter- 
scheiden wiszen,  was  ganz  in  meinen  kram  past. 
Wir  wollen  sehen,  was  kleben  bleiben  wird.  Haben 
Sie  den  zweiten  theil  von  Buttmanns  lexilogus 
gelesen?  Der  mann  weisz  erstaunlich  viel  und  geht 
aufrichtig,  grade  zu  werke;  sein  etymologisieren 
scheint  mir  gleichwohl  zu  vag  und  aus  keiner  mitte 
ausgehend,  nur  stellenweisze  anklopfend.  Widrig 
unterhaltend  sind  mir  Riemers  ausfälle  in  fast 
jedem  artikel  seines  Wörterbuchs.  (Jena  1825)  gegen 
die  verschiedensten  leute,  z.  b.  Vofs,  Creuzer, 
Lobeck;  und  Passow  hat  ihn  in  der  vorr.  zu 
seiner  neusten  ausg.,  dünkt  mich,  wohl  abgefertigt. 
Im  promptiMrio^  wenns  noch  herauskommt,  werde 
ich  schwerlich  leer  ausgehen.  Bloch  (der  Däne) 
hat  eben,  gegen  fast  alle  deutschen  philologen,  die 
reuchlinische  ausspräche  in  einer  besonderen 
«ihrift  (Altona  Hammerich  1826.)  umständlich  ver- 
theidigt.  Ich  glaube  und  hoffe  aber  doch,  dasz  er 
unrecht  hat.  Interessiert  Sie  das  buch?  ich  denke 
Sie  lehren  Ihre  schüler  kein  ita  sprechen. 

Savigny  hat  seit  einem  halben  jähr  nicht  ge- 
schrieben, ich  höre  aber  seine  gesundheit  steht 
beszer  und  die  frau  ist  wohler  als  je.  Diese  frau 
hat  gewis  auf  sein  leben  einen  groszen  einflusz  ge- 
habt durch  ihr  unruhiges  unaufhörliches  treiben  und 
planmachen,   das  allen  Brentanos  eigen  ist.    Der 


y  Google 


94  XI.   W.  nnd  J.  Qrimm  an  Bang.  1826 

sahn  soll  jetzt  zu  Bonn  ordentlicher  Studien  und  die 
eitern  nur  dadurch  dasz  er  keine  briefe  sdireibt, 
quälen.  Die  tochter  ist  nachdem  es  ihr  freigestdit 
worden,  in  die  protestantische  kirche  getretai,  was 
der  mutter  sidier  unlieb  war.  Clemens  haust  zu 
Goblenz,  soll  aber,  wenn  Görres  nach  Aschaffen- 
bürg  zieht,  auch  dahin  wollen;  neulich  schrieb  er 
uns,  bei  irgend  einem  anlasz,  unerwartet  und  auf 
einen  besudi  deutend,  den  idi  mir  nidit  wünscke: 
in  ihn,  als  ein  gebrediliches  gefäsz,  sei  so  Tiel 
wichtiges  gegoszen  worden,  er  sudie  es  in  andere 
auszuschütten  und  zu  sichern.  Was  es  ist,  weisz  ich 
ungefähr,  es  sind  die  reyelationen  der  dfilmner  noone. 
Sem  bruder  George  erzählte  uns  neulich  auf  der 
durchreise:  Clemens  habe  die  nonne  gefragt,  was 
der  herr  Christus  in  der  langen  zeit  bis  zum 
dreiszigsten  jähr  gethan  und  erfahren  hätte;  das 
wäre  ihm  nun  von  der  nonne  allmahlig  haarklein 
o£Fenbart  worden  und  er  hätte  ganze  bücher  davon 
ToUgeschrieben.  Wer  möchte  die  schwärm^eien 
oder  nur  einen  theil  davon  anhören!  Die  proseljten- 
macherei  ist  mir  bis  in  den  tod  verhaszt,  sie  ist  der 
ärgste  diebstahl  den  einer  am  andern  verüben  kann. 
Von  Creuzers  vocation  nach  Berlin  habe  ich 
auch  gehört  Altenstein,  der  von  Hegel  ab- 
hängt, also  Hegel  möchte  ihn  hinziehen;  andere 
(Niebuhr  etc.)  sind  dawider.  Ich  meine,  er  sollte 
ruhig  zu  Heidelbei^  bleiben,  da  er  hinlängliches 
auskommen  hat  und  dem  ab-  oder  zunehmenden 
äuszem  rühm  im  vertrauen  auf  das  gute,  was  sein 
eigen  ist,  gleiehmüthig   zusehen,    (im  zweiteoi  Heft 


y  Google 


1£26  XI.  W.  xmd  J.  Grimm  an  Bang.  95 

des  Hennes  von  1826  steht  auch  wieder  eine 
hrfbge,  misbilligende ,  aber  wenig  neues  sagende 
recension  der  Symbolik.    [Zusatz  am  Rand.]) 

Nälier  li^  uns  hier  seines  neffen  geschiok,  den 
wir  oft  sehen,  von  dem  ich  aber  wenig  erfreuliches 
melden  kann.  Er  bleibt  in  dem  angetretenen  porten 
nicht,  und  tritt  ostem  heraus.  Das  yerdenke  ich 
ilufi  an  sich  keineswegs;  die  jungen  sollen  faul  und 
HBgezogen  sein;  das  ganze  haus  hat  nichts  an- 
sehendes, freundliches.  Aber  wenn  sich  nur 
Creuzer  nicht  selbst  wieder  um  das  brächte,  was 
er  durch  die  stelle  erlangen  wollte,  wenn  er  nur 
seuie  ekem  nicht  dadurch  betrübte !  Er  ist  ein  ehr- 
licher guter  mensch,  das  sieht  man  ihm  an  und  ich 
traue  ihm  auch  kenntnisse  zu,  aber  wenig  gesohick, 
sie  zu  brauchen  und  anzuwenden.  Er  hat  eine 
merkwürdige  nnentschloszenheit  und  unfertigkeit, 
die  sich  bis  in  phrasen  und  unbeholfne  ausdrücke 
Ober  die  gewöhnlichsten  dinge  zeigt.  Mit  rührender 
Offenherzigkeit  klagt  er  sich  selbst  seiner  fehler 
ond  schwächen  an,  aber  er  scheint  zu  keinem  ding 
rechten  muth  zu  haben.  Dun  müszen  leute  helfen, 
<äe  ihn  lieb  haben  und  helfen  können.  Das  können 
wir  hier  in  unsrer  läge,  die  ohne  allen  einflusz  ist, 
zwar  nicht,  wollen  ihm  aber  zu  rathen  suchen,  so 
hsige  er  noch  hier  ist.  Er  hat  gewünscht,  dasz  wir 
Ihnen  unsre  meinung  über  ihn  schrieben.  Auf  einer 
hiblioihek  würde  er  sich  nicht  uneben  gebrauchen 
IttBen;  aber  da  ist  hier  nichts  abzusehen  wo  wir 
fldbst  &8t  schon  zu  viel  scheinen. 


y  Google 


96  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1826 

Das  bücher  auswärts  leihen  haben  uns  die  mar- 
burger  herren  fast  verdorben.  Warum  gönnt  uns 
keiner  ein  vernünftiges  wort,  statt  uns  beim  ministerio 
officiell  zu  verklagen,  dasz  wir  (instructionsmaszig) 
ein  kupferwerk  zu  verabfolgen  uns  weigerten!  Den 
erfolg  hätte  ich  voraus  sagen  wollen.  Sie  sind  ab- 
schlägig beschieden  worden  und  wir  müszen  nnis 
noch  strenger  in  acht  nehmen.  Bis  sich  das  wieder 
setzt,  lege  ich  mittlerweile  aus  meiner  sanmilung 
ein  bändchen  Tiekischer  novellen  bei,  die,  wie  er 
pflegt,  sehr  anmuthig  erzählt  sind,  aber  die  ent- 
wicklungen  scheinen  mir  oft  den  eingängen  nicht 
gleich  zu  sein.  Wir  grüszen  herzlich,  ich  hätte  bald 
vergeszen  zu  melden,  dasz  Dortchen  guter  Hofnung 
ist  und  allem  anschein  nach  in  einigen  monaten  ent- 
bunden werden  wird.  Der  himmel  stehe  uns  allen 
bei. 

Ihr  treuer  freund 

Jacob  Grimm. 

52. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  27  Febr  1826 

Nachtrag  zum  vorigen  brief.  Kraft,  in  ungnade 
gefallen,  ist  unerwartet  als  obergerichtsdirector  nach 
Marburg  versetzt  worden.  Creuzers  eitern  kann 
also  der  gedanke  beruhigen,  einmahl  dasz  durch  das 
aufkündigen  der  informatorstelle  keine  connexion 
verscherzt  worden  ist,  zweitens  dasz  Kraft  in  der 
neuen  läge  doch  dem  Creuzer  aufgesagt  haben 
würde.     Jener  wird  noch  vor  diesem  dort  eintreffen 


y  Google 


1826  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  97 

and  es  laszt  sich  alles  von  frischem  überlegen,  ohne 
dasz  Creuzern  die  schuld  eines  gebrochnen  Ver- 
hältnisses trifft.  Wer  wird  nun  curator  der  uni- 
Tersiiat?    ich  denke  ministerialrath  Ries. 

Da  sich  Platens  schöne,  natürliche  ode  schwer- 
lich nach  Marburg  verirrt  hat,  schicke  ich  sie  zum 
lesen. 

Vale 

Grimm. 

58. 

Wilhelm   Grimm  an  Bang. 

fCassel,  April  1826.] 

Lieber  Freund  und  Gevatter,  ich  melde  Ihnen, 
dasz  am  3.  d.  M.  Nachmittags  zwei  Uhr  meine  Frau 
von  einem  gesunden  und  hübschen  Knaben  glücklich 
ist  entbunden  worden.  Sie  hat  freilich  grosze 
Schmerzen  ausgestanden,  doch  nicht  sehr  lang  und 
da  es  ietzt,  nachdem  die  critische  Zeit  vorüber  ist, 
fortwährend  gut  und  recht  gut  geht,  so  kann  ich 
und  wir  alle  uns  mit  mehr  Ruhe  und  Vertrauen  der 
Freude  überlaszen.  Vorigen  Sonntag  den  16.  ist 
der  Kleine  schon  getauft  worden  und  hat  nur  einen 
Pa&en   und    den   einzigen   Namen   Jacob   erhalten. 

Wenig  Stunden,  nachdem  das  Kind  auf  der  Welt 
war,  hatte  ich  noch  eine  andere  grosze  Freude, 
Savigny  nämlich  langte  unerwartet  an.  Vier  Tage 
ist  er  bei  uns  geblieben,  den  Freitag  haben  wir  beide 
ihn  bis  Münden  zurückbegleitet.  Seit  9  Jahren  hatte 
idi  ihn  nicht  gesehen,  er  ist  stark  geworden,  doch 
Dicht  so  sehr  als   ich  mir  nach  den  Beschreibungen 

E.  StengeL    Briefe  der  Br&der  Orlmm.  7 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


98  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1826 

anderer  dachte,  immer  aber  macht  seine  ietzige  6e^ 
stalt  einen  Gegensatz  zu  der  hagern,  in  welcher  Sic 
ihn  früher  gekannt  haben.  Befand  er  sich  wohl, 
da  war  er  heiter,  belebt  und  geistreich,  wie  sonst 
imd  man  merkte  keinen  unterschied,  aber  leider 
überfällt  ihn  oft  sein  Übel  und  auch  während  seines 
Hierseyns  hat  er  viel  daran  gelitten.  Es  ist  ein 
empfindlicher,  alle  Geistesthätigkeit  hemmender,  ganz 
fieberloser  Kopfschmerz,  wenn  er  kommt  musz  er 
sich  horizontal  auf  ein  Sopha  niederlegen  und  sich 
ganz  stiU  halten,  die  geringste  Bewegung  mit  dem 
Kopf  macht  den  Schmerz  unerträglich.  Die  Abende 
hat  er  auf  diese  Art  bei  ims  zugebracht,  aber  aud 
Morgens  stellt  sich  das  Übel  manchmal  ein  u.  wir 
muszten  einmal  plötzlich  bei  einem  kleinen  Spazier- 
gang umkehren  u.  den,  kürzesten  Weg  nach  Hans 
suchen.  Er  trägt  sein  Leiden  mit  Geduld,  obgleich 
es  ihn  dann  auch  geistig  drückt,  er  hat  mehrmals 
geglaubt  sich  von  allen  Arbeiten  zurückziehen  zu 
müszen  und  es  war  ihm  zweifelhaft,  ob  er  in  diesem 
Sommerhalbenjahr  Vorlesimgen  halten  könnte. 
Sonst  habe  ich  in  seinem  Wesen  wenig  Veränderung 
gefanden,  keine  Spur  einer  besondern,  einseitigen 
Richtung,  von  der  andere  erzählt  haben,  seine  Theil- 
nahme  an  allem  Lebendigen  und  Belebenden  hat 
sich  nicht  vermindert,  im  Gegentheil  sie  ist  durch 
gröszem  Überblick  u.  reichere  Vergleichungspuncte, 
die  ihm  seine '  Stellung  gegeben ,  wohl  noch  aus- 
gedehnter. In  der  Betrachtung  der  Welt  und  der 
Beurtheilung  dieselbe  Milde,  Elahrheit  u.  Geist. 
Wir  haben,  versteht  sich  mit  eingelegtem  Scherz  u. 


y  Google 


1^  XL  W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  99 

Spaßz,  mancherlei  besprochen  und  es  hat  uns  un- 
endlich wohl  gethan,  einmal  offen  u.  unbefangen 
reden  zu  können,  wozu  hier  die  Leute  selten  Kraft 
u,  Willen  haben.  Mit  dem  ältesten  Soim  Franz,  der 
eben  in  Bonn  studiert,  scheint  er  nicht  durchaus  zu- 
frieden die  andern  Kinder  lobt  er  sehr,  und  das 
Madchen  hat  viel  Ton  seiner  Natur.  Während  seiner 
Anwesenheit  kam  Ihr  Brief  u.  wir  weissagten  ihm 
daraus,  dasz  er  einen  von  Ihnen  in  Berlin  vorfinden 
werde;  er  klagte  bei  dieser  Gelegenheit,  dasz  dies 
seit  fftnf  Jahren  der  erste  sey. 

Creuzer  ist  hoffentlich  längst  hergestellt.  Theilen 
Sie  ihm  doch  so  bald  Sie  ihn  sehen,  meine  Neuig- 
keit mit  und  die  besten  Ghrüsze  von  uns  allen.  In 
der  Regel  war  er  Sonnabends  bei  uns  und  wir  haben 
ihn  wegen  seines  natürlichen  und  ehrlichen  Wesens 
immer  gern  gesehen.  Die  Offenheit  mit  welcher  er 
mir  einmal  von  sich  selbst  gesprochen,  hat  mich  an 
sich  gerfihrt  und  ist  mir  achtungswerth  erschienen, 
ob  mich  gleich  eine  gewisze  hartnäckige,  gleichsam 
entschloszene  Muthloszigkeit  erschreckt  hat.  Ich 
bat  ihn  sich  an  irgend  einei^  Punct  fest  und  mit 
Neigung  zu  hängen,  weil  er  sich  von  da  ausbreiten 
a.  die  Wurzeln  tiefer  schlagen  könne,  er  schien  aber 
jeden  Vorschlag  mit  Ängstlichkeit  abzuweisen  und 
ich  sehe,  dasz  es  äuszerst  schwer  ist,  ihm  zu  rathen. 
Überhaupt  verbindet  er  auf  eine  eigene  Art  ent- 
gegengesetzte Eigensch[aften]  er  ist  durchaus  be- 
scheiden und  doch  zu  schnellem  ürtheil  geneigt  und 
eing[ebildet,]  er  beobachtet  mit  natürlichem  Blick, 
nicht    ohne  Scharfsinn   und    mag   [auch]   gern  vor 


y  Google 


100  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang. 


1 


einem  Oegenstand  mit  Wohlbehagen  verweilen.  Die 
Natur  reizt  [und  er]müdet  ihn  zugleich.  Um  in  der 
Welt  sein  Glück  zu  machen  fehlt  ihm  eine  [gewisze] 
Behendigkeit  der  Gedanken;  Tact  im  Betragen  würde 
er  schon  eher  erwerben,  ob  er  ihm  gleich  in  seinem 
Yerhältnisz  hier,  soweit  ich  es  beurtheilen  konnte, 
scheint  gefehlt  zu  haben,  allein  das  wird  auch  das 
einzige  seyn,  was  man  ihm  dabei  vorwerfen  könnte. 
Auf  keinen  Fall  paszte  er  in  dieses  Haus,  das  habe 
ich  gleich  anfangs  gemerkt. 

Sie  beurtheilen   mir  diesen  Staatsmann  in  Ihrem 
Brief  im  Ganzen   zu   günstig.    Wenn  Leute  dieser 
Art,  die  alles  u.  jedes  mit  dem  Verstand  durchsetzen 
wollen    und    die    in   irgend   einer  Branche  der  Ad- 
ministration z.  B.  beim  Wegebau,  den  er  eine  Zeit 
lang  geleitet  hat,   sehr  an  ihrer  Stelle  sind,   wenn 
diese   einmal   an   [einen]  Punct  gelangen,    wo   das 
sdtsame   und    unbegreifliche   Wesen,    das  mim  die 
m[enschliche]  Natur  nennt,  sich  auf  die  Hinterbeine 
setzt  und  gegen  alles  üb[ermäszig]  verstandsgemäsze 
Behandlen  wehrt,  so  stehen  sie  wie  die  Ochsen  am 
Berg   und   [machen],  ein  dummes  Gesicht.    Ich  er- 
innere mich  vor  Jahren  gehört  zu  haben,  er  rfih[me 
sich]  damit,  dasz  seine  Kinder  mit  dem  reinen  Ver- 
stände  sollten  auferzogen  we[rden]  und  ietzt  nach- 
dem das  Experiment   verunglückt  ist,  hatte  er  den 
klugen  Ei[nfall]  der  Prediger  solle  kommen  und  dem 
bösen,   hinterlistigen  Buben  seine  Pflich[ten]  vor- 
halten.   Die  Sprache   ist  ihm  nichts  anders  als  ein 
1  mal  1   damit  s[eine]  Gedanken  auszurechnen  und 
auszudrücken  und  soUte  er  in  der  Sprache  [u.  ini3 


y  Google 


1826  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  101 

Leben,  etwas  Unerforschliches  anders  anerkennen, 
als  eine  alte  dunkle  [Riimpel]kanimer,  in  welche 
man  den  zerbrochnen  Hausratli  wirft,  so  müszte  er 
sich  selbst  aufgeben. 

Die  Copie  von  Jacobs  Bild  zeigt  von  vielFleisz, 
ob  wirkliches  Talent  vorhanden  ist  würde  sich  erst 
beortheilen  laszen,  wenn  der  junge  Mensch  etwas 
nach  der  Natur  gezeichnet  hätte,  ich  meine,  eine 
Blome,  ein  Blatt,  ein  paar  Baumstämme  oder  was 
es  sonst  wäre;  es  würde  sich  dann  ausweisen  ob  er 
einen  eignen  Blick  hat.  Dieses  Gopieren  von 
Köpfen  kann  zu  nichts  führen  und  da  er,  selbst 
wenn  er  Anlagen  hätte,  doch  schon  zu  alt  ist  und 
seine  Hand  zu  verwöhnt  um  ordentliche  Eenntnisze 
^ro  erwerben,  so  wäre  mein  Rath,  er  übte  sich  in 
der  Abbildung  natürlicher  Gegenstände,  wie  eben 
Blumen ,  Kräuter  etc.  etc.  sind  um  zur  Decorations- 
mahlerei,  die  doch  in  der  Welt  ietzt  mehr  gilt,  als 
billig  ist,  tauglich  zu  werden. 

Nun  leben  Sie  wohl  lieber  Gevatter  u.  seyn  Sie 
nnd  die  Ihrigen  auf  das  herzlichste  gegrüszt 

Wilh.  Grimm. 

54. 

Wilhelm   Grimm   an  Bang. 

Cassel  15.  Septbr.  1826 
Lieber  Freund  und  Gevatter,  hierbei  folgen 
Rnmohr  über  die  Kochkunst  und  Canitz  über 
die  Reiterei,  freilich  nicht  so  bald  als  ich  beim  Ver- 
sprechen dachte,  aber  Sie  müszen  bedenken,  dasz 
ein  Bibliothekar  nicht  immer   Herr  seiner  Bücher 


y  Google 


102  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1826 

ist.  Gefallen  werden  Ihnen  wahrscheinlich  beide 
Sehr  yerschiedenartige  Stücke,  die  sich  aber  in  geist- 
reicher Auffassung  gleichen,  und  in  dem  Spasz,  den 
es  unser  einem  macht,  dergleichen  mit  einem  ge- 
wiszen  Wohlbehagen  zu  durchlaufen,  ohne  Verbind- 
lichkeit, es  gründlich  zu  kennen  u.  zu  verstehen. 
Ob  dieses  Kochbuch  Gnade  vor  den  Augen  der  Frau 
Gevatterin  finden  u.  Sie  geneigt  seyn  wird,  Ihnen  daraus 
den  homerischen  Braten  zu  bereiten,  so  dasz  Sie 
sich  geistig  u.  leiblich  an  demselben  Tag  auf 
griechische  Weise  nähren  könnten,  lasze  ich  dahin 
gestellt  seyn ;  den  Frauen,  die  es  hier  gelesen  haben, 
ist   das  Buch  doch  nicht  practisch  genug  abgefaszt. 

Den  Sommer  haben  wir  alle  wohl  überstanden, 
ohngeachtet  wir  seine  Last  u.  E[itze  empfunden,  bin 
ich  doch  mit  ihm  zufrieden  gewesen.  Denn  solche 
warme  Tage  heilen  uns  sitzende  Stadtleute  von  den 
Rheumatismen  u.  andern  neckenden  ünpaszlichkeiten 
der  Art  u.  ich  habe  einen  Begriff  erhalten,  wie  man 
in  Italien,  Spanien  u.  den  african.  Küstenländern 
sich  wohl  befinden  u.  einiges  Behagen  an  der  Faul- 
heit spüren  kann. 

Von  Savigny  hatten  wir  Anfangs  gute  Nach- 
richten, er  schrieb,  dasz  er  ein  Jahr  lang  in  Italien 
bleiben  und  den  Winter  in  Neapel  zubringen  wolle, 
mit  der  Hoffnung,  dasz  die  ital.  Luft  oder  die  ital. 
Bäder,  oder  das  Nichtsthun  oder  endlich  alles  zu- 
sammen ihn  heilen  werde.  Dabei  bemerkte  Arnim, 
dasz  es  allen  Anschein  zu  einer  gründlichen  Beszerung 
habe.  Bis  zum  18.  August  wollte  er  im  Carlsbad 
bleiben  u.  dahin  haben  wir  ihm  geschrieben.    Neuem 


y  Google 


1826  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  103 

Nadmchten  zufolge,  die  der  gutmüthige  Mephi- 
stophiles  Hugo  vorgestern  mündlich  mittheilte,  ist 
das  Carlsbad  aber  nicht  von  sonderlicher  Wirkung 
gewesen,  Savigny  hat  nur  den  schwächsten  Brunnen 
vertragen  u.  ist  gegenwärtig  wohl  schon  in  Genua 
angelangt  Die  Frau,  die  erst  mit  der  Tochter  nach 
Paris  wollte,  hat  ihn  nun  selbst  begleitet,  ich 
wollte  die  Tochter  wäre  es  allein,  die  er  bei 
sich  hätte,  denn  die  ewige  unruhige  Beweglich- 
keit der  Frau  kann  ihm  nicht  zuträglich  seyn. 
Andere  Berliner  haben  mir  erzählt,  sie  habe  den 
geheimen  Plan,  den  zweiten  Knaben  katholisch  zu 
machen  und  er  solle  deshalb  in  Paris  erzogen  werden, 
sie  locke  ihm  so  und  so  u.  stufenweis  die  Einwilligung 
dazu  ab. 

In  diesen  Monaten  streichen  die  Profeszoren  wie 
die  Zugvögel.  Welker  aus  Bonn  war  vorgestern 
hier  u.  wuszte  manches  zu  erzählen.  Clemens  ist 
öfter  dort  bei  Windischmann  u.  sollte  man  es 
wohl  denken,  Görres,  bei  dem  er  war,  ist  von  ihm 
IM  dem  Glauben  an  die  Offenbarungen  der  Dttlmer 
Nonne  bewogen  worden  u.  hat  neulich  auseinander 
gesetzt,  dasz  die  alte  Geographie  von  Palästina  ietzt 
erst  an  den  Tag  komme.  Die  Nonne  hat  nämlich  jedes 
Hans,  das  dort  gestanden,  jeden  Weg  gesehen  u. 
beschrieben.  Ich  lese  den  Katholik  von  Görres 
mcht,  aber  es  sollen  starke  Dinge  darin  stehen. 

Ich  höre,  dasz  man  in  Marburg  viel  von  der 
Versetzung  der  Universität  hierher  spricht.  Nun 
ist  freilich  die  Bede  davon  gewesen,  scheint  aber 
schon  wieder  vei^eszen  zu  seyn  und  ich  denke,  dasz 


y  Google 


104  XI.   W.  rmd  J.  Grimm  an  Bang.  1827 

es  niemals  recht  ernstlich  gemeint  war.  Auf  den 
zukünftigen  Beschlusz  folgt  erst  die  AusfOhnmg  u. 
da  würde  es  an  allen  Enden  happem.  Zunächst  war 
wohl  nur  die  Idee  den  Glanz  der  Residenz,  nach 
dem  Beispiel  von  Berlin  u.  München  zu  vermehren 
u.  der  projectirten  neuen  u.  prächtigen  Wilhelms- 
Stadt  gleich  Bewohner  zu  geben.  Indessen  musz  diese 
doch  erst  gebaut  seyn  u.  bis  ietzt  ist  noch  nichts 
geschehen,  als  dasz  mit  hohen  Stangen  die  zukünftigen 
Straszen  in  den  Oärten  abgesteckt  sind. 

Die  schönsten  Qrüsze  an  Sie  u.  die  Ihrigen  von 
hier  aus.  Auch  an  Creuzer  einen  Grusz,  wie  geht 
es  ihm  dort  u.  läszt  er  etwas  von  den  Plänen  ab? 
Mit  herzlicher  Freundschaft  und  Liebe 

Wilh.  Grimm. 

55. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 
Lieber  gevatter, 

auf  Ihren  brief  vom  16.  habe  ich  sogleich  einen 
an  Senator  Thomas  geschrieben,  der  mit  heutiger 
post  nach  Frankfurt  abgeht.  Andern  weisz  ich  Sie 
nicht  zu  empfehlen,  kann  aber  nicht  einmal  sagen, 
ob  jener  unmittelbar  oder  mittelbar  auf  die  erledigte 
stelle  einflusz  hat.  Brentanos  sind  catholisch  und 
vermögen  nichts  dabei.  Ich  habe  Thomas  ge- 
meldet, welchen  tag  Sie  dort  zu  gast  predigen,  und 
Sie  würden  vorher  oder  nachher  bei  ihm  vorsprechen, 
das  müszen  Sie  nun  auch  thun.  Falls  der  mjrstiker 
die  stelle  bekäme ,    würde  dadurch  nicht  wieder  ein 


y  Google 


' 


1828  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  106 

platz  an  der  schule  leer?    Sie   werden  sehen  und 

hören  und  gehört  werden 

In  eile,  wir  grüszen  alle 

Jac.  Grimm. 
18  Jnr.  1827. 

56. 

Wilhelm  tirimm  an  Bang. 

Caszel  24.  Febr.  1828. 

Lieber  Freund  und  Gevatter,  Sie  haben  lange 
nichts  von  uns  gehört,  dafOr  sollen  Sie  aber  auch 
diesmal  einen  Brief  mit  regelmäszigen  Nachrichten 
erhalten.  Also  zuerst  das  beste.  Am  6ten  Jan. 
Morgens  11  Uhr,  als  Sie  wahrscheinlich  auf  der 
Kanzel  standen  und  fOr  uns,  wie  fOr  alle  gute 
Christen  gebetet  haben,  istdieDortchen  von  einem 
gesunden  £  nahen  entbunden  worden  und  zwar  ziem- 
Uch  leicht  tmd  glücklich.  Wir  hätten  gerne  das 
Kind  zwei  Tage  vorher  gehabt,  weil  da  auch  Jacobs 
Geburtstag  war.  Auch  hernach  ging  alles  nach 
Wunsch,  die  critischen  Tage  vorüber  und  den  10. 
konnte  die  Dortchen  schon  wieder  aufstehen,  und 
dasz  sie,  da  sie  Nahrung  genug  hat,  das  Kind  selbst 
stillt,  werden  Sie  sich  wohl  vorstellen.  Am  27.  ist 
das  Kind  getauft  worden  und  hat  vom  Jacob,  der 
der  einzige  Pathe  ist,  den  Namen  Hermann  Fried- 
rich erhalten,  nach  den  beiden  Qroszvätern.  Ich 
denke  ja  nicht  dasz  Bökh  ihm  das  nachtragen  wird, 
wenn  seine  erste  Dissertation  auch  von  den  In- 
scriptionen  handelte. 

Ich,  der  ich  gewöhnlich  voran  bin,  wenn  der 
Boctor  etwas  bei  uns  verdienen  soll,  habe  mich  bis 


y  Google 


106  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1828 

lapfer  gehalten,  aber  Jacob  leidet  schon  seit 
3naten  an  einem  hartnäckigen  Catarrh,  der 
in  paarmal  auf  dem  Rückzug  war,  aber  sich 
wieder  festgesetzt  hat.  Es  beszert  sich  anch 
tzt  wieder,  aber  er  ist  durch  das  lange  Ein- 
an  das  er  gar  nicht  gewöhnt  ist,  so  empfind- 
^en  die  Luft  geworden,  dasz  ihn  die  geringste 
img  damit  wieder  zurücksetzt.  Ich  hofife  mit 
ntritt  des   wärmern  Wetters   wird  sich  alles 

n  Bruder  Louis  war  zwei  Monate  in  Münster, 
1   dem   flachen  halb  holländischen  Lande  hat 

nicht  sonderlich  gefallen ,  und  Pumpemikel, 
er  ist,  kann  man  doch  nicht  beständig  kauen. 

glaube  er  hat  im  Sinn,  diesen  Sommer  eine 
lition  in  0hl  auszuführen,  und  da  stehe  ich 
aför,  dasz  er  nicht  einmal  unversehens  bei 
erscheint,  um  in  der  dortigen  Gegend  Studien 
i  machen. 

habe  10  alte  Pergamentblätter,  die  ich  tod 
erhielt  durch  ein  chemisches  Mittel  wieder 
gemacht,  und  da  wies  sich  aus,  dasz  es 
}ücke  eines  Gedichts  aus  Barbarossas  Zeit 
das  sich  noch  obendrein  auszeichnete.  Diese 
h  eben  unter  dem  Titel  Graf  Rudolf  edirt, 
de  das  Buch  beilegen,  wenn  ich  dächte,  dasz 
rgleichen  interresziren  könnte,  zumal  yiel 
es  und  wie  man  sagt,  gelehrtes  Zeug  darin 
jgeben  wird  es  von  Herzen  gerne. 

neusten  Nachrichten  von  Savigny  sind 
e:  »Berlin  17ten  Febr.    Savignys  Befinden  ist 


y  Google 


1828  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  107 

übrigens  so:  Morgens  liest  er  seine  Kollegien  und 
mit  Vergnügen.  Mittags  (alle  zwei  Tage  nach  dem 
Bnssisclien  Bade)  liegt  er  einige  Stunden  auf  dem 
So&  und  hat  da  meistens  starke  Kopfschmerzen. 
Nachmittags  und  Abends  ist  er  freyer  davon,  hat 
Abends  gern  Gesellschaft  bei  sich  und  geht  auch 
in  andere.  Zu  ims  auf  den  Cassationshof  (der  Brief 
ist  von  einem  seiner  CoUegen  an  mich)  ist  er  noch 
nicht  wieder  gekonmien,  und  der  Arbeiten  im  Staats- 
rathe  enthält  er  sich  auch  noch.*  —  ^VonSavigny 
meinte  er  (Arnim),  dasz  derselbe  doch  viel  kränker 
zurückgekehrt,  als  weggegangen  sey.**  —  Ich  habe 
selbst  Savigny  vor  kurzem  geschrieben,  aber  noch 
keine  Antwort  erhalten. 

Sie  sehen  ja  öfter  Fremde  und  Reisende  unerwartet 
bei  sich  eintreffen,  haben  Sie  noch  keinen  gesprochen, 
der  über  die  Münchner  Universität  etwas  zusammen- 
hangendes zu  erzählen  wuszte?  Ich  habe  keine 
rechte  Vorstellung  davon,  wie  es  dort  zugeht. 
Schelling  soll  so  viel  Zuhörer  haben,  dasz  kein 
Saal  grosz  genug  fär  ihn  ist,  dagegen  tadelt  man 
&Q  Görres  sein  undeutliches  in  den  Bart  reden. 

Ich  habe  nicht  viel  Neues  gelesen,  einiges  firan- 
züsiache  und  da  musz  ich  sagen,  dasz  mir  die  fran- 
zösische Litteratur  in  lebendiger  Bewegung  und 
im  Fortschreiten  erscheint.  Sie  haben  die  alten 
Sdiranken,  die  vom  besten  Holz  waren,  in  welches 
jedoch  der  Wurm  gekommen  ist,  zerbrochen  und 
benutzen  mit  Geist  und  Geschick,  was  sie  bei  uns 
gelernt  haben.  Über  einige  Dinge  bin  ich  erstaunt 
mid   sie   haben  mich    ungemein   angezogen    z.    B. 


y  Google 


108 


XI.   W.  und  .T.  Grimm  an  Bang. 


1829 


Oeuvres  de  Cte  Kavier  de  Maistre.  Walter  Scotts 
Napoleon  haben  wir  in  einer  französ.  Übersetzung, 
aber  das  Werk  ist  weit  unter  der  Erwartung,  acht 
dicke  Octaybände  heiszt  aber  auch  zusetzen.  Wer 
hat  Zeit  dazu?  Zwei  habe  ich  aus  der  Mitte  heraus- 
geholt, (das  ist  so  bibliothecarische  Unsitte  und  mit 
nichts  zu  yertheidigen,  als  der  Nothwendigkeit) ;  das 
Werk  ist  nicht  unverständig  und  mit  achtungswürdiger 
Gesinnung  geschrieben,  aber  der  wahre  Napoleon 
steckt  nicht  in  diesen  dicken  Büchern.  —  Haben  Sie 
den  Witt.  Dörring  gelesen,  ich  meine  seine  Selbst- 
biographie? er  ist  neuerdings,  merkwürdig  genug, 
Vertheidiger  des  ^  Herzogs  von  Braunschweig  ge- 
worden. Ich  möchte  Ihnen  die  Bücher  gerne  senden, 
aber  ich  kann  nicht,  gerade  solche  Dinge  werden 
bei  uns  unabläszig  begehrt  u.  wandern  aus  einer 
Hand  in  die  Andere. 

An  Sie,  Frau,  u.  Kinder  die  herzlichsten  Orüsze 
von  uns  allen,  Dortchen  lädt  Sie  zu  einem  Besuche 

,   sie   hätte   Ihnen    noch    vieles   von  Bekannten 


ein 


zu  erzählen. 


Mit  alter  Liebe  und  Freundschaft 
Ihr 

Wilh.  Grimm. 


67. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Lieber  gevatter, 

freilich   wars    unrecht,    dasz  ich  Ihnen  das   im 

September   fertig   gewordne  buch   nicht  gleich  auf 

der  stelle   schickte;    ich  wollte  es  thun,   da  wurde 

gerade   hier   congrefe   gehalten   und   ich   muste   ein 


y  Google 


XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  109 

paar  aa%6sparte  freiexemplare  mehr  als  ich  gedacht 

hatte  atwtheilen,  so  dasz  keins  übrig  blieb.    Begnügen 

Sie  Sich  also  mit  dem  hierbei  folgenden  schon  etwas 

gebrauchten   exemplar;    Sie  können  es  immer  dem 

angehenden  germanisten  mit   herzlichem  grusz  von 

mir   in  die   band  geben,  wenn  ihm  auch  sein  pro- 

feasor  nicht   dazu  rathen  sollte.    Denn  ich  hoffe  es 

spneht   Taterlandsliebe    daraus   und  die   wurzelt  in 

jungen  leuten  am  schönsten.    Ich  selbst  bin  erst  auf 

Umwegen,  das  heiszt  zufallig,  wieder  zum  deutschen 

recht  geraihen,  und  fun£cig  meines  gleichen  hätten 

es  f&r  immer   aufgegeben.     Als   ich    zu   Marburg 

studierte,   war   mir   neben  Savignys  belebendem 

Tortrag  des   römischen   rechts  das  germanicum  bei 

Bauer  ein   wahrer  eckel.    Ein  buch,   nur  halb  so 

gut  wie  meins,  das  damit  gar  nicht  gelobt  sein  soll, 

hatte  mich   damals   schon   entzündet,    aber    selbst 

Safigny   rieth  mir  den  Hufeland  nachzulesen, 

den  ich  noch  jetzt  sehr  mittelmaszig  finde  und  er 

woUte  mir  nicht  behagen.    Erst  die  deutsche  poesie 

hat  mich   lange    hernach    wieder   aufs    altdeutsche 

«cht  geführt 

Aber  weder  vor  anderthalb  jähren  beim  anfangen 
des  buchs  noch  vorigen  herbst  beim  fertigwerden 
hoffte  ich,  dasz  es  die  Juristen  gut  aufiiehmen  wür- 
den; den  germanisten  fürchtete  ich  würde  es  un- 
bequem und  den  romanisten  unlieb  sein,  da  ich  mich 
ffl  der  vorrede  über  das  Verhältnis  des  röm.  zum 
deutschen  recht  anders  geäuszert  habe,  als  es  zu 
geschehen  pflegt.  Beinahe  scheint  es  jedoch ,  diese 
fecht  war  eitel;   es  haben  mich  schon  viele  briefe 


y  Google 


110  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1821^ 

deshalb  beruhigt  und  die  Berliner  facultät  hai 
mir  am  18  oct.  das  beifolgende  diplom  ausgefertigt 
Gelangt  mein  werk  je  zu  einer  Umarbeitung,  so  soll 
es  dieser  auszeichnung  viel  würdiger  erscheinen,  denn 
ich  habe  theils  nicht  alles  gegeben,  was  ich  weiss, 
theils  mit  groszer  lust  nachgesammelt  und  thue  es 
fortwährend. 

Oanz  umsonst  bekommt  ihr  auch  das  buch  dies- 
mal nicht,  ich  lege  euch  auf,  yater  oder  söhn,  die 
ihr  solche  dialoge  führt,  mir  nun  die  Statute*) 
der  oberhessischen  wuhrewarte  zu  schaffen  und 
andere  ungedruckte  dorfweisthümer**)  aufzu- 
treiben. Das  alles  interessiert  mich  doppelt,  p.  965 
citiere  ich  das  wetterauer  wassergerichtsweisthum ; 
ähnliches  aus  Ihrer  gegend  oder  aus  dem  Nassauischen 
wäre  mir  lieb. 

Ein  glück  dasz  meine  promotion  noch  im  vorigen 
jähr  erfolgt  ist,  jetzt  erfolgte  sie  vielleicht  nicht 
mehr.  Die  ganze  Berliner  juristenfacultät  scheint 
sich  zu  sprengen,  nähere  nachrichten  fehlen  mir 
noch,  aber  was  ich  weisz  betrübt  mich  genug.  Der 
minister  (d.  i.  Altenstein,  der  Hegelianer) 
statt  den  impertinenten  Grans  etwa  nach  Breslau 
oder  Königsberg  zu  versetzen,  hat  wirklich  in  blinder 
verkennung  der  groszen  Verdienste  Savignys  um 
die  ganze  Universität  den  abtrünnigen  Juden  zum 
Ordinarius  ernennen  laszen.  Darauf  sind  Savigny 
und    Holweg    gleich    aus    der    facultät   getreten. 


*)  und  gewohnheiten 
**)  aus  amtsreposituren 


y  Google 


1829  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  Hl 

letzterer  geht  nach  Bonn  mit  einer  ehrenprofessur. 
Die  übrigen  professoren  werden  wohl  auch  pro- 
testieren. Wie  tief  es  aber  Savignyn  schmerzen 
musz!  Seine  gesundheit  beszerte  sich  fortwährend, 
auch  ist  wieder  ein  heft  der  Zeitschrift  (des  sechsten 
bandes  erstes)  mit  zwei  anfsätzen  von  ihm  und  einem 
mir  sehr  wohl  gefallenden  von  E lenze  (über  cog- 
naten  und  affinen)  heraus.  Wen  sie  nun  nach  Berlin 
berufen?  vielleicht  den  Hefter  aus  Bonn,  doch  der 
ist  auch  niebuhrisch  und  Hegel  soll  öffentlich  von 
Niebuh rs  röm.  gesch.  als  einem  auskehricht 
sprechen.  —  Wiszen  Sie  dasz  auch  Eichhorn 
Gdttingen  verläazt?  er  zieht  sich  ganz  aus  dem 
dienst  zurück  auf  sein  gut  bei  Stuttgart. 

Von  Creuzer  hätte  ich  mehr  hören  mögen, 
unter  andern,  ob  er  auch  seiner  Symbolik  gedacht 
hat  und  ob  er  sie  wieder  au&ehmen  will?  Sein 
Plotiims  soll  in  England  gedruckt  werden. 

Thomas  war  drei  monate  oder  länger  hier; 
er  rühmte,  wie  sehr  ihm  und  andern  Ihre  predigt 
gefallen  hätte,  es  wäre  aber  zu  spät  und  von  der 
andern  partei  alles  schon  abgemacht  gewesen.  Sie 
thun  übrigens  recht  auf  keine  weiteren  vorschlage 
jetzt  einzugehen. 

Es  geht  uns  hier  wie  sonst  und  was  die  hauptsache 
ist,  das  kleine  Hermännchen  gedeiht  zu  unserer 
frende.  Ich  grüsze  alle  von  den  zwölfen,  die  meiner 
gedenken,  den  pathen  auch  unbekannterweise. 

Ihr  treuer  freund  und  gevatter 
Jac.  Grimm. 
Cassel  19.  jan  1829. 


y  Google 


112  XI.   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1830 

68. 

Wilhelm  Grimm   an  Bang. 

Gottingen  15.  März  1890 
Lieber  Freund  und  Gevatter,  haben  Sie  vielleicht 
Lust,  auf  mich  zu  schelten,  dasz  ich  Ihnen  aus  dem 
neuen  Wohnsitze  noch  nicht  geschrieben,  so  rathe 
ich  es  nicht  zu  thun ,  denn  es  ist  im  Vertrauen  auf 
Ihre  Freundschaft  und  Liebe  geschehen.  Ich  war 
in  einer  Stimmung,  die  mich  zum  Brieüschreiben 
nicht  aufmunterte  und  die  unumgänglich  nöthigen 
Schreibereien  drückten  mich  wie  eine  Last.  Es  war 
nicht  blosz  äuszerlich  ein  harter  Winter  für  mich, 
und  fast  kein  Tag  war  ohne  eine  Bedrangnisz.  Der 
Abschied  von  Cassel  war  an  sich  schon  schmerz- 
lich, wer  kann  einen  Ort,  wo  er  29  Jahre,  also  den 
gröszten  Theil  des  Lebens  zugebracht,  ohne  Be- 
wegung verlassen  und  ich  hatte  so  manches  dort 
erfahren!  Mutter,  Eind,  andere  nah  verwandte  ge- 
liebte Menschen  liegen  dort  begraben.  Zwei  Tage 
vorher  ward  die  Frau  krank  u.  ich  muszte  sie  zu- 
rücklassen, schon  aUer  Häuslichkeit  und  Bequem- 
lichkeit entbehrend,  nicht  sehr  fetti  von  ihrer 
Niederkunft.  Als  sie  sich  erholte,  erkrankte  das 
Eind  bis  auf^  den  Tod;  noch  schwach,  unter  groszer 
Vorsicht,  in  einem  künstlich  erwärmten  Glaswagen 
brachte  ich  es  nach  4  Wochen  hierher.  Daim  wurde 
die  Frau  wieder  bettlägrig,  daim  die  Leute,  das  beste 
2iimmer  einer  kleinen  Wohnung  liesz  sich  bei  der 
furchtbaren  Kälte  nicht  heizen,  nun  kamen  neue 
Sorgen  von  Cassel:  Louis,  der  als  Bräutigam  dort 
zurück  geblieben  war  (er  ist  mit  der  Tochter  unserer 


y  Google 


1830  XI.    W.  nnd  J.  Grimm  an  Baog.  113 

Hauswirthill,  der  Wittwe  des  Prof.  Böttners, 
einem  guten,  lieben  Mädchen  versprochen)  wurde 
Yon  einer  höchst  bedenklichen  Brustkrankheit  an- 
gegrififen,  alle  Kinder  meiner  Schwester  lagen  an 
den  Masern,  kurz,  ich  weisz  wenig  so  trübe  Monate 
in  meinem  Leben.  Dazu  ein  neues  Amt,  neue  imd 
angewohnte  Verhältnisse,  die  wie  ein  neuer  Rock 
ünmer  etwas  geniren. 

Seit  drei  Wochen  fangt  es  an  besser  zu  gehen 
hier  und  in  Cassel  und  nach  dem  glücklichen  £r- 
eignisz  am  letzten  März  scheint  sich  eine  mildere 
Zeit  anzukündigen.  Hilft  Gott  weiter,  so  soll  auch 
bald  wieder  die  gewohnte  Heiterkeit  zurückkehren. 
Dortchen  nämlich  ist  an  jenem  Tage  von  einem 
Knaben  entbunden  worden,  leicht  und  schnell  u. 
hat  sich,  da  sie  nicht  viel  Kräfte  hat  zusetzen  müszen, 
auch  bald  wieder  erholt.  Der  Knabe  ist  gesund  und 
stark,  gleicht  etwas  dem  Jacob,  wenigstens  schlägt 
er  in  unsere  Familie ,  wofQr  er  den  Namen  aus  der 
Familie  meiner  Frau  erhalten  soll,  der  ürgroszvater 
hat  nämlich  den  Namen  Rudolf  aus  der  Schweiz 
mitgebracht,  so  hat  der  Groszvater  und  Vater  ge- 
heifizen  und  der  Bruder  heiszt  noch  so. 

Wie  es  mir  hier  gefällt,  weisz  ich  noch  nicht  so 
recht  zu  sagen.  Mir  thut  die  freie  Luft  hier  wohl, 
nachdem  ich  von  der,  die  in  Cassel  herrscht,  mich 
oft  gedrückt  fühlte.  Wir  sind  auf  das  beste  em- 
pfangen worden  und  alte  Freunde  habe  ich  schon 
vorgefunden.  Conradis  Theilnahme  und  Beistand 
kann  ich  nicht  genug  rühmen,  wir  haben  aufs  neue 
seinen  Werth    kennen   gelernt,    er   ist  ein   äuszerst 

E.  StengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  S 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


114  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1830 

thätiger  redlicher,  tüchtiger  Mann,  der  Universität 
von  groszem  Nutzen.  Unter  den  neuen  Bekannten 
gefällt  mir  Dahlmann  der  Historiker,  der  kurz 
vor  uns  aus  Eiel  anlangte,  und  Göschen  am 
meisten;  auch  Lücke  aus  Bonn  erregt  Zutrauen. 
Otfried  Müller  wird  in  diesen  Tagen,  wo  vrir  aus- 
ziehen, unser  Hausgenosz  und  vereinigt  grosze  Ge- 
lehrsamkeit mit  einem  frischen  und  freien  Sinn. 
Mit  Hugo  stehen  wir  gut,  es  ist  ein  eigenthüm- 
licher,  selbst  in  seiner  Wunderlichkeit  geistreicher 
Mann,  der  mehr  aus  Spasz  als  Ernst  zuweilen  etwas 
boshaft  scheint  u.  doch  auch  gutmüthig  und  theil- 
nehmend  ist;  über  eine  gewisse  Pedanterie,  die  ihm 
anhängt,  weisz  er  selbst  zu  schertzen.  Blumen- 
bach  wird  sehr  alt,  aber  sein  Humor  verläszt  ihn 
nicht,  man  könnte  sagen,  er  geht  in  Späszen  unter. 

Die  Bibliothek  ist  schön ,  die  Arbeit  darauf  ein 
wenig  stark  (sie  nimmt  täglich  sechs  Stunden  weg); 
eins  und  das  andere  läszt  sich  vielleicht  in  der  Folge 
noch  besser  einrichten.  Jacob  hat  Rechtsalter- 
thümer  angekündigt,  ob  sie  zu  Stande  kommen,  weisz 
ich  noch  nicht.  Auch  hier,  wie  aller  Orten,  werden 
nur  BrodcoUegia  gehört  und  zwar  mit  Fleisz,  aber 
das  Ziel  der  Studien  ist  nicht  mehr  eine  geistige 
Ausbildung,  sondern  der  glücklich  überstandene 
Examen.  Einzelne  allerdings  machen  Ausnahme  u, 
mögen  ausgezeichneter  seyn  als  je,  aber  die  Masse 
ist  geistlos,  so  wie  ihre  Lebensweise  und  das  eigent- 
liche Studentenleben  ist  auf  dem  Wege  unterzu- 
gehen. .  , 


y  Google 


1831  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  115 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  seyn  Sie  und 
das  ganze  Haus  von  uns  aufs  schönste  gegrOszt. 
Von  der  Frau  soll  ich  noch  einen  besonderen  Grusz 
bestellen. 

Wilhelm  Grimm. 

59. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Göttingen  22  febc  1831. 
Was  hilft»  lieber  gevattersmann,  dasz  ich  schreiben 
darf  was  ich  will,  wenn  ich  vor  geschäft  und  arbeit 
nicht  dazu  komme?  mir  wäre  fttr  meine  person 
heilsamer  als  aUe  pre&freiheit ,  wenn  mich  irgend 
eine,  aber  versteht  sich  eine  deutsche,  regierung  so 
setzte,  dasz  ich  die  arbeiten,  die  ich  im  köpfe  trage 
und  wozu  ich  zwanzig  jähre  lang  Studien  gemacht 
habe,  ehrlich,  vergnügt  und  ruhig  und  auch  wohl 
dem  Vaterland  zu  einigem  nutzen  voUftÜiren  könnte, 
ohne  dasz  ich  meine  beste  tagszeit  auf  einen  dienst, 
den  ich  gleichgültig  und  ohne  lust  versehe,  den 
aber  zwanzig  andere  eben  so  tüchtig  versehen  würden, 
zu  wenden  brauchte.  Dann  dürfte  ick  auch  mir, 
meinen  freunden  und  verwandten  leben.  Ich  habe 
mich  vorigen  sommer  hier  ärger  abgehetzt,  als  jemals 
irgendwo.  Diese  bibliothek  ist  ein  stets  umlaufendes 
rad,  oder  ein  stets  hungriges  thier.  Von  der 
idealischen  ruhe  eines  wolfenbüttler  bibliothecars  ist 
hier  kein  gedanke.  Unsere  bibliothek  kostet  im 
sommer  taglich,  täglich  sechs  stunden,  im  winter 
fiinf  oder  wenigstens  viere ;  in  diesen  stunden  musz 
immer  eingetragen,  controlliert,  catalog  geschrieben, 

8* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


116  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1831 

aufgesucht  oder  reponiert  werden ;  zu  halbstündigem 
oder  stundenlangem  lesen,  wie  es  auf  der  Casseler 
bibl.  wohl  thunlich  war,  gelangt  hier  kein  mensch. 
Rechnen  Sie  dazu  noch,  dasz  mir  eine  stunde  Vor- 
lesung etwas  neues  war  und  Vorbereitung  kostete, 
dasz  ich  den  dritten  theil  meiner  grammatik  be- 
ginnen sollte  (es  sind  mit  genauer  noth  heute  erst 
464  Seiten  davon  gedruckt),  eine  menge  bücher  lesen 
und  nebenarbeiten  z.  b.  recensionen,  antrittsrede  und 
Programm  (ich  kann  kein  exempl.  mehr  davon  finden, 
sonst  folgte  es  anbei)  zu  verrichten  hatte,  so  spüren 
Sie,  wie  es  dem  angehenden  professor  zu  muthe  war, 
der  sich  hundertmal  in  die  hessische  einsamkeit 
zurückgesehnt  und  den  Rommel  verwünscht  hat,  der 
uns  unschuldige  menschen  aus  dem  gewohnten  und 
ehrlich  besessenen  nest  jagen  muste.  Zum  professor- 
leben, sagt  man,  musz  man  sich  vom  doctor  auf 
anschicken  und  bilden,  später  hin  schmeckts  nicht 
recht  mehr.  Aber  die  übrigen  professoren  sind  auch 
besser  dran,  als  unser  einer,  sie  lesen  zwei,  höchstens 
drei  stunden  (manche  gar  nicht),  haben  dcts  bald  an 
der  schnür  upd  dürfen  dann  frei  arbeiten  und  können 
die  bibl.  nutzen,  wir  die  wir  sie  verwalten,  müszen 
unsre  zeit  darauf  wenden  und  können  sie  wenig 
benutzen. 

Von  unsrer  widerwärtigen  revolution  kein  wort. 
Sie  hatte  jedoch  dem  Wilhelm  durch  erkältung 
eine  gefährliche  krankheit  zugezogen,  eine  lungen- 
entzündung,  von  welcher  er  durch  Gottes  gnade  und 
Conradis  beistand  seit  drei  wochen  wieder  her- 
gestellt ist.   Er  fühlt  sich  aber  noch  sehr  abgemattet 


y  Google 


1831  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  117 

und  musz  diesen,  wohl  auch  den  nächsten  monat 
das  haus  hüten.  Dieser  tage  traf  aus  Hannover  die 
nachricht  ein,  dasz  ihn  der  könig  zum  professor 
gemacht  hat. 

Sonst  leben  wir  mit  allen  coUegen  auf  bestem 
fusz  und  es  ist  uns  eben  in  Wilhelms  krankheit 
viel  herzliche  freundschaft  erwiesen  worden.  Am 
meisten  um  gehen  wir  mit  Dahlmann. 

Arnims  plötzlicher  tod  hat  uns  sehr  betrübt; 
er  starb  sechs  tage  vor  seinem  50  geburtstag  ohne 
schmerz,  in  einer  gesellschaft  bekannter,  von  der 
&mihe  war  niemand  zugegen.  Bett  ine  schreibt 
ruhig  und  gefaszt,  und  voll  der  stärksten  liebe  zu 
dem  verstorbnen. 

Savigny  ist  mit  seiner  gesundheit  zufrieden; 
in  zeit  von  vierzehn  tagen  wurde  er  Vormund  von 
Niebuhrs  und  Arnims  kindem.  Ostern  wird  sein 
sechster  band  fertig.  Geht  Savigny  wieder  einmal 
nach  Marburg,  so  soll  uns  nichts  hier  halten;  aber 
wie  soUte  er  Berlin  je  verlassen? 

Durch  die  hess.  Constitution  sind  unleugbar 
manche  landesübel  geheilt  worden,  aber  die  fürst- 
hche  würde  wird  sich  unter  dem  jetzigen  heiTn  (das 
projectierte  Standbild  klingt  wie  parodie)  nicht 
wieder  erheben.  Zum  andern  gehört  vor  allem  zeit. 
Mit  Schenks  popularität  soll  es  schon  am  ende 
sein;  man  klagt,  er  erschwere  den  zutritt  und  die 
(wie  mir  auch  scheint  impassende  oder  unnöthige) 
drohphrase  am  schlusz  seiner  bekanntmachung  hat 
den  aufstrebenden  bürgern  misfallen.  Man  musz 
jetzt  schonender  als  je  in  Worten  sein. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1J8  XL   W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1883 

Da  Sie  doch  die  artikel  im  Justi  gelesen  haben^ 
80  beauftrage  ich  Sie,  ihn  in  meinem  namen  zu 
bitten,  er  möge  doch  in  dem  hoffentlich  noch  nicht 
fertig  gedruckten  buch  hinten  ausdrücklich  bemerken, 
dasz  mein  aufsatz  im  juli  v.  j.  eingesandt 
worden  sei.  Nachdem  er  ims  jahrelang  mit  dem 
beitrag  gequält  und  ich  ihm  endlich  versprochen 
hatte,  er  solle  mich  dann,  wann  der  druck  des  buchst 
G.  beginne,  darum  mahnen  und  ich  wolle  ihn  mit 
umgehender  post  zufrieden  stellen ;  traf  diese  mahnung 
etwa  mitte  vorigen  juIis  ein  und  ich  habe  wort  ge« 
halten  und  in  ein  paar  abendstunden  das  geforderte 
aufgeschrieben,  eigentlich  ungern,  aber  hernach  doch 
froh,  dasz  es  geschehen  war,  als  der  heisze  Schlosz 
des  juli  über  uns  alle  hereinbrach,  aus  dessen  unab- 
sehbaren Verwirrungen  uns  und  das  liebe  Vaterland 
der  himmel  frei  und  geläutert  hervorgehen  lasse. 
Ich  bleibe  unter  allen  umständen 

Ihr  treuer  freund  Jakob  Grimm. 

Wilhelm  und  Dortchen  grüszen  herzlich. 

60. 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Göttingen  9  jnl  1833. 
Lieber  freund  und  gevatter, 
ich  beantworte  Ihren  freundschaftlichen  brief 
ohne  allen  aufschub.  Dortchen  ist,  gott  sei  dank, 
uns  erhalten  und  beinahe  ganz  genesen.  Sie  war 
zum  besuch  meiner  Schwester  im  mai nach  Cassel 
gereist,  aber  diese  gleich  einige  tage  darauf  an  einer 
lungenentzündung  gefährlich  erkrankt.    Durch  un- 


y  Google 


im  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  119 

ablässige  pflege  bei  tag  und  nacht,  durch  angst  und 
sorge  zog  sich  Dortchen  einige  wochen  später  die- 
selbe krankheit  zu  und  lag  auch  auf  den  tod  da- 
nieder. Wilhelm  brachte  fast  die  ganze  zeit  dort 
zn,  und  ich  reiste  dreimal  hin,  sobald  die  gefahren 
wuchsen«  Bei  meiner  letzten  ankunfb  war  die  liebe 
Lotte  schon  einen  halben  tag  todt.  Zu  ihrem  Übel 
war  noch  eine  frühzeitige  entbindung  getreten.  Das 
kind  lebt  imd  scheint  zu  gedeihen.  Ihr  brief  hat 
meinen  schmerz  nicht  aufgefrischt,  er  wacht  ohne- 
bin and  ich  nähre  ihn  gern  durch  gedanken  und 
erinnerung.  Meine  Schwester  war  Überaus  recht- 
schaffen und  liebevoll,  auch  dabei  recht  verständig; 
sie  schlob  sich  nur  näheren  bekannten  auf,  an  uns 
geschwistem  hieng  sie  fest,  und  es  war  ihr  und  uns 
ein  groüser  trost,  dafs  sie  uns,  einen  ausgenommen, 
noch  unmittelbar  vor  ihrem  tod,  auf  den  sie  gefafst 
und  bereitet  war,  gesehen  hat.  Wilhelm  muste 
Dortchen  in  der  pflege  ablösen  und  wechselsweise 
frau  und  Schwester  aufc  treuste  besorgen.  Als  für 
Lotte  die  letzte  gefahr  eintrat,  war  Dortchen  schon 
gerettet,  obgleich  noch  niederliegend.  Erst  anfangs 
voriger  woche  hat  sie  zurückreisen  können. 

Als  Sie  Düren  brief  schrieben,  war  Wilhelm 
gerade  in  Harbmrg.  er  geht  nach  Wisbaden,  das 
ihm  sein  altes  proteusartiges ,  seit  vorigem  herbst 
aber  wieder  gesteigertes  übel  austreiben  soll.  Gott 
verleihe  es!  Er  wird  zu  Marburg  blofe  bei  dem 
armen  duldenden  Suabedissen  gewesen  sein,  zu 
Omen  hinaus  zu  kommen  hätte  ihn  übermäßig  an- 


y  Google 


120  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Ban^r.  1833 

gestrengt.  Vielleicht  auf  dem  rückweg,  wenn  dieser 
durch  oberhessen  führt. 
'  den  ausgang,  den  die  gegen  meinen  schwager 
ige  klage  nehmen  wird,  bin  ich  gespannt.  Er 
durchaus  redlicher  mann,  den  ich  aber  nicht 
iseitigkeit  und  Überspannung  freispreche.  In 
lern  partei  gibt  es  manchen  nüchternen  libe- 
ien  ich  weniger  mag,  als  seinesgleichen. 

Universitäten    haben   viel    feinde,   die  jetzt 
jpt   erheben   werden.     Savignys   trefflicher 

gieng  den  letzten  ereignissen  vorher,  jetzt 
in  wir  fast  noch  wärmere  rede  (ich  hatte,  ohne 
zu  wissen,  meine  stimme  vorher  erhoben 
mz.  1883.  No.  12.  [Randbemerkung.])  Sie 
;ilen  Savignys  Wirksamkeit  richtig,  seine 
ichaftliche  stockt  hin  und  wieder;  an  einem 
ort,  als  der  grofsen  vornehmen  Weltstadt,  und 
Bm  Verhältnissen,  würde  sie  sich  noch  ganz 
fruchtbar  und  reich  erwiesen  haben, 
r   haben    wir    an    Dahlmann   einen    treuen 

freund  gefunden.     An  die  übrigen  hindernisse 
it    man  sich,   wenn   man   sie  auch  nicht  gut 

zlichen  grusz. 

Ihr  Jacob  Grimm. 

Pfarrer  Bang  Gofafelden  bei  Marburg  in  Hesaeu. 


y  Google 


18:39  XL    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  121 

6L 

Jacob  Grimm  an  Bang. 

Cassel  20  Jan  18H9. 
Lieber  Freund  und  Gevatter, 
Nach  so  langem  Zwischenraum  des  Schweigens 
einen  Brief,  und  auf  Ihr  herzliche  Theilnahme  aus- 
drückendes Schreiben  vom  letzten  Sommer  erst  heute 
Antwort!  Es  langte  gerade  in  Tagen  an,  wo  ich 
verreisen  muste,  und  ich  hatte  kaum  Zeit  Ihnen  ein 
Exemplar  meiner  damals  erschienenen  kleinen  Schrift, 
ohne  ein  Wort  Begleitung  zugehn  zu  lassen.  Ihrer 
Theilnahme  und  Ihrer  Billigimg  eines  Schrittes,  der 
allerdings  fOr  unser  noch  übriges  Leben  bedeutsam 
werden  muste,  waren  wir  im  voraus  sicher.  Auch 
bei  solchen,  die  uns  nicht  zustimmen,  selbst  abgeneigt 
sind,  wird  uns  die  Zeit  rechtfertigen. 

Seit  Ende  October  leben  wir  drei  Brüder  wieder 
wie  sonst  hier  vereint  unter  dem  Dach  des  jüngsten ; 
nicht  ohne  neue  Prüfungen  und  Leiden.  Eben  erst 
hat  Dortchen  sechs  Wochen  lang  eine  schwere 
Krankheit  ausgehalten,  das  war  kein  glücklicher 
Einzug.  Und  doch  bedürften  wir  in  unsrer  Lage 
und  Stimmung  nichts  mehr  als  Gesundheit.  Ich  kann 
auch  mit  der  meinigen  seit  einem  halben  Jahr  nicht 
recht  zufrieden  sein. 

Das  Übel  unsrer  Verjagung  aus  Göttingen  und 
der  hartnäckigen  Schwierigkeit  aller  Wieder- 
anstellnngen  trägt  uns  vielleicht  eine  gute  Frucht 
Wir  haben  uns  einer  Sache  unterfangen,  die  sonst 
wahrscheinlich  gar  nicht  in  uns  aufgekommen  wäre, 
eines  groben   , deutschen  Wörterbuchs''    von  Luther 


y  Google 


122  XI.    W.  und  J.  Grimm  an  Bang.  1839 

bis  auf  Göthe,  worin  alle  Schriftsteller  der  drei 
Jahrhunderte  sorgsam  sollen  eingetragen  werden. 
Wie  wäre  es,  wenn  Sie  Lust  bezeigten  fftr  die  Her- 
beischaffung des  Materials  mit  anzustehn?  wir  haben 
schon  einige  dreifsig  Mitarbeiter  geworben  (in  Mar- 
burg Vilmar  und  Blackert).  Möchten  Sie  uns 
auf  einzelne  Sedezblättchen  aus  einigen  Schrift- 
stellern die  wichtigen  Wörter  und  Phrasen  aehen 
helfen?  etwa  aus  einigen  Bänden  Luther  (nach 
der  Jen.  Ausgabe),  aus  Brockes  und  Kant?  Im 
Falle  des  Wollens  läfet  sichs  näher  besprechen,  und 
für  einen  Philologen  wie  Sie  bedarfs  kaum  der  Ver- 
ständigung. Da£3  Sie  Muise  haben  wissen  wir,  denn 
auch  in  der  Zeit,  wo  wir  nicht  schrieben,  pflegten 
wir  uns  doch  immer  fleifsig  nach  Ihnen  zu  er- 
kundigen. 

Da  Sie  aber  neben  dem  Excerpieren  und  Ihren 
übrigen  Geschäften  auch  spazieren  gehn,  schaffen 
Sie  mir  doch  einige  wenn  auch,  wie  zu  befürchten, 
negative  Auskunft  Ton  dem  Ihnen  ganz  nah  liegen- 
den Kaldern,  welches  ein  alter,  wichtiger  Ort  ist, 
bestimmt  in  der  deutschen  Mythologie  eine  Art  BoUe 
zu  spielen.  Sie  wissen  aus  Wenk,  dass  er  ehdem 
Ccdantra  hiefs,  und  ein  altes  Kloster  hatte.  Die  zn 
stellenden  Fragen  lauten  so:  1.  gibts  in  der  Um- 
gegend einen  Berg,  Hügel,  ein  Feld  des  Namens 
Gnifsberg,  Nifsberg,  Nufsberg,  Gnitberg, 
Gnitheide,  Gnifsheide  oder  was  imgefahr  so 
klingt?  2.  weife  das  Volk,  die  alten  Leute 
nichts  zu  erzählen  von  einem  Wurm,  Drachen,  Un- 
geheuer, und  dessen  Erlegung? 


y  Google 


1817  XIL   J.  nnd  W.  Grimm  an  Gerling.  123 

Wir  leben  sonst  getrost,  mutig,  arbeitsam,  em- 
pfengen  auch  von  allen  Seiten  erhebende  Beweise 
Ton  Wohlwollen  und  Liebe.  Savigny  ist  voller 
Freundschaft,  auch  der  heidelberger  Creuzer  hat 
sich  wacker  verwendet.  Ein  leipziger  Comit^  sichert 
uns  unsre  Gehälter,  und  unser  Procefe  geht  seinen 
Gang. 

Sein  Sie  herzlich  gegrüfet. 

Jacob  Grimm. 
Herrn  Pfarrer  Dr.  Bang  Hochwürden  Gofsfelden  bei  Marburg. 


XIL    Dreizehn  Briefe  von  Jacob  und  Wilhelm 
Grimm  an  Prof.  Gerling  in  Marburg. 

62. 

Jacob  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  den  17  Juni  1817. 
Lieber  Gerling 
es  tragt  sich  zu,  dasz  ich  Ihnen  am  ersten  schreibe, 
wie  wohl  eilig.  Görres  sendet  mir  hundert  Loose 
(wovon  in  den  Beilagen  umständlicher)  und  schreibt: 
geben  Sie  diese  denen,  die  in  Gaazel  mich  kennen 
und  etwas  auf  mich  halten,  wenn  ich  Sie  bitte,  so 
werden  sies  wohl  gerne  thun.  Marburg  und 
Gtöttingen  kann  auch  einige  nehmen.* 

Die  einliegenden  10  Loose  (2561 — 2570.)  werden 
Sie  ohne  Zweifel  in  Marburg  vertreiben,  besoiiders 
wenn  Sie  die  Hälfte  mit  meiner  Empfehlung  Hm. 
Iteg. Rath  von  Hanstein  übermachen  wollen,  der 


y  Google 


Xir.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerlbg.  1817 

Bekannte  hat.   Das  Geld  (25  albus  p.  Loos) 
Sie  mir  gelegentlich  zu. 
che  Qrüsze  von  uns  an  Sie  und  Dire  Fran, 
sind  gesund,  aber  mit  der  Schwester  will 
nicht  recht,  welches  Gott  beszem  wolle. 
Ihr  aufrichtig  ergebener  Freund 
Jacob  Grimm. 


63. 

nihelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  24.  Juli  1817 

er  Gerling,  ich  danke  Ihnen  herzlich  für 
indschaftlichen  Brief  und  die  näheren  Nach- 
her Ihr  dortiges  Leben,  dasz  es  Ihnen  im 
►etrachtet  beszer  geht,  als  hier  freut  mich 
B  Erfüllung  meiner  gleich  gehegten  Hoff- 
as  Unbequeme  wird  sich  allmählig  auch 
Dasz  Ihre  Frau,  die  wir  insgesammt 
5u  grüszen  bitten,  noch  an  Cassel  zurück- 
fällt mir  recht  wohl,  weil  es  natürlich  ist, 
i  eine  Zuneigung  zu  einem  Ort  hat,  wo 
5  Zeitlang  doch  zufrieden  zugebracht,  u. 
•  daran  denken,  dasz  wir  auch  zu  Caszel 
so  freut  es  uns  noch  mehr.  Dasz  Sie  nicht 
r  sind,  thut  mir  gewisz  leid,  ich  musz  nun 
e  dafür  rechnen,  Sie  einmal  besuchen  zu 
sroraus  nur  leider  dieses  Jahr  nichts  werden 
ier,  wenigstens  bei  uns,  würden  Sie  wenig 
ang  finden,  meine  Schwester  kränkelt  leider 


y  Google 


1817  XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  125 

noch  immer  und  das  macht  mir  manchmal  Sorgen 
Ich  wollte  mit  Hummel,  seiner  Frau  u.  der  Räthin 
Pfeiffer  den  Meisner  besuchen,  wir  bekamen  aber 
80  viel  Regen ,  dasz  wir  uns  begnügten  zwei  Tage 
in  Glimmerode ,  einem  Gute  der  Frau  von  Mals- 
bnrg,  welches  amFusz  des  Berges  liegt,  zu  bleiben, 
wo  wir  uns  ganz  wohl  vergnügten  u.  dann  wieder 
heim  fuhren.  Die  Kurprinzessin  ist  vor  ein 
paar  Ta^en  wieder  gekommen,  wird  aber  in  ganz 
kurzen  nach  Hanau  reisen,  da  haben  Sie  wohl  Ge- 
legenheit, sie  in  Marburg  zu  sprechen. 

Sie  erwähnen  unter  Ihren  Bekannten  noch  nicht 
den  Pfarrer  Bange;  ich  hoffe  aber  dasz  Sie  sich 
noch  finden  werden.  Es  ist  ein  sehr  braver,  ge- 
sunder u.  kenntniszreicher  Mann. 

Görres  hat,  wie  Sie  vielleicht  gelesen  haben, 
schon  an  40000  fr.  zusammen;  er  hat  geschrieben, 
dasz  er  jedem  danken  läszt,  der  Theil  an  der  Sache 
genommen:  Die  höchste  Noth  wäre  doch  nun 
Yorfiber. 

Nun  leben  Sie  wohl  lieber  Gerling  u.  seynSie 
sammtlich,  das  liebe  Kind  mit  eingeschloszen,  herz- 
lich Ton  uns  allen  gegrüszt.  Von  Suabedissen 
habe  ich  seither  nichts  gehört,  hoffe  aber,  dasz  er 
wohl  ist.    Mit  treuer  Freundschaft 

Ihr 
Wilhelm  C.  Grimm. 

Das  Geld  hat  mir  Schotten  richtig  ausbezahlt, 
hierbei  erfolgt  Ihr  unnöthig  ausgestellter  Schein. 
An  Herrn  Profeszor  Gerling  in  Marburg. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


126  Xn.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  1817 

64. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Hierbei  erhalten  Sie,  lieber  Gerling,  das  ver- 
langte Buch,  wenn  Sie  noch  mehr  wollen,  so  stehen 
wir  2U  Dienst.  Wenn  Sie  es  zurückschicken,  so 
machen  Sie  die  Ädresze:  an  kurfQrstl.  grosze  Bib- 
liothek im  Museum.  Diese  hat  Portofreiheit  u.  ich 
glaube,  dasz  es  recht  u.  erlaubt  ist,  solche  auf  ihren 
Gebrauch  anzuwenden. 

Wir  sind  gottlob  beide  gesund,  meine  Schwester 
ziemlich  u.  grüszen  Sie  beide  sammt  der  Emma 
tausendmal.  Ihr  Bruder  soll  mir  willkommen  seyn. 
Heute  nur  diese  paar  Zeilen.  Von  Suabedissen 
haben  Sie  ietzt  durch  mich  einen  Brief  erhalten, 
d.  h.  den  ich  auf  die  Post  gegeben.  Mit  alter  Liebe 
und  Freundschaft 

Dir 

W.  C.  Grimm 

Caszel,  am  15.  August  1817. 


65. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel,  am  5.  Nov.  1817. 

Liebster  Gerling,  Ihren  Bruder  haben  wir  leider 
nur  wenig  gesehen,  er  war  sosehr  an  seinen  Be- 
gleiter gebunden  oder  band  sich  aus  Freundschaft 
an  ihn,  dasz  er  keine  von  unsem  Einladungen  an- 
nahm. In  den  wenigen  Stunden ,  wo  wir  ihn  ge- 
sprochen, hat  er  uns  allen  sehr  wohl  gefallen. 


y  Google 


1817  XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  127 

Heute  komme  ich  mit  einer  Bitte.  Nämlicli  die 
beiliegenden  Ankündigmigen  so  vortheilhaft  als 
mdglicli  zu  yertheilen  um  Subscribenten  für  das 
Werk  zn  sammeln.  Es  ist  uns  sehr  viel  daran  ge- 
legen, dasz  es  zu  Stand  kommt  und  da  die  darin 
abgedruckten  Quellen  ihren  Werth  behalten,  so 
wird  niemand  sein  Geld  wegwerfen,  sondern  etwas 
Gfutes  befördern,  selbst  wenn  er  uns  auch  nicht 
geneigt  wäre.  Justi  der  Dichter  u.  Arnoldi  der 
Sprachforscher,  auch  Wagner  sollte  ja  wohl  einiges 
Interesze  f&r  diesen  Gegenstand  haben ,  auch  gibts 
Tielleicht  einige  altdeutsche  Studenten.  Ich  wünsche 
die  Namen  sobald  als  möglich,  noch  vor  Neujahr 
zu  haben. 

Was  kann  ich  Ihnen  von  hier  Neues  schreiben? 
Hein  jüngster  Bruder  ist  wieder  angekommen ,  und 
bleibt  vielleicht.  Bei  Ramus  ist  es  noch  wie 
sonst,  Bauer  hat  noch  immer  nicht  promovirt. 
Zu  Ihrem  zweiten  Töchterlein  wünschen  wir  viel 
Glück;  was  wird  die  Emma  grosz  geworden  sein! 
Meine  Schwester  ist  gottlob  beszer,  wir  viere  grüszen 
Sie  Frau  und  Kind  aufs  herzlichste. 

Ihr  treuer  Freund 

W.  C.  Grimm. 

bitte  um  Besorgung  der  Einlage. 
An  Herrn  Profeszor  Gerling  in  Marburg. 


y  Google 


128  XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerlinj?.  1817 

66. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  am  26  Nov  1817. 

Liebster  Gerling,  hätte  ich  nicht  zugleich  die 
Versicherung  Ihrer  Wiederherstellung  von  Ihrer 
eigenen  Hand  gelesen,  so  hätte  mich  die  Nachricht 
von  Ihrer  Krankheit  recht  erschreckt.  Gottlob,  dasz 
es  vorüber  ist,  hüten  Sie  sich  vor  zu  groszer  An- 
strengung in  Arbeiten.  Ihre  Freunde  u.  ihre  Wünsche 
habe  ich  soweit  es  mir  möglich  war  gefordert,  sowohl 
der  alte  bescheidene  Mann,  als  der  Studiosus  haben 
mir  Wohlgefallen;  von  letzterm  habe  ich  mir  den 
ganzen  Hergang  der  neulichen  Begebenheit  erzählen 
lassen  u.  bin  dadurch  in  meinem  Urtheil  darüber 
bestärkt  worden ;  ich  zweifle  nicht,  dasz  Sie  auf  der 
Seite  des  Rechts  gewesen  sind.  Uns  geht  es  hier 
ganz  leidlich,  dasz  mein  Bruder  Ludwig  nun  bei 
uns  ist,  habe  ich  Ihnen  wohl  schon  gemeldet,  mit 
meiner  Schwester  geht  es  nur  langsam  beszer,  doch 
ist  keine  Gefahr  dabei.  Genaue  Nachricht  von  der 
Lotterie  habe  ich  nicht,  mag  auch  darum  nicht  an- 
fragen, inzwischen  sobald  ich  etwas  höre,  will  ich 
es  Ihnen  melden.  Ich  bin  der  Meinung,  dasz  man 
solchen,  die  hier  noch  Zweifel  an  Redlichkeit  hegen, 
diesen  laszen  musz  und  sich  nicht  darum  bekümmern : 
wie  will  man  sonst  fertig  werden  auf  der  Welt. 

Heute  musz  ich  mich  mit  diesen  wenigen  Zeilen 
begnügen.  Hei*zliche  Grüsze  von  uns  allen  an  Sie, 
Frau  u.  Kind. 

Ganz  Ihr  W.  C.  Grimm. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1818  XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  129 

67. 
Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  am  20.  Jan.  1818 

Herzliche  Grfisze  zum  neuen  Jahr,  lieber  Ger- 
ling, Gott  erhalte  Sie  und  die  Ihrigen  bei  Gesimd- 
faeit  und  Frohsinn  so  wird  sich  das  übrige  von  selbst 
finden.  Ich  schicke  Ihnen  hier  eine  Anzeige  von 
Görres  Armenyorlesung ,  dadurch  werden  ja  eines 
jeden  Zweiflers  Bedenklichkeiten  gestiUt  werden. 
Sodann  bitte  ich  Sie  mir  einen  erneuerten  Schein 
Ton  Schuberts  Astronomie,  die  Sie  von  der  Bibl. 
haben  zuzuschicken.  Endlich  erhalten  Sie  anbei 
einen  Haufen  Bibliotheks-Bücher  für  den  Pfarrer 
Bange,  der  sie  bei  Ihnen  wird  abholen  laszen; 
direct  konnte  ich  sie  nicht  gut  abschicken,  weil 
einige  Unsicherheit  dabei  ist,  und  da  es  Ihnen  weiter 
keine  Mühe  macht,  so  werden  Sie  mir  diese  Freiheit 
niclit  übel  nehmen. 

Wir  viere  grüszen  Sie  mit  dem  Wunsche,  Sie 
einmal  zu  sehen,  kommen  Sie  nicht,  so  wird 
wenigstens  einer  von  uns  künftigen  Sommer  bei 
Urnen  erscheinen.  Meiner  Schwester  geht  es  leidlich 
Snabedissen  hat  mir  vor  kurzem  geschrieben  und 
mir  eine  schöne  Rede  von  sich  zur  Reformations- 
feier geschickt;  er  scheint  auch  heiter.  Lesen  Sie 
doch  des  Mathesius  Predigten,  die  Arnim  wieder 
herausgegeben  hat,  es  ist  eine  herrliche  Lebens- 
beschreibung von  Luther. 

Harnier  ist  noch  in  Darmstadt  u.  wird  wohl 
sobald  nicht   kommen,    da    er    nach    Berlin    will. 

X.  Stengel.   Briefe  der  Brdder  Grimm.  9 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  1818 

Bauer  ist  noch  immer  dick  und  lustig,  macht 
noch    nicht   Anstalt   ein   Mann   im   Staat  und 
3  zu  werden. 

^un  noch   die  Grüsze  an  die  Emma,  die  ganz 
ntlich  das  Wort  führen  wird.     Von  Herzen  der 

je 

W.  C.  Grimm. 

68. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel,  9.  Nov.  1818 

iiebster  Gerling,  ich  danke  herzlich  für  Ihr 
adschaftliches  Andenken  u.  den  Brief,  der  mir 
;e  authentische  Nachrichten  von  Ihnen  mittheili 
habe  mich  seither  bei  jedem  Marburger,  den  ich 
rochen,  nach  Ihnen  erkundigt  und  einige  Grüsie 
sen  Ihnen  auch  auf  diesem  Wege  zugekommen 
.  Ich  freue  mich  nun  die  Bestätigung  Ihres 
ilseyns  von  Ihnen  selbst  zu  hören;  ihre  liebe 
i  hoflFe  ich  wird  sich  auch  beszern,  ich  habe  an 
ler  Schwester  mit  Freude  erlebt,  wie  man  sich 
angegrififenen  schwachen  Nerven  erholen  kann, 
wäre  wohl  gerne  diesen  Sonmier  gekonunen, 
le  dortigen  Freunde  zu  besuchen,  aber  Sie 
ben  kaum,  wie  schwer  es  fällt,  auf  ein  paar 
ß  frei  zu  werden ;  indeszen  hatte  ich  nicht  allein 
)fft,  Sie  würden  nachdem  es  voriges  Jahr  nicht 
heben  war,  in  diesem  herkommen. 
[>enken  Sie,  sechs  bis  acht  Wochen  sind  wir 
^hwister  sämmtlich  6.    an   der  Zahl  zusammen- 


y  Google 


1818  Xn.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  131 

gewesen,  mein  Bruder  ana  Bordeaux  kam  und  bald 
darauf  auch  unerwartet  der  Berliner;  so  haben  wir 
manchen  vergnügten  Abend  zugebracht  u.  manchen 
alten  Spasz  wieder  hervorgesucht. 

Von  Bauer  kann  ich  Ihnen  auch  nur  einiges 
melden.  Ich  habe  von  seinen  Plänen  nichts  gewuszt 
o.  bin  selbst  durch  das  Resultat  überrascht  worden. 
Ich  gestehe  dasz  es  mir  nicht  ganz  gefällt,  zumal 
da  er  sonst  ein  braver  und  gescheidter  Mensch  ist, 
bei  einem  andern  könnte  man  leichter  die  Sache 
nehmen.  Dasz  er  etwas  im  Schilde  führte,  habe 
ich  gemerkt,  seit  er  sich  zu  Jena  das  Doctordiplom 
holte.  Den  21.  Octbr.  haben  wir  seine  Hochzeit 
mit  einem  Ball  gefeiert,  wo  es  ganz  lustig  war;  ich 
wünsche  beiden  von  Herzen  Glück,  man  wird  ja 
sehen  wie  es  geht;  Vorgestern  ist  er  mit  seiner 
Frau  nach  Würzburg  abgereist  u.  zwar  über  Fulda, 
er  will  dort  das  CUnicum  besuchen  u.  dann  das 
noch  gröszere  zu  Wien,  welches  den  Mangel  an 
Praxis  ersetzen  soll;  in  einem  Jahr  gedenkt  er 
wieder  hier  zu  seyn.  Es  kommt  mir  doch  nicht  vor, 
als  habe  er  so  recht  die  Absicht  academischer 
Lehrer  zu  werden,  ob  mich  gleich  keine  Äuszerung 
Ton  ihm  dazu  berechtigt,  aber  so  aus  den  Anstalten 
scheint  es  mir  hervorzugehen. 

Von  Suabedissen  habe  ich  lange  nichts  ge- 
hört, ob  ich  ihm  gleich  vor  8  Wochen  einen  recht 
groflzen  Brief  geschrieben,  ich  freue  mich  sehr  ihn 
Ostern  hier  zu  sehen,  wo  der  Prinz  confirmirt 
wird.    Wollen  Sie  denn  da  nicht  herkommen? 

9* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


132  Xn.  J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  1819 

Wer  hier  recht  yomehm  ist,  ist  krank  und  hat 
die  Rötheln  und  Masern  (dasz  wir  daher  alle  gesund 
sind,  brauche  ich  nicht  ausdrücklich  zu  sagen)  der 
Prinz  ist  ordentlich  krank  gewesen,  gestern  aber 
wieder  ausgefahren,  auch  die  Princesz  Marie  hat; 
sie  gehabt  u.  ihr  Gesicht  ist  noch  ganz  roth  davon. 
Neues  wüsst  ich  Ihnen  sonst  nichts  zu  schreiben, 
ob  es  gleich ,  wenn  wir  zusammen  wären  genug  zu 
sprechen  gäbe ;  dasz  die  Eönigskrone  sollte  gehoben 
werden,  und  schon  ganz  nah  war,  aber  wieder  tief 
versunken  ist,  werden  Sie  wohl  gehört  haben.  — 
Das  Schlosz  wird  nach  einem  groszen  Plan  gebaut, 
das  alte  steckt  schon  ganz  als  Fundament  in  der 
Erde  und  noch  mehr  dazu;  es  ist  doch  eine  Wohl- 
that  für  die  armen  Leute,  die  dabei  Arbeit  u.  Brot 
finden. 

Bei  Ihren  Freunden,  lieber  Gerling,  stehen  Sie 
hier  im  besten  Andenken,  Gott  lasse  es  Ihnen  immer 
wohl  ergehen.  Mein  ältester  Bruder  ist  fleiszig  an 
einer  histor.  deutschen  Granmiatik,  die  andern  Ge- 
schwister grüszen  mit  ihm  Sie  beide  herzlich  und 
das  thut  auch  Ihr  treuer  Freund 

W.  C.  Grimm. 
An  Herrn  Profeszor  Gerling  in  Marburg 

69. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling, 

Liebster  Gerling,   unserer  Verabredung  gemäss, 

schicke  ich  Ihnen  hier  ein  Paket  Bücher  f&r  unsem 

Freund  Bange  nach  Goszfelden,  seyn  Sie  doch  so 

gut,  imd  befördern  Sie  es  sobald  als  möglich.   Jetzt 


y  Google 


1819  Xn.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  133 

da  die   Feiertage   vorüber  sind,   wird  er  gern  sich 
darüber  machen. 

Hier  ist  noch  alles,  wie  Sie  es  yerlaszen  haben. 
Ich  wünsche  Ihnen,  Ihrer  lieben  Frau  und  Kindern 
auf  das  herzlichste  Glück  zu  dem  Neuen  Jahr,  Gott 
behalte  Sie  in  seinem  Schutz.  Wir  grüszen  Sie  alle 
herzlich.     Mit  unveränderter  Freundschaft 

ganz  Ihr 

W.  C.  Grimm. 
Caszel  am  3.  Jan.  1819. 

Jacob  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  3  Sept  1819 

Eine  kleine  Bitte,  lieber  Gerling.  Die  Marburger 
Bibliothek  soll,  wie  man  mir  in  der  Kriegerschen 
Buchhandlung  versichert,  eine  seit  1818  erscheinende 
Zeitschrift:  Eos,  herausgeg.  von  Mann  zu  München 
halten.  In  derselben  (vermuthl.  im  Jahrg.  1818) 
findet  sich  ein  Aufsatz  von  Docen:  über  die  Zu- 
sammensetzung der  deutschen  Doppelwörter  gegen 
Jean  Paul;  Inhaltsanzeigen  weisen  vermuthlich 
leicht  aus,  in  welchem  Heft  er  stehe.  Ich  bedarf 
semer  zu  einer  ähnlichen  Ausarbeitung  und  Sie 
können  wohl  vermitteln,  dasz  er  mir  auf  ganz  kurze 
Zeit  hierher  geliehen  wird  ? 

Wir  sind  alle  gesund  und  die  Lotte  dieses  Jahr 
sogar  mehr,  wie  vorher.  Von  Suabedissen  hören 
TO  lange  nichts.  Werden  Sie  denn  diesen  Herbst 
nicht  ausreiszen?    denn  Ihre  Ferien  stehen  vor  der 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


134  XII.  J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  1819 

Thür.  Wir  haben  leider  keinen  Urlaub  und  müszeH 
das  schönste  Wetter  vorübergehen  sehen,  höchstens 
genieszen  wirs  in  längeren  Spaziergängen.  Herzliche 
Grüsze  an  Frau  und  Kinder,  die  erfreuliche  Ankunft 
des  letzten  Kinds  ist  uns  zu  seiner  Zeit  richtig  ge- 
meldet worden 

Stets  Ihr  aufriebt.  Freund  Jacob  Grimm. 
Herrn  Profeszor  Gerling  Wohl  geboren  zu  Marburg 

71. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel,  25.  Octbr.  1819. 

Lieber  Gerling,  ihr  Brief  hat  mir  doppeltes  Ver- 
gnügen gemacht,  weil  er  mir  Nachricht  von  Urnen 
gegeben  und  zugleich  die  Bekanntschaft  Ihres 
Bruders  verschafft  hat.  Nun  kenne  ich  doch  Ihre 
ganze  Familie,  wogegen  Sie,  wo  ich  nicht  irre, 
meinen  Bruder  in  Berlin  noch  nicht  gesehen  haben. 

Es  freut  mich  herzlich,  dasz  Sie  sich  sämmthch 
wohl  befinden,  nach  einer  Reise  in  die  gesegneten 
Rhein  u.  Maingegenden,  (die  ich,  so  oft  ich  sie  er- 
blicke, doch  nicht  ohne  eine  gewisse  Erregimg  und 
das  GefÖhl,  dasz  sie  mein  eigentliches  Vaterland 
sind,  ansehen  kann),  musz  man  sich  neu  belebt 
fühlen. 

Auch  uns  geht  es  gottlob  wohl,  so  viel  auch  zu 
wünschen  übrig  bleibt.  Wir  müssen  uns  mit  dem 
begnügen,  was  uns  Gott  verleiht,  wer  einmal,  wie 
wir,  eine  so  gewaltige  alles  verzehrende  Zeit  erlebt 
hat,  der  ist  empfanglich  für  das  Gute  das  hier  und 


y  Google 


182Q  Xn.  J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  135 

da  stehen  geblieben  ist.  Trösten  Sie  sich  über  das 
Misztrauen,  das  Ihnen  wohl  mit  Recht  weh  thut, 
durch  den  Gedanken,  dasz  alle  reine  u.  gutgesinnte 
Menschen  in  jeder  Art  von  Bedrängnisz  sich  näher 
gerückt  fühlen. 

Von  Suabedissen  habe  ich  lange  nichts  ge- 
hört, ich  hoflFe  aber,  dasz  er  gesund  u.  heiter  lebt. 

Mein  ältester  Bruder  war  vor  kurzem  einen  Tag 
in  Melsungen  iL  hat  auch  Ihre  Schwiegermutter 
besucht,  Ihre  Schwägerin  Carolinchen  war  aber 
nicht  dort  u.  wahrscheinlich  schon  bei  Ihnen.  Seyn 
Sie  alle  grosz  u.  klein  von  uns,  meine  Schwester 
eingeschloszen  auf  das  herzlichste  gegrüszt 

Ihr  Wilhelm  C.  Grimm. 

Bauer  hat,  so  viel  ich  weisz,  nicht  viel  von 
«ch  hören  lassen,  wann  er  zurückkommt  weisz  ich 
nicht,  ich  glaube  aber  bald.  Übrigens  bleibe  ich 
bei  meiner  alten  Meinung,  dasz  er  eigentlich  nicht 
an  die  Universität  will,  es  wird  sich  bald  zeigen, 
ob  ich  hierin  scharfsinnig  war. 

An  Herrn  Professor  D.  Gerling  Marburg. 

72. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  1.  Juni  1820. 

Lieber  Gerling,  ich  danke  Ihnen  für  Ihren  Brief 
nnd  die  Nachrichten  von  den  Ihrigen,  seyn  Sie  ver- 
sichert, dasz  ich  auch  ohne  Schreiben,  an  allem 
was  Sie  betriflFt,   herzlichen  und  freundschaftlichen 


y  Google 


136  XIL  J.  und  W.  Grimm  an  Gerlinff.  1820 

Antheil  nehme.  Von  den  meinigen  kann  ich  Ihnen 
wenig  neues  melden,  wir  sind  gesund,  nur  meine 
Schwester  kränkelt  von  Zeit  zu  Zeit,  ohne  doch 
eigentlich  krank  zu  seyn.  Carl  ist  noch  immer  bei 
uns  und  hofft  auf  beszere  Zeiten,  sein  Stand  wird, 
weil  er  am  meisten  aus  allen  natürlichen  Verhäli- 
niszen  gerückt  war,  ietzt  auch  am  meisten  gedrückt; 
ich  glaube,  dasz  der  Handel  eine  andere  und  im 
Ghmzen  bescheidenere  Stellung  einnehmen  wird,  aber 
es  wird  noch  Zeit  darauf  gehen,  bis  sich  alles  dabei 
setzt  und  in  Ordnimg  kommt.  Der  Mahler,  war  in 
Frankfurt,  Hanau,  Birstein,  seit  Septbr.  vorige» 
Jahrs  und  ist  eben  erst  vor  ein  paar  Tagen  zurück- 
gekehrt; er  ist  insofern  der  glücklichste,  als  er  am 
wenigsten  Sorgen  hat  oder  sich  Sorgen  macht 
Jacob  arbeitet  fieiszig  an  der  neuen  Auflage  seiner 
Ghrammatik. 

Bauer  sehe  ich  wenig,  Sie  haben  ganz  recht  in 
dem,  was  Sie  über  ihn  bemerken.  Er  hat  eine 
schon  früher  sichtbare  Neigung  zur  Weltklugheit 
weiter  entwickelt  und  das  ist,  insofern  man  diese 
oben  anstellt,  nicht  meine  Sache ;  femer  hat  er  sein 
rhetorisches  Wesen  ausgebildet,  und  dafür  bin  ich 
auch  ohne  Sinn,  so  dasz  es  gut  ist,  wenn  unsere 
Wege  nicht  dieselben  sind.  Etwas  gutmüthiges  ist 
bei  ihm  dazwischen  immer  sichtbar,  er  wäre  viel 
beszer  geworden,  wenn  er  sich  nicht  zu  aller  Zeit 
seinen  Willen  gethan  hätte;  die  Einbildung  der 
jungen  Leute  unserer  Zeit,  dasz  in  ihnen  ein  Genie, 
oder  doch  so  ein  Stück  davon  liege,  das  man  nicht 
anrühren  dürfe,  hat  viele  zu  Grund  gerichtet. 


y  Google 


1820  Xn.   J.  mid  W.  Grimm  an  aerling.  13/ 

Sie  fchun  ganz  recht,  lieber  Oerling,  dasz  Sie 
alles  Geschwätz  fBr  das  ansehen,  was  es  ist  und  mit 
emem  guten  Gewiszen  fireudig  auf  ihrem  Weg  fort- 
selureiten.  Es  freut  mich,  dasz  sich  die  Anzahl  Ihrer 
Zuhörer  vergröszert  mithin  auch  die  Freude  an  Ihrer 
Arbeit  zunimmt.  Glauben  Sie  mir,  dasz  die  redlichen 
Menschen  hier  ein  solches  Geschrei  zu  achten  wiszen 
und  ich  kann  Ihnen  im  Vertrauen  sagen,  dasz  der 
Minister  Witzleben,  der  ein  gerader  ehrlicher 
Mann  ist,  eben  jenem,  den  Sie  mir  bezeichnet,  bei 
Tisch  in  Gesellschaft  anderer  Vorwürfe  gemacht  hat 
und  ihm  gesagt,  dasz  er  nicht  begreife,  wie  er  solche 
Berichte  habe  einsenden  und  dadurch  die  Universi- 
täten überhaupt,  deren  eigenthttmliche  Natur  von 
80  groszem  Werthe  sey,  habe  gefährden  können. 
Ich  habe  auch  sonst  bemerkt,  dasz  man  hier  nicht 
furchtsam  ist  und  von  einem  blinden  Lärm  sich 
nicht  schrecken  läszt. 

Ich  freue  mich  Suabedissen  hier  zu  sehen. 
Zu  einer  Reise  nach  Marburg  darf  ich  mir  keine 
Hoffnung  machen,  wenigstens  nicht  in  diesem  Jahr. 
Leben  Sie  wohl,  seyn  Sie,  Ihre  Frau  und  die 
Kinderchen  aufs  herzlichste  von  uns  allen  gegrüszt. 

Ihr 
W.  C.  Grimm. 


y  Google 


138  Xll.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  1821 


78. 

Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caszel  2.  Mai  1821 

Liebster  Gerling,  weder  einen  Globus  von  Wil- 
helm IV  noch  einen  aus  seiner  Zeit  besitzt  die 
Bibliothek;  den  Nachfragen  zufolge,  die  Völkel 
angestellt,  auch  nicht  die  Sternwarte  oder  das 
Museum.  Wir  haben  nichts  als  die  bekannte, 
kupferne  Kugel  von  Landgraf  Carl  mit  den  Stern- 
bildern, die  Sie  selbst  werden  gesehen  haben.  Also 
könnte  der  ihrige  wohl  der  ächte  seyn,  ich  schicke 
Ihnen  zu  weiterm  Nachforschen  die  verlangten 
Bücher,  lege  aber  noch  eins  zu,  worin  der  verstorb. 
Matsko  Nachricht  giebt,  von  den  astronom.  Mss. 
Wilhelm  IV,  die  noch  auf  unserer  Bibliothek  ver^ 
wahrt  werden.  Finden  Sie  etwas  darin,  das  für 
Ihren  Zweck  paszt,  so  könnte  ja  auch  eine  Mit- 
theilung derselben  eingeleitet  werden.  Sie  erhalten 
demnach: 

L  Weberi  Schediasma 

2.  Bergmann  Verdienste  Wilh.  IV. 

3.  Treutleri  oratio  historica 

4.  Nachricht  vom  CoUegio  Carol.  worin  das 
Programm  von  Matsko  in  fine. 

Ich  würde  mich  recht  gefreut  haben,  Sie  einmal 
wieder  zu  sehen,  lieber  Gerling,  doch  ist  es  hoffentl. 
nur  aufgeschoben  nicht  aufgehoben.  Grüszen  Sie 
Ihre  liebe  Frau  Gott  lasse  Sie  u.  das  kleine  recht 
gesund  weiter  leben.     . 


y  Google 


1819  XIL   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  139 

Saabedissen  hat  mir  vor  etwa  14  [Tagen]  von 
Leipzig  aus  geschrieben,  eben  ietzt  wird  er  in  Bremen 
angelangt  seyn,  wo  er  Pathenstelle  bei  dem  Söhnchen 
seines  Bruders  vertreten  will,  das  6 — 8  Wochen  auf 
ihn  wartet.  Sein  kleines  Schriftchen  ,  Geschichte  und 
Philosophie"  werden  Sie  erhalten  haben;  es  ist  ein 
guter  Geist  darin. 

Alles  was  bisher  hier  geschehen  ist,  erregt  die 
besten  Erwartungen,  und  unbedingt  löblich  ist  der 
gute  Wille,  der  sich  in  allem  zeigt.  Manchem 
dringenden  Bedürfnisz  ist  abgeholfen,  ich  glaube 
auch,  dasz  die  Zeit  konmit,  wo  f[ir  die  Universitäten 
und  überhaupt  fOr  die  Lehranstalten  wird  gesorgt 
werden.  Nur  auf  einmal  kann  nicht  alles  geschehen 
und  dasz  dergleichen  nicht  vorangeht,  liegt  in  der 
Zeit.  Übrigens  ist  die  Rede  des  Prof.  Wagner  so, 
dasz  man  nicht  glaubt,  der  Univ.  sey  noch  etwas  zu 
wünschen  übrig. 

Als  Neuigkeit  melde  ich,  dasz  rmser  sanfter 
Freund  der  Hofrath  Harnier  ein  Bräutigam  ist  und 
seine  Braut  die  Tochter  des  hanöv.  Ministers  Ruh- 
mann.  Ich  kenne  sie  nicht,  habe  aber  gehört,  dasz 
sie,  obgleich  nicht  schön,  doch  angenehm  sey.  In- 
sofern als  sie  37  Jahr  alt  ist,  scheint  mir  die  Ver- 
bindung passend.  Er  selbst  hat  es  mir  nicht  gesagt, 
unsere  ohnehin  nicht  sehr  stark  betriebene  Bekannt- 
schaft ist  fast  ganzlich  abgebrochen. 

Below  ist  weggegangen,  weil  er,  wie  ich  ver- 
muthe,  in  preuszischem  Dienste  hat  bleiben  wollen. 
Sein  Pflegetöchterchen  ist  ein  allerliebstes  Kind. 


y  Google  — 


140  XII.   J.  und  W.  Grimm  an  Gerling.  :    1822 

Leben  Sie  wohl,  lieber  Freund,  nochmalige  Grüsze 
von  uns  an  die  Ihrigen,  auch  an  Ihre  Schwl^erin 
Caroline,  die  sich  unser  wohl  noch  erinnert.  Mein 
Bruder  Carl  ist  vor  14  Tagen  nach  Hamburg,  sonst 
sind  wir  noch  beisammen. 

Von  Herzen  Ihr 

W.  C.  arimm. 

74. 
Wilhelm  Grimm  an  Gerling. 

Caasel   12.  Aug.  1822. 

Liebster  Gerling.  Heute  melde  ich  Ihnen  nur 
mit  wenigen  Worten,  dasz  wir  das  Werk  von  La- 
place,  welches  Sie  wünschen,  nicht  besitzen.  Ich 
sehe  aus  Brunet  Manuel^  dass  davon  eine  3.  Ausg. 
Paris  1820  erschienen  ist,  welche  25  fr.  kostet  Wir 
haben  von  Laplace  ein  memoire  sur  les  approxi- 
mations  des  formules  qui  sant  fondions  de  tres  grand$ 
nomibres  et  sur  leur  appUccUion  aux  probabilües,  welches 
sich  in  den  Schriften  des  National  Instituts  befindet; 
damit  wird  Ihnen  aber  nicht  gedient  seyn. 

Die  Meinigen  grüszen  Sie  herzlich,  seit  dem 
22  Juli  ist  meine  Schwester  verheirathet  mit  dem 
Hassenpflug  u.  gottlob  gesund  u.  vergnügt 
Grüszen  Sie  mir  auch  Ihre  Frau  u.  Suabedissen. 

Der  Ihrige 
W.  C.  Grimm. 

Die  Scheine  über  die  zurückgegeb.  Bücher  sind 
gelöscht.     (Randbemerkung.) 


y  Google 


1819  Xm.  J.  Grimm  an  Suabedissen.  141 


XIIL    Zwei  Briefe  von  Jacob  Grimm  an  Hof- 

rith  Prof.  Suabedieeen  in  Leipzig,  Meleungen 

und  Marburi. 

75. 

Caszel  15  April  1819. 

Durch  die  Gefälligkeit  des  Hrn.  Hofr.  Hamier 
übersende  ich  Ihnen,  verehrter  Freund,  meine  deutsche 
Grammatik.  Den  darauf  (vielleicht  zu  sichtbar)  ver- 
wandten Fleisz  werden  Sie  schon  ein  bischen  loben; 
was  sonst  dem  Buche  fehlt,  sehe  ich  zum  Theil 
selbst  ein.  Die  allgemeineren  Folgerungen  und 
Ansichten  sind  mir  dabei  nicht  das  schwerste  ge- 
worden und  nur  mit  eingegeben,  ich  leide  daher, 
dasz  man  ihnen  zuthut  oder  abschneidet,  oder  sie 
verändert,  wie  ich  selbst,  wenn  ich  im  Studium 
weiter  komme,  die  Absicht  habe,  sie  erst  eigentlich 
auszuarbeiten.  Jetzt  war  meine  gröszte  Noth,  selbst 
erst  so  viel  unbekannte  Dinge  zu  lernen  und  andere 
eben  dazu  anzuregen.  Es  soll  mir  sehr  lieb  seyn, 
wenn  Ihnen  doch  eins  und  das  andere  gefällt.  Ich 
wünsche,  dasz  Krug  diese  Ghrammatik  bald  recen- 
siren&zt. 

Wir  hatten  ims  seit  den  letzten  Monaten  fast 
gewisze  Rechnung  darauf  gemacht,  Sie  hier  an- 
kommen zu  sehen  und  Ihre  Gtesundheit  wieder  völlig 
hergestellt.  Das  letzte  ist  denn  doch  eingetroffen 
and  ich  denke  mir,  dasz  es  Ihnen  noch  fast  an- 
genehmer sein  musz,  während  der  Abwesenheit  des 


y  Google 


142  XIII.   J.  Grimm  an  Suabedissen.  1821 

Prinzen  recht  rahig  und  zwanglos  in  Leipzig  zu 
bleiben.  Wilhelm  hat  den  Prinzen  besucht,  und 
gesprochen:  ich  nicht,  weil  ich  ihm  eigentlich  gar 
nicht  bekannt  bin. 

Mit  herzlicher  Hochachtung 
Jacob  Grimm. 


76. 

Gassei  12  Nov  1^1 

Verehrter  Freund,  vorigen  Freitag  kam  der 
melstmger  Bote  in  unser  Haus,  wahrend  ich  auf  der 
Bibliothek  war  und  Wilhelm  hat  ihn  auf  Dienstag 
wieder  bestellt.  Wollen  Sie  ihm  sagen,  dasz  er 
künftig  jedesmahl  zwischen  10—1  Uhr  auf  die  Bib- 
liothek kommt,  so  geht  es  bequemer.  Dies  mahl 
habe  ich  Ihnen  zus.  gepackt: 

Gott.  Anz.  105—168 

Heidelb.  Jahrb.  Jun.  Jul.  Aug.  Sept. 

HaU.  L.-Z. 

Mehr  halten  wir  nicht.  Mögen  Sie  des  Paulus 
SophronizonP  den  besitzen  wir  vollständig.  —  Mit 
Wilhelm  gehts  beszer,  doch  noch  nicht  so  recht 
was  ich  der  Pillen  Cur  zuschreibe,  die  er  begonnen 
hat  und  woran  sich  seyn  Magen  erst  gewöhnen 
musz.  Ich  denke  er  schreibt  Ihnen  selbst,  ob  er 
in  dieser  Zeit  noch  die  Reise  wagen  will.  Herzliche 
Grüsze 

Grimm 
Herrn  Hofrath  Suabedissen  wohlgeb.  Melsungen. 


y  Google 


1815  XIV.   W.  Grimm  an  Saabedisaen.  143 

XIY.    Drekmilffififzig  Briefe  von  Wilhelm  6rlmni 
an  Suabedieeen. 

77. 

Gaszel   15.  Dec.  1815. 

Herzlichen  Dank,  mein  liebster  Freund,  für  Ihr 
Andenken  selbst  in  lästigen  und  gestörten  Stunden; 
ich  weisz  aus  Erfahrung,   wie   einem  zu  Muthe  ist 
und  ich  hoffe,  dasz  Sie  sich,  wann  dieser  Brief  an- 
langt, beszer  befinden.    Ihre  Lage  dort  kann  ich  mir 
80  ziemlich  denken,   zum   Olück   kommt   das   Un- 
bequeme,   wie  an  einem  neuen  Rock,   gewöhnlich 
zuerst  und  allmalig  legt  sichs  etwas  nach  dem  Leib. 
Wie  oft   ich    Ihnen  die   beste  gewünscht,  will  ich 
nicht  sagen,   wohl  aber  mein  Vertrauen,   dasz  sie 
noch  kommt    Mir  geht  es  wie  sonst,  nur  noch  ein- 
samer und  ich   habe  niemanden  mehr,  zu  dem  ich 
▼ertrauUch   reden   könnte    oder   wollte;    der  braye 
fierling  ist  der  einzige,  zu  dem  ich  zuweilen  mit 
Vergnügen   gehe.    Jeden  Tag   werde  ich   an   Ihre 
Abwesenheit  erinnert,   wenn  ich  auf  die  Bibliothek 
gehe  und  die  hellen  ungeA*omen  Scheiben  und  eine 
zerbrochene   Scheibe  in   Ihrer   Wohnung  sehe.    So 
bin  ich  wohl  schon  durch  die  Stadt  gegangen  und 
habe  betrachtet,  wie  an  den  Orten,  wo  sonst  liebe 
Kenschen  bei  denen  ich  oft  vergnügt  war,  wohnten, 
ietzk  fremde    und    widerwärtige    Gesichter    heraus- 
gucken; es  ist  eine  der  schmerzlichsten  Empfindungen 
▼on  der  Welt,  die  einem  wie  ein  Meszer  durch  die 
Seele  schneidet.    Selbst  an  unserer  alten  Wohnung 
bin  ich  so  vorbeigegangen,  wo  wir  noch  zusammen 
itut  unserer  lieben  Mutter  waren.    Das  Leben  einer 


y  Google 


144  ^IV.   W.  Grimm  an  Suabediwen.  1815 

Wittwe  mit  ihren  Kindern  hat  etwas  sehr  schönes 
und  zutrauliches  und  ich  weisz  noch  recht  gut,  wie 
bei  dem  Tode  meines  Vaters  mich  dieser  Gedanke 
von  einem  festeren  Zusammenleben  getröstet  hat 
Eigentlich  gedeihen  wir  hier  in  Gaszel  nicht,  Tor 
zehn  Jahren  war  ich  noch  vielmehr  zu  Haus  und 
wir  sind  wie  eine  Pflanze,  welcher  in  diesem  Erd- 
reich die  Wurzeln  allmälig  absterben.  Auf  der 
andern  Seite  hat  diese  Einsamkeit  wieder  ihr  Gutes 
und  erhÜt  die  Gedanken  an  die  abwesenden  Freunde 
lebendiger.  Übrigens  scheint  mir  unser  Schicksal 
zu  schwanken ,  da  ich  wohl  sehe,  dasz  mein  Bruder, 
den  ich  in  kurzem  erwarte,  sich  gefaszt  halten  musz, 
seinen  Abschied  zu  fordern,  nachdem  er  sich  bei 
dieser  Stelle  geweigert.  Wie  es  gehen  wird,  will 
ich  Gott  überlaszen. 

Das  öffentliche  Leben  kann  einem  wenig  Lust 
machen,  die  Einsamkeit  zu  verlaszen.  Sie  werden 
Schmälzens  Schrift  und  Niebuhrs  Antwort  ge- 
lesen haben;  die  letztere  zeigt  die  ünbehilflichkeit 
des  Reichthums  in  der  Darstellimg,  aber  wie  leuchtet 
wohlthuend  die  Redlichkeit  überall  durch  und  wie 
hat  er  den  Gegner  getroffen.  Schmälzens  Erwiderung 
ist  gerade  so  elend,  wie  sie  seyn  muszte,  wenn  er 
nicht  schweigen  wollte.  Das  traurigste  bei  der  Sache 
ist,  dasz  eine  grosze  Anzahl  Menschen  seine  Partei 
nehmen  und  sie  betreiben,  theils  aus  schlechter  Ab- 
sicht, theils  aus  philisterhafter  Dummheit  So  liegt 
ein  Nebel  über  dem  deutschen  Wesen,  in  dem  schwer 
zu  athmen  ist,  kaum  hier  u.  da  ist  er  zerrissen  xuA 
gestattet  den  blauen   Himmel   zu   sehen,  doch  das 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Ghrimm  an  Snabedissen.  145 

soll  der  Trost  seyn,  dasz  dieser  höher  und  unver- 
gängUch  steht.  Wie  seelig  sind  die  in  den  ScUachten 
von  Leipzig  bis  Montmartre  gestorben,  in  dem  festen 
Glauben  an  eine  wiedergewonnene  reine  Freiheit. 

Was    soll  ich   Urnen   von  hier  schreiben?    ich 
danke   es  geht  idles  in  gewohnter  Langeweile  fort, 
die  manchmal  in  Hochmath,  Eitelkeit  u.  drgl.  ehr- 
baren Untugenden  sich  einen  Schein  von  Leben  gibt. 
Eine  gote  Gesellschaft  ist  in  der  Oemählde-Sammlung 
angelangt,   an  der  ich   mich  schon  einmal  erfreut, 
big  mich  die   bittere  Kälte   hinausgejagt,   wenn  es 
Sommer  u.  sie  zugänglicher  geworden,  denke  ich  mir 
manche  angenehme  Stunde   damit  zu   machen.    Es 
sind  viele  schöne  Bilder  da  und  wenn  ich  nicht  wüszte, 
dan  die  besten  fehlten  und  ich  sie  [nie  dort]  gesehen 
hatte,  wihde  ich  mit  dem  vorhandenen  zufrieden  seyn* 
Ich  habe  schon  einmal  meine  Landkarte  aufgelegt 
[und]   den  Weg   fiberdacht,    den   ich   nehmen  will, 
wenn  ich  Sie  besuche.     [Erst  nadi]  Leipzig,  dann 
nach   Halle,    weiter    nach    Dahme    ins    Ländchen 
[Bemwalde,]  wo  Arnim  sein  (Jut  hat,  endlich  nach 
Berlin.    Wann  es   [kann  aus]gef(lhrt  werden  musz 
ich  mm  Gott  fiberlaszen,'der  Willen  ist  gut.   Grüszen 
Sie  Ihre  Frau  und  die  lieben  Kinder,  das  Theehanchen, 
das  Lachiäubchen,  meine  Line  u.  den  kleinen  Brunmi- 
basz,  alle  aufia  herzlichste  und  behalten  Sie  mich  lieb 

W.  C.  Grimm. 
Ich  bitte  die   Einlage   an  Below  zu  geben  und 
den  andern  Brief  auf  der  Post  auflegen  zu  laszen. 

An  Herrn  Professor  SnabediBfen.    Bei  dem  Prinzen  Fried- 
rich von  Hessen  in  Leipzig 
Z.  SUngel.  Briefe  der  Brüder  Orimxn.  10 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


146  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1816 

78. 

Caszel   am  23.  März  1816. 

Liebster  Freund,  ich  hatte  gleichfeUs,  wie  die 
Nachricht  von  dem  Verbot  des  „Merkurs*  kam,  den 
Gedanken,  unsern  Becher  auszuführen  und  besprach 
mich  mit  Henschel.  Wir  wurden  endlich  einige 
gleichsam  ein  Gestell  von  durchbrochener  imd  leichter 
Kunstarbeit  gieszen  zu  laszen,  wo  möglich  ganz  von 
Eisen  und  falls  dies  noch  nicht  so  gehandhabt  wer- 
den könnte,  dasz  es  schön  u.  rein  ausfallt,  die 
gothischen  Bogen  daran  mit  dem  Laubwerk  in  Bronze 
ausführen  zu  laszen,  die  kleinen  Figuren  aber  in 
diesen  Nischen  aus  Eisen,  was  vielleicht  einen  noch 
prächtigem  und  reichern  Eindruck  gewährt.  Der 
Figuren  sollten  viere  seyn,  eine  Mutter  Gottes  mit 
dem  Kinde,  auf  dem  halben  Mond  stehend,  ein 
deutscher  Kaiser,  ein  Landwehrmann  mit  dem  Kreuz 
und  ein  Rhein.  Jene  drei  ersten  wären  mir  genug 
gewesen,  sie  sollten  auf  das  göttliche  und  mensch- 
liche deuten,  von  dem  diese  Zeit  bewegt  und  ge- 
trieben worden ;  allein  die  runde  Form  verlangt  noch 
ein  viertes  Bild,  da  weisz  ich  nichts  beszeres  als  den 
Rhein,  in  dem  der  alte  Hort  versenkt  liegt,  weil 
er  der  deutsche  Flusz  vor  allen  ist  und  die 
lebendigste  Ader  Deutschlands,  dem  er  sein  Blut 
nun  wieder  zuströmt.  Nur  fühlt  man  in  solchen 
FäUen  den  Mangel  alles  Sinnbildlichen  bei  uns  und 
es  bleibt  nichts  übrig  als  nach  einsamer  Ansicht  und 
Meinimg  von  dem  schicklichen  und  verständlichen 
eine    Figur    zu   dichten,   und   zwar  eine  bekleidete, 


y  Google 


1816  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  147 

denn  ein  antiker  Fluszgott  würde  wenig  dazu  paszen. 
Der  Stengel  steigt  schlank  aus  Pflanzen-Verzierungen 
auf,  am  Fusz  unten  sollen  in  halb  erhabener  Arbeit 
zwei  Darstellungen  angebracht  werden.  Erstlich  der 
«Schwanritter*',  eine  alte  Rheinsage,  von  der  ich 
nicht  weisz,  ob  sie  Urnen  bekannt  ist.  Es  kam  ein- 
mal ein  Nachen  auf  dem  Rhein  herab ,  ohne  Fähr- 
mann nnd  Segel  von  einem  Schwan  an  einer  goldenen 
Kette  gezogen;  darin  lag  ein  junger  Ritter,  schlafend 
auf  seinem  Schild.  Der  Schwan  landete  nach  ver- 
schiedenen Sagen  an  verschiedenen  Orten  des  Nieder 
Rheins,  der  Ritter  erwacht,  steigt  aus,  befreit  eine 
jmige  Fürstin  von  einem  Feind  und  heirathet  sie, 
verbietet  ihr  aber,  nach  seiner  Herkunft  zu  fragen. 
Sie  bezähmt  ein  paar  glückliche  Jahre  ihre  Neu- 
gierde, verlangt  aber  dann  einmal  für  die  ihm  ge- 
borenen Kinder  Namen  und  Herkunft  des  Vaters  zu 
wiazen.  Nun  ruft  er,  sein  Schicksal  beklagend,  den 
Schwan,  der  ihn  wieder  fortzieht  imd  niemand  weisz, 
woher  er  kam  imd  wohin  er  gegangen.  Doch  ist 
ein  herrliches  Geschlecht  (Grafen  von  Cleve)  aus 
ihm  gesproszen.  Es  soll  dargestellt  werden,  wie  der 
Schwan  den  Ritter  auf  dem  Rheine  zieht.  Der 
Schwan  ist  nach  den  altdeutschen  Mythen  ein  Geist. 
Ein  reiner  Geist  soll  eine  beszere  Zeit  bringen,  er 
kommt  von  Gott  und  kehrt  zu  ihm  zurück.  Wer 
die  Sage  kennt,  wird  auch  die  Lehre  ersehen,  ihn 
nidit  mit  zeitlichen  Dingen  fortzutreiben,  eh  sein 
Werk  vollbracht  ist.  Dabei  ist  der  zufällige  Um- 
stand erwünscht,  dasz  Görres  diese  Sage  in  einem 
altdeutschen  Gedicht  einmal   herausgegeben.     Zum 

10* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


148  XIV.   W.  Grimm  an  SDabedissen.  1816 

Gegenstück  wird  dann  der  Untergang  des  Bösen  in 
demBischoffHatto,  den  die  Mänse  bis  in  den  BheiB- 
thurm  bei  Bingen  verfolgen  dargestellt.  Ich  will 
mir  keine  Anspielung  erlauben,  als  einen  Kaiser- 
Mantel,  den  das  Ungeziefer  schon  gepackt  hat. 

In  diesem  Gestell  ruht  nun  weit  überragend, 
gleichsam  als  die  BlüÜie,  eine  Schale  von  edlem 
Erz,  nicht  weit  vom  Band  eine  Verzierung  aus  zu- 
sammengeschlungenen Händen,  jedes  Paar  ist  ge- 
trennt oder  verbunden  mit  einem  Eichenblatt,  auf 
jedem  ein  Buchstab  seines  Namens,  oben  und  unt^ 
zn^ei  Sprüche:  „Treue  Ebmd  geht  durch  alle  Land* 
und:  , Gottes  Gnade  erfreut  alle  Welt."  Inwendig 
der  Becher  vergoldet;  auszen,  wo  die  Figuren  in 
gothischen  Bogen  st^en,  auch  Gold;  oben  darüber 
Silber.  Das  Ganze  hat  Henschel  überaus  schön 
zusammengestellt  und  hatte  sogar  unter  verschiedenen 
Formen  eine  Wahl  zugelaszen.  Die  Zeichnui^ 
müszten  Sie  nun  sehen,  aus  der  Beschreibung  wird 
(sie)  Ihnen  nichts  deutlich  werden,  als  der  gute  Wilk; 
ich  habe  sie  aber  deshalb  gemacht,  damit  Sie  uns 
Bemerkungen  und  Erinnerungen  mittheilen.  Viel- 
leicht fallt  Ihnen  ein  beszerer  Spruch  aus  d^ 
Bibel  bei. 

Nim  konmit  noch  ein  Umstand.  Henschel  ist 
ein  vortrefflicher  Mensch,  treu,  wahr,  bescheiden, 
geistreich  u.  geschickt,  wie  ein  Deutscher  aber  auch 
darin  ein  Deutscher,  dasz  er  sehr  bedachtig  d.  h. 
oft  sehr  langsam  ist.  Zwei  Monate  hat  er  sich  fftr 
die  mühsamen  Modelle  bedungen.  Nun  ist  eben  die 
Kurprincessin  zurückgekehrt,  er  hatte  dieser  ftlr  die 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  149 

Königin  yon  Holland  die  Aasfährung  einer  schönen 
Erfindung  im  Oroszen  versprochen,  aber  auch  noch 
mchts  gethan,  so  dasz  diese  verwundert  war  und 
billig  verlangt  zur  Ankunft  der  Königin  in  ein  paar 
Monaten  etwas  noch  aufizustellen.  Also  ruht  unser 
Becher.  Was  ist  hier  zu  thun  ?  Mein  Bruder  meint 
ein  einfeu^hes  blos  durch  seinen  Werth  aus- 
gezeichnetes Trinkgeschirr  machen  zu  laszen  bei 
einem  (Goldschmied.  Nun  wäre  es  freilich  schön, 
wenn  der  Becher  gerade  ietzt  könnte  geschickt 
werden,  dennoch  bin  ich  entgegengesetzter  Meinung 
und  glaube  es  müsze  auch  ein  Kunstwerk  se]m, 
weil  es  doch  sonst  inuner  geringen  Werth  hätte  und 
in  keine  andere  dritte  Hand  gelangen  würde,  als 
die  es  wieder  in  Geld  umsetzte.  Lieber  will  ich 
noch  warten.    Was  halten  Sie  davon? 

Unsere  Lage  ist  noch  immer  ungewisz.  Mein 
Bruder  ist  nicht  wieder  angestellt,  aber  auch  nicht 
entlaszen,  da  man  ihm  seine  Besoldung  noch  zahlt. 
Er  ist  eben  auf  ein  paar  Tage  nach  Göttingen.  Ich 
gebe  nicht  gern  mein  gegenwärtiges,  ruhiges  und 
von  allem  Druck  freies,  persönlich  angenehmes  Ver- 
haltnisz  auf,  doch  musz  ich  ja  wohl  thun,  was  Gott 
will.  Wir  arbeiten  indesz  fleiszig  und  werden  zu 
Ostern  einen  Band  ^»deutscher  Sagen''  herausgeben; 
w^m  idi  wüszte,  dasz  Sie  es  von  selbst  zu  lesen 
Lost  hatten,  wollte  ich  Ihnen  das  Buch  gern  schicken. 
Bs  freut  mich  recht,  dasz  Sie  mit  der  „Edda*^  zu- 
frieden sind;  f&r  die  folg.  Bände  haben  wir  schon 
▼iel  gethan   und  der  gröszte  Theil  des  nächsten  ist 


y  Google 


150  ^V.  W.  Grimm  an  Snabedissen.  1816 

ausgearbeitet,  ich  warte  aber  noch  auf  einiges  aus 
Dänemark  und  das  verzögert  den  Druck. 

Haben  Sie  Kann  es  Leben  erweckter  Protestanten 
mit  seiner  eigenen  Geschichte  gelesen?  Es  ist  ein 
merkwürdiges  Buch.  Wahrheit  ist  darin,  aber  da 
ich  nicht  weisz  ob  durchaus,  so  hat  es  mir  etwas 
ängstliches.  Schon  die  Scheu  vor  der  Wiszenschaft 
ist  f&r  ein  gesundes  Gemüth  unnatürlich,  wir  suchen 
ja  eben  Gott  darin. 

Von  politischem  Wesen  will  ich  Ihnen  nichts 
schreiben,  und  für  den  Brief  an  Below,  den  ich 
abzugeben  bitte,  versparen.  Sie  werden  nicht  sehr 
verschieden  von  mir  denken.  An  der  Hofhung  halt 
ich  fest.  Die  Constitution,  die,  wenn  sie  so  ist, 
wie  sie  einige  woUen  gelesen  haben,  Gutes  wirken 
könnte,  soll,  wie  es  heiszt  hier  nur  gegeben  werden, 
wenn  die  Landstände  einen  Theil  der  Forderungen 
bewilligen,  wozu  sie  sich  nicht  anschicken.  Die 
Bauern  vom  Diemeistrom  haben  eine  sehr  auf  die 
Sache  dringende  rückhaltslose  Vorstellung  eingereicht 
u.  die  andern  wollen  folgen.  Es  ist  eine  Commission 
ernannt,  die  Beschwerden  zu  untersuchen  und  den 
Verfasser  auszumitteln ,  als  welcher,  wie  es  heiszt, 
ein  unterdeszen  verstorbener  Schulmeister  angegeben 
wird. 

Mein  Bruder  in  München  hat  die  Zeichnung 
von  mir  auf  Stein  gebracht,  davon  schicke  ich  Ihnen 
einen  Abdruck;  ich  weisz  nicht  ob  das  Bild  noch 
ähnlich  ist,  vielleicht  ist  es  dadurch  an  sich  be^er 
geworden.  Auf  jeden  Fall  wird  es  eine  Erinnerung 
an  mich  seyn  und  die  dürfen  Sie  mir  nicht  versagen. 


y  Google 


1816  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  151 

Grüfizen  Sie  Ihre  Frau  und  die  Kinder  und  nicht  in 
Bauseh  und  Bogen,  sondern  jedes  ganz  besonders, 
an  Marie  werde  ich  oft  durch  Ihre  Schwester  er- 
innert. Leben  Sie  wohl,  liebster  Suabedissen  und 
behalten  Sie  mich  lieb. 

Ihr   treuer   Freund 
W.  C.  Grimm. 


79. 

Cassel  am  10.  Mai  1816. 

Liebster  Freund,  als  Sie  mich  am  Ende  Ihres 
Briefes  noch  fragten,  ob  die  Reiselust  nicht  in  mir 
erwache,  haben  Sie  wohl  nicht  gedacht,  dasz  ich 
gerade  so  bald  würde  die  Antwort  bringen,  wie 
dann  doch  geschehen  soll.  Wäre  nur  die  Veran- 
laszung  erfreulicher.  Mein  lieber  Freund  Arnim 
ist  krank  geworden  und  hat  mir  schreiben  laszen 
nnd  dringend  bitten,  zu  ihm  zu  kommen.  Er  hat 
eine  Brustentzündung  gehabt  mit  heftigem  Fieber 
und  auf  den  Tod  gelegen,  die  Krankheit  hat  sich 
zwar  eben  an  dem  entscheidenden  Tag  gebrochen, 
aber  die  Genesung  wird  langsam  gehen  u.  da  wünscht 
er,  dasz  ich  bei  ihm  wäre.  Wollen  Sie  mich  nun 
einen  Tag  oder  zwei  bei  sich  aufnehmen?  Sagen 
Sie  Ihrer  Frau,  ich  hielte  mir  dafür,  dasz  ich 
so  geradezu  mit  der  Bitte  konmie,  ohne  Einladimg 
abzuwarten,  aus,  dasz  ich  in  kein  Spiegelzimmer 
soiriem  in  ein  kleines,  bescheidenes  geführt  werde. 
Arnims  Ghit  ist  Wippersdorf  im  Ländchen  Bem- 
waide  bei  Dahme,    ich  habe  hingeschrieben  ob  sie 


y  Google 


XrV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1816 

innen  mit  ihrem  Wagen  dort  abholen  laszen. 
1  ein  Brief  an  mich  bei  Ihnen  deshalb  an- 
jder  ich  will  ihn  erwarten.  Hätten  Sie  zu- 
älegenheit  Erkundigung  über  die  Weise,  wie 
5h  Wippersdorf  am  besten  reist,  einzuziehen^ 
das  gut  ftir  mich,  falls  kein  Wagen  mich 
kann. 

Jen  den  lOten  reise  ich  mit  einem  Zauderer 
.uderer  ab,  der  seine  4  Tage  braucht,  ich 
un  nicht  ob  ich  erst  Dienstag  Morgen  oder 
[ontag  Abend  eintreffe. 

heiszts  wieder  einmal,  das  weitere  mündlich, 
n  sind  Sie  u.  das  ganze  Haus  herzlich  Yon 
len  gegrüszt 

Dir  W.  C.  Grimm 

?rm  Profeszor  Suabedissen,  Erzieher  des  Prinzen 
Friedrich  von  Hessen  Leipzig 


80. 

Caszel  am  3  July  1816 

ster  Freund,  ich  habe  nicht  eher  als  ietit 
Bfunden,  Ihnen  meine  glückliche  Ankunft  zu 
und  für  so  viele  Liebe  und  Freundschaft  zu 
Bis  Kosen  war  mein  Weg  leidlich  und 
lal,  wenn  die  heiteren  Viertelstunden  mit 
Gegenden  zusammentrafen,  recht  angenehm. 
;  es  an  fein  zu  regnen,  und  wir  konnten 
m  (den  zweiten)  Tag  schon  nicht  mehr 
•  erreichen.    Die  ganze  Nacht  regnete  es  'so, 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  153 

ab  hatte  es  in  diesem  Fach  noch  gar  nichts  geleistet, 
und  da  der  Wind  nun  das  Wetter  gerade  zu  mir 
kereintrieb  kam  ich  Morgens  (Mittwochen)  nasz  in 
Weimar  an  und  konnte  es  nicht  wagen,  weiter  zu 
gehen.  Ich  verliesz  also  die  Judenbraut  u.  stieg 
imElephanten  ab,  ziemlich  mismnthig,  weil  ich  nun 
doch  zu  einem  Aufenthalt  gezwungen  war,  den  ich 
lieber  bei  Ihnen  gehabt.  In  Kosen  hatte  ich  schon 
gehört,  dasz  tot  kurzem  Göthes  Frau  gestorben 
sey,  ich  wnszte  also  nicht,  ob  er  jemand  schon 
sehen  wolle,  indeszen  konnte  er  mich  ja  abweisen 
XL  ich  machte  den  Versuch.  Er  nahm  mich  aber 
an  und  ich  habe  ihn  nie  so  heiter,  freundlich  und 
wohlwollend  gesehen.  Er  sprach  über  yieles  u.  wenn 
er  in  seinem  Buche  von  der  Kunst  in  den  Rhein- 
n.  Main  Gegenden  gegen  den  heil.  Geist,  den  Herrn 
Christns  u.  die  Heiligen  eine  gewisze  kalte  und 
hnmane  Artigkeit  äuszert,  so  sprach  er  hier  recht 
schön  u.  warm  über  das  neuerwachte  religiöse  Ge- 
fthl,  das  nicht  wieder  untergehen  werde,  weil  man 
empfunden  dasz  man  ohne  das  nicht  leben  könnte,  und 
es  war  wohl  zu  sehen,  dasz  er  in  jenem  Buche  nur 
aus  einer  gewiszen  Opposition  so  gesprochen.  Gegen 
die  neuen  Bekehrer,  den  Hr.  Adam  Müller  u.  Fried. 
Schlegel  sprach  er  sehr  bestimmt,  sie  wollen  uns 
nehmen,  was  wir  uns  erworben  haben  und  ein 
rechter  Katholik  will  nichts  anders,  als  ein 
Protestant.  Mit  Vergnügen  erzählte  er  vom  Prinz 
Anton  in  Sachsen,  dasz  er  diurch  ein  paar  wild- 
lederne  Hosen  seine  Reitknechte  zu  bekehren  suche, 
die  nur  ein  katholischer  über  das  Gewöhnliche  er- 


y  Google 


154  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1815 

halte  und  die  schon  manchen  verfOhrt  habe.  Erst 
den  Freitag  konnte  ich  von  Weimar  abreisen,  da 
man  wegen  der  ausgetretenen  Bäche  den  Donnerstag 
nicht  nach  Erfurt  kommen  konnte.  Sonntag  den 
23.  Mittags,  nachdem  ich  die  Nacht  durch  gefahren 
kam  ich  endlich  gesund  hier  wieder  an.  Oerling 
mit  Mutter  Frau  und  Eand  habe  ich  gesund  gefunden, 
Ihre  Schwester  hat  eine  Reise  nach  Melsungen, 
Spangenberg  etc.  gemacht  u.  scheint  davon  gestärkt 
und  vergnügt.  Vorgestern  hat  uns  Gerling  mit  der 
Nachricht  überrascht,  dasz  aus  seinem  Rufe  nach 
Stralsund  deshalb  nichts  geworden,  weil  Schuck- 
mann  überhaupt  die  Stelle  zu  besetzen  keine  Lust 
habe.  Das  thut  mir  nun  leid,  weil  er  sich  wahr- 
scheinl.  auf  das  geordnete  imd  ruhige  Leben  dort 
gefreut,  sonst  ist  es  mir  lieb,  ihn  noch  hier  zu  be- 
halten. Harnier  war  eben  im  Begriff  nach  Pyr- 
mont zu  reisen,  gestern  erzählte  mir  sein  Bruder, 
der  nächstens  als  Ehemann  die  Welt  betrachten 
wird,  dasz  er  schon  geschrieben,  glücklich  ange- 
kommen und  viel  neue  Bekanntschaften  gemacht 
habe,  was  ihm  doch  endlich  auch  etwas  altes  werden 
musz.  Mein  Bruder  Ludwig  macht  mit  einem 
frankfurt.  Brentano  eine  Reise  nach  Italien  bis 
Neapel  u.  wird  im  Herbst  erst  wieder  kommen. 
Von  Bologna  hat  er  uns  geschrieben  und  schon  viel 
herrliches  an  Kunstwerken  gesehen«  Es  wird  sich 
nun  bestinmien,  ob  ein  längerer  Aufenthalt  in  Rom 
dann  noch  nöthig  ist,  es  ist  zu  bedenken,  dasz  er 
ihm  auch  eine  gewisze  deutsche  Eigenthümlichkeit 
rauben  könnte. 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedifiaen.  155 

Nun  leben  Sie  wohl ,  seyn  Sie  mit  Frau  und 
Kindern  tausendmal  gegrüszt,  mit  herzlicher  Liebe 
u.  Freundschaft 

Ihr  W.  C.  Grimra. 

Auch  mein  Bruder  grüszt  vielmals 

Die  Einlage  bitte  ich  auf  die  Post  tragen  zu 
laszen. 


Noch  eins:  Die  deutsche  Sprachgesellschaft  zu 
Berlin  hat  uns  eiu  Diplom  fQr  Sie  als  Mitglied  zu- 
geschickt, ich  werde  es  bei  erster  Gelegenheit  Ihnen 
senden. 


8L 

Caezel  10.  Nov.  1816. 

Liebster  Freund,  seyn  Sie  und  die  Ihrigen  tausend- 
mal gegrüszt,  ich  hoffe,  dasz  Sie  sämmtlich  gesund 
sind  und  es  Urnen  ziemlich  wohl  ergeht.  So  oft  ich  an 
Sie  denke,  *  fallt  mir  auch  das  Lästige  eiu,  das  Sie 
ertragffli  und  das  nicht  ganz  sich  wird  abheben 
laszen,  doch  trösten  mich  auch  manche  Dinge,  die 
ich  aus  Baden  höre  darüber  dasz  Sie  nicht  nach 
Heidelberg  gekommen  sind.  Hier  theilen  sich  doch 
zuweilen  ein  paar  Wolken  und  laszen  ein  Licht 
dnrch£Etllen,  wenn  sie  auch  noch  nicht  fortziehen. 
Am  19.  Octbr.,  wo  wir  zur  Feier  des  18.  zu  einem 
Gastmahl  u.  auch  Tanz  versammelt  waren,  habe  ich 
mit  Ihrer  Schwester  und  Ihrem  Schwager  auf  Ihr 
Wohlseyn  herzlich  angestoszen   und  wenn  es  Ihnen 


y  Google 


156  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1816 

nicht  an  der  günstigen  Seite  im  Ohr  geklingelt 
hat,  so  weisz  ich  nicht,  was  ich  dazu  sagen  sofl. 
Der  18.  ward  recht  schön  gefeiert,  wiewohl  es 
immer  dazu  eines  Anstoszes  bedarf,  nicht  wegen 
der  Gesinnung  der  Menschen,  sondern  weil  öffentliche 
Feste  schon  aus  unserm  Leben  u.  unsem  Sitten  aus- 
getreten sind.  Vielleicht  erhält  es  sich  dauernder 
in  Dörfern  u.  kleinen  Städten,  als  in  Residenzen. 

Ich  schicke  Ihnen  hier,  wie  Sie  es  wünschten, 
ein  Lied  und  die  Melodie  dabei.  Brentano  hat 
es,  nach  der  wahren  Begebenheit  gedichtet  und  auch 
die  recht  paszende  Weise  dazu  componirt.  Es  ge- 
fällt mir  gar  gut  imd  ist,  etwa  den  zweiten  Vers 
ausgenommen,  wo  die  epigrammatische  Spitze  und 
das  obgleich  biblische,  doch  zu  künstliche  Oleidmis 
.nicht  recht  paszen,  auch  volksmäszig,  allgemein  ver- 
ständlich und  eindringlich.  Femer  schicke  ich  Ihnen 
ein  paar  Blätter  von  meinem  Bruder  Ludwig,  die 
Zwehmer  Märchenfrau,  die  sich  die  Kinder  be- 
trachten können  und  einen  charakteristischen  Juden, 
wovon  sie  vielleicht  die  Zeichnung  hier  schon  ge- 
sehen haben,  welche  sich  treu  an  die  Natur  gehfdten 
hat.  Das  andere  Exemplar  der  Bilder  bitte  id 
sammt  dem  Brief  Bei  ow  zukonmien  und  die  übrige 
Rolle  auf  die  Post  tragen  zu  laszen. 

Wir  arbeiten  nun  so  fort,  mit  dem  besten  Willen 
und  nach  unsem  Kräften.  Gott  gebe,  dasz  es  etwas 
Ganzes  und  brauchbares  zusammen  aus  macht.  So 
oft  etwas  allgemein  menschliches  darin  vorkommt, 
werde  ich  mir  die  Freude  machen,  es  Ihnen  zuzu- 
schicken,  von  den  Vorarbeiten  will  ich  Ihnen  aber 


y  Google 


1816  XIV.    W.  Grimm  an  Suabediwen.  157 

nicht  reden«  Gdthe  habe  ich  einen  Plan  zu  einer 
Gesellflchaft  f&r  altdeutsche  Literatur,  Poesie  und 
AUerthümer  zugeschickt,  da  er  mir  die  Ehre  an- 
gethan,  mir  deshalb  zu  schreiben  und  sich  freund- 
lich und  theilnehmend  zu  zeigen.  Ein  Hauptstück 
darin  ist  zu  zeigen  wie  gewisze  Arbeiten  nur  ge- 
meinschaftlich vollbracht  werden  können,  im  übrigen 
aber  die  grdszte  Freiheit  herrschen  musz  und  nie- 
mand durch  Theilnahme  beschrankt  werden  dürfe. 
Der  neue  Band  seines  Lebens  ist  in  den  Beschreibungen 
wieder  meisterhaft,  man  meint  man  könnte  überall 
da  herum  spatziren  gehen«  Sonst  habe  ich  noch 
gelesen  die Memoires  derMarquise  de  la  Roche 
Jaquelein,  die  Sie  ja  nicht  übergehen  dürfen.  Hier 
bekommt  man  wieder  Tor  einem  Theil  der  Franzosen 
Achtung,  was  fflr  grosze  Thaten  sind  da  geschehen 
imd  wie  wahr  ohne  Verschönerungssucht  ist  es  er- 
zählt Viel  ähnliches  mit  dem  Tirolerkrieg.  Könnte 
ich  einen  Abend  bei  Ihnen  zu  bringen,  so  machte 
ich  Ihnen,  nach  den  ersten  Gedanken,  die  jenes 
Buch  erweckt,  einen  Spasz,  indem  ich  Urnen  ein 
hsndscfariitl.  Lustspiel  von  Brentano  auf  den 
Schmalz  yorläse.  Es  heiszt  ,der  Geheime  Bath 
Schnaps'  und  ist  eine  Fortsetzung  des  Göthischen 
«Bürger  Generals^ ;  es  ist  toU  Witz  und  guter  Ein- 
iSIle,  gedruckt  kann  es  nidit  wohl  werden. 

Harnier  ki  vor  kurzem  von  Leist  wohlbe- 
halten zurückgekehrt  und  wohnt  ietzt  bei  den  jungen 
Eheleuten,  ist  aber  ietzt,  nachdem  er  nicht  auszu- 
gehen das  Amt  hat,  noch  weniger  bei  sich  anzutreffen. 
Trost  ist    etwa    um   dieselbe  Zeit   seinem    neuen 


y  Google 


158  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaen.  1816 

Schicksal  entgegen  gegangen  und  hat  noch  ein  paar 
junge  Leute  von  hier  mitgenommen.  Gerling,  der 
diesen  traurigen  Entschlusz,  mit  denselben  Augen 
betrachtete  wie  ich,  hat  noch  einen  Versuch  gemacht, 
ihn  abzuhalten,  aber  bei  dem  Charakter  von  Trost 
war  der  Erfolg  vorauszusehen.  Zu  uns  ist  er  nicht 
weiter  gekommen,  als  einmal  kurz  nach  seiner  An- 
kimft.  Ich  halte  die  Frau  im  Verdacht,  dasz  sie 
Schuld  an  dem  Entschlusz  hat,  aber  die  schwarze 
Majestät  zu  Haiti  kann  ihr  noch  furchtbar  genug 
werden. 

Ihre  Schwester  wollte  einen  Brief  schicken,  wenn 
er  noch  anlangt,  lege  ich  ihn  bei;  sonst  kann  ich 
versichern,  dasz  sie  beide  wohl  sind,  das  Kind  gleicht 
anßerling  oder  vielmehr  ganz  entschieden  G^erlings" 
Mutter. 

Grüszen  Sie  Ihre  Frau,  den  Hans,  das  Täubchen, 
den  kleinen  Brunmibasz  und  die  Lehne  recht  herz- 
lich  und   behalten    Sie    lieb    Ihren   treuen    Freund 

W.  C.  Grimm. 

NB.  Wie  ich  einpacken  will,  sehe  ich  dasz  die 
Exemplare  von  dem  Juden,  über  die  ich  verfögen 
kann,  schon  verschenkt  sind.  Ich  will  aber  neue 
in  München  bestellen.  Dafür  lege  ich  zwei  Mäuschen 
bei  ein  weiszes  u.  schwarzes  gleichfalls  nach  der 
Natur,  die  werden  den  Kindern  Freude  machen. 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaen.  159 


82. 

Caszel  am  12.  Dec.  1816. 

Liebster  Freund,  Ihr  Brief  ist  mir  doppelt  werth 
gewesen,  weil  wir,  ohne  Ursache,  wie  das  pflegt, 
uns  eingebildet  hatten,  Sie  befönden  sich  nicht  wohl 
und  das  wäre  Chrund  Ihres  Stillschweigens. 

Ich  schreibe  sogleich,  um  eine  Gelegenheit  nicht 
ZQ  versäumen,  durch  welche  ich  Urnen  die  Gesetz- 
Tirkunde  der  B.  Gesellsch.  fär  deutsche  Sprache 
senden  kann.  Ihr  Exemplar  habe  ich  so  gut  auf- 
gehoben, dasz  ich  es  im  Augenblick  nicht  finden 
kann,  ich  gebe  also  das  meinige;  auf  dem  Ihrigen 
stand  blos  Ihr  Name.  Es  ist  ein  Gesetz  darin, 
wornach  der,  welcher  binnen  einem  Jahr  nicht  ant- 
wortet d.  h.  nicht  Beiträge  einschickt,  wieder  als 
ansgeschloszen  betrachtet  wird.  Ihnen,  die  Sie  mir 
es  nicht  misdeuten  u.  wohl  wiszen,  dasz  ich  das 
Gute  in  der  Absicht  wohl  zn  schätzen  weisz,  will 
ich  gestehen,  dasz  ich  mir  jenes  Gesetz  zu  Nutz 
machen  wiU.  Es  ist  mir  allzuviel  Fachwerk  u. 
geradheraus  Philisterei  in  dieser  Gesellschaft,  die 
nimmermehr  lebendigen  Einflusz  u.  gottlob !  auf  die 
Sprache  haben  u.  wahrscheinl.  am  Ende  in  eine 
recht  gute  Zusammenkunft  zu  einem  fröhlichen 
Mahl  sich  bilden  wird. 

Wegen  des  jungen  TEstocq  habe  ich  die 
nöthige  Anfrage  gethan  und  werde  binnen  8  Tagen 
Antwort  bekommen,  die  ich  Ihnen  sogleich  mit- 
theilen will. 


y  Google 


160  ^^*  ^'  Orimm  an  Saabedissen.  1816 

Hamier  ist  so  glücklich  mit  Lei  st  nach  Italien 
zu  gehen  u.  so  unglücklich  im  Juli  wieder  hier 
seyn  zu  müszen,  ich  weisz  nicht,  was  ich  in  dem 
Fall  thäte.  Welch  wunderliches  Schicksal,  dasz  ein 
westphäl.  Staats  Rath  an  den  Pabst  geschickt  wird, 
geistliche  Verhältnisze  zu  bestimmen!  nach  diesen 
Maasstab  könnte  ich  einmal  Inspector  der  Bergwerke 
u.  Gewäszer  werden. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  Gott  erhalte 
Sie  gesund,  grüszen  Sie  das  ganze  Haus 

Ihr  W.  C.  Grimm. 


88. 

Gas  sei  23.  Dec  1816. 
Liebster  Freund,  ich  schreibe  Urnen  sogleich, 
was  ich  wegen  des  jungen  TEstocq  zur  Antwort 
erhalten.  Ist  es  ein  Sohn  Ton  dem  General,  der 
nicht  aus  militärischen  Verg^en,  sondern  andern 
bösen  Anklagen  sitzt,  so  will  man  ihn  nicht  auf- 
nehmen. Ist  aber  der  Vater  ein  anderer,  so  wird 
gefragt,  ob  der  junge  Mann  Vermögen  hat,  um 
etwas  zusetzen  zu  können.  Binnen  3 — 4  Jahren  ist 
keine  Hoffnung,  dasz  ein  Junker,  da  alle  Stell^i  der 
Art  im  Überflusz  besetzt  sind,  befördert  werde  u. 
er  wird  also  grösztentheils  von  dem  seinigen  leben 
müszen.  Kann  er  das  aber,  so  könnte  er  sich  mit 
einer  Vorstellung  unmittelbar  an  den  Eurfäreten 
wenden,  welche  dann  wahrscheinl.  wieder  zum  Be- 
ridit  an  den  G.  Thümmel  geht,  Ton  welchem 
obige  Auskunft  herrührt. 


y  Google 


1816  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  161 

Harniers  Reise  nach  Italien  wahr  sehr  zweifel- 
haft geworden,  da  die  HanöT.  Oesandtschaft  an  den 
Pabst  durch  den  Vorschlag  Ostreichs,  gemein- 
schaftlich mit  diesem  die  kirchL  Angelegenheiten  zu 
ordnen  einen  Aufechub  erlitten.  Es  soll  eine  neue 
Diöcesan-Eintheilung  von  Deutschi,  stattfinden.  Das 
erzahlte  mir  H.  selbst  vor  zwei  Tagen,  nun  höre 
ich  eben,  dasz  er  doch  nach  Italien  zu  der  Her- 
zogin Yon  Anhalt,  die  sich  in  Pisa  befindet,  u. 
zwar  in  ganz  kurzem  abreisen  wird. 

Der  Kurfürst  hatte  einen  Rückfall  bekommen, 
der  ein  paar  Tage  bedenklich  war,  indeszen  befand 
er  sich  gestern  beszer  u.  war  wieder  bei  Laune. 

Gerling  mit  Frau  u.  Kind  sind  wohl,  ich  habe 
beide  vorgestern  gesehen. 

Tausend  Grüsze  u.  die  herzlichste  Liebe 

W.  C.  Grimm. 

Ich  bin  wieder  mit  einer  Einlage  da. 


Ein   Neujahrwunsch 

Ich  schau  hinaus,  vor  meinem  Fenster  thut  sichs  auf, 
die  Wolken  ziehen  fort  in  stillem  Lauf, 
das  Himmelsauge  blicket  wieder 
blau,  unvergänglich,  mild  auf  uns  hernieder; 
Und  neben  mir  hat  sich  die  Blume  aufgethan, 
schneeweisz  und  duftend,  schaut  zur  Sonnenbahn, 
and  durch  die  Wintersnächte  und  die  kalten  Stunden 
hat  sich  das  Leben  froh  und  hell  gefanden. 

1.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orlmin.  U 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


162  XIV.   W.  Griinm  an  Suabedissen.  1817 

0  Gott  und  Herr,  bescheer  all  deinen  Kindern 

solch  einen  Blick  in  kalten  Wintern 

und  die  dich  lieben,  all  den  Deinen 

lasz  du  dein  Licht,  da  wo  sie  trauern,  scheinen. 


84. 

Caszel  am  zweiten  Ostertage  1817. 

Liebster  Freund ,  da  die  ganze  Natur  Lust  be- 
zeigt den  kalten  und  grauen  Regenmantel  abzu- 
werfen und  sich  mit  etwas  heiterem  Angesicht  her- 
vorzuthun,  so  will  ich  mich  auch  wieder  einmal 
regen  und  ein  paar  Papierblätter  Ihnen  in  die  Hand 
bringen,  während  Sie  die  grünen  vor  den  Augen 
haben,  damit  Sie  auch  jene  mit  ähnlichem  Wohl- 
gefallen betrachten.  In  der  That  hat  der  seltsame 
Winter,  mit  dem  fürchterlichen  Wind,  der  etiicbe 
Mal  meine  Fenster  zu  zersprengen  drohte,  durch 
seine  starre  Unabänderlichkeit  einen  ängstlich  ge- 
macht und  ich  bin  durch  diese  schönen  Wochen 
ganz  besonders  erfreut,  weil  ich  sehe,  dasz  der 
Hinunel  seine  alte  Weise  nicht  vergeszen  hat.  Meine 
Altane  habe  ich  au&  beste  bestellt,  Sonnenblumen, 
Wicken,  Winden  sollen  Sie,  wann  Sie  herkommen 
in  schönster  Vollkommenheit  sehen  und  Goldlack 
blüht  schon  in  einer  Pracht.  Ich  wollte  die  Marie 
und  das  Hannchen  wären  bei  nur  und  müszten  mir 
für  das  Begieszen  sorgen  helfen,  sie  sollten  sich 
dann  auch  mitfreuen. 


y  Google 


1817  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediwen.  163 

Zu  einem  solchen  Wunsch  habe  ich  eben  ietzt 
besondren  Antrieb,  da  ich  seit  14  Tagen  ganz  allein 
u.  so  eine  Art  von  Strohwittwer  bin;  mein  Bruder 
ist  auf  sechs  Wochen  nach  Heidelberg  zu  den  alt- 
deutschen Handschriften  aus  Rom  und  meine 
Schwester  ist  nebst  Ramüs  und  dem  Hn.  Bauer, 
der  noch  immer  blos  proleptisch  Doctor  heiszt,  nach 
Frankfurt  zu  Verwandten  und  Freunden.  Die  Ein- 
sasikeit  hat  auch  ihr  angenehmes,  aber  nicht  zu 
allen  Stunden  besonders  nicht  Abends  und  mit  dem 
besonderen  Fleisz  wills  auch  nicht  fort,  weil  mich 
ein  kleiner  Rheumatismus  plagt  u.  wie  der  Schneider 
im  Märchen,  der  nicht  zu  fangen  ist,  in  mir  herum- 
bringt Gerling  seh  ich  zuweilen  doch  nicht  zu 
oft,  er  geht  Abends  nicht  gern  aus,  weil  Ihre 
Schwester  ein  wenig  kränklich  war  und  sich  darüber 
mehr  Gtedank^i  und  Sorge  macht,  als  uöthig  ist. 
Sie  kann  recht  heiter  werden,  wie  ich  sie  ein  oder 
zweimal  im  Theater  gesprochen  habe,  aber  ich 
glaube,  es  gehört  bei  ihr  ein  kleiner  Entschlusz 
dazu?  Das  Kind  ist  gesund  und  wächst,  schlägt 
aber  gsanz  in  die  gerlingische  Natur. 

Von  unserm  öffentlichen  Leben,  so  unbedeutend 
es  in  der  Feme  aussehen  mag,  läszt  sich  immer 
mehr  si^en  als  auf  dies  Papier  geht.  Die  An- 
gelegenheit mit  dem  Bundestag  yon  dem  Smid, 
als  er  von  Bremen  zurückkam,  mit  einigen  Er- 
wartungen sprach,  hat  viel  Aufsehen  gemacht ;  hier 
hat  man  sich  mit  dem  Mimn  verglichen,  indeszen 
kum  sich  doch  manches  dabei  entwickeln  und  wenn 
etwas  gesundes  und  rechtliches  zu  Stand  kommt,  so 

11* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


164  XIV.   W.  Grimm  an  SnabedieseiL  1817 

wird  man  Recht  haben  zu  sagen,   so  muszte  etwas 
geschehen  und  den  Anstosz  geben.    Vielleicht  wirkt 
auch  der  neue  preusz.  Staatsrath  gut;  vor  allem  ist 
das  fCir  die  Rheinländer  zu  wünschen;    Gör  res  ist 
ziemlich    erbittert,   Smid  sagte,  man  habe  Tor  ihn 
nach  Würtemberg  zu  berufen,  sonst  wird  man  ihm 
wohl   eine   Stelle   an  der  Universität,   die  nun  ent- 
schieden  nach  Bonn  kommt,    anbieten.     Sie  wiszen 
wohl   nicht,   dasz  er  ietzt  ganz  ohne  Stelle -ist  und 
zwar  durch   folgenden  Hergang.    Der  König  hatte 
zu   Aachen   versprochen,    dasz    alle    Beamten   ihre 
Stelle  behalten  sollte[n];  da  man  aber  zu  viele  Lit- 
thauen und  rothnaszige  Preuszen  (welches  die  schlimme 
Sorte  ist,   die   guten  wandern  natürlich  nicht)  her- 
ausgeschickt hatte ,  so  war  jenes  Versprechen  nicht 
zu  erfüllen;    man   unterschied  also  zwischen  denen, 
welche  von  den  Franzosen  her  ihr  Amt  hatten,  und 
denen,  welche  im  Provisorium  es  erhalten  und  wollte 
nur  eine  Glasze  bestehen  laszen.    Statt  aber  die  zu 
wählen,   welche   die  natürlichsten  Ansprüche  hatte, 
wo    man    sich   in    der  zweideutigen  Zeit  mit   ent- 
schiedener Gesinnung  ausgesetzt,  entschied  man  sich 
fßr  die  andern   und  zeigte  wieder  jenes  eigenthüm- 
liche  Miszgeschick  in  der  Beurtheilung  fremder  Ver- 
hältnisze   bei   sonst   guter  Gesinnung;    freilich  will 
ich  auch  nicht  dafür  stehen,  dasz  vielleicht  ohne  sieli 
deszen  klar  bewuszt  zu   seyn,   die   alte  Idee   mit- 
gewirkt,   die   andere   Glasze   habe   eben  durch  das 
Hervortreten  zu  viel  eigenen  Willen  gezeigt.    Damit 
war  Görres  auch  abgesetzt;   er  hat  mir  das  nicht 
selbst  geschrieben,   aber  doch,   dasz  er  viel  Ärger 


y  Google 


1817  X^V^     W.  Grimm  an  Suabediasen.  165 

sich  während  zwei  Monaten  auf  den  Bergen  Ter- 
laufen,  darnach  sey  er  nach  Heidelberg  gegangen, 
wo  er  zwei  Bücher  ans  den  altd.  Hss.  geschrieben. 

Von  der  Gensur  Commission  musz  ich  doch  auch 
ein  paar  Worte  melden;  sie  hat  bis  ietzt  eigentlich 
noch  kein  einziges  Buch  censirt,  jedoch  sind  auf 
munittelbaren,  ausdrücklichen  Befehl  des  Kurfürsten 
zwei  Bücher  yerboten  worden,  das  eine  angeblich 
von  einem  gewiszen  Scheffer  in  Paris  heraus- 
gekommene und  das  [andere]  in  einer  wirklich  un- 
rechten und  unanständigen  Form  von  Berlepsch 
geschriebene;  über  die  Sache  selbst  darin  habe  ich 
kein  ürtheil,  manches  soll  unwahr  seyn. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  grüszen  Sie  die 
Ihrigen  sämmtlich  tausendmal,  bald  ist  es  ein  Jahr, 
dasz  ich  bei  Ihnen  war,  mit  unveränderter,  herz- 
licher Liebe 

Ihr 
W.  C.  G. 

Der  Kurfürst  ist  wieder  ziemlich  wohl,  doch 
schwankt  es  seit  längerer  Zeit  hin  und  her  und 
darum  scheint  mir  seine  Gesundheit  bedenklich;  er 
ist  viel  schwächer  als  sonst. 

85. 

Caszel  24.  Juni  1817. 

Werden  Sie  nicht  bös  auf  mich,  liebster  Freund, 
dasz  ich  ansch^end  Ihre  Aufträge  so  schlecht  be- 
sorge und  doch  habe  ich  nichts  versäumt,  freilich 
nichts  ausgerichtet,  aber  das  ist  auch  allein  Ursache, 


y  Google 


166  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1817 

dasz  ich  daTon  nichts  in  meinem  Brief  geschrieben. 
Wellentreters  Ankündigung  sammt  den  später- 
hin durch  Oerling  erhaltenen  Zetteln,  habe  ich 
nach  meiner  besten  Einsicht  vertheilt,  aber  es  hat 
sich  niemand  gemeldet,  worunter  ich  freilich  auch 
gehöre  u.  das  hatte  ich  allein  zu  verantworten;  aber 
wer  kauft  zur  Zeit  Gedichte?  Den  Hausbedarf 
Schaft  sich  jeder  leicht  an,  hat  in  der  Nahe  oder 
bei  einem  guten  Bekannten  eine  Maschine,  wo  so 
etwas  gegoszen  wird.  Das  hat  auch  seine  gute 
Seite,  denn  das  wirklich  neue  wird  wieder  ebenso 
einsam  stehen,  wie  früherhin  jedes  Gedicht  eines  an- 
erkannten  Dichters,  von  dem  alle  Welt  sprach  u. 
das  bisher  in  dem  Strom  oft  hat  mitschwimmen 
müszen,  ohne  erkannt  zu  seyn.  Was  dk  Fasanen 
betrifft,  so  bin  ich  sehr  gründlich  zu  Werk  gegangen; 
der  Brief  an  den  Gärtner  Schwarzkopf  schien  in 
Verbindung  mit  dem  Auftrag,  da  indeszen  Ihr 
Schreiben,  aus  Mangel  an  Umsicht,  nichts  davon 
sprach  und  bei  meinen  Erkundigungen  sich  ei^b, 
dasz  dieser  Mann  nichts  mit  den  Fasanen  zu  thun 
hatte,  schien  mir  das  natürlichste,  ihn  ohne  Weiteres 
blos  abgeben  zu  laszen.  Hierauf  ging  ich  in  der 
Aue  spaziren  und  mittelte  genau  aus,  wo  der  Fasanen- 
hof sey  und  wie  der  ietzige  Verwalter  heisze.  Da 
ich  ihn  gar  nicht  kannte,  so  suchte  ich  jemand  von 
G^ewicht,  der  dort  Eingang  u.  Localkennhiisz  besasz, 
ich  &nd  diesen  endlich  in  der  Person  des  Baths  u. 
Stadt  Directors  Burchardi,  den  ich  bei  einem  Be- 
such präparirte  u.  ihn  bat,  mir  zu  eilauben,  ihn  bei 
heiterem  und  das  Vorhaben  begünstigendem  Himmel 


y  Google 


1817  XIV.    W.  Grimm  an  Suabediiwen.  167 

zu  einem  Otsng  dahin  abzuholen.  Vor  wenigen  Tagen 
ist  dieser  vollbracht  und  das  Resultat  folgendes:  in 
den  zwei  letzten  naszen  Jahren  sind  die  sämmtlichen 
Qoid&sanen  umgekommen  u.  man  ist  deshalb  ge- 
ndthigt  gewesen  dieses  Jahr  Eier  aus  Ludwigslust 
in  Wtirtemberg  konunen  zu  laszen,  welche  soeben 
Ton  welschen  Hühnern  ausgebrütet  werden.  Von 
Silberfasanen  hat  sich  noch  etwas  erhalten  und  liefen 
auch  verschiedene  Exemplare  davon  herum,  doch 
waren  es  nach  der  Versicherung  des  Fasanenmeisters 
nicht  viel  und  er  wuszte  nicht,  ob  man  davon  ein 
paar  verkaufen  würde;  deshalb  aber  ist  sich  an 
einen  Geheimen  oder  Ober  Jäger  Meister  zu  wenden, 
da  er  nichts  darüber  entscheiden  darf.  Zu  diesem 
ZQ  gehen  habe  ich  noch  Bedenken  genommen,  u. 
ich  werde  also  schwerlich  behilflich  seyn  können, 
das  galante  Sachsen  mit  dem  schönen  Federvieh  zu 
bevölkern. 

Meine  Hoffnung  dieses  Jahr  zu  Ihnen  zu  konmien, 
ist  sehr  gering,  ich  würde  schwerlich  Urlaub  er- 
halten u.  das  wenige,  was  wir  zu  Reisen  verwenden 
dürfen,  hat  mein  Bruder  zu  einer  nach  den  Heidel- 
berg. Mss.  gebraucht.  Woher  Reimer  die  gute 
Meinung  hat,  weisz  ich  nicht ;  indeszen  fügt  sich  ja 
manches  über  Nacht  und  unverhofft  konmit  oft,  da- 
mit musz  ich  mich  trösten;  denn  dasz  es  mir  eine 
herzHche  Freude  seyn  würde,  Sie  wiederzusehen, 
können  Sie  denken.  Harnier  reist  diesen  Abend 
nach  Pyrmont,  er  war  kaum  ein  paar  Wochen  hier 
n.  hatte  sich  mit  der  Herzogin  oder  ihrentwegen 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


168  XIV-   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1817 

in  Frankfurt  aufgehalten,  dieses  Yerhältnisz  hat  ihm 
allerlei  Aufträge  und  Verbindungen  erweckt,  gegen 
seinen  Vorsatz,  doch  weniger  gegen  Neigung  hat 
er  immer  eine  diplomatische  Beimischung  in  seinem 
Treiben.  Italien  hat  ihm  gut,  dieltaliäner  schlecht 
gefallen,  ein  wenig  Ungerechtigkeit  mag  da  mit 
unterlaufen,  der  halbe  Naturzustand,  in  welchem  die 
Menschen  dort  leben,  wird  auch  seine  guten  u. 
lebendigen  Seiten  haben,  die  er  nicht  so  gesehen 
hat;  bei  einer  gewissen  Liebe  oder  Gewohnheit  zo 
unserer  gesellschaftlichen  Eleganz  ist  sein  Auge 
nicht  darauf  eingerichtet.  Äuszerlich  ist  ihm  die 
Reise  gut  bekommen,  nur  sind  seine  Haare  ein 
wenig  mehr  gebleicht.  Wir  haben  ihn  öfter  ge- 
sehen u.  ich  bin  ihm  fßr  seine  Freundschaffclichkeit 
recht  dankbar,  womit  er  meine  seit  einem  halben 
Jahr  kränkelnde  Schwester  besucht,  ich  hoffe,  dass 
sie  sich  nach  seinen  Anordnungen  wieder  herstellt. 
Doctor  ßauer  schwankt  noch  immer  in  seinem 
Entschlusz  u.  weisz  nicht,  welchen  Weg  er  ein- 
schlagen soll,  es  geht  ihm  wie  dem  Hn.  v.  Schel- 
mufsky  bei  seinem  Auszug  der  nicht  wuszte  ob  es 
beszer  war,  nach  Sonnen  Aufgang  oder  Untergang 
zu  wandern,  so  weitläuftig  kam  ihm  die  Welt  Tor. 
Es  fangt  mir  an  für  ihn  und  seine  Braut  leid  zu 
thun,  zu  rathen  ist  ihm  nicht,  er  gibt  einem  sogleich 
recht,  thuts  aber  doch  nicht. 

Göthe  hat  sich  in  dem  zweiten  Heft  über  die 
Kunst  am  Rhein  u.  Main  ziemlich  stark  gegen  die 
Gesinnung  der  neuen  Mahler  ausgelaszen,  er  hat 
Recht,  dasz  die  Übertreibungen  und  Überschätzimgen 


y  Google 


1817  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediaseu.  169 

nicht  taugen,  aber  das  wäre  von  selbst  gefallen  u. 
er  thut  gewisz  hier  yielen  weh.  Dasz  er  die  Nach- 
ahmong  der  griechisch.  Welt  als  die  zuträglichste 
preiszt,  halte  ich  für  falsch  zumal  in  der  Mahlerei, 
die  BerQcksichtigung  der  altdeutschen  ist  viel  natür- 
licher, weil  das  Leben,  das  sie  darstellt  doch  noch 
Yiel&ch  in  uns  fortlebt.  So  ruhig  er  sich  im  Aus- 
druck halt  u.  von  dem  bewuszten  heiteren  und  an- 
muthigen  Wesen  spricht,  so  si^ht  man  ihm  doch 
eine  innere  Bewegung  und  eine  Art  Ärgemisz  an. 
Von  Arnim  ist  ein  neuer  Roman  „die  Kronen- 
wächter"  erschienen,  mir  ist  die  Eigenthümlichkeit 
des  Dichters  so  lieb  u.  werth,  ich  glaube  aber  dasz 
das  viele  Treffliche  darin  auch  einem  andern  ein- 
leuchten wird. 

Grüszen  Sie  mir  Ihre  Frau  und  die  lieben  Kinder 
tausendmal,  sie  sollten  mich  nicht  vergeszen;  auch 
Belows  bitte  ich  zu  grüszen,  er  wird  mir  bald  ein- 
mal schreiben  müszen.    Behalten  Sie  lieb 

Ihren  treuen  Freund 
W.  C.  Grimm. 

Damit  Sie  nichts  voraus  haben,  findet  sich  auch 
eine  Einlage  von  mir,  die  um  Besorgung  bittet. 

An   Herrn    Profeszor    Suabedissen.      Erzieher    dea    Prinzen 

Friedrich   von  Heszen   zu  Leipzig.    Vor  dem  Grimmaischen 

Thore.    Quergaaze, 


y  Google 


170  XIV.  W.  Grimm  an  SuabediMen.  1817 

86. 

Caszel  6.  Nov.  1817. 

Liebster  Freund,  vor  einigen  Tagen  habe  ich 
den  zweiten  Bogen  von  ihrem  Buch  corrigirt,  wo- 
mit der  sechste  fertig  geworden,  zwei  nämlich  haben 
Sie  dorthin  erhalten,  darauf  hat  Bauer  zwei  über* 
nommen  imd  5.  u.  6.  sind  mir  zugefallen.  Nun 
wechseln  wir  beide  ab,  und  Sie  können  in  Zukauft 
leicht  ausrechnen,  wem  eine  Sünde  zuzuschreiben  ist 
Warum  haben  Sie  mir  ihren  Wunsch  nicht  gerade- 
zu gesagt?  ich  habe  die  gute  Meinung  von  mir, 
dasz  ich  Ihnen  zu  lieb  noch  etwas  mehr  getfaan,  als 
ein  paar  Bogen  corrigiren. 

Wir  sind  nun  wieder  am  Eintritt  des  Winters, 
den  ein  paar  überaus  heitere  Tage  ganz  zurück- 
zuschieben scheinen.  Uns  ist  es  den  Sommer  über 
ganz  wohl  gegangen,  wir  haben  ihn  auch  insofern 
mehr  genoszen,  als  wir  häufiger  Spaziergänge  ge- 
macht und  drei  Tage  waren  darunter,  die  wir  ganz 
im  Grünen  zugebracht,  alle  von  dem  prächtigsten 
Himmel  begünstigt.  Sodann  war  ich  eine  Woche 
incognito  auf  dem  Haxthausischen  Gute  im 
Paderbömischen  u.  von  da  im  Teutoburger  Wald 
im  Lappischen  bei  den  berühmten  und  mächtigen 
Extersteinen,  es  sind  Felsen,  die  in  schönen  Formen 
wie  Thürme  hoch  aus  der  aufgeschwenmiten  Erde 
in  die  Höhe  steigen. 

Ich  schicke  Ihnen  hier  ein  paar  Anzeigen  von 
unserm  «Reinhart  Fuchs**  und  bitte  Sie  recht  an- 
gelegentlich, wo  es  geht,  der  Sache  Theilnehmer  «n 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1817  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  171 

erwecken,  da  hier  Quellen  abgedruckt  werden,  die 
unbestreitbaren  Werth  haben,  so  kann  ich  getrost 
jedermann  einladen;  selbst  wenn  er  hernach  kein 
besonderes  Wohlgefallen  an  der  Unterhaltung  h&tte, 
die  ihm  das  Buch  gewährt,  so  mache  ich  mir  wenig 
daraus.  Ich  habe  mich  zwar  bei  den  Wellen - 
treterischen  Ankündigungen  schlecht benonunen, 
ich  hoffe  aber  nicht,  dasz  Sie  mir  das  vergelten 
werden.  Die  Namen  der  Subscribenten  hätte  ich 
gerne  vor  Neujahr  oder  um  diese  Zeit. 

Der  18.  Octbr.  ist  hier  sehr  schön,  das  Refor- 
mationsfest anständig  gefeiert  worden.  Eine  Be- 
schreibung davon  d.  h.  von  den  äuszerlichen  Feier- 
lichkeiten enthält  die  hiesige  Zeitung,  die  Sie  wohl 
lesen,  aber  es  ist  mir  höchst  empfindlich  dasz  ein 
Jude  so  etwas  schreibt  oder  auch  nur  redigirt.  Die 
Rede  des  Superintendent  Rommel  war  nach  meiner 
Meinung  schlecht  und  intolerant  im  bösen  Sinne, 
ungeachtet  er  das  Gegentheil  genug  im  Munde  ftlhrte. 
Er  hat  das  Wesen  der  Reformation  von  einer  sehr 
falschen  Seite  angesehen  und  sprach  nicht  gegen  die 
Miszbräuche  der  kathol.  Kirche,  sondern  nannte  sie 
selbst  eine  Finstemisz  und  tadelte  die  Verehrung 
der  Heiligen  u.  der  Jungfrau  Maria  namentlich. 
Arnim  hat  des  Mathesius  „Predigten **  neu  drucken 
laszen  und  rßhmt  sie  mir  sehr;  ich  habe  sie  noch 
nicht  lesen  können. 

Was  sagen  Sie  denn  zu  der  Geschichte  auf  der 
Wartburg?  Der  Gemeinsinn  und  die  Lebendig- 
keit, die  sich  dabei  gezeigt,  sind  doch  sehr  erfireulich; 
liier  ist  nicht  sehr  laut  davon  gesprochen  worden 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


172  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaen.  1817 

und  man  hat  an  manchen  Orten  wenig  GeMlen 
daran  gehabt,  indeszen  hoffe  ich  nicht,  dasz  etwas 
unrechtes  und  tadelnswerthes,  wie  man  auch  emiii 
hat,  vorgefallen  ist;  dasz  der  Student  etwas  über  die 
Schnur  haut,  ohn  es  unrecht  zu  meinen,  weisz  man 
ja.  Hallers  Restauration  hat  mir  insoweit  sehr 
gefallen,  als  mit  innerer  Überzeugung  und  an- 
sprechender Lebendigkeit  dargestellt  ist,  was  uns  so 
noth  thut,  die  Yerbeszerung  des  Familienlebens; 
ohne  wahrhaftige  treue  Menschen  wird  die  beste 
Constitution  nichts  helfen;  aber  er  ist  übrigens  un- 
glaublich einseitig  man  kann  wohl  sagen  blind. 

Ich  musz  noch  melden,  dasz  mein  jüngster 
Bruder  wieder  hier  angekommen  ist  und  Tielleicht 
auf  längere  Zeit  bei  uns  bleibt ;  nämlich  der  Mahler. 
Harnier  lebt  ganz  vergnügt  und  wird  wohl  zu 
Anfang  künftigen  Jahrs  zu  Ihnen  kommen,  seinem 
Bruder  ist  am  18.  Octbr  ein  Töchterlein  geboren 
worden;  es  hätte  durchaus  ein  Bube  seyn  müszen, 
weil  das  Kind  eben  angekommen  ist  u.  den  ersten 
Schrei  gethan,  wie  der  Thürmer  das  Fest  angeblasen; 
es  wäre  dann  eine  Kleinigkeit  gewesen  einen  Helden 
oder  dergleichen  in  ihm  zu  prophezeien. 

Tausend  Grüsze  an  Ihre  Frau  und  die  lieb«i 
Kinder,  was  wird  der  Hans  grosz  geworden  seyn! 
Auch  an  Belows  viel  Grüsze.  Mit  alter  Liebe  und 
Freundschaft  Ihr 

W.  C.  Grimm. 

Bitte  um  Besorgung  der  Einlage. 

An  Herrn  Profeszor  Suabedisaen  bei  bem  Prinzen  Friedrich  von 
Heszen  zu  Leipzig  vor  dem  Grimmaischen  Thore,  Quergasse- 


y  Google 


1818  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  173 

87. 

Caszel  den  10.  März  1818. 

Liebster  Freund,  ihr  Buch  wächst  hier  nach  den 
Kräften  der  A  üb  eischen  Druckerei,  ich  habe  keine 
besondere  Nachlaszigkeit  gespürt  und  daher  von  dem 
ertheilten  Recht  noch  keinen  Gebrauch  gemacht. 
Wir  sind  ietzt  am  208ten  Bogen,  wenn  es  gut  geht, 
so  werden  wöchentlich  2  fertig,  es  kommen  aber 
die  Anzeigen,  Zettel  u.  dgl.  dazwischen,  so  dasz  im 
Ganzen  doch  etwas  weniger  geliefert  wird.  Ich 
bilde  mir  ein,  dasz  ich  die  Correctur  recht  gut  be- 
sorge und  wenn  es  Bauer  ebenso  macht,  so  werden 
Sie  wenigstens  so  ziemlich  zufrieden  seyn ;  denn  ein 
Corrector,  der  jede  Sünde  auszustreichen  weisz,  musz 
geboren  werden  und  wird  nicht  gemacht.  Für  die 
Mühe  werde  ich  entschädigt  durch  die  Bruchstücke, 
die  ich  nicht  an  mir  vorübergehen  lasze  und  die 
mir  lehrreich  und  erfreulich  sind  und  auszerdem 
noch  die  Abende  in  Ihrer  Gesellschaft  zurückrufen, 
wo  sie  ims  manchmal  vorlasen.  Besonders  Wohl- 
gefallen hat  mir,  was  sie  von  dem  Auge  und  dem 
Schlaf  gesagt,  wie  fein  ist  manches  bemerkt  und 
wie  wahr!  denn  ich  habe  es  selbst  im  Leben  em- 
pfunden. —  Auch  die  kleine  Schrift  zur  Refor- 
mationsfeier habe  ich  mit  Freude  gelesen,  reine 
Gedanken  sind  darin  hell  und  warm  ausgedrückt; 
besonders  gefallen  hat  mir,  was  Sie  von  den  beiden 
entgegengesetzten  Abwegen  unserer  Zeit  gesagt  und 
wie  sie  davor  gewarnt ;  es  triflFt  den  Nagel  auf  den 
Kopf.    In    der    historischen  Betrachtung  hätte   ich 


y  Google 


174  XrV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1818 

mir  nur  noch  deutlicher  ausgedrückt  gewünscht,  dasz 
der  heidnischen  Naturrergötterung  doch  gewisz  die 
reine  Verehrung  eines  einzigen  Gottes  vorangegangen. 
Das  Bewusztseyn  derselben  hat  eben  die  Sehnsucht 
auch  mitten  in  der  allseitigen  Belebung  der  Natur 
erregt  und  das  Unzulängliche  dieses  Dienstes  gezeigt 
Jener  Zustand  der  ungetrübten  Anbätung  ist  das 
Paradies,  das  voranging  nur  das  weisz  ich  nicht  zu 
beantworten,  ob  es  ein  wirkliches  gewesen  oder  ein 
geistiges,  mystisches,  ein  himmlisches  Abbild  der 
Welt,  das  uns  mitgegeben  wurde,  als  wir  in  die 
Wirklichkeit  oder  die  geschichtliche  Welt  eingetreten 
sind.  —  Grosze  Freude  haben  mir  auch  die  Predigten 
des  Mathesius  über  Luther  gemacht,  die  Arnim 
wieder  herausgegeben  hat.  Welch  ein  lebensvolles 
Bild  von  ihm!  wogegen  jenes  von  Melanchthon 
farblos  wird,  hier  fühlt  man,  wie  Luther  da  stand 
und  die  Wahrheit  in  ihm  imverganglich  sein 
muszte. 

Ich  sehe  aus  Ihren  Briefen,  wie  wenig  Freude 
Ihnen  die  öffentlichen  Angelegenheiten  machen,  es 
geht  mir  auch  so,  aber  die  Antwort  des  Fürsten 
Hardenberg  auf  die  herrliche  Rede  von  Gorres, 
auch  die  Preuszische  Erklärung  über  Yerfiaszungen 
am  Bundestag  sind  mir  wieder  sehr  tröstlich  vof- 
gekonmien.  Es  war  darin  ernstlicher,  guter  Wille 
sichtbar  und  Gefühl  für  das  practische;  sie  dringen 
beide  auf  etwas,  das  auszuführen  steht  und  bilden 
die  Mittel  nach  der  wirklichen  Lage  der  Dinge. 
Denn  das  gröszte  Unglück  scheint  mir,  dasz  ietst 
ein  jeder  beszern,  ein  System  aufbauen,  raisonniren 


y  Google 


1818  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediasen.  175 

mid  tadeln  will  und  keiner  sich  um  die  Wirklichkeit 
z.  B.  nur  um  eine  genaue  Eenntnisz  seiner  ProTinz 
bekfimmeri.  In  dieser  Hinsicht  ist  mir  z.  B.  die 
Oppo8itk>ns  Zeitung  recht  fatal  gewesen:  nirgends 
ein  mhiger^  groszartiger  Kiek  Qberall  aber  Oeschrei, 
gdiasziges  Tadeln,  G^ezänk  und  dgl.  ttber  ein  paar 
sdiroffe  Grundsatze  gezogen.  Genutzt  hatesgewisz 
wenig ;  wo  ich  etwa  einmal  urtheilen  konnte,  waren 
die  Thatsachen  fast  immer  entstellt  und  auszerdem 
darauf  eingerichtet,  Ärger  zu  erregen.  Es  ist  ein 
Unglück,  dasz  die  Preszfreiheit  in  solche  Hände  ge- 
rath^  ist,  wenn  Moser  noch  gelebt  hätte,  der  hätte 
sie  würdig  benutzen  können. 

Uns  drei  Brüdern  geht  es  hier  ganz  gut,  obgleich 
noch  mancher  Wunsch   übrig  bleibt.    Dem  Maler 
ist  nun    Tor   kurzem    sein    Gesuch    um    eine    An- 
steUung    förmlich    abgeschlagen;    ich    denke    dann 
inuner,  es  wird  zu  seinem  Besten  seyn.    Er  hat  sich 
ietzt  im   Ramüsi sehen    Haus    ein    Atelier  einge- 
richtet und  macht  den  Carton  zu  einer  heil.  Familie, 
die  er  in  Öhl   ausführen  will,  .  Vor  einigen  Tagen 
habe  ich  unter  seinen  Zeichnungen  die  drei  Kinder 
beirachtet   u.    daran  gedacht,   wie   sie  sich  werden 
▼eiindert   haben;    das    Hannchen   wird   nun  gar 
grosz  geworden  seyn.    Wenn  ich  ietzt  einmal  käme, 
wüiden   sie   gewisz   ein   paar   Stunden   lang   fremd 
fton,  bis  sie  den  alten  Freund  wieder  herausgefunden 
liätten.    Wir  beide   sollten   an  die  neue  rheinische 
Uniyeraität,  es  hatte  viel  anziehendes,   doch  meinte 
mem  Bruder,   der  doch   e^entlich  zu  entscheiden 
hatte,  dasz   wir   es  ablehnen  müszten  und  ich  habe 


y  Google 


176  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1818 

seinen  Gründen  recht  gegeben.  Meine  Schwester 
beszert  sich,  aber  doch  langsam,  Gottlob  nur  dasz 
keine  Ursache  da  ist,  ernstlich  etwas  fiirchten  zu 
müszen.  —  Bauer  lebt  noch  immer  in  den  Ver- 
hältniszen,  in  welchen  Sie  ihn  hier  gesehen ;  es  fehlt 
ihm  an  Entschloszenheit  und  es  kann  mir  manch- 
mal bang  um  seine  Zukunft  werden,  er  selbst  i^ 
immer  guter  Dinge. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  grüszen  Sie  die 
Ihrigen  auf  das  schönste  und  behalten  Sie  mich 
in  Ihrem  Herzen 

Ihr    treuer   Freund 
W.  C.  Grimm. 

Ich  bitte  recht  viele  Grüsze  an  Below  u.  seine 
Frau  zu  bestellen ;  ich  schreibe  ihm  nicht  besonders, 
Sie  theilen  ihm  ja  wohl  mit,  was  er  von  mir  zu 
wiszen  wünscht. 


88. 

Gas  sei  am  25.  August  1818. 

Seyn  Sie  herzlich  gegrüszt,  liebster,  bester  Freund, 
dasz  Sie  sich  wohl  befinden  hat  mir  Ihr  Briefchen 
durch  Fräulein  v.  Scheele  imd  diese  selbst  ver- 
sichert. Ich  hoflfe,  dasz  Sie  auf  diesem  guten  W^ 
fortgewandelt  sind  und  versteht  sich  in  Begleitung 
der  Ihrigen,  das  Mariechen  und  der  kleine  Basz, 
das  Elieschen  werden  nebenher  gesprungen  seyn, 
das  Hannchen  ist  gewisz  schon  ganz  grosz  und 
geht  ehrbar  zur  Seite.    Ich  bitte  gleich  am  Eingang 


y  Google 


1818  XrV.   W.  Grimm  an  Soabedissen.  177 

sie  sämmÜich  aof  das  herzlichste  zu  grüszen.  Ich 
habe  öfter  an  Sie  gedacht,  als  Sie  vielleicht  glauben 
und  aus  der  2jahl  meiner  Briefe  abnehmen  können; 
auch  die  Reise  dorthin  ist  mir  ein  rechter  Wunsch 
gewesen,  aber  mehr  als  ein  Hindemisz  war  fOr  dies- 
mal nicht  zu  besiegen.  Also  werde  ich  erst  hier 
zu  Ostern  die  grosze  Freude  haben,  Sie  wieder  zu 
sehen. 

Mir  und   den   Meinigen  ist   es   wohl   gegangen, 
der  Sommer  war  aber  auch  so  herrlich,   dasz  keine 
Euust  dazu   gehörte,   gesund   zu  bleiben.    Diesmal 
habe  ich  recht  die  Wohlthat  unserer  halbländlichen 
Wohnung   gefühlt   und  mich   oft    an   dem   heitern 
Himmel,    den   herrlichen   Bergen   und    der  Ganzen 
mit  allem   Segen  überschütteten   Natur   nicht    satt 
sehen   können.     Je    älter    man    wird,    desto   noth- 
wendiger  zeigt  sich  der  Umgang  und  das  Zusammen- 
leben mit  der  Natur  und  gewährt  einem  die  gröszte 
Erquickung.    Meine  Schwester  hat  sich  auch  all- 
mählig  und   seit  sie   aus   dem  Bade   zu  Wildimgen 
zurück  ist,  wie  mir  däucht,  bedeutend  erholt.   Dieser 
Stein  der  Sorge  wird  also  immer  leichter.    Auszer- 
dem  haben  wir  Geschwister    seit   einigen  Wochen 
auch  die  Freude  sämmtlich  beisammen  zu  seyn.   Der 
Kaufmann  war  zu  Bordeaux  des  Aufenthalts  unter 
den  Franzosen  längst  müde  geworden;  das  Volk  ist 
aller  Ruhe   entwöhnt,   es   spaltet  sich  unaufhörlich 
in  Parteien ,  deren  jede  ihr  Recht  und  Unrecht  hat 
und  es  ist  noch  nicht  abzusehen,  wie  ein  bleibender 
Zustand  wird  möglich  werden.   Die  nächste  Absicht 
meines  Bruders   war   in   Hamburg   eine  Fabrik  zu 

E.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orinun.  12 


l 


y  Google 


178  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1818 

übernehmen,  die  ihm  der  Besitzer,  ein  alter  Mann, 
der  für  ihn  besondere  Freundschaft  hat,  schon  bei 
Lebzeiten  theilweisze  abtreten  wollte;  indeszen  hat 
ihn  daa  besondere  Unglück  getroffen,  dasz  er  wenig 
Tage  nach  seiner  Ankunft  diese  Fabrik  hat  auf  den 
Grund  müszen  abbrennen  sehen  und  damit  seine 
Hoffnungen  gescheitert  sind.  Diese  Widerwärtigkeit 
mag  ihn  etwas  verstimmen ,  doch  hoffe  ich  wird  er 
sie  unter  uns  am  ersten  vergeszen.  Der  andere 
Bruder,  Namens  Ferdinand,  den  Sie  noch  gar 
nicht  kennen,  kam  ganz  unerwartet  von  Berlin.  Er  ist 
nicht  grosz  und  hat  ein  feines  und  scharf  geschnittenes 
Gesicht,  dem  man  seine  blonde  Natur  noch  ansieht, 
während  wir  übrigen  zu  den  dunkeln  gehören.  Seine 
Gesundheit  hat  sich  gottlob  auch  sehr  gestärkt,  ja 
er  ist  ietzt  einer,  der  schon  etwas  aushalten  kann, 
den  Weg  von  Heiligenstadt  hierher  hat  er  zu  Fusz 
und  noch  dazu  über  den  Harz  gemacht  Führt  ihn 
sein  Rückweg,  was  noch  nicht  bestimmt  ist,  über 
Leipzig,  so  geb  ich  ihm,  im  Voraus  ihrer  freund- 
lichen Gesinnung  gewisz,  eine  Adresze  an  Sie 
mit;  ohnehin  könnte  ich  manches  zu  seiner  Em- 
pfehlung sagen,  dasz  er  nicht  ohne  Eigenthümlichkeit 
ist,  werden  Sie  selbst  bemerken.  Ich  kann  auch  im 
Voraus  versichern,  dasz  ihn  die  Kinder  gern  haben 
werden,  wenn  sie  ihn  auch  nur  ein  paar  Stunden 
sehen.  —  Jetzt  nach  sieben  Jahren  oder  noch  langer 
sitzen  wir  wieder  einmal  beisammen,  die  andern 
sind  alle  ziemlich  in  der  Welt  herumgekommen, 
ich  habe  noch  daheim  mit  der  Schwester  am  meisten 
ausgehalten,  dafür  mache  ich  auch  ietzt  die  Honneurs 


y  Google 


1818  XIV.  W.  Grimm  an  Siiabedissen.  179 

0.  wenn  ich  z.  B.  bei  Tisch  vorlege  und,  wann  die 
eisten  bald  fertig  sind,  erst  zu  eszen  anfange,  komme 
ich  mir  wohl  wie  ein  ziemlich  bejahrter  Hausvater 
Tor.  Mein  ältester  Bruder  arbeitet  Überfleiszig 
m  einer  historischen  Grammatik ,  die  alle  Stämme 
der  deutschen  Sprache  umfaszt  und  wohl  ein  nicht 
unbedeutendes  Werk  geben  wird.  Dafür  hat  er  den 
jReinhart  Fuchs"  verlaszen  imd  ich  mag  doch  nicht 
gern,  dasz  das  Werk  blos  nach  meiner  Arbeit  er- 
scheint, weil  auf  jeden  Fall  vier  Augen  mehr  sehen. 
Die  weitere  Ausgabe  der  „Edda**  hängt  zum  Theil 
Ton  dem  noch  ziemlich  geringen  Absatz  des  ersten 
Bandes  ab,  zum  Theil  ist  sie  weniger  nöthig  ge- 
worden, da  so  eben  eine  grosze  Ausgabe  in  Kopen- 
hagen erschienen  ist,  nach  einem  andern  Plan,  als 
unsere,  aber  viel  vorzügliches,  das  in  der  Nähe  der 
dortigen  Sammlungen  nur  möglich  war,  enthaltend. 
Ich  bin  ietzt  beschäfftigt,  eine  Übersicht  der  alt- 
nordischen Literatur  in  der  neuesten  Periode  für 
den  »Hermes*  zu  liefern,  eigentlich  mehr,  weil  ich 
es  aus  verschiedenen  Gründen  fttr  meine  Schuldig- 
keit halte,  als  aus  Gefallen  an  solchen  Arbeiten. 
Ich  setze  dabei  voraus,  dasz  es  eine  ordentliche 
Zeitschrift  wird,  worüber  Sie  vielleicht  einiges  nähere 
wiszen.  Dasz  Sie  den  2ten  Band  der  „Sagen"  lesen 
würden  habe  ich  wirklich  nicht  gedacht,  es  war 
unsere  Absicht,  wenn  die  ganze  Sanmilung  fertig 
wäre  und  die  dazu  gehörige  Abhandlung  geliefert, 
sie  Ihnen  vorzulegen  imd  um  Ihre  Meinung  zu 
bitten.  Sehen  Sie  auf  keinen  Fall  eine  Nachläszig- 
keit  oder  Undankbarkeit  darin,  dasz  wir  Ihnen  diesen 

12* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


180  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1818 

Band  nicht  geschickt.  Übrigens  ist  es  nicht  unsere 
Meinung  diesen  Saft  aus  der  Geschichte  auszuscheiden, 
nein,  es  soll  eben  gezeigt  werden,  dasz  ohne  diesen 
sie  nicht  hätte  wachsen  und  gedeihen  können  und  dasz 
die  Wahrheit ,  welche  die  Sage  enthält  auf  andere 
Weise  nicht  zu  erfaszen  war. 

Da  wir  doch  bei  der  Literatur  sind,  'gedenke  ich 
der  Betrachtungen  der  Fr.  v.  Stael  über  die  Re- 
volution. Sie  sind  anziehend  und  lebhaft  geschrieben 
und  man  liest  das  Buch  wohl  aus,  wenn  man  es 
angefangen  hat.  Zweierlei  scheint  mir  darin  vor- 
züglich: die  Lebendigkeit,  womit  manche  einzelne 
Momente,  von  ihr  selbst  erlebt  und  gefühlt,  ge- 
schildert sind,  wobei  denn  auch  manches  neue  und 
pikante  vorkommt,  und  dann  die  Wahrheit  deren 
sie  sich  befleiszigt,  manches  geradezu  dumme  fallt 
ihrer  Nation  in  deren  Gesinnung  sie  gebildet  ist, 
anheim,  aber  sie  hat  doch  die  ernstliche  Absicht, 
jeder  Partei  ihr  Recht  widerfahren  zu  laszen.  Die 
Charakterschilderung  des  Napoleon,  die  diesem 
ohnstreitig  in  Frankreich  groszen  Schaden  thun 
wird,  gehört  zu  dem  besten;  selbst  wenn  man  über 
ihn  gewisz  ist,  wie  sie,  bleibt  doch  noch  etwas  un- 
erklärbares  in  ihm  zurück,  das  Beachtung  ich  sage 
nicht  Achtung  verlangt  imd  das  hat  sie  sehr  gut 
angemerkt.  Schlegel  ist  nun  Prof eszor  in  Berlin, 
ganz  schickt  er  sich  nicht  zu  dem  Amt,  bei  seiner 
Neigung  zugleich  feiner  Welt-  und  gar  wohl  Hof- 
mann zu  seyn;  er  ist  Bräutigam  mit  der  ganz 
jungen  Tochter  des  Paulus  in  Heidelberg,  die  sehr 
gebildet  ich  glaube  auch  Schriftstellerin  ist.    Fried- 


y  Google 


1818  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  181 

rieh  Schi,  ist  Ton  der  Gesandtschaft  in  Frankfurt 
entfernt,  weil  er  sich  mit  dem  röm.  Hof  in  einen 
heimlichen  Briefwechsel  eingelassen  hatte. 

Der  Stndentenlärm  in  Göttingen  scheint  sich  zu 
setzen.  Es  ist  innerhalb  und  auszerhalb  der  Mauern 
dabei  gesündigt  worden.  Die  Regierung  scheint 
mir  unrecht  gethan  zu  haben,  sogleich  die  ordent- 
liche Behörde  zu  suspendiren  und  militärische  Hülfe 
einrücken  zu  laszen,  die  doch  bekanntlich  auf  Uni- 
yersitaten  nie  Ruhe  gestiftet  hat.  Wuszte  sie  dasz 
der  Prorector  sich  schwach  benehmen  wtirde,  so 
hatte  sie  ihn  nicht  bestätigen  sollen.  Das  ist  aber 
die  Gewohnheit  der  Zeit,  dasz  man  bei  der  ersten 
6felegenheit  das  Bestehende  und  die  eingeführte 
Ordnung  hintansetzt,  um  mit  heftigen  Mitteln  von 
obenher  zu  wirken.  Aus  diesem  Wankelmuth  ent- 
steht dann  die  Geringschätzung  des  Rechts  und  der 
Sitte.  Die  Studenten  haben  ^ch  dagegen  auch 
plump  und  roh  benommen,  namentlich  die  Curländer. 
Ich  habe  hier  zu  Pfingsten  selbst  gesehen,  wie  ganz 
gemein  und  sittenlos  diese  sind.  Dasz  sie  sich  z.  B. 
grosze  Zöpfe  von  verschiedener  Farbe  anhingen  und 
in  der  Stadt  damit  umherzogen,  war  nichts  als  eine 
Frechheit,  denn  der  Spasz  davon  ist  längst  bis  zum 
Ekel  abgenutzt.  Die  Musiker  in  der  Aue  warfen 
sie  mit  Erde  und  einem  ganz  sittsamen  Mädchen 
riszen  sie  das  Halstuch  weg ;  ihr  Bruder,  ein  Offizier, 
suchte  wüthend  den  Thäter  und  es  hätte  leicht  auch 
zu  Auftritten  konmien  können.  Von  der  allgemeinen 
Burschenschaft  denke  ich  so:  sie  ist  wohlgemeint 
und  kann  den  besten  Einflusz  haben,  indem  sie  ein 


y  Google 


182  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1819 

reines  Bild  vorhält;  sie  beachtet  aber  etwas  ganz 
natürliches  nicht,  nämlich,  dasz  Landesleute  und 
Gleichgestimmte  sich  doch  jedesmal  Ton  selbst  zu- 
sammenhalten und  näher  vereinigen  werden.  Sie 
müszten  daher  Landsmannschaften  zu  erhalten  und 
zu  verbinden  wiszen,  was  aber  so  viel  ich  erfahren 
habe,  nicht  geschieht.  In  Jena  haben  sich  aach 
ganz  neuerdings  Mitglieder  der  Burschenschaft  wieder 
näher  zusammengethan  und  gesagt:  die  Burschen- 
schaft sey  recht  gut  und  möge  bestehn,  aber  die 
Leute  wollten  schon  ietzt  im  Himmel  seyn;  worin 
etwas  wahres  liegt. 

Es  ist  Zeit,  dasz  ich  schliesze.  Sie  sehen  diesem 
Brief  wohl  an,  dasz  ich  mir  vorgestellt  habe,  ich 
säsze  eine  Stunde  an  Ihrer  Seite  Gott  schenke 
Ihnen  femer  Gesundheit  und  Heiterkeit  und  mir  die 
Fortdauer  Ihrer  Freundschaft.  Mit  treuem  Herzen 
•  Ihr  W.  C.  Grimm 

Grüszen  Sie  Below  und  seine  Frau  bestens  von 
mir  und  theilen  Sie  ihm  aus  dem  Brief  von  mir  mit, 
was  er  zu  wiszen  verlangt.  Ich  habe  mir  erzählen 
laszen,  dasz  er  ein  Kind  angenommen  und  kann  mir 
vorstellen,  dasz  er  sich  genug  darüber  freut. 

89. 

Caszel   am  4.  M&rz  1819. 

Liebster  Freund,  in  der  HoflFnung  und  Freude 
Sie  bald  hier  zu  sehen  sogar  als  einen  nächsten 
Nachbar,   da   neben  unserer  Wohnung  die  Zimmer 


y  Google 


1^19  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedißsen.  183 

für  den  Prinzen   zubereitet   werden,   kommt  die 
niederschlagende   Nachricht,   dasz   Sie  sich   unwohl 
befinden   und   über    Ihre  Herkunft   gar  noch  nicht 
ffewisz  sind.     Ich  wollte   mir  alles  Schreiben  durch 
onser  mündliches  Gespräch  ersparen,  aber  letzt  kann 
ich  es  doch  nicht  laszen,  bei  Ihnen  anzufragen,  wie 
es  Ihnen    geht    und   was   Sie   zu   thun  beschloszen 
haben,   denn  ich  brauche  nicht  zu  versichern,   dasz 
ich  mit  herzlicher  Liebe   und   Freundschaft  immer 
an  Sie  denke.     Ich  hoffe,   dasz   Ihre  Unpäszlichkeit 
nichts   als    eine   Folge   des   veränderten  Climas  ist, 
denn   es   hat   ja    das    Ansehen,   als  sollten  wir  ein 
gutes  Stück   nach  Süden   gerückt   werden;    in  Rom 
friert   es    auf   eine    unerhörte    Weise    alle   Nächte, 
während  es  in  Petersburg  nicht  dazu  kommen  kann. 
Dasz  eine  solche  Umwälzung  Einflusz  übt,  habe  ich 
selbst  an  mir  erfahren,  ich  bin  das  ganze  neue  Jahr, 
wo  nicht  eigentlich   krank    doch   sehr  unwohl  ge- 
wesen und  fange  ietzt  erst  an,  mich  wieder  heraus- 
zuarbeiten.    Auch   mein  ältester  Bruder  muszte 
einige  Wochen  das  Zinmier  hüten,  die  Schwester 
war  auch  nicht  ganz  gesund,  manches  andere  hatte 
uns  betrübt,  so  dasz  wir  alle  uns  nach  dem  frischen 
belebenden  Frühjahr  sehnen,  das  sich  eben  heute  sehr 
schön  ankündigt. 

Ich  habe  in  dem  ersten  Heft  des  „Hermes*  mit 
Vergnügen  Ihre  Abhandlung  über  die  Preszfreiheit 
gelesen,  ich  hoffe  sie  wird  sich  practisch  so  ziem- 
lich einfinden,  denn  wir  Deutsche  haben  zu  viel 
natürliche  Liebe  und  Achtung  fOr  den  Geist,  als 
dasz  der  Zwang   wirklich  könnte  durchgesetzt  wer- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


184  XrV".   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1819 

den,  80  wenig  wie  in  der  Westphälischen  Zeit  die 
geheime  Polizei.  Allein  der  Neigung  von  obenher 
dieses  und  jenes,  was  dort  ärgerlicli  in  die  Augen 
fallt,  ohne  weiteres  zu  verbieten  wird  man  sich 
nicht  entschlagen  können,  selbst  wenn  man  das  Ge- 
fühl hätte ,  es  sey  ein  vergebliches  Bemühen,  es  ist 
wie  das  Exatzen  beim  Jucken.  Ich  glaube  selbst, 
ich  wäre  schwach  genug  gewesen,  wenn  es  in  meiner 
Macht  gestanden,  daran  zu  denken,  ob  ich  nicht 
Dinge,  wie  Stourdzas  Schrift,  oder  die  regel- 
mäszigen  Verläumdungen  wohlgesinnter  Leute,  z.  B. 
der  Fr.  von  Krtidner  oder  die  endlosen  Klatsche- 
reien im  Oppositionsblatt  u.  s.  w.  verbieten  sollte, 
während  es  ja  wohl  gut  ist,  dasz  das  Böse  heraus- 
kommt. —  (Ich  bin  an  einem  Aufsatz  über  die  alfc- 
nord.  Literatur  für  den  ,, Hermes*',  aber  das  Ding 
wächst  mir  unter  den  Händen  u.  ist  doch  noch  nicht 
fertig.  Wollten  Sie  das  wohl  gelegentlich  nebst 
Grüszen  dem  Prof.  Krug  sagen.  [Randbemerkung]) 
Den  Recensenten  von  Voszens  Shakespeare  habe 
ich  auch  bald  errathen,  die  „literarische  Helden- 
brust" der  Deutschen  wäre  gewisz  niemand  in  den 
Sinn  gekommen,  als  Clodius.  Es  ist  manches  gute 
bemerkt,  aber  im  Ganzen  geschieht  doch  der 
Schlegel  sehen  Arbeit  zu  viel  Unrecht.  Einem 
groszen  Kenner,  dem  Prof.  Benecke  darf  ich 
trauen,  wenn  er  versichert,  dasz  beide,  weder 
Schlegel  noch  Vosz  das  Original  so  aus  dem 
Grund  verstehen,  wie  sie  sollten.  Aber  bei  jenem 
ist  doch  ein  sicherer,  würdigerer  Eindruck  des  (Janzen, 
während    bei   dem  Vosz  jemand,   der  ganz  unbe- 


y  Google 


1819  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediasen.  185 

fiemgen  ist  und  sich  nicht  darcun  kümmert,  was  für 
gute  mid  achtungswerthe  Ghmndsätze  der  Anlasz 
einzehier  Ausdrücke  waren,  nicht  lang  ohne  ganz 
komisch  berührt  zu  werden,  zuhören  kann.  Ich 
könnte  es  z.  B.  den  ganzen  berühmten  Monolog  des 
Hamlet  hindurch  nicht  yergeszen  dasz  er  gleich 
anfEuigs  sagt:  «wenn  erst  wir  weggeschnellt 
den  Staubtumult!^  Dazu  kommt  noch  die  Ein- 
mischung des  Plattdeutschen,  wovon  der  Grund  blos 
in  Yoszens  besonderer  Lage  zu  suchen  ist.  Warum 
sollte  ein  anderer  nicht  mit  gleichem  Recht  die 
böhmische  oder  östreichische  Mundart  einseitig  be- 
nutzen wollen?  In  Wien  sagt  man:  der  Haas  ist 
gar  (d.  h.  zu  Ende),  wenn  nun  ein  Ostreich.  Vosz 
tragisch  ausrief:  das  Leben  ist  gar!  es  könnte  mirs 
niemand  verdenken,  wenn  [ich]  für  eine  tragische  Em- 
pfindung eine  komische  hätte.  Voszens  Über- 
setzung gleicht  gutem,  reinen-  Brot  aber  es  ist  Sand 
in  das  Mehl  gekommen,  so  dasz  man  im  besten 
£%en  und  Genusz  auf  so  ein  fatales  Steinchen  beiszt. 
Schlegel  mag  wohl  etwas  zu  viel  weiszes  Mehl  zu- 
gmnischt  haben. 

In  Steffens  Carricaturen  habe  ich  auch  viel 
Lebendiges,  Schönes  und  Wahres  gefunden,  doch 
kann  ich  sie  nur  als  Parteischrifb  ansehen.  Recht 
wohl  wird  es  mir  bei  diesem  Buche  nicht,  es  hat 
etwas  unruhiges  und  für  jemand,  der  groszartig  und 
frei  seine  Zeit  belehren  will,  fehlt  ihm  für  die  Ge- 
sinnung ein  mildes  Wohlwollen  und  für  den  Gegen- 
stand selbst  hinlängliche  practische  Eenntnisz.  In 
seiner   neusten    Schrift  dem   „Tumziel'*    sieht  man 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


186  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1819 

recht,  wie  er  sich  hineinarbeitet,  um  aus  einer  in 
ihrem  Outen  imd  ihren  Miszbrauchen  gewisz  leicht 
zu  beurtheüenden  Sache,  über  die  das  richtige 
Urtheil  nicht  ausbleiben  kann,  eine  weltbewegende 
Angelegenheit  zu  machen.  Vielleicht  bin  ich  da- 
durch befangen,  dasz  ich  ihn  persönlich  kenne  und 
mir  noch  immer  in  Gedanken  ist,  wie  gern  er  sich 
bei  ganz  imschuldigen  Dingen  in  die  Rage  brachte. 
Es  fehlt  ihm,  so  viel  treffliches  er  besitzt,  das  ich 
gern  anerkenne,  ganz  der  deutsche  Geist  und  ein 
bischen  zu  viel  hat  er  von  Eitelkeit.  Wie  leicht  er 
sich  dadurch  aus  seiner  Stelle  rücken  lässt,  können 
Sie  wohl  daraus  abnehmen,  dasz  er  vor  kurzem  in 
Berlin  war,  um,  es  ist  fast  unglaublich,  f&r  den 
Norwegischen  Storthing  eine  Anleihe  zu  unter- 
handeln; er,  der  davon  ohne  Zweifel  nicht  das  aller- 
geringste versteht.  Wenn  Spanien  ebenso  seinen 
y ortheil  kennt,  so  behaupte  ich,  trägt  es  ihm  auf, 
eine  Flotte  in  Norwegen  für  sich  bauen  zu  laszen. 
Gerling  war  diesen  Winter  ein  paar  Tage  hier^ 
er  ist  gesund  doch  noch  nicht  ganz  so  irisch  wie 
sonst.  Marburg  hat  5000  Thlr.  Zulage  erhalten, 
dadurch  sind  Arnoldi  u.  Wurzer  wieder  fest- 
gehalten; Mackeldei  u.  Stein  gehen  aber  nach 
Bonn.  Verachten  Sie  mich  nur  nicht,  dasz  die 
philos.  Facultät  mir  u.  meinem  Bruder  das  Doctor- 
diplom  zugeschickt,  Sie  wiszen  was  ich  in  diesem 
Fache  vermag  und  ich  fühle  gewisz,  dasz  ich  die 
Univ.  nicht  zu  Ehren  bringen  kann.  Harnier 
reist  übermorgen  nach  Frankfurt,  er  hat  uns  neulich 
in  einem  the  gami  köstlich  bewnrthet.  —  Ich  hoffe 


y  Google 


1819  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  187 

bald  auf  ein  paar  gute  Zeilen  yon  Ihnen,  liebster 
Freund  Gott  sey  mit  Dmen.  Seyn  Sie,  Frau  und 
Kinder  auf  das  herzlichst-e  gegrüszt 

Wilhelm  C.  Grimm. 

Bitte  an  Belows  viele  Grüsze  zu  sagen 


90. 

Caszel   9.  Mai  1819. 

Liebster  Freund,  es  ist  ein  Fall,  wo  ich  Ihrem 
Beispiel  ungern  folge,  indem  ich  statt  selbst  zu 
kommen,  einen  Brief  blos  abgehen  lasze.  Allein 
es  sind  einige  Unmöglichkeiten  Yorhanden,  wovon 
die  eine,  dasz  ich  keinen  Urlaub  erlangen  kann, 
schon  hinreichend  seyn  wird.  Gottlob,  dasz  ich  Sie 
g^und  weisz,  Below  hat  mir  eigentlich  erst  alle 
Sorge  Ihrentwegen  benommen,  da  er  mir  erzählte, 
dasz  Sie  sich  auffallend  schnell  erholt.  Nun  wird 
Sie  die  Reise  völlig  gestärkt  haben,  diese  Ruhe 
überhaupt  müszen  Sie  wohlthätig  empfunden  haben 
Qnd  so  leid  es  mir  am  ersten  Morgen  that,  Sie  nicht 
zu  finden,  so  habe  ich  doch  wohl  gefühlt,  dasz  Sie 
nicht  jede  Stunde  hier  würden  heiter  zugebracht 
haben. 

Dasz  Sie  nicht  nach  Berlin  gehen  würden,  hatte 
mir  schon  geträumt.  Ich  erhielt  nämlich  einen 
Brief,  worin  Sie  erzählten,  dasz  Sie  lieber  nach 
Hamburg  gegangen  wären,  aber  eigentlich  dadurch 
in  der  Kenntnisz  dieser  Stadt  zurückgekommen,  denn 
was  habe  man  davon,  ein  paar  Tage  flüchtig  u.  meist 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


188  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1819 

nur  die  Straszen  zu  betrachten ,  man  werde  nur  in 
dem  ruhigen  Phantasiebild^  das  man  beseszen,  gestört 
Hernach  sagte  mir  Below,  dasz  es  nicht  Hamburg 
sondern  Dresden  gewesen,  wohin  sie  sich  gewendet 
und  das  hätte  ich  auch  wiszen  können,  da  Traume 
bekanntlich  die  entgegengesetzte  Richtung  angeben. 

Es  geht  mir  so  gut  als  Gott  will,  ich  meine  man 
soll  nicht  klagen,  wo  des  Guten  mehr  ist;  ist  doch 
auch  meine  Gesundhsit  so,  wie  ich  lange  Jahre  nie 
gehofiPt,  dasz  sie  noch  werden  könnte.  B  e  1  o  w  wird 
Ihnen  von  dem  besten  erzählen  können,  ich  habe 
ihn  zwar  nicht  sehr  oft,  aber  doch  manchmal  ge- 
sehen. Mein  Bruder  Carl,  der  wirklich  etwas  vom 
Schicksal  tribulirt  wird ,  hat  seine  Verhältnisze  in 
Rheims  wieder  abbrechen  müszen  und  kommt 
wahrschl.  wieder  zu  uns.  Ich  thue,  als  müszten 
Sie  alles  wiszen,  was  uns  begegnet. 

Grüszen  Sie  mir  die  lieben  Kinder  u.  Ihre  Frau 
recht  herzlich  und  schlieszen  Sie  mich  femer  in  Dur 
Herz  ein 

Ihr  treuer  W.  C.  Grimm. 

Ich  hätte  Ihnen  gern  den  Hofrath  d.  h.  die 
Kosten,  die  er  Ihnen  machen  wird,  abgewendet 
Sobald  werden  Sie  nicht  in  den  actiyen  Dienst  bei 
Hof  eintreten.  Stände  ich  nicht  in  Ungnade  so 
hätte  ich  auch  einen  beszem  Charakter,  was  mir 
ein  Zeitungsherumträger  zum  neuen  Jahr  wünschte. 


y  Google 


1820  XrV.   W.  Grimm  an  Saabediasen.  189 

91. 

Caßzel  den  20.  Febr.  1820. 

Liebster  Freund,  ich  brauche  Dmen  wohl  nicht 
zu  sagen,  dasz  nur  der  Verdrusz  nicht  heitere,  un- 
befangene Briefe  schreiben  zu  kdnnen  mich  zu  so 
luigem  Stillschweigen  gebracht  hat,  dasz  ich  aber 
wie  sonst  mit  herzlicher  Freundschaft  und  Liebe  an 
Sie  gedacht.  Wie  wohl  wäre  es  mir  gewesen,  wenn 
ich  manchmal  eine  Stunde  bei  Ihnen  einsam  auf 
Ihrem  Arbeitsstübchen  hatte  sitzen  können,  es  rührt 
mich  noch,  wenn  ich  mich  erinnere,  wie  ich  vor 
Jahren  bei  meinem  Besuche  es  inne  hatte  und  wenn 
Sie  ausgegangen  waren,  so  wie  in  meinem  Eigen- 
thun  darin  sasz,  mancherlei  las  und  mancherlei  Ge- 
danken Yorübergingen.  Seit  der  Zeit  habe  ich  Sie 
nicht  wiedergesehen,  ich  hoffe,  Sie  werden  mich  un- 
verändert wiederfinden  und  darum  vertraue  ich  auch, 
dasz  Sie  mir  wieder  mit  derselben  Freundschaft;  die 
Hand  reichen,  mit  welcher  Sie  mir  sie  auf  der  Brücke 
bei  unserm  Abschied  drückten. 

Das  Misztrauen  und  Herzlosigkeit,  die  auszen 
herrscht,  geht  auch  in  unsere  Literatur  über.  So 
ist  mir  der  Streit  zwischen  Vosz  und  Stollberg 
der  unseligste  von  der  Welt.  Es  war  mir  unbegreif- 
lich, wie  jener  so  alles  was  das  Leben  geheimes  und 
vertrauliches  hat,  jeden  natürlichen  und  unbesorgten 
Augenblick  hat  publiciren  und  dem  Geschwätz  der 
Welt  überliefern  können,  auf  der  andern  Seite  ist 
auch  keine  Ruhe  und  Unbefangenheit  gewesen. 
Vosz  ist  hart,  eigensinnig  und  eingebildet,  hat  aber 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


190  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1^ 

doch  etwas  redliches,  Stollberg  ist  edler  und 
groszartiger ,  hat  aber  etwas  schwankendes  und  es 
lag  in  beiden  Naturen  ein  Gegensatz,  der  sie  immer 
von  einander  hätte  halten  sollen.  Die  Religions- 
Streitigkeiten  an  sich  haben  nie  etwas  gutes  herbei- 
geführt und  sie  sind  auch  nicht  die  beste  Seite  an 
Luther.  Das  was  alle  Christen  vereinigt,  worin 
sie  glückselig  neben  einander  vereinigt  wandehi,  was 
sie  in  diesem  Sinne  thun  imd  vollbringen,  das  ist 
mir  das  Rechte. 

Mir  und  meinen  Geschwistern  geht  es  wie  sonst 
wenn  ein  Zeitraum  vorüber  ist  erkenne  ich  mit 
Dank  gegen  Gott,  wie  viel  Gutes  darin  liegt.  Der 
Mahler  ist  seit  Septbr  in  Frankfurt  u.  ist  mit 
einigen  Öhlbildem  beschäftigt,  der  Kaufmann 
empfindet  den  Druck  seines  Standes  und  da  ein 
eigenes  Miszgeschick  ihn  getroffen  hat  imd  noch 
ietzt  trifft,  da  er  dem  Untergang  alles  deszen  was  er 
sich  erworben  hat  und  was  ohnehin  nicht  viel  war, 
entgegensehen  musz,  so  freue  ich  mich,  dasz  er  sich 
einen  im  Gtmzen  so  heitern  Sinn  und  ein  Vertrauen 
auf  Gottes  Hülfe  erhalten  hat.  Mit  den  Arbeiten 
geht  es  auch  den  gewohnten  Ghmg,  mein  Bruder 
übertrifft  mich  an  Fleisz  u.  arbeitet  von  Morgen  bis 
Abend,  er  bringt  es  auch  an  Gelehrsamkeit  und 
Scharfsinn  viel  weiter  als  ich. 

Ich  schicke  Ihnen  die  neue  Ausgabe  der  Einder- 
märchen nicht,  weil  ich  mir  vorstelle,  da^  Ihre 
Kinder  sie  nicht  mehr  lesen,  wollen  Sie  aber  sich 
hier  einmal  das  Buch  abfordern,  so  wiszen  Sie,  dasz 
es    gern   gegeben    wird.      Grüszen    Sie    die    lieben 


y  Google 


1820  XIV.    W.  Grimm  an  Suabediaaen.  191 

Kinder.,  und  wenn  sie  gar  nichts  mehr,  yon  mir 
wiszen,  sagen  Sie,  dasz  ich  ganz  ordentlich,  wie  ein 
anderer  Mensch  aussähe. 

Der  Tod  der  guten  Eurfürstin  hat  mich  be- 
trübt Ich  war  noch  wenig  Tage  vorher  bei  ihr, 
sie  war  ganz  freundlich  wie  sonst,  gab  mir  ihre 
sanfte  Hand  beim  Abschied  und  als  ich  sie  ihr 
küszte,  drückte  sie  meine  ein  wenig  und  sagte,  sie 
würde  uns  bald  einmal  einladen  laszen.  Sie  hatte 
uns  wirklich  lieb,  nicht  sowohl  unsertwegen,  ab 
wegen  der  seligen  Tante,  die  ihr  eigentlich  keine 
Dienerin  mehr  sondern  eine  Freundin  war. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Suabedissen,  so  Gott 
will,  ist  die  längste  Zeit  vorüber,  in  welcher  ich  Sie 
nicht  sehe.  Orüszen  Sie  auch  Ihre  Frau  von  mir 
und  behalten  Sie  mich  lieb 

Ihr  treuer  Wilhelm  C.  Grimm. 

92. 

Caszel,  27.  Oetbr.  1820. 

Liebster  Suabedissen ,  Gestern  ist  ein  Brief  von 
Leipz^  für  Sie  angekommen ,  der  auf  dem  Gouvert 
an  mich  u.  abermals  innen  als  eilig  bezeichnet  ist. 
Da  der  Termin,  wo  ich  Briefe  an  Sie  sollte  weiter  be- 
fördern, mit  dem  23.  incl.  abgelaufen  ist  u.  ich  Sie 
gestern  schon  erwartete,  so  war  es  ganz  natürlich  dasz 
ich  ihn  stehen  liesz.  Indesz  ist  mir  eingefallen,  Sie 
kannten  noch  länger  in  Marburg  bleiben  wollen  u. 
es  wäre  in  diesem  Fall  das  klügste,  Ihnen  wenigstens 
das  Daseyn  jenes  Briefes  zu  melden,  so  dasz  Sie  nun. 


y  Google 


192  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.-  1821 

wie  Ihnen  gefällt,  ihn  dorthin  verlangen  können 
oder  Ihre  Abreise  beschleunigen.  Übrigens  ist  die 
Adresze  von  der  Hand  Ihrer  Frau. 

Below  u.  s.  Frau  laszen  recht  sehr  grüszen, 
und  er  läszt  Ihnen  sagen,  dasz  Ihr  Abschied  bei 
ihm  liegt. 

Mein  Gesicht  ist  wieder  zu  seinem  bescheidenen 
Maasz  zurückgekehrt. 

Ich  mache  blosz  eine  Adresze  an  Oerling,  damit, 
falls  Sie  bei  Ankunft  des  Briefes   abgereiszt  sind, 
nicht    dieser    sonst    inhaltslose   nachgeschickt  wird. 
An  alle  drei  die  herzlichsten  Grüsze  von 
Ihrem  treuen  Freund 

W.  C.  Grimm. 

98. 

Caszel  7.  Jan.  1821 

Liebster  Freund,  ich  danke  Ihnen  f5r  Ihren  Brief 
und  för  die  Freundschaft,  die  Sie  mir  durch  Ihr 
Vertrauen  bezeigen.  Ich  antworte  nach  Ihrem 
Wunsche  sogleich  und  wiU  Ihnen  offenherzig  meine 
Gedanken  sagen. 

1.  Ich  meine,  Sie  sollten  Ihrem  ersten  und  natür- 
lichsten Vorsatz  treu  bleiben,  wenigstens  ein  Jahr 
ganz  ungebunden  und  ruhig  zu  leben.  Sie  sind  in  der 
vergangenen  Zeit  auf  verschiedene  Weise,  nicht 
immer  auf  eine  erfreuliche,  angerührt  und  bewegt 
worden,  Sie  haben  sich  fremdartigen  Richtungen 
hingeben  müszen,  so  dasz  sich  Ihr  Geist  durch  eine 
Rückkehr  zu  seiner  eigenen  Natur  am  besten  starken 


y  Google 


1^1  XIV.  W.  Grimm  an  Snabedissen.  193 

wird,  auch  gewährt  diese  geistige  Stärkung  Ihnen 
die  beste  Arznei  fBr  den  Körper.  Das  Gef&hl,  man 
gehe  bergab  beschleicht  einen  in  bedrängten  Augen- 
bUcken,  ich  sage  Ihnen  ganz  aufrichtig,  ich  habe 
nicbts  dergleichen  an  Ihnen  bemerkt.  Sie  dürfen 
sich  mit  gutem  ßewiszen  dem  Lehramt  widmen,  ehe 
Sie  aber  einen  neuen  Beruf  ergreifen,  sichern  Sie 
sich  und  Ihren  Mitmenschen  erst  den  Ertrag  Ihres. 
Nachdenkens  und  Ihrer  Arbeiten.  Dort  würde  Sie 
doch  mitunter  der  Gedanke ,  das  Angefangene  nicht 
'Toflendet  zu  haben  stören,  so  wie  Sie  auch  dort 
sich  nicht  sobald  Ruhe  und  Zeit  dafür  ausmitteln 
würden.    Alles  Neue  will  erst  überwunden  seyn. 

2.  Eben  darum  opfern  Sie  auch  nicht  einem  im 
Ganzen  geringen  Ökonom.  Yortheil  den  höheren 
geistigen  auf,  an  einem  Orte  eingewohnt  zu  seyn, 
wo  Sie  alte  Bekannte  und  Freunde  um  sich  wiszen. 
Der  Mensch  kommt  mir  yor,  wie  eine  Pflanze,  die 
wemi  sie  mit  der  gröszten  Vorsicht,  selbst  in  beszere 
Erde  versetzt  wird,  doch  erst  ein  paar  Tage  trauert. 
YieUeicht  ist  meine  beschränkte  Natur  schuld  daran, 
aber  ich  müszte  mich  nicht  blos  in  die  Menschen, 
sondern  auch  in  die  ungewohnten  Berge,  Thäler  und 
Bäume  finden,  wenn  die  Ruhe  meiner  Gedanken 
nicht  mehr  sollte  gestört  werden. 

3.  Ich  glaube,  t  wenn  man  Ihnen  gewiszermaszen 
in  Berlin  nicht  Wort  gehalten,  dies  hauptsäch- 
lich doch  nur  geschehen,  weil  gerade  keine  offene 
Stelle  anzubieten  war.  Bei  einer  Vacanz  wird  man 
Ihnen  wahrscheinlich  einen  Antrag  machen,  und  Sie 
hatten  dann  noch  freie  Hände. 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orimm.  13 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


194  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  1B21 

4.  An  sich  ist  mir  der  Gedanke  angenehm,  Sie 
in  Marburg  zu  wiszen.  Sie  könnten  gewisz  gutes 
wirken  u.  die  Theilnahme  (die  rechte,  die  nicht 
blosz  den  Schein  in  der  Wiszenschaft  sucht)  erscheint 
im  Ganzen  öfter  auf  kleinen,  als  auf  groszen,  prun- 
kenden Universitäten.  Ich  glaube  auch,  dasz  man 
sich  am  Ende  dazu  verstehen  würde,  Ihnen  die  Stelle, 
falls  Sie  darum  bitten,  zu  geben.  Nur  glaube  ich 
nicht,  dasz  man  Ihnen  Ihre  Pension,  als  solche  (was 
ich  an  sich  sehr  billig  fände)  läszt ,  man  wird  sie 
zur  Besoldung  schlagen,  diese  würde  dann  etwas- 
höher ausfallen,  doch  nicht  so  viel  betragen,  als 
Besoldung  und  Pension  zusammen  ausmachten.  Mehr 
als  1000  Thb  dürfen  Sie  kaum  erwarten,  während 
gewöhnl.  Besoldung  u.  Pension  etwa  1200  betragen 
würden.  Um  aber  die  Bitte  um  dieses  Amt  sogleich 
zu  stellen,  müszte  man  keine  von  den  Bedenklichkeiten 
haben,  deren  Sie  in  ihrem  Briefe  erwähnen,  von 
denen  mir  zwar  einige  übertrieben  scheinen,  die 
meisten  aber  begründet.  Sie  müszen  nicht  blosz  die 
Gegenwart  und  nächste  Zukunft  berücksichtigen. 

5.  Sind  Ihre  Verhältnisze  so  dringend,  dasz  es 
Ihnen  eine  Pflicht  ist,  sogleich  den  weiteren  Unter- 
halt zu  sichern,  oder  sind  Sie  sonst  entschloszen, 
um  eine  Marburger  Profeszur  anzuhalten,  so  schreiben 
Sie  doch  zuvor  hierher.  Ich  wiU  Ihnen  gerade 
sagen,  warum.  Ich  wünschte,  dasz  die  Kurprin- 
zeszin,  die  Ihnen  wohl  will,  dann  veranlaszte,  dasz 
man  Ihnen  erst  einen  Antrag  machte.  Sie  kommen 
erst  in  diesem  Fall  in  das  richtige  und  natürliche 
Yerhältnisz,   Sie  könnten  dann,   was  an  sich  billig 


y  Google 


1821  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  195 

ist  z.  B.  die  Unabhängigkeit  Ihrer  Pension  zur  Be- 
dingung machen.  Denn  da  ich  mir  wohl  vorstellen 
kann,  dasz  Sie,  wenn  man  Ihnen  Ihre  Bitte  gewährt, 
sich  aus  Pietät  för  gebunden  ansehen ,  falls  Ihnen 
einmal  früher  oder  später  yortheilhaftere  Bedingungen 
von  einer  anderen  Universität  gemacht  würden,  so 
ist  mein  Wunsch  natürlich ,  ihr  Verhältnisz  u.  ihre 
Lage  möge  so  ausfallen ,  dasz  Sie  in  Zukunft  aller 
drückenden  Sorgen  überhoben  wären  und  ihre  Tage 
in  Kühe  leben  könnten. 

Diese  Ansicht  habe  ich  Below  mitgetheilt  und 
bei  ihm  eine  nicht  sehr  abweichende  gefunden;  er 
hat  nur  für  das  Lehramt  in  Marburg  einige  Bedenk- 
lichkeiten  mehr  als  ich,  imd  erwidert  mir  dasz  er 
das  Terrain  beszer  kenne  als  ich.  Nur  das  schien 
ihm,  wie  mir,  höchst  unwahrscheinlich,  dasz  Sie  je 
Amt  und  Pension  zugleich,  verlieren  könnten.  Über 
das  was  ich  Nr.  5  gesagt  sind  wir  beide  einig. 

Nun  leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  Gott  wird 

Sie  zu  dem  lenken,  was  Ihnen  am  besten  ist ;  bleiben 

Sie  nur  gesund  und  heiter ;  ich  habe  mich  von  etwas 

Catarrh,  den  mir  die  Kälte  auf  den  Hals  geschickt, 

in  diesen  milden  Tagen  wieder  erholt.    Wir  haben 

das  Vei^ügen  gehabt  mit  unserm  Freund  Arnim 

den  wir  in  vielen  Jahren   nicht  gesehen ,   ein  paar 

Ti^e  zu  verleben,  und  so  bin  ich  durch  den  Besuch 

heber  Freunde  dafür  entschädigt,  dasz  ich  seit  länger 

als  fünf  Jahren   nicht  aus  Heszen   gekommen  bin. 

Belows   gedenken  Ihrer    mit   herzlicher  Achtung 

und  Liebe,  es  scheint  mir,   als  führten  sie  hier  ein 

angenehmes  und  glückliches  Leben,  ob  ihnen  gleich 

13* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


196  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1821 

auch  noch  Wünsche  übrig  seyn  werden.  Meine 
Brüder  und  meine  Schwester  grüszen  mit  mir,  sagen 
Sie  auch  Ihrer  Frau  und  den  lieben  Kindern,  dasz 
sie  mich  im  Andenken  behalten  sollten,  bei  Ihnen 
versteht  es  sich  Ton  selbst.  Wenn  das  Gute,  das  ich 
Ihnen  zum  neuen  Jahr  wünsche,  auch  nicht  all  in 
diesem  Jahr  eintrifft,  so  wird  es  doch  nach  und  nach 
sich  einstellen.  Smid  von  Bremen  ging  vor  kurzem 
durch  nach  Frankfurt,  er  hat  sich  mit  Theilnahme 
nach  Ihnen  erkundigt  und  es  bedauert,  dasz  er  Sie 
in  Bremen  verfehlt  hat.  Von  Herzen  Ihr  treuer 
Freund 

W.  C.  Grimm. 

94. 

Gaszel  30.  Jan.  1821. 
Liebster  Freund,  es  wäre  möglich,  dasz  Sie  einen 
Antrag  erhielten,  die  Stelle  des  verstorbenen  Ruh- 
kopf  zu  Hanover,  der  Director  des  dortigen  Gym- 
nasiums war,  anzunehmen.  Um  auch  gleich  meine 
Meinung  zu  sagen,  so  wäre  es  mir  im  Ganzen  lieber, 
wenn  Sie  ein  akademisches  Amt  bekleideten,  weil 
ich  mir  vorstelle,  Sie  würden  Sich  darin  freier  und 
lebendiger  fühlen.  Femer  hat  Hanover,  so  von  der 
Feme  aus  und  vielleicht  nach  Vorurtheilen  betrachtet, 
für  mich  etwas  Hölzemes,  gewisz  ist,  dasz  dort  viel 
Kastengeist  herrscht;  auf  der  andern  Seite  ist  das 
Gute:  Ordnung,  Sicherheit  in  allen  Verhältniszen, 
Unterstützung  guter  Anstalten,  anzuerkennen.  So 
würde  z.  B.  die  Besoldung  dem  Amte  gemäsz,  nicht 
kärglich,  seyn,  wiewohl  es  auch  dort  recht  theuer  ist 


y  Google 


1821  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediasen.  197 

Ich  sage  ausdrücklich,  es  ist  blos  möglich, 
mehr  nicht.  Bios  ihr  Name  ist  Ton  jemand  genamit, 
bei  dem  man  anfragte;  die  Wahl  des  Ministeriums 
kann  daher  leicht  auf  einen  andern  fallen.  Nach 
dem  gewöhnlichen  Oang  der  Dinge  hätte  ich  Ihnen 
noch  gar  nichts  davon  sagen  soUen;  indeszen  denke 
ich,  Sie  können  ietzt  die  Sache  unbefangener  über- 
legen, da  sie  noch  so  weit  in  der  Feme  liegt. 

Gemeinschaftliche   Freunde   haben  Belows  ge- 
meldet,  dasz    Sie   heiter   und  wohl   sind  und  diese 
Nachricht  hat  uns,  wie  Sie  denken  können,  herzlich 
erfreut.    So  oft  ich  hinkomme  wird  auch  von  Ihnen 
gesprochen,  Sie  werden  von  diesen  guten  Menschen 
aufrichtig   geachtet  imd  geliebt;    so   natürlich  der 
Wunsch  ist,  dasz  Ihr  Schicksal  erst  bestimmt  seyn 
möge,  so   habe  ich  doch  nie  eigentlich  Besorgnisz, 
sondern  ein  Vorgefühl,  dasz  sich  irgend  eine  uner- 
wartete freundliche  Wendung  aufthun  wird.    B  e  1  o  w 
war  acht  Tage   lang  unpäszlich,   geht  aber  wieder 
aus;   er   hat   hier,    dies   u.  jenes  abgerechnet,    ein 
ruhiges,  friedliches   Leben,   wie   ich  es  ihm  gönne 
und  mir  (nach  einem  Zuschnitt  für  mich)  zuweilen 
im  Traume  wünsche.     Das   kleine  Kind  springt  wie 
electrische  Funken  und  kann  noch  kurz  vorher,  ehe 
es  die  Müdigkeit  zum  Schlaf  überwältigt,  auszer  sich 
seyn  vor  Lust.    Ich   glaube  es  ist  bei  seiner  Er- 
ziehung viel  Aufmerksamkeit  nöthig;    sie  scheinen 
es  mir  gut  zu  behandeln,  aber  das  Schwierige  wird 
arst  in  den   spätem  Jahren  kommen;    es  ist  ietzt 
manchmal  recht  lieblich   und  bei  meiner  Liebe  zu 
den  Kindern,   wird  es  ihm  nicht  schwer,  mit  mir 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


198  XrV.   W.  Grimm  an  Snabedisaen.  1821 

umzugehen.  Es  glaubt  ganz  ernstlich,  es  würde  mir 
auch  wie  ihm  ein  Conduitenbuch  gehalten  und  fragt 
mich  ins  Ohr,  was  ich  für  einen  Strich  darin  be- 
kommen hätte.  So  was  ist  mir  ordentlich  rührend 
und  ich  wollte,  ich  könnte  im  Ernst  darüber  Aus- 
kunft geben. 

Was  meine  Stunden  betrififl,  so  komme  ich  mir 
wie  ein  Alchymist  yor,  der  sein  bischen  Vermögen 
in  Rauch  aufgehen  läszt. 

Die  Meinigen  grüszen  Sie  auf  das  freundschafk- 
lichste.  Jacob  arbeitet  fleiszig  an  der  neuen  Anfl. 
s.  Grammatik,  die  ein  ausgezeichnetes  Werk  werden 
wird.  Es  ist  das  Fach,  wo  er  sein  Talent  am 
glänzendsten  anwenden  kann.  Der  Mahl  er  scheint 
ein  gröszeres  Bild  vorzuhaben  u.  der  Kaufmann 
wird,  nachdem  alle  Pläne  gescheitert  sind,  sich  in 
ein  paar  Monaten  nach  Hamburg  begeben,  um  ein 
neues  Glück  zu  versuchen. 

Grüszen  Sie  Ihre  Frau  und  die  guten,  lieben 
Kinder,  die  ich  noch  so  nenne,  wenn  es  auch  schon 
grosze  Fräulein  sind.    Mit  treuer  Liebe 

Ihr  W.  C.  Grimm. 


95. 

Caszel  am  28.  Mai  1821. 

Liebster  Freund,  ich  habe  Ihre  kleine  Schrift: 
„Philosophie  und  Geschichte"  gleich  und  mit  der 
Theilnahme  gelesen,  die  ich  für  alles  habe,  was  von 
Ihnen  kommt.  Sie  besitzen  ein  eigenes  Geschick  zn 
klarer    Auseinandersetzung    eines    solchen    Gegen- 


y  Google 


1821  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  199 

Standes,  wozu  nun  kommt,  was  Urnen  Ihr  eigener 
Geist  Terleiht.  Sie  haben  gewisz  etwas  zeitgemäszes 
zur  Sprache  gebracht  und  ich  glaube,  wer  soweit 
gekommen  ist,  dasz  er  ohne  Rückhalt  und  Eigen- 
liebe dem  Gegner  Recht  thun  will,  auf  den  werden 
Sie  Eindruck  machen.  Allein  ich  habe  gefunden 
dasz  Viele  sich  lieber  zu  einer  Partei  halten,  weil 
es  in  der  Erscheinung  einen  Vortheil  giebt,  auch 
das  Ansehen  von  Festigkeit  und  Überlegenheit.  Un- 
willkürlich, wegen  der  Gebrechlichkeit  der  menschl. 
Natur,  wird  jeder  zu  einer  Partei  gehören,  aber  das 
unrecht  fangt  da  an,  wo  man  mit  Bewusztseyn  oder 
Absicht  sich  absondert  und  nun  den  Irrthum,  der  in 
jeder  Partei  liegt,  weiter  treibt.  Denn  das  Gute  ist 
keine,  ob  man  es  gleich  gesagt  hat.  Ich  neige  mich 
mit  meinem  ziemlich  friedfertigen  Charakter  mehr 
zn  der  geschichtlichen  Partei,  weil  ich  denke,  die 
beste  Vernunft  hat  sich  in  der  Geschichte  kund  ge- 
geben und  in  dem  gewaltsamen  Gegeneinander- 
treiben  einer  langen  Zeit  sind  die  hellsten  Funken 
herausgesprungen,  auch  mögen  meine  Studien  mit- 
wirken, indeszen  werde  ich  mich  aufrichtig  vor  den 
Abwegen,  die  Sie  bezeichnet  haben,  zu  hüten  suchen. 
Auch  fahle  ich  mich  noch  nicht  von  einer  Ansicht 
gebunden  und  darin  erstarrt.  Nur  eine  Bemerkung 
vermisze  ich  bei  Ihnen :  dasz  nämlich  die  geschicht- 
liche Ansicht  practisch  unschädlicher  ist,  denn  das 
anbewegliche,  wozu  in  Abwendung  von  dem  Leben- 
digen, sie  verleiten  kann,  vermag  die  Sonne,  wenn 
sie  auf  den  rechten  Fleck  scheint  in  Flusz  zu  bringen. 
Dagegen   ist   der   Übergang   von   der  s.  g.  philo- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


200  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  1821 

sophischen  zur  geschichtlichen  Ansicht  nicht  nur 
schwerer,  sondern  der,  welcher  seinen  Verstand  allein 
in  den  Mittelpunct  setzt,  pflegt  einschneidender  und 
zerstörender  zu  wirken  und  niederzureiszen,  während 
man  dort  oft  nur  ein  neues  Fenster  zu  brechen 
braucht,  um  dem  Licht  Eingang  in  das  verfinsterte 
Haus  zu  yerschaflFen. 

Von  Below  habe  ich  soeben  einen  am  15.  d. K 
geschriebenen  Brief  erhalten.  Es  geht  ihm  wohl, 
der  König  hat  ihn  mit  Wohlwollen  empfangen  und 
ihm  nicht  nur  eine  Anstellung  nach  seinen  Wünschen 
und  seinen  Gesundheits  -  Umstanden  angemeszen, 
sondern  auch  bis  dahin  seinen  vollen  Gehalt  zu- 
gesagt. Den  gröszten  Theil  dieses  Sommers  gedenkt 
er  auf  Reisen  zuzubringen,  ffir  gewisz  sieht  er  es 
aber  an,  dasz  er  dann  noch  ein  Jahr  wenigstens  in 
Berlin  bleibt  und  hat  sich  deshalb  schon  einge- 
miethet. 

Gerling  hat  mir  vor  kurzem  einmal,  als  er 
Bücher  von  der  Bibliothek  nöthig  hatte,  geschrieben. 
Er  scheint  zufrieden  zu  seyn  und  ich  habe  das  Ge- 
fühl, dasz  er  noch  in  eine  recht  gute,  seinen 
Wünschen  angemeszene  Lage  kommt;  er  hat  im 
Ganzen  die  Anlage,  ein  glücklicher  Mensch  zu  wer- 
den, so  weit  das  auf  der  Welt  angeht. 

Dasz  Harnier  ein  Bräutigam  ist,  wird  Dmen 
keine  Neuigkeit  seyn.  Ich  habe  ihn  seit  einem 
Vierteljahr  oder  länger  nicht  gesprochen,  aber,  wie 
es  sich  ietzt  für  ihn  schickt,  sehr  heiter  und  schen- 
haft  im  Concert  gesehen. 


m 


y  Google  I 


1821  XIV.   W.  Grimm  an  Snabediseen.  201 

Nun  noch  eine  Bitte :  ich  habe  Ihnen  glaube  ich 
Yon  dem  Miszgeschick  und  den  vielen  Widerwärtig- 
keiten meines  Bruders  Carl,  des  Kaufmanns,  gesagt. 
Er  hatte  hier  grosze  Hoffnung  als  Hofcaszirer  oder 
dergl.  in  die  Dienste  des  Kurprinzen  zukommen. 
Es  schien  schon  so  gut  als  gewisz,  als  durch  eine 
andere  Combination  die  Stelle  unnöthig  ward.  Er 
gieng  darauf  nach  ELamburg,  aber  dort  kann  er, 
nachdem  sich  auch  viele  seiner  ehemaligen  Ver- 
bindungen mögen  verloren  haben,  keinen  Platz  er- 
halten; er  schreibt  mir  eben  darüber  äuszerst  nieder- 
geschlagen. Können  Sie  ihm  in  Bremen,  wo  sich 
doch  der  Handel  regt,  durch  Ihren  Bruder  einen 
Platz  verschaffen?  ich  glaube,  er  ist  in  seinem 
Fache  brauchbar,  in  einer  Handlung  die  mit  Frank- 
reich, wo  er  lange  war,  in  Verbindung  steht  wohl 
vorzöglich.  Auch  etwas  Englisch  versteht  er.  Er 
ist  fleiszig  und  von  treuem  Herzen.  In  Lübeck 
selbst  sollte  es,  weil  der  Handel  dort  gleichfalls 
liegt,  schon  schwerer  fallen,  sonst  ist  ihm  der  Ort 
lieb.  Seine  Adresse  ist  J.  G.  Wolff  in  Hamburg 
Fischmarkt  No.  47.  Wir  würden  Ihnen  recht  sehr 
dankbar  seyn,  sie  nähmen  uns  eine  grosze  Sorge 
weg. 

Meine  Geschwister  grüszen  Sie  herzlich.  Frau 
und  Kinder,  oder  erwachsene  Fräulein  sollen  auch 
schönstens  gegrüszt  seyn.  Wenn  ich  sie  wiedersehe 
and  sie  sind  so  grosz,  so  kann  ich  nicht  mehr  Du 
sagen.  Eszen  Sie  denn  noch  zum  Kaffe  Morgens  so 
▼iel  Milchbrot,  dasz  sie  nicht  können  satt  gemacht 
werden,  wie    einmal   auf  der   Zeichnung   zu  sehen 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


202  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1821 

war  ?    Jetzt  in  den  wohlfeilen  Zeiten  geht  das  noch, 
aber  bei  Miszwachs! 

Gott  lasz  es  Ihnen  wohl  ergehen,  liebster  Freund, 
mit  unveränderter  Liebe  Ihr  Wilhelm  Grimm. 

An  Herrn  Hofrath  u.  Profeszor  Suabedisfen. 


96. 

Caszel  19.  Septbr.  1821. 

Liebster  Freund,  gleich,  als  mir  der  RR  Lotz 
die  unerwartete  Nachricht  mittheilte,  dasz  Sie  in 
Melsungen  wären,  hatte  ich  die  gröszte  Lust  mit 
ihm  zu  gehen.  Allein  ich  hatte  seit  einiger  Zeit 
schon  alles  darauf  eingerichtet,  auf  14  Tage  nach 
Frankfurt  zu  reisen,  wohin  ich  von  der  Savigny. 
Brentano.  Arnim  sehen  Familie,  die  sich  aus  allen 
Weltgegenden  dort  vereinigt  u.  die  ich  seit  5  Jahren 
nicht  mit  Augen  gesehen,  die  herzlichsten  Ein- 
ladungen erhalten  hatte.  Ihr  Brief  kam  gerade  vor 
dem  Tage  meiner  Abreise  aber  in  der  Nacht  über- 
fiel mich  (der  ich  sonst  den  Sommer  über  ziemlich 
wohl  gewesen)  ein  so  unmäsziger  Schmerz  in  der 
Herzgrube,  dasz  ich,  obgleich  er  nach  8  Stunden 
nachliesz,  doch  zu  abgemattet  war,  um  reisen  zn 
können.  Morgen  will  ich  nun,  wiewohl  ich  noch 
nicht  ganz  hergestellt  bin,  mich  auf  die  Diligence 
setzen,  da  Geduld  u.  Fleisz  alles  überwinden  sollen 
(die  verstorbene  Eurfürstin  sagte  mir  einmal  mit 
ihrer  gewöhnten  Gutmüthigkeit:  Geduld,  Fleisz  und 
Möglichkeit  macht  möglich  die  Unmöglichkeit!  und 


y  Google 


1821  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  203 

wiederholte  es  noch  einmal  langsam;  Sie  können 
denken,  was  ich  an  mich  halten  muszte),  aber  ernst- 
lich, ich  zähle  sehr  auf  das  tüchtige  Stoszen. 

Sobald  ich  zurückkomme  wende  ich  die  ersten 
freien  Tage  dazu  an,  meinen  lieben  Freund  in  Mel- 
sungen  zu  besuchen. 

Was  Sie  mir  wegen  einer  Anstellung  schreiben, 
habe  ich  hier  ebenso  gehört,  aber  nicht  anders,  als 
habe  man  fortdauernd  dieselbe  Absicht.  Wahrscheinl. 
Hegt  die  ganze  Angelegenheit,  bis  erst  Justiz  und 
Regierung  vollständig  eingerichtet  sind  u.  bis  ietzt 
ist  noch  nicht  einmal  ein  Kreisrath  ernannt. 

Den  Hofr.  Harnier  habe  ich  am  Tage  seiner 
Abreise  gesehen,  bis  an  das  Author  begleitet  und 
ihm  gesagt,  ich  verlasse  Sie  mit  der  Aussicht  auf 
Bellevue  in  feiner  Anspielung  auf  seine  bevor- 
stehende Hochzeit.  Er  war  sehr  verwundert  über 
eben  Witz  dieser  Art  (die  mir  auch  wirklich  ganz 
fremd  ist  u.  ich  nur  aus  Spasz  gegen  ihn  versucht 
hatte),  dasz  er  mir  nichts  zusammenhängendes  zu 
antworten  hatte.  Seit  der  Zeit  habe  ich  nichts  von 
ihm  gehört,  denke  aber  wirklich  dasz  er  wo  nicht 
verheirathet  doch  in  der  Absicht,  seinen  Haushalt 
einzurichten,  bald  kommen  wird. 

Liebster  Freund,  wie  sehr  freue  ich  mich,  Sie 
wieder  zu  sehen  und  einen  Tag  oder  zwei  unter 
ihnen,  womit  ich  die  ganze  Familie  meine,  die  guten 
Kinder  vor  allen,  zuzubringen.  Aber  recht  heiter 
mid  vergnügt  wollen  wir  seyn,  manches  traurige, 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


204  XrV.  W.  Grimm  an  Sukbedissen.  1821 

was  mir  wohl  auch  begegnet  ist,  will  ich  abwerfen, 
wie  einen  Regenmantel,  um  in  der  Sonne  und  unter 
dem  blauen  Himmel  herzlicher  Liebe  zu  sitzen. 
Ihr  treuer  Wilhelm  Grimm. 


97. 

Caszel  29.  Octbr  1821. 

Liebster  Freund,  aus  ökonomischen  Gründen  habe 
ich  Ihnen  seither  nicht  geschrieben,  weil  ich  Ihnen  die 
vielen  ungeschriebenen  Briefe  in  Person  überbringen 
wollte ,  verloren  ist  daraus  nichts ,  da  ich  sie  jpor 
coeur  behalte.  An  dem  Tage,  wo  ich  Ihre  Ein- 
ladung erhielt,  wurde  ich  krank,  hätte  also  auch 
nicht  konmien  können,  wenn  Schwertzell  wirk- 
lich abgereist  wäre.  Das  Übel  hat  vor  einigen 
Tagen  repetirt,  es  ist  eigentlich  nichts  als  Rheu- 
matismus, aber  es  greift  mich  doch  in  dem  Augen- 
blick sehr  an,  weil  es  sich  auf  innerliche  TheUe 
wirft.  Sobald  ich  davon  frei  bin,  wie  nun  heute 
wieder,  so  fühle  ich  mich  gesund  und  wohl  und  im 
Ganzen  stärker. 

Noch  in  diesem  Augenblick  bin  ich  einer  von 
Natur  eigentl.  langweiligen  Sache  wegen  hier  ge- 
halten; allein  in  etwa  acht  bis  zehn  Tagen  hoffe 
ich  doch  zu  Ihnen  kommen  zu  können,  es  geht,  wo 
ich  nicht  irre,  jeden  Mittwoch  ein  Postwagen,  darauf 
gebe  ich  meine  Sachen,  u.  gehe  nebenher,  wenn  ich 
selbst  nicht  darin  sitzen  mag. 

Gerling  war  am  Sonnabend  auf  eine  halbe 
Stunde  bei  uns;   er   machte  Hoffnung,   Sie  würden 


y  Google 


1822  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  205 

den  andern  Tag  nachkommen.  Das  ist  nnn  nicht 
geschehen  u.  deshalb  schreibe  ich  die  paar  Zeilen, 
damit  Sie  sehen,  dasz  ich  noch  lebe ,  dasz  ich  Sie 
Yon  Herzen  liebe  brauche  ich  Ihnen  nicht  schrift- 
lich zu  geben.  Die  herzlichsten  Grüsze  an  die 
Ihrigen 

W.  G. 
An  Herrn  Hofrath  Snabedissen  in  Meistingen. 

98. 

Caszel  22.  Jan.  1822. 

Liebster  Freund,  ein  paar  Stunden  vor  der  An- 
famft  Ihres  Briefes  hörte  ich,  dasz  die  Univers. 
Marburg  Sie  nun  doch  bestimmt  als  Prof.  der 
Philos.  vorschlagen  werde,  es  also  nur  auf  die  Ge- 
nehmigung ankomme.  Umso  mehr  überraschte  mich 
die  Nachricht  die  er  enthielt.  Meiner  selbst  willen 
hätte  ich  gewünscht,  dasz  Sie  hier  bei  uns  blieben, 
doch  theile  ich  Ihr  VorgefOhl,  dasz  es  Ihnen  in 
Bremen  wohl  gehen  werde.  Gott  segne  Sie  mit 
Ihrer  Familie,  ich  konune  gewisz  einmal  dorthin  u. 
besuche  Sie  auf  längere  Zeit,  als  in  Melsungen, 
wenn  ich  nur  einmal  erst  die  Fittige  etwas  freier 
bewegen  kann,  letzt  stosze  ich  überall  an  meinen 
Kaficht 

Hierbei  kommt  das  Gewünschte ;  von  Zeitschriften 
nur  .Repertor.*  19—22  u.  ,Gött.  Anz.*  St.  157— 
209,  die  Fortsetzungen  der  übrigen  sind  noch  nicht 
angelangt.  Von  Spener,  was  wir  haben  (die 
herald.  Schriften  ausgenommen,  die  Sie  wohl  nicht 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


206  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1822 

verlangen).  Nämlich:  Schröcks  Biograph.  Thl  5 
u.  6.  inlBand.  C anst eins  Leben vonSpener.  Schel- 
horn  Ergötzlichkeiten  Bd.  1.  u.  2.  Winkler 
Anecdota  1.  Meuschens  Christenth.  mit  Sendschr. 
V.  Spener.  Predigten  in  4.  Samml.  Speners  Be- 
antwortung etc.     Ehrengedächtnisz  in  foL 

Nöszelts  Biogr.  besitzen  wir  nicht. 

W.  Schütz  haben  Sie  ganz  richtig  charakterifliit, 
er  ist  wirklich  von  Tiefe,  aber  es  ist  nicht  möglich 
durchzukonmien ,  es  steht  in  s.  Schrift  eine  dicke 
Luft,  in  der  man  es  nicht  lange  aushalten  kann. 
Eben  darum  gehen  auch  seine  poetischen  Erzeng- 
nisze  ganz  zu  Grund. 

Die  neue  Aufl.  von  Schleiermachers  Reden 
habe  ich  nocht  nicht  gesehen,  er  gehört  zu  denen, 
die  je  weiter  sie  schreiben,  je  einfacher  u.  natür- 
licher werden.  Persönlich  hat  er  mir  mit  seiner 
Familie  wohl  gefallen,  das  Herz  eines  Menschen 
drückt  sich  am  schönsten  in  den  Seinigen  aus. 

Mir  geht  es  wohl  gut,  in  allem  übrigen  aber 
schlecht.  Mein  ältester  Bruder  leidet  an  Cataiih 
und  hustet,  wie  die  Cicade  singt,  endlos;  ich  habe 
die  beste  Hoffnung  ihm  nachzufolgen  und  ich  weist 
nicht,  ob  ich  Ihnen  schon  je  einen  so  groszen  Freund- 
schafts Dienst  erzeigt,  als  heute,  wo  ich  Ihnen,  ganz 
gegen  meine  Lust,  die  Bücher  ausgesucht  habe. 

Grüszen  Sie  mir  das  ganze  Haus  auf  das  hen- 
lichste  u.  fangen  Sie  bei  Ihrer  freundlichen  Mutter 
an.  Ich  komme,  wenn  es  zu  machen  ist  vielleicht 
noch  einmal,  war  es  auch  nur  auf  ein  paar  Stunden, 
zu  Ihnen;  ich  würde  mich  mit  Gewiszheit  ausdrücken, 


y  Google 


1822  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  207 

wenn  mir   irgend    ein   Plan   gelänge.    Mit  treuem 
Herzen  Ihr 

W.  Grimm. 

Lotz  habe  ich  kaum  eine  74  Stund^  gesprochen 
die  Leute  kommen  vor  regieren  nicht  zu  sich  selbst 
geschweige  zu  andern.  Ich  wäre  schon  einmal  hin- 
gegangen, aber  ich  fürchte  mich  vor  seiner  Frau, 
sie  spricht  zu  fein  u.  ich  weisz  nichts  zu  sagen. 

99. 

[Cassel  d.  19.  Febr  (?)  1822] 

Liebster  Freund,  von  Creuzers  Symbolik  besitze 
ick  nur  den  1.  Band  der  neuen  Auflage,  diesen  hat 
noch  von  Melsungen  her  Lotz  in  seinen  Händen, 
gestern  Abend,  wo  ich  erst  Ihren  Brief  bekam,  war 
er  nicht  zugänglich,  heute  Morgen  (den  19.)  will 
ich  ihm  diesen  Brief  bringen  u.  ihn  bitten  das  Buch 
mitzuschicken.  Ich  schreibe  das  so  weitläuftig,  da- 
niit  Sie  es  sich  zu  erklären  wiszen,  wenn  dieser  Brief 
ganz  allein  kommt,  denn  alsdann  ist  Lotz  schon  in 
der  Session.  Die  Bibl.  hat  nichts  als  die  alte  Auf- 
lage, mir  hat  Creuzer  immer  die  Fortsetzung 
schicken  wollen,  daher  ist  das  Werk  noch  nicht  voll- 
standig.  Auszerdem  habe  ich  auch  seine  Briefe  mit 
Hermann  u.  schicke  sie,  wie  Sie  es  wünschen. 

Ich  bin  erst  seit  acht  Tagen  wohl.  Nach  dem 
letzten  Anfall  kam  ein  starker  Husten,  der  3  Wochen 
dauerte,  und  womit  ich  mir  nicht  zu  helfen  wuszte, 
da  ich  seit  vielen  Jahren  keinen  gehabt  hatte.    Ich 


y  Google 


208  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaen.  1822 

bin  diesen  Winter  kranker  und  gesunder  als  je, 
beides  zugleich;  nämlich  in  den  Zwischenräumen 
befinde  ich  mich  beszer,  freier  u.  heiterer  als  zu 
irgend  einer  Zeit,  sehe  auch  gesund  aus,  dag^en 
greifen  mi^Ji  jene  AnföUe,  obgleich  sie  nur  3—4 
Stunden  dauern,  sehr  heftig  an;  sie  kommen  ab^ 
ohne  Veranlaszung,  ganz  wie  es  ihnen  einfallt  Eb 
wird   wie   gewöhnlich  alles  aufs  Wetter  geschoben. 

Sie  schreiben  mir  nichts  von  Ihrer  Anstellung  u. 
doch  sehe  ich  die  Sache  als  ausgemacht  an.  Ich 
beantwortete  Ihren  letzten  Brief  nicht,  weil  mir 
Lotz  sagte,  es  sey  an  diesem  Tage  die  ofGcielle 
Erklärung  an  Sie  abgegangen. 

Es  ist  mir  so,  als  hätte  ich  mit  Ihrer  guten 
Mutter  einmal  über  Bücher  gesprochen,  die  sie  aaf 
eine  angenehme  imd  doch  würdige  Art  unterhielten. 
Ich  kann  ihr  die  Romane  des  Walter  Scott,  die 
groszentheils  ins  Deutsche  übersetzt  sind,  s^hr  em- 
pfehlen. Es  ist  erstlich  eine  reine,  liebevolle  Seele 
darin,  dann  sind  die  wichtigsten  geschichtlichen  Ver- 
hältnisze  von  England  und  Schottland  mit  einer 
Wahrheit  und  Treue  aufgefaszt,  die  man  umsonst 
bei  den  Oeschichtschreibern  sucht.  Ich  will  nicht 
sagen,  als  habe  er  mit  einem  groszen  Blick  die 
Weltverhältnisse  überschaut,  aber  er  stellt  treu  und 
ohne  Parteilichkeit  dar,  wie  er  sie  gefaszt  hat.  Etwas 
epische  Breite  musz  man  ihm  zu  gut  halten,  sie  ist 
oft  wohlthätig  und  ein  Zeugnisz  von  der  Sicherheft 
und  heiteren  Haltung  seiner  Poesie,  die  der  zer* 
störten  Natur  des  Byron  gerade  entgegensteht,  ob- 
gleich dieser  von  einem  ursprünglich  hohem  öenins 


y  Google 


1822  XrV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  209 

mag  berührt  worden  seyn.  Ich  habe  diese  Bücher 
während  meiner  Krankheit  gelesen,  wo  ich  zu  andern 
Arbeiten  untauglich  war,  und  sie  haben  mir  viel 
Freude  gemacht. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  Sie  und  die 
Ihrigen  w^en  auf  das  herzlichste  gegrüszt  von 
einem  treuen  Freund 

Wilhelm  Grimm. 

Hofir.  Harnier  ist  vor  kurzem  wieder  von 
Hanover  zurück,  ich  fand  ihn  gestern  Abend  nicht 
zn  Haus  und  die  Frau  wollte  niemand  annehmen, 
weil  sie  unpäszlich  sey. 


100. 

Caszel   17.  Juli  1822. 

Liebster  Freund,  über  wenige  Briefe  habe  ich 
mich  so  sehr  gefreut,  als  über  den  ihrigen,  worin 
Sie  mir  schrieben,  dasz  es  Ihnen  geistig  und  leiblich 
wohlgehe,  dasz  Sie  sich  des  schönen  Himmels  und 
der  herrlichen  Gegend  erfreuen  und  nach  innerm 
Beruf  und  Lust  arbeiten  können.  Ich  gönne  einem 
jeden  Menschen  das  Gute,  aber  Ihnen  habe  ich  es 
immer  mehr  als  andern  gewünscht  und  Sie  glauben 
nicht,  wie  weh  es  mir  oft  gethan,  wenn  ich  sah, 
dasz  Sie,  den  ich  so  herzlich  liebe,  ablenken  müszten 
auf  W^e ,  die  nicht  zu  einer  Ruhe  führten,  deren 
Sie  bedürftig  waren ;  nur  hat  mich  immer  das  Gefühl 
getröstet,  es  werde  Ihnen  noch  einmal  auch  hier  auf 

E.  Stengel    Briefe  der  Brüder  Orimm.  14 


y  Google 


210  XIV.   W.  Grimm  an  SuabedisseiL  1822 

der  Welt  gut  gehen.  Da  ich  mich  genau  Ihrer 
ietzigen  Wohnung  erinnere  und  oft,  alsSavigny 
da  wohnte,  aus  den  Fenstern  in  das  Thal  hinab  ge- 
sehen, so  meine  ich  durch  diese  Erinnerung  Ihnen 
schon  etwas  naher  gerückt  zu  seyn.  Die  Etage  oben 
bestand  damals  aus  einem  einzigen  Zimmer,  das  nach 
drei  Weltgegenden  die  Aussicht  hatte,  an  den  Wänden 
hingen  schöne  Kupferstiche,  die  heil.  Familie  von 
Holbein,  die  Sie  zu  Dresden  gewisz  gesehen  haben, 
hing  zwischen  den  beiden  Fenstern,  die  nach  dem 
Garten  nördlich  gehen.  Die  Treppe  war  aber  steil 
und  wenn  sie  noch  so  ist,  so  warne  ich  die  Elise, 
dasz  sie  nicht  zu  schnell  hinabspringt. 

Ich  bin  endlich  auch  an  meine  Wohnung  gewöhnt, 
aber  vergeszen  kann  ich  die  vorige  mit  den  schönen 
Bergen  und  dem  weiten  Horizont  nicht,  hier  sehe 
ich  wenigstens  ein  paar  Bäume  und  ein  Stückchen 
Grasplatz  aus  meinem  Fenster,  in  dem  Hintei^prund 
aber  eine  neugebaute  Caseme  aus  welcher  t^Uch 
dieselben  Röcke  und  Figuren  herauskommen.  Idi 
lasze  mir  alles  gefallen,  wenn  nur  nicht  der  Stabs- 
trompeter zuweilen  Abends  auf  seinem  Instrument 
phantasirte,  womit  er  einem  das  Gehirn  zerreiszi 
Eine  Schmiede  unten  im  Haus  gereicht  mir  schon 
eher  zum  Yortheil  und  ich  habe  schon  manche 
technischen  Ausdruck  gelernt.  Mit  meiner  Gesund- 
heit geht  es  gut  und  ich  bin  auf  eine  halb  wunder- 
bare Weise  von  dem  Übel,  das  mich  quälte,  befireit 
worden.  Die  Arzte  lieszen  mich  Aloe  und  dergleichen 
Bitterkeiten  bei  meinem  Magenkrampf  einnehmen« 
so  sehr  ich  sie  auch  um  linde  und  mildernde  Dinge 


y  Google 


1822  XrV.    W.  Orimm  an  SuabedisseiL  211 

bat;    ich    empfand   jedesmal    ein    Verlangen    nach 
süszer  Milch ,    aber  sie   achteten   nicht    darauf  am 
wenigsten  der  ältere  Harnier,  der  schon  system- 
fester ist  und  darüber  lächelte,   als  wollte  ich  mich 
TöUig   verderben.    Endlich  rede   ich  dem  Eduard 
Harnier  ins  Gewiszen  und  er  gestattet  mir,  einen 
Versuch  zu  machen.     Das  nächstemal  also,  wie  sich 
die  böse  Stunde  nähern  will,  lasse  ich  mir  die  süsze 
Milch,  zu   der  sich  die  Lust  wieder  eingestellt  hat, 
ein  wenig  erwärmen  und  kaum  habe  ich  eine  Tasze 
angetrunken,  schon  nach  wenig  Secunden,  ist  aller 
Sehmerz  verschwunden  und  ich  flihle  bestimmt,  dasz 
das  Übel   abgewendet  ist.    Auch  die  Rückwirkung, 
die  sich    in    dem  heftigen   Kopfweh  äuszerte,  war 
gering,  nicht  einmal  niederzulegen  brauchte  ich  mich. 
Seitdem  habe  ich  die  starken  Pillen,  den  Valeriana- 
thee,  die  mein  tägliches  Brot  waren,  bei  Seite  gesetzt, 
geniesze  etwas  mehr  süsze  Milch  und  darf  vielleicht 
Iioffen,   von    meinem    Übel   auf  immer   befreit   zu 
sejn,  wenigstens  habe  ich  seitdem  nichts  davon  ge- 
spürt und  fühle  meinen  Magen  gestärkt.   Auch  meine 
Jngendneigung  zu  Obst  erwacht  wieder  und  nur  der 
Widerwille  vor  dem  Waszer  ist  mir  noch  geblieben. 
Könnte  ich  Ihnen  doch  auch  sagen,  dasz  ich  mich 
innerlich  so  wohl  befönde.    Nicht  als  sey  die  Heiter- 
keit meiner  Natur  unterdrückt,  denn  ich  strecke,  so 
oft  es    gehen    will    imd    dergleichen    Augenblicke 
aehenkt  uns  Oott  oft,   meinen  Kopf  aus  dem  kalten 
Waszer    und    mich    wärmt    und    erfreut   schon  die 
Scnme  und  Lebensluft,  während  mir  jenes  noch  über 
das  G^cht  abläuft.    Es  gibt  ein  geistiger  Schmerz, 

14* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


212  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen. 

der  dem  körperlichen  einer  Wunde  gleicht,  er  ist 
heftig,  aber  man  kann  sich  ihm  entgegensetzen  mid 
seiner  Meister  werden,  selbst  wenn  er  anhaltender 
wäre;  immer  noch  bleibt  Gesundheit  die  Grundlage 
des  Daseyns.  Aber  wenn  wir  diese  nach  und  nach 
verschwinden  sehen  imd  unter  den  Füszen  weggezogen, 
wenn  die  liebsten  Güter  der  Seele:  Liebe,  Treue, 
Gerechtigkeit,  Friedfertigkeit  abblaszen  und  vor  dem 
faulen  Hauch  der  Selbstsucht,  die  Bodenlos  ist,  weil 
sie  kein  göttliches  Gesetz  anerkennt,  verwelkt,  dann 
filhlt  man  einen  ganz  andern  Schmerz,  eine  Angst, 
die  der  Kranke  haben  musz,  wenn  er  fürchtet,  die 
Luft  werde  ihm  entzogen.  Doch  Gott  wird  seine 
Hülfe  schicken. 

Meiner  Schwester  Hochzeit  haben  wir  am 
2.  Juni  gefeiert,  Morgens  um  11  Uhr.  Wie  sie  im 
Brautkleid  u.  Myrthenkranz  ganz  blasz  vor  inna- 
lieber  Bewegung  in  das  Zinmier  trat,  glich  sie  so 
sehr  meiner  seel.  Mutter,  die  ich  nur  blasz  u.  krank- 
lich gekannt  habe,  dasz  mich  schon  dieser  Anblidc 
zu  Thranen  brachte.  Schenkt  Ihr  Gott  Gesundheit, 
wie  wir  hoffen  dürfen,  da  sie  an  keinem  organ. 
Fehler  leidet,  so  kann  sie  recht  glücklich  werden; 
ihr  Mann  ist  ein  durchaus  redlicher  Mensch,  dem 
es  mit  dem  besten  seiner  Seele  Ernst  ist;  auch 
meine  Schwester  ist  gut. 

Wir  erhalten  ietzt  einen  groszen  Theil  der  Wil- 
helmshöher Bibliothek  vielleicht  gegen  9000  BsUide, 
gut  und  schlecht  imtereinander.  Das  Au&tell^ 
Eintragen  und  ordnen  derselben  beschäftigt  uns  alle 
drei  imd  bevor  diese  Arbeit  zu  Ende  ist,   darf  ich 


y  Google  j 


1822  XrV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  213 

nicht  daran  denken,  tun  Urlaub  zu  bitten.  Aber 
dann,  rielleicht  im  Herbst,  wollte  ich  auf  ein  paar 
Tage  zu  Ihnen  nach  Marbuiff  kommen  und  freue 
mich  darauf.  G erlin g  habe  ich  leider  verfehlt,  so 
wie  er  mich,  er  hat  sich  hier  nicht  ganz  wohl  be- 
fanden, aber  das  war  doch  hoffentlich  nur  vorüber- 
gehend. Der  Paläograph  Kopp  wollte  sich  auf  ein 
paar  Tage  in  Marburg  aufhalten,  ich  weisz  nicht,  ob 
Sie  ihn  gesehen  haben,  er  gehört  zu  den  nicht 
häufigen  Menschen,  die  mit  einer  gewiszen  Leben- 
digkeit ihre  Eigenthümlichkeit  ohne  Rückhalt  dar- 
legen, welche  Offenherzigkeit  manches  gleichsam  zu 
entsündigen  scheint.  Scharfsinn,  Talent,  besondere 
Gaben  für  sein  Fach  besitzt  er  ohne  Zweifel,  aber 
wenn  er  einem  unter  allerlei  Späszen  erzählt,  dasz 
er  auszer  diesem  auch  nur  noch  für  Gelderwerb 
(durch  Staatspapiere  Handel  etc.)  und  dergl.  Sinn 
habe,  alles  andere  ihm  gleichgültig  sey,  so  ist  es 
einem  innerlich  doch  zuwider,  ob  es  sich  gleich  in 
dem  Augenblick  ganz  lustig  anhören  läszt.  Er  hat 
den  Ghrundsatz,  jedes  Monument,  das  er  nicht  er- 
klären kann,  wie  nicht  vorhanden  zu  betrachten, 
dadurch  bekommt  er  überall  Sicherheit,  stellt  aber 
das  ganze  doch  nur  lückenhaft  dar.  Auf  einer  hohem 
Stufe  steht  die  Offenherzigkeit  mit  der  Gramer  in 
Eiel  sein  Leben  in  einer  Hauschronik  beschrieben 
hat,  ich  kann  nicht  sagen,  dasz  auch  diese  Natur  mir 
besonders  zusagte,  aber  er  hat  doch  etwas  tüchtiges 
und  mir  sind  solche  Selbstbiographien,  die  redlich 
abge&azt  worden,  immer  äuszerst  anziehend  gewesen. 
Wie  ganz  anders  erscheint  dagegen  Göthe  in  dem 


y  Google 


XrV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  1822 

ken  Bande  seiner  Lebensbeschreibung,  wo  er 
Feldzug  in  die  Champagne  1792  beschreibt  und 
»Veitgeschichte  in  den  Lauf  seiner  Begebenheiten 
itt:  alles  ist  zierlich  und  kunstreich  geordnet, 
1  in  Farben  gesetzt  und  auch  auf  diesem  Wege 
nnen  wir  einen  sehr  bestimmten  Eindruck  seines 
3ns.  Merkwürdig  sein  Hang  zur  Beobachtung 
m  in  Unruhe  und  Gefahr,  die  ihn  sogar  treibt, 
Slanonenfieber  an  sich  selbst  wirken  zu  laszen. 
glaube,  eben  dieses  Hanges  wegen  ist  er  kein 
ommen  groszer  Dichter  geworden,  wie  etwa 
kespeare,  der  allerdings  mit  einem  Bewuszt- 
und  Gefühl  von  sich,  doch  ohne  Mühe  und 
re  Arbeit,  auf  den  Stahlfedern  seines  Geistes 
wiegt  und  ohne  Vorsorge  in  die  Sonne  seine 
in  richtet.  Es  klebt  Göthes  Werken,  bei  aller 
lichkeit,  zu  viel  Studium  an,  wie  es  andere 
ichen  auch  brauchen,  ebendarum  aber  viel  zeit- 
Vergängliches. 

eben    Sie  wohl,   liebster  Freund,   grüszen    Sie 
u.  Kinder  auf  das  herzlichste. 

Ihr  Wilhelm  Grimm. 

reuzers  Symbolik  habe  ich  ietzt  vollständig 
Bänden  u.  leihe  sie  Ihnen  gerne;  auch  wenn 
onst  etwas  von  der  Bibliothek  brauchen. 


y  Google 


1823  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  215 

101. 

Ca8zel  12.  Jan.  1823. 

Liebster  Freund,  ich  schicke  Ihnen  hierbei  des 
wunderUchen  und  ängstlichen  Hoffmanns  Leben 
mit  seinem  katzenartigen  Oesicht,  das  Sie  einmal 
haben  wollten;  Weitzels  Leben,  das  Sie  nicht 
verlangten,  lege  ich  bei,  zwar  kenne  ich  es  nur  aus 
Bruchstücken,  aber  mein  Bruder,  der  es  gelesen, 
meint  es  wäre  interessant,  weil  es  eine  eigenthüm- 
liche  Natur,  dieser  auch  wohl  schrecklichen  Zeit, 
scharf  ausspreche.  Ich  wollte  noch  H  a  m  a  n  s  Werke 
dazu  thun,  aber  mir  war,  als  hätten  Sie  mir  dieses 
Frühjahr  auf  dasselbe  Anerbieten  geantwortet,  das 
Bach  befände  sich  dort  oder  sie  fühlten  kein  Be- 
dfirfiiisz  darnach.  Sie  können  es  jeder  Zeit  be- 
kommen, denn  es  wird  nicht  gelesen.  Dagegen 
»Semiramis  die  Tochter  der  Luft**  wird  mit  ein- 
gepackt, eine  Art  von  feinem  Orangenliqueur,  wie 
sich  etwa  Göthe  darüber  ausdrückt,  ich  mag  der- 
gleichen nur  Yon  Zeit  zu  Zeit  kosten  und  manch- 
mal widert  es  mich  an,  so  reizend  es  auch  schmeckt. 
Göthes  Heft  über  Naturwiszenschaft  kann  ich  aber 
nicht  herbeischaffen,  ein  so  schlechter  Bibliothekar 
bin  ich. 

Weihnachten  und  Neujahr  habe  ich  Ihrer  gedacht 
mit  guten  Wünschen  und  herzlicher  Liebe.  Ich  habe 
beide  Feste  ziemlich  einsam  erlebt,  indesz  ist  mir 
ein  schöner  Wunsch  zugeflogen  indem  unversehens 
ein  Schmetterling  um  mich  flatterte,  der  sich  diesen 
Sommer   an   einer   Aloe,   wo  ich  hernach  die  leere 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


216  ^r\r.    W.  Grimm  an  Saabedisaen.  1828 

Hülse  fand,  verpuppt  hatte  und  ohne  sich  von  dem 
winterigen  und  kalten  Wetter  irre  machen  zu  laszoi 
von  der  Stubenwärme  begünstigt  herausgekrochen 
war.  Laszen  Sie  mir  das  etwas  Outes  bedeuten,  za- 
nächst  habe  ich  es  auf  den  kleinen  Knaben  bezogen, 
den  bald  hernach,  am  5.  Jan.,  meine  Schwester  ge- 
boren hat.  Das  Eind  mit  seinen  schwarzen  Augen 
soll  mir  viel  Freude  machen,  vorausgesetzt  dasz  es 
nicht  die  Nase  und  das  Wesen  des  Groszvaters 
Haszenpflug  bekommt,  wogegen  ich  eine  unwill- 
kürliche Abneigung  empfinde.  In  diesem  Falle,  habe 
ich  meiner  Schwester  schon  vertraut,  erhält  das 
Eind  von  mir  nichts  als  Schläge. 

Seither  d.  h.  seitdem  Sie  nichts  von  mir  gehört, 
habe  ich  mich  wohl  gehalten  und  mich  wenig  von 
Eränklichkeit  anfechten  laszen.  Weder  das  Magen- 
übel hat  sich  gezeigt  noch  der  Brustschmerz  geregt 
und  ein  zwar  nicht  seltenes  und  sonst  mir  unbe- 
kanntes Eopfweh  war  doch  fast  inmier  gelind  and 
zu  ertragen.  Ich  bin  auch  den  Sommer  über  nicht 
trag  gewesen  und  habe  meine  Sammlungen  naber 
gerückt  und  beszer  geordnet,  um  etwas  zusammen- 
hängendes zu  Stande  zu  bringen,  das  ich  schon  lange 
im  Sinn  gehabt.  Nämlich  eine  «Geschichte  d^ 
deutschen  epischen  Poesie  im  Mittelalter** ,  wobei 
alles  ausgeschlossen  ist,  was  durch  Übersetzungen 
herübergekommen  u.  einverleibt  worden,  und  nur 
was  ursprünglich  deutsch  sich  zeigt,  betrachtet  wer- 
den soll.  Wäre  nur  das  Material  erst  etwas  besz^ 
bekannt  und  nicht  die  Nothwendigkeit  da,  über  so 
manches  erst  zu  belehren.    Die  ,  Nibelungen'  sind« 


y  Google 


1823  XrV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  217 

wenigstens  dem  Namen  nach,  manchem  aus  Bruch- 
stficken  bekannt,  aber  es  mnsz  z.  B.  Ton  einem  Ge- 
dicht die  Rede  seyn,  welches  «Oudron*'  heiszt,  das 
Tidleieht  keine  zwölf  Menschen  gelesen  haben  und 
das  gleichwohl  von  so  ausgezeichnetem  Werthe  ist, 
dasz  ein  griechisches,  das  den  8ten  Theil  inneres 
Gehalts  hatte,  gewisz  schon  längst  bis  auf  alle 
Knochen  wäre  zubereitet  worden.  Das  fBhrt  auf  so 
liele  Abwege  und  Nebenarbeiten.  Mir  kommt  es 
zumeist  auf  die  Entstehung  imd  Entfaltung  der 
Dichtungen  an.  Hier  zeigt  sich  eine  ganz  unge- 
meine Ähnlichkeit  mit  dem  Homer  und  an  dem 
könnte  ich  Ihnen  auch  am  leichtesten  zeigen,  was 
ich  meine.  Gewiszermaszen  bin  ich  der  Wolf  ischen 
Ansicht  zugethan,  ich  glaube  nämlich,  dasz  aus  den 
Gesängen  und  Liedern  der  Rhapsoden  das  Gedicht, 
das  wir  besitzen,  zusammengeschloszen  ist;  auch 
mögen  die  altem  Becensionen  des  Aristoteles 
nnd  Zenodot  noch  reiner  u.  beszer  gewesen  seyn. 
Aber  nun  gehe  ich  noch  weiter  zurück  und  glaube 
(denn  feststellen  mag  ich  meine  Ansicht  noch  nicht) 
dasz  jene  Lieder  der  Rhapsoden  Ausflusz  eines 
einzigen  höchst  vollkommenen  Gedichts  waren  und 
nähere  mich  somit  der  alten  u.  gewöhnlichen  An- 
sieht eines  Homers.  Was  sich  von  ihm  durch  die 
Bhaps.  erhalten,  sind  (Form  und  Gehalt  nach)  ge- 
störte und  verwirrte  Bruchstücke,  die  die  Sehnsucht 
nach  dem  reinen  Zustand  in  sich  tragen,  aber  nicht 
wieder  dahin  gelangen  können.  Das  Zusammen- 
faszen  derselben  vergleicht  sich  also  dem  zweiten 
Tempelbau,  nach  der  Erinnerung  des  zerstörten,  an 


y  Google 


218  XIV.    W.  Grimm  an  Saabedissen.  182S 

sich  noch  grosz  und  schön,  doch  klein  und  mangel- 
haft in  Vergleich  mit  dem  alten.  —  Das  wäre  alles 
ganz  gut  und  würde  einem  vielleicht  zugegeben, 
aber  die  Frage  ist:  jenes  vollkommen,  rein  ge- 
gliederte Lied  ist  es  blos  das  Ideal  in  des  Dichtere 
Brust  gewesen,  und  das  wir  ahnen,  oder  ist  es  ein- 
mal in  Wirklichkeit  getreten  und  hat  ein  irdisches 
Daseyn  gehabt?  Ist  es  einem  Menschen  gelm^n, 
alles  auszusagen  oder  ist  jenes  Lied  aus  einem 
Paradies  herübergereicht  worden,  von  den  Dichtem 
lange  bewahrt,  dann  nach  zerbrochenen  Tafeln  nur 
in  Bruchstücken  erhalten,  wie  sie  die  verwirrte  Er- 
innerung gab? 

Ich  beantworte  mir  die  Frage  oft  verschieden, 
auf  die  ich  auch  von  andern  Seiten  geführt  werde. 
Bei  den  Runen,  wo  die  Entstehung  des  Alphabeis 
bedacht  werden  musz,  kommt  sie  wieder  vor.  Ich 
musz  diesen  Gegenstand,  da  manches  neue  entdeckt 
worden  ist  u.  von  andern  berichtet,  auch  wieder 
vornehmen.  Beim  ersten  Anschein  geht  es  wohl, 
dasz  man  sich  die  Entstehung  des  Alphab.  auf 
äuszerlichem  Wege  erklärt.  Man  hat  die  Laute  be- 
zeichnet durch  Dinge,  die  ausgesprochen  diesen  oder 
einen  ähnlichen  Laut  gewährten,  wie  es  etwa  bei 
den  französischen  Rebus  hergeht.  Diese  Laute  hat 
man  nachher  gesammelt  u.  inmier  feiner  bestinuni 
und  gespalten,  ein  Zeichen  statt  des  Bildniszes  ge- 
mahlt u.  so  nach  und  nach  die  Buchstaben  heraus- 
filtrirt.  Folglich  müszte  man  in  der  Folge  immer 
beszer  und  richtiger  geschrieben  haben  u.  Anfangs 
sehr  schlecht.    Nun   zeigt  aber  die  Geschichte  ge- 


y  Google 


1823  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  219 

rade  das  Gegentheil,  je  weiter  hinauf,  je  richtiger 
u.  genauer  die  Schrift  und  sicherer  das  OefUhl  von 
der  Bedeutung  der  einzelnen  Buchstaben.  Die  ersten 
grammatikalischen  Versuche,  die  mit  dem  Verstände 
die  Sache  anpacken  wollen,  zeigen  gewöhnlich  ein 
TöUiges  Verkennen  und  Verwirren  der  eigentl.  Be- 
deutung der  Buchstaben  und  ursprünglichen  Laute. 
Betrachtet  man  das  überlieferte  Alphabet  selbst  so 
müszten  sich  im  Falle  jener  äuszem  Bildung  Spuren 
Ton  einer  solchen  Entstehung  finden,  es  müszten, 
wenn  auch  nicht  ganze  Sylbenzeichen  doch  Ver- 
mischungen und  Zusammensetzungen  der  Urlaute 
darin  vorkommen,  z.  B.  etwa  ein  Zeichen  für  /ST. 
ERL  8CHR  LN.  NA.  u.  s.  w.  Wir  sehen  es 
aber,  und  das  ist  das  höchst  wunderbare,  in  einem 
YoUkonunen  richtigen  Gefühl  von  den  reinen  Ur- 
lanten  abgetheilt,  nur  dasz  es  immer  noch  ein 
r^eres  voraussetzt  u.  vermuthen  lä^;  es  unter- 
sckeidet  z.  B.  die  ienues,  mediae  u.  aspir.  die  liqui" 
dae  etc.  die  in  dem  Organismus  der  Sprachlaute  eine 
80  grosze  Bolle  spielen  u.  nach  festen  Gesetzen  ihre 
Gfewalt  ausüben.  Der  erste  Erfinder  des  Alphabets 
mnsz  also  ein  so  helles  und  reines  Gefühl  von  den 
IJilauten  der  Sprache  gehabt  haben,  wie  wir  es  in 
der  Wirklichkeit  bei  keinem  in  irgend  einer  Zeit, 
auch  nur  entfernt,  finden.  Wir  gelangen  erst  nach 
and  nach  durch  Studium  zu  der  Kenntnisz.  —  Doch 
ich  will  von  dieser  Materie  abbrechen,  die  zu  weit 
fthrt,  und  Sie  nur  bitten,  mir  einmal  bei  Gelegen- 
heit, wenn  Ihre  Betrachtung  dabei  verweilt,  Ihre 
Ansicht  mitzutheilen. 


y  Google 


220  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1823 

Lord  Byron!  wenn  dieser  ausgezeichnete  Geist, 
diese  tiefen  Blicke  in  die  Abgründe  und  auf  die 
Anhöhen  der  menschlichen  Seele,  diese  Kühnheit 
und  Macht  der  Darstellung,  den  Poeten  ausmacht^ 
so  würde  ich  ihn  zu  den  gröszten  zählen.  Aber  ich 
gehe  von  ihm  beängstigt,  gewaltsam  aufgeregt,  von 
Oespenstem  geschreckt  heim  und  habe  kein  Wort 
gehört,  das  mich  beruhigt  und  mir  die  Bäthsel  des 
menschlichen  Daseyns,  die  er  gewaltig,  meinetw^n 
oft  herrlich  vorführt,  lösen  wollte;  ja  statt  eines 
guten  Willens  sehe  ich  nur  die  Absicht  mich  nodi 
tiefer  in  die  Nacht  zu  stoszen.  Er  gewinnt  sidi 
selbst  als  letzte  Aussicht  und  seine  Werke  sind  keine 
Oedichte  sondern  Biographieen  seines  innem  Menschen 
mit  ungezähmten  Geist  ohne  Rücksicht  und  Sehen 
abgefaszt.  Merkwürdig  dabei  sind  es  nicht  ErgSsze 
einer  wilden,  titanischen  Dichtergabe,  wie  man  denken 
sollte,  im  Gegentheil  es  ist  grosze  Besonnenheit  und 
Sorgfalt  in  der  Ausarbeitung,  jedes  Wort  scheint 
gewogen,  das  ganze  mit  genauem  Verstände  über- 
legt und  geordnet.  Es  scheint  ihm  zum  Dichter 
nichts  abzugehen  als  das  Gefühl  des  wahren  nur  in 
Gott  sich  erkennenden  und  widerfindenden  Menschen; 
er  ist  sich  selbst  sein  entsetzlicher,  quälender  und 
unergründlicher  Abgott.  Der  y^Gorsar*^  gefallt  mir 
beszer  als  „Manfred',  es  ist  weniger  Hohn  darin  u. 
es  nähert  sich  uns  durch  ein  gewiszes  Bedauerndes 
gefallenen  Geistes,  das  auf  etwas  reineres  und  edleres, 
als  in  der  Höhe  schwebend,  hindeutet.  Einige 
Scenen  darin  sind  Ton  hinreiszender  Schönheit,  über- 
haupt wird  man  bei  allem  Widerstreben  gegen  diesen 


y  Google 


1823  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  221 

Geist,  doch  ein  gewiszes  OefQhl  von  Bewunderung 
nicht  los  und  ich  habe  kein  Gedicht  unbeendigt 
zurücklegen  können,  obgleich  ich  mich  besinne,  ehe 
ich  eins  von  ihm  anrühre.  „Manfred**  ist,  soviel  ich 
das  Original  verstehe,  nicht  gut  übersetzt,  es  ist  ein 
zu  gedrehtes,  künstlich  behandeltes  Deutsch;  der 
aCorsar"  liest  sich  beszer. 

Ich  sehe  am  Schluse  Ihres  Briefs,  dasz  Sie  oder 
die  Leute  mir  etwas  Schalkhaftigkeit  zuschreiben, 
das  freut  mich,  denn  ich  bin  diesen  Sommer  über 
oft  wochenlang  so  serieus  gewesen,  dasz  ich  selbst 
gezweifelt  habe,  oh  ich  noch  Spasz  verstände.  Aber 
nennen  Sie  mir  diesen  Geist  nicht  einen  zweifel- 
haften oder  zweideutigen,  denn  soviel  weisz  ich 
(wenigstens  aus  meinem  sonst  wohl  gebrechlichen 
Herzen),  dasz  er  nicht  neben  sich  dem  Mephisto- 
l^eles,  der  lacht,  weil  er  verneint,  einen  Stuhl 
Betzt.  In  der  Regel  sind  es  auch  nur  Frauen,  welche 
den  Spasz  nicht  lieben,  weil  sie  ihn  nicht  verstehen 
(obgleich  sehr  gut  den  Witz)  und  ihm  dann  gerne 
etwas  anhängen,  oder  etwas  anders  dahinter  suchen, 
als  unschuldige  Lust. 

Leben  Sie  wohl,  mein  liebster  Freund,  grüszen 
Sie  die  Ihrigen  freundlich,  auch  meine  Geschwister 
laszen  grüszen,  ich  aber  bleibe  mit  treuem  Herzen 
Ihr  Wilhelm   Grimm. 

Die  Bibliotheks  Bücher  können  Sie  behalten  nach 
Ihrer  Bequemlichkeit,  die  .Tochter  der  Luft**  soU 
ich  in  etwa  4  Wochen  wieder  zurückgeben. 


y  Google 


222  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  1823 

102. 

Schweinsberg  [1823?] 

ebster  Freund,  nach  mancherlei  Schicksalen, 
imer  meine  Abreise  verzögert  haben,  bin  ich 
h  hier  in  Schweinsberg  angelangt  und  da  das 
jr  allzu  unbeständig  ist  und  ich  überdies  nicht 
ju  Fusz  bin  so  bitte  ich  Sie  mir  doch  einen 
in  bestellen  zu  laszen,  der  mich  Morgen,  Sonn- 

hier  abholt.  Hj.  von  Schenk  meint,  dasz 
it  einem  Einspänner,  dergleichen  es  ganz  leid- 
dort  gäbe,  sehr  gut  hinüber  fahren  würde  und 

solle  sogleich  auf  seinen  Hof  hier  fahren,  wie 
lange.     Ich   kann   Ihnen  nicht  sagen,  wie  ich 

darauf  freue  Sie  von  ganzem  Herzen  zu  um- 
i 

Ihr  Wilh.  Grimm. 
Serrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg. 

108. 

Cassel   16.  Mai  182a 

ebster  Freund,  heute  Morgen,  wo  ich  mich  zu- 
ivieder  an  meinen  Arbeitstisch  setze ,  sind  es 
e  acht  Tage,  dasz  ich  Sie  verlaszen  habe;  ich 
aber  nicht  eher  an  die  Arbeit  gehen,  ak  bis 
men  mit  ein  paar  Zeilen  meine  glücklich  An- 
gemeldet und  Ihnen  noch  einmal  gedankt  habe, 
0  viele  herzliche  Liebe  und  Freundschaft,  die 
air  erzeigt  haben.  Ich  werde  die  vergnügte 
nicht  vergeszen,  die  ich  bei.  Ihnen  zugebracht 


y  Google 


1823  XIV.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  223 

habe,  es  waren  lauter  heitere  in  Scherz  und  Ernst 
verlebte  Stunden,  wogegen  die  paar  kranke  gar  nicht 
in  Betracht  kommen.  Meine  Reise  nach  Willings- 
hansen  war  noch  beszer  als  ich  anfangs  dachte,  da 
der  Regen  sich  legte  und  mir  der  heftige  Wind 
glücklicherweise  nicht  ins  Gesicht  blies.  Ich  fand 
dort  die  Frau  von  Schwertzell  unwohl  und  das 
sonst  angefüllte  und  belebte  Haus  still  und  einsam. 
Doch  habe  ich  vier  Tage  angenehm  zugebracht, 
auch  der  Garten  oder  vielmehr  Park  hat  mich  er- 
freut, einen  ganzen  Morgen  habe  ich  in  meinen 
Mantel  eingewickelt  darin  geseszen,  durch  eine 
blühende  Hecke  vor  dem  Wind  geschützt,  der  oben 
in  den  Bäumen  brauste.  Eine  Nachtigall  that  mir 
den  Gefallen  ganz  nahe  herbeizukommen  u.  ihr 
bestes  zu  thun;  auch  die  Sonne  meinte  es  gut,  so 
oft  sie  vor  dem  Wind  dazu  kam.  Dienstags  reiste 
ich  ab,  und  kam  erst  spät  Abends  11  Uhr  hier  an, 
ich  &nd  gottlob  alles  wohl  und  unverändert. 

Ich  schicke  Ihnen  hierbei  die  gewünschten  Bücher, 
auch  den  3.  Band  der  Märchen,  so  gut  er  ist.  Was 
Sie  von  der  Bibl.  haben  wollten,  müszen  Sie  mir 
dann  verabredetermaszen  aufschreiben. 

Harnier  ist  schon  abgereist,  wie  ich  höre,  ich 
nmsz  also  die  Grüsze  an  ihn  noch  aufsparen. 

Neues  weisz  ich  nichts  zu  melden;  nur  sehe  ich 
mit  Schrecken,  dasz  der  Prof.  Wildt  einen  neuen 
unsichtbaren  Trabanten  der  Erde  entdeckt  hat,  der 
sie  drückt  u.  alle  19  Tage  irgend  ein  Unheil  am 
Barometer  anrichtet,  auch  immer  näher  kommt.  Am 
Ende  fahrt  er  einmal  zwischen  die  französ.  u.  span. 


y  Google 


224  XIV.    W.  Grimm  an  Snabediseen.  182$ 

Armee  u.  streckt   sie  mit  seinem  Schweif  oder  was 
er  sonst  zur  Hand  hat,  ins  Meer. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  grüasen  Sie 
Ihre  Frau  und  die  lieben  Kinder  sammtlich  au& 
herzlichste  und  sie  sollten  mich  in  gutem  Andenken 
beb  alten,  wenn  Sie  mich  hier  besuchten,  wollte  ich 
Woche  halten  u.  alles  gute  vergelten.  Qrüszen  Sie 
auch  E.  Platner.    Mit  treuem  Herzen 

Ihr  Wilhelm  Grimm. 

Der  Kurprinz  hat  aufs  neue  14  Tage  Urlaub 
erhalten  u.  wird  wahrscheinlich  noch  diesen  ganzen 
Monat  in  Berlin  bleiben. 


104. 

Caszel  25.  Juli  1828. 

Liebster  Freund,  ich  schreibe  Ihnen  gleich  mit 
dankbarem  Herzen  für  Ihre  Theilnahme  Antwort 
wegen  meines  Bruders.  An  sich  ist  er  sehr  ge- 
neigt und  auch  unsem  Yerhältniszen  (f&r  die  wir 
eine  Yerbeszerung  nicht  hoffen  dürfen)  wäre  es  an- 
gemeszen,  eine  Stelle  anzunehmen.  Nur  besorgter, 
der  damit  verbundene  Oehalt  sey  so  gering,  dasz  er 
sich  seinen  Unterhalt  meist  durch  Unterricht  er- 
werben müsze.  Würden  auf  diese  Weise  die  Stunden 
des  Tags  besetzt  oder  zerstückt,  so  würde  er  sein 
Talent  ganz  müszen  schlafen  legen,  und  so  gering 
es  auch  seyn  mag,  so  scheint  es  uns  doch  ein 
beszeres  Schicksal  zu  verdienen  u.  er  selbst  würde 
dann  keine   Lust   mehr  an  sich  u.  seinem  Gbsch&ft 


y  Google 


1823  XIV.    W.  Grimm  an  Snabedissen.  225 

haben.  Das  Öhlmahlen  namentlich  fordert  eine  Reihe 
Ton  ruhigen  Stunden  u.  Tagen  u.  man  kann  dabei  nicht 
abbrechen  u.  wieder  anfangen.  Sollte  aber  unsere 
Lage  noch  beschrankter  werden  und  er  genöthigt 
aeyn,  jene  Lebensweise  zu  ergreifen  so  würde  er 
klüger  thun  eine  reiche  Stadt  z.  B.  Frankfurt,  wo 
er  schon  Bekannte  hat,  zu  wählen.  Also  nur  auf 
den  Fall,  der  mir  aber  unwahrscheinlich  ist,  dasz  der 
Gehalt  der  dortigen  Stelle  ein  einfaches  Leben 
sicherte  (etwa  gegen  300  Thbr  ausmachte)  u.  die 
dabei  zu  ertheilenden  Stunden  noch  Zeit  zu  künst- 
lerischen Arbeiten  übrig  lieszen,  bitte  ich  Sie,  nähere 
Erkundigungen  einzuziehen  und  mir  zu  schreiben, 
welchen  Weg  mein  Bruder  einschlagen  müszte. 

Mit  meiner  Gesundheit  ist  es  doch  leidlich  ge- 
gangen u.  eben  ietzt  befinde  ich  mich  wohl ;  einmal 
habe  ich  doch  wieder  mein  Magenübel  gehabt,  aber 
auch  nicht  starker,  als  damals,  so  däsz  ich  schon 
am  3.  TsLf^e  mich  wieder  herausmachen  konnte. 
Sonst  war  der  Anfall  viel  heftiger  und  machte  mich 
auf  8  Tage  krank,  es  scheint  also  Beszerung  auf 
diesem  Weg  einzutreten. 

Harnier  ist  vorgestern  nach  Pyrmont;  eine 
Krankheit  seiner  Frau,  die  gefährlich  werden  konnte, 
weil  eine  Entzündung  des  Rückenmarks  zu  besorgen 
war,  hat  ihn  länger,  als  er  dachte  hier  gehalten. 
Sie  folgt  ihm  nach  völliger  Herstellung  in  einigen 
Wochen. 

Gebrauchen  Sie  die  Bücher,  die  ich  Ihnen  ge- 
schickt habe,  ganz  nach  Ihrer  Bequemlichkeit.  Ich 
selbst  rathe  bei  dem  täglichen  Anblick  einer  Biblio- 

Z.  StengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  15 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


226  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1823 

thek  den  Leuten  meist  vom  Lesen  ab,  man  verdirbt 
sich  so  gut  den  Magen,  wie  bei  den  100  Schfiszeln 
einer  Gasterei.  Was  die  „Mem."  betrifft,  so  mögen 
wir  wohl  ein  ziemlich  gleiches  Urtheil  über  den 
Eindruck  haben,  gleichwohl  scheinen  sie  mir  der 
Beachtung  und  Betrachtung  werth  so  gut  als  eine 
übelriechende  Blume,  die  in  unserer  Heimath  wächst 

Mein  Bruder  hatte  gleich  nach  mir  eine  Reise 
gemacht  über  Hersfeld,  Fuld,  Steinau  u.  Büdingen, 
dann  quer  nach  Gieszen,  wo  er  einen  Tag  geblieben ; 
durch  Marburg  ist  er  Nachts  gekommen  u.  hat  Sie 
natürlich  nicht  stören  wollen.  Li  Gieszen  ist  ietzt 
ein  Holländischer  Gelehrter  bei  der  Universität  mi- 
gestellt,  Dr.  Thorbecke,  er  war  voriges  Jahr 
hier  und  hat  mir  wohl  gefallen,  er  hatte  auszer  den 
holländ.  Tugenden  der  Gründlichkeit  u.  Bescheiden- 
heit auch  etwas  Geistreiches  und  Belebtes  in  seinem 
Wesen,  was  sonst  dort  nicht  zu  Hause  ist. 

Leben  Sie  wohl,  mein  liebster  Freund,  Gott  er- 
halte Sie  gesund,  an  Sie  alle  schicke  ich  die  herz- 
lichsten Grüsze  zurück,  auch  von  meinen  Ge- 
schwistern. 

Wilh.  Grimm. 


105. 

Cassel,  19.  Octbr.  1823. 

Mein  liebster  Freund,  da  schon  seit  einer  Woche 
das  Feuer  im  Ofen  knarrt  und  demnach  der  Winter 
eingezogen  ist,  so  scheint  es  mir  Zeit  Ihren  Wunsch 
zu  erfüllen  und  Ihnen   die  verlangten  Bücher  zuzu- 


y  Google 


1823  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  227 

senden:     Göthes    Kunst    u.    Alterthum    Bd.    III. 
Heft  1.  2.  3.     Bd.   IV.   Heft    1.  2.   also   zusammen 
5  Hefte.    In   dem   letzten,   das  eben  erschienen  ist, 
stehen  wieder   einige   Dinge,  die  mich  sehr  erfreut 
haben,  so  unbefangen,  lebendig  u.  eindringlich  sind 
sie.    Es  scheint,   als  ob  er  sich  wirklich  nach  der 
Krankheit   vrieder   verjüngt  habe,    ob  es  aber  nicht 
ein  zu  jugendlicher  Sinn  ist ,  wenn  er  ein  ganz  blut- 
junges Fräulein  heirathen  wiU,  wie  ich  gestern  habe 
erzählen  hören,  mag  er  selbst  am  besten  beurtheilen 
können.    Ich  legte  Ihnen  gern  noch  bei  Schloszers 
Geschichte    des  18.  Jahrh.  12  Abth.   aber  das  Buch 
wird  hier  so  viel   gelesen ,    dasz   ich   es  nicht  weg- 
nehmen darf.     Es  ist  nur  eine  kurze  Übersicht,  aber 
ernst,  tief  eindringend ,  gelehrt  u.  mit  Unabhängig- 
keit der  Seele  geschrieben,  wie  sie  ietzt  nicht  häufig 
Torkommt.     SoUten   Sie   Lust   haben  Hoffmanns 
(des   Vf.    der    Phantasiestücke)    u.    Werners    (des 
24.  Febr.)    Biographien   zu  lesen,   so  stehen  sie  zu 
Dienst.     Sie  gewähren  merkwürdige  Blicke  in  diese 
mit  ihrem    Guten   und  Bösen    der  Zeit   anhangende 
Herzen.     Widerwärtig   ist   mir   dieser   Hoffmann 
mit   aU    seinem   Geist  u.   Witz   von   Anfang  bis  zu 
Ende.   Öhlenschlägers  „ Holberg"  habe  ich  leider 
nicht,    auch    die    Bibl.   nicht,    ich   würde  es  Ihnen 
gerne  schicken,   es  ist  gar  viel  herzlicher  u.  natür- 
licher Spasz  darin,  der  einem  zu  allen  Zeiten  wohl- 
thut.     Aber  Krieger   hat   es   in  s.  Lesebibliothek,, 
der  könnte    es  Ihnen  leicht  nach  Marburg  kommen 
laszen.     Sonst  würde  ich  Ihnen  auch  als  sehr  unter- 
haltend u-  geistreich   den  Ti eckschen  „Phantasus"- 

15* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


228  XIV.  W.  Grimm  an  SuabediseeiL  1823 

nennen,  obgleich  d^r  Vf.  etwas  jesuitisches  in  seiner 
Natur  hat.  Aber  sehr  kondsch  u.  witzig  ist  auszer 
dem  bekannten  , gestiefelten  Kater"  «der  Fortunat* 
u.  ,,das  Däumchen"  darin. 

Mir  ist  es  bisher  leidlich  ergangen.  Mein  Magen- 
weh scheint  sich  nach  u.  nach  zu  verlieren,  die  An- 
fälle sind  theils  weit  seltner,  theils  weit  schwächer, 
dafür  fühle  ich  aber  ietzt  wieder  wenn  auch  nnr 
leise  u.  nicht  anhaltend  den  alten  Schmerz  in  d» 
rechten  Brust,  der  lange  geruht  hatte.  Was  wollte 
man  auch  anfangen,  wenn  man  ganz  gesund  u.  un- 
gestört wäre,  es  ist  doch  kein  Platz  da  wo  man  vor 
Lust  springen  könnte. 

örüszen  Sie  mir  doch  Ihre  Frau,  die  lieben 
Kinder,  Gerling  u.  s.  Frau,  Ihre  Schwester  wenn 
sie  noch  da  ist,  aufe  herzlichste.  Letztere  ist  ein- 
mal hier  gewesen  u.  zwar  uns  gegenüber  bei  Lotz, 
ich  habe  es  aber  erst  bei  meiner  Schwester  erfahren, 
die  sie  kurz  vor  ihrer  Abreise  besuchte.  Ich  sehe 
Lotz  wenig,  er  scheint  uns  eher  zu  meiden,  als  auf- 
zusuchen u.  ich  will  ihn  darin  nicht  stören,  aber  in 
letzter  Zeit  ist  er  sehr  kränklich  gewesen  u.  er  hat 
mich  sehr  gedauert,  als  er  mir  erzählte,  wie  er&st 
von  Arbeiten  erdrückt  werde.  Er  sieht  auch  sehr 
blasz  u.  angegriffen  aus. 

In  diesen  Tagen  war  ein  Serbier  Wuk  Ste- 
phanowitsch  bei  uns,  ein  gelehrter  Mann,  der 
ein  schätzbares  Wörterbuch  s.  Sprache  heraus- 
gegeben hat.  Er  war  natürlich  u.  mittheilend  n. 
erzählte  viel  merkwürdiges  von  s.  Vaterland.  Er 
hat  aber  auch  eine  Sammlung  von  Nationalliedeni 


y  Google 


1824  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  229 

bei  sich,  mein  Bruder  hat  mit  s.  Hülfe  einige  über- 
setzt u.  wir  sind  beide  erstannt  über  die  grosze  un- 
gewöhnliche Schönheit  dieser  Gedichte.  Qroszartig, 
neu  überraschend  die  Gedanken,  Yollkommen  ange- 
meszen,  kräftig  u.  ein&ch  die  Sprache;  alles  so  wie 
in  dem  Homer.  Und  diese  Dichtungen  sind  gewisz 
herrorgebracht  ohne  Nachsinnen  u.  Kegel,  aus  dem 
blosen  lebendigen  sichern  Gefühl.  Etwas  räthsel- 
haftes  steckt  mir  doch  immer  in  dieser  Er- 
scheinung, die  sich  bei  allen  ausgezeichneten  Völkern 
wiederholt. 

Der  liebe  Gott  bewahre  Sie  gesund,  mein  liebster 
Freund;  wäre  ich  doch  manchmal  einen  Abend  bei 
Ihnen.  Behalten  Sie  mich  lieb  wie  ich  Sie  immer 
heb  behalte 

Wilhelm  Grimm. 


106. 

Cassel  2.  Octbr.  1824. 

Liebster  Freund,  ich  habe  es  immer  von  Woche 
zu  Woche  yerschieben  müszen  ein  paar  Bücher  und 
Heftchen,  die  Ihnen  zugedacht  waren,  abzusenden; 
ich  weide  sonst  die  Heerde  ganz  ruhig,  aber  es  giebt 
immer  ein  paar  Stücke  wie  die  Göthisch^n  Hefte, 
(Sie  erhalten  Bd.  IV.  Heft  2  u.  3.  Bd.  V.  Heft  1. 
also  3  Hefte.)  die  herumlaufen  und  wenn  das  eine 
zu  Haus  ist,  springt  das  andere  wieder  fort.  Sie 
müszen  mir  diese  auch  am  ersten  wieder  zurück- 
schicken, etwa  in  einigen  Wochen,  die  andern  können 
Sie  länger  behalten,    etwa  so  viel  Monate.    Es  ist 


y  Google 


230  XIV.   W.  Grimm  an  Soabediseen.  1^ 

erstlich  ein  Band  von  Calderon.  Nämlich  da  wir 
den  einen,  den  ich  voriges  Jahr  mitbrachte,  nicht 
genieszen  konnten,  so  treibt  mich  die  Gerechtigkeit 
an ,  Ihnen  diesen  in  die  Hand  zu  geben ,  um  das 
erste  Stück,  den  ^Schultheisz  von  Zalaraea"  (mehr 
kenne  ich  auch  nicht  davon  u.  stehe  nicht  für  das 
übrige)  zu  lesen;  ich  denke,  es  wird  Ihnen  so  viel 
Vergnügen  machen,  als  es  mir  gewährt  hai  Es 
ragt  so  sehr  vor  den  übrigen  in  die  Höhe,  ist  an 
sich  so  belebt,  wirkt  so  belebend,  erscheint  so  un- 
befangen und  rein  in  der  Gesinnung,  dasz  es  mich 
in  mehr  als  einer  Hinsicht  überrascht  hat.  Ich  hätte 
dem  Calderon  nicht  zugetraut,  dasz  er  selbst  so 
viel  Theil  an  seinen  Creaturen  nehmen  und  ihnen 
soviel  Eigenthümlichkeit  verleihen  könne;  meist 
sorgt  er  nur  dasz  sie  sich  kunstgemäsz  nach  fein- 
gesponnenen Ideen  bewegen  und  wenn  sie  dabei 
auch  manchmal  auf  die  Nase  fallen,  so  verschlägt 
ihm  das  nichts,  er  hebt  sie  an  jenen  feinen  Drähten 
wieder  in  die  Höhe.  Auch  die  Übersetzung  scheint 
mir  hier  freier  und  natürlicher  ob  man  gleich  auch 
hier  dann  und  wann  gewaltige  Brocken  hinunter 
würgen  musz.  Das  gewöhnt  sich  aber  diese  Übe^ 
setzerschule  nicht  ab  und  denkt  wir  könnten  zu- 
frieden seyn,  wenn  wir  endlich  doch  Sinn  und  Zu- 
sammenhang finden.  Zweitens  als  Gegenstück  den 
Vega,  wovon  ich  aber  auch  nur  das  erste  Stück 
kenne,  das  ich  vor  Jahren,  als  ich  mich  mit  der 
spanischen  Sprache  beschäftigte,  im  Original  gelesen 
habe.  Vega  ist  bei  den  Spaniern  mehr  geachtet 
als  Calderon,  ohne  Zweifel,  weil  er  faszlicher  ist 


y  Google 


1824  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  231 

und  doch  zugleich  pathetisch  und  ergreifend,  auch 
wohl  absichtlich  nach  Effect  strebend,  aber  diese 
practische  Qualitäten  zugegeben,  stelle  ich  ihn  im 
Geist  doch  geringer.  Die  Idee  ist,  eben  in  diesem 
König,  sichtbar  schon  im  Erstarren  und  die  Menschen 
haben  hier  sämmtlich  einen  gewiszen  Beigeschmack 
von  Carricatur,  der  mich  hindert  sie  als  vollgültige, 
yom  Leben  völlig  durchdrungene  zu  betrachten.  Das 
nKrugmädchen*  wird  noch  sehr  gelobt,  ich  habe  es 
noch  nicht  gelesen.  Der  Übersetzer  ist  in  diesen 
Tagen  gestorben  und  sein  Tod,  der  unerwartet  u. 
plötzlich  erfolgte,  hat  mich  betrübt,  ich  bin  mit  ihm 
auf  Schulen  und  Universitäten  gewesen  und  habe 
einen  liebreichen  Zug,  der  in  seinem  Herzen  war, 
nicht  vergeszen,  wenn  wir  uns  in  spätem  Jahren 
auch  nur  zuweilen  sahen.  An  Bildung  und  achtungs- 
werthem  Streben  zeichnete  er  sich  vor  vielen  seines 
Standes  aus.  Er  schien  sich  eben  für  das  Leben 
recht  einrichten  zu  wollen,  baute  sich  ein  Haus  und 
sasz,  wie  man  spricht,  dem  Glück  im  Schoosz. 

Den  jtDon  Alonzo^  von  Salvandy,  den  fföthe 
so  rühmt,  können  Sie  einmal,  wenn  Sie  Lust  dar- 
nach tragen,  fordern;  wir  laszen  ihn  kommen.  Ich 
habe  nur  so  hineingeblickt,  vnW.  ihn  aber  lesen,  und 
ich  glaube,  dasz  er  mir  sehr  gefallen  wird.  Auch 
Yarnhagens  Biographische  Denkmale  kann  ich 
Ihnen  schicken,  ein  Buch  das  ausgezeichnete  und 
ungewöhnliche  Menschen  berührt,  sich  angenehm 
liest,  mit  Kunst  und  Geschmack  ausgearbeitet  ist, 
das  aber  [an]  einem  eigenthümlichen  Gebrechen  der 
Zeit  leidet  und  dem  man  es  nicht  blos  zum  Vorwurf 


^y'Google 


232  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1824 

machen  kann,  sondern  musz,  dasz  es  nicht  vor- 
trefflich ist.  Vielleicht  urtheile  ich  aber  nur  80 
seltsam,  weil  ich  zugleich  den  Verf.  in  Gedanken 
vor  mir  sehe,  der  mir  zu  den  unangenehmsten 
Menschen  gehört,  die  ich  habe  kennen  lernen.  Wenn 
Ihnen  eine  Recension  davon  in  den  „Götting.  An- 
zeigen*^ Nr  143  zu  Gesicht  kommt,  so  sehen  Sie 
doch  (sie  ist  kurz)  ob  Ihnen  das  darin  deutlich  und 
vernünftig  ausgedrückt  scheint,  was  ich  eben  an- 
gedeutet habe.  Ich  wollte  diese  Gelegenheit  be- 
nutzen, eine  allgemeine  Bemerkung  zu  machen,  das 
Buch  selbst  tadeln  und  ihm  doch  auch  nicht  unrecht 
thun;  ich  weisz  aber  nicht  ob  es  mir  gelungen  ist, 
d.  h.  ob  das  was  ich  gesagt  habe,  andern  so  ver- 
ständlich ist,  als  mir.  Die  ehrenvolle  Erwähnung 
der  Diplomaten  am  Schlusz  müszen  Sie  verzeihen, 
mir  fielen  gerade  einige  dieser  liebensvTürdigen 
Menschen  ein,  die  ich  kennen  gelernt  habe«  Auch 
die  Rec.  der  „Faröischen  Lieder"  in  demselben  Stück 
rührt  von  mir,  vielleicht  intereszirt  Sie,  was  ich 
über  die  Sitte  jener  einsamen  Menschen  mitgetheilt 
habe;  überhaupt  habe  ich  dieses  Jahr,  zufälliger- 
weise, vielerlei  in  den  Götting.  Anzeigen  recensirt, 
über  „Hünenbetten",  »Runenschriften*,  lauter  lang- 
weiliges Zeug;  auch  ein  holländisches  Buch  war 
darunter,  das  ich  bei  Ihnen  angefangen  hatte  und 
worin  noch  ein  Stückchen  Moos,  oder  was  es  ist, 
von  Ihrem  Thurm  im  Garten  liegt,  womit  ich  mir 
ein  Zeichen  gemacht  hatte,  denn  solche  Eandereien 
treibe  ich  auch  noch.  Glauben  Sie  wohl,  manchnuJ 
träumt  mir  noch,  ich  gienge  in  die  Schule  und  midi 


y  Google 


1824  XIY.  W.  Grimm  an  Suabediseen.  233 

ängstigt,  dasz  ich  dieses  u.  jenes  nicht  weisz.  Bei 
solchen  Beschämongen  recensire  ich !  aber  ich  will 
auch  fär  das  künftige  Jahr  die  Gallentinte  u.  die 
Eecensentenfeder  verschlieszen.  Während  ich  gerade 
gewiszenhaft  an  einer  Recension  schrieb,  äuszerte 
jemand  in  einer  Gesellschaft,  der  das  literar.  Wesen 
nur  so  ans  der  Feme  kennt,  mir  ins  Gesicht:  „ich 
glanbe  nicht,  dasz  ein  Recensent  seine  Seele  be- 
wahren kann,  es  müszten  schlechte  Menschen  wer- 
den.* Ich  wollte  mich  ihm  eben  als  eine  solche 
schwarze  Seele  präsentiren,  aber  wir  wurden  gestört. 
Ich  sehe  mit  Leidwesen  die  Blätter  gelb  werden, 
dieser  Sommer,  so  mittelmäszig  er  an  sich  war,  hat 
mich  mehr  erfreut,  als  der  beste,  weil  ich  ihn  in 
meiner  Wohnung  recht  habe  genieszen  können. 
Diesem  Genusz  der  Sonne  und  der  Luft  habe  ich 
auch  mein  Wohlseyn  zu  danken,  denn  ich  bin  wohler 
gewesen,  als  je.  Möge  mir  Gott  nur  immer  ein 
Theil  dieeer  Buhe  schenken ,  das  ist  mein  eifrigster 
Wunsch.  Mancherlei  Besuch  haben  wir  diesen 
Sommer  gehabt,  unter  andern  auch  Frau  von 
Arnim  geb.  Brentano,  die  vier  Tage  bei  uns 
bUeb.  Wie  hätte  ich  gewünscht,  dasz  Sie  diese 
wunderbare  Natur  gesehen  und  näher  kennen  gelernt 
hätte[n].  Sie  gehört  zu  den  geistreichsten,  die  mir 
mein  Lebtag  begegnet  sind  und  wer  sie  frei  imd 
unbefangen  beurtheilen  kann,  musz  eine  grosze 
Freude  empfinden,  wenn  er  sie  reden  hört,  es  sey 
mm  dasz  sie  erzählt  oder  dasz  sie  ihre  Gedanken 
äoszert  über  das,  was  ein  menschliches  Herz  be- 
wegen kann  und  wovon  das  höchste  ihr  nicht  fremd 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


234  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1824 

geblieben  ist.  Noch  hat  ihr  Geist  nichts  von  seiner 
Lebhaftigkeit  verloren  und  selbst  kränklich  (was  sie 
vorher  nie  war)  ist  er  noch  so  thätig,  wie  vor  17 
Jahren,  wo  ich  sie  zuerst  kennen  lernte.  Erstaunens- 
würdig durch  Erfindung  und  Ausführung  sind  ihre 
Zeichnungen,  eine  Composition  aus  Göthes  Faust 
und  ein  Denkmal  für  Göthe. 

Nun  will  ich  aber  diesem  langen  Brief  ein  Ende 
machen.  Leben  Sie  wohl,  mein  liebster  Fremid, 
grtiszen  Sie  Ihre  Frau  und  die  lieben  Kinder  aufe 
herzlichste.     Auch  Gerling  und  die  seinigen 

Wilhelm  Grimm. 


107. 

Caszel   17.  Dec  1824. 

Vor  einigen  Tagen  kam  ein  Diener  aus  der 
Kriegerschen  Buchhandlung  in  mein  Zimmer  und 
fragte  nach  meinem  Bruder  Luis,  da  dieser  aus- 
gegangen war,  so  forderte  ich  ihm  das  Zettelchen 
das  er  in  der  Hand  hielt  ab,  um  es  zu  besorgen. 
Diesem  Zufall  habe  ich  es  zu  danken,  mein  Lieber 
Freund,  dasz  ich  Ihre  Handschrift  gesehen  und  er- 
fahren, dasz  Sie  es  sind,  der  ein  Exemplar  von  den 
radirten  Blättern  zu  haben  wünscht.  Warumhaben 
Sie  uns  das  nicht  gesagt?  Sie  sollten  von  Rechts 
wegen  wiszen,  dasz  es  mir  und  uns  allen  eine  grosze 
Freude  ist,  wenn  wir  Ihnen  irgend  etwas  zu  gefallen 
thun  können.  Sie  erhalten  also  diese  Hefte  hierbei 
und  zwar  nicht  zum  besehen,   sondern  Sie  werden 


y  Google 


1824  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  235 

Urnen  als  ein  Geschenk  aufgedrungen,  das  Sie  nur 
dann  nicht  anzunehmen  brauchen,  wenn  Sie  mit 
gutem  Gewiszen  versichern  können,  das  Ihnen  auch 
gar  nichts  darin  gefällt.  Wären  es  Compositionen 
gewesen,  auch  nur  Umrisze,  aber  in  dem  Geist,  in 
welchem  Flaxmann  wieder  neuerdings  den  Hesiod 
vor  Augen  gestellt  hat,  so  würden  Sie  diese  Blätter 
schoD  längst  gehabt  haben,  aber  ich  glaubte  solche 
blosze  Naturzeichnungen,  die  noch  zu  keinem  Bilde 
gehören,  gleichsam  Herrenlos  sind,  würden  nur 
höchstens  einen  augenblicklichen  Reiz  für  Sie  haben. 

Heute  dürfen  es,  wenn  das  Paket  fort  soll,  nur 
diese  paar  Zeilen  seyn,  in  einer  Woche  etwa  denke 
ich  Urnen  den  „Alonso**  zu  schicken,  für  die  Ferien. 
Die  Kurfürstin  und  Princeszinnen  haben  ihn 
erat  gelesen,  es  war  mir  lieb,  denn  sie  haben  wahre 
Bücke  in  das  Leben  und  die  Geschichte  thun 
können. 

Bleiben  Sie  nur  gesund,  hier  sterben  viele  Leute 
an  Nervenkrankheiten  und  ein  Provisor  in  einer 
Apotheke  hat  sogar  meinen  Bruder  versichert,  „es 
sey  ein  Problem,  gesund  zu  bleiben".  Zur  Zeit  der 
Überschwemmung  hatte  ich  einen  Anfall,  der  aber 
nach  acht  Tagen  vorüber  war;  letzt  bin  ich  wohl, 
so  lange  es  Gott  gefällt. 

Grrüszen  Sie  Ihre  Frau  imd  die  Kinder  auf  das 
freundschaftlichste. 

Wilhelm  Grimm. 


y  Google 


236  XIV.   W.  Grimm  an  Suabediseen.  1824 

108. 

[Caszel  23.  (?)  Dec.  1824.] 

Erschrecken  Sie  nicht,  lieber  Freund,  über  das 
grosze  Bücher  Paquet,  für  Sie  ist  nur  der  Ter- 
sprochene  „Alonso"  u.  zwar  die  ersten  3.  Bände. 
Seyn  Sie  so  gütig  mir  solche,  sobald  Sie  fertig  da- 
mit sind,  wieder  zurückzuschicken  u.  sollten  Sie  etwa 
nur  die  2  ersten  Bände  in  den  Ferien  beendigen,  so 
laszen  Sie  diese  einstweilen  yorangehen.  Das  Buch 
wird  viel  gelesen,  u.  unser  Director  hat  es  nicht 
gern,  wenn  er  es  vornehmen  Leuten,  die  darnach 
fragen,  nicht  bald  verschaflfen  kann.  Mich  hat  unter 
vielen  andern  Dingen,  die  kräftige  u.  doch  unab- 
hängige Ansicht  u.  das  freie  ürtheil  darin  erfreut, 
denn  einer  der  sich  nicht  parteiisch  bei  allem  f8r 
oder  wider  erklärt,  wird  von  den  meisten  scheel  an- 
gesehen ,  und  mit  einem  schillernden  Taubenhab  n. 
was  weisz  ich,  womit  sonst,  verglichen.  Herz- 
zerschneidend ist  das  letzte  Resultat  das  man  ans 
diesem  Buch  gewinnt,  aber  das  ist  auch  unsere 
Geschichte. 

Den  andern  Bücher[n]  seyn  Sie  so  gütig  einen  Platz 
zu  gönnen  bis  Bange  sie  abholen  läszt. 

Ich  schreibe  Ihnen  diese  Paar  Zeilen  unter  viel 
Lärmen  u.  Geräusch  auf  der  Bibliothek,  denn  Morgen 
schlieszen  wir. 

Seyn  Sie  herzlich  gegrüszt  u.  behalten  Sie  lieb 
Ihren  Freund  Wilh.  Grimm. 


y  Google 


1825  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  237 


109. 

C.  12.  Jan.  1825. 

Ich  danke  Ihnen,  liebster  Freund  fOr  die  treuen 
und  herzlichsten  Glückwünsche,  möge  dann  in  £r- 
Mlnng  gehen,  was  Gottes  Wille  ist.  Dank  auch 
för  die  beruhigende  Nachricht  über  Ihr  Befinden. 
Ich  kann  sie  Ihnen  vergelten  und  versichern,  dasz 
ich  mich  wohler  als  je  befinde ,  die  örtlichen  Übel 
an  Herz  u.  Magen  scheinen  zu  weichen,  nur  ein 
gewiszer  Unterschied  zwischen  Tag  u.  Nacht  zeigt 
sich  u.  manchmal  so  seltsam,  dasz  ich  ein  paar 
Wochen  den  Tag  über  jedesmal  vollkommen  wohl 
n.  heiter  bin,  mich  aber  Nachts  in  einem  Zustand 
befinde,  den  ich  nicht  krank  nennen  kann,  weil  ich 
eigentlich  keine  Schmerzen  empfinde,  der  aber  doch 
auch  nicht  ganz  natürlich  ist. 

Hierbei  nun  der  5te  Band  von  „Alonso",  das 
Buch  ist  offenbar  etwas  zu  lang,  dieser  Fehler  ge- 
fallt mir  aber,  weil  man  daran  sieht,  dasz  es  dem 
Verf.  um  die  Sache  zu  thun  ist  und  er  nicht  imi 
BeifaU  buhlt. 

Seyn  Sie  sänmitlich  herzlich  gegrüszt. 

W.  G. 


y  Google 


238  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1825 

UO. 

Cassel  den  2.  Pfingstta^  1825. 
Lieber  Freund,  vorigen  Sonntag  den  15.  Morgens 
nach  der  Kirche  bin  ich  getraut  worden  in  Beiseyn 
der  Geschwister  und  nächsten  Verwandten ;  wir  haben 
den  Tag  unter  uns  und  in  Stille  verlebt  und  da  habe 
ich  auch  Ihrer  und  Ihrer  Freundschaft  mit  Rührung 
gedacht.     Sie  ist  ein  freies  Geschenk  Ihres  Herzens 
und  ich   will   Sie,    wie   es  bei  dieser   Gelegenheit 
wohl  Sitte  ist,  nicht  um  Fortsetzung  derselben  bitten 
im  Vertrauen  auf  Ihre  liebreiche  Gesinnung,  die  sie 
mir  nicht  wieder  entziehen  wird.    Ich  kenne  meine 
Frau   seit   ihrer  Kindheit   und    wir   alle   haben  sie 
immer  wie   zu   uns  gehörig  betrachtet;    ich  glaube 
nicht,  dasz  ich  wie  man  sagt,  in  Flitterwochen  lebe, 
aber  ich  habe  das  Vorgefühl,  dasz  ich  mein  Lebt^ 
glücklich   seyn   werde,   wie   ich  es  seit  acht  Tagen 
bin.    Sie  ist  herzlich,  natürlich,  verständig  u.  heiter, 
hat  Freude  an  der  Welt  und  ist  doch  jeden  Augen- 
blick bereit  sie  für  etwas  höheres  und  beszeres  hin- 
zugeben,   womach   wir   streben   und   was  die  Welt 
nicht  gewährt.     Sie    hofft  auf  Ihre  persönliche  Be- 
kanntschaft  und   bittet   Sie    einstweilen  einen  herz- 
lichen Grusz   anzunehmen,   heute  Abend   feiern  wir 
ihren    Geburtstag    und    da    soll    ein    Glas    auf  Ihr 
Wohlseyn,    mein    liebster   Freund    geleert    werden, 
wollen  Sie   es  uns  Morgen  vergelten  und  mit  Ihrer 
Frau  und  den  lieben  Kindern  anstoszen ,   so   soll  es 
uns  in  den  Ohren  klingen.    G  e  r  1  i  n  g  und  seiner  Frau 
theilen   Sie   doch   meine   Neuigkeit  und  die  freund- 
schaftlichsten Grüsze  mit.  Wilh.  Grimm. 


y  Google 


1825  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  239 


Ul. 

Cassel  27.  Dec  1825. 

Liebster  Freund,  in  dem  Augenblick,  wo  ich  Ihren 
liebreichen  und  herzlichen  Brief  gelesen  habe,  setze 
ich  mich  zur  Beantwortung  desselben  nieder.  Als 
idi  das  kleine  Zettelchen  in  den  Clodiusischen 
Brief  einschob,  war  es  mein  fester  Plan,  in  den 
nächsten  Wochen  zu  Ihnen  zu  kommen,  meine  Frau, 
die  etwas  früher  abreisen  u.  eine  an  dem  Wege 
dorthin  wohnende  Freundin  zuvor  besuchen  wollte, 
hätte  ich  dann  mitgenommen,  aber  ein  Plan  gelingt 
mir  niemals.  Gleich  konnte  ich  nicht  reisen,  weil 
ich  in  den  Händen  des  Druckers  war  u.  von  Leipzig 
aus  Correcturbogen  erhielt,  die  kein  Mensch  corri- 
gieren  konnte,  als  ich,  selbst  mein  Bruder  nicht. 
Damit  verzögerte  es  sich  länger,  als  ich  dachte  und 
noch  ehe  ich  zu  Ende  kam,  entwickelte  sich  bei  mir 
ein  heftiger  Husten,  in  den  ich  mich,  da  ich  seit 
5  Jahren  keinen  gehabt  nicht  recht  zu  finden  wuszte, 
den  ich  anfanglich  vemachläszigte ,  der  endlich  ein 
wenig  bösartig  zu  werden  drohte  und  mich  5  Wochen 
zn  Hause  hielt.  Erst  vor  kurzem  bin  ich  wieder 
ausgegangen  u.  bin  von  dem  Übel  völlig  erlöst,  nun 
erlaubte  mir  die  Sorge  um  meine  Schwester  nicht, 
mit  leichtem  Herzen  Cassel  zu  verlaszen,  sie  war 
äuazerst  kränklich  u.  ihre  bevorstehende  Niederkunft 
machte  ihren  Zustand  noch  bedenklicher.  Gott  hat 
gütig  u.  gnädig  geholfen,  das  Übel  wich  auf  ein- 
mal u.  ihre  Niederkunft  war  so  glücklich ,   wie  nur 


y  Google 


240  XrV.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  1825 

immer  zu  wünschen,  u.  ihr  Wohlseyn  dauert  fori 
Am  1.  Christtage  ist  das  Kind  getauft  worden,  ein 
Mädchen,  das  mich  nut  seinem  stillen  Gesichtchen 
u.  feinen  zugeschloszenen  Mund,  wegen  der  Ahn- 
lichkeit  mit  der  seel.  Mutter  sehr  rührte.  Noch 
halten  mich  ein  paar  nothwendige  Geschäfte  hier, 
so  gern  ich  in  unsem  beiderseitigen  Ferien  gereist 
wäre,  aber  in  der  Mitte  Januars  denke  ich,  ohne 
mir  einen  Plan  zu  machen,  frei  zu  seyn,  aber  ich 
überrasche  Sie  nun  nicht,  sondern  schreibe  vorher, 
wann  ich  komme.  Die  Dortchen  kommt  diesmal 
nicht  mit,  sie  soll  Marburg  im  Sommer  wiedersehen, 
sie  ist  vor  15  Jahren  dort  bei  einer  nun  verstorbenen 
sehr  geliebten  Schwester  gewesen  und  wird  dodi 
gerne  die  alten  Plätze  besuchen.  Der  Prinz  bleibt 
nun  für  beständig  hier,  ich  brauche  also  nicht  Degen 
und  Hofrock  mitzunehmen.  Nim  leben  Sie  wohl, 
liebster  Freund,  ich  sage  wieder  einmal  auf  Wieder- 
sehen; feinen  Beobachtungen  zum  Trotz,  welche 
behaupten,  ein  verheiratheter  Mann  verändre  sich 
nothwendig  und  werde  ein  ganz  anderer,  habe  idi 
mich,  wie  es  mir  scheint  u.  auch  andere  sagen,  gar 
nicht  verändert,  ich  sage  das  ganz  demüthig,  denn 
ich  hätte  bei  der  Gelegenheit  zu  einigen  Tugenden 
kommen  können,  aber  mich  erfreute  in  dem  Augen- 
blick der  Gedanke,  dasz  Sie  mich  alle  noch  sehr  got 
kennen  werden,  wenn  ich  erscheine  imd  mich  mit 
all  der  Freundschaft  u.  Liebe  aufiiehmen,  an  die 
mein  Herz  niemals  ohne  Rührung  und  Dankbarkeit 
gedenkt.  Ich  drücke  Ihnen  die  Hand  beim  Thor- 
schlusz   u.   wenn   sich   die   Pforte  des  neuen  Jahrs 


y  Google 


1826  XIV.  W.  Qriinin  an  Soabediasen.  241 

öffiiet,  so  möge  die  Sonne  mit  ilirem  reinen  u.  un- 
sterblichen Licht  eni^egen  leuchten  u.  die  Mehrzahl 
Ihrer  Tage  erleuchten. 

W.  Gr. 
An  den  Herrn  Hofrath  n.  Professor  Snabedissen  zu  Harburg. 

112. 

Cassel  21  April  1826. 

Liebster  Freimd,  ich  benachrichtige  Sie,  daaz  am 
3.  d.  H.  Nachmittags  meine  Frau  von  einem  ge- 
sunden und  hübschen  Knaben  ist  entbunden  worden: 
letzt  erst  nachdem  die  critischen  Tage  vorüber  sind 
mid  alles  fortwährend  gut  geht,  kann  ich  Ihnen  mit 
Rnhe  diese  Neuigkeit  mittheilen  und  ietzt  erkenne 
ich  erst  recht,  aber  auch  gewisz  mit  dankbarem 
Herzen,  wie  grosz  Gottes  GHite  hierbei  gewesen  ist. 
Viele  Freunde  haben  mit  noch  mehr  Besorgnisz,  als 
wir  selbst  dieser  Zeit  entgegengesehen,  u.  wir  sind 
durch  wahre  Theilnahme  von  Menschen  erfreut  u. 
gerfihrt  worden,  von  denen  wir  nicht  wuszten,  dasz 
sie  an  uns  dachten.  Am  16.  ist  der  Kleine  schon 
getauft  worden  u.  hat  nur  einen  Pathen  und  den 
einzigen  Namen  Jacob  erhalten. 

Auszerdem  ist  mein  Hausstand  durch  die  Ankunft 
meines  Bruders  Carl  aus  Hamburg  vermehrt  wor- 
den; bei  dem  Zustand  des  Handels  u.  in  der  Grisis, 
in  der  er  sich  überhaupt  befindet,  hat  er  dort  nicht 
langer  bestehen  können.  Er  denkt  hier  Unterricht 
im  französischen  u.  englischen  zu  geben,  wie  er 
schon  in  Hamburg  gethan  hat. 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orlxnm.  IQ 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


242  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaeo.  1827 

Savigny  war  vier  Tage  bei  uns.     Er  wird  seit 
Jahren  von  einem  heftigen,  fieberlosen  und  bedenk- 
lir.hftn  Kopfweh   gequält,    das    ihn   gewöhnlich   am 
,   aber   auch  am  Tage  überfallt  und  dann  zu 
Geistesarbeit  untauglich  macht, 
iszen  Sie  G erlin g  u.  seine  Frau  und  theilen 
nen  meine   Neuigkeit  mit,   grüszen  Sie  auch 
rau  u.  die  lieben  Kinder, 
habe  seither  eine  ordentliche  Sehnsucht  ge- 
lie  einmal  wieder  zu  sehen  u.  wenn  ich  glaubte^ 
nte  meiner  kleinen  Reise  nichts  mehr  im  Wege 
,  so  wurde  sie  mir  gerade  unmöglich  gemacht 
^eben  ist  sie  nicht. 

[Ihr  Wilhelm  Grimm.] 


U3. 

Gas  sei  3.  Jan.  1826  [st  1827] 

ibster  Freund,  ich  danke  Ihnen  für  Ihren  herz- 
Brief ,  wenn  er  auch  nicht  gekommen  wäre^ 
irde  Ihnen  heute  doch  geschrieben  haben.  Sie 
n  Antheil  an  allem  was  mir  begegnet  u.  so 
Sie  auch  meine  Trauer  erfahren.  Am  18.  Dec. 
ich  mein  liebes  Kind  zu  seiner  Ruhstatte 
meine  seel.  Mutter  geleitet  und  die  erste  Erde 
linen  Sarg  geworfen,  sechs  Wochen  früher 
ich  auch  das  Kind  meiner  Schwester  da  ein- 
sehen. Als  ich  damals  zurückkam,  fand  ich 
mein  Kind  krank  u.  als  ich  es  küste ,  dachte 
es  kann  nicht  auch  sterben,  es  ist  zu  lebendig. 


y  Google 


1827  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  243 

Aber  Qott  wollte  es  anders  u.  in  6  Wochen  war  es 
hingewelkt.  Bis  dahin  war  es  gesund,  frisch, 
blühend,  immer  eine  Freundlichkeit  u.  so  lebendig, 
wie  ich  mich  nicht  erinnere,  ein  Kind  gesehen  zu 
haben.  Eine  ungewöhnliche,  unheilbare  Leberkrank- 
heit hat  es  zu  Grund  gerichtet.  Noch  während  der 
Krankheit  entwickelte  sich  sein  Geist  u.  sein  lieb- 
reiches Herz.  Ich  hatte  selten  einige  Hoffnung  und 
doch  hat  uns  dieser  Schlag  mehr  niedergedrückt,  als 
ich  dachte.  Gleich  darnach  wurde  meine  Frau,  die 
sich  Tag  und  Nacht  keine  Ruhe  gegönnt  hatte,  von 
der  QDglaubl.  Anstrengung  krank  u.  erst  seit  wenigen 
Tagen  hat  sie  sich  erholt.  Meiner  Schwester  Kind 
hat  mir  ebenso  leid  gethan,  wie  mein  eigenes,  es 
war  ein  Mädchen  imd  glich  so  rehr  meiner  Mutter, 
dasz  ich  oft  wider  Willen  gerührt  wurde,  wenn  ich 
es  ansah. 

Weihnachten  u.  Neujahr  haben  wir  also  ganz 
still  verlebt  und  nur  Geschenke,  die  für  das  arme 
Kind,  das  schon  im  Ghrabe  lag,  aus  der  Feme  an- 
langten, erinnerten  uns  schmerzlich  daran.  Ich  habe 
mich  seit  ein  paar  Tagen  wieder  zur  Arbeit  ange- 
schiirt  u.  etwas  Gothisches  für  die  Wiener  Jahr- 
bücher ausgemeiselt.  Dasz  Sie  die  Elfenmärchen 
gelesen,  beschämt  mich,  oder  rührt  mich  eigentlich, 
ich  schicke  Ihnen  meine  Sachen  niemals,  aus  einer 
gewiszen  Bescheidenheit,  weil  ich  denke,  es  liege 
zugleich  die  Anmnthung  darin,  es  zu  lesen  und 
ohne  dasz  ich  glaubte,  das  Buch  sey  gerade  schlecht, 
meine  ich  doch,  es  sey  nur  eine  Vorarbeit,  auf  die 
Sie  sich  nicht  einlaszen  könnten  und  erst  wenn  ich 

16» 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


244  XIY.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  1827 

einmal  etwas  yon  aUgemeinem  Interesse  zn  Taf^ 
brachte,  dürfte  ich  es  Ihnen  mit  einigermaszen  gutem 
Gewiszen  darbieten.  Die  Abhandl.  über  die  Elfen 
(nur  das  erste  Capitel  mit  den  Etymologien  ist  Yon 
meinem  Bruder)  hatte  mir  einiges  Vergnügen  ge- 
macht, ich  glaubte,  sie  würde  einige  Blicke  in  die 
Übergangspuncte  unser[er]  (?)  Bildung  gewähren, 
nachher  hörte  ich  man  möge  sie  nicht  lesen,  sie  sey  zu 
gelehrt  und  zu  trocken.  —  T  i  e  c  k  s  Novellen  charakte- 
risiren  Sie  sehr  richtig,  der  Mann  hat  einen  eis- 
kalten Stein  im  Herzen  liegen,  aber  ungemeine 
Gaben  u.  einen  scharfen  Blick. 

Es  gibt  Perioden,  wo  ich  zum  Nachsinnen  u.  zur 
Selbstbetrachtung  mehr  als  sonst  ein  Bedürfiiisz 
filhle.  Während  der  traurigen  Zeit  habe  ich  wieder 
einmal  ein  groszes  Stück  in  Ihrem  Buche  gelesen: 
Manches  darin  spricht  mich  ungemein  an,  besonders 
die  Ausführung  von  dem  Zusammenklang  des  innem 
u.  äuszem  Leben,  der  Natur  u.  des  Geistes  aber 
wenn  ich  mich  selbst  aufsuche,  so  komme  ich  mir 
oft  vor,  als  würde  ich,  wie  jener  geneckt,  der  den 
Hausgeist  zu  haschen  denkt  u.  in  dem  Augenblick, 
wo  er  ihn  zu  packen  glaubt,  seine  Stinmie  aus  einer 
andern,  fernen  Ecke  hört.  Ich  glaube,  wie  Sie,  dass 
Liebe  das  Höchste  ist,  was  aus  unserer  Seele  strömt 
und  das  einzige,  was  uns  aufrecht  erhält  und  wahr- 
haft mit  andern  bindet;  ich  glaube  femer,  was  wir 
wirklich  besitzen,  das  müszen  wir  im  Bewusztseyn 
gefaszt  haben.  Aber  wie  ich  mich  auch  dem  mensch- 
lichen Geist  zu  nähern  trachte,  etwas  geheimnis- 
reiches bleibt  mir  jedesmal  zurück,   und  in  dieson 


y  Google 


1827  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  O45 

unerforschlichen,  von  keinem  Bewuaztseyn  zu  eigen 
gemacht,  liegt  ein  mächtiges  Stück  meiner  Wesen- 
heit. Es  springt  hervor,  vne  eine  Quelle  auf  der 
Erde,  bald  hier  bald  dort,  immer  anders,  als  ich 
denke;  erst  den  Lauf  des  Brunnens  über  die  Erde 
hin,  kann  ich  sehen,  begreifen  und  beobachten.  Ich 
entdecke  manchmal  zu  meinem  Erstaimen  da  Tugen- 
den, die  ich  mir  wohl  abgesprochen  hätte  imd 
anderwärts  Fehler,  von  denen  ich  frei  zu  seyn  dachte. 
Ich  fürchte  und  liebe,  ich  achte  und  möchte  be- 
zwingen jenen  Kobold,  der  zu  Zeiten  etwas  neckisches 
und  komisches  an  sich  hat,  wie  jener,  den  ich  ge- 
lehrt beschrieben  habe.  Sollte  es  nicht  den  meisten 
Menschen  so  zu  Muthe  seyn  u.  ein  gewiszer  Mangel 
an  Aufrichtigkeit  oder  Furcht  die  Halt[ung]  zu  ver- 
lieren, sie  abhalten,  dieses  Ungleichmäszige  und  un- 
begreifliche ihrer  Natur  sich  u.  andern  einzugestehen? 
Der  Wille  freilich  ist  etwas  anderes  u.  soll  von 
Kechts  wegen  nicht  wandelbar  seyn. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  gottlob,  dasz 
Sie  und  die  Ihrigen  wohl  sind.  Baldige  Genesung 
bei  Gerlings!  An  alle  aber  die  herzlichsten 
Grösze.  Ihre  Theilnahme  an  meinem  Kummer  ist 
mir  ein  Trost. 

Ihr  Wilhelm  Grimm. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg. 


y  Google 


246  ^I^-   W.  Gripim  an  Suabedissen.  1827 


U4. 

Caszel  28.  Mai  1827. 

Liebster  Freund,  ich  hatte  gehofft,  die  R^ise 
nach  Marburg,  an  der  auch  die  Dortchen  viel 
Freude  zu  haben  schien,  falls  sie  überhaupt  möglieh 
wäre ,  am  besten  in  den  Pfingstferien  ausfahren  in 
können,  allein  die  Umstände  gestatten  es  nicht,  theils 
hat  sich  B  e  n  e  c  k  e  aus  Göttingen  mit  seiner  Familie 
anmelden  laszen,  theils  aber  darf  meine  Frau  über- 
haupt in  den  ersten  Monaten  keine  Reise  unter- 
nehmen und  zwar  aus  einem  Grund,  der  uns  neue 
Hoffnung  gibt  u.  zu  dem  auch  Sie  gewisz  uns  Glück 
wünschen. 

Wir  denken  mit  Freude  an  die  Tage,  die  Sie, 
lieber  Freund,  bei  uns  zubrachten  imd  seyn  Sie  tct- 
sichert,  dasz  ich  den  Werth  des  Geschenkes,  das  Sie 
mir  damit  gemacht  haben,  fdhle.  Mir  ist  nichts 
wohlthätiger  als  der  Eindruck  Ihres  eigenthümlicben 
Geistes,  Ihre  ruhige  und  reine  Betrachtung  der  Wdt 
und  Ihr  liebreiches  u.  wohlwollendes  Herz,  das  ich 
erkenne  und  ehre. 

Ich  habe  die  kleine  Schrift,  die  Sie  mir  zurfick- 
lieszen,  mit  Aufmerksamkeit  und  Theilnahme  ge- 
lesen, ein  freier  und  edler  Sinn  herrscht  darin  und 
ich  bekenne  mich  von  Herzen  zu  Ihrer  Philosophie, 
die  Sie  eine  Betrachtung  und  Innewerden  seiner 
selbst  nennen.  Ich  meine  dazu  müszte  die  Neigung 
jedem  ordentlichen  Menschen  angeboren  seyn^ 
wenigstens  so  weit  ich  mit  meiner  Besinnung  zurfick- 


y  Google 


1827  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedißsen.  247 

gehen  kann,  babe  icb  mich,  ohne  angeregt  zu  seyn, 
aus  freiem  Trieb,  von  den  groszen  Fragen  bewegt 
geftihlt,  die  unser  Dasejn  einschlieszen  und  sich  um 
den  scliiwachen  Menschen  lagern.  Und  doch  ist 
dieser  schwache  Mensch  auch  wieder  so  mächtig, 
und  das  ist  abermals  ein  Wunder,  dasz  er  zwar  die 
Berge  nicht  wegheben,  aber  darauf  in  die  Höhe 
steigen  u.  von  da,  jeder  nach  seinen  Kräften,  seinem 
Stand  und  seinen  Augen,  eine  Aussicht  gewinnen 
kann.  Mir  ist  immer  in  Tiecks  „Blaubart*  die 
Klage,  die  einer  da  vorbringt,  komisch  und  rührend 
zugleich  vorgekommen:  siehst  du,  mit  diesem  Ding 
da,  dem  Gehirn,  soll  ich  denken,  wie  eben  das  Ding 
beschaffen  sey.  Als  ich  diesen  Herbst  in  Steinau 
war,  fahrte  mich  mein  Weg  einmal  an  einer  Mauer 
vorbei,  nicht  weit  von  der  ehemal.  Wohnung  meiner 
Eltern,  die  Sonne  beschien  sie  in  eigenem  Licht  und 
in  dem  Augenblick  fiel  mir  ein,  dasz  ich  einmal  als 
Knabe  bei  ähnlicher  Beleuchtung  daran  auf  und 
abgieng  und  mich  der  Begriff  der  Ewigkeit  und  der 
Gedanke,  dasz  meine  Seele  endlos  sey  mit  einer 
eigenen  Macht  u.  Angst  beschäfftigt  hatte,  ich  suchte 
mich  zu  nahem,  war  aber  unvermögend ;  der  Vogel, 
wenn  er  den  ganzen  Tag  fortflog,  muszte  sich  am 
Ende  doch  niedersetzen,  auch  auf  dieses  Bild  besann 
ich  mich  wieder. 

Ich  hätte  sehr  gewünscht,  das  Yerhältnisz  der 
Philosophie  zur  Poesie  wäre  auch  in  der  kleinen 
Schrift  berührt  worden,  ja  das  scheint  mir  ein 
Mangel  daran  zu  seyn.  Dasz  beide  im  Grunde  eins 
sind,  ist  nicht  schwer  zu  begreifen,  und  ich  möchte 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


248  XIV.  W.  Grimm  an  Suabediasen.  1827 

keine  Poesie,  die  blosz  mit  dem  sinnlichen  spielend 
jenen  ernsthaften  Grund  nicht  in  sich  trüge,  auch 
gibt  es  keine  wahrhaftige,  die  uns  nicht  zugleich 
über  uns  selbst  erleuchtete  imd  über  den  Schein 
und  die  rohe  Wirklichkeit  erhöbe.  Neben  dieser 
Übereinstinmiung,  die  ja  auch  häufig  ist  gefühlt 
worden  (weshalb  Scheidler,  was  mir  gefallt,  die 
Aussprüche  der  Dichter  in  seiner  Einleitung  zur 
Philos.  mit  einreden  läszt,  während  umgekehrt  ein- 
mal J.  J.  Wagner  behauptete,  es  sey  mit  den 
Poeten  überhaupt  nichts  und  sie  nur  eine  Art  Späne 
und  Abfall  der  Philosophen)  neben  dieser  Überein- 
stimmung ist  ein  Unterschied  nicht  zu  verkennen  u. 
durch  alle  Jahrhunderte  gegangen.  Die  Poesie  wäre 
demnach  das  Bestreben  die  sinnliche  Erscheinung  in 
ihren  Formen  und  ihrem  Wesen,  weil  das  über- 
sinnliche selbiger  bedarf,  um  sich  kund  zu  geben, 
zu  belaszen  und  nur  in  das  höhere  Licht  des  Geistes 
zu  stellen  u.  von  dem  Zufalligen  zu  reinigen.  Sie 
ertheilt  nicht  mehr  Licht,  als  das  einzelne  gerade 
bedarf  imd  sie  legt  nichts  zu,  erweitert  es  nicht  ins 
Allgemeine,  um  uns  den  Zusammenhang  mit  dem 
Ganzen  erkennen  zu  laszen,  sondern  kehrt,  nachdem 
sie  das  ihre  gethan,  wieder  in  das  Geheimnisz  zu- 
rück, wo  Tag  und  Nacht  nicht  getrennt  sind  und 
der  Geist  des  Dichters  mit  den  Geistern  des  Lebens 
stillen  u.  halb  unbewuszten  Verkehr  hat.  Abennals 
auf  neuen  Ruf,  innem  Trieb,  oder  was  den  Diditer 
sonst  anregt,  tritt  sie  hervor  und  ihr  Erleuchten 
gleicht  dem  Blitz,  der  uns  überrascht,  in  staunende 
Bewunderung  versetzt  und  obgleich  nur  eine  Secunde 


y  Google 


1827  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  049 

dauernd,  doch  einen  unauslöschlichen  Eindruck  hinter- 
laszi  Die  Philosophie  würde  die  sinnliche  Er- 
scheinung von  ihrem  irdischen  Kleid  befreien  und 
nur  die  Idee  darin  beachten,  als  den  eigentlichen 
Kern;  sie  würde  sie  mit  dem  milden,  ruhigen  Lichte 
des  Tages  beleuchten,  ein  vielfältiges  Betrachten  u. 
Nachsinnen  gestatten  u.  fordern,  und  sich  bemühen 
den  Zusammenhang  mit  dem  Ghmzen  zu  finden  und 
zu  erörtern.  Sie  bedarf  deshalb  eines  Systems,  sie 
musz  wiszen,  wie  die  Glieder  sich  zum  Ganzen 
verhalten  und  sich  gegenseitig  tragen.  Sie  würde 
mir  die  Natur  darstellen,  wie  jemand  mich  über  die 
Gesetze  der  Schönheit  im  Menschen  belehrt  und  sie 
klar  ausspricht,  während  mir  die  Poesie  einen 
schönen  Menschen  gleich  fertig  hinstellte  und  ich 
es  mir  müszte  gefallen  laszen,  wenn  es  hier  und  da 
fehlte,  ein  Theil  zu  lang,  der  andere  zu  kurz  wäre; 
sie  hat  eben  keinen  beszem  auftreiben  können. 

Scheint  insoweit  der  Vortheil  auf  der  Seite  der 
Philosophie,  als  sie  mit  mehr  Freiheit  verfahrt  und 
an  keine  Besonderheit  gebunden  ist,  so  wird  sie  da- 
gegen durch  die  Nöthigung  zu  einer  Erläuterung 
des  (Janzen  und  einer  vollständigen  Einsicht  von 
ihrem  System  mehr  oder  weniger  abhängig.  Sie 
musz  verwerfen,  was  ihrem  Gesetz  widerstrebt,  der 
Dichter  würde  sagen:  gefallt  dir  nicht,  was  ich  dir 
gezeigt  habe,  in  allen  Stücken,  so  nimm  dir  das 
beste  heraus  und  warte,  ich  suche  weiter  und  finde 
vielleicht  einen,  dem  die  Sünde  auch  kein  Härchen 
gekrümmt  hat,  finde  ich  ihn  nicht,  weil  auch  mir 
das  Paradies  verschloszen  ist,   so  wirst  du  ihn  jen- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


250  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1827 

seits  erblicken  und  an  dem  schönsten,  was  ich  dir 
zeige,  ahnen  können. 

Es  wird  am  Ende  von  der  besonderen  Natur  des 
Menschen  abhängen,  wohin  er  sich  getrieben  f&hlt, 
und  wenn  er  auf  dem  einen  Weg,  den  er  halb 
wachend,  halb  träumend,  beides  absichtlich  und  un- 
bewuszt,  eingeschlagen  hat,  weiter  gekommen  ist, 
wird  er  auch  erkennen,  warum  es  der  seinige  werden 
muszte.  Aber  eben  diese  besondere  Natur!  Hat 
doch  Niebuhr  in  der  neuen  Bearbeitung  der  röiiL 
Geschichte  die  Abstammung  der  Völker  ron  ein- 
ander auf  eine  überraschende  Art,  wenn  nicht  durch- 
aus, doch  für  das  geschichtliche  Dasejn  geleugnet 
u.  von  Anfang  her  besondere  Naturen  der  verwandten 
Völker  behauptet! 

Mir  ist  alles,  was  ohne  Ernst  getrieben  wird, 
allzeit  von  Grund  der  Seele  zuwider  gewesen  und 
doch  aus  einer  Caprize  meiner  Natur  habe  ich  allzeit 
Lust  empfunden,  das  ernsthafteste,  was  ich  mir  aus- 
gedacht, in  einem  halben  Scherz  auszudrücken,  so 
wie  es  mir  immer  vorkam,  als  müszte  ich  einem 
ernsten  Gespräch  durch  eine  scherzhafte  Wendung 
hier  u.  da  so  zu  sagen  Luft  machen,  damit  es  be- 
stehen u.  fortdauern  könne.  Ich  glaube  es  war  eine 
Art  Angst,  ic|i  möchte  bei  dem  bloszen  Ernst  die 
Herrschaft  über  die  Sache  verlieren  und  genöthigt 
werden,  mich  auf  Discretion  zu  ergeben  und  das 
wollte  ich  nicht,  ich  weisz  in  der  That  nicht,  ob 
ich  diese  Furcht  loben  oder  tadeln  soll,  aber  idi 
kann  sie  nicht  los  werden  und  musz  meiner  Natur 
nachgeben. 


y  Google 


1827  XIV.  W.  Grimm  an  SDabedissen.  251 

Ich  schreibe  hier  noch  ein  paar  Worte  an  Marie. 
Liebes  Mariechen,  die  Dortchen  dankt  dir  herzlich 
ffir  deinen  Brief  und  die  freundschaftliche  Gesinnung, 
die  sich  darin  ausspricht,  sie  erwidert  für  diesmal 
nur  die  letztere  und  bittet  dich  darin  fortzufahren. 
Den  Gürtel  hat  sie  nun  seinem  Schicksal  überlaszen 
und  will  warten,  bis  die  Reihe  der  Mode  wieder 
einmal  an  dieses  Zeug  kommt,  ich  bin  aber  ungewisz 
ob  wir  das  erleben,  denn  der  menschliche  Geist  ist 
reich  an  neuen  Erfindungen,  besonders  wenn  es  auf 
solche  Lumpereien  hinausgeht.  Lehne  u.  Hann- 
chen  kommen  dann  und  wann,  aber  Schlag  acht 
müszen  sie  zu  Hause  seyn,  weil  der  Bruder  ein 
rfrenger  Herr  ist.  Könntest  du  doch  einmal  mit 
dem  alten  Mann  dazu  kommen,  das  sollte  uns  freuen, 
denn  ich  brauche  nicht  erst  das  Ende  des  Briefs  ab- 
zuwarten um  dir  zu  sagen,  dasz  ich  euch  herzlich 
lieb  habe,  sondern  kann  es  zu  jeder  Stunde.  Einen 
schönen  Grusz  an  die  Mutter,  den  an  den  Vater  be- 
sorge ich  selbst  noch. 

Leben  Sie  wohl,  liebster  Freund,  bleiben  Sie  ge- 
sund nnd  behalten  Sie  mich  lieb 

Wilh.  Grimm. 


Ich  sende  den  Brief  erst  heute  den  30  fort. 
Gestern  Abend  waren  die  beiden  Kinder  bei  uns,  sie 
sind  wohl  u.  waren  munter,  auch  Lehne  war  heiterer 
ab  sonst,  Hannchen  klagt  nur  dasz  sie  gar  zu 
früh  aufstände.  Meinen  Sie  nicht  auch,  dasz  es  für 
ihre  Gesundheit  beszer  wäre,  wenn  sie  sich  nicht  zu 


y  Google 


252  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  18^ 

sehr  anstrengte,  denn  mich  greift  nichts  mehr  an, 
als  wenn  ich  mir  Schlaf  abziehen  musz.  Ich  habe 
ihr  gesagt,  ich  wollte  sie  bei  Ihnen  deshalb  tct- 
klagen. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg. 

U5. 

Gasse]  7.  Jan.  1828. 

Liebster  Freund  meine  Glückwünsche  zu  dem 
neuen  Jahre  kommen  ein  paar  Tage  zu  spät,  aber 
sie  sind  nicht  weniger  herzlich.  Ich  wollte  Ihnen 
gerne  eine  gute  Nachricht  mittheilen  u.  zögerte  des- 
halb, dafür  kann  ich  es  auch  wirklich  u.  mit  freu- 
digem Herzen  thun.  Gestern  Morgen  um  11  Uhr 
hat  meine  liebe  Dortchen  einen  gesunden,  starken 
u.  hübschen  Knaben  geboren  u.  befindet  sich  so 
wohl,  als  es  nur  immer  möglich  ist.  Sie  hat  nicht 
so  viel  als  das  vorige  mal  dabei  gelitten  und  war 
durch  einen  guten  Schlaf  in  der  vorhergehenden 
Nacht  gestärkt.  Das  Kindchen  gleicht  sehr  dem 
verstorbenen,  indem  uns  also  Gottes  GHite  diesen 
Verlust  ersetzt,  dessen  Erinnerung  uns  noch  diese 
Weihnachten  u.  Neujahr  traurig  stimmte  u.  einsam 
zubringen  machte,  hoffen  wir  von  derselben  Crfite, 
dasz  sie  uns  das  neue  Geschenk  erhalten  wird. 

Durch  die  Bann chen,  die  uns  nicht  vergiszt 
haben  wir  von  Zeit  zu  Zeit  Nachricht  von  Ihnen 
gehabt,  Ihre  Gesundheit  liebster  Freund,  ist  doch 
leidlich  gewesen  u.  wenn  ich  das  Recht  hätte,  von 
Ihnen  etwas  zu  erbitten,  so  wäre  es  das  Versprechen, 


y  Google 


1828  XIV.     W.  Grimm  an  Snabedissen.  263 

in  dem  neu  aiig6treten[en]  Jahr  sich  selbst  u.  Ihre 
Eiafte  etwas  mehr  zu  schonen.  Ich  glaube  die 
Ihrigen,  Ihre  Freunde  u.  Schüler  verdienten  diese 
Soigblt 

Grüszen   Sie  mir   die  Ihrigen   auf  das  Neujahr 
zum   schönsten.    Wie    oft  habe   ich  mich  gesehnt^ 
ein  paar  Stunden  in  Ihrer  Mitte  wieder  zuzubringen, 
aber  es  war  auf  keine  Weise  einzurichten.    Gesund 
sind    wir    übrigens    gewesen,    nur    mein    ältester 
Bruder   hat   in  der  letzten  Zeit  an   einem  hart- 
nackigen Gatarrh  gelitten,  der  noch  nicht  ganz  vor- 
fiber  ist  und  ihn  schon  5  Wochen  zu  Hause  hält. 
Man  wird  bei  den  unerwarteten  Todesfallen,  die  wir 
erlebt  haben  gar  zu  leicht  besorgt,  das  Scharlach- 
fieber zumal   hat  hier  seinen  Sitz  aufgeschlagen  u. 
sucht  sich  jede  Woche  Opfer  imter  den  gesundesten 
Eindem;  fOr  meinen  kleinen  NeflFen  waren  wir  auch 
in  Angst,   doch  ist  er  mit  einer  leichtem  Krankheit 
davon  gekommen.    Im  Septbr  hat  meine  Schwester 
den  zweiten  Knaben  zur  Welt  gebracht.   Mich  freut 
dasz  Marie  allmählig  mittheilender  wird,  das  gute 
Herz,  ich  habe  sie  immer  in  ihrem  Wesen  anerkannt 
und  lieb   gehabt.    Ich  fand  aber  schon  wie  sie  das 
letetemal  hier  war,  dasz  sie  sich  weniger  zurückhielt 
u.   ich    zweifle  nicht,   es  wird  sich  alles  zu  Ihrer 
Freude  u.  ihrem  eignen  Glück  ausgleichen.  —  Ich 
fürchte   der  guten  Lene  wird  schwerer  zu  helfen 
sqrn,   und  doch  wünschte  ich  es  so  sehr,   wir  alle 
haben  sie  so  gerne  gehabt,  wie  sie  hier  war.   Aber 
sie  wird  allzustark  von  einigen  Ideen  beherrscht  u. 
kann  über  die  Mauer,  die  sie  selbst  um  sich  gebaut 


y  Google 


254  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1828 

nicht  mehr  hinüber  schauen,  ja  sie  arbeitet  selbst 
an  der  Befestigung  derselben.  Elise  grüszen  Sie 
mir  besonders,  ich  weisz  dasz  das  Christkindchen 
sich  diesmal  weltlich  gezeigt  u.  ihr  ein  Ballkleid 
geschenkt  hat.  Wenn  sie  nur  nicht  zuviel  tanzt 
Hat  sie  denn  noch  die  Liebhaberei  am  sauem? 
Wenn  ich  auch  in  Gefahr  komme,  ihr  zu  misz- 
fallen,  ein  sauer  Gesicht  werde  ich  ihr  doch- niemals 
machen. 

Noch   einmal:    herzliche   Liebe  u.  Freundschaft 
auch  in  diesem  Jahr 

Ihr  treuer  Wilh.  Grimm. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg. 


ue. 

Cassel    10.  July  1828. 

Liebster  Freund,  Ihren  liebevollen  Brief  hat  mir 
Hr.  Münscher  überbracht  und  mir  die  Nachricht 
über  Ihr  Befinden,  die  ich  schon  durch Hannchen 
empfangen  hatte,  bestätigt,  doch  mit  dem  Zusatz, 
dasz  er  Sie  in  den  letzten  Tagen  wieder  beazer  ge- 
funden habe.  Möge  das  wahr  seyn  und  Sie  auf 
diesem  guten  Wege  fortschreiten.  Wie  emstlicli 
Sie  sich  muszten  angegriffen  fühlen,  konnte  ich  mir 
schon  daraus  abnehmen,  dasz  Sie  Ihre  Collegia  aas- 
zusetzen sich  genöthigt  sahen  u.  Ihre  Graste  nicht 
auf  dem  Spaziergange  begleiteten.  Ich  habe  Ver- 
trauen auf  die  schon  oft  bewährte  Kraft  ihrer  Natur, 
sich  zu  einem  leidlichen  Grade  wieder  herzustellen; 


y  Google 


1828  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  255 

and  ich  glaube  dieser  würde  sich  länger  erhalten  u. 
beszer  starken,  wenn  Sie  sich  dann  u.  wann  nicht 
zu  yiel  zumutheten.  Meine  Gedanken  und  die  herz- 
lichsten Wünsche  treuer  Freundschaft  sind  in  dieser 
Zeit  stets  bei  Ihnen  gewesen,  ich  würde  vielleicht 
den  ersten  Vorsatz,  Sie  zu  Ende  dieses  Monats 
(denn  wenn  Sie  hier  sind,  kann  ich  mich  doch  nur 
immer  halb  Ihrer  Gegenwart  freuen  und  das  ist  sehr 
natürlich)  zu  besuchen,  ausgeführt  haben  aber  ich 
bedachte,  dasz  Ihnen  Anregung  irgend  einer  Art, 
lebhaftere  Rede,  gerade  bei  einem  Husten  wenig 
zuträglich  seyn  würde,  und  habe  es  mir  auf  den 
Herbst  verspart.  Zudem  würde  ich  doch  Frau  u. 
Kmd  nicht  ohne  alle  Besorgnisse  verlassen  haben, 
das  Kind  nimmt  zwar  zu,  ist  freundlich  u.  sehr 
lebendig,  aber  von  Zeit  zu  Zeit  kommen  Zufalle,  die 
seine  Gesundheit  stören  u.  seiner  Natur  etwas  deli- 
cates  verleihen.  Eben  ietzt  hat  es  den  Husten  und 
wir  müszen  befürchten,  dasz  ein  Keichhusten  daraus 
entsteht,  die  gute  Dortchen,  die  sich  bei  der 
Pflege  verkältet  hatte,  lag  ein  paar  Tage  zu  Bett 
und  auch  mit  meines  ältesten  Bruders  Beszerung 
hat  es  nicht  so  raschen  Fortgang,  wie  wir  wünschen ; 
die  übergrosze  Hitze  mag  ihm  auch  nicht  zuträglich 
seyn- 

Wenn  Sie  Lust  haben,  etwas  zu  Ihrer  Erholung 
zu  lesen,  so  laszenSie  sich  Lenzens  Werke  holen,- 
die  Tieck  so  eben  gesammelt  und  herausgegeben 
hat  Er  hat  eine  Einleitung  dazu  geschrieben,  die 
aLb  ein  besonderes  Buch  gelten  könnte  und  worin 
geistreiche  Dinge  über  Göthe,  sein  erstes  Auftreten 


y  Google 


256  ^^^-  ^'  Grimm  an  Snabedissen.  1828 

u.  seine  Wirkung  auf  deutsche  Bildung  gesagt  sisd. 
Auch  einiges  über  das  YerhältnisE'der  Philosophie 
zur  Poesie  kommt  darin  Tor  und  ich  möchte  wohl 
wiszen,  wie  Sie  darüber  urtheilen,  mir  hat  es  nicht 
miszüallen  und  hier  u.  da  habe  ich  meine  eigene 
Meinung  ausgedrückt  gefunden.  Dieser  Lenz  ist  ein 
wunderlicher  Mensch  gewesen,  neben  widerwutigeii, 
ganz  imerträglichen  Dingen,  die  schönste  und  an- 
muthigste  Poesie;  gereizt  hat  er  mich  immer. 
Hegels  Rec.  von  Solger  und  eine  ganze  Periode 
der  deutschen  Litteratur  habe  ich  mit  Theilnahme 
gelesen,  eigene  Gedanken  frei  und  mit  Lebhaftigkeit 
ausgedrückt,  nur  im  Ganzen  ist  seine  Ansicht  tchi 
der  Poesie  nicht  die,  welche  ich  habe,  gegen  Ti eck 
ist  er  imbillig,  dem  müszte  man  andere  Vorwürfe 
machen,  wenn  man  ihn  tadeln  wollte. 

Grüszen  Sie  mir  Ihre  Frau  und  die  lieben  Kinder 
von  uns  beiden.  Sorgen  Sie,  dasz  wir  bald  gute 
Nachricht  von  Ihnen  bekommen,  niemand  wird  sich 
herzlicher  darüber  freuen,  als  wir. 

Ihr  treuer  Wilh.  Grimm. 

An  Herrn  Ho&ath  Snabedissen  in  Marburg. 


U7. 

Liebster  Freund, 

Ich  würde  Urnen  die  Antwort  auf  Ihre  freund- 
liche Einladung  in  Person  überbracht  haben,  wenn 
ich  nicht  erst  die  Rückkehr  Volk  eis,  welcher  eine 


y  Google 


1^  XIV.  W.  Grimm  an  Süabedissen.  257 

antiqaarische  Reise  in  die  Rheingegenden  macht,  u. 
einen  Besnch  den  Be necke  von  Oöttingen  ange- 
kfindigfc  hat,  abwarten  mfiszte.  Jene  wird  zu  Ende 
dieser  Woche  erfolgen  u.  Benecke,  der  nur  einen 
Tag  hier  bleiben  kann,  kommt  wohl  in  dieser  Zeit, 
oder  doch  bald  hernach,  so  dasz  ich  in  künftiger 
Woche  Herr  einiger  Tage  zu  werden  hoffe,  die  ich 
mich  bei  Ihnen  zuzubringen  herzlich  freue.  Möchte 
ich  Sie,  herzlich  geliebter  Freimd,  so  wohl  finden, 
als  ich  wünsche.  Habe  ich  Zeit,  so  melde  ich  Ihnen 
vorher  meine  Ankunft,  aber  leicht  ist  es  möglich, 
dasz  ich  mich  des  Eilwagens  nicht  bediene,  da  ich 
von  einer  Gelegenheit  gehört  habe,  die  nachFrank- 
fnrt  geht  u.  die  ich  benutzen  kann. 

Mit  dem  Kinde  geht  es  ziemlich  gut,  auch  mit 
meinem  Bruder.  Einstweilen  die  herzlichsten  Ghrüsze 
an  Sie  und  das  ganze  Haus. 

Ihr  treuer  Wilh.  örimm. 

C.  11.  Septbr.  1828. 
An  Herrn  Hofrath  n.  Prof.  Snabedissen  in  Marbmrg. 

U8. 

Liebster  Freund,  ich  musz  meine  Reise  zu  Ihnen 
noch  auf  acht  Tage  aufschieben  und  werde  schwer- 
lich vor  dem  5.  k.  M.  bei  Ihnen  eintreffen  können. 
Völkel  ist  zwar  zurück,  aber  der  götting.  Besuch 
noch  nicht  angelangt,  und  ich  glaube  nun,  dasz  er 
bis  zum  2  oder  3ten  ausbleibt,  obgleich  er  früher 
zu  kommen  versprochen  hatte.  Ich  hoffe,  dasz  das 
Wetter  sich  hält,  denn  bis  zur  Mitte  Octbrs.  pflegt 

E.  Stenge].    Briefe  der  Brüder  Orimm.  17 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


258  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  1^ 

es  standhaft  zu  seyn.  Ich  denke  bei  den  schönen, 
milden  Tagen,  die  wir  als  Ersatz  für  den  trüben 
Sommer  erhalten,  oft,  wie  wohlthätig  Ihnen  diese 
Luft  seyn  musz.  Indessen  habe  ich  auch  durch  Hil 
Landgrebe  örüsze  von  Ihnen  u.  die  besten  Nach- 
richten von  Ihrem  Befinden  erhalten;  er  wenigstens 
hielt  Sie  für  hergestellt  und  so  kann  ich  michdami 
mit  voller  Freude  auf  den  Weg  machen. 

Ihr  treuer  W.  G. 
Gas  sei  28.  Septbr.  1828. 

Es  bleibt  dabei,  dasz  ich  meine  Ankunft  noch 
melde,  falls  ich  mich  auf  den  Eilwagen  setze. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg. 

U9. 

Liebster  Freund,  ich  melde  Ihnen  meine  glück- 
liche, gestern  Mittag  um  2  Uhr  erfolgte  Ankunft 
und  wiederhole  meinen  herzlichen  Dank  für  die 
liebreiche  und  freundschaftliche  Aufnahme,  die  mir 
vier  vollkommen  heitere  und  glückliche  Tage  ge- 
schenkt hat.  Ich  habe  hier  alles  gesund  und  wohl 
gefanden  und  das  liebe  Kind  in  der  Zeit  meiner 
Abwesenheit  so  kurz  sie  war,  doch  sichtbar  weiter 
entwickelt.  Möge  auch  Gott  Sie  so,  wie  ich  sie 
verlaszen  habe,  in  ungestörter  Gesundheit  erhalten. 
Die  Dortchen  u.  der  Jacob,  denn  den  Mahler 
fand  ich  verreist,  grüszen  Sie  alle  mit  mir  auf  das 
schönste 

Ihr  treuer  Freund  Wilh.  Grimm. 


y  Google 


1829  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedisaen.  259 

Sagen  Sie  Ihrer  Schwester  dasz  es  mir  leid 
gethan  habe,  Sie  nicht  noch  einmal  gesehen  zu 
haben;  ich  wollte  absichtlich  durch  keinen  Besuch 
Ihre  Betrachtung  über  das  arme  kranke  Kind  neu 
anregen. 

Noch  eine  Bitte:  findet  sich  dort  auf  der  Biblio- 
thek Lazins  de  gentium  migrationibus  Basti,  1577, 
80  bitte  ich  mir  das  Buch  auf  acht  Tage  herzu- 
senden. In  Göttingen  ist  es  nicht.  Aber  es  musz 
diese  Ausgabe  von  1577  seyn,  nicht  die  Francof. 
1600,  welche  wir  hier  haben;  gibt  es  noch  eine 
dritte,  wovon  ich  nichts  weisz,  so  nähme  ich  diese 
aach.  Es  hat  keine  Eile,  wenn  es  in  3  Wochen 
geschieht  ist  es  noch  Zeit. 

Cassel  18.  Octbr  1828,  welchen  Tag  die  heutige, 
schöne  Sonne,  wenn  auch  allein,  aufs  beste  feiert. 

An  Herrn  Professor  Snabedissen  in  Marbur;:^. 


120. 

Die  freundschaftlichsten  und  herzlichsten  Grtlsze 
an  Sie  und  die  Ihrigen,  liebster  Freund;  ^möchten 
Sie  das  ganze  Jahr  so  heiter  und  wohl  verleben, 
als  ich  Sie  verlaszen  habe!  Von  einer  abermals 
eingetretenen  Störung  Ihrer  Gesundheit  schreiben 
Sie  mir  selbst,  u.  hörte  ich  auch  von  andern,  aber 
doch  auch  wieder  von  Beszerung  und  ich  hoffe,  die 
im  Ganzen  milde  Witterung  dieses  Winters  ist  Ihnen 
dabei  zuträglich  gewesen.  Uns  allen  geht  es  leid- 
lich und  da   man   über  Kleinigkeiten  nicht  klagen 

17* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


260  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedisaen.  1829 

sollte,  musz  ich  sagen  wohl.  Das  Kind  wächst,  ist 
munter  u.  macht  Anstalt  zu  sprechen,  doch  ist  der 
Geist  willig,  aber  das  Fleisch  schwach,  es  lösen  sich 
alle  Versuche  in  ein  paar  ähnliche  Laute  auf.  In 
ein  paar  Tagen  ist  es  ein  Jahr  alt. 

Hannchen  hat  nun  ihr  neues  Yerhaltnisz  an- 
getreten, ich  hoffe,  dasz  es  ihr  leidlich  ergehen  wird. 
Wie  ich  merke,  hat  sie  die  Absicht  sich  ernsthafter 
an  das  Mahlen  zu  halten.  Hat  sie  wirklich  Talent, 
nicht  blosz  zum  Copiren  sondern  zum  Auffaszen  der 
Natur  u.  bringt  sie  es  dahin  ähnliche  Portraite  zu 
mahlen,  so  würde  das  allerdings  ihre  Lage  ver- 
beszem.  Ich  habe  noch  gar  nichts  von  ihr  gesehen, 
was  ein  XJrtheil  darüber  erlaubt  hätte. 

Ich  arbeite  fleiszig  an  einem  Buche,  das  znm 
Theil  die  älteste  Geschichte  der  deutschen  Poesie 
behandelt,  aber  fast  lauter  Untersuchung,  wenig 
Darstellung,  imd  ich  weisz  nicht,  ob  ich  den  Hntii 
haben  werde,  es  Ihnen  zuzusenden. 

Der  arme  Prof.  Scheidler  von  Jena  ist  wieder 
zu  Besuch  hier,  die  Ärzte  haben  ihm  nun  auch  den 
Gebrauch  des  Hörnchens  untersagt  u.  eine  schrift- 
liche Unterredung  behält  immer  ihr  gezwungenes  n. 
unfreies.  —  Wie  geht  es  denn  mit  Gerlings  Kinde, 
wie  oft  bedauern  wir  die  armen  Eltern. 

Noch  einmal  von  uns  allen  die  herzlichsten 
Grüsze,  und  die  Versicherung  treuer,  unwandelbarer 
Liebe 

Ihr  Wilh.  Grimm. 
Cassel  2.  Jan.  1829. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marborg. 


y  Google 


1829  XrV.   W.  Grimm  an  Saabedissen.  261 

121. 

CasBel   7.  Mai  1829. 

Meine  Gedanken  sind  in  diesen  Tagen  viel  bei 
Ihnen  gewesen,  liebster  Freund,  und  ich  hatte  ein 
grosses  Verlangen,  Sie  zu  sehen,  wenigstens  etwas 
Ton  Ihnen  zu  hören.  Wäre  es  nicht  mit  den  un- 
ertrilglichsten  Weitläuftigkeiten  verknüpft,  so  würde 
ich  ein  paar  Tage  in  diesen  Ferien  zu  Ihnen  ge- 
kommen seyn.  Dr.  Landgrebe  gab  mir  vor 
einigen  Wochen  die  besten  Hoffnungen  für  Ihre 
Wiederherstellung,  von  andern  hörte  ich  später,  dasz 
Sie  sich  durch  Ihre  Vorlesungen  allzusehr  angegriffen 
und  mit  den  Folgen  davon  zu  kämpfen  hätten. 
Möchte  sich  das  Wohlbefinden  bald  u.  so  gut,  wie 
vorigen  Herbst  wieder  einfinden  und  möchten  Sie 
es  dann  durch  einige  Grade  Sorgfalt  und  Rücksicht 
mehr  fester  halten.  Alles,  was  Sie  betrifft,  liebster 
Freund,  geht  mir  zu  Herzen,  den  Tod  Ihrer  Mutter 
hatte  ich  mit  Theilnahme  vemonmien.  Ich  kann  sie 
mir  aof  das  lebhafteste  vorstellen  und  ihre  heitere 
Freundlichkeit  und  Geistesfestigkeit  hatte  mir  gleich 
damals,  als  ich  sie  sah,  einen  Eindruck  gemacht, 
den  ich  nie  vergessen  werde.  Auch  meine  Mutter 
hatte  etwas  ähnliches  in  ihrem  Wesen,  aber  ihr 
sdiwächlicher  Körper  hat  ihr  kein  so  hohes  Alter 
gestatte.  Ich  träume  noch  oft  von  ihr,  sitze  neben 
ihr  und  halte  ihre  magre  aber  sanfte  Hand  in  der 
meinigen. 

Ich  habe  Ihr  Buch  nach  und  nach  durchgelesen 
und  es  hat   mich  gereitzt,   auch  einen  Theil  des 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


262  XIV.    W.  Grimm  an  Suabedissen.  1829 

gröszern  Werkes  wieder  durchzulesen.  Ich  danke 
Ihnen  dafür  und  für  die  vielfache  Belehrung,  die 
ich  daraus  genommen  habe.  Wenn  jedermann  die 
Philosophie  da  suchte,  wo  Sie  sie  finden,  so  wäre 
alles  gut.  Aber  ist  es  nicht  betrübt,  dasz  Krug, 
der  da  meint,  den  Geist  des  Weins  verdanke  man 
dem  Faszbinder,  mit  dem  was  er  Philosophie  nennt, 
so  groszen  Beifall  findet  und  er  sogar  mit  einem 
Philosoph.  Wörterbuch  dem  wahren  Bedürfiiisz  unter 
die  Arme  greifen  darf?  Scheidler,  der  zu  Weih- 
nachten hier  war  und  Sie  auf  das  freundschaftlichste 
grüszen  läszt,  hat  mir  gleicherweise  merkwürdige 
und  artige  Züge  von  der  Päbstlichen  Gewalt  Hegels 
erzählt.  Ich  soll  Scheidler  bei  Ihnen  entschuldigen, 
dasz  er  sein  Versprechen  eines  Besuchs  nicht  ge- 
halten, er  gebraucht  ein  Bad,  als  abermaligen  Ver- 
such, sein  Gehör  wieder  herzustellen;  selbst  das 
Hörnchen  darf  er  nicht  mehr  anwenden.  Doch  hat 
ihm  die  Philosophie  Ruhe,  selbst  Heiterkeit  des 
Lebens  gegeben. 

Die  Meinigen  sind  diesen  Winter  über  ziemlich 
wohl  gewesen,  nur  Ludwig  und  ich  wir  haben 
lange,  ich  6  Wochen  ununterbrochen  an  absdieu- 
lichem  Gesichtsschmerz  gelitten,  bei  welchem  ich  oft 
alle  vorräthige  Geduld  habe  zusetzen  müszen. 

Frl.  V.  Scheel  hat  um  ihren  Abschied  angesucht 
u.  ihn  erhalten.  Sie  kommt,  wie  ich  höre,  in  diesen 
Tagen  hierher,  um  späterhin  mit  ihrer  Mutter  Cassd 
ganz  zu  verlassen.  Sie  hat  an  der  Seite  dieser  er- 
blindeten, meist  übellaunigen  Frau  viel  zu  leiden  u. 
empfindet   das   bei    einem   von    Natur   beweglichen 


y  Google 


1829  XIV.   W.  Grimm  an  Saabedissen.  263 

Geist  doppelt.  Auch  die  andere  Hofdame  Frl. 
T.  Gräffendorf  hat  Erlaubnisz  erhalten,  ihre 
Schwester  hier  zu  besuchen,  ihre  Anwesenheit  scheint 
also  dort  fttrs  erste  nicht  nöthig. 

Die  herzlichsten  Grüsze   an  das  ganze  Haus  und 
treue  Liebe  von 

Ihrem 
Wilh.  Grimm. 

An  Herrn  Professor  Suabedissen  in  Marburg. 


122. 

Cassel  13.  August  1829. 

Liebster  Freund,  die  gute  Hannchen  musz 
mich  miszverstanden  haben.  Meine  Besorgnisz  war, 
ein  Besuch  möchte  Ihnen,  wie  jede  äuszere  An- 
regung, schädlich  werden,  da  ich  aus  eigener  Er- 
fahrung weisz,  wie  leicht  man  in  einem  solchen 
Falle  von  einer  Kleinigkeit  bewegt  wird.  Nun  ich 
mit  herzlicher  Freude  die  Nachricht  von  Ihrer  Ge- 
nesung empfange,  die  mir  so  eben  auch  ein  Brief 
meines  Bruders  bestätigt,  so  halte  ich  gerne  Wort 
und  damit  mir  nicht  etwa  ein  Hindemisz  dazwischen 
kommt,  so  komme  ich  vielleicht  schon  in  wenig 
Tagen.  Es  kann  seyn  bis  Sonntag  Abend,  in  jedem 
FaUe  die  künftige  Woche.  Da  ich  nicht  mit  der 
Eilpost  reise,  sondern  mit  einem  Bekannten  aus 
Frankfurt,  so  denke  ich  in  guter  Zeit  bei  Ihnen 
einzutreffen,  zwischen  6  bis  8  Uhr  Abends;  länger 
dürfen  Sie  nicht  warten.  Leider  kann  mich  die 
Dortchen    nicht    begleiten ;     auch     wird    F  r. 


y  Google 


264  XrV.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  1829 

V.  Witzleben  ersfc  zu  Anfang  des  Septbrs.  zurück- 
kehren. Da  ich  ein  paar  Tage  bei  Ihnen  allein  n. 
ungestört  zubringen  möchte,  so  bitte  ich  dort  nie- 
manden etwas  von  meiner  Ankunft  zu  sagen.  Herz- 
liche Grüsze,  bis  ich  Sie  selbst  mit  groszer  Liebe 
und  Freundschaft  umarme    Ihr  Wilh.  Grimm. 

An  Herrn  Professor  Snabedissen  in  Marburg. 


128. 

Cftssel  22.  Angust  1829 

Gestern  Mittag  um  halb  3  Uhr,  bin  ich,  liebster 
Freund,  bei  den  Meinigen  gesund  wieder  angelangt 
und  habe  alle  gleichfalls  gesund  und  heiter  wieder- 
gefunden. Die  Reise  war  die  paar  ersten  Stationen 
wegen  einer  ziemlich  engen  u.  schlechten  Beichaise 
etwas  beschwerlich,  hernach  ging  es  beszer.  Unter 
den  Reisegefährten  war  auch  die  Schwester  der  Frau 
P 1  a  t  n  e  r ,  wenigstens  vermuthe  ich  es ,  denn  ich 
fand  mich  nicht  gestimmt,  etwas  anders,  als  ihre 
entfernte  Bekanntschaft  zu  wünschen.  Wie  Marie 
voraussagte ,  das  Wetter  ist  heute ,  ganz  gegen  alle 
Gerechtigkeit,  gut  geworden;  ich  rathe  ihr  nur  des- 
halb nicht  den  bekaimten  Schlusz  zu  machen  u.  sie 
irrt  sich  auch,  wenn  sie  hofft,  ich  würde  mich  da- 
durch abhalten  lassen  wieder  zu  kommen,  sollte 
auch  der  Weg  länger  geworden  seyn. 

Noch  einmal  herzlichen  Dank  für  so  yiele  Liebe 
und  Freundschaft  ich  habe  sie  mehr  gefühlt  und  ich 
bin  mehr  gerührt  dadurch  als  ich  ausdrücken  kann. 


y  Google 


1829  XIV.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  265 

Über  Ihre  GesuDdheit  bin  ich  beruhigt  u.  ich  denke 
schon  ietzt  an  ein  fröhliches  Wiedersehen 

Ihr  treuer  Wilh.  Grimm. 
An  Herrn  Hofrath  Snabedissen  in  Marburg. 

124. 

Cassel  1.  Nov.  1829. 

Grosze  Frende  haben  Sie  mir  durch  Ihr  Bildnisz 
gemacht,  liebster  Freund,  das  ich  schon  längst  zu 
besitzen  gewünscht  habe.  Es  ist  recht  gut  und  viel 
beszer,  als  ich  erwartet  habe,  es  fehlt  ihm  weder 
Geist  noch  Ausdruck  und  wenn  das  Technische  ein 
wenig  freier  gehalten  wäre,  so  würde  ich  es  nicht 
beszer  wünschen.  Dasz  man  Ihre  damalige  Kränk- 
Uchkeit  darin  erblickt,  stört  mich  nicht,  es  hat  dem 
eigentlichen  Ausdruck  nicht  geschadet,  mir  aber 
bleibt  die  Freude,  Sie  seitdem  wieder  frischer  u. 
rüstiger  gesehen  zu  haben. 

Auch  für  das  Buch  einstweilen  herzlichen  Dank, 
ich  werde  es  lesen,  sobald  ich  Zeit  u.  Stimmung 
daftr  finde.  Stünden  nur  meine  Kräfte  mit  meiner 
Neigung  im  Yerhältnisz.  Manchmal  lebe  ich,  wie 
ein  reicher  Mann  und  mache  geistigen  Aufwand, 
dann  aber  schlagt  mir  das  Gewissen  und  ich  fühle, 
dasz  ich  nicht  Capital  genug  besitze  und  ein- 
geschränkt mich  halten  musz.  Ich  freue  mich  auf 
Ihre  Religionslehre,  denn  ich  möchte  gerne  einmal 
die  wichtigste  Angelegenheit  des  Lebens  Ton  jemand 
betracJitet  sehen,  der  beides  hat  Glauben  und  Frei- 
heit der  Seele. 


y  Google 


266  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1832 

Vor  einigen  Tagen  ist  die  förmliche  Vocation 
von  Hannover  angelangt,  vorigen  Donnerstag  Mittag 
reichten  wir  ein  Gesuch  um  Entlassung  ein  und  am 
Freitag,  vorgestern,  war  es  schon  bewilligt  Ich 
verlasse  Cassel  mit  bitterm  Schmerz,  den  gröszten 
Theil  meines  Lebens  habe  ich  hier  zugebracht, 
Mutter,  Kind  und  die  liebsten  Verwandten  liegen 
hier  begraben.  Von  Ihnen  entferne  ich  mich  nur 
scheinbar,  denn  es  wird  mir  leichter,  Sie  zu  be- 
suchen und  auch  Sie  entschlieszen  sich  wohl  eher 
nach  Göttingen  zu  kommen.  Gott  erhalte  Sie  u. 
mir  Ihre  Liebe 

Wilh.  Grimm. 
An  Herrn  Professor  Suabedissen  in  Marburg. 


125. 

Göttingen  13.  März  1832 

laicht  blosz  des  Glückes  der  guten  Elise,  auch 
des  Ihrigen  habe  ich  mich  gefreut,  herzlich  geliebter 
Freund,  weil  es  Ihnen  so  wohlthuend  und  beruhigend 
seyn  musz,  Ihre  Kinder  dem  Herzen  so  braTer 
Männer  übergeben  zu  können  und  sie  beide  in  Ihrer 
unmittelbaren  Nähe  fortwährend  zu  behalten.  Mögt 
Gottes  Hand  über  ihnen  walten!  Ich  fr^ue  midii 
Sie  alle  einmal  wiederzusehen,  sollte  es  auch  ent 
seyn,  wenn  ich  beide  als  Frauen  begrüszen  kann, 
denn  da  mein  Bruder  einer  literar.  Arbeit  wegen  in 
den  Ferien  nach  Heidelberg  reist,  so  wird  für  miA 
keine  Zeit  zu  einem  Ausfluge  abfallen. 


y  Google 


18^  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  267 

Für  Ihren  letzten  Brief  tabe  ich  noch  nicht  ge- 
dankt und  doch  hat  es  mich  gerührt^  als  ich  sah, 
dasz  er  in  Zwischenramnen  geschrieben  war  und  Ihr 
Befinden  Ihnen  nicht  erlaubt  hatte,  daran  zu  bleiben. 
Das  sollen  Sie  nicht  thun,  liebster  Freund,  u.  mir 
nicht  anders  schreiben,  als  wenn  Sie  es  in  Behag- 
lichkeit thun  können. 

Vorgestern  ist  der  Deputirte  der  Universität  zum 
Landtage  gewählt  worden  und  die  Wahl  mit  groszer 
Stimmenmehrheit  auf  Dahlmann  gefallen.  Er 
wird  also  den  Sommer  über  in  Hannover  bleiben 
und  80  sehr  mich  die  Wahl  an  sich  freut,  die  keinen 
bessern  hätte  treffen  können,  so  wei*den  wir  ihn 
doch  ungern  entbehren,  denn  er  ist  gerade  unser 
nächster  Freund,  den  wir  hier  haben.  Es  ist  viel 
guter  Wille  in  Hannover,  auch  bei  denen,  die  etwas 
zu  sagen  haben,  aber  es  ist  eine  alte  Erstarrung  u. 
Verrostung  zu  tiberwinden,  und  dann  ist  der  Adel 
nicht  geneigt,  die  groszen  Vorzüge,  die  er  in  Händen 
hat,  abzugeben.  Die  wohlwollende,  milde  u.  ver- 
ständige Weise  des  Herzogs,  so  wie  sein  Charakter, 
werden  von  jedermann  anerkannt. 

Lesen  Sie  die  Hannoversche  von  Pertz  redigirte 
Zeitung?  Bei  ihrer  Entstehung  hat  keins  der  ge- 
wöhnlichen Motive  gewirkt,  sie  ist  in  guter,  edler 
Absicht  und  mit  vollkommener,  innerer  u.  äuszerer, 
Unabhängigkeit  unternommen.  So  gesund  u.  tüchtig 
die  Ansicht  ist,  die  ihr  zu  Grunde  liegt,  so  soll  doch 
jeder  redlichen  Überzeugung  das  Wort  gegönnt  seyn 
u-  keiner  Partei  geschmeichelt  werden,  nur  die  Bei- 
mischung jener  ätzenden  Bitterkeit,   die  meist  den 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


268  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1832 

guten  Erfolg  vereitelt,  soll  vermieden  werden. 
Haben  Sie  Lust  etwas  beizutragen,  ietzt  oder  wann 
eine  Veranlassung  sich  darbietet,  mit  ganz  freier 
Wahl  des  Gegenstandes,  so  würden  Sie  die  gute 
Sache  fördern;  ich  werde  es  mit  Vei^ügen  an 
Pertz  besorgen  oder  wenn  Sie  es  vorziehen,  sich 
mit  ihm  direct  in  Verbindung  zu  setzen,  ihn  davon 
benachrichtigen. 

Meine  Frau  und  mein  Bruder  erwidern  Ihre 
Grüsze  auf  das  freundschaftlichste.  Mich  hat  ein 
rheumat.  Fieber  8  Tage  im  Zimmer  gehalten,  scheint 
sich  aber  ietzt  zu  verlieren,  nur  ein  rheimiat.  Kopf- 
schmerz springt  noch  wie  ein  böser  Hund  auf,  tobt 
u.  bellt  u.  legt  sich  dann  wieder. 

An  alle  Bekannte  Grüsze.  Mit  treuer  u.  imver- 
änderter  Liebe 

Ihr 
Wilhelm  Grimm. 


Eine  Bitte:  Besitzen  Sie  noch  Ihre  kleinen  6e- 
legenheitsschriften  z.  B.  Wiederherstellung  des 
Cl^stenthums  durch  Luther,  das  Programm  emir 
pduci  fuerint  physiologiae  stoicarum  sedaiores  etc. 
so  machen  Sie  doch  unsrer  Bibliothek  ein  Geschenk 
damit;  wir  sammeln  dergleichen  mit  einiger  Sorg- 
falt. 

An  Herrn  Hofrath  Suabedissen  in  Marburg,  Eurhessen. 


y  Google 


■ 


1832  XrV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  269 

126. 

Göttingen  18.  October  1832 

Sie  haben  freilich  lange  nichts  von  mir  gehört, 
mein  liebster  Freund,  aber  den  ganzen  Sommer  über 
hatte  ich  mich  auf  die  Herbstferien  gefreut,  wo  ich 
ausfliegen  und  auch  Sie  zu  besuchen  und  einige  Zeit 
bei  Ihnen  zu  verweilen  gedachte.  Ich  wollte  dann 
mfindlich  nachholen,  was  ich  am  Briefschreiben  ver- 
säumt hatte.  Den  24.  Septbr.  reiste  ich  nach  Cassel 
ab,  den  2.  October  wollte  ich  weiter  und  wäre  den  3. 
Morgens  in  Ihr  Zimmer  getreten,  allein  gerade,  als 
ich  im  Begriffe  war,  einen  Platz  auf  dem  Eilwagen 
zu  bestellen,  überfiel  mich  plötzlich  u.  ohne  alle 
Einleitung  eine  Krankheit,  die  mich  8  Stimden  in 
der  üngewiszheit  liesz,  ob  nicht  die  Cholera  daraus 
werden  würde.  Das  geschah  nun  nicht,  aber  es  war 
doch  ein  heftiges  nervöses  Magenleiden,  das  mich 
sechs  Tage  im  Bette  hielt  und  erst  den  8.  Oct. 
durfte  ich  es  wagen,  die  Rückreise  hierher  anzu- 
treten, die  ich,  zur  Beruhigung  der  Meinigen,  durch- 
aus nicht  langer  aufschieben  wollte.  Ejrank  kam 
ich  an  and  bin  noch  inmier  leidend,  und  habe  gestern 
meinen  ersten  Ausgang  versucht,  indessen  geht  es 
besser  nnd  ich  bin  im  Stande,  meine  Gedanken  zu- 
sammenzufassen, was  mir  bisher  sauer  ward. 

Ich  werde  wohl  den  in  der  Schweitz  glaube  ich 
vorkonmienden  Familiennamen  „Bleibimhaus*  an- 
nehmen müssen,  denn  meine  kleinen  Reisen  sind 
alle    mit    Widerwärtigen    verbunden.      Vor    zwei 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


270  ^I^^-   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1S32 

Jahren  gelangte  ich  nicht  weiter  als  Fuld,  und  der 
Aufruhr  im  Hanauischen  nöthigte  mich  umzukehren. 
In  den  cliesjährigen  Pfingstferien  machten  wir  alle 
zusammen,  denn  meine  Frau  war  auch  dabei,  eine 
Reise  nach  Hannover,  aber  gleich  bei  der  Ankunft 
ward  ich  ziemlich  heftig  krank  und  konnte  von  den 
acht  Tagen  nur  zwei  auszer  dem  Bette  zubringen 
imd  so  habe  ich  diese  alte,  unschöne,  von  einem 
Kreis  neuer  u.  reizender  Wohnungen  umgebene 
Stadt  nur  flüchtig  gesehen.  Der  Gegend  von  da  bis 
hierher  thut  man  Unrecht,  sie  kommt  durch  einige 
sehr  anmuthige  Landschaften.  Den  übrigen  Sommer 
befand  ich  mich  ohne  Unterbrechung  wohl,  dies  zn 
beloben  nöthigte  mich  jemand  am  Tage  vor  meiner 
Krankheit,  und  der  alte  Aberglaube,  der  so  etwas 
nicht  gut  heiszt,  hat  wieder  Recht  behalten. 

Ich  habe  diesen  Sommer  über  die  Nibelungen 
gelesen,  in  zwei  Abtheilungen,  wovon  die  eine  eine 
historische  Übersicht  der  epischen  Poesie  des  Mittel- 
alters enthielt.  Für  ein  CoUegium,  das  die  Brot- 
studien nicht  berührt,  hatten  sich  doch  mehr  Zu- 
hörer eingefunden  als  ich  erwartete ;  was  mich  aber 
noch  mehr  freute,  war  die  Theilnahme  mit  der  es 
bis  zu  Ende  gehört  wurde.  Es  waren  einige  aus- 
gezeichnete, frische  u.  wohlgesittete  Menschen, 
woran  heut  zu  Tage  unter  den  Studenten  kein  Über- 
flusE  ist,  darunter.  Diesen  Winter  will  ich  über 
den  Freidank  lesen,  ein  geistreiches,  gnomolo- 
gisches  Werk,  das  im  Anfange  des  13  Jahrh.  unter 
Kaiser  Friedrich  H.  während  seines  letzten  Kreuz- 
zuges   verfast   wurde.      Es    berührt    den    sittlichen 


y  Google 


1832  XIA^    W.  Grimm  an  SuabediHsen.  271 

ZostaDd  jener  Zeit  nach  allen  Seiten  u.  erlaubt 
manche  Anknüpfung.  Eine  critische  Ausgabe  habe 
ich  diesen  Sommer  ausgearbeitet,  an  welcher  ge- 
druckt wird,  und  so  blieb  mir  neben  den  Bibliotheks- 
arbeiten oft  nicht  eine  halbe  Stunde  zu  einem 
Spaziergang  übrig. 

Ich  theile  mit  Ihnen  die  Hoffnung,  dasz  sich 
Deutschland  zu  einem  bessern  Zustande  durcharbeitet, 
weil  mein  Vertrauen  auf  den  tüchtigen  und  gesunden 
Sinn  der  Nation  zu  grosz  ist,  als  dasz  ich  fürchtete, 
er  werde  sich  irgend  einer  ausschweifenden  Richtung 
ergeben,  wie  die  unglücklichen  Franzosen  thun, 
d^en  ein  tiefgewurzelter  Egoismus  alle  wahre 
Vaterlandsliebe  ertödtet,  so  dasz  sie  in  sinnloser 
Hast  u.  Bethörung  von  einer  Idee  zur  andern  fort- 
jagen u.  wohl  mit  Erschöpfung  und  Gleichgültigkeit 
endigen  werden.  In  Hessen  hindert  zweierlei  einen 
ruhigen  und  glücklichem  Zustand:  in  sittlicher  Hin- 
sicht die  allzutief  gesunkene  Autorität,  und  da  kann 
kein  Gesetz  imd  keine  Gewalt  helfen;  die  selbst- 
süchtige Anmaszung  des  Einzelnen  zeigt  sich  schon 
auf  eine  betrübte  Weise  unter  den  Knaben  des 
Gymnasiums.  Äuszerlich  ist  entgegen  die  Spannung 
zwischen  den  Landstanden  und  der  Regierung.  Die 
Landstande  haben  viel  Gutes  gewirkt,  auch  ist  ihre 
Gesinnung  redlich  u.  achtungswerth,  ich  meine  ihrer 
Überzeugung  gemäsz  gewesen,  allein  in  der  Ver- 
fassung ist  ihnen,  allerdings  auf  Veranlassung  des 
Torher  ge[g]angenen ,  erbärmlichen  Zustandes,  eine 
zu  grosze  Einmischung  in  die  Verwaltung  gestattet, 
und   die  Regierung,   die  doch  das  Einzelne  und  die 


y  Google 


272  ^IV.   W.  Grimm  an  Snabedissen.  1832 

wirklich  bestehenden  Verhältnisse  genauer  kennt, 
sieht  sich  nicht  blos  gehemmt ,  sondern  soll 
ihre  Einstimmung  zu  Dingen  geben,  die 
sie  für  nachtheilig  halten  musz.  So  bildet  sidi 
schon  durch  die  Lage  der  Dinge  ein  Widersprach, 
der  durch  Menschlichkeiten  u.  Leidenschaften  Ton 
beiden  Seiten  gesteigert  wird.  Wie  er  schwinden 
soll  sehe  ich  nicht  wohl  ein:  innere  Überzeugung 
mag  auf  jeder  Seite  stehen.  Dazu  kommt,  dasz  viele 
und  gerade  die  einfluszreichsten  Mitglieder  der  Land- 
stände, dem  modernen  Liberalismus  anhangen,  dessen 
Liebhaberei  es  ist,  alles  bis  auf  das  feinste  zu 
ordnen  und  systematisch  einzurichten,  was  in  so 
vielen  Fällen  Nachtheil  bringt  Meine  Meinung  ist, 
dasz  man  keine  Verfassung  hätte  machen,  sondem 
die  Landstände  sich  einen  gproszen  Brief  mit  be- 
stimmten Freiheiten  und  Rechten  auswirken  sollen; 
dann  hätte  man  die  Regierung  müszen  gewahren 
lassen.  Sie  hätte  dann  Bewegung,  Kraft  u.  Freiheit 
gehabt,  und  wo  sie  sich  Eingriffe  erlaubt  hätte,  oder 
einen  falschen  Weg  betreten,  würden  die  Redite 
der  liandstände  sie  haben  zurÜckfElhren  u.  mäszigen 
können.  So  z.  B.  das  Bürgergardengesetz  ist  dem 
System  zu  gefallen,  in  dieser  Ausdehnung  beliebt  n. 
der  Zustand  der  Gesellschaft  dabei  nicht  berüdt- 
sichtigt  worden:  ich  glaube  es  wird  so  nicht  be- 
stehen, sondem  bald  in  sich  zusammenfallen.  Die 
Bauern  passen  nicht  dazu  u.  werden  es  in  der  Thai 
nicht  befolgen;  die  Staatsdiener  u.  alle  die  eine 
sitzende,  Geistesarbeiten  gewidmete  Lebensweise 
führen  hätte   man  nicht  zur  Theilnahme  nöthig^ 


y  Google 


\m  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedlssen.  273 

sie  ihnen  nur  nach  freiem  Willen  gestatten  sollen. 
Auf  diese  Weise  hat  man  eine  zweckmäszige  u. 
tüchtige  Bewaffnung  der  Bürger  in  den  gröszem  u. 
wohlhabenden  Städten,  die  mir  etwas  sehr  wdnschens- 
werthes  scheint,  vielleicht  ganz  vereitelt. 

Wie  gerne  hätte  ich  mich  mit  Ihnen  mündlich 
über  diese  Dinge  unterhalten,  da  mir  Ihre  unab- 
hängige und  freie  Ansicht  so  werth  ist,  zumal  in 
einer  Zeit,  wo  sich  jedermann  im  Parteiwesen  ge- 
fallt. Unter  allen  periodischen  Werken  sagt  mir 
Rankes  Zeitschrift  am  meisten  zu,  ich  finde  darin 
jene  lebendige  Mitte,  die  etwas  ganz  anderes  ist, 
als  das  äuszerlich  zu  wägende  juste  milieu  der  Fran- 
zosen. Heute  ist  der  18.  October,  dieser  grosze  Tag 
acheint  schon  in  der  Erinnerung  zu  verblassen,  wie 
Unrecht,  dasz  man  von  oben  her  aus  kleinlichen 
Bficksichten,  die  Feier  desselben  störte. 

Leben  Sie  wohl,  herzlich  geliebter  Freund,  möge 
Ihnen  Gott  milde  Tage  senden.  Grüszen  Sie  die 
Ihrigen  sänmitlich,  die  Rheinreise  in  der  prächtigen 
Zeit  gönne  ich  der  lieben  Frau  Nim r od  recht 
sehr,  wie  der  guten  Marie  ihr  ungetrübtes  Glück. 
Helene  u.  Hannchen  werden  von  uns  nicht  ver- 
gessen u.  «ie  werden  es  uns  hoffentlich  vergelten. 
Mein  Töchterchen  gedeiht,  den  Namen  hat  es 
von  der  Kurfürstin,  welche  mir  sehr  viel  Grüsze 
an  Sie  aufgetragen  hatte,  die  ich  ietzt  schriftlich 
bestellen  musz.  Meine  Frau  u.  mein  Bruder  grüszen 
herzlich 

Ihr    treuer   Freund 
Wilh.  Grimm. 

£.  StengeL    Briefe  der  Brdder  Qrimm.  13 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


274  XIY.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1833 

127. 

Ich  bediene  mich  eines  alten  Vorrechtes  Göttinger 
Professoren,  liebster  Freund,  in  dem  ich  Ihnen  ein 
paar  von  unsem  Würsten,  von  welchen  man  be- 
hauptet hat,  sie  seyen  das  Geschmackvollste  was  die 
Universität  producire,  übersende.  Genieszen  Sie 
etwas  davon  zum  Frühstücke  bei  einem  Glas  Malaga. 
Wie  gerne  säsze  ich  selbst  einmal  auf  diese  Weise 
unter  Ihnen. 

Ich  habe  mich  gefreut,  Gerling  hier  zu  sehen, 
u.  habe  ihn  natürlich  über  Sie  u.  alle  die  Ihrigen 
genau  ausgefragt.  Wie  schön  ist  das  Zusammen- 
seyn  mit  Marie  u.  Elise,  die  sich  so  glücklich 
fühlen.     Möge   es   Ihnen   Gott  noch  lange  erhalten. 

Heute  neben  den  herzlichsten  Grüszen  treuer 
Freundschaft  u.  Liebe  nur  noch  die  Bitte,  dasz  Sie 
ja  nicht  zu  Ihrer  Beschwerde,  die  Feder  ansetzen, 
um  den  Empfang  der  Schachtel  zu  melden;  ich 
zweifle  nicht,  dasz  sie  richtig  ankommt. 

Ihr  Wilh.  Grimm. 

Gott  in  gen  10.  Jan.  1833. 


128. 

Liebster  Freund,  meine  Cur  in  Wiesbaden  hatte 
sich  so  sehr  hingezogen,  dasz  mir  nur  wenige  Tage 
zur  Rückreise  übrig  blieben,  und  ich  darauf  ver- 
zichten muszte ,  einen  oder  ein  paar  davon  in  Mar- 
burg, wie  ich  bei  der  Hinreise  gebofiPt  hatte,  zuzu- 
bringen.     Als     ich     frühmorgens    in    der    ersten 


k  Digitizedby  Google 


1833  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  275 

Dämmerung  unten  an  der  Kirche  vorbei  fuhr,  waren 
meine  Gedanken  und  "Wünsche  bei  Ihnen.  Noch- 
mals herzlichen  Dank  für  die  freundschaftliche  und 
Uebreiche  Aufnahme  bei  Ihnen.  Indessen  wird  Ihnen 
anch  Lücke  mündliche  Grüsze  überbracht  haben 
and  ich  denke  mir  Sie  haben  die  Bekanntschaft  des 
simivollen  und  freundlichen  Mannes  gerne  gemacht. 

Mir  hat  das  Bad  sehr  gute  Dienste  gethan,  ob- 
gleich seine  Wirksamkeit  sich  erst  in  der  zweiten 
Hälfte  zeigte;  der  Schmerz  ist  verschwunden ,  in- 
dessen möchte  er  wohl  Lust  haben  bei  dem  Eintritt 
des  Winters  wieder  zurück  zu  kehren,  u.  einige 
Anzeigen  davon  habeich  gespürt.  Meine  Frau  fand 
ich  noch  nicht  ganz  hergestellt  und  bis  auf  diese 
Tage  hat  sie  gekränkelt,  auch  mein  Bruder  hat  über 
einige  Brustbeschwerden  zu  klagen,  nur  die  Kinder 
sind  munter,  Gott  sey  gedankt. 

Unser  neuer  Philosoph  Herbart  ist  in  diesen 
Tagen  angelangt,  indessen  habe  ich  ihn  noch  nicht 
gesehen  und  befürchte  dasz  seine  Berufung  der 
Philosophie,  die  hier  nicht  recht  gedeihen  will,  nicht 
aufhilft.  Er  scheint  mir  ein  ausgezeichneter  und 
origineller  aber  durch  scharfe  Einseitigkeit  sich  von 
der  übrigen  Menschheit  absondernder  Geist.  Es  ist 
in  diesen  Tagen  die  Rede  davon  dasz  Twesten  aus 
Kiel  Planks  Stelle  ersetzen  solle.  Die  Sorgfalt 
des  Curatoriums  für  die  Universität  ist  sichtbar  u. 
dankbar  anzuerkennen. 

Man  bespricht  hier  in  diesem  Augenblicke  die 
etwaigen  Reformen  in  dem  Universitätswesen.  Die 
Regierung  möchte  wohl  die  alten  Einrichtungen  bei- 

18* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


276  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedisaen.  1833 

behalten,  aber  aach  gerne  mancherlei  bösen  Dingen, 
die  nicht  zu  leugnen  sind,  steuern.  Dasz  dies  durch 
äuszere  Mittel  nicht  geschehen  kann,  sondern  die 
Besserung  von  innen  kommen  musz,  und  die  Regie- 
rung vor  allen  Dingen  den  wissenschaftlichen  Geist 
fördern  sollte ,  was  aber  durch  die  Examina  und 
Bedingungen,  die  sich  immer  mehr  anhäufen,  nicht 
geschehen  kann,  ist  meine  Meinung,  wird  auch  wohl 
von  der  Regierung  gefühlt,  doch  glaubt  man  auch 
nicht  ganz  unthätig  bleiben  und  einigermaszen  ein- 
greifen zu  müszen,  und  so  wird  wohl  ein  gewiszer 
unerquicklicher  Mittelweg  eingeschlagen  werden- 

Eben  langt  die  Nachricht  von  dem  Tode  des 
Königs  von  Spanien  an,  das  wird  wieder  Zuckungen 
in  allen  Verhältnissen  hervorbringen,  aber  ich  glaube 
das  unjugendliche  Europa  greift  doch  nicht  zum 
Schwerte  sondern  die  Diplomaten  dem  Kranken 
blosz  an  den  Puls,  und  wartet  bis  der  neue  Schmen 
in  die  allgemeine  Kränklichkeit  übergeht. 

Herzliche  Grüsze  an  das  ganze  Haus  u.  wer  dazn 
gehört.  An  Marie  noch  besonderer  Dank  för  das 
schöne,  grüne  Korn,  das  uns  schon  einigemal  treff- 
lich geschmeckt  hat.  Mit  unveränderter  Liebe  und 
Freundschaft 

Ihr  Wilh.  Grimm 

Göttin  gen  9.  Octbr.  1833. 


y  Google  J 


1835  XIV.  W.  Grimm  an  Suabedissen.  277 

129. 

Göttingen  22.  März  1835 

Liebster  Freund,  sehr  oft  sind  in  den  traurigen 
und  einsamen  Tagen,  welche  dieser  Winter  mir 
brachte,  meine  Gedanken  bei  Ihnen  gewesen,  aber 
ich  komme  ietzt  erst  dazu  Ihnen  zu  schreiben  wo 
ich  es  wieder  vertrage  mich  an  den  Schreibtisch  zu 
setzen.  Diesmal  hat  die  Cur  in  Wiesbaden  keinen 
günstigen  Erfolg  gehabt  u.  die  übernatürliche  Hitze 
scheint  das  Übel  nur  gesteigert  zu  haben.  Von  dem 
Anfall,  den  ich  gleich  in  Frankfurt  aushalten  muszte, 
erholte  ich  mich  zwar,  aber  dieser  leidliche  Zustand 
dauerte  nicht  lange ;  schon  Anfangs  October  meldete 
sich  eine  Herzkrankheit,  die  nicht  ohne  Ängstlichkeit 
war,  am  Schlusze  Novembers  aber  brach  sie  mit 
solcher  Heftigkeit  aus,  dasz  mir  längere  Zeit  hin- 
durch meine  Genesung  unmöglich  schien.  £s  war 
•  innere  Gicht,  die  sich  vorzüglich  aufs  Herz,  aber 
auch  auf  Magen  u.  Brust  geworfen  hatte  und  so 
ängstliche  Zufalle  erregte  dasz  ich  in  vielen  Nächten 
nicht  glaubte  das  Tageslicht  vrieder  zu  erblicken. 
Keine  Arznei  wollte  anschlagen,  bis  endlich  « Colchi- 
cum* sich  wirksam  zeigte,  ein  an  sich,  glaube  ich,  be- 
denkliches Mittel,  das  ich  jedoch  noch  bis  auf  diesen 
Tag  nicht  habe  aussetzen  dürfen.  Indessen  haben 
sich  meine  Kräfte  in  den  letzten  Wochen  merklich 
gehoben,  die  Krankheit  auch  an  sich  einen  milden 
Charakter  angenommen.  Schlaf  stellt  sich  wieder 
ein,  und  ein  paar  in  diesen  Tagen  unternommene 
Spazierfahrten   scheinen  wohlthätig  zu  wirken,    so 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


278  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  1885 

will  ich  denn  sehen  ob  die  Arznei,  welche  die  Arzte 
80  gerne  verschreiben,  die  mildere  Jahreszeit,  mir 
wieder  zu  einer  erträglichen  Gesundheit  helfen  kann. 
Klagen  will  ich  weiter  nicht  vor  Ihnen,  die  Sie 
längere  Leiden  mit  Ergebung  und  Heiterkeit  er- 
tragen. 

Müller  wird  nun  bald  bei  Ihnen  eintreffen. 
Vorigen  Sonntag  hat  er  seine  Abschiedspredigt  ge- 
halten. Meiner  Frau  u.  meinem  Bruder  hat  sie 
wohl  gefallen,  er  hat  darin  offen  u.  einfach  sein 
bisheriges  Verhältnis  berührt.  Ich  entbehre  ihn 
ungeme,  seine  Predigten  waren  gehaltreich,  ernst 
und  in  wahrem  Sinne  religiös,  ebendeshalb  u.  weil 
er  die  Mittel  verschmähte ,  welche  auf  gewöhnliche 
Zuhörer,  die  Rührung  u.  schöne  Worte  verlangen, 
Eindruck  machen,  hatte  er  keinen  groszen  Bei&ll. 
Weder  seine  Gesinnung  noch  sein  Ausdruck  ist 
schroff  oder  hart,  wie  man  wohl  gesagt  hat,  aber 
das  gebe  ich  zu  dasz  ihm  eine  gewisse  angebome 
Mildigkeit  des  Charakters  fehlt,  wie  sie  unsenn 
Lücke  etwa  eigen  ist,  den  ich  so  oft  ich  ihn  sehe 
von  neuem  lieb  gewinne.  Er  hat  zu  den  wenigen 
gehört,  die  ich  in  meiner  Krankheit  gesehen  habe; 
noch  neulich  sagte  er  bei  Gelegenheit  der  Casseler 
Unruhen,  es  ist  doppelt  wünschenswerth  in  unserer 
Zeit  dasz  die  Religion  Christi  ohne  Scandal  ver- 
kündigt werde.  Lücke  hat  sich  über  Schleier- 
macher in  seiner  Zeitschrift  sehr  schön,  mit  liebe- 
voller Anerkennung  und  warmem  Ausdrucke  ge- 
äuszert.  Ich  denke  darin,  wie  Schleiermacher  sagte 
er,    dasz    ich    der    Philosophie  völlige  Freiheit  n. 


y  Google  J 


1835  XIV.   W.  Grimm  an  Suabedissen.  279 

Unabhängigkeit  gestatte,  sie  musz  ihren  Weg  gehen, 
aber  ich  vertraue  u.  hoflfe  dasz  sie  mit  dem  Christen- 
thiim  zu  einem  Ziele  kommt.  Suabedissens  Religions- 
philosophie, sagt  er,  ist  nichts  als  eine  Verherr- 
lichung des  Christenthums  u.  ich  empfehle  sie  immer 
meinen  Zuhörern. 

Lang  in  Cassel  hat  mir  persönlich  miszfallen  u. 
in  dem  was  er  sagte  waren  die  Farben  grell  u.  hart 
aufgetragen  u.  ich  begreife  wie  er  Anstosz  erregen 
kann;  auf  der  andern  Seite  kämpft  gegen  ihn  eine 
Gesinnung,  die  glaubt  bürgerliche  Rechtschaffenheit 
genüge  u.  eine  sonstige  Religiosität  oder  ein  höherer 
Glaube  sey  etwas  überflüssiges. 

Nicht  leicht  hat  eine  tiefe  u.  reiche  menschliche 
Seele  sich  so  ausgesprochen  wie  in  dem  „Brief- 
wechsel Göthes  mit  einem  Kinde*,  (wie  der  Titel 
lautet)  und  ich  glaube  nicht  dasz  ein  Buch  dieser 
Art  so  bald  wieder  erscheint.  Mich  soll  wundem 
ob  es  unsere  geistig  gleichgültige  Zeit  anregt. 

Grüszen  Sie  alle  die  Ihrigen  mit  alter  und  herz- 
licher Freundschaft.  Hupfeld  danke  ich  für  die 
americanischen  Briefe,  die  ich  mit  Vergnügen  an 
einer  so  tüchtigen  Natur  gelesen  habe,  obgleich  es 
uns  seltsam  vorkommt  jemand  wieder  in  den  An- 
fangen der  Cultur,  in  einem  doch  nur' halb  erfreu- 
lichen Naturzustande  leben  zu  sehen.  Ich  lasse  mir 
das  Recht  nicht  nehmen  Ihnen  von  unsern  Mett-i 
Würsten  etwas  zu  senden,  Müllers  Wagen  bringt 
nächste  Woche  das  Päckchen  mit,  ich  fürchte  nur 
sie  bewähren  nicht  ihren  alten  Ruhm,  wegen  zu 
wanner  Witterung    sind   sie   nicht   so  vollkommen 


y  Google 


280  X^-   ^-  Grimm  an  Hupfeld.  1835 

geworden,  wie  sonst.  Theilen  Sie  an  Marie  u. 
Elise  u.  Ihre  Schwester  Christiane  etwas  da- 
von mit. 

Meine  Frau  u.  mein  Bruder  grüszen  mit  mir, 
leben  Sie  wohl,  herzlich  geliebter  Freund,  u.  ge- 
denken Sie  mein  mit  Liebe 

Ihr  Wilh.  Grimm 


XY.    Drei  Briefe  von  Willielm  Grimm  an  Prof. 
Hupfeld  in  Marburg,  später  in  Halle. 

130. 

[Göttingen,  19.  Mai  1885.] 

Liebster  Freund,  Ihr  Brief  mit  der  Trauerbot- 
schaft hat  mich  nicht  überrascht,  ich  ahndete  seinen 
Inhalt  als  ich  ihn  in  die  Hand  nahm,  aber  er  hat 
mich  tief  bewegt.  So  ist  einer  meiner  ältesten  und 
liebsten  Freunde  zur  Ruhe  gegangen,  der  mir  durch 
alle  Zeit  gleichmäszig  Freundschaft  und  Liebe  ge- 
zeigt hat,  dessen  reines  und  edles  Herz  ich  in  seinem 
vollen  Werthe  erkannt  habe.  Ich  danke  Ihnen  dasz 
Sie  mir  ausführlich  seine  letzten  Stunden  beschrieben 
haben;  mir  bleibt  der  Trost  ihn  noch  vorigen 
Sommer  gesehen  und  ein  paar  Tage  mit  ihm  ver- 
lebt zu  haben.  Noch  vor  kurzem,  am  1.  April,  hat 
[er]  mir  geschrieben  und  liebevoll,  wie  immer,  sich 
geäuszert:  „mein  Leben,  sagte  er  sollte  eine  medttolto 


y  Google 


1839  XV.   W.  Grimm  an  Hupfold.  281 

mortis  seyn  und  ist  noch  immer  meditatio  vitae,  so 
wie  ich  mich  besser  fühle  mache  ich  Pläne,  sogar 
den  Sie  in  Göttingen  zu  besuchen*.  Ich  erinnere 
mich  noch  deutlich  des  Augenblicks  als  ich  ihn  vor 
etwa  24  Jahren  zuerst  sah ;  seitdem  hat  mein  Gefühl 
herzlicher  Freundschaft  nur  zugenommen. 

Liebe  Marie,  du  wirst  einen  Trost  darin  finden 
dasz  dir  Gott  noch  so  lange  Zeit  geschenkt  hat  dich 
seiner  Gegenwart  zu  erfreuen,  und  dasz  du  ihn  nie- 
mals hast  zu  verlassen  brauchen.  Dein  Schmerz 
wird  sich  allmälig  in  ein  mildes  Andenken  an  ihn 
verwandeln,  das  dich  durchs  ganze  Leben  begleitet. 

Herzliche  Grüsze  an  alle  die  ihm  zugehörten. 
Wie  mag  es  sich  mit  der  guten  Caroline  ent- 
schieden haben!    Mit  treuer  Freundschaft 

Ihr  Wilh.  Grimm 


Meine  Gesundheit  schwankt  noch  immer,  seit 
acht  Tagen  gehe  ich  Morgens  einige  Stunden  auf 
die  Bibliothek.  Freundschaftliche  Grüsze  an  Prof. 
Müller. 

An  Herrn  Professor  Dr.  Hupfeld  in  Marburg. 


181. 

Cassel   14.  Juli  1839. 

Liebster  freund,  Sie  haben  wahrscheinlich  schon 
aus  den  öffentlichen  blättern  von  unserm  deutschen 
Wörterbuch  gehört,  und  kennen  auch  daraus  den 
plan   im   allgemeinen,    ich   wollte   früherhin  Ihnen 


y  Google 


282  XV.   W.  Grimm  an  Hupfeld.  1839 

nicht  darüber  schreiben,  weil  ich  befürchtete  Ihnen 
damit  lästig  zu  werden,  jetzt  aber,  wo  ich  hofife  dasz 
Ihre  gesundheit  hergestellt  ist,  erlauben  Sie  mir  wol 
eine  frage,  die  sache  ist  in  gutem  gang,  schon  an 
45  mitarbeiter  helfen  dabei,  aber  die  aufgäbe  ist 
grosz,  alle  bedeutende  Schriftsteller  von  Luther 
bis  Göthe  sind  durchzulesen  und  auszuziehen,  und 
wir  bedürfen,  wenn  sich  die  ausarbeitung  nicht  zu 
lange  verziehen  soll,  noch  weitem  beistand.  Ich 
will  also  bei  Ihnen  anfragen  ob  sich  in  dem  kreis 
Ihrer  bekannten  jemand  findet,  der  geneigt  wäre 
noch  beizutreten?  Ihnen  selbst  ist  wol  keine  zeit 
dazu  übrig?  die  arbeit  ist  an  sich  nicht  schwer 
und  man  kann  auch  eine  nebenstunde  dazu  benutzen; 
es  gehört  nur  philologischer  sinn  dazu,  und  der 
tact  erwirbt  sich  bei  der  arbeit  bald,  die  noch  neben- 
bei einen  nutzen  bringen  kann.  (Wer  mit  der 
älteren  spräche  nicht  bekannt  ist  kann  aus  dem 
18  jh.  einen  Schriftsteller  wählen,  wo  ohnehin  die 
arbeit  leichter  ist.  [Randbemerkung.])  Wissen  Sie 
jemand -der  einen  oder  ein  paar  der  noch  nicht  ver- 
gebenen Schriftsteller  übernehmen  will,  so  kann  idi 
dann  das  nähere  schreiben  und  noch  eine  besondere 
anleitung  mit  einigen  probeblättem  geben,  zudring- 
lich will  ich  aber  nicht  sein;  es  ist  eine  blosse 
frage,  ein  angemeszenes  honorar  versteht  sich  von 
selbst.     Vi  1  mar  dort  ist  bereits  thätig. 

Orüszen  Sie  die  liebe  Marie  mit  den  kindem 
herzlich,  ich  will  mich  freuen  zu  hören,  dasz  es  ihr 
wol  geht;  auch  von  Elise  wüszte  ich  gerne  etwas, 
auch   Gerlings   sollen  mich  nicht  vergeszen.    Ich 


y  Google 


1840  XV.   W.  Grimm  an  Bnpfeld.  283 

käme    gerne    einmal   dorthin,    aber   es  sind  allerlei 
bedenken  dabei. 

Ganz  besonders  bitte  ich  Sie  Müller  zu  grüszen 
und  ihm  für  seinen  brief  zu  danken,  ich  denke  nur 
mit  trauer  an  ihn,  da  ich  weisz,  wie  sorgenvoll  seine 
läge  ist. 

In  Hanover  stehen  die  Sachen  so,  dasz  man  meint 
der  bundestag  könne  nicht  umhin  auszusprechen  was 
rechtens  ist,  aber  vor  lauter  hoher  klugheit  kommt 
er  wol  nicht  dazu ;  man  möchte  den  pelz  waschen, 
aber  ihn  nicht  nasz  machen. 

Von  uns  allen  die  Versicherung  herzlicher 
fi;eundschaft 

Ihr 
Wilh.  Grimm. 


182. 

Liebster  freund,  ich  bedarf  zu  einer  abhandlung 
einer  wahrscheinlich  kleinen  schrift, 
Grethe,   de  imaginibus   Christi  non  .manu /actis. 

Ingolstadt  1644. 
die  ich  weder  von  der  hiesigen  noch  der  götting. 
bibliothek  habe  bekommen  können,  wollten  Sie  mir 
den  gefallen  thun  und  nachsehen  ob  sie  auf  der 
dortigen  sich  befindet,  und  sie  mir  dann  auf  kurze 
zeit  hierhersenden,  da  ich  sie  gerne  bald  haben 
möchte,  so  bitte  ich  Sie  um  ein  paar  zeilen  antwort, 
wenn  sie  nicht  da  ist. 

Man   sagt  hier  Hermann  habe  einen  ruf  nach 
Göttingen:   das    wäre   ein  groszer  verlust  für  Mar- 


y  Google 


284  XVI.  W.  Grimm  an  Müller.  18§ 

bürg,   und   es  fragt  sich  ob  er  sich  dort  beha^lic 
fahlen  wird. 

Heute  nur  diese  paar  zeilen.  wir  befinden  ui 
leidlich  wol.  meine  fr  au  war  zur  Stärkung  ihre 
gesundheit  einige  zeit  auf  dem  land,  und  das  scheii 
ihr  zuträglich  gewesen  zu  sein,  die  herzlichste 
grüsze  an  Sie  und  Ihre  liebe  frau  und  die  beste 
wünsche  für  Ihr  wolergehen. 

[Ihr  Wilh.  Grimm.] 

Cassel  7.  Octbr.  1840. 
Herrn  Professor  D.  Hupfeld  zu  Marburg. 


XYI.   Vier  Briefe  von  Wilhelm  Grimm  an  Proi 
Julius  Müller  in  Marburg,  später  in  Halle. 

133. 

Herzlich  geliebter  Freund,  ich  kann  Ihnen  nid 
sagen  welch  einen  erquickenden  Eindruck  mir  H 
Brief  und  Ihre  Theilnahme  gemacht  haben;  Du 
Worte  sind  mir  wie  ein  geistlicher  Segen  vorgc 
kommen. 

Ich  wünsche  weiter  nichts  als  dasz  diese  Sacl 
auf  dem  ruhigen  Wege  des  Rechtes  entschiede 
werde,  auf  eine  Weise,  die  mein  Gewissen  nicht  Ix 
lästigt.  Vertrauen  Sie  darauf  dasz  wir  bei  dies« 
Gesinnung  fest  halten,  den  Ausgang  aber  Gott  ai 
heim  stellen. 


y  Google 


1837  XVL  W.  Grimm  an  Müller.  285 

Von  dem  Cnratorium  ist  uns,  übrigens  in  milden 
Ausdrücken,  der  Antrag  gemacht  worden,  unsere 
Erklärung  zurückzunehmen. 

Nochmals  herzlichen  Dank  für  den  Brief  und  die 
Versicherung  aufrichtiger  Verehrung  und  Liebe.  An 
Ihr  ganzes  Haus  die  schönsten  Grüsze  von  uns 

Ihr   treuer    Freund 
Wilh.  Grimm. 

Göttingen  3.  Dec.  1837. 

184. 

Liebster  Freund,  ich  erhalte  soeben  von  J.  Roth- 
schild in  Cassel  einen  Brief,  worin  er  mir  anzeigt 
dasz  eine  namhafte  Summe  für  uns  bei  ihm  deponiert 
sej,  zugleich  als  Einlage  ein  paar  Zeilen  von  un- 
bekannter Hand,  (Täusche  ich  mich  nicht,  so  hat 
ihn  Marie  Hupfeld  geschrieben.  [Rand- 
bemerkung.]) worin  nur  gesagt  ist  dasz  diese  Summe 
Ton  einigen  näheren  Freunden  und  Bekannten  in 
Marburg  herrühre.  Ich  versuche  nicht  Ihnen  aus- 
zudrücken wie  diese  Liebe  und  Freundschaft  mich 
im  tiefisten  Herzen  rührt. 

Wir  sind  in  einer  eigenen  Lage.  In  Leipzig, 
wie  ich  höre  in  Berlin,  wahrscheinlich  auch  in  andern 
Städten  sind  Subscriptionen  eröffnet  worden.  Gewisz 
sind  darunter  wohlmeinende  Menschen,  die  uns  blosz 
Hufe  gewähren  wollen,  und  deren  Theilnahme  dank- 
bar anzuerkennen  ist ;  ebenso  gewisz  aber  auch  dasz 
sich  zugleich  das  Parteiwesen  der  Zeit  daran  hängt. 
Unsere  Sache  hat  nichts  mit  dem  politischen  Treiben 


y  Google 


286  XVI.    W.  Grimm  an  Müller.  1887 

gemein,  wir  sind  fest  entschloszen  uns  nicht  fiii'die 
liberale  Fahne  anwerben  zu  lassen,  ebendeshalb  Yon 
jenen  Subscriptionen  nichts  anzunehmen,  ebendeshalb 
aber  auch  von  keinem  Unbekannten. 

Kommt,  wie  ich  an  sich  nicht  zweifle,  jenes 
Zeichen  der  Liebe  von  unsem  dortigen  Freunden, 
so  wissen  Sie  davon,  und  Sie  sind  mitten  daront^. 
Nennen  Sie  mir  ihre  Namen,  ich  bitte  Sie  darum, 
oder  geben  Sie  mir  wenigstens  die  Versicherung, 
dasz  die  Hilfe  blosz  von  Freunden  und  Bekannten 
herrührt,  die  sich  im  Stillen  vereinigt  haben,  ?on 
keinem  Fremden,  so  bin  ich  beruhigt.  Ich  will 
dann  diese  Summe  mit  herzlicher  Dankbarkeit  an- 
nehmen und  niederlegen  bis  zu  dem  Augenblick,  wo 
wir  uns  in  Bedrängnis  sehen;  gegenwärtig  ist  dies 
noch  nicht  der  Fall.  Beszert  sich  unsere  Lage  früher, 
so  vertraue  ich  unsere  Freunde  werden  sie,  ohne 
sich  verletzt  zu  fühlen,  wieder  in  Empfang  nehmen. 

Wir  sind  alle  leidlich  gesund,  und  die  Theil- 
nahme  u.  Freundschaft,  die  wir  erfahren,  erheitert 
unsere  Stimmung.    Mit  treuer  Liebe 

Ihr  Wilh.  Grimm 

Göttingen  23.  Dec.  1837. 
An  den  Herrn  Professor  Dr.  Julius  Müller  in  Marburg. 

185. 

Göttingen  am  30.  Dec  1837. 
Lieber   und   verehrter   Freund,    Ihr   Brief  vom 
27.  d.  M.  ist  mir  richtig  zugekommen,  und  die  Z^ 
Sicherungen,  die  er  enthält,  beruhigen  mich  sotoÜ- 


y  Google 


1837  XVI.   W.  Grimm  an  MüUer.  287 

kommen  dasz  ich  ohne  Bedenken  und  mit  Freude 
das  dargebotene  unter  der  schon  früher  ausgedrückten 
Bedingung  annehme.  Unter  allen  Zeichen  von 
Tfaeilnahme  und  Liebe,  die  ich  empfangen  habe,  hat 
mich  dieses  am  meisten  bewegt,  und  es  steht  in 
einem  Buche  angeschrieben,  aus  dem  kein  Blatt 
verloren  geht 

Glauben  Sie  mir,  ich  denke  bei  dem,  was  ge- 
schehen ist,  nicht  zunächst  an  unsere  eigene  Be- 
drängnis, sondern  an  die  traurigen  Folgen,  die  es 
auf  den  sittlichen  Zustand  überall  haben  wird.  Es 
ist  in  dieser  Beziehung  ein  unbeschreibliches  Unglück. 
Alle  redlichen  Menschen  hier  fühlen  den  Stachel  im 
Herzen,  und  wenn  sie  ihn  darin  lassen  und  sie  nach 
und  nach  von  der  Macht  der  Umstände  mit  immer 
starkem  Banden  umwickelt  werden,  so  sind  sie  für 
die  Zukunft  innerlich  zerbrochen..  Ich  kann  daher 
nicht  ohne  tiefen  Schmerz  an  Lücke  denken,  den 
ich  so  aufrichtig  Uebe:  er  sieht  alles  vollkommen 
ein,  aber  ihm  fehlt  der  Entschlusz.  Wenn  er,  wie 
ich  noch  immer  vertraue,  der  innern  Stimme  am 
Ende  folgt,  so  ist  der  Augenblick  doch  wohl  vorbei, 
wo  sein  Beispiel  hätte  wirken  können,  wie  viele 
haben  im  Lande  auf  ihn  gesehen?  er  war  in  dieser 
Beziehung  eins  der  wichtigsten  Glieder  der  Univer- 
siföt.  Wären  Sie  doch  an  seiner  Stelle  hier  ge- 
wesen! es  ist  ein  natürlicher  Gedanke,  und  ich  kann 
mich  daneben  sehr  wohl  freuen  dasz  Sie  nicht  hier 
waren.  Von  der  übrigen  theologischen  Facultät  ist 
gär  nichts  zu  erwarten.  Pott,  gewisz  über  seine 
Feinheit  sich   freuend,   hat   erklärt,   er  könne  sich 


y  Google 


288  XVI.   W.  Grimm  an  Müller.  1837 

nur  in  völliger  Übereinstimmung  der  Universital 
äuszem.  Bei  6ieseler  zeigt  sich  dasz  er  ein 
thätiger  Geschäftsmann,  aber  kein  Theolog  ist;  er 
macht  die  schönsten  Deductionen  dasz  man  berechtigt 
sey  zu  thun  was  verlangt  werde.  Um  die  Wunde 
der  Univ.  zu  überkleistern  hatte  er  den  herrlichen 
Plan  ersonnen,  der  Senat  solle  darauf  antragen,  dasz 
wir  vier  als  Privatdocenten  fortlesen  dürften ;  eigent- 
lich war  es  nur  auf  Ewald  abgesehen.  Ich  brauche 
nicht  zu  sagen  dasz  wir  alle  mit  einem  sehr  ent- 
schiedenen Nein  geantwortet  haben.  Ich  bemerkte 
ihm  dasz  wenn  vdr  mit  Ehre  zu  der  groszen  Thüre 
herausgegangen  wären,  wir  unmöglich  ohne  Ehre  zu 
der  Hinterthüre  hereinschlüpfen  könnten.  Ich  sefete 
hinzu  wenn  die  Universität  darauf  antragen  wolle 
dasz  wir  mit  allen  Ehren  in  integrum  restitoirt 
würden,  diese  Handlung  bei  der  nächsten  Jubiläums- 
rede nicht  als  ein  Flecken  erscheinen  werde.  ,E8 
geht  nicht',  antwortete  er,  ,dann  würden  wir  uns 
mit  ihnen  identificiren',  worin  er  allerdings  recht 
hatte.  Rettberg  entschuldigt  sich  damit,  er  könne 
nichts  gegen  seinen  Schwiegervater  thun.  Eöllner 
empfindet  die  gröszte  Hochachtung,  und  will,  wie 
Pott,  wenn  alle  übrigen  sich  entschieden  haben, 
sich  nicht  ausschlieszen.  Wie  Reiche  sich  geäuszert 
hat  weisz  ich  nicht. 

In  der  medicinischen  Facultät  sieht  es  insoweit 
anders  aus,  als  mehr  äuszere  Entschlossenheit  sidi 
zeigt.  Langenbeck  schwankt  nicht,  er  habe  weiter 
keine  Pflicht  als  höhere  Befehle  zu  veneriren.  (Es 
wird  allgemein  versichert,  Langenbeck  habe  geäußert, 


y  Google 


1837  XVI.  W.  Grimm  an  Müller.  289 

wenn  er  zu  befehlen  gehabt  hätte,  so  würden  wir 
Sieben  schon  längst  auf  dem  Elebethor  in  Hannover 
im  Gefängnis  sitzen.  [Randbemerkung.])  Gonradi 
ist  allein  etwas  verlegen,  dreht  den  Zipfel  des 
Taschentuchs,  und  sagt  es  sey  vis  major.  Siebold 
will  von  der  Sache  nichts  hören,  das  störe  blosz  die 
Verdauung,  Die  Zeit  der  Opfer  sey  vorüber.  Marx 
freut  sich  über  die  Energie  von  oben,  und  soll  durch 
Mütheüung  von  einzelnen  Äuszenmgen  thätige  Be- 
weise seiner  Anhänglichkeit  gegeben  haben. 

In  der  Jurist.  Facultät  erkennt  Bergmann  wohl 
die  Wahrheit.  £r  hat  zu  Rotenkirchen  zu  den 
Decanen  gesagt,  wie  können  wir  die  Sieben  mis- 
billigen,  da  sie  im  Wesentlichen  recht  haben.  Er 
hat,  sammt  diesen  Decanen,  nicht  nur  privatim  mehr- 
mals sein  Ehrenwort  gegeben  dasz  er  gegen  unsere 
Ansicht  und  Gesinnung  kein  Wort  der  Misbilligung 
vorgebracht  habe,  sondern  dies  auch  dem  Senat 
schrifUich  erklärt,  und  es  von  den  Decanen  bezeugen 
lassen.  Die  mit  Q  bezeichnete  Erklärung  in  den 
letzten  Blättern  der  Cass.  Zeitung  rührt  ohne  Zweifel 
von  ihm.  Er  hat  geglaubt  sich  mit  Gewandtheit 
herauswickeln  zu  können,  aber  jetzt,  wo  ihm  officiell 
widersprochen  ist,  sind  ihm,  wie  es  mir  scheint,  alle 
Wege  versperrt.  Er  weint  vor  den  Studenten,  und 
sagt  seine  Ehre  werde  mit  Füszen  getreten.  Mög- 
lich dasz  er  noch  einen  Entschlusz  fast,  sie  herzu- 
stellen. Das  liberale  Wasser,  das  dem  Hofrath 
Bauer  sonst  wie  aus  einer  Brunnenröhre  aus  dem 
Munde  flosz,  bleibt  jetzt  aus.  Ribbentrop  äuszert 
die  schönsten  Gesinnungen,  setzt  aber  als  natürlich 

E.  StengaL    Briefe  der  Brüder  Orlxnxn.  19 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


290  XVI.    W.  Grimm  an  Müller.  1837 

voraus,  dasz  er  nicht  verbunden  sey  danach  zu 
handehi.  (Jemand,  der  ihn  genau  kennt,  versicherte 
mich  gestern,  dasz  seine  Gesinnung  wahr  u.  gut  sej, 
u.  dasz  wenn  jemand  in  dieser  Sache  Entschuldigung 
verdiene  durch  seine  besondere  Lage,  so  sey  er  es. 
[Randbemerkung.])  Hugo  hat  sich  ein  eigenes 
System  gebildet,  aber,  ich  zweifle  nicht,  mit  innerer 
Überzeugung,  dabei  äuszert  er  sich  imbefangen  und 
mit  Ireiem  Urtheil;  uns  beweist  er  fortwährend  die 
freundschaftlichste  Gesinnung. 

Gausz  ist  mir  ein  Räthsel,  ich  glaube  ihn  leitet 
die  Furcht  man  möge  denken,  er  dulde  den  geringsten 
Einflusz  von  andern  auf  sich.  Hausmann  sagt  in 
schmerzlichem  Ausdruck  dasz  er  sich  zu  nichts  ent- 
schlieszen  könne  was  der  Universität  Nachtheil 
bringe,  wir  zeigten  wenig  Liebe  zu  ihr.  u.  s.  w. 

Es  ist  unglaublich,  wie  sich  die  Charaktere  in 
wenigen  Tagen  blosz  gegeben  haben.  Es  ist  wie 
im  Herbst,  wenn  bei  einem  Nachtfrost  auf  einmal  alle 
Blätter  fallen  und  am  Morgen  die  Äste  kahl  dastehen. 

Farbe  halten  werden  nur  die  sechse,  die  sich 
nach  uns  erklärt  haben,  wiewohl  es  etwas  ent- 
schiedener hätte  geschehen  sollen,  so  wie  Ihr  Bruder 
wollte.  Er,  Kraut,  und  Ritter,  dessen  gerader, 
trefflicher  Charakter  sich  sogleich  bewährt  hat, 
werden  kein  haarbreit  von  der  rechten  Bahn  ab- 
weichen. Dasz  sie  sich  der  Universität  erhalten 
können  scheint  mir  kaum  möglich. 

Den  Hergang  der  Dinge  kennen  Sie  aus  den 
Zeitungen,  die  bis  auf  unwesentliche  Dinge  die 
Wahrheit  enthalten.    So   ist  es  wahr  dasz  man  den 


y  Google 


1837  XVL   W.  Grimm  an  MüUer.  291 

drei  Yerbannten  keine  andere  Wahl  liesz,  als  sich 
zur  Untersuchung  an  einen  andern  Ort  abführen  zu 
lassen,  oder  auszuwandern.  Über  den  Tag  in  Witzen- 
hausen  hat  Bertheau,  der  eine  sehr  ehren werthe 
Gesinnung  zeigt,  in  der  Hamburg.  Börsenhalle,  eine 
aosf&hrliche  Beschreibung  geliefert. 

Seyn  Sie  und  die  Ihrigen  mit  treuer  Liebe  und 
Freundschaft  umarmt ;  auch  meine  Frau  grüszt  herz- 
lich; Luc k es  Frau  sagte  neulich  ,wollte  Gott,  wir 
gehörten  zu  ihnen,  Sie  sind  ruhig  und  heiter;  wir 
sind  es  nicht'.  Irgend  einen  Plan  für  unsere  Zu- 
kunft habe  ich  noch  nicht  machen  können,  ich  musz 
alles  Gott  anheim  stellen.  Möge  er  Ihnen  in  den 
neuem  Jahre  seinen  Segen  schenken 

Ihr  treuer  Gevattersmann 
Wilh.  Grimm. 

Ghrfiszen  Sie  alle  Freunde.  Hub  er  danke  ich 
för  seinen  Brief,  den  ich  damals,  der  zufälligen 
Leser  wegen,  nicht  [be]antworten  wollte.  Ich  hätte 
üun  damals  etwa  folgendes  zu  sagen  gehabt. 

Der  materielle  Inhalt  des  Grundgesetzes  kam  bei 
unserer  Erklärung  nicht  in  Betracht.  Ich  glaube 
nicht  dasz  es  besser  ist,  als  überhaupt  die  Gesetz- 
gebung unserer  Zeit.  Die  Gesetze  wachsen  heutzu- 
tage nicht  aus  einem  natürlichen  Triebe  u.  innrer 
Nothwendigkeit  hervor  wie  etwa  einem  Vogel  die 
Federn  aus  der  Haut,  sondern  sie  werden  fabriciert 
n.  ausgedacht,  ich  will  glauben,  oft  mit  dem  besten 
Willen.  Ich  habe  also  gar  keine  Zärtlichkeit  für 
das    Grundgesetz.      Unbefangene    u.    wohldenkende 

19* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


292  XVI.    W.  Grimm  an  MüUer.  1^ 

Männer,  die  das  Land  kennen,  meinen  es  sey  doch 
angemessener  als  die  Verfassung  von  1819,  mit 
welcher  es  soll  vertauscht  werden,  und  die  ebenMs 
von  Papier  ist,  (die  dem  Absolutismus  wohl  günstiger 
ist,  bei  welcher  aber  von  wahrer  lebendiger  Freiheit 
und  organischen  Zuständen  keine  Rede  ist;  die  über- 
haupt niemand  schaffen  kann.  [Randbemerkung.]) 
Man  hätte,  nur  auf  dem  Wege  des  geraden  Rechts, 
durch  Vereinbarung  mit  den  nach  dem  Grundgesefe 
berufenen  Landständen,  oder  durch  Entscheidung 
alle  nöthigen  Veränderungen  machen  mögen.  Auf 
unsere  Lage  hatte  die  ganze  Sache  ohnehin  keinen 
Einflusz. 

Bei  unserm  Schritte  lag  blosz  die  religiöse  Über- 
zeugung zu  Onmde,  dasz  wir  so  handeln  müszten, 
wenn  wir  unser  Gewissen  rein  erhalten  wollten,  and 
die  Ehre  der  Universität,  die  ja  durch  sich  selbst 
auf  die  Betrachtung  angewiesen  ist,  eine  solche  freie 
Erklärung  verlange.  Mit  dem  politischen  Partei- 
wesen hat  die  Sache  nichts  zu  schaffen  und  wir 
müszen  die  albernen  Lobeserhebungen  der  Liberalen 
ebenso  ertragen  als  die  hoffärtigen  Verhöhnungen 
der  andern  Secte. 

Am  3.  Januar  1838. 

Dieser  Brief  ist  liegen  geblieben,  weil  ich  um 
nicht  auf  die  Post  geben  wollte,  u.  auf  eine  Ge- 
legenheit Wärtete,  die  ihn  nach  Cassel  mitnähme. 

Dasz  der  König  von  Sachsen  wohlwollend 
uns  Sieben  erlaubt  hat  Vorlesungen  in  Leipzig  als 
prof.  honor.  zu  eröffnen  werden  Sie  in  diesen  Tagest 


y  Google 


1838  XVL    W.  Grimm  an  Müller.  293 

gelesen  [haben],  Dahlmann  Iiat  es  gestern  hierher 
geschrieben.  Es  ist  nicht  blosz  ehrenvoll  für  die 
Sachs.  Regierung,  sondern  auch  in  unserer  Lage  er- 
wünscht, da,  wie  ich  gewisz  weisz,  die  Absicht  war, 
mit  dem  Entlassungsdecret  dahin  zu  wirken,  dasz 
keine  deutsche  Regierung  uns  wieder  aufiiehmen 
sollte.  Dahlmanns  Entfernung  von  Cassel,  ist, 
wie  ich  ebenüedls  sicher  weisz,  auf  Requisition  aus 
Hannover  geschehen,  u.  zwar  mit  Bereitwilligkeit. 

Vorgestern  ist  Langenbeck  zu  Albrecht 
gekommen  um  ihn,  wie  er  deutlich  gesagt  hat, 
officiell  u.  im  Auftrage  des  Königs  und  des  Gabinets 
zn  fragen,  ob  wir  keinen  Weg  angeben  könnten, 
um  die  Sache  zu  vermitteln.  Es  ist  ihm  bestinmit 
u.  deutlich  geantwortet  worden  dasz  wir  keinen 
wüszten.  Das  Factum  an  sich  ist  merkwürdig. 
Vielleicht  ist  blosz  die  Absicht  einen  Zeitungsartikel 
ZQ  machen,  worin  es  heiszt  wir  hätten  uns  auf 
Unterhandlungen  eingelassen  um  bleiben  zu  können ; 
man  will  blosz  unsere  Gesinnung  dadurch  herab- 
würdigen, oder  sich  in  der  öffentlichen  Meinung,  die 
sich  überall  deutlich  ausspricht,  erheben.  Leo  aus 
Halle  hat  geschrieben  nur  ein  Lump  könne  eine 
Vocation  hierher  annehmen,  u.  es  scheint  bei  den 
(belehrten  eine  Ehrensaehe  zu  werden.  Ebenso  wenig 
wird  man,  glaube  ich,  Ranke  gewinnen.  Sollte 
ein  Artikel  solches  Inhalts  erscheinen,  so  werden  Sie 
ihn  danach  beurtheilen. 

Oder  die  Temperatur  hat  sich  geändert.  Nach 
allem  was  man  von  den  JustizcoUegien  hört,  be- 
nehmen sie  sich  gut,   u.   besser  als  die  Universität. 


y  Google 


294  XVI.  W.  Grimm  an  MüUer.  1842 

Auch  [für]  die,  welche  den  Revers  auch  ohne  Vor- 
behalt, dasz  sie  das  Grundgesetz  als  gültig  betrachten 
müszten,  unterschrieben  haben,  soll  doch  der  Ent- 
schlusz  fest  stehen,  fortwährend  danach  zu  erkenneaiL 
Abgesetzt  können  sie  nicht  werden. 


136. 

Berlin  23  April  1842. 
Lennästrasze  8. 

Lieber,  hochgeehrter  freund  und  gevatter,  ich 
komme  mit  einer  bitte,  die  ich  Ihnen  gleich,  ohne 
weitere  einleitung,  vortragen  will,  nach  unserer 
entsetzung  in  Göttingen  erhielt  ich  von  Marbo^ 
durch  Sie  das  erste  zeichen  tiefer  und  herzlicher 
theilnahme  an  unserm  geschick.  wie  ich  daduidi 
bewegt  worden  bin,  will  ich  Ihnen  nicht  beschreiben 
und  dies  dankbare  gefOhl  wird  mich  nicht  verlasen 
so  lange  ich  lebe,  ich  schrieb  Ihnen  damals  dass 
es  mir,  wenn  die  umstände  es  erlaubten,  vergönnt 
sein  müsse,  das  empfangene  zurück  zu  erstai^ 
und  ich  darf  dies  jetzt  umsomehr,  als  uns  die  ^er^ 
einigungen  zu  unserer  Unterstützung,  namentlich  dia 
leipziger  comit^,  für  den  verlust  unserer  einnahmen 
vollkommen  entschädigt  haben,  diese  entschädignng 
anzunehmen  haben  wir  gemeinschaftlich  beschloszen, 
nachdem  wir  uns  überzeugt  hatten  dasz  eine  ehren- 
werthe  reine  gesinnung  zu  gründe  lag,  und  es  ftr 
Deutschland  ein  wolthätiges  und  stärkendes  geAhl , 
sein  muszte  ein  u]irecht  wieder  gut  zu  machen,  das 
eine  gewalt  sich  erlaubt  hatte,  gegen  welche  es  ii 


y  Google 


1842  XVI.  W.  Grimm  an  MüUer.  295 

der  regel  keine  hilfe  gibt,  nehmen  Sie  also  was 
ich  unter  andern  Verhältnissen  bis  zum  letzten  heller 
getrost  würde  verbraucht  haben  ebenso  freimd- 
scbaftlich  zurück  als  ich  es  angenommen  habe,  ver- 
zeihen Sie  dasz  ich  Ihnen  die  mühe  mache  die  summe 
wieder  zu  vertheilen,  aber  es  blieb  mir  kein  anderer 
weg  übrig,  es  sind  579  4^.  indem  ich  zu  den  zu- 
erst emp&ngenen  465'/,  ^-  nochmals  späterhin  von 
unbekannter  band,  aber  unter  dem  früheren  siegel, 
20  louisd^or  erhielt. 

Mit  meiner  genesung  geht  es  vorwärts,  aber 
etwas  langsam,  vor  ein  paar  tagen  bin  ich  zuerst 
vor  meinem  hause  im  thiergarten  auf  und  abgegangen, 
fireilich  noch  mit  unsichem  schritten,  die  meinigen 
sind  glücklich  wieder  hergestellt,  im  Januar  lag 
alles,  das  jüngste  kind  ausgenommen,  zum  theil 
schwer  erkrankt  darnieder,  und  meine  ganze  wohnung 
war  in  ein  lazareth  verwandelt,  wie  Schönlein 
selbst  sagte,  ich  kann  gott  nicht  genug  für  seinen 
beistand  danken. 

Die  herzlichsten  grüsze  von  uns  allen  an  Ihr 
ganzes  haus,  mein  patchen,  denke  ich  mir,  wächst 
firisch  und  munter  heran,  schenken  Sie  mir  femer 
Ihr    freundschaftliches    andenken,     mit  treuer   ge- 

WITlTinTIg 

der  Ihrige 
Wilh.  Grimm. 


y  Google 


296  XVII.    J.  Grimm  an  Müller.  1838 

XTII.    Brief  von  Jacob  Grimm  an   Professor 
Julius  Malier. 

187. 

Lieber  freund,  Ihr  Zuspruch  vorigen  winter  war 
der  erste  der  uns  tröstete,  erlauben  Sie  dasz  ich 
Ihnen  diese  blätter  zusende,  die,  nach  drei  vergeb- 
lichen versuchen  in  dem  eigentlichen  Deutschland, 
sich  zuletzt  an  den  fula  der  alpen  flüchten  musten. 
Etwas  neues  werden  Sie  nicht  daraus  vernehmen, 
blo&e  bestätigung  des  längst  schon  bekannten  oder 
wenigstens  vermuteten. 

Herzlichen  grufs.  Wilhelm  und  Dortchen 
besuchen  mich  hier  in  einigen  tagen,  wo  die  gegend 
am  schönsten  ist  und  die  alte  Zuneigung  zu  ihr  am 
deutlichsten  rege  wird,  auch  Hugo  konmit  mit, 
um  dem  tag  seines  Jubiläums  zu  entgehn,  so  daüs 
dem  verbannten  gerade  dadurch  eine  mitfeier  zu 
theil  wird,     mit  steter  freundschaft 

Ihr  Jacob  Grimm. 

Cassel  5.  Mai  1838. 


y  Google 


1835  XVni.   J.  Grimm  an  Vilmar.  297 

XTUL  Elf  Briefe  von  Jacob  Grimm  an  Director 
spater  Prof.  Vi i mar  in  Marburg. 

188. 

Ich  bin  Ihnen,  verehrter  Herr  Director,  für  Ihr 
neues  Geschenk  sehr  verbunden.  Programme  eignen 
sich  ganz  vorzüglich  zur  Bekanntmachung  solcher 
späteren  und  an  sich  weniger  anziehenden  Werke, 
denen  nicht  leicht  ein  Platz  in  grö&eren  Büchern 
eingeräumt  wird,  und  die  daher  oft  unbeachtet  liegen 
bleiben.  Die  Darstellung  des  Gedichts  ist  zwar 
dürftig,  aber  nicht  unbelebt,  und  bemerkenswerth 
scheint  an  den  besseren  Stellen  der  absichtliche 
Wechsel  kurzer  und  langer  Zeilen. 

Nicht  weniger  gefreut  hat  mich  Ihr  günstiges 
Urtheil  von  meiner  „Mythologie**,  ich  habe  das 
reiche  Material  noch  nicht  vollständig  bewältigen 
können,  wie  die  Nachträge  zeigen,  denen  ich  jetzt 
schon  vielfache  andere  beifügen  könnte.  Der  beste 
Erfolg  der  Arbeit  wird  aber  sein,  dafs  nun  auch 
andere  auf  den  Stof  und  seine  Bedeutung  achten. 

Ich  lege  Ihnen  eine  eigentlich  blofs  für  meine 
Vorlesung  berechnete  Ausgabe  der  „Germania**  bei; 
vielleicht  scheint  sie  auch  auf  Schulen  brauchbar. 
Die  Stelle  aus  Ann.  13,  57  über  das  Erdfeuer  habe 
ich  erst  nach  langem  Zweifel  aufgenommen.  Als 
ich  mein  cap.  XV  der  Mythol.  schrieb  traute  ich 
ihr  noch  nicht,  sonst  war  dies  Feuer,  das  wie  ein 
Thier  geschlagen  und  mit  Kleidern  gelöscht  wird, 
nicht  zu  übersehen.    Die  Deutschheit  der  Sitte  mub 


y  Google 


298  XVm.    J.  Grimm  an  Vümar.  1838 

aber  vorzüglich  durch  ähnliches  YerfiEihren  aus 
8pätere[r]  Zeit  bestätigt  werden.  Sollte  Ihnen  etwas 
Ton  solcher  Feuerbesprechung  bekannt  sein  oder 
werden,  so  bitte  ich  darum.  Überhaupt  werden  mich 
alle  Beiträge,  gleich  dem  über  den  hersfelder 
Hilpentriterde,  erfreuen. 

Welch  seltsamer  Bogen  ist  der  bei  Ihnen  üb^ 
das  , Hildebrandslied*'  erschienene  von  Wilh.  Mohr? 
wie  ist  es  so  etwas  in  den  Druck  zu  geben  mögUch? 
Lachmanns,  auch  bei  Wackernagel  wieder- 
holte Constitution  des  Textes  blieb  dem  Vf.  unbe- 
kannt, und  er  ersinnt  für  seine  Einfölle  lauter  un- 
zulässige, abenteuerliche  Wortformen!  aus  der 
Yerlagsanzeige  sehe  ich  dals  er  ein  junger  Thedog 
ist. 

Mit  vollkommenster  Hochachtung  Ihr  ergebenster 

Jac.  Grimm. 

Gott.  25  Nov.  1835. 


189. 

Ew.  Wolgeboren 

haben  mir  früher  mehrere  freundliche  mittheilunga 
gemacht  und  bereits  so  wesentlichen  theil  an  unsrer 
deutschen  Sprachforschung  genommen,  dalis  ich  mir 
wol  die  frage  erlauben  darf:  ob  Sie  geneigt  wären 
auch  einen  beitrag  für  das  von  mir  bearbeitete 
»deutsche  wb.**  zu  liefern?  Sie  lesen  vielleicht  in 
nebenstunden  des  künftigen  jahrs  gern  einen  schrift* 
steUer  des   16.    17   oder   18  jh.   einmal  von  neuen 


y  Google  1 


1838  XVIIL    J.  Grimm  an  Vilmar.  299 

oder  zuerst  durch,  und  dabei  würde  es  leicht  fallen, 
die  merkwürdigen  Wörter  und  phrasen  auf  einzelne 
sedezblattchen  zu  tragen.  Im  fall  Ihnen  das  nicht 
zuwider  wäre,  bäte  ich  mir  nur  eine  reihe  solcher 
bücher  zu  nennen,  damit  ich  vorher  sagen  kann,  ob 
sie  nicht  schon  von  andern  übernommen  worden 
sind.  Denn  viel  ist  zwar  untergebracht,  begreiflich 
aber  noch  viel  zu  vertheilen. 

Danken  Sie  doch  in  meinem  namen  hm.  dr. 
Blackert  ftb:  die  mir  eben  übersandten  Unter- 
suchungen des  gr.  dualis,  sie  haben  mir  dieser  tage 
beim  durchlesen  sehr  wol  gefallen,  ich  bin  jetzt 
zu  sehr  beschäftigt  um  ihm  selbst  einiges  darüber 
zu  schreiben.  Vielleicht  hätte  er  (oder  ein  andrer 
Ihrer  dortigen  bekannten)  auch  neigung  und  muGse 
ftr  meine  excerpte?  es  versteht  sich  dals  der  Ver- 
leger zu  einem  angemessenen  honorar  erbötig  sein 
wird. 

Schon  lange  hatte  ich  vor  Ihnen  in  andern  be- 
ziehungen  zu  schreiben,  bin  aber  auf  alle  weise  ge- 
stört gewesen,  ich  weife  nicht  wer  mir  erzählt 
hatte,  aus  alten  acten  seien  Ihnen  wichtige  sam- 
hmgen  über  hexerei  und  aberglauben  zur  band  ge- 
kommen, ich  wollte  Sie  auffordern  dergleichen  in 
der  Zeitschrift  des  bist.  Vereins  bald  mitzutheilen, 
dessen  jüngstes  heft  trocken  und  unfruchtbar  genug 
angefallen  ist.  Ich  bedarf  solcher  neuen  materialien 
am  allermeisten  für  die  neue  .ausg.  meiner  „mytho- 
logie*,  die  ich  sehr  zu  verbessern  denke.  Diesen 
Winter  hoffe  ich  auch  den  druck  einer  reichhaltigen 
samlung  ungedruckter  dorfweisthümer  zu  beginnen, 


y  Google 


300  XVm.    J.  Grimm  an  Vilmar.  18S8 

die  zwei  starke  bände  fällen  und  nicht  hlota  för  das 
alte  recht  bedeutend  sein  wird.  Sollte  Ihnen  bei 
Ihren  forschungen  im  felde  hessischer  geschickte 
noch  ein  oder  das  andre  dahin  einschlägige  stück 
vor  äugen  gekommen  sein,  so  bäte  ich  darum  sicher 
nicht  fehl.  Landau  hat  mir  seine  ausbeute  bereits 
zugesagt. 

Mit   aufrichtigster  hoch  ach  tung  und  ergebeuheit 

Jacob  Grimm. 

Cassel,  4.  Nov.  1838. 

Beim  auspacken  meiner  bücher  habe  ich  Potts 
interessante  abh.  de  lingua  litthtuintca  und  Mafs- 
manns  gothisches  Jubilargedicht  in  mehrfachen 
exemplaren  gefunden ;  sollte  Ihnen  oder  hm. 
Blackert  irgend  damit  gedient  sein? 


140. 

Cassel  1  dec.  1838. 

Verehrter  herr  Director, 

Es  freut  mich  sehr  dafs  Sie  die  gute  haben  wollen 
einige  beitrage  zu  dem  deutschen  wb.  zu  liefern. 
Die  mir  vorgeschlagnen  bücher  scheinen  dafOr 
sämtl.  zweckmälsig  und  ich  bitte  «Sebast.  Franck*, 
„Wolf  V.  Spangenberg*,  »Rollenhagen*,  „Melchior 
Sebiz*,  „B.  Waldis*  und  „Filidor"  zwischen  sich 
und  hm  Dr  Blackert  (wenn  dieser  lust  bezeigt) 
zu  yertheilen.  Die  auszüge  werden  auf  sedezblätter 
nach  beifolgendem  muster  gemacht;  es  liegt  natfir- 


y  Google 


1839  XVm. .  J.  Grimm  an  Vümar.  301 

lieh  mehr  an  einfachen  Wörtern,  als  an  abgeleiteten 
oder  zusammengesetzten,  auüser  wo  diese  selten  und 
bedeutsam  sind.  Auf  kraftige  phrasen  und  struc- 
turen  ist  es  aber  auch  abgesehn.  im  zweifei  wird 
der  ansdruck  immer  lieber  ausgezogen  als  über- 
gangen. Im  laufe  des  nächsten  jahres  1839  bieten 
sich  wol  sattsam  nebenstunden  für  dies  geschäft  dar; 
Tor  1840  kann  die  redaction  nicht  begonnen  werden. 
Es  ist  die  absieht  der  yerlagshandlung  die  beitrage 
nach  einem  noch  auszufindenden  malsstab  anständig 
zu  honorieren.  ,Tho.  Mumer*^,  »Opitz*,  »Gryphius** 
und  „Fleming**  waren  schon  an  andere  ausgetheilt. 
Für  gelegentliche  mittheilung  einiger  mjtho- 
logica  werde  ich  Ihnen  sehr  yerbunden  sein.  Die 
yersprodmen  exempl.  der  abh.  von  Pott  undMafs- 
mann  lege  ich  doppelt  bei 

Gknz   ergebenst 

Jac.  Grimm. 


141. 

Cassel  9  april  1839. 

Wir  sind  Ihnen  alle  dank  schuldig  ftir  die  schöne 
und  klare  entwirrung  des  Verhältnisses  zwischen 
Budolfs  von  Ems  „weltchronik*  und  deren  fort- 
setzungen  und  interpolationen.  ich  kann  mir  nicht 
anders  vorstellen,  als  dasz  das  ziel  Ihrer  bemühung 
eine  vollständige,  in  vielem  betracht  erwünschte  aus- 
gäbe des  echten  werkes  sein  wird,  mein  b  rüder 
will  das  Programm  in  den  gött.  anz.  beurtheilen. 
satz  und  correctur  der   mitgetheilten  proben  haben 


y  Google 


302  XVm.  J.  Grimm  an  Yümar.  1839 

wahrscheinlich  beeilt  werden  müssen,  daraus  erkläre 
ich  mir  die  ungleiche  und  mangelhafte  TocaUängen- 
bezeichnung.  Hierbei  übersende  ich  ein  schon  vor 
vielen  jähren  abgelöstes  pergamentblatt,  das  in  Ihren 
bänden  nun  nutzbarer  sein  wird  als  in  meinen. 

Dem  Münchner  Roth  haben  Sie  die  erste  wol 
verdiente  Zurechtweisung  angedeihen  lassen. 

Den  „Burkard  Waldis"  kann  ich  Ihnen  demnäclisi 
übermachen,  sobald  Sie  zeit  und  lust  dazu  gewinnen. 
Auch  mit  den  andern  auszügen  halten  sie  es  nach 
bequemlichkeit. 

Noch  lege  ich  ein  blatt  ein,  das  ganz  zufallig 
entsprungen  ist. 

Mit  gröszter  hochachtung 
Jac.  Grimm. 


142. 

[Cassel  19.  Mai  1839.] 

Verehrter  herr  Director, 

ich  konnte  vorige  woche,  als  sich  eine  gelegenheit 
darbot,  Ihnen  den  „B.  Waldis**  zu  übermachen,  kein 
wort  hinzu  schreiben ,  bringe  also  meinen  dank  für 
die  schon  mii^etheilten  auszüge  hintennach.  Sie 
scheinen  völlig  so  beschaffen,  wie  ich  es  wünsche, 
aber  auch  von  Ihnen  erwarten  konnte,  ich  habe 
die  drei  ersten  bogen  aus  dem  „froschmeuseler* 
nachverglichen,  und  finde  kein  wort  excerpiert,  was 
ich  nicht  auch  mitgenommen  hätte,  einzelne,  von 
minderer  bedeutung,    hätte  ich  noch  aufserdem  zn- 


y  Google 


1839  XVni.    J.  Grimm  an  VUmar.  303 

gelassen,  z.  b.  A4^  hof recht;  A4^  jedoch  hat  auch 
uHxrheü  sein  geä;  AI*  abscheid;  A 7^  verlangst; 
B 1*  aschenpössei ;  B  2*  gestehn  (zugestehn  mit  acc. 
d. Sache);  B3*  verstackt;  0  2**  meytagk;  C5*  vberseit; 
C  5**  grasmaisch  :  busch ;  C  5*  auffrichtig;  C  6*  unter- 
Jeffs;  C6**  sich  beklagen;  C6*»  werten;  Cß^  springens 
üeid;  C7*  auffs  spiel  bestüreet;  C7*  hereiner; 
C7^  westerJiembdlein ;  CS**  Ao  glück  gu;  ohne  zweifei 
wiederholen  sich  einige  derselben  aber  noch  an 
andern  stellen  bei  diesem  autor,  z.  b.  jenes  gestehn^ 
und  es  liegt  überhaupt  nichts  an  einer  peinlichen 
genaoigkeit,  die  alles  auffangen  möchte,  d.  h.  ein 
mangelndes  beispiel  ersetzen  viele  andere. 

Ghroüse  freude  gemacht  haben  mir  sodann  die 
excerpte  aus  den  hexenacten,  ich  kann  sie  mit 
grolsem  nutzen  in  meine  arbeiten  verwenden,  und  mir 
ist  nichts  unwichtig,  was  auch  einen  kleinen  um- 
stand zu  erläutern  vermag.  Der  goldne  schuh  war 
mir  gleichfalls  noch  nicht  vorgekommen.  Gewöhn- 
lich hat  man  die  hexenprocesse  nur  berücksichtigt, 
mn  sich  über  den  aberglauben  oder  über  die  falsche 
procedur  aufzuhalten,  und  dabei  gerade  die  wich- 
tigsten züge  verabsäumt,  die  von  der  volksüber- 
lieferung  sich  in  solchen  Verhandlungen  finden. 

Der  bogen  etymologie  über  ^sünde^  war  ein 
blolser  brief,  den  man,  ohne  mein  zuthun,  in  den 
druck  lieferte.  Auch  die  paar  bemerkungen  über 
hessische  Ortsnamen  sollten  blofis  einen  müfsigen 
arbeiter  zu  genauer  behandlung  des  verachteten  vor- 
rathigen  stofs  antreiben.  Meine  deutung  von  medum 
ist    wahrscheinlich     falsch,    sofern    an    das    goth. 


y  Google 


304  XVUI.   J.  Grimm  an  Vilmar.  1839 

maähms^  alts.  medfm,  ags.  mddhm  (geschenk,  gäbe, 
abgäbe)  gedacht  werden  mufis. 

Zur  herausgäbe  der  Rudolfischen  weltchronik 
wird  Sie  hoffentlich  noch  mehr  der  glücks&U  er- 
muntern, dals  jetzt  auch  der  «gute  Gerhart^  auf- 
gefunden ist  und  von  Haupt  herausgegeben  wird. 
Desto  gesicherter  wird  das  urtheil  über  des  dichtere 
spräche  und  eigenheit. 

Mit  herzlicher  empfehlung 

Jacob  Grimm. 


148. 

Cassel  22.  sept 

Sie  haben  mir,  verehrtester  herr,  durch  Über- 
sendung Ihrer  treflichen  und  so  schnell  geförderten 
auszüge  grolse  &eude  gemacht.  Hielten  es  alle 
mitarbeiter  ebenso,  so  könnte  das  werk  schneller 
aufwachsen;  bei  der  Saumseligkeit  mancher  muls 
aber,  wie  ich  es  voraus  sah,  die  Mst  immer  weiter 
hinausgesetzt  werden;  es  wird  noch  bis  zur  mitte 
des  folgenden  jahrs  völlig  zeit  sein,  dals  Sie  uns, 
Ihrer  bequemlichkeit  nach,  die  übrigen  versprochenen 
excerpte  zubereiten.  Mittlerweile  werde  ich  suchen 
Ihnen  die  noch  abgehenden  Sachen  von  ,Seb.  Frank* 
zu  verschaffen,  da  mir  allerdings  nun  daran  li^ 
daüs  Sie,  einmal  in  diesen  autor  eingelesen,  aUes 
übernehmen. 

Der  Verzug  nützt  meinen  übrigen  arbeiten,  unter 
denen  mir  zumal  die  neue  ausg.  des  ersten  th.  der 


y  Google 


1839  XVnL    J.  Grimm  an  Vümar.  305 

granunaük  vollauf  zu  thun  gibt,  es  geht  damit  so 
langsam,  dafe  erst  10  bogen  gesetzt  sind,  aber  frei- 
lich auch  noch  kein  wort  aus  der  vorigen  hat  bleiben 
können. 

Die  bisher  eingekommnen  vielen  zettel  sind  unter- 
einander noch  nicht  geordnet;  ich  kann  daher  noch 
nicht  leicht  finden,  ob  sich  darin  aufschlüsse  über 
treusch  darbieten,  dem  brem.  wb.  fehlt  dies  wort. 
Stielers  Sprachschatz  hat  p.  2327  ^treuschen,  ge- 
treuschet  idem  est  quod  triegen',  asttäe  agere^  unde 
treuschung  /raus,  fällacia.  der  treuscher  subdolus^ 
ireuschicht  dolosus.  treuschen  aqmm  dispergere  huc 
non  pertinet.'' 

Reinwald  im  henneb.  id.  tremsch  tergiversator. 
Mir  schien  das  wort  bisher  ziemlich  neu  und  aus 
dem  französ.  tricher  =  tromper,  duper.  Wie  alt  ist 
im  geschlecht  der  von  Buttlar  das  Treusch  von 
Buttlar?  und  leidet  es  üble  deutung? 

Ein  isländ.  pilgrim  machte  sich  im  12  jh.  auf 
den  weg  nach  Rom  und  hat  ein  interessantes  Ver- 
zeichnis der  örter  hinterlassen,  durch  welche  er 
wanderte,  diese  reisebeschr.  ist  1822  von  W er- 
lauf f  bekannt  gemacht  worden.  Indem  er  die 
strafse  von  Paderborn  nach  Mainz  angibt,  macht  er 
zwei  dazwischen  liegende  Ortschaften  namhaft,  Horus 
und  Kiliandr.  ,  Horus"  ist  Horhus  bei  Eresburg 
(Stadtbergen.)  aber  „Kiliandr",  wohin  man  von 
Horus  aus  gelangt,  und  was  dadurch  merkwürdig 
wird,  daüs  da  die  „Gnita  beide"  liegen  soll,  wo 
Sigurd  den  drachen  Fafnir  tödtete?  ok  thar  er 
Gnüaheidr,  er  Sigurdr  vä  at  Fabni. 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orimm.  20 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


306  XVIIl.  J.  Grimm  an  Vilmar.  183& 

Die  traditümes  Eberhardi  tnonachi  ftUdensis,  in 
der  mitte  des  12  jh.  aus  alten  urk.  zus.  getragen 
und  bei  Schannat  trad.  fuld.  abgedr.  haben p.  307 
n^  42 :  Wichelm  tradidä  $.  Banifatio  bona  sua  in 
Michelhergere  marca  in  villa  Calantra  dida.  Das 
soll  Galdern  bei  Marburg  sein,  in  dessen  nahe  ein 
Michelbach  (nicht  -berg),  vgl.  Wenk  2,439  öa- 
lantra. 

Spätere  urk.  1235.  1250.  1251  haben  fOr  Caldem: 
Cälderen,  Kalderen j' wie  heute.  Calantra  wäre  der 
einzige  name,  der  sich  jenem  Kiliandr  vergUche, 
und  Ealdem  fügte  sich  auf  die  strafse  Yon  Stadt- 
bergen nach  Mainz.  Fragt  sich,  ob  eine  alte  heer- 
strafee  oder  weinstrafse  durch  Caldem  lief?  ob  die 
ab  weichung  Michelbach  yon  Michelberg  nicht  zu 
hinderlich  ist?  ob  Caldem  in  der  Michelbacher  mark 
lag?  Vielleicht  erwägen  Sie  auf  einem  Spazier- 
gang nach  Caldem,  was  von  der  «Onitaheide*  xind  von 
etwa  haftenden  volkssagen  zu  halten  ist?  es  wäre 
schön,  wenn  ein  so  berühmter  mythischer  platx  ftr 
Hessen  könnte  gewonnen  werden. 

Haupts  ,Erek"  wird  Urnen  zusagen  und  Sie 
noch  begieriger  machen  auf  dessen  ausg.  des  „  guten 
Gerhard". 

Eine  möglichkeit  Carls  des  grofsen  deutsche 
gedichtsamml.  noch  —  in  Colmar  aufzufinden, 
weist  eben  Pertz  nach  im  siebenten  bände  seines 
archivs  p.  1018.  1019.  Geradeso  {de  carminäms 
theodiscae)  war  auch  ein  Beichenauer  codex  betitelt 
(Waltharius  p.  VU.) 

Doch  ich  mxxb  schlielsen.  Jac.  Grimm. 


y  Google 


1840  XVm.   J.  Grimm  an  Vümar.  307 

144. 
Verehrter  herr  und  freund, 

Es  ist  unverzeihlich,  und  Sie  werden  mir  doch 
nachsieht  zu  theil  werden  lassen,  dals  ich  für  Ihre 
mir  schon  im  September  übersandte  schrift  noch 
keinen  dank  erstattet  habe.  Ihre  darstellung  scheint 
mir  der  Sache  Töllig  angemessen  und  für  den  be- 
absichtigten zweck  sehr  brauchbar.  In  meine  um- 
gearbeitete ylautlehre"  ist  manche  neue  theorie 
eingeflossen,  und  es  steht  dahin,  ob  sich  diese  an- 
sichten  Ton  brechung,  Schwächung  etc.  zu  behaupten 
vermögen.  Darin,  hoffe  ich,  werden  Sie  mir  bei- 
pflichten, dafe  ich  unsrer  grammatik  ihre  eigen- 
tbümlichkeit  zu  bewahren  suche  und  sie  nicht  unter 
das  joch  der  allgemeinen  Sprachvergleichung  beuge. 

Für  das  »Wörterbuch"  haben  wir  sonsther  kaum 
willkommnere  beitrage  erhalten  als  durch  Ihre 
Sorgfalt.  Das  schuldige  honorar  (freilich  ein  etwas 
malsigeres  als  Sie  mit  recht  voraussetzen  durften; 
doch  müssen  wir  uns  in  schranken  halten)  werden 
Sie  im  januar  empfangen;  es  war  mit  dem  Ver- 
leger verabredet,  dafe  zweimal  jährlich  abrechnung 
gepflogen  werden  solle,  auf  Johannis  und  auf  Ghrist- 
tag.  aus  diesem  gründe  konnte  ich  Ihre  gebühr 
nicht  firüher  bestimmen.  Der  ganzen  arbeit  erfolg 
and  ausgang  ist  in  mehr  als  einem  betracht  noch 
sehr  zweifelhaft;  manche  verheifeungen  sind  schon 
geteuscht  worden,  und  immer  gröfeer  wächst  die 
last  unsrer  schultern. 

20* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


308  XVm.   J.  Grimm  an  Vümar.  1845 

Von  Haupts  neu  begonnener  Zeitschrift  f&r 
deutsches  alterthum  soll  bald  ein  erstes  heft  er- 
scheinen; hätten  Sie  nicht  auch  lust  zu  beitragen? 
die  ihn  sehr  freuen  würden. 

Lachmann  läfst  «Lichtensteins  frauendienst' 
und  eine  neue  ausg.  seiner  „Nib.*  drucken.  Die  in 
der  Prachtausgabe  durchgeführte  reduction  des  teites 
erschreckt  doch  ein  wenig,  und  in  der  theorie  ist 
seine  ansieht  offenbar  gefälliger. 

Gervinus  fünften  theil  halte  ich  für  das  beste 
was  er  geschrieben  hat,  oder  was  über  unsre  literatur 
des  18.  jh.  überhaupt  geschrieben  worden  ist. 

An  der  besseren  wendung  unsrer  läge  nehmen 
Sie  ohne  zweifei  herzlichen  theil,  die  zukunft  mnls 
aber  erst  zeigen,  ob  uns  alle  sorge  gelöst  wird. 

Jac.  Grimm. 

Gas  sei  5  dec.  1840. 


145. 

Berlin  1  febr.  1845 

Ihre  Nationalliteratur,  verehrter  freund,  habe  ich 
vor  etwa  fünf  wochen  empfangen  und  erstatte  daffir 
herzlichen  dank,  es  ist  kein  ausgeschriebnes,  also 
auch  kein  überflüssiges  buch  und  wird,  wie  es  schon 
auf  Ihre  zuhörer .  fruchtbar  eingewirkt  haben  mu6, 
auch  einen  weiteren  kreis  von  lesern  befriedigen. 
Gott  erhalte  Ihnen  ferner  die  freude  und  lust  des 
fortarbeitens   auf  diesem  einheimischen,   ich  glaube 


y  Google 


1845  XVm.   J.  Grimm  an  Vümar.  309 

noch  ungemein  ergibigen  felde ;  wer  mag  doch  lieber 
seinen  pflüg  auf  fremde  äcker  wenden ! 

Als  kleines  gegengeschenk  ist  Ihnen  auf  dem 
wege  des  buchhandels  neulich  zugegangen  was  von 
meinen  academischen  Vorlesungen  zum  druck  gelangt 
war.  Es  ist  ein  übelstand,  isJa  solche  abhandlungen 
durch  liegen  bleiben  und  warten  von  ihrer  frische 
verlieien.  Wenn  die  reihe  an  sie  kommt,  so  flickt 
nnd  bessert  man  ein  wenig  nach.  Würden  nicht 
ein  paar  besondere  abdrücke  gezogen,  so  hätten  die, 
welche  am  gegenständ  theilnehmen,  noch  ein  paar 
jähre  zu  harren,  ehe  der  dicke  und  theure  band  er- 
scheint. Die  deutsche  gelehrsamkeit  gefällt  sich 
ohnehin  nicht  in  der  academischen  fessel. 

Wie  geschieht  es  doch  dafe  die  theilnahme  des 
pnblicums  an  der  altdeutschen  literatur  sichtbar  ab- 
nimmt? Haupt,  der  in  seiner  Zeitschrift  so  viel 
tüchtiges  leistet,  (selbst  den  historikem  müste 
Sei  fr.  Helbling  wichtig  sein.  [Randbemerkung]) 
wird  sie  über  den  fünften  band  hinaus  schwerlich 
fortsetzen  können.  Gedruckt,  gelesen  und  aufgelegt 
wird,  wenns  so  fortgeht,  nach  einiger  zeit  nur  die 
politische  literatur  werden.  Auch  recensiert  wird 
unser  fach  nicht  mehr,  obwol  ich  selbst,  der  ich 
dessen  überhoben  zu  sein  glaubte,  eben  doch  wieder 
zu  einer  recension  nothgedrungen  worden  bin,  die 
ich  Ihnen  hier  beilege.  Sie  werden  sie  nicht  heftig, 
aber  ernstlich  gemeint  finden;  Müllers  und 
Schaumanns  leere  einbildungen  traten  mir  ohne 
allen  fag  zu  nahe,  um  keinen  von  beiden  hatte  ichs 
persönlich   verdient.    Indem  ich  ihre  Undankbarkeit 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


310  XVIII.   J.  Griinm  an  Vilmar.  1845 

erfuhr,  tröstete  mich  dafür,  dafe  Sie  und  andere 
mit  dem  wachsthum  meiner  „mythologie*  zufrieden 
sind.  Enthalten  Sie  mir  auch  femer  nicht  vor  was 
Ihnen  beim  lesen  und  sammeln  taugliches  auf^tölst; 
die  obscöne  bedeutung  von  phol  hebt  den  werth  des 
überlieferten  dennoch  nicht  auf,  auch  nach  dieser 
Seite  hin  wird  zuweilen  der  alte  mythus  verkehrt 
In  aufrichtiger  freundschaft 

Ihr  Jac.  Grimm. 

Können  Sie  mir  jetzt  oder  künftig  aus  einer  bs. 
der  Rudolfischen  „weltchronik*  die  stelle  über 
Friedrich  von  Auchenfiirt  ergänzen,  so  thun  Sies. 


146. 

[1845  ?1 
Da  ich  eben  nach  Marburg  schreibe,  kann  ich 
nicht  unterlassen  ein  paar  worte  des  längst  schul- 
digen dankes  an  Sie,  werthester  freund,  einzulegen 
für  Ihren  letzten  lieben  brief  und  die  Zusendung 
Ihrer  abhandlung  über  den  Heliand,  die  mir  will- 
kommen war;  ich  habe  die  übrigen  exemplare  an 
lauter  würdige  ausgetheilt  und  ich  zweifle  nicht  da6 
Ihre  Schrift  überall  mit  beifall  aufgenommen  sein 
wird,  die  leute  wundem  sich,  dafe  aus  einem  alten 
gedieht  so  viel  erbeutet  werden  kann.  Otfried 
würde  nicht  so  viel  austragen,  er  ist  magerer  und 
zehrt  nicht  so  von  alten  erinnerungen,  dagegen  hat 
er  mehr  gefühl  für  seine  zeit  und  die  Franken, 
während  der  namenlose   dichter  des  Heliand   auch 


y  Google 


1855  XVlIl.   J.  Grimm  an  Vilmar.  311 

an  seine  Sachsen  gar  nicht  denkt.  Der  fränkische 
dichter  ist  gedankenreicher,  obschon  seine  gedanken 
weder  tief  noch  hoch  gehn.  Auch  die  probe  Ihres 
hessischen  idioticons  in  der  Zeitschrift  hat  mich  sehr 
gefreut;  Sie  müssen  ja  das  ganze  ausarbeiten.  Dab 
ich  in  der  taube  auf  des  hem  achsel  und  dem  halS' 
meni  auch  mjrthischen  bezug  fand  (myth.  134.  284) 
haben  Sie  entweder  nicht  bemerkt  oder  nicht  ge- 
biUigi 

Sein  Sie  herzlich  gegrüßt  von  Ihrem 

Jacob  Grimm. 
Herrn  Director  Vilmar,  Marburg. 


147. 

Berlin  16  juli  1855. 

Verehrter  freund, 

erst  heute  komme  ich  dazu  Ihren  brief  vom 
18  juni  zu  beantworten,  ich  hatte  dem  Fischart 
nicht  zugetraut,  dasz  er  zu  einer  eignen  festsetzung 
der  Orthographie  gelangt  wäre,  wie  sie  Luthern 
viel  näher  lag.  er  schien  mir  dem  gebrauch  seiner 
zeit  und  gegend  nachzugeben  und  dann  auch  die 
Setzer  gewähren  zu  lassen,  wenn  aber  aus  ver- 
gleichung  der  ältesten  ausgaben  seiner  werke  ein 
solches,  freilich  noch  so  mangelhaftes  und  un- 
genügendes System  zu  erweisen  ist,  habe  ich  nichts 
dawieder.  mir  waren  die  älteren  drucke  meist  nicht 
zur  band  und  fttr  6arg.  bediente  ich  mich  von  jeher 
der  von  1594,  der  mir  so  genügte  wie  die  ausgäbe 


y  Google 


312  XVm.   J.  Grimm  an  Vümar.  1855 

eines  classikers,  wenn  sie  schon  nicht  die  beste  war. 
ob  sich  von  1582  an  anf  keinen  druck  fischaitischer 
schrifken  zu  verlassen  sei,  yielmehr  ob  die  Drucke 
yor  1582  in  der  Schreibung  zusammen  stimmen, 
weisz  ich  doch  noch  nicht  ausgemacht,  z.  b.  wenn 
PL  und  PR  altfischartisch  sein  soll,  so  hat  das  lob 
der  laute  von  1572  seite  98  braiAsen,  100  Ulasm 
118  bringst,  blnt.  in  diesem  gedieht  wird  dcnner, 
in  den  geistl.  liedem  tonner  geschrieben,  die  geisU. 
lieder  schwanken  zwischen  for  und  vor  u.  s.  w. 

Ohne  anstand  wird  man  Ihnen  von  der  hiesigen 
bibliothek  alles  senden,  was  Sie  verlangen,  ich 
habe  überflüssigerweise  Pertz  davon  benachrichtigt, 
dasz  ein  solches  gesuch  eingehen  würde,  vom 
»binenkorb**  besitze  und  brauche  ich  jetzt  die  ausg. 
1580,  welche  auszer  dem  register  246  blatter  hat. 

Ist  Ihnen  zufällig  etwas  über  den  Verfasser  dea 
Harnisch  von  Fleckenland  (wb.  pag.  LXXVI) 
bekannt  geworden  ?  er  scheint,  nach  der  mundart  zu 
schlieszen,  wirklich  ein  Hesse  gewesen  zu  sein,  und 
gibt  es  mehr  bücher  die  zu  Hofgeismar  bei  Scha- 
dewitz im  17  jh.  gedruckt  worden  oder  ist  die 
Firma  erdichtet? 

Die  herausgäbe  der  „weltchronik**  des  Rudolf 
von  Ems  hatten  Sie,  wenn  ich  nicht  irre,  Ihrem 
söhne  abgetreten,  es  wäre  schade  wenn  er  sie 
unterliesze,  da  wir  des  alten  gedichts  vorzüglich  der 
spräche  wegen  bedürfen. 

Pfeiffer  will  nun,  neben  der  haup tischen, 
eine  neue  Zeitschrift  beginnen,  was  mir  lieb  ist. 

Mich  bestens  empfehlend.  Jac.  Orimm. 


y  Google 


1859  XVni.   J.  Grimm  an  Vilmar.  313 

148. 

Verehrter  herr,  Ihr  an  meinem  neulichen  ge- 
bartstage  entsandter  brief  hat  mich  bewegt  und  ich 
danke  Ihnen  dafür,  ich  wollte  es  schon  früher  thun, 
steckte  aber  in  den  letzten  monaten  so  tief  in  der 
arbeit,  dasz  ich  daneben  nur  das  dringendste  vor- 
nehmen konnte.  Sie  lassen  also  noch  nicht  von  art, 
und  bewahren  mir  Ihre  anhänglichkeit,  obgleich  wir 
seit  Jahren  nicht  mehr  in  eigentlichem  verkehr 
stehn;  unsere  gesinnung  und  denk  weise  weicht  in 
hauptstücken  zu  weit  von  einander  ab,  als  dasz  wir 
uns  einem  ruhigen  briefwechsel  hingeben  dürften, 
allein  ich  fühle  mich  meinerseits  so  menschlich  ge- 
stimmt und  traue  Ihnen  hierin  gleiche  gesinnung  zu, 
dasz  ich  die  saiten  meines  herzens  über  alle  irr- 
thOmer  und  misverständnisse  (denen  wir  alle  samt 
und  sonders  ausgesetzt  sind.  [Randbemerkung]) 
hinaus  anschlagen  lasse.  Wenn  Ihre  theilnahme  für 
ein  fach,  das  Sie  liebgewonnen  hatten  unerloschen 
ist  (und  ich  begreife  nicht  wie  sie  erlöschen  sollte), 
80  sein  Sie  überzeugt,  dasz  mir  auch  Ihre  weitere 
thatigkeit  darin,  von  der  Sie  so  rühmliche  proben 
abgelegt  haben,  lieb  ist,  und  leid  sein  würde,  wenn 
Sie  sie  aufgeben  wollten. 

Andere  arbeiten,  an  denen  ich  mehr  hänge  als 
an  dem  , Wörterbuch*  habe  ich  in  der  letzten  zeit 
müssen  hinlegen  und  dem  dringen  des  Verlegers 
nachgeben,  ein  heft  E  ist  fertig  geworden  und  das 
zweite  beinahe  ausgearbeitet,  das  geschäft  hat  auch 
seiii  annehmliches   und  führt  dinge  näher,  die  sich 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


314  XVin.  J.  Grimm  an  Vilmar.  1859 

sonst  in  der  ferne  halten,  dennoch  peinigt  mich, 
dasz  allem  anschein  nach  einer,  der  nun  im  75  jähr 
steht  (wie  Ihnen  ja  eben  im  gedächtnis  stand)  das 
schwere  werk  nicht  vollenden,  nur  strecken  weit 
ausführen  kann,  darüber  aber  anderes  in  sich  yer- 
schlossen  halten  musz,  was  er  gern  mitgetheilt  hätte. 
Dem  Wörterbuch  ist  äuszerlich,  wenn  ich  von  dem 
kaufenden  publicum  absehe,  wenig  anerkennung  zu 
theil  geworden,  aber  vielfacher  frevel  in  den  weg 
getreten ;  es  wird  sich  dennoch  aufrecht  halten  und 
die  Widersacher  sollen  verstieben.  Sollte  man  nicht 
wunder  glauben,  in  wie  groszer  blute  das  deutsche 
Sprachstudium  steht,  weil  acht,  sage  8  deutsche 
Wörterbücher  gegenwärtig  auf  einmal  unter  der 
presse  liegen?  ich  weisz  nicht,  ob  Sie  sich  diese 
zahlen  augenblicklich  ausfallen  können,  ab»  es  ver- 
hält sich  nicht  anders. 

Lachmanns  ansieht  von  den  Nibelungen 
und  sein  verfahren  konnte  nicht  unangefochten 
bleiben,  bei  ihm  war  alles  metrisch  gestimmt  und 
auf  solcher  grundlage  empor  gewachsen;  an  gram- 
matik  und  eigentlicher  Sprachforschung  li^  ihm 
wenig,  d.  h.  er  achtete  darauf  nicht  weiter  als  seine 
regeln  forderten.  Haupt  ist  mit  pedantischem  ge- 
schick  in  seine  fuszstapfen  getreten.  Mir  sagen 
Pfeiffers  arbeiten  mehr  zu,  er  hat  sich  durch  die 
herausgäbe  Eckharts  und  Meyenbergs  ein 
wahres  verdienst  erworben.  Auch  den  „trojanischeo 
Krieg"  nun  vollständig  zu  haben  erfreut  mich,  i 
Conrad  heiszt  sicher  nicht  von  Würzbui^ nach < 
stube  [?]  in  Basel.    Haben  Sie  Rudolfs  weltcl 


y  Google 


1S40  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  315 

bei  Seite  gelegt,  so  ists  schade,  denn  wer  wird  sie 
vomelimen?  Wer  den  „(Jargantua*  endlich  heraus- 
gibt wollen  wir  sehen,  Meusebach  sah  vielerlei  ein, 
aber  nicht  alles,  wie  ich  über  dem  Wörterbuch 
manichfache  gelegenheit  habe  zu  lernen,  verbleibe 

Ihr  ergebenster 
Jacob    Grimm. 

28  febr.  1859. 


XIX.    Vienindvierzig  Briefe  von  Jacob  und  Wil- 
helm Grimm  an  Professor  Dr.  Weigand 
in  Giessen. 


149. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Gasse  1  15  merz  1840. 

Ew.  wolgeboren  gütiges  geschenk  haben  wir, 
mein  bmder  und  ich,  zwar  erst  spät  nach  deszen 
absendnng,  aber  doch  schon  geraume  zeit  her  em- 
pfangen und  erstatten  Ihnen  dafür  aufrichtigsten 
dank.  Ihre  flei&ige  arbeit  wird  uns  bei  verwandten 
eignen  ohne  zweifei  vielfach  förderlich  sein. 

Verzögert  hat  sich  meine  antwort,  weil  ich, 
aolserstand  hier  etwas  über  das  befragte  sylben- 
büehlein  aufzufinden,  mich  deshalb  noch  nach  Göt- 
tingen  wandte    und    endlich    auch  von  dorther  ein 


y  Google 


316  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  WeigancL  18^ 

gleiches  bekenntnis  der  Unwissenheit  erhalten  habe. 
Nächstens  soll  noch  ein  freund  in  der  Schweiz  zu 
rathe  gezogen  werden. 

Mit  vollkommenster  Hochachtung 
ergebenst 
J  ac.  Grimm. 


150. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Ew.  Wolgeboren 

haben  nun  auch  die  gute  mir  Ihre  auszüge  aus  dem 
seltnen  Wörterbuch  des  Alberus,  das  ich  nie  in 
bänden  hatte  (blofs  seine  fabeln  sind  von  mir  ge- 
nutzt worden)  darzubieten.  Dankbar  nehme  ich 
sie  an;  lieb  wäre  mir,  wenn  Sie  sich  dazu  kleiner 
sedezblättchen  bedienen  wollten,  auf  deren  jedes  ein 
einzelnes  wort  käme. 

Idiotiken  haben  immer  werth  und  reiz ;  die 
Wetterau  zieht  mich  besonders  an.  Aus  urkun* 
den,  glaube  ich,  werden  Sie  wenig  gewinnen,  denn 
diese  folgen  mehr  der  scliriftsprache ;  doch  ist  die 
auf  sie  verwandte  zeit  unverloren,  man  lernt  neben- 
bei noch  anderes.  Auch  die  Wetterauischen  ork. 
enthalten  oft  den  ausdruck  andelagen,  verandelagmh 
mit  dem  ich  mich  schon  ohne  erfolg  gequält  habe, 
unser  »handlangen*  scheint  es  gar  nicht. 

Lamprechts  „tochter  Syon"  verdient  sicher 
lieh  eine  ausgäbe,  und  in  erraanglung  bequemerer 
Verleger  steht  die  Quedlinburger  nationalbibliothek 


y  Google 


1840—1      XES.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  317 

dafdr    offen.      Basse    gewährt    auch    anständige 
honorare. 

Mich  hochachtungsvoll  empfehlend 

Jac.   Orimm. 
Cassel»  29.  Mai  1840. 

Sr.  Wolgeboren  Herrn  Dr.  Weigand,  Lehrer  an  der 
Bealschole  Giefsen. 

151. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 
Ich  benutze  eine  gelegenheit,   um   Ihnen  Mül- 
lers dän.  Synonymik  zu  übersenden,  nebst  herz- 
lichen dank  für  die  auszüge  aus  Alberus. 
Eilig. 
Cassel    10  Oct.  1840. 

Jac.  Gr. 

152. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 
Ew.  wolgeboren 
entschuldigen  die  verspätete   rücksendung  der   mir 
milgetheilten     »Grünberger     ordnimg.*       Müllers 
^nonymik  habe  ich  wieder  empfangen,   Sie  hätten 
das  buch  nach  belieben  länger  behalten  mögen. 

Nachahmen  ist  in  unserer  Sprache  kein  altes 
wort,  man  sagte  ahd.  antar&n^  und  noch  Dasy- 
p  o  d  i  u  s  übersetzt  imitari  durch  nachfolgen,  S  t  i  e  1  e  r 
hat  ahmen,  ohmen  examinare.  Was  nun  die  herkunfk 
des  woUautenden  wortes  angeht,  so  scheint  mir  die 
von  äme  mensura  so  übel  nicht,  nachahmen  was 
iff^rüngl.  nachmessen,   visieren,    bekam   aber  bald 


y  Google 


318  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weiland.  1844 

die  edlere  abstracte   bedeutung,    worüber  man  der 
sinnlichen  vergals. 

mat  haben  wir  allerdings  aus  dem  romanisch«! 

In  einigen  tagen  ziehen  wir  nach  Berlin  ab. 
Mitten  unter  den  zurüstungen  wollte  ich  wenigstens 
mit  diesen  zeilen  die  langversäumte  pflicht  der  ant- 
wort  erfüllen.  Behalten  Sie  femer  in  gutem  an- 
denken Ihren 

ergebensten 
Jac.  Grimm. 

Cassel  11  merz  1841. 

158. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Berlin  25  jan  1844 

Sie  lassen  nicht  ab,  hochgeehrter  freund,  mir  bei 
meinen  Arbeiten  mannigfachen  gütigen  Vorschub  » 
leisten.  Zu  der  tapferen  beendigung  Ihrer  Synonymik 
wünsche  ich  glück;  gebrauchen  werde  ich  das  hoch 
erst  dann  recht  ordentlich ,  wenn  ich  selbst  an  (hs 
lexicalische  werk  gehen  kann,  ich  sehe  aber  dab 
Sie  mühe  aufgewandt  haben  und  glaube,  da(s  die 
leser  frucht  daraus  ziehen  werden,  dieser  tage  erst 
sprach  mir  ein  hiesiger  Gynmasialdirector  mä 
rühmender  anerkennung  davon. 

Nicht  nur  die  abschriflen  der  weisthümer,  aoA 
die  samlungen  über  Wetterauer  aberglauben  sisl 
richtig  in  meine  Hände  gelangt.  Kurz  zuvor  sandte 
mir  auch  prof.  Dieffenbach  aus  Friedberg  8&B0 
Schrift  über  dieWetterau;  ich  lasse  ihm  schönsfeÄ 
dafür  danken.    Die  neue  ausgäbe  meiner  mythologii 


y  Google 


1844  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  319 

wächst  so  an,  daüs  ich  den  aberglauben  für  ein  be- 
sonderes buch  zurücklege,  das  sich  dann  desto  füg- 
Kcher  entwickehi  kann.  Ein  anderer  Ihrer  lands- 
leute  Soldan  hat  fleiüsig  über  die  hexenprocesse 
geschrieben,  seine  arbeit  kam  mir  gerade  noch  ge- 
legen, dals  ich  mich  über  die  darin  entfaltete  ansieht 
aolsem  konnte.  In  zeit  von  zehn,  zwanzig  jähren 
wird  die  deutsche  mythologie  eine  ganz  andere  ge- 
stalt  gewonnen  haben,  wenn  man  fortfährt,  wie  man 
endlich  beginnt,  die  volkssagen,  worin  unglaub- 
liches steckt,  treu  und  ausführlich  zu  sammeln.  Treiben 
Sie  doch  zu  Vogelsberger  Sammlungen.  Wer  zu 
suchen  weife  ist  des  findens  sicher  an  orten  wo  andere 
leer  ausgiengen. 

Ihren  plan  zu  einem  handwörterbuch  kann  ich 
nicht  misbilligen.  fast  jeder,  der  zu  solchen  büchem 
fähig  ist,  würde  einiges  nach  seiner  art  anders  an- 
legen und  ausführen,  doch  scheinen  Sie  alles  wol 
überdacht  und  erwogen  zu  haben;  ich  denke  es  geht 
auf  e  i  n  e  n  mäCsigen  band  hinaus  ?  Lassen  Sie  darum 
aber  Ihr  „Wetterauer  idioticon"  nicht  liegen,  auf  das 
ich  noch  begieriger  bin.  Ich  thue  doch  recht,  den 
überschickten  plan  nicht  wieder  beizulegen? 

Durch  meine  vorjährige  reise  bin  ich  diesen  winter 
noch  in  viel  rückstände  gerathen,  so  erklären  Sie  sich 
auch  das  verspäten  meines  danks  und  meiner  antwort 

Mit  aufirichtigster  hochachtung  Ihr 

ergebenster 
Jac.  Grimm. 

Sr.  Wolgeboren  Herrn  Dr.  Weigand,  Lehrer  an  der  Real- 
schale 3cn  Giefsen. 


y  Google 


320  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1846 

154. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

[Erhalten  d.  13  Jan  1846] 
Werthester  herr  doctor, 

Vor  allem  meinen  dank  für  die  unermüdliche 
gute,  mit  welcher  Sie  mir  anziehende  und  lehrreiche 
nachrichten  zugehn  lassen,  die  blätter  des  oberiiesa. 
int.  bl.,  welche  aus  der  wetterauischen  mundart  so 
viel  hübsches  mittheilen,  würden  sonst  auf  keine 
weise  zu  mir  gedrungen  sein,  ich  glaube  alles 
richtig  empfangen  zu  haben,  wünsche  aber,  dals 
Sie  Ihr  wetterauisches  idioticon  bald  in  bequemerer 
form  und  ausstattung  geben  mögen. 

Jetzt  eile  ich  die  fragen  Ihres  letzten  Schreibens 
zu  beantworten. 

Das  s  in  zusammengesetzten  Ortsnamen,  da  wo  man 
blofe  schwaches-en  erwarten  sollte,  erkläre  ich  nicht 
aus  starker  für  schwache  form,  sondern  als  Überbleibsel 
des  uralten  schwachen  gen.  auf  -ins,  wie  ihn  die 
goth.  spräche  zeigt,  die  ahd.  früher  auch  besessen 
haben  wird,  entscheidend  sind  also  beispiele  wie 
Euoeelensmlre  ^  die  auch  noch  das  n  wahren, 
das  in  den  übrigen  ausgestofeen  wurde,  (die  lat 
form  wäre  -onis,  vgl.  Braunschweig,  Brunonis  vicus 
[Randbemerkung]). 

Über  die  verse  in  der  befragten  prosa  müssen 
künftige  nachforschungen  entscheiden;  soviel  ich 
jetzt  urtheile  scheinen  sie  schwache  versuche  des 
prosaverfassers. 

Die  ausgänge  auf  a  sind  verworrene  Überreste 
aus  der  alten  spräche,  die  noch  in  der  prosa  haften; 


y  Google 


1846  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  321 

die  orkonden  und  die  neulich  von  Grieshahn  heraus- 
gegebnen  predigten  gewähren  andere  beispiele  sda 
frowa  era  minna  wola  geneigeta  wäre  ganz  gut, 
aber  der  steina^  ima,  shira  ist  roh. 

Die  vorgelegte  stelle  aus  der  „tochter  Sion*  be- 
treffend, so  muls  greieed^  wie  der  reim  auf  enweißäet^ 
(welches  sicher  e^set,  gtistaf)  lehrt,  griBet  lauten, 
ein  verbnm  griäen  greis  kenne  ich  nicht,  es  könnte 
aber  vorkommen  und  gleichyiel  sein  mit  gltaen  gleiß 
Sfiendere.  läCct  die  ^.form  sich  nicht  aufweisen, 
80  muls  gebessert  werden  gUeel  (oder  in  der  Schreibung 
derbs.  gleizMct:  enbeiäset.)  der  sinn  ist:  ^wenn  sich 
der  most  zu  wein  stellt  und  läutert,  so  dats  die 
befen  (gerben  faecesj  unten  liegen  und  er  in  dem 
napf  leuchtet  (glänzt) ,  wer  ihn  dann  recht  kostet, 
dem  durchdringt  er  das  mark*' 

Das  wetterauische  Jdedce  für  garbe  war  mir  neu. 
Nächstens  hoffe  ich  Ihnen  ein  kleines  gegengeschenk 
mit  einer  academischen  Vorlesung,  die  eben  in  den 
druck  kommt,  zu  machen.  Mein  bruder  erwiedert 
Ibren  freundlichen  gruTs  und  ich  bin  mit  bekannter 
bochachtg.  Hur  ergebenster 

Jac  Grimm 

bitte  die  einlage  nach  Wetzlar  abgehen  zu  lassen. 
Sind  Ihnen  aus  der  Wetterau  und  dem  Vogelsberg 
nngewöhnliche  monatsnamen bekannt,  z.  b.  V ollbor n 
ftbf  Januar? 

Herrn  Dr.  Weigand  Lehrer  an  der  Realschule,  Wolgeboren 
zu  Gieljsen. 

B.  Steng«].    Briefe  der  BrAder  Orlimn.  21 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


322  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1846 

155. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Erlauben  Sie  mir,  hochgeehrtester  herr,  dasz  ich 
mich  mit  einer  bitte  geradezu  an  Sie  wende,  die 
vier  Blätter  von  „Athis  und  Prophilias" ,  die  sich 
sonst  in  Arensberg  befanden,  und  die  Gr äff  in  der 
Diutiska  (schlecht  genug)  hat  abdrucken  lassen,  sind 
in  das  hiesige  archiv  übergegangen:  ich  habe  dar- 
nach den  text  critisch  behandelt,  die  zwei  v(m 
Lacomblet  bekannt  gemachten  blätter  eingeigt 
und  eine  ausführliche  einleitung  dazu  geschrieben; 
das  ganze  wird  eben  in  den  Schriften  der  academie 
der  Wissenschaften ,  wo  ich  darüber  schon  im  jähr 
1844  eine  Vorlesung  gehalten  habe,  gedruckt,  und 
ist  bereits  bis  zur  hälfte  fertig.  Sie  können  abo 
denken  wie  sehr  nüch  die  nachricht  in  Ihrem  briefe 
an  meinen  bruder  überrascht  und  erfreut  hat  dasz 
Sie  noch  in  dem  besitze  von  drei  unbekannten,  za 
diesem  gedieht  gehörigen  blättern  sich  befinden, 
wovon  zwei  jener  alten  handschrift  angehören:  und 
werden  selbst  ermessen  von  welchem  werth  mir, 
gerade  in  diesem  augenblick,  ein  solcher  Zuwachs 
sein  musz.  darf  ich  Sie  bitten,  mir  diese  drei  blatter 
zu  überlassen,  entweder,  um  sie  als  anhang,  wenn 
es  noch  zeit  ist,  der  gegenwärtigen  schrift  beizufügen, 
oder  sie,  sollte  es  zu  spät  sein,  hernach  als  eiom 
nachtrag  bekannt  zu  machen?  die  gewährung  meinar 
bitte  werde  ich  mit  groszem  dank  anerkennen,  da 
ich  gefunden  habe  dasz  die  schon  gedruckten  bradt- 
stücke   von  zwei  abschreiben!  herrühren,   so  würde 


y  Google 


1846         XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  323 

es  mir  lieb  sein  wenn  Sie  mir  die  zwei  pergament- 
blatter  selbst  anvertrauen  wollten;  ich  verstehe 
nämlich  Ihre  worte  so,  als  seien  diese  noch  in  Ihren 
bänden.  Könnten  Sie  mir  auch  von  dem  dritten 
blatte,  das  Sie  nur  in  einer  nicht  ganz  zuverläszigen 
abscbnft  besitzen,  das  original  selbst  verschaff en, 
80  würden  alle  meine  wünsche  erfüllt  sein. 

Nehmen  Sie  noch  meinen  besten  dank  für  die 
gütige  erinnerung  an  meinen  geburtstag  und  die 
Tersicherung  der  aufrichtigsten  hochachtung  und 
e^ebenheit  an. 

Wilhelm  Grimm 

Berlin  2.  Februar  1846 
Lenn^rasze  8. 

Sr.  Woljifeboren  herm  Dr.  Weiland  ordentlichen  lehrer 
an  der  groszherzogl.  Realschule  in  Gieszen. 


156. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Endlich  kann  ich  Ihnen,  hochgeehrtester  herr 
doctor,  den  fertigen  „Athis*  übersenden,  gewis  mit 
dem  aufrichtigsten  dank,  denn  Sie  werden  selbst 
sehen  wie  wichtig  mir  die  blätter  waren,  zu  denen 
ich  allein  durch  Ihre  bemühungen  gelangt  bin; 
selbst  die  abschrift  des  bei  Lacomblet  abge- 
druckten blattes  ist  mir  von  nutzen  gewesen,  das 
beiliegende  exemplar  bitte  ich  hm.  geh.  rat  Nebel 
in  meinem  namen  zu  übergeben,  in  der  einleitung 
habe  ich  mancherlei  zur  frage  gebracht  und  wünsche 

21* 


y  Google 


324  XK.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1847 

dasz  die  antworten,  die  ich  gegeben  habe,  sich  nicht 
ganz  ungenügend  erweisen. 

Mein  bruder  ist  in  diesen  tagen  nach  Lipp- 
springe,  einem  bade  in  der  nähe  von  Pader- 
born abgereist  und  auch  mich  treibt  der  arzt  an 
nach  Teplitz  zu  gehen;  ich  kann  es  aber  nicht 
eher  als  anfang  des  künftigen  monats,  weil  ich 
meine  Vorlesungen  erst  beendigen  musz.  ich  denke 
von  da  mit  einem  umweg  durch  das  südliche 
Deutschland  nach  Frankfurt  zu  gehen  zu  der  ge- 
lehrtenyersammlung,  wo  ich  auch  Sie  zu  iSnden 
hofife. 

Mit  der  aufrichtigsten  hochachtung 

Ihr  ergebenster 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  12  JuU  1846 


1Ö7. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Berlin  30  dec.  1847 
Hochgeehrter  freund, 
ich  will  doch  das  jähr  nicht  ablaufen  lassen, 
ohne  ein  lebenszeichen  von  mir  zu  geben,  Sie  hätten 
sonst  YoUes  recht  mich  als  einen  imdankbaren  zu 
verschreien,  auf  Ihre  briefe  imd  mit  unermüdender 
freundlichkeit  fortgesetzten  Zusendungen  habe  ich 
lange  nicht  geantwortet,  man  soll  nicht  aufschieben 
seine  schuld  abzutragen,  weil  man  sonst  immer 
weiter  hinein  geräth.    vorigen  sonmier  war  ich  sehr 


y  Google 


1847  XIX.  J.  und  W.  Ghrimm  Mi  Weigand.  326 

fleibig,  den  herbst  unwol  und  auf  reisen  die  mich 
herstellen  sollten,  aber  nicht  herstellten,  bis  ich 
endlich  nach  einer  im  october  und  noT.  ausgehaltnen 
grippe  mich  wieder  besser  fühlte  und  seitdem  in  die 
ausgesetzte  arbeit  wieder  rüstig  gegriffen  habe. 
Bleibt  es  mit  mir  auf  diesen  fiils,  so  wird  in  einem 
Tierteljahr  meine  «geschichte  der  deutschen  spräche" 
in  zwei  bänden  auf  einmal  vortreten,  der  ich  viel 
solcher  rüstigen  imd  geneigten  leser  wünsche,  wie 
Sie  einer  sein  werden.  Ohne  zweifei  wird  das  buch 
viele  Vorstellungen,  die  man  sich  davon  macht,  nicht 
erfüllen;  wenn  es  dafür  nur  auch  desto  mehr  uner- 
wartetes bringt! 

Sagen  Sie  herm  Ph.  Dieffenbach  (Lorenz 
hat  recht  gethan  das  eine  /  abzulegen)  meinen  herz*- 
lichen  dank  für  das  Übersandte  tagebuch;  es  kann 
nicht  fehlen,  dab  idi  manches  daraus  in  meinen 
nutzen  verwende. 

Auf  eine  früher  in  Adrians  namen  gethane 
frage  wüste  ich  nichts  erspriefeliches  zu  antworten; 
so  geht  es  öfter,  was  Sie  aber  nicht  abschrecken 
soll  von  neuen  fragen. 

Wie  stehts  um  Ihr  wetterauisches  idioticon? 
Ein  frohes  neujahr. 

Jacob  Grimm. 

Herm    Dr.    ph.  Weigand,  Lehrer   an    der   Realschule    zu 
Giessen. 


y  Google 


326  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1848 

158. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Den  schönsten  dank,  hochgeehrter  freund,  für  die 
mir  seit  Ihrem  letzten  besuch  mehrmals  gemachten 
Zusendungen  und  mittheilungen.  ich  lasse  das 
manuscript  über  das  „Friedberger  passionsspiel* 
gleich  wieder  folgen  damit  Sie  nicht  aufgehalten 
werden,  es  nach  Leipzig  zu  schicken.  Wie  eich 
meich  deich  seich  halte  ich  auch  eifs  und  beifs  für 
unorganische  Verlängerungen  des  kurzen  i  lieber  als 
für  brechungen ;  das  auslautende  gewicht  des  ch  und 
fs  mag  daran  schuld  sein.  Zu  dem  eich  liefse  sich 
allenfalls  das  schwed.  jag^  dän.  jeg  für  altn.  ek  oder 
^k  halten,  imd  da  wird  gebrochen,  aber  nicht  in 
den  übrigen  parallelen  fällen.  peUenere  am  schluls 
scheint  vorzüglicher  als  plettener  und  kann  damit 
nicht  einerlei  sein ;  wo  ich  nicht  irre  (denn  ich  habe 
keine  bücher  zur  band)  steht  es  auch  im  „Tristan* 
und  ist  das  altfranz.  pautonnier. 

Die  ruhe  für  Vilmar  und  für  uns  alle  wird 
sich  wieder  herstellen. 

herzlichen  gru&. 

Jac.  Grimm. 

[Frankfurt]  23  juli  [1848.] 


y  Google 


1849  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  327 

169.  • 

Jacob  Grimm   an  Weigand. 

Berlin  7  jan.  1849. 
Mein  lieber  freund, 

Sie  haben  mir  über  Leipzig  ein  erfreuendes  an- 
gebinde  besorgt  und  da&  Sie  Ihren  hübschen  fund 
zu  Friedberg  gleich  auf  mich  anwenden  wollten,  er- 
kenne ich  mit  herzlichem  gerührtem  dank,  freilich 
hätten  es  auch  weltliche  bruchstücke  sein  können 
aus  »Reinhart  Fuchs*,  und  dann  wäre  die  freude 
noch  zehnmal  gröfser  gewesen. 

Zu  Frankfurt,  wo  Sie  mich  diesen  sommer 
aufsuchten,  konnte  es  meine  lunge  und  mein  herz 
nicht  länger  aushalten,  wird  sich  unser  armes 
Vaterland  noch  aus  der  klemme  lösen?  ich  ver- 
zweifle nicht,  aber  durch  starke  prüfungen  sind  wir 
gegangen  und  noch  nicht  durch  die  letzte. 

Mein  buch,  das  ich  Ihnen  gern  zugesandt  hätte, 
wären  nicht  die  empfangenen  freiexemplare  allzu 
schnell  vertheilt  gewesen,  wird  vor  Ihre  äugen  ge- 
kommen sein  und  darin  manche  gnade  gefunden 
haben,  die  ihm  andere  versagen.  Doch  erwartet 
haben  mögen  Sie  auch  etwas  anderes,  diese  teuschnng 
mufe  man  nun  einem  Schriftsteller,  der  sie  wahrlich 
nicht  beabsichtigte,  sondern  redlich  nüttheilt  was 
ihm  auf  dem  herzen  liegt,  nicht  zur  last  legen,  ich 
suchte  in  die  trägen  Völkermassen  licht  und  be- 
wegung  zu  bringen  und  gieng  von  dem  grundsatz 
aus,  die  Vielheit  der  stamme  müsse  sich  auf  wenige 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


328  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1849 

hauptvölker  und  der  spätere  veränderte  name  auf 
einen  älteren  zurückfahren  lassen,  bei  der  grolsen 
menge  einzelner  Untersuchungen  laufen  gewis  irthümer 
und  unTollkommenheiten  mit  unter,  oft  mögen  mir 
bessere  beweise  noch  entgangen  sein,  doch  schaue 
ich  auf  das  ganze  feld  noch  mit  einigem  mut  zurück 
und  meine  an  beweisen  und  halben  beweisen  genug 
erbracht  zu  haben;  die  zeit  soll  das  weitere  lehren. 

Ihr  geschenk  traf  mich  im  bett,  ich  habe  ein 
leichtes  brustfieber  zu  überwinden,  das  mir  auch 
heute  das  briefschreiben  unbehaglich  macht. 

Mein  bruder  läfet  grüfeen;  ich  bin  mit  wahrer 
freundschaft 

Ihr  Jacob  Grimm. 


160. 
Jacob   Grimm   an   Weigand. 

Ich  bin  ihnen,  lieber  freund,-  auf  zwei  freundliche 
briefe  antwort  und  für  die  mittheilungen  aus  dem  ober- 
hessischen Wochenblatt  dank  schuldig,  timol  als  name 
eines  ackers  kannjpes^  oder  sterbe  bedeuten  (wie  wir  jetzt 
ein  solches  ungeheuer  leider  wieder  hier  haben),  sei 
es  daljs  gefallne  menschen  oder  vieh  dort  begraben 
worden,  ich  meine  auch  dem  gleichbedeutigen  namen 
„schelmacker'^  yerschiedentlich  begegnet  zu  sein. 

Vor  vier  wochen  gab  ich  in  Gotha  herm  Hof- 
mann aus  Friedberg  zwei  academische  abhandlungen 
für  Sie  mit,  welche  er  besorgen  wollte  (ich  habe 
sie  selbst  in  das  gasthaus  getragen,  wo  er  wohnte.) 


y  Google 


1849  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  WeigancL  329 

da  ihr  brief  vom  12  juli  nichts  davon  meldet,  bitte 
ich  in  Friedberg  danach  fragen  zu  lassen,  denn  ich 
kann  sie  nicht  durch  andere  exemplare,  weil  alle 
ausgegeben  sind,  ersetzen. 

Den  Vogt  sind  sie  nun  in  Giefeen  los.  von 
seiner  über  alle  grenzen  schweifenden  gesinnung  ab- 
gesehn  erschien  er  mir  begabt  und  auch  im  Wechsel 
des  gesprächs  nicht  unangenehm,  während  ich  es 
mit  andern,  z.  b.  Robert  ßlum  nie  zu  worten 
bringen  konnte. 

Ich  arbeite,  wie  sich  denken  lälst,  fleilsig  fort, 
finde  aber  an  meiner  gesundheit  fast  noch  mehr  als 
voriges  jähr  auszusetzen. 

Sein  sie  »o  gut  und  lassen  die  einlage  auf  der 
post  weiter  laufen.  Wilhelm  grüfst  mit  mir 
herzlich. 

Berlin  28  juli  1849 

Jacob  Grimm. 
Herrn  Dr.  Friedr.  Lndw.  Carl  Weigand,  Giessen. 


lÖL 
Jacob    Grimm  an   Weigand. 

Mit  guter  gelegenheit,  die  mir  jedoch  nicht  ge- 
stattet ausführlicher  zu  schreiben,  sende  ich  zwei 
exemplare  einer  eben  erschienenen  kleinen  schrift, 
eins  für  Sie,  werthester  freimd,  das  andere  fürprof. 
Enobel. 

In  Baurs  freilich  unvollständigen  Amsberger 
Urkunden  stehn  pilLchtige  eigen-  und  Ortsnamen,  die 


y  Google 


330  ^X.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1851 

Sie   sicher   flei&ig   für   Ihre   wetterauische   spräche 
nutzen. 

Die  Sache  des  Vaterlands  steht  auf  dem  puncte 
schwerer,  ich  hoflfe  noch,  mannhafter  entscheidungen. 

Ihr 
Jac.  Gr. 

31  OCt.      (f}^  J  i 

noch   zwei   exempl.  an  Wigand  und  Böhmer 
bitte  mit  post  weiter  laufen  zu  lassen. 


162. 
Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Hochgeehrter  herr  professor, 

durch  hm  prof.  Braun  habe  ich  Ihren  brief  er- 
halten, der  mir  die  in  Ihrem  früheren  schreiben  zu- 
gesagte weitere  abschrift  aus  den  dortigen  hss. 
Freidanks  brachte,  nehmen  Sie  meinen  groszen 
dank  für  dieses  mir  sehr  werthe  geschenk  an,  wie 
für  die  musterhafte  Sorgfalt,  mit  welcher  diese  ab- 
schriften  gemacht  sind.  Wie  es  zu  gehen  pflegt, 
nachdem  Bernhart  Freidank  zur  spräche  ge- 
kommen ist,  finden  sich  weitere  aufklärungen,  und 
ich  denke  nicht  dasz  jemand  noch  auf  der  meinung 
beharren  wird,  der  alte  würdige  dichter  sei  mit 
diesem  eine  und  dieselbe  person.  auch  für  dessen 
werk  habe  ich  weitere  hilfsmittel  erhalten,  die  mich 
bestimmen,  die  neue  bearbeitung  des  textes  einer 
nochmaligen  durchsieht  zu  unterwerfen. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1852  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  331 

Ich  wünsche  dasz  es  hm  prof.  Braun,  den  ich, 
wie  Sie  ihn  schildern,  als  liebenswürdigen  mann 
gefunden  habe,  bei  uns  gefallen  möge:  hoffentlich 
wird  er  bald,  als  nutglied  der  academie,  noch  in  ein 
näheres  Verhältnis  treten.  über  Berlin  herschen 
auswärts  ungünstige  urtheile  genug,  die  man,  wenn 
man  einheimisch  wird,  groszentheils  ungegründet 
findet:  ich  wünsche  dasz  hr  prof.  Braun  diese  er- 
fahrung  mache. 

Von  ihm  habe  ich  erst  erfahren  dasz  Sie  mit- 
glied  Ihrer  Universität  geworden  sind;  ich  wünsche 
Ihnen  herzlich  glück  und  zweifle  nicht  dasz  dieser 
Ihrer  gelehrten  thätigkeit  angemessene  beruf  Ihnen 
zusagt. 

Mein  bruder  empfiehlt  sich  Ihnen  angelegent- 
lich, und  ich  verbleibe  mit  der  Versicherung  der  auf- 
richtigsten hochschätzung 

ganz  der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 
Berlin  19.  mai  1851. 


168. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Berlin  10  jan.  1852 

Lieber  freund,  Ihrer  Nachsicht  mir  bewust  hätte 
ich  vielleicht  noch  länger  aufgeschoben  Ihnen  zu 
schreiben  und  zu  danken  für  gütige  briefe  und  mit- 
theilungen,  wäre  diesmal  nicht  mein  herzlicher 
glückwunsch   zu   der  erlangten  professur  mit  feier- 


y  Google 


332  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Wei^ancL  1852 

liehen  worfcen  auszusprechen,  möge  es  Ihnen  auf 
dieser  bahn  immer  zu  heil  und  segen  ergehn.  ich 
bin  den  4  dieses  monats  67  jähr  slt  geworden  und 
noch  gehn  mir  drei  an  der  menschlichen  normalzahl 
ab;  erreiche  ich  sie  nur  leidlich  gesund,  so  muCs 
viel  ToUbracht  und  gearbeitet  werden,  hernach 
wünsche  ich  mir  mehr  freie  ruhe,  wenn  es  mir  be- 
schieden sein  soll  noch  einige  lieblingsgegenstände 
unter  die  band  zu  nehmen,  das  „Wörterbuch*  greift 
fast  zu  sehr  an,  Sie  haben  selbst  diese  kost  ge- 
schmeckt, man  ist  dabei  genöthigt  auf  alles  und 
jedes  einzugehn  und  darf  sich  nicht  blols  auswählen, 
wofür  man  sich  neigung  und  kenntnisse  zutraut, 
freilich  lernt  man  auch  auf  unerwartetem  fleck:; 
doch  die  längst  angebauten  felder  trügen  reichere 
frucht. 

Es  konmien  viel  dinge  in  betracht,  auf  welche 
von  den  samlem  des  materials  weder  geachtet  wurde 
noch  geachtet  werden  konnte;  da  bleibt  denn  nichts 
anders  übrig,  als  unter  dem  geschäft  abzubrechen 
und  stundenlang  in  den  quellen  zu  suchen,  welche 
hilfe  gewähren  können,  wären  sie  einem  nur 
immer  auch  alle  gleich  zur  band,  und  zum  warten 
und  aufschieben  ists  zu' spät,  die  bücher  des  16  jh. 
erschweren  einem  die  mühe  nicht  wenig  dadurch, 
dals  sie  oft  unpaginiert  sind  und  titel  zeigen,  die 
man  nur  unsicher  abkürzt. 

Ist  Ihnen  no.  175  der  Göttinger  anz.  vom 
1  nov.  vorgekommen?  darin  habe  ich  mich  aus- 
f&hrlicher  als  in  der  rede  gegen  meines  unvergeCs- 
liehen  freundes  behandlung  der  Nibelungen  erklärt. 


y  Google 


1853  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  333 

die    Yon   ihm   angenommene   grundlage  ist  mir  zu 
künstlich  und  darum  unglaublich. 

Mein  b  rüder  grüfet,  ich  verbleibe  von  herzen 

der  Ihrige 
Jac.  Grimm. 


die  von  Keller  jetzt  gesammelten  fastnacht- 
spiele enthalten  unter  rohem  und  unanständigem 
viel  wichtiges  und  bisher  unbekanntes,  die  bekannt- 
machung  durfte  nicht  unterbleiben  und  ist  eine  der 
bedeutendsten  des  Stuttgarter  Vereins. 

schade,  dab  Sie  von  Rosenblüt  eine  erzählung 
hatten,  kein  fastnachtspiel.  Wissen  Sie  keinen  rath 
für  die  WiHeteTcnaben  oder  Jcinder  bei  Schmeller 
4,58,  wie  er  behauptet  in  einem  rosenblütischen 
stück,  wer  weils  aber? 


164. 

Jacob   Grimm   an   Weigand. 

Dasz  Sie  mein  wahrer  freund  sind,  beweist  Ihre 
wohlwollende  und  nicht  nachlassende  theilnahme 
an  dem  „Wörterbuch*^  die  unabgeschreckt  durch 
mein  langes  schweigen  dennoch  fortfährt  und  sich 
wiederholt,  während  manche  andere  bekannte,  die 
auch  hübsches  beisteuern  könnten,  sich  gar  nicht 
rühren.  Für  die  neue  ausg.  Ihrer  fleiszigen,  durch 
das  register  so  brauchbar  gewordenen  „synonymen" 
habe  ich,  fürchte  ich,  gar  noch  nicht  ausdrücklich 


y  Google 


334  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1853 

gedankt,  der  dank  ftir  so  viele  briefe  und  zettel 
versteht  sich  von  selbst,  auch  die  hübsche  forschung 
über  die  » Ortsnamen*  war  sehr  willkommen,  ich 
hatte  auf  die  Wichtigkeit  der  flurbücher  in  Kurhes- 
sen vor  Jahren  schon  aufmerksam  gemacht  und 
gesucht  für  Sammlungen  anzuregen,  die  leute  sind 
aber  auf  nebendinge  erpicht  und  versäumen  die 
hauptsache.  Die  deutung  der  Ortsnamen  ist  viel- 
leicht das  allerschwerste  in  der  Sprachforschung, 
immer  aber  anziehend  und  auch  verführerisch,  ein 
namenregister  hätten  Sie  beifügen  sollen. 

Am  „Wörterbuch''  mag  Ihnen  gern  einzelnes 
nicht  recht  sein,  wenn  Sie  nur  die  anläge  und  noth- 
wendigkeit  des  ganzen  l)illigen.  es  ist  unmöglich 
jedem  wort  gleich  seine  gebühr  anzuthun.  meine 
etymologien  streben  auch  festzuhalten,  dasz  die  er- 
gebnisse  der  indogermanischen  Sprachvergleichung 
zurückstehen  müssen  vor  den  ansprüchen,  die  unsere 
eigne  spräche  zu  machen  hat,  und  dass  auf  diesem 
wege  oft  mehr  erlangt  werden  kann.  Über  die  an- 
stösze,  welche  die  Orthographie  gibt,  soll  sich  die 
vorrede  hofifentlich  genügend  aussprechen. 

Wenn  ich  nur  gesunder  wäre!  seit  dem  letzten 
Vierteljahr  wird  mein  pulsschlag  widerspenstig  und 
setzt  aus.  das  erklärt  der  arzt  für  unmittelbar  un- 
gefährlich, allein  es  beängstigt  mich  und  verursacht 
schlaflose  nachte. 

Seit  einigen  wochen  scheint  es  sich  zu  bessern 
und  ich  fühle  mich  tage  lang  wieder  ganz  frei. 
Dasz  ich  im  68  jähr  meine  gewohnte  lebensart  nicht 
ändern  kann,  versteht  sich  von  selbst,  wer  mag  den 


y  Google 


1854  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  335 

halben  tag  spazieren  laufen  und  die  abende  faul  da 
sitzen?  das  vertrüge  sich  auch  mit  den  fortschritten 
des  wb.  nicht. 

Ob  es  zu  einer  badereise  kommt,  oder  zu  einer 
anderen  art  von  erholung,  ist  noch  sehr  unsicher. 

Ihr  Serranus  scheint  alles  was  er  weisz  aus 
Dasypodius  zu  entlehnen,  wenigstens  gibt  er 
immer  dieselben  Wörter,  die  dort  schon  stehn. 

lieb  war  mir  die  örtliche  „h ahnenbalze"  , 
wie  auch  „auerhahnpfalz"  ortsname  ist. 

Grusen  Sie  alle  freunde,  die  meiner  gedenken, 
von  mir. 

Ihr  Jac.  Grimm. 

Berlin  25  Mai  1853. 


165. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Sie  wissen  schon,  lieber  freund,  wie  selten  ich 
jetzt  zu  ruhigem  briefwechsel  gelange,  und  seit 
neujahr  besonders  gieng  noth  an  mann,  der  Verleger 
wollte  mit  der  achten  liefirung  den  ersten  band  des 
awb."  schlieszen,  und  verlangte  dafür  nun  vorrede  und 
quellenverzeichnis,  beides,  wie  Sie  sich  denken  können, 
arbeiten,  die  nach  allen  seiten  hin  erwogen  sein 
wollten,  ich  habe  es  gottlob  vollbracht,  in  den 
nächsten  wochen  wird  alles  versandt  sein  und  mich 
verlangt  nun  auch  von  Ihnen  zuhören,  wie  Sie  über 
manche  schwierige  dinge  denken,  die  ich  jetzt  offen 
besprochen  habe,   in  der  Orthographie  wäre  ich  gern 


y  Google 


336  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1854 

schon  weiter  gegangen,    es  ist  aber  für  die  sache 
besser  noch  unterblieben. 

Unterdessen  haben  Sie  selbst  wieder  der 
Umarbeitung  des  schmitthennerschen  wb.  sich 
unterzogen.  lassen  Sie  mich,  wie  es  unter 
freunden  sich  ziemt,  Ihnen  offen  gestehen,  dasz 
es  mir  leid  thut.  Sie  verschwenden  Ihre  schönen 
einsichten  und  machen  aus  einem  schlechten  buch 
nur  ein  besseres,  während  Sie  mit  ungestörter  eigner 
kraft  ein  gutes  hätten  hervorbringen  können,  ob 
der  Verleger  seine  rechnung  dabei  finden  werde  ist 
sehr  zu  bezweifeln,  plan  und  anläge  dieses  wb. 
hätte  recht  gut  vermodern  können,  mich  reizt  nur, 
was  Sie  hinzufügen. 

Ihnen  verdanke  ich,  dasz  mir  ein  junger  philolog 
Schwabe    auszüge    aus    Thümmel   gesandt   hat. 

Sein  Sie  doch  so  gut  ihm  dafdr  in  meinem 
namen  zu  danken. 

In  der  „Darmstädter  schulz."  1853  p.  981  stand 
eine  zwar  wolmeinende,  aber  völlig  misgreifende 
recension  des  sechsten  hefts,  die  sich  getraut  sp. 
1097.  1098  zu  berichtigen  was  vollkommen  recht 
ist.  die  vorgeschlagene  besserung  würde  ein  fehler 
sein,  und  dergleichen  geberdet  sich  wie  critisches 
und  verständiges  urtheil;  so  übel  bestellt  ists  mit 
unserer  deutschen  philologie. 

Ich  wollte  Ihnen  besseres  von  meiner  gesundheit 
melden,  wenn  ich  nur  könnte,  mein  herzschlag  ist 
immer  noch  gestört  und  unruhig;  vom  eintretenden 
frühling  hoffe  ich  gutes. 


y  Google 


1855  XIX.  J.  und  W.  Grimm  aa  WeigMid.  337 

Vom  Darmstidter  Nib.  fragment  hatten  Sie 
mir  früher  nichts  gemeldet,  ich  werde  nun  bei 
Haapt  das  ansf&hiÜche  finden.  An  Lachmanns 
20  lieder  glaube  ich,  wie  Sie  wissen  Iftngst  nicht 
mdir,  doch  Hol tz mann  hätte  wol  gethan,  seine 
Untersuchung  einzuschränken. 

Ich  wünsche  Ihnen  schöne  grüne,  w^iigstens 
halbgrüne  ostem. 


Jac.  Grimm. 


B.  4  apr.  1854. 


166. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Wie  lange,  lieber  freund,  habe  ich  wieder  auf  Ihre 
briefe  und  Zusendungen  nicht  geantwortet;  doch  Sie 
wissen,  was  midi  am  schreiben  hindert  und  was  ich 
Ihnen  zu  schreiben  habe,  oft  will  ich  die  feder 
ansetzen,  so  tritt  etwas  dazwisdien,  wie  eben  zuletzt 
Holtzmanns  anaidiende  und  lebendig  abge&szte, 
freilich  aber  d^moch  un&ali^re  paradoxie  über 
Kelten  und  (Germanen,  die  auch  auf  seine  abband- 
lung  über  die  Nib.  schädlich  zurückwirken  wird, 
in  beiden  werden  mit  einnehmender,  fast  überred^ader 
darstellung  kecke  und  grundlose  dinge  vorgetragen, 
dem  Lachmann  thut  er  oft  unredit,  dennoch 
scheint  es  mir  auch  mit  Lachmanns  Nib.  vorbei  zu 
sein,  und  Riegers,  wahrscheinlich  bald  noch 
anderer  verAeidigung  wird  ihnen  nicht  mehr  auf- 
helfen.    . 

£.  StengeL   Briefe  der  Brüder  Orlmzo.  22 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


338  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1855 

Ich  gewahre  bei  solchen  anlassen  recht,  wie 
sehr  andere  arbeiten  als  die  aufe  «wb.**  zu  wendenden 
mich  fesseln  könnten;  bekomme  ich  luft  und  ruhe, 
so  will  ich  los  legen,  die  Geten  und  Gothen 
sind  unaufgegeben  und  sollen  sich  dann  mehr  gunst 
erwerben,  danken  sie  herm  prof.  Credner  ftlr 
das  neuliche  ezcerpt  aus  Hieronymus. 

Es  freut  mich,  dasz  Sie  als  ein  kenner  und  einer 
der  wenigen,  die  dem  «wb.**  genau  nachgehn,  damit 
zufrieden  sind,  d.  h.  über  dem  was  es  in  der  that 
leistet  alle  seine  gebrechen  zu  gute  halten,  meinen 
Sie,  dasz  Haupt,  Wackernagel  mir  eine  silbe 
über  das  ganze,  oder  über  einzelne  artikel  äuszerten? 
Lachmann  würde  es  gerade  so  machen,  sie  fühlen 
sich  durch  das  neue  im  „wb."  nicht  gefördert  und 
belehrt,  sondern  in  kleinen  dingen  gestört  oder  ge- 
zwängt. Lachmann,  obgleich  mir  herzlich  befreundet, 
gab  seit  der  ankündigung  des  wb.  den  ganzen  L  e  s  s  i  n  g 
heraus,  ohne  nur  einen  einzigen  zettel  bei  seite  zu 
legen.  Haupt,  der  sich  von  freien  Stücken 
zum  auszug  des  H.  Sachs  erboten  hatte,  liesz  da- 
mit fast  ganz  im  stich;  es  ist  brauch  der  philologen 
sich  selbst  mit  eignen  arbeiten  so  zu  beladen  und 
dann  noch  fremde  zu  übernehmen ,  dasz  das  meiste 
davon  unausgeführt  bleibt.  Nach  langem  zaudern 
begann  ich  endlich  ohne  groszes  vertrauen  das  „wb.*, 
doch  sind,  mir  vertrauen  und  lust  dazu  unter  der 
arbeit  gewachsen. 

Auch  Ihnen  musz,  nachdem  Sie  sich  in  das  joch 
des  Schmitt h.  wb.  einmal  gefügt  haben,  unter  dem 
fortgang  des  werks  gewinn  und  freude  daraus  hervor- 


y  Google 


1855  XEX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  33y 

gehen,  mir  kommt  es  manchmal  um  der  Fremd- 
wörter willen  geschrieben  vor,  deren  es  so  viele 
au&immt.  im  C  habe  ich  nun  auch  eine  schwere 
probe  zu  bestehn  und  mich  ffir  oder  wider  die  ab- 
handlung  der  fremden  Wörter  zu  entscheiden,  frei- 
lich haben  ihre  Veränderungen  und  fortbildungen 
immer  etwas  anziehendes. 

Neulich  ist  ein  buch  von  Landau  über  die 
Wetterau  erschienen,  das  mir  lobenswerth  scheint 
und  besser  als  sein  buch  über  die  territorien,  worin 
die  unbegründeten  hypothesen  vorhersehen,  auch 
an  jenen  wetterauischen  forschungen  werden  Sie 
groszen  theil  nehmen. 

Ich  wuszte  nicht  dasz  Sie  noch  gehalten  sind 
mitunter  zu  predigen,  eine  predigt  tagelang  bei 
mir  im  köpf  zu  tragen,  könnte  mich  sehr  stören, 
ich  würde  nicht  um  den  stof  verlegen  sein ,  aber 
besorgen  die  orthodoxe  linie  oft  zu  überschreiten, 
desto  ruhiger  sudiere  ich  in  der  heidnischen  mytho- 
logie  fort,  wovon  Sie  nächstens  ein  paar  proben 
sehen  sollen. 

Von  ganzem  herzen  Ihr  Jac.  Grimm. 

Berlin  3  febr  1855. 


167. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Zuerst  meinen  dank,  hochgeehrtester  herr 
Professor,  für  die  freundlichen  wünsche  zu  meinem 
geburtstag,  mit  dem  ich  zufrieden  sein  konnte,  weil 

22» 


y  Google 


340  XrX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1856 

in  dieser  zeit  die  grippe ,   die  mich  den  winter  über 
sehr  geplagt  hat,  verschwunden  wwr. 

Ich  nehme  niemals  Ihre  beitrage  zum  „  Wörterbuch" 
in  die  band,  ohne  mich  Ihrer  genauigkeit  zu  er- 
freuen, und  brauche  nicht  zu  sagen,  wie  sehr  ich 
mich  Ihnen  daf&r  verbunden  fUhle. 

Das  exemplar  von  Ickelsamer  auf  der 
kÖnigL  bibliothek  s.  1.  et  a.  und  ohne  druckort 
enthält  40  blätter  oder  80  Seiten,  gerade  6  bogen 
A — B.  auf  BII*>  stehen  nur  die  von  Ihnen  an- 
gefahrten Worte,  das  w  me  mmn  in  ein  heysa  essen 
liäst^  weiter  nichts. 

Von  Ickelsamer  befindet  sich  noch  auf  der 
hiesigen  bibliothek  «Glag  etlicher  brüder;  an  alle 
Christen  etc.,  Yalentinus  Ickelsamer  zu  Rotenburg 
uff  der  Thawber.*     Panzer  1836. 

Mein  b rüder  empfiehlt  sich  Ihnen  mit  mir  an- 
gelegentlichst und  mit  den  herzlichsten  grOszen« 
mit  der  aufrichtigsten  hochschätzung  und  erge^en«^ 
heit 

der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  3.  März  1855. 


168. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Unverantwortlich  lange,  mein  gütiger  freund,  habe 
ich  nicht  geschrieben,  Sie  kennen  meine  lässigkeit, 
vielmehr  Verhinderung,  wie  ich  Ihre  nachsieht  kenne. 


y  Google 


1857  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  341 

Ihnen   schreiben  heiszt  immer    auch  Ihnen   danken 
müssen. 

Meine  abhandlung  über  «Personenwechsel*  ist 
entweder  schon  in  Ihren  bänden  oder  wird  es 
nächstens  sein,  ich  möchte  wissen,  ob  das  von  mir 
vertheidigte  und  gedeutete  %vir  der  anrede  auch 
oberhessischer  schulton  ist  oder  doch  war,  denn  die 
neue  zeit  ist  längst  geneigt,  das  zu  verachten  was 
sie  nicht  mehr  versteht,  auch  zu  andern  seiten 
des  aufsatzes  wird  Ihnen  mancherlei  beifallen,  man 
findet  viele  beispiele  erst  nachdem  man  ihnen  eine 
stelle  bereitet  hat.  doch  s.  6  oder  7  hätte  der 
Hatem  =  Göthe  :  fnorgenrSthe  (5,169)  nicht  unan«- 
gefBhrt  bleiben  sollen. 

In  den  nächsten  monaten  anderes  und  besseres 
von  mir.  es  ist  ein  übermasz  von  freundlichkeit 
dasz  Sie  uns  Ihr  n^^*'')  dessen  erfolg  mich  recht 
freut,  noch  wollen  zueignen. 

Mit  herzlichem  grusz  Ihr  Jacob  Orimm. 

B.  27  jnni  1856. 

169. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

[AprU?  1857] 
Liebster  freund, 
der  längst  erwartete  schlusz  Ihres  ersten  bandes  ist 
nun  erschienen,  ich  wüste  nicht,  dasz  der  Verleger 
zugleich  damit  noch  ein  stück  des  zweiten  heraus- 
geben wollte,  ich  habe  Ihre  vorrede  mit  freuden 
und  der  empfindung  herzliehen  dankes  für  das  uns 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


342  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1857 

gegebne  zeichen  wahrer  freundschaft  gelesen.  Sie 
sprechen  sich  gerade  und  offen  über  den  stand  der 
Sache  aus,  und  was  mich  angeht,  sagen  Sie  zuviel 
gutes.  In  Ihrem  Wörterbuch  ist  nicht  mehr 
Schmitthenner,  sondern  blosz  Weigand,  Sie 
dürfen  mit  Zufriedenheit  auf  die  bedeutende  arbeit 
blicken  und  mit  der  Sicherheit  sie  zu  vollenden, 
während  in  mir  das  schwere  gefühl  lastet,  dasz  ich 
nicht  zu  ende  bringen  werde,  wie  fast  alles  was  ich 
unternommen  habe  Stückwerk  geblieben  ist.  mein 
alter  läszt  mich  erfahren,  dasz  ich  zwar  noch  mich 
ausbreiten  kann  in  laub  und  äste,  aber  vielleicht 
keine  frucht  mehr  aus  dem  stamm  treibe. 

Das  ist  ein  neuer  und  schöner  beweis  Ihrer 
treuen  Zuneigung,  dasz  Sie  uns  einen  besuch,  der 
sich  ja  so  leicht  ausführen  läszt,  zugedacht  hatten  und 
zudenken,  fast  ist  mir  der  verschub  auf  September 
lieb,  denn  Wilhelm  hat  in  den  letzten  monaten 
mit  unwolsein  zu  kämpfen  gehabt  und  beginnt 
langsam  sich  zu  erholen,  bis  dahin  hoffe  ich  ihn 
ganz  hergestellt,  ohne  dasz  es  einer  reise  aufs  land 
bedarf,  ich  bleibe  immer  hier  und  musz  es  dies 
jähr  besonders,  mein  guter  neffe  Hermann,  den 
Sie  gern  würden  kennen  lernen,  ist  in  Italien,  ich 
weisz  nicht,  ob  er  vor  november  heim  kehren  wird, 
der  andre  neffe  Rudolf  steht  bei  der  regierung  zu 
Düsseldorf  als  referendar.  die  nichte  Auguste, 
welche  ich  besonders  Heb  habe,  war  auch  leidend 
und  ist  zu  Carlsbad,  von  wo  aus  sie  nach  Cassel 
gehn,  im  September  aber  längst  zurück  sein  wird; 
ich  schreibe  dies  Ihrer  fräulein  tochter  wegen, 


by  Google 


1857  XIX  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  343 

anf  deren  bekanntschaft  ich  mich  nicht  weniger  als 
auf  den  besuch  des  vaters  freue.  Zur  herbstzeit 
verfehlen  Sie  auch  Haupt  nicht,  der  seit  längerer 
zeit  kränkelnd  in  diesen  tagen  zum  zweitenmal  in 
eins  der  böhmischen  bäder,  ich  weisz  wirklich  nicht 
in  welches  musz,  er  hat  mitten  in  seinen  Vorlesungen 
abgebrochen,  möge  es  ihm  nur  helfen,  sein  eben 
erscheinendes  prooemium  zum  lectionscatalog  ist 
zwar  hübsch  und  zierlich  geschrieben,  in  der  sache 
gebe  ich  ihm  aber  unrecht,  er  sucht  darzuthun, 
Kaiser  Heinrich,  der  an  der  spitze  unseres  min- 
nesangs  steht,  sei  nicht  Verfasser  der  ihm  beigelegten 
lieder. 

Der  gute  Diefenbach  hat  mir  sein  lexicon 
gesandt,  das  ist  eine  ungeheure  und  sehr  nützliche 
arbeit;  deutsche  register  dazu,  die  sie  noch  viel 
brauchbar  gemacht  hätten,  waren  freilich  kaum  aus- 
zuführen,    es  heisztalso:  lies  und  lies  in  dem  Buch! 

Prof.  Klein  beschenkte  mich  mit  seinem  werk 
über  Groszenlinden,  melden  Sie  ihm  vorläufig  meinen 
schönsteü  Dank,  ich  warte  darauf,  dasz  ich  ihm  eine 
gegengabe  überschicken  kann,  das  buch,  unter  uns 
gesagt,  ist  mir  zu  theologisch  gehalten,  über  die 
kirche  hat  auch  Raszmann,  mein  landsmann,  un- 
sinn  zu  tage  gefördert. 

Aller  dank,  den  ich  Ihnen  ausgesprochen  habe, 
der  gilt,  versteht  sich,  auch  von  meines  bruders 
Seite,  wir  sind  und  bleiben  Ihnen  beide  mit  herz- 
licher freundschafi;  zugethan. 

Jacob   Grimm. 


y  Google 


344  ^I^  J-  ^d  W.  Grimm  an  Weigand.  18S7 

ich  werde  bei  erster  gel^enheit  über  das  wort 
und  den  begrif  von  „hochdeutsch^^  schreiben,  s.  510 
führen  sieausdem  16  jh.  hochtütsch  und  hoch^ 
teutisch  an,  wenn  sich  diese  formen  auf  bestimmte 
angäbe  und  jahrzahl  stützen,  so  bitte  ich  gelegenÜ. 
darum,  im  16  jh.  und  schon  yor  1523  kommt  der 
ausdruck  vor,  ja  bereits  im  15  jh.,  ich  sammle  aber 
alle  belege. 

(Wie  alt  ist  die  heute  sehr  gewöhnliche  weise, 
dasz  der  erzählende  eine  firage  aufwirft,  z,  b.  cäs 
ich  mich  umwende  j  wen  sehe  ich  da?  als  ich  ruhig 
lese^  wer  tritt  in  die  stuhe?  die  mhd.  frage  mit  dem 
conjunctiv  (gramm.  4,  76)  ist  davon  verschieden, 
doch  ähnlich,    [beiliegender  zettel]). 


170. 

Wilhelm   Grimm    an   Weigand. 

Zweimal  haben  Sie  verehrtester  herr  professor, 
mich  abermals  mit  beitragen  ftir  das  „wörterbuch^^ 
beschenkt,  wofür  ich  meinen  groszen  dank  wieder- 
hole. Sie  wissen  wie  sehr  ich  Ihre  theilnahme  fÖr 
das  buch  schätze,  wenn  doch  jeder  so  sorgfaltig  imd 
genau  wäre !  es  kostet  mich  viel  zeit,  wenn  ich  die 
zettel  anderer  in  der  quelle  aufsuchen  und  ergänzen 
musz.  das  wort  musz  in  seinem  ganzen  zusammen- 
hält aufgestellt  werden,  wenn  man  den  begriff 
vollständig  fassen  soll,  bis  zu  drache  ist  der 
druck  vorgerückt;  ich  kann  also  das  meiste  von  Ihren 
beitragen  benutzen. 


y  Google 


1857  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  345 

Die  grippe  die  mein  haas  nicht  verschonte  hat 
mich  am  härtesten  und  längsten  ergriffen  und  an 
der  arbeit  gehindert,  was  mir  das  verdrieszlichste 
war.  Sie  war  hier  beispiellos  verbreitet,  die  ärzte 
wissen  immer  die  krankheit  zu  entschuldigen,  im 
firfihjahr  mit  den  aufsteigenden  dünsten,  im  sommer 
mit  der  drückenden  hitze,  im  herbst  mit  den  kalten 
winden,  und  im  winter  bleibt  ohnebin  kein  mensch 


Zu  Weihnachten  war  meine  ganze  familie  nach 
längerer  zeit  wieder  vereinigt,  mein  ältester 
söhn  war  im  november  aus  Italien  zurückgekehrt, 
mein  zweiter  der  jetzt  in  Düsseldorf  zu  haus  ist, 
benutzte  die  ferienzeit;  und  so  konnten  wir  uns  des 
alten  Zusammenlebens  wieder  erfreuen. 

Im  HildebrandsUed  15  ist  mäi  deutlich  genug, 
aber  man  wird  doch  mit  bessern  müssen,  wie  auch 
Lachmann  thut,  da  die  präposition  von  der  so 
viel  belege  da  sind,  niemals  die  form  des  adv.  an- 
nimmt. 

Es  freut  mich  dasz  Sie  und  fräulein  Mathilde 
eine  gute  erinnerung  von  Berlin  behalten,  die  stadt 
ist  anders  als  man  sie  in  süddeutschland  auszumalen 
pflegt«  empfehlen  Sie  mich  unbekannter  weise  Ihrer 
frau  gemahlin  und  sein  Sie  sämtlich  von  mir  und 
den  meinigen  auf  das  herzlichste  gegrüszt.  mit  den 
besten  wünschen  für  das  beginnende  jähr  und  der 
aufrichtigsten  hochschätzung 

der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  30.  Dec.  1857. 


y  Google 


346  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1858 

171. 

Jacob   Grimm  an  Weigand. 

Berlin  12  Febr.  1858. 

Lieber  freund,  sonnenhelle,  aber  nicht  wie  vorigen 
herbst  warme  festtage  sind  uns  vorbeigerauscht,  son- 
dern unter  beiszendem  nordostwind  bitterkalte,  so 
dasz  die  junge  königstochter  am  gesiebte  fror,  möge 
ihr  künftiges  leben  klar  bleiben  und  warm  geschützt 
sein,  ich  habe  einen  halben  tag  vor  einem  fenster 
in  unsrer  akademie' gesessen  und  auf  den  zug  ge- 
wartet, chocolade  gekaut  und  mitunter  an  ganz  ab- 
liegende dinge  gedacht. 

Der  cod.  lauresham.  no  3032  nennt  in  pago 
Erdehe  ein  „Dorenlar",  den  pagus  Erdehe^  der  auch 
no  3031  und  3033  erscheint  setzen  die  herausgeber 
als  untergau  in  den  Lahngau,  nach  dem  flüszchen 
Ard,  das  bei  Die tz  in  die  Lahn  geht.  Dorenlar 
ist  ihnen  also  das  zwischen  Wetzlar  und  öieszen 
gelegne  Dorlar,  wohin  Sie,  allem  anschein  nach, 
mehr  als  einmal  gekommen  sind,  aber  dies  Dorlar 
steht  am  rechten  ufer  der  Lahn  und  auf  keinen  fall 
im  pagus  Erdehe,  mit  dem  es  sehr  unsicher  be- 
schaffen sein  mag.  die  Ard  heiszt  heute  Aar,  und 
Ärdäha^  Erdaha  kommt  meines  wissens  früher  nicht 
vor.  Dorlar  wird  in  Ihrem  Verzeichnis  s.  320  i^cht 
genannt,  weil  es  nicht  zu  Oberhessen  gehört.  Jene 
Urkunden  stellen  aber  in  den  pagus  Erdehe  lauter 
andere,  der  Lahngegend  fremde  örter  als  Sonenlar, 
Wdttringen,  Berenburstorph^  Jaghine,  Fölcoldingenj 
CtUzaradOj  HammingenwilrQ,    Förstemann   ver- 


y  Google 


1858  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  347 

mutet  ftir  Dorlar  auf  Dürler  bei  Achen.  mir 
kam  es  bei  der  Untersuchung  blosz  auf  Dorlar  an, 
und  wenn  Sie  ftir  das  an  der  Lahn  liegende  ältere 
formen  wissen,  bitte  ich  darum. 

In  Niederhessen  findet  sich  ein  mir  weit  wich- 
tigeres Dorla.  Landaus  „Hessengau"  werden  Sie 
durchblättert  haben,  schändlich,  dasz  er  die  „sonstigen 
örtlichkeiten^^,  d.  i.  gerade  das  interessanteste,  nicht 
ins  register  aufnimmt.  ohne  register  haben 
solche  imtersuchungen  oder  samlungen  nur  halben 
werth,  leider  entbehren  auch  Ihre  Ortsnamen  des 
nothwendigen. 

Haben  Sie  in  Wetterauer  spräche  benennungen 
gehört  für  die  verschiedenartigen  geburten  im  augen- 
blick  wo  das  kind  aus  [dem]  mutterleib  tritt?  je  nach 
dem,  wie  es  die  regel  ist,  zuerst  der  köpf  erscheint, 
oder  umgedreht  die  fQsze  oder  eine  band,  aus  dem 
munde  der  hebammen  müste  man  das  hören  oder  der 
ärzte,  deren  nomenclatur  aber  heutzutage  lateinisch- 
griechisch ist. 

Fragen  Sie  doch  K nobel  gelegentlich,  ob  die 
uns  in  griechischer  form  überlieferten  mannsnamen 
wie  \4rvag^  Kij^ag  (Stein)  u.  s.  w.  auch  ein  s  im 
auslaut  oder  was  sonst  haben?  und  wie  sie  sich 
von  frauennamen  z.  B.  "Ayya  unterscheiden?  es  ist 
mir  zu  mühsam  in  Gesenius  nachzuschlagen. 
Enobel  rückt  ja  nun  mit  seinem  gelehrten  com- 
mentar  zum  pentateuch  erfreulich  vor,  das  ist  eine 
wichtige,  langdauemde  arbeit,  ich  meine,  die  lange 
dauer  haben  wird. 


y  Google 


348  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1858 

Tausend  dank  für  Ihren  herzlichen  glückwunsch 
im  letzten  brief  und  meinen  schönen  grusz  an 
fr.  Mathilde. 

Ihr  treuer  freund 
Jac.  Grimm. 

172. 
Wilhelm  Grimm   an    Weigand, 
Hochgeehrtester  herr  professor, 
ich  stecke  so  in  arbeiten  und  correcturen  dasz  ich 
Ihnen  nur  mit  ein  paar  zeilen  fftr   die  gute  danken 
kann,  mit  der  Sie  mir  eine  abschrift  von   ein  paar 
bruchstücke[n]  aus  „Freidank^^  zugesendet  haben,  es 
ist  freilich  aus  dem  text  wenig  zu  nehmen,  dennoch 
wäre  es  mir  lieb,    wenn   die   ganze  handschrift  er- 
halten wäre,  da  sie    zu  einer   Ordnung  gehört,    der 
ich  in  der  neuen  ausgäbe   einen  höheren   wert  bei- 
lege,     dasz  Ihre  abschrift   ganz    genau    ist,    lehrt 
schon  4er  anblick,  und  ich  bedarf  des  Originals  nicht. 

Es  ist  schade  dasz  Sie  und  Ihre  fräul.  tochter 
nicht  hier  waren  um  den  einzug  der  engl.  Prin- 
zessin mit  anzusehen,  er  war  freudig  und  glän- 
zend, und  wir  hätten  Ihnen  einen  guten  platz  in 
den  fenstem  der  academie  verschaffen  können. 

Die  schönsten  begrüszungen  von  meinem  ganzen 
haus  an  Sie  und  die  Ihrigen  und  die  bitte  uns  fer- 
ner in  freundschaftlichem  andenken  zu  behalten, 
möchten  diese  zeilen  Sie  gesund  und  heiter  finden! 

ganz  der  Ihrige 
Wilhelm   Grimm. 

Berlin  18.  Febr.  1858. 


y  Google 


1858  XIX.  J.  und  W.  Ghrimm  an  Weigand.  849 


178. 

Wilhelm  Grimm   an  Weigand. 

Abermals  habe  ich  Ihnen,  hochgeehrtester  herr 
und  fireimd,  für  mehrmalige  Zusendungen  von  bei- 
tragen fär  das  «.Wörterbuch "  den  schönsten  dank  zu 
sagen,  der  artikel  dreher  war  eben  abgedruckt,  und 
ich  konnte  Ihren  beleg  nicht  mehr  benutzen,  die 
übrigen  aber  können  noch  in  reih  und  glied  ein- 
rücken. 

Sie  haben  recht,  niemand  denkt  daran  was  für 
mühe  und  zeit  eine  solche  arbeit  kostet,  das  pu- 
blicum glaubt  wir  st&aden  in  seinen  diensten,  es 
könne  nach  belieben  fordern  und  sich  beklagen,  dasz 
66  nicht  rascher  befriedigt  werde,  mich  ärgert 
diese  anmaszung  und  madit  mich  nur  hartnäckiger 
auf  meinem  recht  zu  bestehen,  ich  bin  mir  bewuszt 
es  an  fieisz  nicht  fehlen  zu  lassen,  aber  wenn  ich 
nicht  ungedrängt,  mit  ruhe  und  behaglichkeit  ar- 
beiten kann,  so  wird  es  nur  eine  fabrikarbeit,  an 
der  man  keine  fireude  hat.  dass  ein  buchhändler 
drangt,  entschuldige  ich,  es  ist  sein  geschäffc,  das  er 
betreibt,  aber  er  musz  sich  bescheiden. 

Die  recension  des  Wörterbuchs  von  Rudolf 
V.  Raum  er  in  der  Zeitschrift  fftr  östreichische 
gymnasien  ist  wolmeinend,  anerkennend  und  durch- 
aus redlich,  aber  er  hat  in  allen  stücken  unrecht, 
wir  waren  in  einer  günstigem  läge  als  irgend  je- 
mand,   nicht  leicht  wäre  es  einem  andern  gelungen 


y  Google 


350  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1858 

80  viele  arbeiter  für  die  auszüge  zu  gewinnen,  and 
es  mosten  leute  sein,  die  einsieht,  gescfaick  und 
sinn  dafür  hatten,  es  war  notwendig  eine  auswahl 
zu  treffen,  und  dasz  noch  werke  zurückbleiben 
musten,  aus  denen  manches  zu  gewinnen  war,  wüs- 
ten wir  selbst,  ich  wollte  auf  das  titelblatt  einen 
holzschnitt  setzen,  der  einen  bund  Schlüssel  dar- 
stellte mit  der  Unterschrift  nan  possumtis  omnia  nos 
omnes.  dabei  habe  ich  selbst  eine  grosze  anzahl 
von  werken  ausgezogen,  sollten  wir  nun  das  unter- 
nehmen aufgeben,  oder  sollten  ¥mr  in  dem  bewuszt- 
sein  dasz  nicht  alles,  aber  doch  das  erreichbare 
und  damit  vieles  erlangt  sei,  daran  festhalten?  diese 
frage  war  aufzuwerfen,  und  Raumer  muste  für  das 
aufgeben  stimmen,  wenn  er  einen  grund  für  seinen  tadel 
haben  wollte,  die  auswahl  der  werke  ist  doch,  wenn 
man  auch  über  einzelnes  rechten  will,  nicht  unver- 
ständig, keiner  wird  darin  mit  dem  andern  völlig 
übereinstimmen,  wenn  Rau  m  er  selbst  an  den  aus- 
Zügen  geholfen  hätte,  so  würde  er  gefunden  haben 
dass  in  den  schlechten  romanen  des  Menontes, 
in  dem  „Leipziger  avanturier",  in  der  „Salinde^*  u. 
s.  w.  mehr  unbekannte  und  auszer  gebrauch  ge- 
kommene Wörter  zu  finden  waren,  als  z.  b.  bei 
Schiller,  der  das  überlieferte  mit  geist  und  ge- 
wandiheit  benutzt,  aber  nicht  aus  der  unmittelbaren 
quelle  schöpft,  die  bei  Lessing  und  Göthe  so 
reichlich  flieszt.  im  17ten  Jahrhundert,  wo  die 
Schriftsprache  tief  gesunken  war,  nahm  man  unbe- 
denklich jedes  wort  auf  das  sich  darbot,  ähnlich 
war  das  Verhältnis  in  den  Altdeutschen  gesprächen, 


y  Google 


1858  XrX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  351 

in  welcher  rohen  aufPassung  man  mehr  neue  Wörter 
findet  als  bei  einem  gleich  geringen  umfang  in  der 
gebildeten  rede,  auch  Yon  dem  yerhältnis  unserer 
arbeit  zu  den  empfangenen  auszügen  macht  sich 
Baum  er  eine  falsche  Vorstellung,  er  meint  wir 
hätten  sie  mit  den  nötigen  erlauterungen  zusammen 
geschrieben,  weiter  aber  nichts  gethan.  er  weisz 
nicht  wie  vieles  noch  bei  der  ausarbeitung  ist  nach- 
gelesen worden ,  er  hätte  es  schon  aus  den  citaten 
von  werken  sehen  können,  die  nicht  in  dem  voran- 
stehenden Verzeichnis  genannt  sind,  wie  oft  habe 
ich  Lessing,  Oöthe,  Schiller,  Oellert, 
Hagedorn  u.  s.  w.,  auch  einzelner  Wörter  wegen, 
durchgesehen,  die  frage  über  den  Unterricht  der 
deutschen  spräche  mischt  er  mit  unrecht  ein.  man 
soll  sie,  wie  sie  gegenwärtig  gilt,  dort  einüben, 
weiter  aber  nichts,  man  soll  nicht  das  organische 
leben,  das  sich  in  der  spräche  offenbart,  dort  er- 
örtern, das  bleibt  für  die  Wissenschaft  und  diejenigen 
die  sich  diesem  fach  widmen,  ohne  gründliche  ein- 
sieht und  zusammenhängende  kenntnisse  fruchten 
ein  paar  brocken  daraus  nichts  und  verwirren  nur. 
ich  könnte  weitläufig  darüber  reden,  aber  ich  will 
die  zeit,  die  es  mich  kosten  ¥rürde,  und  mit  der  ich 
in  meinen  jähren  in  dem  höchsten  grade  geizig  sein 
musz,  lieber  an  das  Wörterbuch  wenden. 

Es  ist  schade  dasz  fräulein  Mathilde  nicht 
hier  war  um  die  Vermählung  der  königin  von  P  o  r- 
tugall  in  der  katholischen  kirche  mit  anzusehen; 
es  ist  da  grosze  pracht    entfaltet   worden  und  man 


y  Google 


352  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1858 

hat  viele  hohe  personen  in  der  nahe  sehen  können, 
die  junge  königin  ist  schön  mkl  anmutig. 

Mit  den  freundlichsten  begrttszungen  an  Ihr  gan- 
zes haus 

ganz  der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  11.  Mai  1868. 


174. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 
Was  sagen  Sie  dazu,  lieber  freund ,  zeugt  es 
nicht  von  unerhörter  blute  deutscher  literatur  und 
Sprachforschung,  dasz  g^en^värtig  auf  einmal  nicht 
minder  jeJs  sieben  deutsche  Wörterbücher  unter  der 
presse  schwitzen?  (yier  erscheinen  zu  Leipzig.) 
1)  das  von  Hoff  mann.  2)  das  unsrige,  weldies, 
wenn  es  nochmals  zu  thun  wäre ,  ich  nie  auf  die 
Schulter  genommen  hätte  und  gern  wieder  davon 
abwürfe.  3)  das  Ihrige.  4)  das  nd.  von  Eo se- 
garten. 5)  das  mhd.  6)  das  von  Wurm.  7)  das 
von  Sanders,  sehr  leicht  könnte  noch  ein  achtes 
zutreten,  ein  catholisch  deutsches  aus  Ostreich  oder 
Baiem,  in  welchem  die  citate  aus  Luther  und 
Fischart  getilgt  und  durch  andere  aus  Berthold 
von  Chiemsee,  Megerle,  pater  Kochern  er- 
setzt, die  aus  Göthe  und  Schiller  beschränkt  und 
durch  andere  aus  Eichendorf,  Redwitz  u.  s.w. 
vergolten  würden,  ob  unter  solchen  umständen 
unser  werk,  wo  nicht  verdrängt,  doch  in  die  schranke 
gewiesen,   und,  wenn  wirs  ohnehin  nicht  vollenden 


y  Google 


1858  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  353 

können,  allen  nachfolgem  erschwert  werden  soll, 
steht  dahin,  das  publicum  ist  wenigstens  sehr  ge- 
duldig und  bereitwillig,  wenn  es  alle  diese  Unter- 
nehmungen stützt  und  möglich  macht. 

Das  erste  E  heffc  wäre,  ohne  eine  erkrankung  des 
Setzers,  bereits  heraus,  mein  msp.  dazu  liegt  längst 
in  Leipzig,  einige  Ihrer  unermüdlichen,  gewissen- 
haften Zettel  kamen  daher  zu  spät  oder  müssen 
noch  bei  der  correctur  eingeschaltet  werden,  was 
immer  schwer  ist  und  zur  abkürzung  nöthigt.  unter 
Ihren  auszügen  sind  mir,  ich  gestehe  es,  am  liebsten 
die  aus  lebendigen  büchem  der  letzten  Jahrhunderte 
entnommnen,  weniger  die  aus  alten,  dürren,  mühsam 
zu  citierenden  vocubularien ,  deren  vorrat  ohnehin 
jetzt  von  Diefenbach  so  ziemlich  ausgebeutet  ist. 
die  Urheber  dieser  vocab.  liefern  zwar  hin  und  wieder 
ein  unerhörtes  wort,  meist  aber  steife,  unbeholfne 
und.  selbstgezimmerte  ausdrücke,  dagegen  gibt  es 
keinen,  seinem  inhalt  nach  noch  so  elenden  roman 
bis  1760.  1770,  keine  comödie  aus  dieser  zeit,  die 
nicht  lebendige  Wörter  und  redensarten  darböten, 
mehr  als  sich  bei  dichtem  findet,  deren  spräche 
etwas  conventionelles  und  einförmiges  anzimehmen 
pflegt,  fallen  Ihnen  bücher,  die  ich  meine,  in  Ihre 
hand,  imd  Sie  wollen  scharf  hineinblicken,  wie  es 
Ihre  art  ist,  so  soll  es  mich  freuen,  die  zettel  aus 
dem  sonst  schlüpfrigen,  aber  sprachfertigen  Rost, 
auch  die  aus  Kl.  Schmidt  waren  willkommen;  in 
des  Chr.  Fei.  Weisze  Schriften,  namentlich  den  lust- 
spielen  und  opem  mag  manches  stecken. 

Ich   bin   solange    mit  meiner   antwort  auf  Ihre 

£.  StengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  28 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


354  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

freundlichen  briefe  im  rückstand,  habe  auch  ver- 
sprochen einige  bücherdoubletten ,  namentlich  nor- 
dische zu  schicken.  Sie  denken  sich  aber  auf  welche 
weise  ich  immer  gestört  und  abgehalten  werde, 
dieser  tage  mache  ich  ein  päckchen  zurecht  und 
lasse  es  abgehen,  einzelnes  darunter  werden  Sie 
doch  brauchen  können,  nehmen  Sie  einstweilen  Yor- 
lieb,  bis  ich  etwas  besseres  aufhebe. 

Ich  wünsche  Ihnen  und  frl.  Mathilde  vergnügte 
christtage,    auch  0 ust  e  bestellt  einen  schönen  gruGs 

Von  herzen 

Ihr  Jac.  Grimm. 

10  dec.  1858. 


Osanns  früher  tod  thut  mir  leid. 

Die  franz.  akademie  hat  dermalen  ein  ,|dict. 
historique  de  la  1.  fr."  begonnen,  der  erste  band 
368  SS.  in  4.  aber  weitläuftig  gedruckt,  geht 
von  a  bis  äbu;  es  sind  nützliche  abhandlungen  aber 
kein  Wörterbuch.  Das  ganze,  wenn  es  je  vollendet 
wird,  müste  nach  diesem  anfang  eine  reihe  von 
bänden  bilden. 


176. 
Jacob    Grimm    an   Weigand. 
Lieber    freund,     hierbei    folgen    wieder    einige 
doppeltinge,  in  der  hofnung  dasz  Sie  davon  gebrauch 
machen  können,    wir  haben  Ihre  letzte  sendung  er- 
halten und  uns  daran  erfreut  und  die  Schwägerin 


y  Google 


1859  XIX.    J.  nnd  W.  Grimm  an  Weigand.  355 

läsztfürden  «kummer*  oder  „dinkel*  besonders  danken, 
den  wir  bereits  zur  suppe  versucht  haben,  leider  ist 
Guste  die  ganze  zeit  über  an  der  grippe  und  deren 
tücken  krank  gewesen  und  fangt  kaum  an  sich  etwas 
zu  erholen,  sonst  hätte  Ihnen  Dortchen  selbstge- 
schrieben, das  ist  ein  schlechter  beginn  des  neuen 
Jahrs,  doch  hat  uns  die  öffentliche  freude  über  den 
neugebomen  prinzen  etwas  aufgerichtet. 

Zugleich  mit  dem  feindlichen  Sanders  werden 
Sie  nun  auch  das  neue  heft  E  in  den  bänden  haben 
und  ich  wünsche,  dasz  es  Ihnen  gefalle,  wie  jener 
misfalle.  Sanders  und  Wurm  können  einander 
auf&essen,  so  kommen  sie  uns  aus  dem  weg.  seine 
abweichung  von  der  alphab.  Ordnung  allein  wird 
ihm  den  hals  brechen,  denn  es  ist  ja  ganz  albern, 
dasz  die  besonderheit  unsrer  spräche  fordre  die 
wurzeln  zu  systematisieren,  im  latein  sind  ja  eben 
so  viel  composita.  das  System  gehört  erst  in  die 
grammatik  und  wird  auch  durch  seine  alphabetische 
Stellung  beeinträchtigt,  die  versteckten  und  dunkeln 
wurzeln  kann  er  ohnehin  nicht  aufstellen. 

Noch  eine  andere  neue  erscheinung,  das  Wörter- 
buch von  Gut  zeit  aus  Riga  macht  mir  desto 
gröszere  freude,  es  ist  eine  fleiszige,  sehr  brauch- 
bare arbeit. 

Zu  meinem  heft  war  ein  päckchen  zettel  (ich 
kann  auf  meinem  tisch  fast  gar  keinen  räum  mehr 
finden)  verloren  gegangen  und  ist  erst  nachher 
wieder  an  den  tag  gekommen,  es  fehlen  also  einzelne 
gute    artikel,    namentlich    einige    von    Ihnen    mit- 

23* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


356'  5^-    J-  «nd  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

getheilte;  doch  ist  der  schade  nicht  grosz  und  dasz 
sich  zu  allem  eine  menge  von  Zusätzen  ergibt,  liegt 
am  tage. 

Ich  grüsze  und  verbleibe    Ihr  Jac.  Grimm. 

6  febr  1859. 

176. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Für  Ihr  gütiges  andenken,  verehrtester  herr  pro- 
fessor,  und  die  freundschaftlichen  wünsche  zu  meinem 
geburtstag  den  herzlichsten  dank,  ich  bin  nun  in 
mein  74.  jähr  getreten,  und  da  gibt  es  mancherlei 
zu  bedenken,  die  arbeitskraft  hat  sich  ziemlich  er- 
halten, aber  der  körper  empfindet  die  hohen  jähre, 
ich  gehe  noch  regelmäszig  in  die  sitzimgen  der 
akademie,  mache,  wenn  es  das  wetter  gestattet  einen 
Spaziergang,  den  ich  als  meine  arznei  betrachte, 
schlage  aber  jede  einladung  aus.  wir  haben  den 
geburtstag  nicht  mit  voller  heiterkeit  gefeiert,  weil 
meine  tochter  noch  immer  leidend  ist.  ich  hatte 
die  freude  meine  ganze  familie  bei  mir  vereinigt  zu 
sehen,  seit  Januar  ist  mein  zweiter  söhn  von 
Düsseldorf  zurückgekehrt,  um  sich  zu  dem  letzten 
groszen  berg,  zum  dritten  examen  vorzubereiten, 
bricht  krieg  aus,  so  musz  er  ihn  als  offizier  mit 
machen,  die  schwüle  luft,  in  der  die  weit  schwebt, 
liegt  also  doppelt  drückend  auf  mir. 

Nehmen  Sie  auch  meinen  besten  dank  für  das 
letzte  heft  Ihres  Wörterbuchs.  Sie  schreiten  mit 
Sicherheit   und  tact,    mit  sorgfaltiger  arbeit  Ihrem 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1859  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  357 

ziele  entgegen  nnd  können  sich  glück  wünschen 
schon  den  gröszten  theil  des  wegs  zurückgelegt  za 
haben. 

Sie  senden  uns  unermüdet  Ihre  schönen  beitrage 
und  wissen  wie  wert  sie  mir  sind,  wenn  ich  Ihnen 
auch  nicht  jedesmal  meinen  dank  ausdrücke,  die 
anzeige  von  Wurm  in  den  Heidelberger  Jahrbüchern 
enthält  lauter  albemheiten  und  sieht  aus  als  wenn 
sie  Yon  einem  buchhändler  wäre  fabriciert  worden, 
die  pedantische  Trockenheit  des  hm  Sanders  wird 
schwerlich  groszen  anklang  finden. 

Haben  Sie  Gödekes  Grundrisz  schon  in  bänden 
gehabt?  das  buch  ist  mit  sinn,  geist,  daneben  mit 
groszer  Sorgfalt  ausgearbeitet,  und  scheint  mir  das 
beste  in  dieser  richtung. 

Franz  Pfeiffers  urtheil  in  der  Germania  über 
Haupts  letzte  trefiTliche  werke,  die  ausfalle  gegen 
Lachmann  widern  mich  an.  wenn  dieser  lebte, 
er  würde  ihn  gewaltig  abführen.  Haupt,  der  so  viel 
höher  als  Pfeiffer  steht,  hat  mit  feinem  Verständnis 
und  unermüdeter  liebe  gearbeitet,  und  ihm  wird 
kälte,  zurückstoszendes  wesen  vorgeworfen!  wo  es 
wirklich  nötig  war,  hat  er  jederzeit  eine  sorgfaltige 
anmerkung  gegeben,  in  welcher  unsere  kehntnis  er- 
weitert wird,  die  erforschung  der  spräche  und  die 
herausgäbe  der  alten  denkmäler  ist  eine  gelehrte 
arbeit  und  nur  für  gelehrte  bestimmt,  wer  sich 
nicht  gründlich  damit  befassen  kann,  der  thut  wol 
ganz  davon  wegzubleiben,  sollte  Haupt  etwa 
triviale  erläuterungen  hinzufügen,  wie  Fr.  Pfeiffer 
zu  den  Marienlegenden  oder  Predigtmärchen?  für  die 


y  Google 


358  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

dilettanten,  welche  die  Wissenschaft  nur  verdünnt 
und  verwässert  genieszen  können  und  verlangen  dasz 
man  ihnen  die  tauben  nicht  blosz  gebraten  sondern 
auch  gekaut  in  den  mund  schiebe? 

Sein  Sie  und  die  Ihrigen  von  uns  allen  schönstens 
gegrüszt.  sagen  Sie  fräulein  Mathildchen  dasz 
die  Stadt  Braunschweig,  wie  ich  gestern  gesehen 
habe,  das  hötel  mit  einem  zweiten  haus  erweitert, 
mit  einem  balkon  versehen  und  zierlich  heraus- 
geputzt hat  Sie  werden  also  das  nächstemal  noch 
behaglicher  dort  wohnen. 

Mit  der  aufrichtigsten  hochschätzung 

ganz  der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  27.  Febr.  1859. 

177. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Berlin  11  apr.  1859.  lieber  freund,  haben  Sie  das 
in  ganz  Niederhessen  verbreitete  nd.  ehken^  enkede^ 
accuratey  certe,  profedo  in  Ihrem  Oberhessen  und  in 
der  Wetterau  nicht  aufgespürt?  es  könnte  sehr 
gut  hochdeutsch  sein,  so  gut  wie  denken  oder  trehken. 
Estor  in  seinem  oberhessischen  idiot.  führt  aus- 
drücklich an  enk,  eigentlich  genau,  das  wort  hat 
mir  zu  schaffen  gemacht. 

Mein  zweites  heftJ^ist  bis  auf  den  letzten  bogen 
ausgearbeitet,  ich  gelange  darin  bis  ins  ENTB. 
über  emesss  findet  sich  darin  eine  andere,  von  der 
Ihrigen  abweichende  Vermutung. 


y  Google 


1859  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  359 

Dank  für  alle  Ihre  zettel,  deren  letzte  sendung 
diesen  augenblick  eingetroffen  ist.  meinen  grusz  an 
die  gute  Mathilde. 

Jac.  Orimm. 

Kennen  Sie  ein  enne  für  thor  oder  narr ?  Luther 
hat  es  einmal. 


178. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Sie  werden,  verehrtester  herr  professor,  in  dem 
11.  bände  der  Zeitschrift  von  Haupt  den  „Rosen- 
garten** finden,  wovon  ich  Ihnen  einen  von  den  be- 
sonderen abdrücken,  nur  als  ein  freundschaftliches 
zeichen  und  als  begleitung  der  schönsten  grüsze  zu- 
sende, diese  hs.  gibt  aufschlüsse  über  die  ent- 
stehung  der  verschiedenen  texte,  ftLhrt  aber  zu  dem 
schlusz  dasz  eine  critische  bearbeitung  zur  zeit  nicht 
möglich  ist.  ich  zweifle  auch  dasz  Müllenhof f, 
soviel  man  von  seinem  Scharfsinn  erwarten  kann, 
einen  critischen  text  von  dem  »Wolfdieterich**,  wo 
das  Verhältnis  ähnlich  ist,  zu  stände  bringt,  in  der 
folge  hoffe  ich  noch  etwas  wichtigeres  über  den 
9  Rosengarten**  bekannt  zu  machen. 

Ihre  beitrage  zum  »Wörterbuch**,  die  wie  eine 
gute  quelle  immer  flieszen,  habe  ich  mit  gleicher 
dankbarkeit  noch  eingetragen. 

Wir  leben  hier  in  Spannung  über  die  grosze 
frage  der  zeit,  sie  bewegt  die  herzen  umsomehr, 
als  sie   vielen  einzelnen   nahe  tritt,  wie  eben  mir. 


y  Google 


360  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  WeigancL  1859 

mein  zweiter  söhn,  der  sich  eben  für  das  assessor- 
examen  Yorbereitet,  ist  zugleich  offizier  in  einem 
landwehr  regiment  und  wird  sogleich  mitmarschieren 
müssen,  da  können  ängstliche  zeiten  für  uns  ein- 
treten. 

Ich  bitte  Sie  fräulein  Mathilde  ];)eiliegendes 
album  zu  übergeben,  als  eine  erinnerung  an  Berlin, 
wir  haben  den  vortheil  dasz  sie  dadurch  gelegenheit 
erhält  auch  an  uns  zu  denken. 

Mit  den  besten  wünschen  für  das  wolergehen 
Ihres  hauses  und  der  freundschaftlichsten  gesinnung 

ganz  der  Ihrige 
Wilhelm   Grimm. 

Berlin  16.  Aprü  1859. 

179. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 
Verehrtester  herr  professor, 

ich  beginne  meinen  brief  wiederum  mit  dem  dank 
für  Ihre  treue  und  unermüdete  theilnahme  an  dem 
„Wörterbuch",  die  beitrage  waren,  wie  immer,  will- 
kommen und  konnten  noch  benutzt  werden,  in 
diesen  heiszen  tagen  hat  das  wort  dtdte  und  dütte 
meine  geduld  auf  die  probe  gestellt. 

Mit  unserm  befinden  ist  es  bergauf,  bergab  ge- 
gangen und  keiner  verschont  geblieben:  in  diesem 
augenblick  geht  es  ganz  erträglich,  meine  to  cht  er 
sollte  in  der  bergluft  sich  erquicken  undreiste,  von 
einer  freimdin  begleitet,  in  den  Harz,  aber  da  war 


y  Google 


1859  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  361 

alles  überfOllt,  sodasz  sie  keine  bleibende  statte 
finden  konnte,  zu  Reinhardsbrunn  in  Thüringen, 
wo  es  so  reizend  ist,  gieng  es  nicht  besser,  und  so 
kam  sie  nach  den  Irrfahrten  wieder  zu  uns  zurück, 
jetzt  wollen  wir  drei  (frau,  tochter  und  ich) 
einen  versuch  machen  in  der  sächs.  Schweiz  ein 
imterkommen  zu  finden,  auch  mein  bruder,  hoffe 
ich,  entschlieszt  sich  noch  zu  einer  erholungsreise, 
aber  erst  nach  dem  18.  d.  m.,  wo  er  eine  Vor- 
lesung in  der  academie  halten  musz.  Haupt  wird 
nach  Reichenhall  gehen,  das  sich  schon  einmal 
wolthätig  erwiesen  hat. 

Die  unheimliche  zeit  hat  auch  uns  lebhaft  be- 
wegt, nicht  blosz  gieng  uns  der  zustand  des  Vater- 
landes zu  herzen,  sie  ist  auch  in  unsern  kreis  ge- 
drungen, mein  zweiter  söhn  der  seit  Januar  bei 
uns  lebt  um  sein  drittes  examen  zu  machen,  ward 
nach  Wesel  beordert,  wo  das  landwehr-regiment 
steht  bei  dem  er  offizier  ist.  gleich  darauf  kam  ein 
zweiter  befehl,  wonach  er  hier  in  das  garderegiment 
kaiser  Franz  eintreten  sollte,  er  konnte  nun  bei 
uns  bleiben,  aber  der  dienst  war  anstrengend,  jeden 
morgen  schon  frühe  heraus,  oft  schon  um  mitter- 
nacht  oder  um  4  oder  5  uhr  zu  feldmanövem, 
nachtgefechten  im  feuer,  schanzenstürmen  u.  s.  w. 
seine  Soldaten  rühmte  er.  bei  einer  kurzen  ruhe  in 
einem  nachlgefecht  kommt  er  zu  vieren  die  sich 
niedergelegt  haben  und  spricht  ,seid  ihr  auch  einig 
und  keilt  ihr  euch  nicht?*  ,ach  nein',  antworten  sie, 
,wir  lieben  uns*,  springen  auf  und  küssen  einander, 
es   war    ein  Aachner,   Westphale,  Sachse  und  Ost- 


y  Google 


362  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

preusze.  wenn  es  doch  auch  so  mit  Preuszen  und 
Süddeutschland  stände,  das  uns  ungerecht  und  feind- 
selig beurtheilt.  das  ist  der  dank  dasz  Preuszen 
Deutschland  vor  groszer  gefahr  mit  aufopferung  be- 
hütet hat.  unsere  regierung  ist  auf  dem  rechten 
weg  gegangen  und  ich  glaube  sie  wird  weiter  darauf 
fortschreiten. 

Grüszen  Sie  Ihre  liebe  tochter  und  sein  Sie  der 
freundschaftlichsten  gesinnung  von  uns  allen  ver- 
sichert. 

ganz  der  ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  5.  Aug.  1859. 


180. 

Wilhelm  Grimm  an  Weigand. 

Hochgeschätzter  freund, 

der  druck  von  D  schreitet  langsam  weiter  und 
es  werden  noch  gegen  14  halbe  bogen  nötig  sein; 
dieses  heft  wird  aber  auch  bedeutend  stärker  aus- 
fallen als  die  bisherigen,  dagegen  mit  E  geht  es 
rasch,  da  es  der  buchhandlung  darauf  ankommt  das 
werk  im  fortschritt  zu  zeigen,  wann  ich  nach  dem 
D  wieder  eintreten  werde  weisz  ich  noch  nicht:  ich 
habe  einige  akademische  abhandlungen  zu  liefern, 
deren  ausarbeitung  gewönlich  mehr  zeit  wegnimmt 
als  ich  dafür  berechne,  dann  habe  ich  eine  gröszere 
arbeit  vor,  die  sich  nicht  länger  aufschieben  läszt. 
das  liebe  publicum  verlangt  alles  schnell  und  neben 


y  Google 


1859  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  363 

einander;  der  gröszte  fleisz  genügt  ihm  nicht,  es 
sieht  den  Verfasser  wie  jemand  an  der  in  seinen 
diensten  steht.  Sie  werden  natürlich  benachrichtigt, 
wenn  ein  neuer  buchstabe  an  die  reihe  kommt,  wer 
hat  eine  so  treue  unermüdliche  theilnahme  an  dem 
Wörterbuch  bewiesen  als  Sie?  mein  bruder  dankt 
schönstens  ftir  die  zugesandten  blätter.  er  ist  bis 
zu  enttoesen  vorgeschritten. 

Wir  wollten  dies  jähr  nach  dem  Harz  oder  nach 
Reinhardsbnmn  in  Thüringen  gehen,  mein  söhn  imd 
meine  tochter  reisten  dahin,  um  eine  wohnung  zu 
suchen,  es  war  aber  alles  besetzt.  So  entschlossen 
wir  uns  unsere  feder  nach  den  Eibgegenden  zu 
blasen  und  haben  es  nicht  bereut,  die  luft  in 
Pillnitz  kam  uns  erquicklich  entgegen,  von  dem 
ström  erfrischt,  der  in  einer  sanften  krümmung 
zwischen  bebuschten  inseln  mit  einer  anmutigen 
würde  da  vorüber  zieht,  meine  fr  au  und  tochter 
erfreuten  sich,  imter  einem  zelte  sitzend,  an  den 
vorüber  fahrenden  schiffen,  die  mit  fröhlichen 
menschen  angefüllt  waren,  ich  konnte  in  der  ebene 
unter  dunkeln  gegen  die  heiszen  Sonnenstrahlen 
schützenden  bäumen  henun  wandeln;  weiter  zurück 
erheben  sich  Weinberge  und  bewaldete  gipfel,  wo 
sich  eine  reizende  aussieht  eröffnet,  die  thürme  vieler 
stadte,  wolhabende  dörfer,  fruchtbare  felder  und 
triften;  es  ist  ein  schönes  land.  Pillnitz  selbst,  als 
eine  königliche  residenz,  ist  überall  ausgeschmückt, 
das  imifangreiche  schlosz  ist  zwar  in  einem  wunder- 
lichen japanischen  stil  gebaut,  den  ich  nicht  zur 
nachahmung  empfehlen  will,  macht  aber  im  ganzen 


y  Google 


364  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

einen  heitern  eindruck.  den  König  (und  die 
Königin)  sieht  man  oft  allein  mit  der  Königin 
ohne  gefolge.  er  hat  in  der  letzten  zeit  viel  trau- 
riges erlebt,  seine  enkelin,  die  kleine  princessin  Yon 
Toskana,  deren  mutter  der  tod  in  der  blute  ihrer 
jähre  hingeraft  hat,  sah  ich  auf  der  altane  des 
Schlosses  herum  springen,  ich  habe  den  König, 
dem  ich  persönlich  schon  bekannt  war,  gesprochen, 
er  ist  geistig  gebildet,  gütig  und  wolwollend,  und 
man  kann  mit  ihm  wie  mit  einem  Privatmann  reden, 
er  kam  auf  die  sprachen  und  ihre  ausbreitung  und 
rühmte  die  englische,  liesz  es  sich  aber  gefallen, 
als  ich  bemerkte  sie  habe  sich  im  lauf  der  Jahr- 
hunderte abgeschliffen  wie  die  steine  die  im  wasser 
beständig  fortrollen,  als  von  Göthe  die  rede  war, 
äuszerte  er  dasz  er  ihn  nie  gesehen  habe. 

Wir  stehen  vor  der  zukunfk  wie  vor  einem  ver- 
schlossenen thor.  dasz  man  an  einen  krieg  denkt 
und  sich  dazu  rüstet  ist  natürlich,  in  der  letzten 
zeit  scheint  er  mir  wieder  etwas  zurückgetreten  zu 
sein,  immer  aber  hat  man  das  gefühl  als  sei  er  nur 
aufgeschoben. 

Mein  söhn  dankt  herzlich  für  Ihre  guten  wünsche 
zu  seinem  neuen  stand,  seine  fr  au  ist  von  natur 
begabt,  freundlich  und  liebenswürdig,  da  sie  sich 
Yon  kindheit  an  kennen  und  immer  nahe  gestanden 
haben,  so  darf  man  eine  glückliche  ehe  hoffen,  mir 
thut  es  leid  ihn  nicht  mehr  in  meiner  unmittelbaren 
nähe  zu  haben. 


y  Google 


1859  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  365 

Leben  Sie  wol,  lieber  und  hochgeschätzter  freund, 
und  sein  Sie  von  uns  allen  schönstens  gegrüszt. 

der  Ihrige 
Wilhelm  Grimm. 

Berlin  6.  Nov.  1859. 
Herrn  Professor  Dr.  Weigand. 

181. 
Jacob  Orimm  an  Weigand. 

[Ende  Nov.  1859] 

Ich  bin  seit  dem  herbst  etwas  unstät  gewesen, 
anfang  September  gieng  ich  einige  wochen  noch 
nach  Pilnitz,  wo  Wilhelm  schon  länger  war, 
and  länger  blieb;  mir  war  gegen  das  ende  des 
monats  eine  reise  nach  München  auferlegt,  und 
nach  den  abgehaltnen  Sitzungen  glückte  beim 
schönsten  wetter  ein  ausflug  nach  dem  Staren- 
bergersee  und  Eochelsee  fast  bis  zur  Tiroler 
grenze  hin.  mitte  october  kehrte  ich  heim,  bald 
darauf  wurde  mir  die  sc  hiller  sehe  festrede  aufge- 
laden, sie  ist  glücklich  gehalten  und  bereits  (wie  Sie 
aus  dem  Ihnen  zugehenden  exemplar  ersehen)  ge- 
druckt; dazwischen  wurde,  obgleich  unterbrochen,  am 
„Wörterbuche*  nicht  gefeiert,  aber  Sie  müssen  ge- 
glaubt haben,  dasz  es  noch  saumseliger  von  statten 
gehe,  liebster  freund,  wo  denken  Sie  hin?  alle  Ihre 
hübschen  zettel  für  ent  sind  immer  zu  spät  gekommen, 
mit  ausnähme  sehr  weniger,  die  sich  bei  der  correctur 
benutzen  lieszen,  bereits  im  august  war  bis  ent- 
wachen  gedruckt  und  in  diesem   augenblicke  steht 


y  Google 


366  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand. 

der  druck  bei  erbgrind,  am  scUusz  des  45  bogens, 
das  volle  heft  wird  Ihnen  nächstens  zugehen,  natür- 
lich waren  auch  die  mir  dieser  tage  zugekommnen 
auszüge  entschunngen  —  eppheuen  vergeblich,  das 
thut  mir  sehr  leid,  um  Ihre  mühe  und  die  sache 
selbst. 

Damit  sollen  Sie  aber  doch  nicht  geplagt  und 
zu  rascheren  mittheilungen  angetrieben  sein,  was 
ich  zuletzt  entbehrte  musz  ich  auch  länger  entbehren 
können,  damit  Sie  lieber  Ihre  zeit  für  sich  selbst, 
nicht  für  andere  verwenden,  ftlr  die  zweite  aufläge 
des  »wb.*  lege  ich  haufenweis  zurück,  was  aber 
ein  grausamer  scherz  ist,  da  ich  sie  natürlich  nicht 
erleben  werde. 

Mich  soll  wundem,  wie  Sie  gleichwol  mit  der 
unter  solchen  gefahren  zu  stände  gekommnen  dritten 
lieferung  zufrieden  sein  werden,  es  sind  allerhand 
neuigkeiten  darin,  sogar  noch  auf  den  letzten  blättern 
über  erbe,  war  Ihnen  die  göthische  stelle  unter 
erathmen  schon  bekannt? 

Sie  sind  und  bleiben  unser  fleisziger  leser,  aber 
gibt  es  deren  viele?  ich  fürchte  die  allerersten 
hefte  des  werks  haben,  von  der  neuheit  gereizt, 
manche  gelesen,  die  fortsetzungen  muthen  sie  sich 
nicht  zu,  sondern  legen  sie  beiseite  zu  gelegent- 
lichem aufschlagen.,  es  ist  aber  traurig,  für  ein 
nicht  lesendes  publicum  zu  schreiben,  das  beste, 
was  mir  in  einzelnen  artikeln  gelingen  kann, 
wird  vielleicht  zufallig  in  fünfzig  oder  hundert 
Jahren  wahrgenommen,  am  ersten  wahrscheinlich 
von  einem  föhigen  neuen  bearbeiter  des  ganzen. 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


1859  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  367 

Daher  hat  auch  das  jetzige  publicum  keine  wahre 
theilnahme  und  vermag  nicht  zwischen  uns  und  den 
sich  dazwischen  drängenden  nebenbuhlern  zu  unter- 
scheiden, oder  thut  es  nur  nach  einzelnen  eindrücken. 
Crecelius  wollte,  wie  Sie  einmal  meldeten,  eine 
recension  erscheinen  lassen,  es  ist  aber  seitdem  still, 
sehr  gut  und  nöthig  wäre,  dasz  Sanders  und 
Wurms  Unwissenheit  an  ein  paar  schlagenden 
beispielen  Vor  äugen  gelegt  würde;  alles  sonstige 
gutmeinende  gerede  taugt  und  hilft  nichts. 

Gewisse  Schriftsteller  kann  ich  gar  nicht  über 
mich  bringen  anzuführen,  namentlich  den  lang- 
weiligen Pyrker  mit  seiner  »Tunisias*,  undschmeisze 
alle  Zettel  aus  ihm  ohne  erbarmen  weg.  dagegen 
hat  sich  ganz  neuerlich  ein  begabter^  gewandter 
dichter  in  Ostreich  aufgethan,  Josef  Haupt  mit 
einem  Albergerlied;  er  gestattet  sich  kühne  sprach- 
neuerung,  hat  aber  wirkliches  talent. 

GrÜszen  Sie  Mathilde,  ich  bin  ihr  längst  ant- 
wort  und  dank  schuldig,  dasz  ich  vorläufig  schon 
Gustchen  und  Wilhelm  damit  beauftragte,  gilt 
natürlich  nicht  für  voll,  in  einigen  tagen  reise  ich 
nach  Hamburg  zu  einem  lappenbergischen 
Jubiläum,  komme  aber  gleich  zurück. 

Ihr  Jacob  Grimm, 

habe  ich  meinen  aufsatz  über  die  göttinBendis 
geschickt?  wo  nicht  soll  er  nachfolgen,  damit  Sie 
ihn  zu  Tanfana  und  Freia  legen.  Begegnet 
Ihnen  Schwab,  so  danken  Sie  ihm  doch  einstweilen 


y  Google 


368  ^X.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1859 

in  meinem  namen  für    die    schöne   abh.    über   die 
diminution« 


182. 

Jacob  örimm  an  Weigand. 

Lieber  freund, 

was  hab  ich  Ihnen  zu  melden!  gestern  den  16  nm 
3  uhr  nachmittag  ist  Wilhelm,  die  hälfke  von 
mir  gestorben,  ende  des  vorigen  monats  zeigte  sich 
an  seinem  rücken  ein  schwäre,  der  anfangs  kein 
bedenken  einflöszte  und  mit  dem  er  aufsasz  und 
arbeitete,  den  3  dec.  reiste  ich  nach  Hamburg 
zu  Lapperbergs  Jubiläum,  wurde  aber  den  5 
durch  ein  telegramm  zurückgerufen,  weil  sich  ein 
drohender  carfimkel  entfaltet  hatte,  der  immer  zu- 
nahm und  geschnitten  werden  muste  imter  der 
furcht,  dasz  er  sich  nach  innen  kehre,  das  schwankte, 
konnte  aber  nicht  abgewehrt  werden  und  er  ist  nun 
erlegen,  wunderbar,  dasz  er  grade  den  buchstaben 
D  vollendet  hatte  und  nur  correcturen  zurück  sind, 
mein  neustes  heft  konnte  er  nicht  mehr  sehen. 
17  decemb.  1859 

Jac.  örimm. 


y  Google 


1860  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  369 


188. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Lieber  freund,  ich  habe  so  lange  nicht  ge- 
schrieben und  nicht  gedankt,  die  vierte  lieferung 
wurde  mit  angestrengten  kräften  zu  ende  gebracht, 
um  eine  er&ischungsreise  in  die  Schweiz  anzutreten, 
ein  paar  reisekleider  liegen  gefertigt  da,  alle  Vor- 
kehrungen sind  getroffen,  da  überfällt  mich  ein 
tückisches  kaltes  fieber,  das  mich  nun  jeden  abend 
schüttelt  und  meine  kräfte  herunterbringt,  da- 
zwischen lese  ich  Huttens  herrliche  fieberdialoge, 
musz  aber  viele  stunden  und  halbe  tage  ins  bette 
kriechen. 

Im  vorüberfahren  sollte  die  Photographie  an 
Sie  abgegeben  werden,  nun  folgt  sie  voraus,  oder 
ich  komme  gar  nicht  dahinter  her. 

Wilhelms  zimmer  steht  noch  unberührt,  fallen 
Ihnen  gar  keine  bücher  ein,  die  Sie  zum  andenken 
an  ihn  haben  möchten?  beim  ordnen  seiner  hinter- 
lassenschafb  kann  ich  sie  für  Sie  herausnehmen. 

Dortchen  undGustchen,  die  scheint  es  auch 
um  ihre  mitreise  gebracht  werden,  grüszen. 

Ihr  Jac.  Grimm. 
31  jnU  1860. 


E.  StengeL    Briefe  der  Brüder  Grimm.  24 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


370  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  WeigancL  1860 

184. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Liebster  freund,  heute  an  meines  bruders 
todestag  setze  ich  eiidlich  die  feder  an  imd  breche 
mein  langes  schweigen,  denn  es  mahnt  mich  Dmen 
sein  letztes  buch  zu  senden,  das  er  druckfertig  hinter- 
liesz  und  das  nun  eben  erschienen  ist,  ganz  wie  er  es 
wollte,  von  mir  ist  nichts  zugefügt  als  s.  117  eine 
stelle  aus  Mathesius. 

Sie  sind  unermtidet  mit  neuen  Zusendungen,  ffir 
die  ich  wie  Sie  denken  können,  herzlich  dankbar 
bleibe,  noch  stehe  ich  immer  in  E  und  gerathe  gar 
[nicht]  daraus,  das  buchstäblich  ausgedrückte  es  macht 
die  meiste  mühe,  dazwischen  fOhle  ich  mich  fort- 
während, wo  nicht  krank,  doch  unbehaglich,  wäre 
doch  der  winter  erst  überstanden!  Ph.  Dieffen- 
bachs  tod  wüste  ich  noch  nicht.  Lorenz  Diefen- 
bach,  der  sich  vernünftigerweise  das  eine  f  erspart, 
hat  mir  sein  neues  buch  geschickt,  es  ist  gleich 
allen,  was  er  gibt,  gelehrt  und  fieiszig,  aber  zu 
lesen  schwer.  Dithmars  in  Marburg  grammatische 
thätigkeit  ist  mir  was  ganz  neues.  Sie  haben  wol 
Rumpelts  lautlehre  zur  band  genonmien,  das 
heiszt  Sanskritergebnisse  auf  mein  werk  gepfropft 
und  niemand  weisz  ob  die  reiser  angehen,  wir 
haben  noch  erschrecklich  viel  auf  unserm  boden  zu 
lernen  und  die  fremden  anschlüsse  könnten  inuner 
noch  warten. 

Freilich  soll  ein  band  „weisthümer"  gedruckt 
werden,   ich   habe   die   schönsten  Zuflüsse  aus  dem 


y  Google 


1860  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  371 

Elsasz  und  aus  Niedersachsen,  was  Sie  mir  auszer 
den  früheren  mittheilungen  noch  dazu  geben  wollen, 
soll  mir  lieb  sein.  Dr.  Thudichum  hat  mir  neu- 
lich sein  wahrscheinlich  sehr  gutes  buch  über  die 
marken  gesandt,  ich  bin  aber  noch  nicht  dazu  ge- 
langt, es  zu  lesen,  also  noch  weniger  ihm  zu  danken, 
brief  schreiben  bringt  mich  aus  den  wenigen  fugen, 
die  mir  übrig  sind,  bekommen  Sie  ihn  zu  sehen, 
80  melden  Sie  ihm  vorläufig  meinen  grusz  und  ich 
würde  die  gleichfalls  angebotenen  weisthümer  mit 
freuden  annehmen. 

Es  soll  mich  wundem ,   wie  Sie    den , 

den  Sanders  packen  werden,  er  ist  kein  dummer 
köpf  und  hat  sich  im  bereich  der  jetzigen  spräche 
tüchtig  und  fleiszig  umgethan,  doch  wirft  er  alle 
Wörter  untereinander,  ich  könnte  ihn  manchmal 
mit  nutzen  nachschlagen,  es  widersteht  mir  aber 
und  lieber  lasse  ich  ihn  fahren.  Zu  Wurms  heften 
ist  nicht  einmal  ein  titelblatt  erschienen,  oder  haben 
Sie  eins? 

Wie  ganz  anders  ist  Ihre  grundehrliche  aus  ge- 
naustem forschen  hervorgegangene  arbeit  gegen- 
über diesen  beiden  gesellen!  prächtig  also,  dasz  Sie 
eine  neue  lieferung  verkündigen. 

Im  neusten  doppelheft  von  Haupts  Zeitschrift 
steht  eine  sehr  umständliche  abhandlung  Keiles  über 
Otfrieds  verbalflexion,  eigentlich  ohne  auffallendes 
ergebnis,  einiges  aus  Wilhelms  nachlasz  und  ein 
fleisziger  artikel  Müllenhoffs  über  die  heldensage, 
worin  Sie  das  ags.  bruchstück  von  »Walther  imd 
Hildgund**   erfreuen  wird,   falls  Sie   es  nicht  schon 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


372  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1861 

aus  der  kopenhagener  publication  her  kannten. 

Wir   grüszen   alle    und  ich   besonders  die  gute 
Mathilde,  die  zuweilen  von  mir  mit  Ihnen  spricht. 

Jac.  Grimm. 

16  dec  1860. 


185 
Jacob  örimm  an  Weigand. 
Mein  lieber  und  langmütiger  freund, 

Wie  lauge  hätte  ich  schon  geschrieben  und 
immer  wieder  gedankt,  wüste  ich  nicht,  dasz  sie  sich 
ganz  in  meine  läge  denken  und  ToUkommen  ein- 
sehen, wie  schwer  mir  das  briefschreiben  fällt,  zwar 
schreibe  ich  viel  den  ganzen  tag  fort  am  Wörterbuch 
und  mag  mich  nicht  darin  unterbrechen,  hätte  ich 
blosz  Ihnen  zu  antworten,  so  ergienge  es  leicht  und 
regelmäszig,  wenn  aber  zehn,  zwanzig  unbeantwortete 
briefe  vor  mir  auf  dem  tische  liegen,  fählt  sich  mein 
gewissen  belastet  und  fiült  in  schwereren  rückstand. 

Sie  haben  mir  Ihre  anzeige  des  Sanderss  über- 
schickt und  ihn  schön  erfaszt  und  abgefertigt,  gehn 
Sie  auch  zu  weit  in  meinem  lob,  so  schadet  das  der 
gerechtigkeit  des  über  ihn  ergossenen  tadeis  nichts, 
sein  buch  ist  mir  ekelhaft,  sonst  könnte  ich  seine 
irrthümer  in  menge  aufdecken,  ich  lasse  es  lieber 
ungelesen  liegen,  wenn  mich  nicht  noch  einmal  noth 
dazu  drangt,  aber  was  Sie  sagen  reicht  schon  voll- 
kommen hin, zum 


y  Google 


1861  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  373 

spasz  lege  ich  Ihnen  hier  einen  mir  vor  14  jähren 
von  ihm  geschriebnen  brief  bei,  er  hatte  sich  an 
mich  gewandt  und  um  den  band  von  Tommaseo 
canti  popdari  gebeten,  worin  die  neugr.  lieder 
standen,  ich  schickte  ihn  dem  mir  völlig  unbekannten 
und  empfahl  auch  seine  eigne  samlung  neugr.  lieder, 
die  er  mir  zur  ansieht  mitgetheilt  hatte,  einem 
hiesigen  buchhändler  zum  verlag.  von  ihm  selbst 
wüste  ich  nichts  und  meine  äugen  haben  ihn  nie 
erblickt,  der  mir  für  meine  gefälligkeit  erstattete 
dank  kam  1852.  1853  in  den  Hamburger  heften 
über  das  Wörterbuch  heisz  an  den  tag,  sein  name 
war  mir  entfallen  und  ich  besann  mich  erst  hinter- 
her auf  die   frühere  bekanntschafk 

Dasz  Ihnen  im  letzten  heft  einige  artikel  zu- 
sagen hat  mich  erfreut  und  belohnt,  andere  leute 
sagen  mir  kein  wort  dazu  und  dasz  überhaupt  mein 
werk  hier  nicht  den  geringsten  eindruck  macht,  ent- 
nehmen Sie  aus  des  königs  letzter  rede,  die  mit 
einer  phrase  feierlich  schlieszt,  welche  ich  fttr  einen 
Sprachfehler  erkläre! 

Diese  tage  lasse  ich  Ihnen  unter  band  den  catalog 
unsrer  Götheausstellung  zugehen,  worin  Sie  merk- 
würdiges finden  werden,  p.  23  eine  herliche  bisher 
ungedruckte  stelle. 

Unterdessen  habe  ich  auch  das  msp.  ftlr  die  fort- 
setzung  der  ,,weisthümer^  zugerüstet  und  nach 
Leipzig  in  den  druck  abgehenlassen,  schönen  dank 
bitte  ich  herm  dr.  Thudichum  fÖr  seine  richtig 
empfangenen  Sendungen  zu  sagen. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


374  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1861 

Sonst  aber  pflüge  ich  im  F  und  der  druck  ist  in 
vollem  gang,  dank  för  Ihr  letztes  heft  habe  ich 
möglicherweise  doch  zu  erstatten  vergessen,  Sie  be- 
zweifeln nicht,  dasz  mir  von  Ihrer  band  alles  lieb 
und  werth  ist,  abgesehn  von  dem  vielen  nutzen  den 
man  daraus  schöpft. 

Mathilde  ist  wol  wieder  daheim,  sie  wird  sich 
in  Frankfurt  recht  gefallen  haben,  wir  lassen  sie 
alle  herzlich  grüszen.  ich  freue  mich,  dasz  Roth 
genesen  ist  und  eine  zusagende  Stellung  erlangt  hat. 

Ihr  treuer  freund  Jac.  Grimm. 

9  juni  1861. 


186. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

B  e  r  1  i  n  6  aug.  1861 

Liebster  freund,  hier  schicke  ich  Ihnen  meines 
sei.  bruders  abhandlung  von  den  ,Christusbildem", 
die  Sie,  glaube  ich,  noch  nicht  besitzen  und  zu  haben 
wünschten.  Längst  habe  ich  vor,  da  ich  mich 
in  meiner  stube  zu  enge  fühle,  die  thür  in  der  sie 
von  Wilhelms  seiner  scheidenden  wand  zu  öfhen 
und  mich  mit  meinen  büchem  in  den  gröszeren 
räum  auszubreiten,  es  ist  aber  immer  unterblieben, 
weil  es  mich  rührt,  die  in  seinem  zimmer  fort- 
bestehende einrichtung  zu  zerstören,  sobald  es  ge- 
schieht, werden  sich  auch  unter  seinen  büchem  die 
mir  ganz  entbehrlichen  aussondern  und  ich  im  stände 


y  Google 


1861  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  375 

sein  Ihnen  einige  derselben  als  andenkzeichen  dar- 
zubieten, falls  sie  Ihnen  selbst  mangeln. 

Mein  Verleger  in  Leipzig  hat  schweres  leid  er- 
fahren, sein  Schwiegersohn,  buchhändler  Bädeker 
in  Koblenz  ist  gestorben  and  nun  kehrt  die  junge 
witwe  ins  väterliche  haus  zurück. 

Mein  neflfe  Herrn  an  reist  nach  Ostende  ins  See- 
bad und  von  da  nach  London,  wo  sich  ungedruckte 
briefe  Mich.  Angelos  befinden,  die  er  zur  fort- 
setzung  seines  Werkes  nöthig  hat. 

Jetzt  ist  hier  zum  besuch  prof.  Pfeiffer  aus  Wien, 
mir  ein  angenehmer,  besonnener  und  gründlich  ge- 
lehrter mann,  der  bekanntlich  für  unser  mittelalter 
schon  viel  geleistet  hat  und  noch  mehr  zu  stände 
bringen  wird,  dem  Haupt,  dem  allzusteifen  an- 
hänger  lach  man  nischer  lehren  ist  er  ein  dorn  im 
äuge,  noch  neulich  hat  er  sich  in  der  „Germania*^ 
gegen  die  übertriebnen  Vorstellungen  von  höfischer 
kunst  und  höfischen  Wörtern  bei  den  dichtem  des 
13  Jh.,  wie  mir  scheint,  sehr  treflfend  ausgelassen. 

Sanders  hat,  was  und  wie  Sie  es  voraussahen, 
auf  dem  letzten  Umschlag  geantwortet,  ich  glaube 
fast  Sie  können  aller  erwiderung  überhoben  sein, 
Zarnke  müste  es  denn  wünschen,  und  auf  den  fall 
stehen  Ihnen  waflfen  genug  zu  gebot,  ich  hofle 
nach  verlaufnen  fünfzig  jähren  wird  mein  Wörter- 
buch mehr  eindruck  machen  als  heutzutage  und 
sein  machwerk  ziemlich  ungebraucht  zur  seite  liegen 
bleiben. 

Fräulein  Mathilde  hat  mich  höchlich  erfreut 
und  meine  Sammlung  von  Photographien  mit  einem 


y  Google 


376  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1861 

zierlichen  bildchen  vermehrt,  sagen  Sie  ihr  meinen 
schönsten  dank.  Auguste  legt  ein  bändchen  bei, 
das  sie  vielleicht  tragen  mag. 

Meine  fortdauernde  dankbarkeit  für  die  von  Ihrer 
band  eingehenden  genauen  zettel  versteht  sich  von 
selbst,  ich  rücke  auch  das  zu  spät  kommende  bei 
den  correcturen  noch  immer  gern  ein ,  -  bisweilen 
geht  es  nicht  mehr  an. 

Treu  ergeben  Ihr  Jac.  Grimm. 

187. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 
am  21  december  1861. 

Lieber  freund,  wieder  hats  gewaltig  lange  ge- 
dauert mit  meiner  antwort  auf  die  reihe  von  briefen 
und  Sendungen,  die  mir  Ihre  unermüdliche  freund- 
schaft  zu  theil  werden  liesz.  ich  brauche  Ihnen  ja 
nicht  erst  zu  sagen,  wie  wenig  oder  fast  keine  zeit 
ich  behalte,  wenn  ich  mich  anstrenge  und  über  der 
bald  erfreuenden  bald  auch  lästigen  arbeit  sitze,  wie 
machen  die  Zusammensetzungen  mit  fdd  fds  fest 
feuer  langeweile,  nur  hin  und  wieder  fahren  ein 
paar  seltene  Wörter  durch  und  erfrischen,  zu  briefen 
gehören  ruhige  augenblicke,  die  ein  von  den  Leip- 
ziger druckerraben  angeschriener  autor  gar  nicht 
mehr  auftreibt,  oder  meint  er  auch  einen  zu  haschen, 
gleich  drängt  sich  eine  etymologie  dazwischen,  die 
dann  verführerisch  ist  und  fortgesponnen  wird. 


y  Google 


1861  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  377 

Vorigen  herbst,  ja  was  sollte  ich  in  Frankfurt! 
meine  hari;hörigkeit  macht  mich  ungeschickt  öflFent- 
lichen  Versammlungen  beizuwohnen,  was  thut  einer 
darin,  der  nicht  in  die  erörterung  der  dinge  ein- 
greift? zudem  reizten  mich  die  vorschwebenden 
gegenstände   gar   nicht 


auch  die  grosze  discussion  über 

die  ausspräche  des  gr.  und  lat.  ialte  ich  für  fehl- 
gegrifiFen  und  heilsame  ergebnisse  erwarte  ich  davon 
nicht.  Roth  ist  ein  guter  kerl,  bringt  aber  nichts 
an  den  tag,  denn  die  Umarbeitung  der  fragen  vom 
Schwanritter  kann  ohne  aufgefundne  neue  hs.  nichts 
ausrichten. 

es  war  fast  zu  denselben  tagen,  dasz  ich  auch 
nach  München  reisen  sollte,  wohin  ich  ebenso 
wenig  gegangen  bin.  meine  frauensleute  besorgten 
allerlei  schaden  für  meine  gesundheit;  hätte  ich  das 
im  october  eingetretne  wetter  vorausgesehn ,  wäre 
ich  doch  dahin  gelangt. 

Gestern  habe  ich  msp.  bis  zum  worte  feueraeug 
lassen  abgehen,  auszerdem  ist  der  druck  der  „weis- 
thümer"  in  vollem  gang  imd  bereits  25  bogen  des 
vierten  bands  sind  fertig  geworden. 

Ihre  reinen,  genauen  auszüge  brauche  ich  treu- 
lich, von  Du$ch^  Doellinger,  Kretschman  u.  a.  m. 
stände  ohne  Sie  gar  nichts  im  „wb."  ;  einige  zu  spät 
eingetroffene  zettel  konnten  nicht  mehr  eingeschaltet 
werden.     Wenn  Sie  überhaupt  mein  quartexemplar 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


378  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1861 

des  abdrucks  einmal  ansehen  sollten,  wie  alles  von 
nachtragen  wimmelt!  ihrer  natur  nach  können 
bücher  dieser  art  erst  gut  werden  bei  zweiter  auf- 
läge, die  ich  nicht  erleben  kann,  noch  viel  minder 
als  die  erste  vollführen,  gleichviel  widerstehe  ich 
nicht  dem  trieb  und  der  lust  zusätze  beizuschreiben. 

Ob  das  Wörterbuch  überhaupt  ordentlich  gelesen 
wird  von  andern  als  von  Hildebrand  und  von 
Ihnen,  ist  mir  durchaus  zweifelhaft ,  selbst  leuten 
wie  Crecelius  traue  ichs  nicht  zu.  die  übrigen 
leser,  an  sich  geneigt  und  einigermaszeu  gerüstet, 
haben  ihre  lust  längst  gebüszt  an  den  ersten  heften 
und  fühlen  sich  durch  die  wucht  der  nachfolgenden 
erdrückt,  einzelne  artikel  zufällig  aufschlagen,  zu 
welchen  neugier  oder  etwas  anderes  führt,  das  ist 
alles,  seien  also  entdeckungen  noch  so  hübsch,  Zu- 
sammenstellungen noch  so  gelegen,  sie  werden  nicht 
durchdringen,  bis  die  zukunft  allmählich  sie  ans  licht 
fördert,  auf  wirkliche  und  gegenwärtige  theUnahme 
darf  ein  lexicograph  noch  viel  weniger  rechnen  als 
ein  grammatiker.  daher  auch  die  critik,  wo  sie 
nicht  durch  andere  gründe  aufgerufen  wird,  b'eber 
schweigt. 

Sie  stehen,  bester  freund,  schon  in  JJ,  laufen  mir 
so  vor,  dasz  ich  Sie  gar  nicht  einholen  werde. 

Neulich  haben  wir  eins  der  besten  bilder  von 
Wilhelm  photographisch  verkleinern  lassen  imd 
ich  lege  Ihnen  einen  abzug  bei.  gerade  zur  zeit 
des  bildes  kränkelte  er,  was  sich  im  gesicht  noch 
ausdrückt,  sonst  aber  ist  die  ähnlichkeit  grosz. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


1862  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  379 

Was  Sie  von  Pfeiffer  melden  begreife  ich  nicht, 
ich  habe  briefe  von  ihm  geschrieben  am  6  nov.  und 
am  6  dec,  worin  kein  wort  von  krankheit.  Sein 
glossarzu  »Meyenberg**  hätte  mir  schon  grosze  dienste 
leisten  können,  wird  es  aber  auch  noch  künftig 
vermögen. 

Wir  dreie  grüszen  Sie  und  Mathildchen. 

Ihr  Grimm. 

188. 
Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Sie  haben  mich  verwöhnt,  lieber  Weigand, 
Sie  sind  doch  nicht  krank?  das  sei  ferne,  eher 
denke  ich  mir  Sie  nach  Darmstadt  gereist,  wo  Sie 
der  groszherzogin  feierlicher  bestattung  bei- 
wohnen sollen. 

meine  siebente  lieferung  ist  in  Ihren  bänden  und 
es  wird  damit  sein  wie  mit  den  vorausgegangenen, 
manches  gefällt  Ihnen  und  anderes  behalten  Sie  der 
prüfung  vor.  einmal  lobten  Sie  meine  gedrängtheit, 
wenn  das  nur  nicht  den  tadel  einschlieszt ,  dasz 
vieles  Ihnen  nicht  ausführlich  genug  dargelegt  scheint, 
die  breite  spur  des  werks  macht  mir  sorge,  es  konnte 
nicht  anders  als  weitläuflig  werden,  wenn  es  seinen 
zweck  erfüllen  soll,  so  weitläuftig,  dasz  geboten 
war,  der  sache  die  form  nachzusetzen,  die  also  oft 
weichen  und  nachgeben  musz. 

letzte  woche  habe  ich  die  drei  schweren  Wörter 
fliegen^  fliehen  und  flieszen  fertig  gebracht  und 
einiges  neue  darüber  vorgetragen. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


380  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1862 

Sie  wollen  dem  Wh.  Ho  ff  mann  die  ehre  einer 
recension  erweisen,  das  ist  ein  armer  tropf,  der 
sich  ohne  innere  ausrüstung  an  die  schwerste  sache 
wagte  und  jBngerfix  alles  ausführte,  unbesehens  hat 
er  den  Campe  ausgeschrieben  imd  nur  neue  bei- 
spiele  zugefügt,  die  doch  das  brauchbarste  bei  ihm 
gewesen   sind,      auf  den  umschlagen  hatte   er  die 

einen  satz  gegen  mich  abdrucken  zu 

lassen. 

ich  lege  Ihnen  ein  bild  von  Fichte  bei,  dessen 
deutscher  geist  mir  lieb  und  theuer,  dessen  philo- 
sophie  mir  zu  redselig  und  überspannt  ist. 

29  mal  1862 

Jac.  örimm. 


189. 
Jacob  örimm  an  Weigand. 

Lieber  freund,  ich  war  mit  der  Schwägerin 
und  Auguste,  bei  günstigstem  wetter,  zwei  wochen 
zu  Arnstadt,  das  reizend  gelegen  ist  und  auf  allen 
Spaziergängen  vergnügt  und  erhebt,  die  Thüringer 
sind  ohne  zweifel  das  gutmütigste,  freundlichste  volk 
von  ganz  Deutschland,  grüszen  und  meinen  es  mit 
aller  Zuvorkommenheit,  ausflüge  gemacht  wurden 
nur  nach  dem  etwas  rauhem  Ilmenau  im  gebirg, 
anfangs  war  der  plan  etwas  gröszer  gefaszt,  wir  ge- 
dachten auch  nach  Hessen,  hätten  zu  Cassel  ein  paar 
tage  verweilt,  dann  einen  besuch  in  Gieszen,  Sie 
können   sich   denken  bei   wem   abgestattet  und  die 


y  Google 


1862  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  381 

neue  Siegener  bahn  zu  befahren  oind  über  Cöln 
heimzukehren,  dazu  war  aber  doch  die  schwache 
gesundheit  der  Schwägerin  nicht  recht  angethan 
und  es  muste,  so  grosze  lust  sie  selbst  hatte,  unter- 
bleiben, gestern  besahen  wir  uns  Erfurt  und  den 
schönen  dorn  genauer. 

Glücklich  hatte  es  sich  gefügt,  dasz  wir  einen 
tag  mit  Fritz  Reuter,  den  ich  bereits  kannte, 
yerbrachten.  er  selbst  lag  krank  in  einem  neben- 
zimmer,  doch  an  der  table  dhote  hatte  mich  seine 
frau  wahrgenommen  und  brachte  mir  gleich  nachher 
den  zweiten  theil  von  ,olle  Kamellen',  worin  er 
seine  greuliche  festungszeit  aufs  anmutigste  schildert, 
ich  weisz  nicht,  welche  von  seinen  büchem  Sie  ge- 
lesen haben,  aber  alle  verdienen  gelesen  zu  werden, 
die  harte  noth  ist  es,  die  ihn  zur  feder  gefOhrt  hat, 
und  nun  ist  er  einer  unsrer  geistreichsten  Schrift- 
steller; wenn  man  will,  so  liegt  darin  eine  ent- 
schuldigung  des  harten  Unfalls,  der  sein  leben  ge- 
troffen hatte,  sonst  hätte  er  nie  gedichtet,  er  steht 
hoch  über  dem  viel  zu  viel  gepriesenen  Groth, 
dessen  gedichte  man  immer  meint  schon  irgendwo 
hochdeutsch  und  besser  gelesen  zu  haben,  bei 
Reuter  ist  alles  voller  und  natürlicher  ergusz.  er 
blieb  nicht  zu  Arnstadt,  sondern  gieng  ins  kalte 
bäd  nach  Elgersburg. 

Gestern  abend  lagen  vier  briefe  von  Ihnen  auf 
meinem  tisch,  vielmehr  nur  ein  brief  und  vier  zettel- 
austheilungen.  das  achte  heffc  hätte  schon  vor 
meiner    abreise    fertig  gedruckt   sein   können   und 


y  Google 


382  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1862 

sollen,  von  meiner  seite  liegt  alles  msp.  langst 
dazu  in  Leipzig,  die  druckerei  wdr  lässig,  ein  cor- 
rector  muste  ins  bad  und  nun  zu  allerletzt  macht 
meine  kleine  reise  einen  aufschub,  denn  es  ist  nöthig, 
dasz  ich  selbst  alle  bogen  durchsehe,  wo  noch  aller- 
hand einzuschalten,  die  lieferung  wird  aber,  meiner 
rechnung  nach,  noch  alle  Zusammensetzungen  mit 
fort  befassen. 

Schmidt  von  Werneuchen  ist  ein  wirklicher 
dichter  imd  ein  begabter.  Göthe  hat  zwar  das 
tibermasz  seiner  Zufriedenheit  mit  der  spärlichen 
märkischen  natur  geistreich  überlegen  verspottet; 
die  rothen  beeren  um  den  hals  seines  liebchens 
gereiht  gehen  dem  sänger  über  die  kostbarsten 
korallen.  allem  höhn  zum  trotz  hat  aber  seine 
empfindung  an  sich  Wahrheit,  dieselbe  Wahrheit, 
kraft  welcher  wir  den  umständen  nach  den 
eindruck  einer  deutschen  landschaft  über  die 
glänzendste  italienische  gegend  setzen  dürfen, 
denn  wenn  in  der  natur  das  kleinste  so  wundervoll 
ist  wie  das  gröszte,  so  kann  sie  auch  das  masz 
unseres  entzückens  wie  unserer  betrachtung  an  jeder 
stelle  füllen,  ich  gebe  zu,  dasz  Voss  und  Mat- 
thisson  auf  Schmidt  eingewirkt  haben,  dies  alles 
von  ihm  abgezogen  bleibt  aber  genug  echtes  eigen- 
thum  zurück,  von  dem  sich  andere  unverspottete 
dichter  etwas  zu  wünschen  hätten,  ich  habe  seine 
gedichte  mehrmals  gelesen,  bald  von  Göthes  ge- 
sichtspunct  ausgehend,  bald  des  dichters  werth  er- 
kennend, eine  ausgäbe  gieng  mir  verloren,  hernach 
habe   ich   mir  die  von  1797  angeschaft  imd  danach 


y  Google 


1862  XIX.    J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  383 

citiert.    die  vorrede  der  von  1802  kann  ergeben,  ob 
er  in  der  Zwischenzeit  feilte  und  änderte. 

Lieber  freund,  sehen  Sie  doch  beiliegendes  Ver- 
zeichnis von  büchem  aus  meines  sei.  bruders  hinter- 
lassenschaft  an.  sie  ständen  Ihnen  sämtlich,  ohne 
ausnähme,  zu  dienst,  es  wäre  mir  eine  freude,  wenn 
Sie  alle  annehmen  uud  gebrauchen  könnten  oder 
auch  als  dupletten  zu  Wilhelms  andenken  aufheben 
wollten,  da  er  in  viele  derselben  manches  ein- 
geschrieben hat.  mindestens  sein  Sie  so  gut  mir 
durch  unterstreichen  zu  bezeichnen,  was  ich  Ihnen 
senden  darf. 
*  mit  herzlichem  grusz.     5  sept.  1862. 

Jac.  Grimm. 


190. 

Jacob  Grimm  an  Weigand. 

Lieber  freund,  ich  habe,  weil  ich  gar  nicht  dazu 
kommen  konnte  und  noch  jetzt  in  einem  Strudel  von 
arbeiten  stecke,  lange  nicht  geschrieben.  Wahr- 
scheinlich ist  Ihnen  unbekannt,  dasz  ich  anfangs 
october  zur  historischen  commission  nach  München 
muste,  worüber  ein  paar  wochen  verstrichen,  in 
Nürnberg  bin  ich  auch  zwei  tage  geblieben,  in 
Augsburg  nur  durchgefahren,  die  philologen- 
versamlung  war  da  eben  gewesen,  zu  welcher  Sie, 
Ihrem  früheren  vorsatz  entgegen,  sich  auch  nicht 
eingefunden  hatten;  grosze  frucht  wird  Ihnen  nicht 
entgangen  sein. 


y  Google 


384  XIX.   J.  rmd  W.  Grimm  an  Weigand.  1862 

Seitdem  habe  ich  das  Wörterbuch  fOr  eini^ 
monate  bei  seite  gelegt,  um  den  vierten  band  der 
„weisthümer**  mit  einer  langen  und  mühsamen  vor- 
rede auszustatten,  die  allerhand  neues,  ja  unerhörtes 
bringen  und  die  Juristen  in  einiges  erstaunen  setzen 
soll,  eilen  Sie  also  nicht  mjt  zetteln  zum  vierten 
bände  des  wb.,  von  dem  nur  zwei  bogen  gesetzt 
sind;    ich  bedarf  ihrer  erst  im  neuen  jähr. 

Mich  fireut,  dasz  Ihnen  Wilhelms  bücher  lieb 
sind,  zwar  trenne  ich  mich  schwer  von  allem,  worin 
sich  die  züge  von  seiner  band  finden,  ich  bin  aber 
reich  daran  und  zufrieden,  dasz  einiges  auch  in 
Ihren  besitz  gekommen  ist.  • 

In  niederhessischen  landstrichen  herscht,  herschte 
wenigstens  noch  im  vorigen  jh.  der  brauch,  dasz 
wenn  im  dorfe  das  kind  eines  gefallnen  mädchens 
getauft  wurde,  fast  alle  ledigen  bursche  pathenstelle 
übernahmen,  20,  30  bis  50  auf  einmal,  sollte  da- 
mit die  verlassene  dirne  getröstet  werden?  sind 
spuren  dieser  sitte  auch  in  Oberhessen,  namentlich 
im  Vogelsberg?  das  werden  Sie  wissen  oder  leicht 
erfragen. 

Jac.  Grimm. 
29  nov.  1862. 


191. 

Jacob  örimm  an  Weigand. 
Lieber  Weigand, 
Hierbei    folgen    die    „weisthümer".     das    buch 
würde  etwas  mehr  eindruck  machen,   wenn  es,  wie 


dby  Google 


1863  XIX.  J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  385 

mein  vorsatz  war,  von  der  vorrede  geleitet  wäre, 
doch  schien  es  hernach  damit  zu  viel  und  die  be- 
sondere abhandlung  kann  sich  bequemer  ausstrecken, 
nur  macht  der  umgusz  in  die  neue  form  mir  mehr 
zu  schaffen  als  ich  dachte,  das  „ Wörterbuch*'  hat 
darunter  zu  leiden. 

ich  hatte  mir  von  dem  vorbericht  eine  correctur 
aus  Leipzig  hierher  bestellt,  die  aber  im  drang  der 
dinge  .ausblieb,  darum  siud  einige  ärgerliche  fehler 
stehen  geblieben,  s.  IV  z.  6  von  unten  [musz] 
,8  c  h  a  d  e*  für  ,nachtheil'  gelesen  werden  und  s.  V.  z.  2 
,aus  dem  vorrath  zu  Darmstadt.^ 

dank  für  Ihre  achte  lieferung,  in  der  Ihre  ganze 
art  und  weise  wieder  so  an  den  tag  tritt,  dasz  der 
vorangestellte  name  Friedrich  Schmitthenners 
ganz  imgehörig  erscheint.  Sie  verstehen  es  einzu- 
ernten und  ähren  zu  lesen,  ich  habe  nicht  zeit  auf 
einzelnes  einzugehen.  Sie  sehen  nun  den  schlusz 
des  Werkes  deutlich  vor  äugen,  für  meine  arbeit 
liegt  er  in  undurchdringlichen  nebel  gehüllt. 

meine  Schwägerin  und  Auguste  lassen 
wieder  grtiszen.  mit  unveränderlicher  freundschaft 
der  Ihrige 

Jac.  ör. 
5  Jan.  1863. 

192. 

Jacob  örimm  an  Weigand. 

Lieber  freund,  ich  habe  alles  dankbar  imd  richtig 
erhalten 

£.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orimm.  25 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


386  XIX.   J.  und  W.  Grimm  an  Weigand.  1863 

wenn  Sie  lust  haben,  das  elende  buch  von  d^Hargues 
schärfer  anzugreifen,  können  Sie  auch  das  beifolgende, 
allerdings  seltsame,  aber  doch  viel  bessere  mit  be- 
sprechen, es  ist  nicht  im  buchhandel  und  würde 
yielleicht  sonst  nicht  Ihnen  zu  hand  konmien,  Sie 
dürfen,  wenn  Sie  mögen,  das  exemplar  behalten. 

Der  druck  des  wb.  muste  eine  pause  haben,  die 
beifolgenden  aushängebogen  1.  2  (ich  brauche  sie 
nicht  zurück)  waren  bereits  Weihnachten  gedruckt, 
jetzt  gehts  nun  weiter  und  3.  4  sind  schon  gesetzt. 
Sie  brauchen  fernere  beitrage  gar  nicht  zu  be- 
schleunigen. 

Es  ist  unsicher  dasz  Fladungen  aus  einem  per- 
sonennamen  entspringt,  da  umgedreht  manche  per- 
sönliche namen  in  örtlichen  ihren  grund  haben,  z.  b. 
Friedberg,  Frankfurt,  die  entw.  für  FriedbergeTj 
Frankfurter  stehn,  oder  wobei  man  sich  ein  aus- 
gefallnes  von  zu  -denken  hat. 

Pörstemann  läszt  jetzt  excurse  zum  namen- 
buch  drucken,  worin  es  an  gutem  nicht  fehlen  wird. 

Mathildens  schöne  grüsze  ergehen  so  freund- 
lich,  dasz  sich  die  erwiederung  von  selbst  versteht. 

am  23  merz  1863 

Jac.  Grimm. 


y  Google 


1863  XIX.    Auguste  Grimm  an  Weigand.  387 

198. 

Auguste  Grimm  an  Weigand. 

Montag  früh. 

Lieber  Herr  Professor. 
Gestern    Abend   bald   nach    10    ühr   hat   unser 
theurer  Onkel,   Ihr  lieber  Freund   seine  Seele  aus- 
gehaucht  und   ist   nun   wieder  mit  dem  Papa  zu- 
sammen.   Vor  etwa  12  Tagen,  nachdem  er  3  Wochen 
fast,   mit   uns  im  Harz  war  und  sehr  wohl  zurück- 
gekonmien,   mit   wahrer  Herzenslust  wieder  an  die 
Arbeit   gegangen,    befiel    ihn    eine    heftige    Leber- 
entzündung,   die   aber   durch   Blutigel  und  Calomel 
gehoben  wurde,  so  dasz  er  wieder  mit  Apetit  ass,  im 
Bett   las  und   Notizen   machte.    Vorgestern  Nach- 
mittag   stand   er  erlaubtermassen   etwas  auf,   ging 
zum  Fenster  ganz  allein  und  ruhte  dann  auf  einen 
gewöhnlichen  Rohrstuhle,   da  fiel  er  mir,  nachdem 
er   auf  einige   Fragen   nicht   geantwortet,   auf  den 
Arm,  sah  mich  so  lieb  an ;   ich  dachte  er  sterbe,  da 
er   so  bleich,   oder  eine   tiefe  Ohnmacht  —  ach  es 
war  ein  Schlaganfall,  der  die  rechte  Seite  getroffen, 
Zunge  und  Hand  gelähmt !  er  konnte  nicht  sprechen 
und  Sie  können  denken  wie  herzzerreissend  es  fCbr 
uns   war,   als   er  es  gern  thun  wollte.    Die  Nacht 
lag   er  meist   im  Traum,   gestern  Nachmittag  aber 
um  3  richtete  er  sich  plötzlich  auf  und  nun  begann 
die  wahrlich   schwerste  Arbeit,   die   er  je  gethan: 
das  Fieber  jagte ,  das  Herz  pochte  zum  zerspringen 

das    so    zu   sehen   ohne  helfen  zu  können 

war  zu  schrecklich,  erst  20  Minuten  nach  zehn  war 

25* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


388  XX.    J.  Grimm  an  Diefenbach.  1836 

das  noch  so  starke  Leben  bezwungen,  er  liegt  so 
mit  den  Ausdruck  der  Herzensgüte,  die  der  Puls- 
schlag seines  Lebens  war,  auf  seinem  Bett:  man 
möchte  ihn  gar  nicht  verlassen,  seine  Bücher  um- 
stehen ihn  wie  Waisen.  Er  kannte  uns,  das  sind 
wir  sicher,  bis  zu  den  letzten  Augenblicken,  dann 
richteten  sich  seine  Augen  der  neuen  ewigen  Heimath 
zu.  Wir  sind  Ihrer  treuen  Theilnahme  so  sicher 
und  wissen  Sie  denken  an  uns.  Mit  herzlichsten 
Grüssen 

Ihre  tiefbetrübte 
Auguste   Grimm. 


XX.    Acht  Briefe  von  Jacob  Grimm  an 
Dr.  Lorenz  Diefenbach. 

194. 
Hochgeehrter  Herr, 
Neue  Bücher  zu  lesen  mufs  ich  leider  immer  auf 
die  Ferien  verschieben,  und  gleich  bei  dem  Anbruch 
der  gegenwärtigen  habe  ich  das  mir  durch  Ihre 
Güte  übersandte  mit  manigfacher  Belehrung  durch- 
lesen. Entschuldigen  Sie  also  daCs  mein  Dank  so 
spät  erfolgt.  In  vielem  pflichte  ich  Ihrer  Ansicht 
bei,  in  einigem  weiche  ich  ab;  das  labt  sich  aber 
nicht  brieflich  verhandeln.  Auch  für  die  Meldung 
dals  die  Laubacher  Bibl.  nichts  altdeutsches  ent- 
halte bin  ich  verbunden.  Auffallende  (gelegentlich 
sich    Ihnen    etwa    darbietende    [Randbemerkung]) 


y  Google 


1836  XX.    J.  Grimm  an  Diefenbach.  389 

mythologische   Spuren  aus   Ihrer   und   der  Vogels- 
berger  Gegend  wären  mir  willkommen. 

Mit  aufrichtiger  Hochachtung 

ergebenst  Jac.  Grimm. 

Göttingen  20  Merz  1836. 

Sr.  Wolgeboren   Herrn  Dr.  L.  Diefenbach,  Bibliothecar   zu 
Solms  Lanbach  bei  Giefsen. 


195. 

Ew.  Wolgeboren 
gefällige  Mittheilungen  haben  mich  gar  sehr  gefreut, 
besonders  die  Bruchstücke  „wetterauischer  Volks- 
sagen" ;  (ich  dachte  mir  die  frankfurter  Verfeinerung 
in  den  kern  des  Vogelsberges  noch  uneingedrungen. 
um  Ulrichstein  und  Crainfeld  herum  wäre  zu  suchen. 
[Randbemerkung]),  was  Ihnen  künftig  von  dieser 
Art  aufstöfst,  ohne  dals  es  Ihnen  Mühe  macht  sich 
danach  zu  erkundigen,  wird  mir  immer  lieb  sein. 
Die  Benennung  , Narrenbrunnen**  bei  Dauemheim 
sieht  neuerfunden  aus,  es  käme  darauf  an  zu  wissen, 
wie  sie  früher,  etwa  in  Urkunden,  lautete. 

Dafs  Sie  zu  einem  wetterauischen  Idioticon 
sammeln  war  mir  eine  nicht  weniger  erfreuliche 
Nachricht. 

Die  dortige  Hs.  des  „Barlaam**  hat  mein  College 
Benecke  bereits  vor  10 — 12  Jahren  einmal  hier 
gehabt  und  excerpiert.  Gedruckt  darüber  habe  ich 
nichts  gelesen.  Das  Gedicht  ist  jünger  als  das  des 
Rudolf  von  Monfort,  und  seine  Herausgabe 
würde    Gelegenheit    zu    interessanter    Vergleichung 


y  Google 


390  XX.  J.  Grimm  an  Diefenbach.  1846 

geben;   ob  aber  ein  Verleger  seine  Rechnung  dabei 
fände,  steht  dahin.    Mit  Yollkommenster  Hochachtang 

ergebenst 
Jac.  Grimm. 
10  Mai  1836. 

Sr.  Wolgeboren  Herrn  Bibliothecar  Dr.  Diefenbach,  Laubach 
im  Darmstädtischen. 


196. 

Hochgeehrter  herr, 

soviel  ich  weifs  gilt  es  bloCs  für  forsten «  dafis 
man  bei  Zueignungen  vorher  zu  fragen  nöÜiig  hat, 
durch  Ihr  buch  wäre  ich  desto  angenehmer  über- 
rascht worden,  wenn  ich  nichts  davon  gewust  hätte, 
es  soll  mir  aber,  da  ein  zufall  Sie  gezwungen  hat 
mich  schon  jetzt  davon  zu  unterrichten,  dennoch 
froh  willkommen  sein.  Lassen  wir  buchhändler 
darüber  schwätzen  was  sie  wollen. 

Es  war  mir  sehr  lieb  diesen  herbst  Ihre  persön- 
liche bekanntschaft  zu  machen.  Ihre  gelehrsamkeit 
kannte  ich  bereits  aus  Ihren  Schriften,  allein  ich 
werde  sie  jetzt  mit  um  so  gröCserer  lust  zu  ge- 
brauchen fortfahren. 

Da  Ihr  zweiter  gothischer  band  nicht  so  schnell 
erscheint,  melden  Sie  mir  doch  gelegentlich,  wenn 
Sie  mir  einmal  wieder  schreiben,  ob  etwas  und  was 
Sie  über  duUhs  (festum)  herausgebracht  haben. 

Von  herzen 

Ihr  Jacob  Orimm. 
Berlin  12  nov.  1846. 


y  Google 


1846  XX.   J.  Grimm  an  Diefenbach.  391 


197. 

Berlin  30  dec  1846 
Hochgeehrter  freund, 

Ihr  mir  im  voraus  angekündigtes  buch  ist  nun 
schon  seit  einigen  wochen  in  meinen  händen  und 
ich  danke  Ihnen  für  den  beweis  Yon  Zuneigung  den 
Sie  mir  dadurch  gegeben  haben.  Noch  konnte  ich 
es  nur  zum  theil  lesen,  aber  alles  was  ich  las  ist 
verständig  gedacht  und  klar  ausgedrückt;  eigen- 
thümlich  und  gelungen  scheint  mir  die  beständige 
Verbindung  der  syntax  mit  den  formen. 

Auch  freut  es  mich  zu  hören,  dals  Sie  schon  die 
fortsetzung  Ihres  „goth.  wb.*  begonnen  haben,  ich 
lasse  jetzt,  oder  habe  ich  es  Ihnen  schon  gemeldet? 
eine  »geschichte  der  deutschen  spräche*  drucken, 
die  mancherlei  neues  wagt,  die  dakischen  pflanzen- 
namen  handelt  ein  eignes  capitel  ab,  und  was  ich 
in  der  academischen  abhandlung  „über  die  Geten* 
vorläufig  in  die  weit  schickte,  wird  nun,  hoffe  ich, 
fester  begründet  werden,  wer  nicht  den  mut  hat 
auf  entdeckungen  sich  einzulassen,  macht  auch  keine, 
und  dafs  auch  gefehlte  schlage  fallen  müssen  bevor 
man  trift,  versteht  sich. 

Leben  und  arbeiten  Sie  vergnügt. 

Ihr  Jacob  Orimm. 
Herrn  Dr.  Lorenz  Diefenbach,  Offenbach  am  Main. 


y  Google 


392  XX.   J.  Grimm  an  Diefenbach.  1851 

198. 

Verehrter  freund, 
überlange  zeit  habe  ich  meinen  dank  aufge- 
schoben, doch,  wie  Sie  nicht  zweifehl,  Ihr  geschenk 
mit  herzlicher  freude  empfangen,  erst  wanderte  es 
zum  buchbinder,  hernach  kamen  andere  geschäfte 
dazwischen,  in  der  letzten  zeit  suchte  ich  vergeblich 
Ihren  brief ,  der  sich  unter  andere  papiere  verloren 
hat,  soda&  ich  heute  nicht  einmal  bezug  darauf 
nehmen  kann. 

Ich  wünsche  Ihnen  glück  eine  solche  arbeit  mit 
der  Ihnen  eignen  beharlichkeit  überwältigt  zu  haben 
und  lafse  Ihrem  fleifs,  Ihrer  genauigkeit  die  grö&te 
gerechtigkeit  widerfahren,  zugleich  ehre  ich  Ihre 
milde  gesinnung,  welche  Sie  für  die  leistungen 
anderer  empfänglich  und  duldsam  macht,  obschon 
man  oft  oder  immer  lieber  nur  Ihre  eigne  meinung 
vernommen  hätte.  Dafs  Ihr  Buch  schwer  zu  lesen 
ist,  werden  Sie  zugestehn;  man  mufs  es  erst  beim 
eignen  studium  recht  kennen  lernen  und  gewahren 
wie  viel  es  in  sich  birgt.  Dafs  ich  aber  auf  ein- 
zelnes eingienge  verlangen  Sie  nicht,  denn  ich  würde 
kein  ende  finden  und  würde  Sie  selbst  durch  zu- 
stimmende   beitrage     mehr    plagen    als     erfreuen. 

Meine  eignen  arbeiten  haben  ununterbrochnen  fort- 
gang,  doch  bei  steigendem  alter  etwas  mühsamer 
imd  schwerer  in  einer  auf  uns  allen  lastenden  läge 
des  Vaterlandes,  der  gröfste  theil  meines  lebens  war 
mit  frohen  hofiiungen  erfüllt  imd  es  thut  wehe 
ihnen    am    schlufs   desselben    entsagen  zu  müssen; 


y  Google 


1851  XX.    J.  Grimm  an  Diefenbach.  393 

mut  und  yertraueu  behalte  ich  dennoch,  wenn  auch 
eine  aussieht  nach  der  andern  schwindet. 

Statt  des  ewigen  umscha£fens  und  bessems  an 
alten  bücher  schriebe  ich  lieber  neue,  deren  mir 
einige  in  gedanken  fast  fertig  liegen;  es  hat  also 
auch  seine  gefahr  in  einigem  glücklich  gewesen  zu 
sein,  weil  es  pflichten  auferlegt. 

Möchten  Sie  einmal  ein  flielsenderes  werk 
schreiben,  in  dem  sich  die  gelehrsamkeit  minder 
drangt  und  schichtet,  wenn  Sies  können.  Pott 
kanns  auch  nicht,  wie  mir  scheint. 

Bleiben  Sie  mir  zugethan,  ich  erinnere  mich 
eines  morgens,  an  dem  Sie  mich  freundlich  ge- 
leiteten, als  ich  unter  dem  heftigsten  kopfweh  aus 
der  nationalyersammlung  nach  hause  gehen  muste. 
Grüfsen  Sie  auch  Ihre  frau,  die  ich  einmal  in  Ihrem 
hellen  haus  an  der  eisenbahn  besuchte,  und  hernach 
kurzsichtig  auf  der  frau  Belli  sopha  nicht  wieder 
erkannte. 

Jacob  Grimm. 
Berlin  15  juli  1851. 

die  einlage  an  Weismann  bitte  ich  abgeben 
zu  lassen. 


199. 

Verehrter  freund, 
beifolgendes    habe    ich    von    Halbertsma    in 
Deventer   för  Sie   erhalten,     ich  hoflFe  immer,  dasz 
Ihr  aus   den  alten  Yocabularien  zusammengetragnes 


y  Google 


394  XX.  J.  Grimm  an  Diefenbach.  1857 

Wörterbuch  noch  so  frühzeiidg  ersclieint,  dasz  ich 
daraus  für  meins  beträchtUchen  gewinn  ziehen  kann, 
sicher  werden  Sie  uns  sagen,  wie  ich  in  der  vor- 
rede aussprach,  welches  das  erste  deutschlat.  Wörter- 
buch war.  auch  wird  Ihnen  nicht  entgangen  sein, 
dasz  ich  die  Schreibung  Ihres  namens,  nachdem  Sie 
das  überflüssige  F  ausgestoszen  haben,  rechtfertige, 
meine  etjrmologien  werden  andern  nicht  gefallen 
und  Widerspruch  finden;  allein  ich  glaube  doch  auf 
rechtem  wege  zu  sein  imd  unsrer  spräche  zu  vindi- 
eieren  was  ihr  gebührt,  wie  ich  es  meine,  ist  noch 
nicht  überall  klar  und  ich  denke  besonders  acade- 
mische  abhandlungen  auszuarbeiten. 
Sein  Sie  gegrüszt  von  Ihrem 

Jacob  Orimm. 
25  mal  1854. 


200. 

Berlin  28  juni  1857 

Ein  werthvoUes,  prächtiges  geschenk  haben  Sie 
mir  gemacht,  lieber  Diefenbach,  ein  buch  wie  man 
sie  sonst  gar  nicht  verschenkt,  ich  werde  es  an 
allen  ecken  und  enden  gebrauchen  können,  ein 
deutscher  index  dazu  wäre  erwünscht,  freilich  schwer 
einzurichten  gewesen,  mögen  Sie  freude  an  der 
mühsamen  arbeit  erleben,  der  es  an  vielfacher  an- 
erkennimg  in  Frankreich,  Holland,  England  u.  s.  w. 
nicht  mangeln  wird. 

Ich  schlug  auf  der  stelle  nach  was  mich  gerade 
reizt,    nemlich     unter    TeuUmia    und    theutanicus 


y  Google 


1857  XX.   J.  Grimm  an  Diefenbach.  395 

hochteutschlant  und  hochteutscher,  beide 
aus  75,  also  dem  voc.  ine.  tewt,  ante  IcUinum,  in 
welches  jalir  ungeföhr  wt&rden  Sie  die  dem  druck 
Yon  1515  Yorhergegangne  ausgäbe  setzen?  nach 
Panzers  annalen  s.  203  steht  auf  dem  titel  von 
Geszlers  rethorik  Straszb.  1493  hochtütscher 
Stylus,  der  ausdruck  könnte  aber  bereits  firüher 
gegolten  haben,  es  liegt  mir  daran,  ihn  zu  fixieren, 
unter  celsus  und  sublimis  haben  Sie  nur  hoch^  kein 
hochdeutseh. 

Nächstens  hoffe  ich  Sie  mit  einer  zwar  kleinen, 
Ihren  gedanken  doch  nicht  fremden  arbeit  zu  über- 
raschen. 

Es  ist  ein  Jammer,  dasz  Sie  in  der  weit  den  platz 
nicht  finden  können,  dessen  Sie  wtlrdig  sind,  auch 
ich  habe  von  der  ultramontanen  ansieht,  die  selbst 
unter  Protestanten  herumspukt,  manches  zu  erfahren 
und  zu  leiden,  die  religion  statt  dasz  sie  die 
menschen  befriedigen  sollte  erbittert  sie  unterein- 
ander. 

Komme  ich  einmal  wieder  nach  Frankfurt,  was 
so  leicht  auszufOhren  ist,  so  suche  ich  Sie  sicher 
auf. 

Ihr  Sie  hochschätzender  freund 
Jac.  Grimm. 

201. 
Lieber  Diefenbach, 
schon  ein  paar  monate  sind  Ihre  y^origines.  eurch 
paeae*    bei   mir,   ich  habe  den  dank  aufgeschoben, 
weil   ich   mich   erst  in   das   schwere  buch  einlesen 


y  Google 


396  XX.   J.  Grimm  an  Diefenbach.  1861 

wollte,  woran  mich  mehr  als  ich  dachte  und  wünschte, 
meine  kränklichkeit  hinderte,  die  mir  voriges  jähr 
und  auch  schon  in  diesem  viel  last  macht,  in  den 
leichteren  stunden  musz  ich  unausgesetzt  am  Wörter- 
buch arbeiten,  sicher  könnten  Sie  diesem  manchen 
Vorschub  thun,  das  material  ist  endlos,  das  habe 
ich  wieder  im  nächsten  heft  bei  dem  artikel  es 
empfunden. 

Alles  was  Sie  geschrieben  haben  und  schreiben 
ist  sorgfältig  und  scharfsinnig,  in  der  anordnung 
aber,  wie  gesagt,  schwierig,  so  dasz  Sie  auf  glatte 
leser  nicht  zählen  dürfen. 

Neulich  kam  ich  darauf  Sie  imsrer  akademie  zum 
correspondierenden  mitgliede  vorzuschlagen,  solche 
vorschlage  müssen  mehrere  instanzen  durchlaufen, 
der  meine  hat  aber  beifall  gefunden  und  das  diplom 
wird  Ihnen  unverweilt  zugehen,  nur  weisz  ich  nicht 
ob  Ihnen  an  solchen  ehren  gelegen  ist  und  ich 
Ihnen  einen  gefallen  damit  gethan  habe  oder  ob  es 
möglicherweise  auf  die  besserung  Ihrer  äuszeren 
läge  günstig  einwirken  kann. 

Ich  lege  Ihnen  hier  die  neue  ausgäbe  des  „  Frei- 
dank **,  meines  bruders  letzte  arbeit  bei,  es  sind 
schöne  Sprüche  und  die  benutzung  der  vielen  hss. 
hat  mühe  gekostet. 

Aufrichtigst  ergeben 
Jac.  Grimm. 

Berlin  2.  febr.  1861. 


y  Google 


1833  XXI.   J.  Grimm  an  Landau.  397 


XXI.  Acht  Briefe  JacobGrimmsanden  Archivar 
Johann  Georg  Landau  in  Kassel. 

202. 

Göttingen  25  Februar  1833. 

Sehr  gefreut  hat  es  mich,  dafs  Ew.  Wohlgeboren, 
aus  alter  Bekanntschaft  her,  sich  meiner  erinnert, 
und  mir  für  meine  Sammlung  die  abschrift  eines 
weisthums  mitgetheilt  haben.  Ich  werde  Ihnen 
nicht  weniger  dankbar  sein,  wenn  Sie  diese  Beiträge 
fortsetzen  und  besonders  auf  dem  Lande  in  den 
Amtsarchiven  Sich  dafür  verwenden  wollen.  Aus 
anderen  Gegenden  Deutschlands  besitze  ich  weit 
mehr,  als  aus  meinem  Vaterlande,  wo  Städte  imd 
Beamten  lange  Zeit,  namentlich  im  letzten  Jahr- 
hunderte auf  die  Bewahrung  solcher  Denkmäler 
nicht  geachtet  haben. 

Das  Regierungsarchiv  dürfte  wenig  von  dergl. 
enthalten,  wenigstens  hat  es  mir  Hr.  Schröder 
versichert.  Die  Copialbücher  des  Ziegenhainer 
Archivs  zu  Cassel  sind  ausführlich  genug.  Im 
Ziegenhainer  Archiv  selbst  könnte  sich  viel  oder 
doch  mehr  als  sonstwo  finden,  aber  dazu  ist  der 
Zutritt  schwer.  Alte  Amtsacten  des  16  J.,  zumal 
im  Oberhessischen,  Hersfeldischen,  können  am  ersten 
die  von  mir  gesuchten  Dorfweisthümer  an  Hand 
geben.    Auf  das  Städtische  ist  meine  Absicht  nicht 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


398  ^^L  J*  Grimm  an  Landatu  1834 

gerichtet.  Ihrem  fleilsigen  Buch  über  die  hess. 
Burgen  wünsche  ich  baldige  Vollendung,  und  bin 
mit  vollkommener  Hochachtung  Ihr 

ergebenster 
Jac.   Grimm. 

Herrn  Georg  Landau  Wohlgeboren  Cassel. 


208. 

Göttingen  25  apr.  1834 

Hochgeschätzter  Herr, 

mein  dank  für  Ihre  gütige  mittheilung  kommt 
gar  zu  spät;  mögen  mich  manigfache  geschähe,  die 
auf  mir  lasten,  in  Ihren  äugen  entschuldigen. 

Kaum  getraue  ich  mir  Ihre  gefälligkeit  weiter 
in  anspruch  zu  nehmen,  es  mufe  wenigstens  so  ge- 
schehen können,  dals  Ihre  eignen  arbeiten  nicht 
darunter  leiden.  Die  gelegenheit  archive  nutzen  zu 
dürfen  kehrt  freilich  nicht  leicht  wieder,  und  was 
Sie  von  alten  und  interessanten  (was  Sie  leicht 
selbst  ermessen  werden.  [Randbemerkung])  weis- 
thümern  entdecken  würde  meiner  Sammlung  immer 
sehr  erwünscht  sein.  Aus  dem  Hanauer  archiv  habe 
ich  durch  den  verstorbenen  adv.  Carl  mancherlei 
erlangt,  vielleicht  aber  nicht  alles. 

Herrn  Bibl.  Bernhardi  sagen  Sie  doch,  daüs 
wir  den  holländischen  van  Eaupen  nicht  haben. 

Mit  aufrichtigster  Hochachtung  und  Ergebenheit 

Jac.  Grimm. . 
Herrn  Georg  Landau  Wolgcboren  Cassel. 


y  Google 


1835  XXL  J.  Grimm  an  Landau.  399 

204. 

Ew.  Wohlgeboren 
neuliche  Anfrage  vermag  ich  bestimmt  zu  beant- 
worten, die  befragten  Kindlingerschen  Bände  liegen 
im  Refgiernngsarchive  zv  Fulda,  vor  etwa 
6  Jahren  habe  ich  sie  durch  die  Verwendung  des 
Herrn  Präsid.  von  Hanstein  in  Händen  gehabt  und 
f&r  meine  Weisthümersammlung  ausgezogen. 

Schraders  frühen  Tod  habe  ich  erst  durch  die 
Zeitung  erfahren;  er  war  in  den  letzten  Jahren 
seines  Lebens  verstimmt  imd  unschlüssig,  hätte  aber 
sicher  die  rechte  Bahn  wieder  gefunden. 

Ergebenst 
J  a  c.   0  r  i  m  m. 
Herrn  Landaa  Wolgeboren  CasseL 

205. 
Ew.  Wohlgeboren 
erhalten  hierbei  das  gewünschte  Buch,  und  zugleich 
meines    Bruders    und    meinen   Dank   für  die   über- 
machten Diplome. 

Wissen  Sie  mir  nichts  zu  sagen  von  einem 
Conradus  Fontanus,  einem helmershäuser Bene- 
dictiner  des  13  Jh. ,  auf  dessen  handschrifb  Letzner 
sich  oft  beruft? 

Vielleicht  kennt  Herr  Falkenhainer  zu  Hof- 
geismar den  Namen  oder  noch  besser  das  verlorne 
Buch? 

Die  Einlage  an  Herrn  Bibl.  Bernhardi  bitte 
ich  abzugeben.    Mit  ergebenster  Hochachtung 

Jac.  Grimm. 
8.  merz. 


y  Google 


400  XXL   J.  Grimm  an  Landau.  1835 

206. 

Hochgeschätzter  Herr, 

Wenn  ich  das  Sehr  ad  ersehe  Ms.  hätte  an- 
bringen können,  würden  Sie  längst  Nachricht  haben, 
es  ist  mir  aber  nicht  gelungen.  Der  Verleger  meint 
schon    bei  dem  früheren  Werk  Einbufse  zu  leiden. 

Sollten  sich  aber  diese  Abhandlungen  nicht  recht 
gut,  in  allmälichen  Mittheilungen,  für  das  beabsich- 
tigte Archiv  Ihres  hess.  Vereins  eignen  ?  Mir  scheint 
das  der  schicklichste  Ort. 

Es  freut  mich  da£9  das  Ziegenhainer  Archiv 
wieder  einmal  angerührt  wird. 

Mit  ergebenster  Empfehlung 

Jac.  Grimm. 

Göttingen  5  Aug.  1835. 

Herrn  Georg  Landau,   Secretair  des  hess.  Vereins  für  Ge- 
schichte.   Wolgeb.  Cassel. 

207. 

Statt  des  von  hier  entliehenen  quartanten  (ich 
glaube  eines  bandes  von  Gercken)  ist  durch  Mis- 
grif  das  hierbei  zurück  folgende  buch  von  der 
dortigen  bibl.  eingetroflfen.  Gelegentlich  bitte  ich 
mir  dabei  jenes  aus. 

Aus  Kesterburg  ist  schwer  Christenberg  zu  machen. 
Zwar  sagt  man  mit  ausgeworfnem  R  in  Nieder- 
deutschland hassen  f.  herstnen,  und  hassbeeren  für 
hersbeeren,  hirschbeeren  (woher  das  hessische  und 
Schwab,  etc.  hespern);  in  diesen  beiden  fallen  aber 
ist   die    Bs  form   die    ältere,    dagegen    umgekehrt 


y  Google 


1886  XXI.  J.  Qrimm  an  Landau.  401 

SMterburg  älter  ist  als  Christenberg ,  auch  ist  das 
letzte  R  in  Kester  (nicht  Kesten)  und  das  27  in  burg^ 
abweichend  von  berg.  ceader^  cester  bedeutet  gerade 
im  angelsächs.  burg^  das  lat.  castrum,  und  das  könnte 
auch  in  jenem  Kester  liegen.  Möglich  aber  dats 
man  in  späterer  Zeit  absichtlich  aus  dem  unver- 
ständlich gewordnen  Kesterburg  das  heiliger  klingende 
Christenberg  bildete  ohne  dals  man  durch  die  Buch- 
staben dazu  berechtigt  war. 

Ihre  definitive  anstellung  bei  dem  archiv  wird 
Ihnen  material  und  mufse  zu  histor.  forschung  dar- 
bieten. Früher  wäre  eine  solche  stelle  das  ziel 
meiner  wünsche  gewesen.  Aus  dem  hessischen 
archiv  sind  noch  schätze  zu  heben.  Die  letzten 
archivare  verstanden  kaum  die  diplome  ordentlich 
zu  lesen.  Vor  8  jähren  konnte  Rommel  keine 
kerlingische  Urkunde  lesen,  tmd  wahrscheinlich  hat 
ers  heute  noch  nicht  gelernt.  Ich  möchte  Sie  auf- 
fordern, wenigstens  die  ältesten  deutschen 
Urkunden  Ihres  archivs  so  sorgfältig  heraus  zu  geben, 
wie  es  neulich  Höfer  in  Berlin  gethan  hat. 

Ergebenst 
Jac.  Qrimm. 

17  Jan.  1836. 


208. 

Es  ist  mir  neulich  beigefallen,  dafs  der  name 
Casterbergj  Kesterberg  ganz  richtig  sein  wird;  man 
darf  dabei  nicht  an  den  heidnischen  Castor, 
sondern  nur  an  den  heiligen  Castor  denken,  der 

£.  8teDg«L    Brief«  d«r  Brüder  Grünm.  26 


y  Google 


402  XXI.   J.  Grimm  an  Landau.  1855 

im  Mittelalter,  zumal  in  der  Trierischen  Diöcese, 
viel  verehrt  wurde.  Zu  Coblenz,  wenn  ich  nicht 
irre,  ist  eine  Castorskirche.  vgl.  auch  Pertz  2,  603- 
Also  finde  ich  sehr  begreiflich,  dafe  man  ihm  auf 
einem  oberhess.  berg  eine  kirche  weihte.  Später 
taufte  man  den  berg  um  in  einen  Christenberg. 
In  eile 


J.  Gr. 


Herrn  Archivar  Landau  Wohlgeb.  Casael. 


209. 

Hochgeehrter  Freund, 
mit  wahrem  vergnügen  habe  ich  Ihre  „Wetterau' 
empfangen  und  gelesen,  auch  Ihrem  wünsche  nach 
in  der  akademie  einen  kurzen  Vortrag  gehalten,  der 
hoffentlich  dem  werk,  wenn  es  einer  empfehlung 
bedarf,  dazu  gereicht. 

Unsere  monatsberichte  liegen  wahrscheinlich  dort 
auf  der  bibliothek  vor,  und  Sie  haben  nur  das 
Januarheft  s.  42.  43  aufzuschlagen.  Wenn  sich  die 
trilogie  in  mehrern,  zumal  den  nahgelegnen  gauen 
bestätigt,  so  ists  eine  schöne  entdeckung,  woran  ich 
vorläufig  schon  glaube.  Den  schuldigen  betrag  habe 
ich  sogleich  an  Ledebur  entrichtet. 

Hierbei  erlaube  ich  mir  die  anfrage,  ob  zu  den 
wüsten  Ortschaften  das  schluszheft  nicht  erschienen 
ist?  mir  sind  nur  drei  hefte  zugelangt,  die  bis 
p.  288  reichen. 

Schade  dasz  auch  die  indices  zu  Dronke  aus- 
bleiben.    Wenn   Sie   dazu  keine  lust  haben,  sollten 


y  Google 


1829      XXII.   W.  Grimm  an  die  Kurfürstin  Auguste.      403 

Sie  für  einen  andern  arbeiter  sorgen.  Wollte  es 
nicht  einmal  der  pedantische  Roth  zu  München 
thun? 

Mit  wahrer  hochachtnng 

Ihr  ergebenster 
J  a  c.    Grimm. 
Berlin  22  Febr.  1855. 


XXII.      Elf     Briefe     aus     der     Correspondenz 

Wilhelm  u.  Jacob  Grimm's  mit  der  Kurfürstin 

Auguste  von  Hessen  und  deren  Tochter  der 

Herzogin  Marie  von  Meiningen. 

210. 

Wilhelm  Grimm  an  die  Kurfürstin 
Auguste. 

AUerdurchlauchtigste  Frau, 

Allergnädigste  Kurfürstin ! 
Ew.  Königl.  Hoheit  die  Veränderung  meiner 
Verhältnisse  anzuzeigen  ist  eine  Pflicht,  die  mir  das 
Glück  gewährt,  mich  Allerhöchst  denselben  mit 
diesen  Zeilen  nähern  zu  dürfen.  Nach  dem  Tode 
des  Directors  Völkel,  als  wir  langer  Dienste  un- 
geachtet zurückgesetzt  wurden,  erhielten  wir  beide, 
mein  Bruder  und  ich,  ohne  es  von  unserer  Seite  im 
geringsten  gesucht  zu  haben,  von  Göttingen  aus  den 
Antrag,  bei  der  dortigen  Bibliothek  einzutreten. 
Die  Bedingungen  waren  nicht  glänzend,  aber  anständig 
und  dadurch  ehrenvoll,  dasz  dort  keine  Vacanz  vor- 
handen   war.      Diese    Stellung    gewährte    uns   ein 

26» 


y  Google 


404      XXII.  W.  Grimm  an  die  Earf&rstin  Augoste.      1829 

ferneres  Zusammenleben  und  einen  gemeinschaftlichen 
Beruf,  etwas  das  wir,  die  wir  von  Kindheit  an  nie 
getrennt  gewesen  sind,  zu  erhalten  entschlossen 
waren,  so  lange  es  in  unserer  Gewalt  stand.  Wir 
sollten  beide  Bibliothekare  bei  der  berühmtesten  und 
schönsten  Bibliothek  von  Deutschland  werden, 
zugleich  berechtigt  seyn,  Vorlesungen  an  der  Univer- 
sität zu  halten,  ohne  Verpflichtung  dazu.  Mein 
Bruder  sollte  zugleich  das  Amt  eines  ordentlichen 
Professors  der  Philosophie  erhalten.  Hätten  wir 
blosz  Neigung  und  Gefühl  um  Rath  gefragt,  so 
würden  wir  den  Antrag,  wie  frühere,  ausgeschlagen 
haben,  wir  glaubten  aber  der  Stimme  der  Vernunft 
und  Pflicht  folgen  zu  müszen,  die  uns  die  Annahme 
desselben  gebot.  Im  Sommer  wurde  die  Sache  dem 
Könige  in  London  vorgelegt  und  vor  Kurzem  kam 
die  förmliche  Vocation  von  Hannover.  Mit  dem 
neuen  Jahre  werden  wir  das  Amt  in  Göttingen  erst 
antreten.  Wir  erhielten  hier  den  Abschied  an 
demselben  Tage,  wo  wir  das  Gesuch  darum  ein- 
reichten. 

Vor  Ew.  Königlichen  Hoheit  darf  ich  die  Ver- 
sicherung niederlegen,  dass  kein  Mangel  an  Vater- 
landsliebe ims  zu  Schulden  kommt.  Mit  dem  tiefsten 
Schmerz  verlassen  wir  Hessen,  dem  unsere  Familie 
seit  Jahrhunderten  mit  unbefleckter  Ehre  gedient 
hat,  und  die  Anhänglichkeit  an  Gassei,  wo  wir 
gewisz  den  gröszten  Theil  unseres  Lebens  zugebracht 
haben,  wird  niemals  erlöschen;  Mutter  und  Kind 
liegen  da  unter  der  Erde.  Die  Überzeugung,  dasz 
wir  hier  für  unsere  Familie   und  für  unser  Alter, 


y  Google 


1829         XXn.  EorfOrstin  Auguste  an  W.  Grimm.  405 

wenn  es  Gott  gewährt,  keine  Versorgung  finden 
würden  und  das  kränkende  Gefülil,  das  unrerdiente 
Zurücksetzung  erregt  und  sich  nicht  ganz  unter- 
drücken läszt,  hat  uns  allein  zu  diesem  Schritte 
bewogen. 

Wir  bitten  Ew.  Königliche  Hoheit  und  Höchst- 
Ihr  hohes  Haus  um  Erhaltung  und  Fortdauer  Höchst- 
Ihrer  Onade  und  Huld,  welche  zu  besitzen  wir  als 
das  Glück  unseres  Lebens  betrachten.  Verschmähen 
Allerhöchstdieselben  nicht,  was  eine  unbedeutende 
Familie  allein  vermag:  reine  Wünsche  und  treue, 
unverbrüchliche  Ergebenheit.  In  dem  Augenblick, 
wo  mir  das  Glück  entzogen  wird,  Ew.  Königliche 
Hoheit  ünterthan  zu  heiszen,  fühle  ich  lebhafter 
als  je,  dass  die  Anhänglichkeit  an  Allerhöchstdieselben 
und  die  Verehrung  der  edlen  Gesinnungen,  die  Ew. 
Königlichen  Hoheit  eigen  sind,  niemals  in  mir 
ersterben  wird 

Ew.  Königliche  Hoheit 

allerunterthänigster 
Wilhelm  Grimm. 

Cassel  2.  Nov. 


2U. 

Kurfürstin   Auguste   an  Wilhelm   Grimm. 

Fulda  d.  Igten  9ber  1829. 

Ich  darf  voraussetzen,  lieber  Herr  Grimm,  dasz 
Sie  und  Ihr  Bruder  überzeugt  von  dem  schmerz- 
haften Eindruk  sind,  den  ihr  Scheiden  aus  dem  hess. 
Dienst  u.  Vaterland  auf  mich  macht.    Fast  möchte 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


406  XXII.  Kurfürstin  Auguste  an  W.  Grimm.  1829 

ich  mir  Gltik  wünschen  jetzt  nicht  mehr  in  Cassel 
heimisch  zu  sein.  Wenn  ich  mich  aber  betrübe, 
dasz  sie  beide  für  Hessen  vielleicht  auf  immer 
verloren  sind,  freue  ich  mich  anderseits,  dasz  vermöge 
der  neuen  Anstellung  ihre  Verdienste  desto  mehr 
im  gemeinsamen  teutschen  Vaterland  glänzen  werden, 
wovon  doch  auch  einige  Strahlen  auf  ihr  ur- 
sprüngliches zurückfallen.  Gern  schmeichele  ich 
mich  mit  der  Hofnung,  dasz  die  Nähe  von  Göttingen 
Ihnen  gestatten  vrird  Ihre  Freunde  u.  Bekante  auf 
hess.  Grund  u.  Boden  zuweilen  zu  besuchen  u.  mir 
ebenfalls  die  Freude  zu  Theil  werden  wird  Sie  u. 
Ihren  Bruder  öfters  zu  sehn.  Meine  Tochter  die 
mir  viel  Empfehl.  an  sie  beide  autträgt  theilt  meine 
eifrigen  Wünsche  für  Sie  u.  die  Ihrigen.  Mögten 
wir  immer  die  erfreulichsten  Nachrichten  von  Ihrem 
Wohlergehn  erhalten!  Vergessen  Sie  unser  nicht, 
lieber  Herr  Grimm,  gedenken  Sie  zuweilen  Ihrer, 
uns  immer  so  angenehmen  Vorlesungen  u.  nehmen 
Sie  es  mir  nicht  übel,  wenn  ich  Ihnen  ein  warlich 
sehr  unbedeutendes  Andenken  als  Erinnerung  an 
jene  Zeit  sende  die  in  dieser  Hinsicht  mir  immer 
als  die  gute,  alte  Zeit  erscheinen  wird.  Mit  diesen 
Gesinnungen  verbleibe  ich 

Ihre  ergebene 
Auguste. 

Dem  königl.  hanöverschen  Bibliothekar  W.  Grimm,  Wohlgeb., 
zu  Cassel. 


y  Google 


1829      XXII.  W.  Grimm  an  die  Kurfürstin  Auguste.       407 

Wilhelm  Grimm    an   Kurftirstin  Auguste. 

212. 

Allerdurchlauchtigste  Frau, 
Allergnädigste  Kurfürstin! 

Nehmen  Ew.  Königliche  Hoheit  mit  gewohnter 
Huld  den  ehrfurchtsvollsten  Dank  für  das  gnädige 
Sclfi-eiben  an,  welches  Allerhöchstdieselben  an  mich 
zu  richten  geruht  haben.  Welchen  Werth  es  für 
mich  und  meinen  Bruder  hat  und  wie  sehr  die 
darin  ausgesprochene  gnädige  Gesinnung  uns  be- 
wegt hat,  bin  ich  auszudrücken  nicht  im  Stande; 
unschätzbar  ist  mir  das  sichtbare  Zeichen  der  Gnade 
und  des  Wohlwollens  Ew.  Königl.  Hoheit,  welches 
ich  zugleich  empfangen  habe. 

Die  Zeit  unseres  Abzuges  rückt  heran  und  ein 
Vorgefühl  der  Empfindung  ,  mit  welcher  ich  Cassel 
verlassen  werde,  habe  ich  gehabt,  als  wir  auf  einige 
Tage  nach  Göttingen  reisten,  um  die  nöthigen  Ein- 
richtungen zu  treffen.  Wir  sind  so  glücklich  ge- 
wesen, sogleich  eine  passende  Wohnung  zu  finden. 
Sie  liegt  in  der  Alleestrasse  gerade  dem  Hause 
gegenüber,  welches  der  höchstselige  Kurfürst,  als 
er  in  Göttingen  studierte,  inne  hatte.  Noch  zwei 
andere  Mitglieder  der  Universität,  geborene  Hessen 
und  ehemalige  Professoren  zu  Marburg,  von  welchen 
ich  den  Hofrath  Conradi  als  einen  geistig  ausge- 
zeichneten, redlichen  Mann  schon  lange  kenne,  be- 
sitzen Häuser  in  dieser  Gegend.  Die  Stadt  hat  sich, 
seitdem  ich  sie  nicht  gesehen,  ungemein  verbessert 
und  vergröszert   und   erhält   in  diesem  Augenblicke 


y  Google 


408      XXU.  W.  Grimm  an  die  EarfOntin  Angoste.      1S3» 

durch  die  Anwesenheit  des  Kronprinzen  von  Baiein, 
der  als  ein  Herr  von  mildem  and  liebenswürdigem 
Charakter  allgemein  geschildert  wird,  einen  neuen 
Glanz.  Die  Umgegend  ist  schöner,  als  ich  glaubte, 
obgleich  sie  mit  der  bei  Cassel  nicht  kann  rer- 
glichen  werden. 

Die  dortige  Bibliothek  ist  in  jedem  Fache  aua-^ 
gezeichnet  versorgt  und  wir  würden  es  als  eine  be- 
sondere Gnade  betrachten,  wenn  Ew.  königl.  Hoheit 
uns  Allerhöchst  Ihrer  Befehle  würdigen  und  Bücher 
daraus  verlangen  wollten. 

Mein  jüngster  Bruder,  der  Mahler,  wird  hier  und 
in  unserer  bisherigen  Wohnung  bleiben.  Er  hat 
sich  mit  der  Tochter  der  Hauseigenthümerin,  der 
verwittweten  Professorin  Böttner,  einem  guten  und 
stillen  Mädchen  verlobt.  Da  er  sich  in  kurzem  zu 
verheirathen  gedenkt,  so  ist  unser  baldiger  Abzug 
nöthig,  ob  gleich  meine  Frau  ihre  Niederkunft 
gerne  erst  hier  erwartet  hätte.  Ich  wage  es,  auch 
sie  zugleich  mit  meinen  Geschwistern  der  Huld  und 
Gnade  Ew.  Königl.  Hoheit  und  I.  Hoheit  der  Prin- 
zessin Karoline  zu  empfehlen  und  betrachte  schon 
ietzt  den  Tag  als  den  glücklichsten,  wo  ich  Ew. 
Königl.  Hoheit  die  tiefe  Ehrfurcht  persönlich  be- 
zeigen darf,  womit  ich  verharre 

Ew.  Königlichen  Hoheit 

allerunterthänigster 
Wilhelm    Grimm. 

Cassel  25.  Nov.  1829. 


y  Google 


1881      XXIL  W.  Grimm  an  die  Eorfdrstin  Augüste.      409 

Wilhelm  Qrimm   an   Eurfürstin   Auguste. 

218. 

AUerdurchlauchtigste  Frau, 
Allergnädigste  EurfQrstin, 

Das  kleine  Buch,  welches  ich  Ew.  EOnigl.  Hoheit 
zu  übersenden  mir  erlaube,  ist  so  unscheinbar  und 
80  wenig  verbreitet,  dasz  ich  beftirchten  musz,  es 
werde  sonst  nicht  in  Ew.  Eönigl.  Hoheit  Hände  ge- 
langen, und  doch  ist  es  dieser  Auszeichnung  voll- 
kommen würdig.  Ein  schlichter  Bürger  beschreibt 
darin  das  Leben  einer  Herzogin  von  Brieg,  aus  dem 
Hause  Ew.  Eöniglichen  Hoheit,  auf  eine  kunstlose, 
aber  natürliche  und  anziehende  Art,  imd  überliefert 
darin  der  Nachwelt  das  Bild  einer  Fürstin ,  welche 
ausgezeichnete  Anlagen  würdig  ausgebildet  und  das 
Glück  des  kleinen  Landes  durch  sittliche  und 
geistige  Erhebung  gegründet  hat.  Nicht  oft  hat 
sich  Herablassung,  Güte  und  menschliche  Theil- 
nahme  mit  der  angebomen,  stets  in  voller  Eraft 
erhaltenen  Würde  des  Standes,  wie  hier  vereinigt, 
und  ich  glaube,  dasz  es  zu  den  ausschlieszlichen 
Vorzügen  der  deutschen  Geschichte  gehört,  von 
solchen  Erscheinungen  berichten  zu  können.  Auch 
jene  Zeit,  die  letzte  ruhige  und  glückliche  vor  dem 
hereinbrechenden  30jährigen  Erieg,  wird  hier  in 
ihrer  Eigenthümlichkeit,  mit  ihren  guten  imd  bösen 
Seiten,  lebhaft  geschildert,  obgleich  die  geistige 
Überlegenheit  der  Fürstin  in  allen  Verhältnissen 
durchleuchtet;  aber  es  ist  der  Vorzug  des  Geistes, 
dass    er    andere   heraufhebt    und    dem   Eeime    des 


y  Google 


410      XXII.  W.  Grimm  an  die  Kurfürstin  Auguste.       1831 

Guten,  an  dem  es  dem  deutschen  Volke  nie  gefehlt 
hat,  Sonne  und  Luft  zuwendet,  in  welchem  er  ge- 
deiht. 

Meine  Reise  nach  Berlin  habe  ich  wegen  der 
herannahenden  Cholera  aufgeben  müssen,  aber  mein 
Bruder ,  der  sich  von  den  etwas  angehäuften  Ar- 
beiten, die  uns  hier  zu  Theil  werden,  durch  eine 
Reise  nach  der  Schweiz  erholen  wollte,  ist  durch 
das  herrliche  Herbstwetter  begünstigt  worden  und 
wäre,  wenn  er  sich  nicht  vor  den  Cordons  gefürch- 
tet hätte,  bis  Mailand  gekommen;  der  Rigi  ist  der 
südlichste  Punkt  gewesen,  den  er  erreicht  hat.  Mit 
gestärkter  Gesundheit  ist  er  zurückgekehrt  und  aus- 
genommen, dass  meine  Kinder  durch  die  wilden 
Blattern,  die  eine  an  sich  ganz  leichte  Krankheit 
sind,  in  der  Stube  gehalten  werden,  haben  wir  sonst 
nicht  zu  klagen. 

Die  treue  Anhänglichkeit,  womit  wir  Ew*  Königl. 
Hoheit  verehren,  bewahren  wir  unvermindert,  imd 
die  Hoffnung,  dasz  Ew.  Königl.  Hoheit  fortfahren, 
gegen  uns  huldreich  und  gnädig  gesinnt  zu  seyn, 
gehört  zu  dem  Glück  unseres  Lebens.  Geruhen 
Allerhöchst  dieselben  sowie  I.  Hoheit  die  Prinzessin 
Caroline  die  Versicherung  der  tiefsten  Ehrerbietung 
anzunehmen,  in  welcher  ich  verharre 
Ew.  Königlichen  Hoheit 

unterthäniger 
Wilhelm  Grimm. 

Göttingen  4.  Dec.  1831. 


y  Google 


1832  XXII.  Kurfttrstin  Auguste  an  W.  Grimm.  411 

Kurfürstin   Auguste   an    Wilhelm   Grimm. 

214. 
Mein  lieber  Herr  Professor ! 
Ich  hoflFe  Sie  verzeihen  mir  wenn  ich  Ihr  mir 
werthes  Schreiben  nicht  gleich  beantwortete  u.  für 
das  Überschichte  dankte.  Die  letzten  traurigen  Auf- 
tritte hatten  mich  aber  sehr  angegriflFen  u.  ich 
werde  mich  sobald  nicht  davon  erholen.  Ihr  An- 
denken hat  mich  indessen  ungemein  gefreuet  u.  die 
treuherzige  Lebensbeschreibung  der  aller  förtref- 
lichsten  Fürstin  D  o  r  e  1  diente  zu  unserer  Aufheite- 
rung in  diesen  Tagen.  Meine  Tochter  trägt  mir 
viel  Schönes  an  Sie  auf  —  wir  grüssen  bestens 
Ihre  Frau  u.  Ihren  Bruder  u.  hätten  gewünscht 
letztern  auf  seiner  Rückreise  aus  der  Schweitz  zu 
sprechen.  Ich  hoffe  Ihre  Kinder  sind  von  den 
Windpocken  die  mehr  lästig  als  gefährlich  sind  wieder 
befreit.  Mit  den  Ihnen  stets  gewidmeten  Gesin- 
nungen verbleibe  ich,  mein  lieber  Herr  Grimm 

Ihre  wohlaffektionirte 
Auguste. 
Cassel  d.  15ten  xber  1831. 
Dem  Herrn  Professor  Wilhelm  Grimm,  Wohlgeb.,  in  Göttingen. 

215. 

Wilhelm  Grimm  an  die  Kurfürstin 
Auguste. 

Ew.   königl.   Hoheit  Befehle   gemäsz   übersende 
ich  die  drei  Bände  der  Rum  oh r.  Denkwürdigkeiten. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


412      XXII.  W.  Grimm  an  die  KurfÜratin  Auguste.       1832 

Die  darin  erzählten  Ereignisse  sind  ohne  Zweifel  nur 
das  Mittel,  um  über  Politik,  Kunst,  Erziehung  und 
überhaupt  die  höheren  Angelegenheiten  des  Lebens 
Ideen  mitzutheilen,  die  man  eigenthümlich  u.  geist- 
reich nennen  darf  u.  die  umsomehr  Werth  haben, 
als  sie  aus  einer  mannigfaltigen  Erfahrung,  nicht 
aus  bloszen  Theorien  geschöpft  scheinen.  Aus 
diesem  Grunde  läszt  sich  auch  eine  gewisse  Breite 
und  Umständlichkeit  der  Ausführung,  die  zuweilen 
an  Göthes  Manier  erinnert,  nicht  blosz  entschuldigen, 
sondern  lobenswerth  finden.  Wohlthätig  ist  es  eine 
doch  nicht  allzuweit  entfernte  Zeit  geschildert  zu 
finden,  in  welcher  sich  selbst  nach  einem  Kriege  in 
Deutschland  eine  Ruhe  u.  Festigkeit  der  äuszem 
Verhältnisse  zeigt,  die  leider  in  dem  Sturme,  in 
welchem  heutzutage  die  Geschichte  fortschreitet, 
untergegangen  ist. 

Geruhen  Ew.  K.  H.  mir  fernere  Befehle  zu  er- 
theilen,  wenn  Allerhöchstd.  etwas  aus  der  hiesigen 
BibL  zu  erhalten  wünschen.  Ich  finde  ein  Glück 
darin,  Ew.  K.  H.  auch  einen  kleinen  Dienst  er- 
weisen zu  können. 

Am  25.  Mai  1832. 


216. 

Kurfürstin  Auguste   an  Wilhelm  Grimm. 
Cassel  den  18ten  Mai  1832. 
Mein  lieber  Herr  Professor! 
Ich  hatte  nicht  so  schnei  die  Erfüllung  meines 
Wunsches    erwartet  u.    bin    sehr  verbunden  dafür. 


y  Google 


1834         XXII.  Knrfdrstin  Auguste  an  W.  Grimm.         413 

Wir  haben  gleich  die  Ramohrschen  Denkwürdigkeiten 
zu  lesen  begonnen,  bedauere  nur  sie  nicht  wie  ehedem 
Yon  Ihnen  vorlesen  zu  hören.  Es  freut  mich  dasz 
die  Rückfahrt  glücklich  war  und  dasz  Sie  die  Kleinen 
gesund  angetroffen.  , 

Caroline  empfiehlt  sich  Ihnen  bestens;  wir  ge- 
meinschaftlich den  Ihrigen.  Mögten  wir  Sie  bald, 
lieber  Herr  Prossor,  unter  recht  günstigen  Umständen 
wiedersehn  —  bleiben  Sie  indessen  versichert  der 
aufrichtigsten  Achtung  und  Freundschaft 

Ihrer  ergebenen  Auguste. 


217. 
Kurfürstin   Auguste    an  Wilhelm    Qrimm. 
Kassel,  den  Sten  April  1834. 
Mein  lieber  Herr  Profeszor! 

Durch  Übersendung  Ihrer  Mährchen  haben  Sie 
3  Generationen  erfreut;  doch  am  meisten  die  Gross- 
mutter, die  den  gröszten  Werth  auf  jeden  Beweisz 
Ihren  Andenkens  legt  u.  der  sie  den  Vorzug  gönnten 
Tochter*)  und  Enkel  durch  Ihr  Geschenk  zu  über- 
raschen. Ich  habe  es  gleich  nach  Meiningen  ab- 
geschickt wo  es  grosze  Freude  machen  wird.  Durch 
Ihren  Bruder  Louis  werde  ich  Ihnen  darüber  be- 
riditen  lassen.  Ich  hoffe  die  Ihrigen  sind  wohl  u. 
mein  Pathschen  bildet  sich  geistig  u.  körperlich  so 
vortheilhafb  aus,   wie  sie  es  versprach  als  ich  ihre 

*)  Herzogin  Marie  von  Meininfi^en  noch  jetzt  lebend, 
Matter  des  jetzt  regierenden  Herzogs. 


y  Google 


414  XXII.  Herzogin  Maiie  an  W.  Grimm.  1834 

Bekanntschaft  auf  dem  Arm  ihrer  Mutter  machte. 
Empfehlen  Sie  mich  letzterer  wie  auch  Ihrem  Bruder. 
Karoline  grüsst  herzlich. 

Mit    der   aufrichtigsten    Ächtung    verbleibe    ich, 
lieber  Herr  Profeszor, 

Ihre  ergebene 
Auguste. 

218. 
Herzogin   Maria   an  Wilhelm  Grimm. 
Meiningen  den  13ten  Mai  1834. 
Lieber  Herr  Grimm, 
Sie   haben   mich    durch   die   Übersendung  Ihres 
Mährchenbuchs    für   meinen   Georg  so  sehr  erfreut, 
dasz  mir  es  Bedüfnisz  ist  Ihnen  noch  selbst  meinen 
herzlichsten  Dank  dafür  auszusprechen.     Der  Kleine 
hat  eine  grosze  Freude  darüber,  und  ich  habe  schon 
beinahe  das  ganze  Buch  mit  ihm  durchgelesen,  was 
mich   auch   auf  eine   angenehme    Weise    an    meine 
Kindheit   erinnert,   wo    es   zu  meinen  liebsten  Zer- 
streuungen gehörte    in   diesen   Mährchen   zu   lesen. 
Dürfte   ich  Sie  bitten  mich  Ihrer   lieben  Frau   und 
Ihrem   Bruder    bestens    zu    empfehlen.      Mit    Ver= 
gnügen   ergreife   ich   diese  Gelegenheit  mich  Ihrem 
Andenken    zurückzurufen     und    Sie     meiner    voll- 
kommensten  Hochachtung   zu   versichern,    mit  der 
ich  verbleibe  lieber  Herr  Grimm 
Ihre 

Ihnen  ganz  ergebene 
Marie. 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


1837      XXII.  W.  Griinm  an  tlie  Kurfürstin  Auguste.       415 

210. 

Wilhelm  Grimm   an  die  Kurfürstin 
Auguste. 

Allerdurchlauchtigste  Frau, 
Allergnädigste  Kurfürstiu, 

Ew.  Königliche  Hoheit  haben  mich  und  die 
Meinigen  durch  da«  gnädige  Andenken  wie  durch 
das  schöne  Geschenk  mehr  beglückt,  als  ich  aus- 
zudrücken vermag.  Unsere  Dankbarkeit  kommt 
aber  ebensosehr  aus  dem  Herzen  als  die  treue  An- 
hänglichkeit an  Ihro  königliche  Hoheit,  die  wir 
unverändert  bewahren.  Ew.  Königliche  Hoheit 
meine  Verehrung  persönlich  zu  bezeigen,  wollen 
mir  die  plötzlichen  Störungen  meiner  Gesundheit, 
die  ich  bei  sonst  gutem  oder  leidlichem  Befinden  er- 
fahre, in  dieser  Zeit  noch  nicht  erlauben;  ich  musz 
hoffen,  dasz  es  in  der  Folge  besser  wird.  Aber  wie 
glücklich  würde  ich  mich  fühlen  Ew.  königlichen 
Hoheit  das  Kind  vorstellen  zu  dürfen,  an  welchem 
Allerhöchstdieselbe  mit  so  groszer  Herablassung  und 
Güte  Antheil  nehmen.  Es  hat  den  ganzen  Tag  das 
glänzende  Geschenk  nicht  aus  den  Augen  gelassen, 
und  mir  gesagt  wie  es  Ew.  Königlichen  Hoheit 
dafür  danken  wolle.  Es  ist  gesund  und  kräftig,  und 
macht  uns  durch  Lebhaftigkeit  und  gute  Anlagen 
Freude;  auch  die  beiden  Knaben  sind  munter  und 
lernen  gut;  nur  müszen  wir  uns  gefallen  lassen 
dasz  sie  den  fremdartigen  Accent  der  hiesigen  Aus- 
sprache annehmen,  an  welchen  wir  uns  nicht  ge- 
wöhnen können. 


y  Google 


416      XXII.  W.  Grimm  an  die  Knrföntin  Angnste.      1837 

Mein  Bruder  ist  in  seiner  Lage  wesentlich  er- 
leichtert, da  ihm  zwar  die  Professur  der  Diplomatik 
mit  übertragen  ist,  er  jedoch  von  dem  gröszten 
und  beschwerlichsten  Theil  der  Bibliotheksarbeiien 
dispensirt  worden. 

Künftigen  September  feiert  die  Universität  ihr 
hundertjähriges  Stiftungsfest.  Ein  f&r  die  hiesigen 
Verhältnisse  groszes  und  mit  würdigen  Räumen  aus- 
gestattetes üniversitätsgebäude  wird  bis  dahin  voll- 
endet seyn,  auf  dem  Platze  davor  soll  eine  Metall- 
statue des  Königs  aufgestellt  werden.  Da  der 
Yicekönig  mit  dem  Hof  und  dem  Ministerium  zu- 
gegen seyn  wird,  man  auf  die  Gesandten  der  Höfe, 
und  die  Abgeordneten  der  andern  Universitäten 
hofft,  und  der  König  von  Baiem,  dem  Vernehmen 
nach,  das  Fest  mit  seiner  Gegenwart  beehren  will, 
so  wird  die  kleine  Stadt  auf  kurze  Zeit  ein  glän- 
zendes Aussehen  gewinnen.  Die  Festlichkeiten 
sollen  drei  Tage  dauern,  und,  wie  es  heiszt,  die 
Professoren,  nach  der  Sitte  der  altenglischen  Uni- 
versitäten, bei  dem  feierlichen  Zug  in  die  Kirche  in 
alterthümlichen  Talaren  und  Baretten  erscheinen, 
wodurch  die  Feierlichkeit  einen  eigenthümlichen 
Charakter  erhalten  wird. 

Bei  dieser  Aussicht  auf  Festlichkeiten  ist  der 
vorgestern  erfolgte  plötzliche  und  räthselhafte  Tod 
des  als  Augenarzt  berühmten,  Ew.  königlichen 
Hoheit  persönlich  bekannten  Hofrath  Himly  ein 
doppelt  trauriges  Ereignis.  Der  hochbejahrte 
Blumenbach  hat  sich  bei  dem  Tode  seiner  einzigen 
Tochter,   die  ihn  mit  groszer  Sorgfalt  pflegte,  und 


y  Google 


1838       XXII.  J.  Grimm  an  die  Korförstin  Angaste.        417 

der  Grippe    unterlag,   mit    unerwarteter  Krafk   be- 
nommen. 

Geruhen  Ew.  Königliche  Hoheit  und  Ihro  Hoheit 
die  Princessin  Karoline  meiner  und  der  meinigen 
fernerhin  huldvoll  und  gnädig  sich  zu  erinnern,  und 
unsere  reinsten  Wünsche  för  das  höchste  Wohl- 
ergehen wie  die  Versicherung  der  tiefsten  Ehrfurcht 
anzunehmen,  mit  welcher  ich  verharre 
Ew.  königlichen  Hoheit 

allerunterthänigster 
Wilhelm   Grimm. 
Göttingen  am  24.  März  1837. 

220. 

J.  Grimm  an  die  Kurfürstin  Auguste. 
Allerdurchlauchtigste  Frau, 

Mit  welchem  Leid  wir  den  schmerzlichen  Unfall 
vernommen  haben,  von  dem  Ew.  Königl.  Hoheit 
betroffen  worden  sind,*)  brauche  ich  nicht  erst  zu 
sagen.  Von  Tage  zu  Tage,  von  Woche  zu  Woche 
werden  alle  darüber  einlaufenden  Nachrichten  ein- 
gezogen, und  so  konnteYi  wir  allmälich  den  Trost 
schöpfen,  dafs  die  erwünschteste  Genesung  wenn 
auch  langsamer,  als  wir  hofften,  doch  sicher  von 
Statten  gehn  werde. 

Überzeugt  dafs  Ew.  Königl.  Hoheit  unsre 
herzliche  Theilnahme  mit  gewohnter  Huld  auf- 
nehmen  werden,   hätten  wir   es   gewagt   sie   schon 

*)  Die  KurfQrstin  war  gefallen  und  hatte  sich  das  eine 
Bein  verletzt. 

E.  Stengel.    Briefe  der  Brüder  Orlmin.  27 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


418        XXII.  J.  Grimm  an  die  KurfÜrstin  Auguste.        1^}8 

vor  einiger  Zeit  schriftlich  auszudrücken,  wäre  es 
nicht  mein  Entschluß  gewesen,  dieses  Weihnachts- 
fest in  Jena  zuzubringen  und  über  Meiningen  zurück- 
zureisen, um  daselbst  das  Glück  zu  haben,  persönlich 
Ew.  Kön.  Hob.  unsre  Treue  und  Anhänglichkeit  zu 
FüTsen  zu  legen.  Allein  kaum  hatte  ich  einige 
Tage  zu  Jena  bei  meinem  Freunde  Dahlmann 
verbracht,  als  mich  vorgestern,  am  ersten  Weihnachts- 
tage, die  Botschaft  meines  Bruders  erreichte,  daüs 
meine  geliebte  Schwägerin  Dortchen  plötzlich  von 
einer  Gefahr  drohenden  Blutentzündung  befallen 
sei,  und  so  bin  ich  mit  Extrapost  alsogleich  hierher 
zurück  gereist,  gestern  Morgen  eingetroffen,  und 
habe  Gott  sei  Dank  die  Kranke  schon  aufser  Gefahr, 
wiewohl  noch  sehr  schwach  und  angegriffen  gefunden. 
Da  es  mir  auf  solche  Weise  versagt  worden  ist,  in 
Meiningen  Ew.  Kön.  Höh.  aufwarten  zu  können, 
säume  ich  nicht  länger,  dieses  ehrerbietige  Schreiben 
abgehn  zu  lassen,  um  so  mehr,  als  auch  vielleicht 
Allerhöchstdieselben  etwas  von  D ortchens  Krankheits- 
fall gehört  haben  und  sich  des  glücklichen  Ausgangs 
mit  uns  erfreuen  werden. 

Unsere  äufsere  Lage  hat  sich  zwar  noch  nicht 
wieder  günstig  gewendet,  seitdem  wir  aber,  drei 
Brüder  in  einem  Hause,  vereint  wohnen,  kann  ich 
wieder  getrost  und  mit  frischem  Muthe  arbeiten. 
Aufser  andern  Geschäften,  die  ims  genug  zu  thun 
geben,  haben  wir  ein  weit  aussehendes  deutsches 
Wörterbuch  unternommen,  das  wir,  wenn  es  der 
Himmel  gedeihen  und  gelingen  läfet,  mit  Freude 
und  Stolz  auf  den  Altar*  des  Vaterlandes  darbringen 


y  Google 


1838       XXII.  J.  Grimm  an  die  KurfQrstin  Auguste.        419 

werden.  Auch  sein  äufeerer  Ertrag  wird  von  der 
Art  sein,  dals  er  uns  peinlicher  Sorgen  um  die 
Zukunft  tiberhebt,  und  unsern  von  jeher  mäfsigen 
Ansprüchen  und  Bedürfnissen  ausreicht.. 

Vor  vierzehn  Tagen  stellte  sich  ein  Schneider 
ein,  und  nahm  der  kleinen  Auguste  Mafe  zu  einem 
Mantel,  durch  welchen  das  Kind  diese  Weihnachten 
aufs  höchste  erfreut  worden  ist.  In  dem  schönen 
StoflF,  wozu  der  weifse  Hut  vortrefflich  pafst,  sieht 
sie  gar  nicht  aus  wie  die  Tochter  eines  verbannten 
Professors  oder  wie  die  Nichte  eines  gleichfalls  über 
die  Grenze  gewiesenen  Hofraths,  sondern  fast  wie 
eine  kleine  Princessin.  Es  rührt  uns  doppelt,  dafe 
Ew.  Königl.  Hoheit  gegenwärtig  der  Pathe  und 
unser  zu  gedenken  geruht  haben. 

Wir  bitten  um  die  Gnade  uns  auch  dem  wohl- 
wollenden Andenken  Ihrer  Hoheiten  der  Frau 
Herzogin  sowie  der  Princessin  Caroline  zu  empfehlen. 
Mit  unauslöschlicher  Treue,  Liebe  und  Erfurcht 
ersterbe  ich  Ew.  Königl.  Hoheit 

allerunterthänigster 
Jacob  Grimm. 

Gas  sei  27.  Dec.  18:38. 


Praek  ▼on  Fricdr.  8«he«I,  CmmI. 


y  Google 


Inhalt 


I. 

iL 

m. 

IV. 

V. 

VI. 
VII. 
VIII. 

IX. 

X. 

XI. 
XII. 
XIII. 
XIV. 
XV. 
XVI. 
XVII. 
XVIII. 
XIX. 

XX. 
XXI. 
XXII. 


Aus  Briefen  Jacob  Grimm 's  an  Paul  Wigand 
Wilhelm      ,         ,       , 


Gesuche  Jacob 
Briefe  , 

Brief 
Briefe  , 

Brief 


,.  Herrn. 
Briefe  von  W.  u.  J.  Grimm  an  Bang 


den  Kurfürsten 
Frau  Bauer  geb. 

Bamus  ....  9 

K.  Gödeke    .    .  11 

S.  Beriit   ...  13 

Luise  Gies     .    .  16 

Fr.  Oetker     .    .  21 

Doroth.  Dahlmann  22 

.  22 


Salto 
1 
3 
5 


J.  u.  W. 

Jacob 

Wilhelm 


Jacob 


J.  u.  W. 
Auguste 
Jacob 


Gerling 
Suabedissen 

Hupfeld     . 
J.  Müller 


Vilmar 
Weigand 


Brief 

8  Briefe      ,    Jacob  ,       ,    L.  Diefenbach 

8       „  ,        „  ,       ,    Landau      .    . 

11    Briefe     aus     der     Correspondenz    Wilhelm 

und    Jacob  Grimmas    mit    der    Kurfürstin 

Auguste    von   Hessen    und    deren   Tochter 

der  Herzogin  Marie  von  Meiningen     .    .    . 


24 
123 
141 
143 
280 
285 
296 
297 
315 
387 
388 
397 


403 


y  Google 


y  Google 


Mate  M  amtliclie  Bezielnien 


der 


Brüder   Grimm 

ZU  Hessen. 


Eine 

Sammlung  von  Briefen  und  Aotenstücken 

als  Festschrift  zum 

hundertsten  Geburtstag  Wilhelm  Grimms 

den  24.  Februar  1886 

zusammengestellt  und  erläutert 

von 

E.  StengeL 


Band  11 : 
Acteistleke  ftker  iie  Thitigkeit  der  BrMer  Grimm  im  heniiekra  StuMiiMte. 


-»H3Ö>-<- 


Marburg. 

N.  G.  Blwert'BOhe  Yerlagsbaohhandlung. 

1886. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


Actenstücke 

über  die  Thätigkeit 

der 

Brüder  Grimm 


hessischen  Staatsdienste 

mitgetheilt 
von 

E.  Stengel, 

nebst 

Bemerkungen,  Gegenbriefen 9  Ergänzungen  zu  den 
Briefen  der  Brttder,  ehronologisoher  Tabelle,  Wieder- 
gabe der  ihnen  Ton  der  philosophischen  Faeultät 
Marburgs  Terliehenen  Dootordiplome ,  Namen-  und 
Wort-Terzeichniss« 

Marburg. 

N.  G.  Elwert^BOhe  Verlagsbuchhandlung. 

1886. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


y  Google 


L    Acten  Ober  Wilhelm  Grimm  als  Secretär  bei 
der  Museumsbibliothek  in  Cassel. 

Das  Ädenfascikel  des  Marburger  Staatsarchivs 
„Den  Sekretär  bei  der  Bibliothek  hierselbst  (d.  h.  in 
Casselt  wo  sich  vordem  das  Archiv  hefa/nd)  betreflFend* 
(Sign.  0.  St.  S.  aus  Gef.  8856)  ergibt  folgende 
Ausbeute: 

1)  Gesuch  W.  Grimmas  an  den  Kurfürsten 
wegen  der  SteUe  eines  Secretarii  bei  der  Btbliotheik: 

Durchlauchtigster  Kurfürst, 
Gnädigster  Kurfürst  und  Herr. 

Ich  habe  auf  der  Universität  Marburg  in  den 
Jahren  1804—6  nach  erhaltener  gnädigsten  Erlaub- 
nisz  jura  studirt  und  mich  im  Sommer  1806  daselbst 
öfifentlich  examiniren  laszen,  worüber  ich  ein  gün- 
stiges Zeugnisz  der  Facultät  besitze.  Kaum  war  ich 
zurückgekehrt  und  im  Begriffe  um  eine  Stelle  bei 
Ihro  kurfürstlichen  Durchlaucht  anzuhalten,  als  die 
unglückliche  französische  Occupation  eintrat. 

Es  war  meinen  Neigungen  zuwider,  sowohl  das 
neu  aufgedrungene  Becht  zu  studiren,  als  überhaupt 

£.  Stengel.    Aeten  der  BrAder  Ghrlmxn.  \ 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


2  I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar. 

unter  dieser  Regierung  Dienste  zu  nehmen.  Ich 
habe  daher,  so  bedrängt  meine  Umstände  wurden, 
in  diesen  sieben  Jahren  zurückgezogen  und  ohne 
jemals  ein  Amt  zu  bekleiden,  bei  meinem  altem 
Bruder  gelebt  und  mich  allein  und  anhaltend  mit 
den  Wiszenschaften  beschäftigt. 

Nach  der  glücklichen  Befreiung  des  Vaterlands 
wünsche  ich  diesem  mit  meinen  geringen  Kräften 
zu  dienen,  sowie  es  die  Nothwendigkeit  erfordert, 
da  ich  selber  ganz  ohne  Vermögen  bin,  mir  meinen 
Unterhalt  zu  erwerben.  Eine  schon  zehn  Jahre 
dauernde  und  mit  heftigem  Anfallen  begleitete 
Brustschwäche  macht  es  mir  unmöglich,  wie  ich 
wünsche  und  es  meine  erste  Pflicht  wäre,  in  den 
Krieg  gegen  den  Feind  zu  gehen;  sie  würde  selbst 
bei  einer  Anstellung  in  der  Administration  die  mit 
körperlichen  Bewegungen  und  Anstrengungen  ver- 
bunden ist,  mir  hinderlich  seyn. 

Indeszen  bietet  sich  eine  Gelegenheit  dar,  mit 
dem  wenigen,  was  ich  vermag,  nützlich  zu  seyn,  die 
Stelle  eines  Secretarii  bei  der  hiesigen  groszen 
Bibliothek  ist  seit  längerer  Zeit  unbesetzt  und  eine 
solche  Assistenz  könnte  dem  würdigen  Herrn  Ge- 
heimenhofrath  Strieder  bei  seinen  herangerückten 
Jahren  vielleicht  eine  Hilfe  seyn.  Und  da  eine 
solche  Anstellung  zugleich  meiner  Neigung  mich 
femer  den  Studien  und  wissenschaftlichen  Arbeiten 
widmen  zu  können,  entspricht,  so  wage  ich  Ew.  kur- 
fürstliche Durchlaucht  unterthänigst  zu  bitten: 

mir  die  Stelle  eines  Secretarii  bei  der  hiesigen 
Bibliothek  huldreichst  zu  verleihen. 


y  Google 


I.  Wilhelm  Grimm  ala  Bibliothekssecretar.  3 

Ich  würde  mich  bestreben  mit  gleicher  Treue, 
wie  meine  Vorfahren,  dem  hohen  Hause  zu  dienen; 
der  ich  in  tiefster  Ehrerbietung  verharre 

Ew.  Kurfürstliche  Durchlaucht 
unterthänigster,  treu-gehorsamster, 
pflich  t-schuldigster 
Wilhelm  Carl  Grimm. 
Caszel  am  11  Decembr  1813. 

Am  14.  Jan.  1814  wurde  Bericht  von  Strieder 
und  Völkel  eingefordert j  der  unter  dem  18.  Jan.  er- 
stattet wurde  und  von  Völle el  äbgefasst  ist.  Es  werden 
darin  »die  rühmlichen  Proben  Ton  Wissenschaft, 
welche  er  abgelegt  hat"  hervorgehoben.  —  Unter 
dem  4.  Febr.  1814  wird  dann  folgendes  „Gb.  Be- 
stellungs  und  Besoldungs  Rescript  für  den  Secretarius 
Grimm  bei  der  grosen  Bibliothek  des  Musei"  aus- 
gefertigt : 

Demnach  Wir  den  Candidaten  Wilhelm  Carl 
Grimm  allhier,  zum  Secretarius  bey  Unserer  hie- 
sigen grosen  Bibliothek  im  Museo  gnädigst  ernannt, 
ihm  auch  vom  IgE  Febr.  d.  J.  an  einen  monatlichen 
Gehalt  von  8  -i^  10  alb.  8  H.  mithin  jährlich  100  <tf 
aus  Unserer  Cammer-Casse  bewilligt  haben,  so  hat 
Unsere  Direction  besagter  Bibliothek  ihn,  Secretarius 
Grimm,  zu  seinen  Obliegenheiten  anzuweisen,  Unsere 
Regierung  denselben  auf  deren  treue  Verrichtung 
zu  verpflichten,  Unsere  0.  R.  Cammer  aber  die  Aus- 
zahlung obigen  Gehalts  zu  verfügen.** 


y  Google 


4  I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar. 

JSi)  Gesuch  W.    Grinm's  um  GehäUaerhöhung  vom 
5.  April  1814 : 

„Ew.  Kurffirstl.  Durchlancht  haben  die  Gnade 
gehabt,  mich  im  Monat  Februar  zum  Sekretarius 
bei  der  BibHotbek  des  Museums  zu  ernennen  und 
mir  einen  Gehalt  von  Einhundert  Thalem  jährlich 
zu  bestimmen.  Geruhen  Höchstdieselben  folgendes 
huldreich  anzuhören. 

Nicht  in  diesen  Zeiten,  sondern  schon  seit 
8  Jahren  habe  ich  die  Universität  verlaszen ;  während 
der  feindlichen  Besitznahme  habe  ich  keine  Dienste 
genommen,  sondern  auf  das  eingeschränkteste  bei 
meinem  älteren  Bruder  gelebt.  —  Ich  habe  kein 
eigenes  Vermögen,  und  mein  ältester  Bruder, 
welchen  Ew.  Kurfdrstl.  Durchlaucht  zum  Legations- 
secretär  im  Hauptquartier  der  alliirten  Mächte  zu 
ernennen  geruht,  erhält  nur  einen  geringen  Gehalt,  Ton 
welchem  er  mir  nichts  abgeben  kann,  ja  er  hat  selbst 
Sorgen  sich  in  seiner  gegenwärtigen  Lage  seinen 
eigenen  Unterhalt  damit  zu  verschaffen. 

Zwei  meiner  Brüder  sind  in  der  Armee  Ew. 
Kurfttrstl.  Durchlaucht  gegen  den  Feind  gezogen. 
Beide  sind  deshalb  weit  her  aus  dem  Ausland  ge- 
kommen. Der  eine  hat  in  Hamburg,  wo  er  ein- 
geschloszen  war,  auswandern  müszen  und  alles  ver- 
loren. Er  hat  sich  ihm  darbietende  Vortheile  nicht 
geachtet  um  als  Freiwilliger  Jäger  zu  Pferd  gegen 
die  Franzosen  zu  dienen.  Ihre  Reisekosten  und 
einen  Theil  ihrer  Ausrüstung  habe  ich  tragen  müszen. 

Dafür  und  weil  ich  auszerdem  noch  zwei  jüngere 
Geschwister  zu  versorgen  habe,  endlich  für  meinen 


y  Google 


I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar.  5 

nothwendigsten  Unterhalt  habe  ich  jeder  möglichen 
Einschränkung  ungeachtet  mich  gezwungen  gesehen 
Geld  aufzunehmen,  deszen  Betrag  schon  sechsfach 
meinen  ietzigen  jährlichen  Gehalt  übersteigt,  von 
welchem  ich  nicht  im  Stand  bin  blos  die  Kosten 
der  Wohnung  und  unaufhörlichen  Einquartirung  zu 
bestreiten. 

Ich  würde  gewisz  noch  länger  gewartet  haben, 
bis  Ew.  Kurfürstl.  Durchlaucht  sich  selbst  meiner 
gnädigst  erinnert,  es  ist  aber  die  nahliegende  Noth, 
die  ich  auf  keine  Weise  mehr  abzuwenden  oder  auch 
nur  noch  auf  eine  Zeit  zu  entfernen  weisz,  die  mich 
drängt,  und  ich  wage  es  daher  im  Vertrauen  auf 
die  landesväterliche  Gesinnung  Ew.  Kurfürstl.  Durch- 
laucht, die  auf  eine  Familie,  die  seit  Jahrhunderten 
dem  hohen  Hause  treu  gedient,  huldreich  Rücksicht 
nehmen  wird,  die  Bitte  Höchstdenselben  unter- 
thänigst  vorzutragen: 

mir  gnädigst  einen  Gehalt  zu  bestimmen, 
der  mich  aus  den  dringenden  Sorgen  für 
meinen  und  meiner  Geschwister  Unterhalt 
reiszt. 

Ich  werde  diese  Gnade  mit  beständiger  Dank- 
barkeit und  in  der  tiefsten  Verehrung  anerkennen, 
in  der  ich  verharre  Ew.  Kurfürstlichen  Durch- 
laucht etc. 

Die  darauf  am  19.  Aprü  1814  erfolgte  BesoliOion 
lauUt :  ^Dem  Gesuch  steht  um  so  weniger  zu  fügen, 
da  eben  erst  den  Bitten  des  Snpplicanten  um  eine 
Anstellung  deferirt  worden  ist.'' 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


6  I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar. 

3)  Erneutes  Gesuch  um  CMialtseulage  vom  4.  Nov. 
1814: 

Ew.  Kurfürstl.  Durchlaucht  haben  die  Gnade 
gehabt  mich  zum  Secretarius  der  groszen  Bibliothek 
im  Museo  zu  ernennen  mit  einem  Gehalt  von  Ein- 
hundert Thalern,  so  wie  die  huldreiche  Versicherung 
zu  geben,  sich  meiner  bei  vorkommender  Gelegenheit 
zu  erinnern.  Durch  den  Tod  des  Registrators 
Enzeroth  bei  der  Bibliothek  ist  ein  Gehalt  von 
zweihundert  Thalern  erledigt  und  da  nach  der  von 
dem  Herrn  Director  Strieder  und  Herrn  Ober- 
Hofirath  Völkel  schon  früher  gemachten  Bemer- 
kung eine  besondere  Besetzung  dieser  Stelle  nicht 
nöthig  ist,  und  ich  die  Arbeit  derselben  zugleich 
besorgen  kann,  so  bitte  ich  Ew.  Kurfürstliche  Durch- 
laucht unterthänigst : 

mir  diesen  Gehalt  von  200  Thalem  zu  dem 
meinigen  gnädigst  zuzulegen. 

ümsomehr  wage  ich  diese  Bitte,  vertrauend  auf 
die  väterliche  Gesinnung  Ew.  Kurfürstlichen  Durch- 
laucht, da  Höchstdieselben  gewisz  in  Betrachtung 
zu  ziehen  geruhen  werden ,  dasz  ich  schon  in  einem 
Alter  von  28  Jahren  bin,  ohne  alles  Vermögen,  und 
dasz  noch  drei  jüngere  Geschwister  von  mir  Unter- 
stützung verlangen,  endlich  auch,  dasz  diese  Er- 
höhung meiner  Besoldung  mich  nur  gegen  die  höchste 
Noth  schützen  würde,  in  welcher  ich  bisher  gelebt 
habe.    Der  ich  in  tiefster  Ehrfurcht  verharre  etc. 

Am  8.  Nov.  ergeht  darauf  ein  das  Gesuch  gewäh- 
rendes  Besoldungs-Bescript. 


y  Google 


I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar.  7 

4)  ürlaubsgestich  vom  17.  Äug.  1815  auf  vier 
Wochen  vom  31.  Aug.  an  mit  folgender  Motivirung  : 

Bei'  meiner  sitzenden  Lebensart  und  schwäch- 
lichen Gesundheit  hat  mir  mein  Artzt  schon  voriges 
Jahr  eine  Bewegung  durch  eine  kleine  Reise  und 
Genusz  der  frischen  Luft  im  Herbst  als  nöthig  und 
sehr  heilsam  verordnet,  indesz  machten  die  Umstände 
die  Ausführung  unmöglich.  Jetzt  wiederholt  er 
dasselbe  und  bittet  mich,  um  ihn  selbst  sprechen  zu 
können,  nach  Heidelberg  zu  kommen.  Da  nun 
femer  der  Umstand  eintritt,  dasz  einer  besonderen 
Angelegenheit  wegen  meine  Gegenwart  zu  Frank- 
furt unumgänglich  nöthig  geworden,  so  wage  ich 
um  beide  Zwecke  verbinden  zu  können,  an  Ew. 
Königliche  Hoheit  die  unterthänigste  Bitte  etc. 

Nachdem  Strieder  am  24.  Äug.  die  Gewährtmg 
'befürwortet  tmd  hervorgehen,  dasz  ,der  in  Marburg 
gestandene  und  nun  zu  Heidelberg  angesetzte  Dr. 
und  Prof.  Conradi*  der  Äret  W.  Qrimm's  sei,  er- 
folgt am  25.  Aug.  1815  die  Eesolution:  „fiat". 

5)  Bitte  des  Bibliothehs-Secretarius  Dr.  Wilh.  C. 
Qrimm  um  die  Stelle  eines  wirklichen  Bibliothekars  tmd 
des  damit  verbundenen  Gehalts  vom  23.  Oct.  1821 : 

Ew.  Königliche  Hoheit  geruhen  allergnädigst  an- 
zuhören: Im  Anfang  des  Jahres  1814  wurde  ich 
als  Secretarius  bei  der  Bibliothek  im  Museo  an- 
gestellt und  habe  dieses  Amt  bis  dahin,  seit  bei- 
nahe 8  Jahren,  nach  meinen  besten  Kräften  ver- 
sehen. Der  damit  verbundene  Gehalt  von  300  Thalem 
gewährte   mir  nur  die   nöthigsten  Bedürfiiisze  und 


y  Google 


8  I.  Wilhelm  Ghrimm  als  Bibliothekssecretar. 

den  dürftigsten  Unterhalt.  —  Ich  habe  jede  dar- 
gebotene Gelegenheit,  eine  Verbesserung  im  Aua- 
lande  zu  erhalten,  ausgeschlagen,  da  es  stets  mein 
Wunsch  war,  in  meinem  Vaterlande  zu  dienen. 

Dennoch  habe  ich  mich  einer  allergnadigsten 
Beförderung  bis  dahin  nicht  zu  erfreuen  gehabt  und 
in  meinem  36sten  Jahre  nach  treu  geleisteten 
Diensten  befinde  ich  mich  in  einer  bedrängten,  un- 
versorgten Lage.  Ew.  Eönigl.  Hoheit  haben  mit 
Landesväterlicher  Huld  und  Milde  über  so  viele 
Allerhöchst  dero  treue  Diener  Glück  verbreitet,  ge- 
ruhen Allerhöchst  dieselben  auch  mir  diese  Gnade 
angedeihen  zu  lassen,  ich  würde  sie  mein  ganzes 
Leben  in  ehrerbietiger  Dankbarkeit  anerkennen. 

An  der  Museumsbibliothek  sind  zu  allen  Zeiten 
auszer  dem  Director  zwei  Bibliothekare  angestellt 
gewesen.  Im  Jahre  1784  zum  Beispiel  war  das 
Personale  noch  mehr  als  einmal  so  stark,  als  gegen- 
wärtig, es  bestand  nämlich,  den  Director  des  Mu- 
seums mit  eingeschloszen ,  aus  sieben  Personen, 
während  es  gegenwärtig  nur  aus  dreien  besteht;  in 
gleichem  Verhältnisz  war  der  Gehalt  gröszer.  Ich 
habe  bisher  die  Bibliothekars  Geschäfte  mit  versehen 
und  mein  eifrigstes  Bestreben  seyn  lassen,  durch 
fortgesetztes  Studium  meine  in  dieses  Fach  ein- 
schlagenden Kenntnisse  zu  erweitem.  Im  Vertrauen 
daher  auf  Ew.  Eönigl.  Hoheit  Gnade  und  wohl- 
wollende Gesinnung  wage  ich  es: 

um  die  Stelle  des  wirklichen  Bibliothekars 
bei  der  Bibliothek  im  Museo  und  um  einen 


y  Google 


I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar.  9 

angemeszenen,  mir  meinen  Unterhalt  sichern- 
den Gehalt 

Allerunterthänigst  zu  bitten. 

Ich  würde  mich  bestreben,  mich  dieser  Gnade 
auf  jede  Art,  die  in  meinen  Kräften  steht,  würdig 
zu  machen.  —  Der  ich  in  tiefster  Ehrerbietimg 
lebenslang  yerharre  etc. 

Die  darauf  unter  dem  11,  Novhr.  182  i  erfolgte 
Besölution  lautet:  Beruhet. 

6)  Antrag  des  OherhofinarschaUamts  v,  9.  Apr.  1625 
ou/  QewäJmmg  des  nachgesuchten  Heirathsconsenses  von 
W,  Grimm. 

W.  Qrimm  hatte  sich  irrthOmlich  anfangs  März  wie 
bisher  direkt  an  den  Kurfürsten  gewandt  und  hatte  des- 
halb am  7.  Märe  durch  das  OberhofmarschaUamt  (wie 
näher  aus  den  Aden  dieser  Behörde:  „Heirathsconsens- 
Gesuche  der  Hof-  und  Marstallsdienerschaft  betr. 
1825-6*  hervorgeht)  einen  Verweis  erhalten  zugleich  aber 
auch  die  Aufforderung  wegen  Beibringung  der  eUerlichen 
EinwiUigung  sowie  einer  gerichtlichen  Bescheinigung  Über 
das  der  Braut  zustehende  oder  noch  zufallende  Ver- 
mögen. 

Unter  dem  9.  April  1825  reichte  Dr.  W.  Chr.  ein  neues 
Gesuch  ein,  sowie  die  erforderlichen  Papiere,  nämlich: 

1)  den  Geburtsschein  meiner  Braut,  welche  am 
23.  Mai  1793  geboren  mithin  32  Jahr  alt  ist. 

2)  Den  Todesschein  Ton  den  Eltern  meiner  Braut, 
wovon    der   Vater    Johan    Rudolph    Wild   am 


y  Google 


10  I.  Wilhelm  Grimm  als  BibliothekBsecretar. 

25.  Dec.  1814,  die  Mutter  Dorothea  Gatharina 
Wild  geb.  Huber  d.  20.  Septbr.  1813  gestorben 
ist. 

3)  den  Todesschein  meiner  Mutter,  welche  als 
Wittwe  den  27.  Mai  1808  gestorben  ist. 

4)  den  gleichfalls  befohlenen  Vermögensschein 
der  Braut,  wonach  dieselbe  an  Vermögen  von  meihr 
aU  7000  Thaler  hesass. 

Er  bittet  zugleich  ihm  diese  Papiere  nach  gemachtem 
Gebratich  zurückzugeben,  was  auch  geschehen  ist. 

Am  10.  April  wird  der  Consentz  vom  Kurßirsten 
eigenhändig  zugestanden,  wnd  die  vom  13.  datirte  Dr- 
kunde  darüber  W.  Grimm  am  18.  April  unter  Auflage 
eines  Stengels  von  3  TMr.  zugestellt. 

7)  Anzeige  des  Ober-Hof-MarschalUAmts  an  das 
Geheime  Cäbinet  vom  5.  Febr.  1829  von  dem  Ableben 
des  Bibliothekdirectors  Oberhof raths  Voelkel  und  Auf- 
forderung das  Gehalt  der  beiden  Grimms  anzujseigen. 

8)  Beschlusz  im  Geh.  Käbinet  vom  5.  Febr.  1829: 
Der  Bibliothekar  Dr.   Jacob  Grimm  und  der 

BibUothek-Secretar  Dr.  Wilhelm  Orimm  .  .  .  . 
bitten  allerunterthänigst  dem  Bibliothekar  die  erste 
und  dem  Sekretär  die  dadurch  erledigt  werdende 
zweite  Bibliothekarstelle  huldreichst  zu  verleihen. 

[das  Gesuch  s.  unten  III  6).] 

Resolution:  Beyde  Oesuche  werden  abgeschlagen; 
welches  das  Oberhofmarschall-Amt  denselben  be- 
kannt zu  machen  hat. 


y  Google 


I.  Wilhelm  Grimm  als  Bibliothekssecretar.  H 

9)  Än/Beige  des  O.H.M,'ÄnUs,  dass  Bihh  Grimm 
einen  QehaU  von  jährl.  600  ^y  der  Secretar  Grimm 
aber  einen  solchen  von  jährlich  300  ^  zu  'be- 
stehen hat. 

Resol.  vom  10.  Febr.  1829:  Ad  acta.  Vorher 
aber  nachzutragen,  was  jene  Grimms  jährlich  an 
Präsent-Gelder  empfangen. 

Wühelm  K. 

10)  BesoldungS'Bescript  vom  11.  Febr,,  wodurch  dem 
Bibliothek-Sekretär  W.  Grimm  eine  Gehaltszulage  von 
Einhundert  Thalem  vom  1.  k.  Monats  bewilligt  wird. 

11)  Verßgung  an  das  O.H.M.'Amt  und  den  Hof- 
Archiv-Bir.  v.  Bommel.     Wilhelmshöhe  d.  30.  Oct.: 

Die  beiden  angebogenen  Abschieds-Gesuche  der 
zeitigen  Bibliothekare  Grimm  gehen 

1.  an  das  0.  H.  M.-Amt  wegen  Besorgung  der 
Ausfertigung  der  flachen  Abschiede  und  denmächstigen 
Vorlegung,  wenn  der  Museums-  und  Archiv-Director 
Rommel  bescheinigen  wird,  dasz  die  genannten 
Grimms  alles  wohl  abgeliefert  haben  werden.  Die 
Gehalte  der  Gedachten  sind  vorzulegen. 

2.  an  d.  Museums-  u.  Archiv-Dir.  Ronmiel  um 
zweckmäszigere  und  f&r  den  Dienst  vortheilhaftere 
Vorschläge  wegen  Wiederbesetzung  eines  Biblio- 
thekars nebst  eines  Scribenten  zu  thun  und  die 
Instruction  vorschläglich  dahin  abzuändern,  dasz 
gedachte  bei  der  Bibliothek  angestellt  Werdende 
mehr  für  die  Bibl.  selbst  als  f&r  sich  selbst  arbeiten. 


y  Google 


12  ^*  Wilhelm  Grimm  als  Bikliothekssecretar. 

1J2)  Eine  weitere  BesoluHan  vom  gleichen  Tage: 
Das  0.  H.  M.-Amt  hat  die  unterm  heutigen  Tage 
durch  allerhöchstes  Rescript  befohlene  Ausfertigung 
der  flachen  Abschiede  für  die  p.  Grimms  fordersamst 
zur  allerhöchsten  Vollziehung  allerunterthänigst  ein- 
zureichen, auch  alsbald  die  Verfügimg  zu  treffen, 
dasz  vom  1.  November  d.  J.  an  die  Gehalte  der* 
selben  nicht  mehr  ausgezahlt  werden. 

13)  Abschied för  den  Btöliotheh-Sehretar  Dr.  Grimm: 
Nachdem  Wir  dem  bisher  bei  Unserer  BibL  im 

Museum  angestellten  Sekretär  Dr.  Wilhelm  Carl 
Grimm  die  gebetene  Entlassung  aus  Unsem  Diensten 
allergnädigst  zugestanden  haben;  so  hat  sich  hier- 
nach ein  jeder  den  es  angehet,  allerunterthänigst  zu 
achten. 

Wilhelmshöhe,  am  30.  Oct.  1829. 

14)  Anzeige  d.  O.H.M.'Ämts,  das  QehaU  d.  beiden 
Orimm  betreffend. 

Resol.  Wilhelmshöhe  den  1.  Not.  1829:  Die 
Gehalte  sind  nicht  richtig  angegeben,  der  des  Bibl. 
betrug  758  ^  u.  des  See.  435  ^  nach  dem  Be- 
soldungs-Etat fOr  den  Hof. 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  13 


IL    Acten  Ober  Jacob  Grimms  Mission  nach 
Paris  im  Herbst  1815. 

Zur  VorgeschichU  der  Mission  sei  l>emerU,  dass  tMch 
Aden  den  des  Geh.  Ministerium  des  Kurfürsten  WH- 
heim  L  die  Ähsendung  des  Geh.  Baths  von  Carls- 
hausen  na(^  Paris  häreffend  diese  am  26*  JuU 
erfolgte  und  dase  ihm  der  von  Cassel  entführten  Kumt- 
schätze  halber  der  QaXlerie-Inspeetor  Bobert  und 
Inspector  Döring  heigegeben  wurde.  Am  4.  August 
traf  V,  Garlshausen  in  Paris  ein.  In  seinem  9.  Bericht 
vom  26.  Aug.  1815  findet  sich  folgender  Passus: 

Hier  befindet  sich  eine  in  wissenschaftlicher 
Hinsicht  höchst  schätzbare  Sammlung  von  Manuscrip- 
ten.  Man  hat  die  Idee  sie  für  die  gar  nicht  mehr 
vorhandenen,  in  Teutschland  geholten  Eunstsachen 
wegzunehmen ,  und  verhältnissmäszig  zu  vertheilen. 

Einer  von  den  Gebrüdem  Orimm  in  Cassel, 
wahrscheinlich  der  in  Wien  gewesene  Legations- 
secretair,  soll  sich  während  seines  früheren  hiesigen 
Aufenthalts  vorzüglich  mit  diesen  Manuscripten  be- 
schäftigt haben,  und  man  wünscht  daher  von  Seiten 
der  Königl.  Preusischen  Behörde,  dasz  Ew.  Eönigl. 
Hoheit  allergnädigst  geruhen  möchten,  denselben 
hierher  zu  senden,  und  ihm  seinen  öehalt  bis  zur 
Vollendung  der  von  ihm  zu  bewirkenden  Zusammen- 
tragung und  Ordnung  der  Manuscripte  zu  lassen. 
Hier  soll  er  mit  Verköstigung  einquartieret  werden 
und    die   Reisekosten  will  man  unter   die  Fürsten, 


y  Google 


14  n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

welche  daran  Theil  erhalten,  repartiren.  Ich  .  .  . 
bitte  den  L.  S.  Grimm  ..  .  an  den  Preusiachen 
Eammergerichtsrath  von  Eichhorn  weisen  zu 
lassen,  wenn  ich  nicht  mehr  hier  seyn  sollte. 

Ba/rauf  erfolgte  tmter  dem  9,  S^t  sowohl  an  den 
JcPreuss,  Generalintendanten  Staaisralh  Bihhentropp 
wie  an  den  k.  Pretiss.  Herrn  Kanmergeru^ts-Bath  von 
Eichhorn  von  Seiten  des  hessischen  Staatsministeriums 
Benachrichtigtmgy  dasz  Qrimm  dort  hin  gesandt  seL 
Letztere  lautet:  Der  G.  R.  u.  Cammerpräsident t.  Carls- 
hausen hat  des  Kurfürsten  E.  H.  angezeigt,  wie  man 
eine  dort  befindliche  schäzbare  Sammlung  von  Hand- 
schriften zum  th  eilweisen  Ersaz  der  aus  Teutschland 
weggebrachten,  nicht  mehr  vorhandenen  Eunstsachen 
zu  verwenden  und  verhältnismäsig  unter  die  be- 
theiligten Regierungen  zu  vertheilen  gedenke;  zu 
welchem  Ende  man,  besonders  E.  Preussischer  Seits, 
wünsche,  dasz  der  bereits  mit  jenen  Handschriften 
bekannte  diesseitige  Legations  -  Secretair  Grimm 
dorthin  gesandt  werden  möge.  .  .  . 

Indem  S.  k.  H.  der  Eurfürst  diesen  Antrag  mit 
vorzüglicher  Berücksichtigung  des  E.  Preussischer 
Seits  geäuszerten  Wunsches  Statt  zu  thun  kei|i  Be- 
denken getragen  u.  d.  Leg.  Secr.  Grimm  nicht  nur 
die  fernere  Beziehung  seines  Gehalts,  sondern  auch, 
zur  demnächstigen  Abrechnung  mit  den  Theilnehmem 
einen  Yorschusz  zu  den  Reisekosten  bewilligt  haben; 
sind  Wir  zugleich  allergnädigst  beauftragt,  gedachten 
L.  S.  Grimm  dem  E.  Pr.  H.  E.G.R.  v.  Eichhorn 
mit  dem  Ersuchen  zu  empfehlen.  Sich  mit  demselben 
wegen  der  von  ihm  zu  übernehmenden  Geschäfte  zu 


y  Google 


II.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  15 

verabreden,  und  Sich  des  diesseitigen  Interesses  bey 
dieser  Angelegenheit  gefallig  anzunehmen. 

Von  Eichhorn  lief  ein  von  Paris  30.  Sept.  1815 
d(Uirtes  Antwortschreiben  an  das  hess.  Ministeritim  ein, 
am  dem  ich  folgenden  Satz  heraushebe: 

Ich  habe  das  Vergnügen  Herrn  L.  S.  Grimm 
persönlich  zu  kennen,  und  wo  und  wie  ich  persön- 
lich ihm  in  seinen  Geschäften  nützlich  sein  kann, 
werd  ich  es  mit  dem  gröszten  Vergnügen  thun. 

Am  20.  Sept.  verwendet  v.  CarUhausen  Orimm  bereits 
als  Seoretairf  indem  sein  an  diesem  Tage  abgesandter 
16.  Bericht,  der  die  in  Mcümaisson  befindlichen  Cassekr 
Bilder  betrifft  und  Ghrimm's  Anhunft  erwähnt,  von 
Grimm  geschrieben,  von  Carlshausen  nur  unterzeichnet 
ist. 

Eine  ÄnerJcennung  fUr  seine,  wie  die  nachstehenden 
Berichte  ergeben,  doch  recht  eifrige  und,  soweit  die  Ver- 
hältnisse es  gestatteten,  auch  recht  erfolgreiche  Thätigkeit 
ist  Jacob  Grimm  von  Seiten  seines  hurfürstlichen  Herren, 
soviel  die  Aden  ergeben,  nicht  zu  Theil  geworden.  Auch 
ist  sonst  nichts  darüber  bekannt  geworden,  wie  man  denn 
überhaupt  bis  jetzt  von  dem,  was  Jacob  Crrimm  bei 
diesem  Anlass  für  sein  engeres  Vaterland  gähan  hat, 
so  gut  wie  nichts  wuszte.  Er  selbst  hat  sich  nur  am 
21.  Od.  1815  seinem  Bruder  gegenüber  darüber  aus- 
gesprochen (Briefe  aus  d.  Jugendzeit  S.  479): 

«Endlich  hat  mich  auch  des  Buderus  Abreise... 
ganz  in  die  diplomatische  Bahn,  aus  der  ich  eben 
frei  geworden  war,  wieder  gebracht ;  ich  bin  so  gut 
als  hessischer  Geschäftsträger  und  habe  fünf  oder 
sechs    angeknüpfte    schwierige    Reclamationen   und 


y  Google 


16  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Berichte  darüber  auf  dem  Hals,  die  mir  eigenUich 
mehr  Mühe  kosten,  als  das  andere  Geschäft.** 

Sein  Vorgesetzter ,  der  CammerpräsidetU  v.  Carls- 
hauseny  toelchem  hei  seinem  Weggang  von  Paris  der 
Kurfürst  wegen  semer  Thätigkeit  seine  voUe  Zufriedei^ 
heit  ausgedrückt  hatte  (dat.  vom  29.  Sept.  1815),  hat  m 
den  späteren  in  Casset  geschrittenen  Berichten  an  dem 
Kurfürsten  kein  einziges  Wort  der  Anerkennung  fiSir  die 
selbständige  Handlungsweise  Chrimms  einfiiessen  lassen, 
auch  ist  in  den  späteren  Acten  immer  nur  von  v.  Carls- 
hausens Verdiensten  um  die  Wiedererlangung  der  Bilder 
die  Bede.  Die  einzige  Erwähnu$m  Grrimms  fmdei  atcfc 
in  V.  Carlshausens  Bericht  v.  19.  Oct.  1816 ,  worin  es 
heisst:  Bei  meinem  Abgange  von  Paris  habe  ich  dem 
Legations-Secretair  Grinmi  die  in  der  abschriftlichen 
Anlage  nachgewiesenen  Punkte  zur  weiteren  Be- 
treibung vorgeschrieben. 

Biese  Instruction  lautet: 

Den  Herrn  Legations-Sekretair  Grimm  bitte  ich: 

1)  Ton  Zeit  zu  Zeit  beim  Herrn  Eammergerichts- 
rath  V.  Eichhorn  in  der  Bue  de  VUniversiti  no  8 
anzufragen,  ob  wegen  des  Eurhessischen  Truppen- 
Corps  und  sonst  nichts  an  mich  zu  erlassen  sey? 

2)  Den  Hm.  geh.  Staatsrath  v.  Grüner,  in  der 
Bue  de  VUniversiti  ne  15  von  Zeit  zu  Zeit  zu  be- 
fragen, ob  durch  die  Einwirkung  des  fr.  Eriegs- 
ministers,  der  Besitz  der  vom  General  la  Grange 
genommenen  Gegenstände  wieder  erlangt  w^en 
könne. 

3)  Bei  dem  Hm.  Fürsten  v.  Hardenberg  zuweilen 
die,  nach  der  abschriftlichen  Anlage  zugesagte  Ver- 


y  Google 


\ 


n.   J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  17 

Wendung  zur  Wiedererlangung  der  vom  Gen.  La 
Orange  genommenen  und  nach  Malmaison  ge- 
schickten 48  Oemählde,  worauf  ich  3  Stück  zurück 
erhalten  habe,  in  Anregung  zu  bringen;  auch 

4)  die  Aushändigung  der  vom  Grafen  Defermon 
über  den  Verkauf  der  Kurhessischen  Kapitalien  ge- 
führten Acten,  bei  dem  Grafen  von  Pradel,  dU 
recteur  giniral  du  MinisUre  de  1a  maison  du  Boi. 

Ich  benachrichtige  dabei  zugleich  dasz  5)  der 
Mahler  Unger,  auf  dem  Quai  des  Augustins  no  15 
wohnend,  die  Gemähide  genau  kennt,  die  Verzeich- 
nisse davon  besitzt,  und  auf  die  Auslieferung  von 
21  Gemählden,  welche  von  auswärtigen  Museen  nach 
anher  geschickt  werden  müssen,  bei  der  Direction 
des  hiesigen  Museums  fleisig  erinnern  wird. 

6)  der  Königl.  Hanöversche  H.  Legationsrath 
V.  Bodenhausen  in  der  Bue  de  la  Vidoire  no  20 
überall  nöthige  Auskunft  und  Hülfe  zugesagt  hat; 
und 

7)  der  Bx.  Handelsmann  Toussaint  aus  Hanau 
in  der  Strasze  de  Glery  no  20  mit  der  Einziehung 
der  Nachrichten:  wo  sich  noch  Gemähide  von  den 
sub  no  3.  bemerkten  Stücken  befinden  beschäftigt  ist. 

8)  Die  zu  erlangenden  Gemähide  werden  den 
Mr.  Bourget  &  0«-  in  der  Bue  St.  Denis  no  152 
zum  Transport  nach  Gassei  übergeben. 

Paris  am  24.  Sept.  1815." 

Sonst  finden  sich  noch  Auszüge  aus  Schreiben  von 
Carlshausen  an  J.  Orimrn  hei  den  Aden,  datirt  v.  18. 
u.  19.  Od.,  welche  aber  nur  die  Convention  über  den 
Sold  und  die  BeJUeidungsgelder  betreffen. 

E.  StengeL    Acten  der  Brftder  Orimm.  2 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


18  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Chrinms  eigentlichen  Berichten  vorauf  gehen  folgende 
zwei  kurze  Schreiben: 

1. 
Ew.  Wohlgeb. 
bin  ich  genöthigt,  da  mich  Hr.  Minister  von 
Schmer feld  dennoch  wieder  zurückverweist,  dessen 
beifolgendes  Billet  mit  der  ergebensten  Bitte  zu 
übermachen,  dasz  mir  der  Yorschusz  von  40  Louisd^or, 
als  woran  sich  allein  meine  Abreise  aufhält,  baldigst 
geschehe.  Falls  die  Summe  vorräthig,  können  Sie 
solche  dem  üeberbnnger  mitgeben;  sonst  bitte  ich 
nur  ein  Wort  Nachricht:  wann  heute  oder  vielleicht 
Morgen  früh  erst,  ich  mir  darauf  gewisze  Rechnung 
machen  darf,  mn  weitere  Maasregel  danach  zu 
nehmen. 

Mit  bekannter  Hochachtung 

Ew.  Wohlgeb.  ergebenster  Dr. 
Grimm. 

In  Eile.  Samstags  [d.  9.  Sept.  1815]  Nachmittag. 

Sr.  Wohlgeb.  des  Herrn  Kriegs  Eath  Enatz. 

J2. 

Ew.  Wohlgeb. 

Danke  zwar  verbundenst  für  die  laut  beilieg. 
Qtg.  richtig  erhalteneu  40  Frdor,  war  aber  be- 
stimmter Äusserung  d.  Hm.  Minister  v.  Schmer- 
feld zufolge  auch  der  Meinung,  einen  Credit  nach 
Paris,  auf  eine  gleiche  Summe  sprechend  zu  em- 
pfangen.   Falls  Ew.  Wohlgeb.  dazu  nicht  autorisirt 


y  Google 


II.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  19 

sind,  ersache  ich  gegenwärtiges  Billet,  weil  ich 
selbst  mitten  in  Reiseanstalten  begriffen  bin,  an 
Hm.  Eriegsrath  Bivalier  zu  senden,  welcher 
zweifelsohne  die  GHite  haben  wird,  deszfalls  bei  Sr. 
Exe.  nähere  Erkundigung  darüber  einzuhohlen:  von 
welcher  Seite  her  mir  dieser  Credit  eröffnet  werden 
wird,  damit  ich  nicht  zu  Paris,  bei  der  zu  ver- 
muthenden  Abreise  des  Herrn  von  Garlshausen 
in  Verlegenheit  gerathe. 

Mit  Yollkommner  Hochachtung 

Ew.  Wohlgeb.  ergebenster 
Grimm. 

Sonntags  lOVg- 
Herrn  Kriegsrath  Knatz  Wohlgeboren. 

Es  folgen  nun  die  Berichte: 

Berioht  L 

Paris  1.  Octob.  1815. 
Hochwohlgeborener 
Hochzuehrender  Herr  Geheimerath 
Mein  erstes  Schreiben  habe  ich  in  besi»ndig  ge- 
tauschter Erwartung  einiger  bestimmten  Auskunft 
über   die   yerschiedenen  mir  zu  Theil  gewordenen 
Auftrage  mehrere  Posttäge  aufschieben  zu  müszen 
geglaubt.    Bevor  ich   mich  zu  jedem  derselben  im 
einzelnen  wende,  will  ich  einiges  allgemeinere  über 
den   Stand   der   hiesigen    Angelegenheiten    yoraus- 
schicken,    welches  auch  Licht  mit  auf  jene  werfen 
kann. 

2* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


20  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Der  Frieden  ist,  was  auch  die  pariser  Zeitungen 
davon  yersichem,   in  den  letzten  Tagen  Septembers 
noch  nicht  unterzeichnet  worden  und  dürfte  es  erst 
im  Verlaufe  dieser  Woche  werden.     Die  Schwierig- 
keiten   liegen    nicht    in    der    fehlenden    Ueberein- 
stimmung  der  alliirten  Mächte,  unter  denen  glück- 
licherweise   das    beste    Vernehmen    herrschen    soll, 
sondern  in  den  Einwendungen,  welche  das  französ. 
Ministerium    gegen    die    ihm    vorgelegte   Basis    zu 
machen  sucht.    Diese  sollen  vorn'ämlich  auf  die  von 
Frankreich   in    mehrem  Terminen   zu   entrichtende 
Kriegs  Gontribution    gehen;    allein    man   hat    allen 
Grund  zu  glauben,  dasz  die  Vorschläge  der  Aliürten 
auch  in  diesem  Punct  durchdringen  werden.     Was 
die  neue  Ländergrenze  betrifft;,  hoffb  man  nicht  nur, 
die  definitive  Abtretung  des   der  Krone  Frankreich 
im  vorigen  Frieden  annoch  verbliebenen  saarbrücker 
Landstrichs,   sondern   auch  der  Festung  Landau  an 
Oesterreich,  und  selbst  einiger  anderer  festen  Plätze, 
wie    Philippeville    und    Givet    an  die   Niederlande. 
Wenigstens    werden    letztere    nebst    noch    einigen 
anderen  zu  Unterpfändern  der  zu  erfüllenden  übrigen 
Friedensbedingungen    auf  bestimmte    Zeit   alliirten 
Besatzungen     eingeräumt,     die    gröszeren    Grenz- 
festungen auch  blos  von  Bürgersoldaten  und  nicht 
von  Linientruppen  besetzt  werden.  Hüningen  bleibt 
geschleift:   und   Frankreich  verpflichtet  sich,   keine 
Festung  im  Umkreis  von  3  Meilen  um  Basel  herum 
wieder  aufzubauen. 

Talleyrand   unterhandelt   beim   Frieden  nicht 
mehr  mit,  sondern  der  Herzog  v.  Richelieu  allein« 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  21 

Der  endlich  aus  Marseille  eingetroffene  neue  Mi- 
nister des  Innern,  Oraf  Yaublanc,  wird  allgemein 
als  einer  der  eifrigsten  Royalisten  dargestellt.  Die 
Eröffnung  der  Cammer  war  nochmals  weiter  bis 
zum  9.  d.  M.  verschoben  worden.  Doch  ich  ent- 
halte mich  weiterer  Neuigkeiten  dieser  Art,  die  sich 
sonder  Zweifel  auch  in  den  Zeitungen  finden  werden. 

Der  russ.  Kaiser  reiste  zuerst  yon  hier  ab, 
am  28.  Sept.,  ihm  folgte  Tags  darauf  Kaiser 
Franz.  Ersterer  begibt  sich  nach  Brüssel,  yon 
da  nach  Dijon,  wo  70—80,000  M.  Oestreicher  ge- 
mustert werden  sollen.  Sodann  reist  er  über  Carls- 
ruhe und  Stuttgart  nach  Berlin,  wo  er  den  18.  Oc- 
tober  gewisz  zu  seyn  denkt.  Um  gleiche  Zeit  oder 
wohl  einige  Tage  früher  will  der  preusz.  Monarch 
in  seiner  Residenz  eintreffen,  welcher  bis  auf  diesem 
Äugenblick  noch  hier  zu  Paris  ist  und  erst  nach- 
dem er  übermorgen  (Dienstag)  in  der  Umgegend 
von  Versailles  Revue  über  50,000  M.  seiner  Truppen 
gehalten  haben  wird,  in  der  Mitte  der  Woche 
Frankreich  zu  verlassen  gesonnen  ist. 

Die  Zurücknahme  des  hier  vorhandenen  fremden 
Kunsteigenthums  hat  seither  ununterbrochen  fort- 
gedauert. Nach  den  Niederländern  räumten  die 
Oestreicher,  unter  noch  etwas  härteren  Formen,  auf. 
Die  medicäische  Venus  war  bereits  vorigen  Donners- 
tag für  Florenz  eingepackt  worden,  eine  Menge 
italienischer  Gemähide  traf  hernach  die  Reihe.  Am 
Samstag  wurde  auch  an  die  berühmten  venetianischen 
Rosse,  die  auf  dem  Triumphbogen  vor  den  Tuilerien 
aufgestellt  standen,  geschritten.    Der  König,  hiesz  es 


y  Google 


22  U»   J«  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

in  deszen  Angesicht  die  Herabnahme  geschehen 
muszte,  habe  sich  ausgebeten,  dasz  sie  schonend  zur 
Nachtzeit  erfolgen  möge.  Sey  es  aber,  dasz  dieses 
mit  der  Arbeit  selbst  unverträglich  gewesen,  oder 
man  gern  den  Parisern  zeigen  wollen,  wie  wenig 
man  sie  scheue,  mau  nahm  gestern  und  heute  alles 
bei  lichtem,  hellem  Tage  vor;  auf  dem  Platz 
bivouacquirte  eine  Gompagnie  Ungarn,  welche  keinem 
Franzosen  den  Eintritt  verstattete,  Cayallerie- 
Patrouillen  mit  entblösztem  Schwert  ritten  langsam 
auf  und  ab,  und  die  Ruhe  wurde  nicht  gestört.  Seit 
einigen  Stunden  ist  alles  vollbracht  und  die  bitteren 
ÄuszeruDgen  femer  französischer  Zuschauer  ver- 
hallen in  die  leere  Luft.  Vermuthlich  wird  der 
ganze  nun  seiner  Zierde  beraubte  Bogen  denmächst 
völlig  abgebrochen. 

Der  Pabst,  deszen  Reclamationen  der  Scheingrund 
des  Tolentiner  Friedens  in  etwas  beschränkt,  wird 
vielleicht  doch  noch  auf  ein  oder  die  andere  Art 
vor  dem  Abzug  der  allürten  Truppen  zum  Zweck 
gelangen.  Sein  Abgeordneter,  der  berühmte  Bild- 
hauer Ganova  selbst,  ist  ein  halb  träger,  lang- 
samer Mann,  den  die  AUürten  selbst  erst  antreiben 
müszen,  sie  um  Verwendung  zu  bitten.  Die  Cabinette 
verwenden  sich  aber  nicht  gern  entschieden  in  irgend 
etwas,  aber  sämmtliche  militärische  Behörden,  die 
jetzt  die  Gewalt  in  der  Hand  halten,  scheinen  zu 
kräftigen  Maasregeln  entschloszen.  In  dieser  an- 
genehmen und  mehr  als  einer  deutschen  Angelegen- 
heit ersprieszlich  werdenden  Hoffnung  bin  ich  durch 
einige  Äuszerungen  des  E.  preusz.  Ministers  Generals 


y  Google 


II.   J.  Grimm's  Mission  nach  Pari^  1815.  23 

y.  Oneisenau,  bei  dem  ich  vor  einigen  Tagen  zu 
speiszen  die  Ehre  hatte,  bestärkt  worden. 

Der  König  v.  Preuszen  hat  die  bekannte, 
freilich  vor  einigen  Jahren  noch  prächtigere  Ge- 
mähldegalerie  Guistiniani  um  450,000  oder 
500,000  Franken  erkauft;  Berlin  wird  nun  bald  sehr 
ansehnliche   Sehenswürdigkeiten  aufzuweisen  haben. 

Ich  gehe  zu  imsern  hessischen  Angelegen- 
heiten über,  worin,  so  wenig  diesmal  von  Erfolg 
berichtet  werden  kann,  dennoch  hoffentlich  keine 
Saumseligkeit  meinerseits  gespürt  werden  wird. 

1)  Die  Malmaisoner  Gemähide  be- 
treffend. Herr  Toussaint  konnte  den  Grafen 
Capo  d 'Istria  verabredetermaszen  weder  den 
Dienstag  noch  die  folgenden  Tage  sprechen,  welches 
schon  ein  übles  Zeichen  war.  Auch  noch  andere 
eingezogene  leidige  Nachrichten  schienen  anzudeuten, 
dasz  die  Zierden  unserer  Galerie  nach  Ruszland  be- 
stimmt wären;  von  Fürst  Hardenberg  ging  keine 
Antwort  ein,  ich  suchte  persönlich  vor  ihn  zu 
kommen,  wurde  aber  nicht  vorgelassen  und  erfuhr 
freilich  aus  guter  Hand,  dasz  er  mir  wenig  tröst- 
liches würde  haben  sagen  können,  in  dem  die 
allürten  Ministerien  über  das  principiwin  restituendorum 
zu  gar  keinem  festen  Entschlusz  kommen  könnten, 
vielmehr  alles,  was  geschehen  sey,  sich  halb  un- 
diplomatisch habe  anknüpfen  und  sodann  analogisch 
weiter  fortbilden  müszen.  Von  einer  anderen  Seite, 
wo  ich  Gelegenheit  nahm,  das  so  ungerechte  und 
undelicate  Benehmen  des  russ.  Kaisers  in  dieser 
Sache    vorzustellen,   wurde  mir   vertraut  gerathen, 


y  Google 


24  n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

den  einzigen  hier  überbleibenden,  vielleicht  noch 
fruchtenden  Schritt  einer  unmittelbaren,  die 
Gefühle,  welche  Recht  und  Wahrheit  hierbei  ein- 
geben müflzen,  unverhüllenden  Vorstellung  an  den 
Kaiser  selbst  zu  thun.  Der  gewöhnliche  diploma- 
tische Weg  durch  den  Grafen  Nesselrode  und 
Fürsten  Wolkowsky,  die  nicht  einmal  geantwortet 
hatten  oder  ausgewichen  waren,  hatte  sich  schon  ab 
unzulänglich  bewiesen ;  auch  stand  zu  hoiBTen,  einige 
Abweichung  von  dem  gewöhnlichen  Geschäftsstil 
würde  eher  die  Aufmerksamkeit  des  Monarchen  an- 
regen. Da  er  indeszen  gerade  Tags  vorher  verreist 
war,  blieb  mir  nichts  übrig,  als  das  (in  Abschrift  bei- 
liegende [S.  27—31])  Schreiben  ihm  auf  seiner  Reise 
nachzusenden  und  es  ist  mit  einer  sicheren  oest- 
reichischen  Gelegenheit  nach  Dijon  abgegangen.  In- 
struction über  diesen  Schritt  vorher  von  Cassel  einzu- 
hohlen  und  zu  erwarten,  hätte  ihn  völlig  gelähmt  und 
paralysirt;  auch  Hr.  v.  Bodenhausen,  den  ich  be- 
frug,  meinte,  dasz  er  wenigstens  nicht  schaden  könne. 
Dasz  ihn  Se.  Kön.  Höh.  nicht  misbilligen  werde, 
wage  ich  zu  hoffen.  Die  ganze  Sache  liegt  so,  dasz 
sie  mit  der  Zeit  einmal  öffentlich  in  Deutschland 
zur  Sprache  gebracht  werden  musz,  wenn  gleich  in 
diesem  Augenblick  noch  nicht,  um  andere  wichtigere 
Rücksichten  zu  schonen.  Auf  dieses  öffentliche 
Interesze,  welches  man  in  Deutschland  an  unsem 
Gemählden  nehme,  wies  ich  darum  vorsätzlich  hin 
imd  sollte  einiges  andere  überhaupt  zu  frei  aus- 
gedrückt scheinen,  so  kann  allenfalls  immerhin  der 
AUergnädigste  Herr    das    ganze   Schreiben  als   un- 


y  Google 


n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  25 

officiell  desavouiren,  da  ich  hier  im  Fall  dringender 
Noth  ohne  speciellen  Befehl  habe  vorschreiten 
müszen.  Gott  gebe  dasz  es  vielleicht  noch  einige 
Wirkung  thue! 

Am  folgenden  Tage  erfuhr  ich  denn  (durch  das 
ebenfalls  beigeschloszene  [nicht  mehr  vorhandene] 
Schreiben  Herrn  Toussaints),  dasz  die  Bilder 
wirklich  eingepackt  und  auf  der  Reise  nach  Rusz- 
land  wären.  Mithin  war  auf  keinen  Fall  etwas  zu 
verderben,  und  umgekehrt,  wenn  der  Kaiser  sich 
hier  von  Ehre  und  Gerechtigkeit  leiten  laszen  will, 
musz  er  sie  dennoch  herausgeben. 

Da  indeszen  nur  von  den  fünf  vorzüglichsten 
Gemählden  die  Rede  ist,  werde  ich  in  Ansehung 
der  etwa  noch  zurückgebliebenen  mich  nicht  un- 
thätig  zeigen,  sondern  dieser  Tage  dem  Ghev.  Sou- 
lange  mit  erbetener  Militärhülfe  zusetzen,  und  ihn 
so  etwa  zu  näheren  Äuszerungen  zwingen.  Sodann 
denke  ich  die  Liste  der  anderen,  vermuthlich  gar 
nicht  in  die  Gewalt  der  Beauharnais  gerathenen, 
sondern  sonst  veruntreuten  Bilder  in  die  Categorie 
der  von  Preuszen  jetzo  verzeichnet  werden[den],  in 
specie  nicht  restituiben,  aber  anderweit  zu  vergütenden 
Gegenstände  zu  bringen.  Ob  man  mit  dieser  ge- 
forderten Compensation  durchdringt?  ist  freilich  noch 
die  Frage. 

2)  in  der  Angelegenheit  der  zwei  Eisten  war 
ich  bei  dem  Geh.  Staats  Rath  Grüner,  der  mich 
sehr  freundschaftlich  aufnahm,  und  bereits  vor 
einigen  Tagen  die  Sache  bei  dem  neuen  Eriegs- 
minister  Duc  de  Feltre  wieder  monirt  zu  haben 


y  Google 


26  n*  J*  Orimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

yersicherte.  Ich  gedenke  indeszen  auch  hier  in 
einigen  Tagen  vorzuschreiten  und  dem  Intendanten 
des  Lagrangischen  Hotels  hierselbst  mit  Soldaten- 
execution  auf  den  Leib  zu  rücken,  um  ihn  so  zu 
zwingen,  dasz  er  schleunig  die  Antwort  seines  Herrn, 
der  sich  über  das  Schicksal  der  Kisten  irgend  aus- 
weisen musz,  herbeischaffe.  Falls  deszen  Güter  in 
dem  noch  besetzten  Theile  Frankreichs  lägen,  worüber 
ich  auch  sogleich  Erkundigung  einzuziehen  suchen 
werde,  könnte  auch  da  mit  Gewalt  vorgeschritten 
werden.  Ich  hoffe  übrigens  in  Eurer  Hochwol- 
geboren  nächsten  Schreiben  in  Ansehung  dieses  so 
bedeutenden  Gegenstands  nicht  allein  unterrichtet 
zu  werden :  ob  Se.  Kön.  Höh.  diese  Sache  gerichtlich 
und  proceszualisch  betreiben  zu  laszen  Willens  sind  ? 
sondern  wünsche  auf  allen  Fall  auch  eine  ungefähre 
Aestimation  des  Werthes  dieser  Kostbarkeiten  zu 
erhalten. 

3)  Auch  der  Graf  von  Pradelles  hat  in  Be- 
tracht der  Deffermonschen  Papiere  noch  nichts 
geantwortet,  weszhalb  ich  ihn  gestern  schriftlich 
erinnert  habe. 

4)  Ebensowenig  hat  mir  der  0.  G.  R.  Eichhorn 
die  versprochene  Auskunft  über  den  Sold  der  Truppen, 
seines  besten  Willens  ungeachtet,  zu  geben  ver- 
mocht. Die  Schuld  der  verschobenen  Auseinander- 
setzung liege  theils  am  oestr.  Minister  Baldacci, 
theils  und  vorzüglich  am  unordentl.  Rechnimgs- 
wesen  der  englischen  Armee. 

Dieser  mein  Brief  hat  wegen  gerade  eingefallener 
Überhäufter    und    unaufschieblicher   Arbeit    in    der 


y  Google 


II.    J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  27 

Manuscripten  Angelegenheit  erst  einen  Tag  später 
aus  dem  Concept  mundirt  werden  können.  Ich  habe 
selbst  den  gröszten  Theil  der  vorigen  Nacht  schreiben 
müszen;  man  büszt  hier  leider  so  viel  Stunden  mit 
Herumlaufen  und  Fahren  ein.  Mein  nächster  Brief 
soll  desto  schneller  folgen.  Mit  schuldigster  Hoch- 
achtung habe  ich  die  Ehre  zu  beharren 
Ew.  Hochwohlgeboren 

gehorsamster  Dr. 
Grimm. 

N.  S.  ich  wohne  fortwährend  riie  de  VuniversiU 
no  7.  Schwerlich  werde  ich  unter  drei  Wochen, 
gewisz  nicht  vor  14  Tagen  abreisen  können,  es 
mtiszte  sich  denn  etwas  auszerordentliches  zutragen. 
Also  wird  [mich]  die  Antwort  auf  gegenwärtigen 
Brief  vermuthlich  noch  treflFen. 

Hr.  von  Bothmer  soll  hier  seyn,  um  gegen 
den  in  dem  traurigen  Zwist  zwischen  Kurprinz 
und  Kurprinceszin,  wonach  mich  hier  jedermann 
fragt,  vorgeschlagenen  preusz.  Vermittler,  Fürsten 
V.  Wittgenstein  aus  Berlin  Einsprache  zu  thun. 
Das  Nähere  ist  mir  unbekannt. 

Anlage : 
Sire 
Le  Soussigne  charge  par  S.  A.  R.  TElecteur 
de  Hesse  de  reclamer  differens  objets  d'art  enleves 
et  transport^s  en  France,  prend  la  Hbert^  d'avoir 
recours  immediatement  ä  Votre  Majeste  Imperiale 
dans  un  cas,  oü  il  parait  n^etre  reserv^  qu^ä  Elle 
meme,    d'ordonner    et  de   faire   executer  une  juste 


y  Google 


28  II-    J-  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

reparation.  Le  fait,  qu^il  aura  ä  exposer,  est  aussi  simple, 
que  le  droit  incontestable,  sur  lequel  ce  fait  repose. 

La  Hesse  enyahie  en  1806  se  vit,  ä  la  suite 
de  la  plus  injuste  aggression  et  des  dispositions 
les  plus  dures  prises  contre  eile,  privee  de  presque 
toutes  les  coUections  precieuses,  dont  ses  piinces 
Pavaient  eurichie  pendant  une  longue  serie  d^annees. 
La  süperbe  galerie  des  tableaux  fut  un  des  premiers 
objets,  qui  attirerent  la  cupidit^  de  Toppresseur. 
La  proie  comme  taut  d'autres  arriva  ä  Paris,  cetfce 
fois  cependant  eile  n^entra  pas  totalement  dans  le 
grand  Mus^e,  mais  tout  ce  qu^elle  contenait  de  plus 
precieux,  les  quatre  Claude  Lorrains,  le  fameux 
Pott  er  et  beaucoup  d'autres  tableaux,  dont  il  serait 
superflu,  de  faire  ici  Tenumeration,  furent  exposes 
au  chateau  de  Malmaison.  L'on  apprit  depuis, 
que  Bonaparte  les  avait  donnes  ä  Josephine, 
son  epouse. 

Les  trois  demieres  annees  ont  ramene  la  justice 
en  Europe.  Y-aurait-il  de  plus  sacree  que  celle  qui 
doit  s'^tendre  aux  monumens  d'antiquite  et  d'art, 
propriete  inviolable  et  inappreciabie  des  etats,  qui 
Tont  acquise  ä  juste  titre?  Aussi  la  restitution  de 
ces  objets  a-t-elle  6t6  g^n^ralement  reconnue  et 
admise  en  principe  et  plusieurs  princes  Tont  ddja 
fait  valoir  ayec  tout  le  succes,  auquel  on  etait  fond^ 
ä  s'attendre.  Si  des  gouvememens ,  dont  les  pro- 
vinces  avaient  et^  ced^es  en  vertu  de  trait^s  solem- 
nels  et  qui  se  voyaient  forc^s  ä  conclüre  la  paix 
avec  la  France  sans  pouvoir  s'opposer  aux  enl^vemens 
exerc^s  dans  leurs  mus^es,  si  ces  princes  revendiquent 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  29 

mainteiiant  leur  propriet^;  les  titres  et  les  recla- 
mations  de  TElecteur  de  Hesse  dolvent  ^tre  d^autant 
moins  ^quivoques  et  acqu^rir  d^autant  plus  de  force, 
qne  ce  prince  n^a  Jamals  renonc^  ä  ses  etats  dans 
aucun  traite  et  qu^il  n^est  Jamals  entr^  en  negoclatlon 
avec  Temieml.  L^acte  de  donatlon,  qul  pourralt 
etre  pr^text^  pour  les  coUectlons  de  Malmalson, 
suppose  qu^effectlyement  eile  eüt  eu  lleu,  ne  sauralt 
deroger  en  aucune  manlire  au  droit  du  yral  pro- 
prietalre,  pulsqu'U  est  constant  que  ce  demier  ne 
peut  Jamals  souffirlr  par  Pallenatlon,  que  Flnjuste 
possesseur  voudralt  faire  de  la  chose  mal-acqulse. 
Celul-ci  n^ayant  pas  la  proprlet^,  ne  pourra  non  plus 
la  transferer  sur  un  trolsl^me. 

II  etalt  ä  pr^Yolr,  que  la  famllle  Beauharnals, 
herltl^re  de  Josephine  et  sans  doute  Inform^e  de 
la  y^ritable  condltlon  des  tableaux  en  questlon,  ne 
negllgeralt  rlen  pour  les  soustralre  ä  une  juste  re- 
clamatlon.  En  eiBTet,  non  seulement  eile  les  fit 
cacher  et  elolgner  de  Malmalson,  mals  eile  eut  encore 
soln,  de  repandre  le  brult,  que  V.  M.  J.  les  avalt 
falt  acheter  et  les  enverralt  en  Bussle.  Gette 
assertlon,  ä  laquelle  pendant  longtems  personne  ne 
pouvalt  attacher  fol,  n^est  cependant  pas  encore  de- 
mentle  et  le  cbevaller  Soulange,  actuellement 
Charge  des  affaires  de  cette  famllle,  declinant  de 
l'avouer  publlquement,  va  meme  jusqu'ä  dlre ,  qu'il 
n^a  aucune  connalssance  de  cette  coUectlon  de  tableaux, 
ce  qu^ü  seralt  presqu*  absurde  de  vouloir  refnter. 

La  famllle  Beauharnals  tout  en  se 
pr^valant    de   telles  excuses   et  en  osant  proposer 


y  Google 


30  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Tachat  d^une  coUection  de  tableaux,  qni  ne  Itd 
appartenait  point,  a  Äipäre,  que  V.  M.  J.  ne  aerait 
pas  mise  au  fait  des  circonstances. 

C'eat  vous  Sire,  qui  pendant  tonte  votre  marche 
glörieuse  et  bienfaisante  ayez  suivi  et  pour  ainsi 
dire  recondnit  la  morale  dans  la  politique.  Vous 
ne  souffirirez  jamais,  qu^il  se  commette  un  acte 
d^injustice  ouverte  et  qu^un  pays  accabl^  de  souff-' 
rances,  mais  tonjours  fid^le  ä  la  bonne  cause  ne  soit 
pas  redintegr^  dans  la  jouissance  d^un  bien,  dont 
il  a  toujours  conserv^  le  souvenir.  Vous  aimerez 
mieux,  faisant  preuve  de  cette  noble  generosit^,  qui 
Yous  a  excit^  Tapplaudissement  du  monde,  vous 
concilier  encore  dans  cette  occasion  la  reconnaissance 
de  la  Hesse,  j^ose  dire  de  Allemagne  entiäre, 
dont  le(s)  regard  ne  laisse  pas  d'Stre  fix^  sur  le  sort 
de  ces  tableaux  uniyersellement  connus.  Qu^il  soit 
permis,  d^ajouter  la  simple  mais  frappante  obser- 
Tation,  que  si  rentiere  collection  avait  rest^  au 
mus^e  de  Paris,  eile  nous  aurait  deja  et^  restitu^e 
dans  ce  moment,  ainsi  que  Test  r^ellement  la  partie 
qui  s^y  trouvait.  Gomment  et  par  quelle  raison  le 
senl  hazard,  quila  condnisit  ä  Malmaison,  saurait- 
il  affaiblir  ou  diminuer  la  legitimit^  de  nos  droits? 

Sire,  les  ^y^emens  pressent ;  apr^s  le  depart  des 
troupes  alli^es  de  la  capitale  de  France,  il  se 
presenterait  d^autres  obstacles  et  par  de  nouvelles 
intrigues  la  famille  Beauharnais  tacherait  de  se 
maintenir  en  possession.  G^est  donc  cette  necessite 
d'^viter  un  plus  long  retard  qui  a  iorc6  le  soussign^ 
de  soUiciter  la  puissante  intervention  de  V.  M.  J. 


y  Google 


n.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  31 

pendant  mdme  qu^Elle  est  en  yoyage.  U  se  flatte 
ayec  la  plus  entiäre  conyiction,  qu'  Elle  daignera 
donner  Tordre  pour  que  la  restitution  des  tableaox 
provenant  de  Gas  sei  et  tomb^s  dans  les  mains  de 
la  famille  Beauharnais  ^oit  faite  et  execnt^e 
sans  obstacle.  S.  A.  B.  TElecteur,  qui  certaine- 
ment  avait  pens^  en  enyoyant  ses  commissaires  ä 
Paris,  que  la  seule  justice  de  la  cause  triompherait 
de  toutes  les  difiPicult^s,  sera  penetr^e  de  la  plus 
viye  gratitude  enyers  V.  M.  J.  en  apprenant,  qu^Elle 
aura  bien  youlu  par  une  resolution,  digne  d^EUe 
faire  droit  ä  une  reclamation  fond^e  ä  tous  les 
^gards  contre  des  pretentions  egalement  condem- 
nables  sous  le  rapport  de  la  justice  que  celui  de 
Tequit^  politique.    Je  suis  ayec  un  profond  respect 

Sire  de  Y.  M.  J.  le  tr^  humble  et  tr^s  soumis 
seryiteur 

Grimm, 

Secr^taire  de  la  leg.  ^lectorale  de  Hesse  et  charg^, 

apr^s  le  depart  de  Mr.  le  Cons.  int.  B^^  de  Carlsb. 

des  affaires  de  S.  A.  B. 

Paris,  ce  29.  Sept.  1815. 

Bericht  2. 

Paris,  5.  October  1815. 
Hochwohlgeborener 

Hochzuyerehrender  Herr  Geheimerath! 
Es  ist  nun  keinem  Zweifel  mehr  unterworfen, 
dasz  die  Basis  des  Friedens  unterzeichnet  worden 
sej ;  Hauptbedingungen  deszelben  sind :  Abtretung  yon 


y  Google 


32  II'   J*  Grimms  Mission  nach  Paris  1815. 

Saarbrück  und  Saarlouis,  der  ganze  Strich  längs  der 
Saar  fällt  an  Preuszen;  Oesterreich  erhält  definitiv 
nicht  blos  Landau  (weswegen  es  ohne  Zweifel  auch 
Mainz  fortwährend  beseiten  wird)  sondern  auch 
Hüningen,  das  jedoch  geschleift  werden  soll.  Die 
an  die  Niederländer  zu  cedirenden  Festungen  und 
Districte  weisz  ich  nicht  genau  anzugeben.  Die 
Gontribution  soll  700  Mill.  Fr.  betragen,  übersteigt 
mithin  den  Jahresbetrag  der  Einkünfte  des  jetzigen 
Frankreichs  nur  etwa  um  100  Millionen;  also  ge- 
wisz  gar  keine  mit  dem  was  einzelne  deutsche 
Länder  haben  zahlen  müszen  im  Yerhältnisz  stehende 
Auflage.  Zur  Sicherstellung  werden  150,000  Mann, 
wozu  Oestreich ,  Buszland ,  Preuszen  und  England 
jedes  30,000  die  deutschen  Bundesfürsten  gleichviel 
stellen  sollen,  gewisze  Landstriche  Frankreichs  be- 
setzt halten.  Einzelne  Puncte  und  Bestimmungen 
werden  noch  in  diesem  Augenblick  überlegt  imd 
unterhandelt.  Obgleich  man  diesen  Frieden  fOr 
keinen  Deutschland  schimpflichen  halten  kann,  so 
erreicht  er  doch  unsere  Erwartungen  lange  nicht, 
und  die  allgemeine  Stimmung  wird  mit  ihm  unzu- 
frieden seyn.  Der  König  v.  Preuszen  ist  fort- 
während noch  hier,  nachdem  er  schon  vorgestern  seine 
Revue,  aber  ganz  in  der  Nähe  der  Hauptstadt  abge- 
halten. Von  einem  Tag  zum  andern  schiebt  sich  seine 
Abreise  auf  und  er  wird  auch  über  Brüszel  gehen,  ver- 
muthlich  also  nicht  über  Dijon.  Fürst  Staats 
Ganz  1er  soll  Paris  den  13.  oder  14.  d.  M.  zu 
verlaszen  Willens  sein ;  Alles  übrige  dürfte  dann  sehr 
schnell  nachfolgen. 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  33 

Der  päbstlicbe  Abgesandte  Ganova  hat  endlich, 
besonders  durch  England  unterstützt,  im  Museum  zu 
räumen  angefangen,  dann  ist  es  sehr  rasch  gegangen. 
Apollo  und  die  Transfiguration ,  um  von  Antiken 
und  Gemählden  gleich  die  Hauptsache  zu  benennen, 
sind  gepackt  und  fort;  nunmehr  ist  das  Museum, 
die  gern  sogenannte  europäische  Eunstkammer,  ent- 
schieden zu  Grunde  gerichtet.  Den  venediger  Löwen, 
übrigens  von  keinem  Eunstwerth,  haben  die  Oest- 
reichör  beim  Abnehmen  zerbrochen;  die  Pferde,  wie 
ich  bereits  glaube  gemeldet  zu  haben,  sind  mit  ver- 
dienterer Vorsicht  behandelt  worden.  In  der  Bib- 
liothek wird  Ganova  heute  angehoben  haben;  die 
früheren  oestreich.  Reclamationen  von  Büchern  und 
Hss.  für  Italien  leitete  ein  Freiherr  von  Orten- 
fei s.  Dem  gleichfalls  hier  anwesenden  Heidelberger 
Professor  Wilken  wird  von  Preuszen  besonders, 
jedoch  auch  von  Oestreich  und  England  einiger- 
maszen  Vorschub  in  seinem  Versuch  gethan:  ob  man 
dem  Pabst  nicht,  weniger  aus  einem  diplomatischen 
Grunde,  als  aus  dem  der  Dankbarkeit  (die  etwas 
sehr  undiplomatisches  ist)  für  so  mancherlei  wichtigere 
Restitutionen  die  Herausgabe  der  bekanntlich  im 
80jährigen  Erieg  aus  Heidelberg  geschleppten 
Universitätsbibliothek  zur  Bedingung  machen  könne? 
Ganova  scheint  wirklich  darauf  einzugehen,  die 
Sache  wäre  für  die  'Deutsche  Gelehrsamkeit  von  den 
erwünschtesten  Folgen,  in  sich  selbst  aber  das  kaum 
erhörte  Beispiel  einer  seit  fast  200  Jahren  wieder 
gültig  gewordenen  Reclamation.  Uebrigens  darf 
man  diese  Universitätsbibliothek   mit  der   späteren 

E.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Grimm.  3 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


34  II*  J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Palatinatbibliothek,  welche  unter  Orleans,  Heszen 
und  Brandenburg  vertheilt  wurde,  nicht  yerwechseln; 
jene  hängt  mit  dieser  Erbschaft  gar  nicht  zusammen. 

Die  Einleitung  meines  eigentlichen  hiesigen  Ge- 
schäfts, nämlich  die  Beitreibung  von  Handschriften 
zur  Gompensation  andrer  Eunstgegenstände,  ist  leider 
noch  wenig  vorgerückt  imd  findet  auf  allen  Seiten 
Anstosz. 

Die  Soldangelegenheit  hat  sich  immer  noch 
nicht  entschieden,  weil  man  ihre  Beendigung  mit 
der  Nachforderung  des  für  die  unter  Oestreich 
gestandenen  Bundsfürsten  Contingente  zu  verlangen 
vergeszenen  habillement's  verbunden  hat.  Ver- 
muthlich  fallen  die  kleinem,  dahin  zu  rechnenden 
Fürsten  nun  gänzlich  durch,  während  Baiern  und 
Würtenberg  sich  besonders  vorgesehen  hatten.  Man 
ist  hier  sehr  unwillig  über  unterschiedliche  Bundes- 
staaten, die  ihre  Truppen  höchst  unvollständig  ge- 
stellt hatten  und  nun  dennoch  den  Sold  für  das 
ganze  Gontingent  ansprechen.  Mecklenburg  trifft 
der  Vorwurf  ganz  besonders  und  es  dürften  ihm 
vielleicht  einige  Bedingungen  über  die  Verwendung 
der  zu  beziehenden  Summe  gemacht  werden.  Wir 
Heszen  stehen  in  der  Hinsicht  gut,  wenn  wir  in 
anderer  nur  nicht  zu  Wien  unser  Gontingent  selbst 
auf  7500  Mann  beschränkt  hätten,  während  und 
indem  wir  12,000  ausrücken  lieszen! 

Ueber  die  anderen  mir  aufliegenden  Geschäfte 
berichte  ich  mit  einer  der  nächsten  Posten;  der  Er- 
folg meiner  darin  gethanen  Schritte  ist  gerade  noch 
nicht  zu  einem  Anfschluss  geeignet.    Morgen  und 


y  Google 


IL  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  35 

übermorgen  erwarte  ich  solchen  und  dann  mag  das 
Datum  des  gepflogenen  Schriftwechsels  allein  schon 
bezeugen,  wie  wenig  ich  bisher  gefeiert  habe.  Ich 
wünsche  nichts  mehr,  als  dabei  noch  ein  oder  das 
andere  taugliche  thun  zu  können. 

Mit  schuldigster  Hochachtung  beharrend 

Ew.  Hochwohlgeboren  gehorsamster  Diener 
Grimm. 

P.  S.  Lord  Wellington  hatte  neulich  im 
Theater  Favart  einen  unangenehmen  Vorfall.  Als 
er  etwas  spät  erschien,  waren  alle  Logen  schon  be- 
setzt; worauf  ihm  Marschall  Grouchy  begegnet 
seyn  und  vorgeschlagen  haben  soll,  in  der  Königl. 
Loge  niederzusitzen.  Als  er  dies  gethan,  erhub  sich 
bald  ein  solches  Gelarm  unter  dem  Volk,  dasz  der 
engl.  Marschall  sich  bewogen  fand,  das  Theater  zu 
yerlaszen.  Den  folgenden  Tag  spielte  eine  Zeitung 
gleich  darauf  an,  ohne  den  Namen  zu  nennen.  Das 
Gbnze  erhöht  die  seit  einiger  Zeit  merklich  ge- 
stiegene Bitterkeit  zwischen  den  Franzosen  und 
Engländern. 

Bericht  8. 

Paris,  den  8.  October  1815. 
Hochwohlgebomer 
Hochzuehrender  Herr  Geheimerath! 

Die  in  meinem  letzten  Schreiben  als  näher  be- 
Torstehend  betrachtete  definitive  Abschlieszung  des 
Friedens  ist   immer  noch  nicht  erfolgt  und  es  gibt 

3* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


36  11-  J-  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

Leute,  welche  sogar  meinen,  dasz  sie  noch  vierzehn 
ganzer  Tage  anstehen,  andere  aber  auch,  dasz  sie 
täglich  erfolgen  könne,  nachdem  sich  diese  oder  jene 
Zufälle  ereignen.  Die  wirkliche  Abtretung  Hüningens 
an  Deutschland  musz  ich  zurücknehmen,  da  es  in 
dieser  Absicht  bei  den  früheren  Gerüchten  der  bloszen 
Schleifung  zu  bleiben  scheint.  Landau  wird  gewisz 
abgetreten,  soll  aber  dem  Vernehmen  nach  von 
Oesterreich  an  Baiem  überlaszen  werden,  das  sich 
von  dieser  Seite  her  ausdehnen,  dagegen  Salzburg 
an  ersteres  zurückgeben  dürfte.  Vielleicht  wirkt 
dieser  Umstand,  insofern  er  Baiems  Neigung,  sich 
auf  der  rechten  Mainseite  auszudehnen,  ableitet, 
günstig  für  unsere  beszere  Ausrundung  in  den  ehe- 
mals fuldischen  Aemtem  und  wenigstens  für  die 
Erwerbung  der  unmittelbar  zwischen  denen  des 
Oberfürstenthums  Hanau  einliegenden.  Es  stehet 
dahin,  ob  auf  dem  zu  eröffiaenden  Frankfurter 
Bundestag  die  nähere  innere  Ländertheilung  sammt 
der  davon  abhängenden  Aufhebung  der  verschiedenen 
drückenden  Provisorien  alsbald  zur  Sprache  kommen 
wird.  Des  Königs  von  Preuszen  Abreise  ist 
nunmehr  erfolgt.  Vorher  wohnte  er  incognito  der 
Eröffnung  der  Cammer  bei.  Die  vom  französ. 
Könige  gehaltene  Bede  und  andere  Umstände  stehen 
in  den  Zeitungen. 

Um  also  zu  unseren  Angelegenheiten  überzu- 
gehen, so  war  mir  1.  in  Absicht  der  aus  den  Pro- 
vincialsammlungen  hierher  zu  schaffenden  21  Ge- 
mählde  vor  allen  Dingen  die  verzögerte  Ankunft 
derjenigen  bedenklich,  welche  nur  in  unbedeutender 


y  Google 


n.  J.  Grimm*8  Mission  nach  Paris  1815.  37 

Entfernung  Ton  Paris  stehen.  Ich  ging  daher  zu 
den  Herrn  Denon  und  Layalee,  wovon  der 
erstere  ganz  gewöhnliche  ausweichende  Redensarten 
vorbrachte,  der  zweite  mir  endlich  zu  meinem  Er- 
staunen versicherte,  dasz  zwar  wegen  der  zu  Stras- 
burg, Lion  etc.  vorfindlichen  Bilder  das  nöthige  zu 
deren  Anherotransport  verfügt  worden  sey,  in  Ab- 
sicht auf  die  in  Fontainebleau  und  Rambouillet 
vorhandenen  aber  deshalb  von  Directionswegen  kein 
Schritt  geschehen  wäre,  noch  geschehen  könnte, 
weil  man  sich  über  königliche  Schlöszer  keinen  Be- 
fehl anmaszen  dürfte.  Was  das  eine  im  Hotel  de 
PEmpire  zu  Paris  selbst  aufgehängte  Bild  betreffe, 
so  stehe  auch  dies  Haus  unter  dem  Ministerium  der 
ausw.  Angel,  und  müsze  bei  diesem  die  etwaige  Er- 
laubnis zur  Abnahme  ausgewirkt  werden.  Um  diese 
habe  ich  nun  alsbald  dem  Herzog  von  Richelieu 
geschrieben,  auch  die  ausbleibende  Antwort  noch 
dieser  Tage  bei  deszen  Principalsecretär  Renneval 
schriftlich  angeregt,  nachdem  mehrere  Versuche, 
persönlich  und  mündlich  die  Sache  schneller  aus- 
zurichten, scheiterten.  Für  die  Bilder  von  Fon- 
tainebl.  und  Rambouillet  drang  ich  vor  allen  Dingen 
und  auf  der  Stelle  auf  Zeugnisze  der  Direction  des 
Museums,  dasz  die  befragten  Gemähide  zu  der  an 
Eurheszen  zu  restituirenden  Sanmilung  gehörten. 
Nach  nochmaligem  Fordern,  weil  mittlerweile  die 
vom  päbstl.  Abgeordneten  Canova  bewerkstelligte 
Hauptausleerung  des  grand  musSe  Unruhe  und  Ver- 
wirrung aller  Art  nach  sich  zog,  erhielt  ich  endlich, 
was  ich  suchte,  und  reichte  sodann  beide  Zeugnisze 


y  Google 


38  U<  J*  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

mittelst  Schreibens  an  den  Orafen  Pradel  ein, 
(mit  dem  hier  unter  mehrem  andern  ziemlich  gut 
auszukommen  ist)  dasz  er  darauf  die  Gonciergen  der 
gedachten  ,  beiden  Schlöszer  zur  Yerauslieferung 
autorisiren  möge.  Dieser  Autorisation  sehe  ich 
nun  stündlich  entgegen  und  werde  sodann  den 
Mahler  Unger,  mit  dem  ich  alles  Nöthige  ver- 
abredet habe,  an  Ort  und  Stelle  reisen,  die  Bilder 
abnehmen  und  anher  schaffen  laszen.  Die  übrigen 
aus  den  Departementen!  treffen  hoffentlich  sowohl 
für  uns  als  für  Preuszen  und  Braunschweig  inner- 
halb acht  Tagen  ein.  Ich  habe  die  preusz.  Behörde 
gebeten,  deszhalb  der  Direction  des  Museums  keine 
Buhe  zu  laszen,  sondern  ihr  zu  drohen,  dasz  im  Fall 
d^  Nichteintreffens  man  sich  auf  andere  Weise 
werde  Sicherheit  nehmen  müszen.  Dann  will  ich 
das  Oanze  noch  vor  meiner  Abreise  einpacken  und 
versenden  laszen.  Bios  wegen  der  beiden  in  Brüszel 
befindlichen Oemählde  von  Titian  und  Tintoretto 
bin  ich,  was  zu  thim  sey?  unschlüszig.  Hierher- 
geschickt werden  sie  vermuthlich  nicht,  weil  die 
brüszeler  Behörde  dermalen  nicht  mehr  unter  Denons 
Befehlen  stehet.  Es  wird  daher  kaum  etwas  anders 
Übrig  bleiben,  als  dasz  ich  bei  meiner  Bückreise 
den  nicht  viel  verschlagenden  Umweg  über  Brüszel 
nehme,  und  mit  den  nöthigen  Zeugnissen  ausgerüstet, 
die  Bilder,  deren  erstgenanntes  zu  den  bedeutendsten 
unserer  Gallerie  [gejhören  musz,  abnehmen  und 
packen  lasze.  Der  Mahler  Unger,  der  überhaupt 
seines  uns  sehr  nützlich  gewordenen  Eifers  wegen 
dem  AUergnädigsten  Herrn  empfohlen  zu   werden 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  39 

verdient,  aber  auch  eben  durch  die  öffentlich  ge- 
leistete Beihülfe  hier  in  Paris  und  unter  den  französ. 
Künstlern  zu  sehr  compromittirt  worden  ist,  um  noch 
langer  hier  bleiben  zu  wollen,  würde  mich  auf  dieser 
Reise  begleiten.  Näheres  werden  die  Umstände  zu- 
künftig erst  bestimmen.  Von  den  aller  dieser  Dinge 
wegen  an  die  franzds.  Behörden  erlaszenen  Schreiben, 
deren  Inhalt  sich  ohnedem  von  selbst  verstehet, 
glaube  ich  nicht  nöthig  zu  haben,  Abschrift  beizu- 
fügen. 

2.  in  der  weit  ungünstiger  stehenden  Malmaisoner 
Oe'mähldeangelegenheit  empfing  ich  bald  Nachricht 
durch  Hm.  Toussaint  von  der  Antwort  des  Grafen 
Gapo  d'Istria  mit  dem  Zusatz,  dasz  er  darüber 
bereits  unmittelbar  an  Ew.  Hochwohlgeboren  ge- 
schrieben habe.  Jene  Antwort  gibt  wenig  Trost 
und  gleicht  einer  bloszen  Wendung,  andere,  unserer- 
seits etwa  zu  thuende  Schritte  damit  zu  verhindern. 
In  Petersburg  nach  Verlauf  eines  halben  Jahrs, 
wenn  der  Kaiser  einmal  zu  Ruhe  gekommen,  auf 
Entschädigung  zu  unterhandeln,  nicht  auf  wirkliche 
Restitution,  würde  meines  Erachtens  aller  schönen 
Versprechung  des  Grafen,  sich  zur  Einleitung  her- 
zugeben, nnerachtet  die  gröszte  Schwierigkeit  haben. 
Man  weisz ,  wie  ungeneigt  uns  der  rusz.  Hof  ins- 
gemein zu  sejn  pflegt.  Ich  bereue  daher  nicht,  den 
unmittelbaren  Schritt  bei  dem  Kaiser  selbst  gethan 
und  darin  absichtlich  die  früheren  bei  dem  Grafen 
Nesselrode  und  Fürsten  Wolkovsky  ignorirt 
zu  haben;  wiewohl  mein  Schreiben  zufolge  seither 
eingezogener  Erkundigung  ihm  vielleicht  nun  erst 


y  Google 


40  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

ZU  Berlin,  statt  zu  Dijon  zukommen  dürfte,  indem 
der  Reisende,  der  es  mitgenommen,  einer  anderen 
Richtung  hat  folgen  müszen.  Ohnedem,  da  die  Ge- 
mählde  selbst  abgereist  sind,  schadet  dieser  Versuch 
in  der  Hauptsache  nichts,  weil  nun  doch  ihrethalben 
in  Paris  selbst  nichts  mehr  auszurichten  gewesen 
seyn  würde.  Auszerdem  habe  ich  nicht  nur  Hrn. 
Toussaint  noch  gebeten,  sich  womöglich  einigen 
Aufschlusz  über  den  Eau^reis,  namentlich  aber 
über  die  Zahl  der  erkauften  Gemähide  aus  der- 
selben Quelle  zu  verschaffen  zu  suchen,  sondern  auch 
geglaubt  mit  dem  Chevalier  Soulange  noch 
einmal  anbinden  zu  müszen.  Ich  fing  damit  an, 
ihm  ziemlich  derb  und  bündig  Antwort  und  Aus- 
kunft abzufordern;  darauf  erfolgte  alsbald  seine  Er- 
klärung, dasz  die  Gemähide  in  Exaft  eines  Kauf- 
vertrags an  Ruszland  abgeliefert  worden  seyen,  wo- 
bei er  sich  auf  eine  ihm  von  dem  preusz.  Gommiszarius 
Herrn  von  Martens  eingehändigte  Liste  bezog. 
Ich  erkundigte  mich  sogleich  und  erfuhr,  dasz 
letztere  keine  andere  gewesen  seyn  könne,  noch  ge- 
wesen sey,  als  die  unsrige ,  verlangte  ihm  indeszen 
in  meinem  zweiten  Schreiben  Mittheilung  und  förm- 
liche Anerkennung  gedachter  Liste  sowie  Bezeugung 
des  geschehenen  Kaufs  sämmtlicher  darauf  ver- 
zeichneter Gemähide  ab.  Auf  das  fehlende  vierte 
Bild,  was  neben  jenen  befragten  dreien  noch  un- 
längst gehangen  inqnirirte  ich  besonders  und  sehe 
nun  einer  neuen  Antwort  des  Herrn  Soulange 
entgegen,  der  inmittelst  nicht  mehr  im  Hause  der 
Caisse    cPamortissementj    sondern    rue    neuve    des 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Miflsion  nach  Paris  1815.  41 

augustins  No.  20  wohnt.  Ich  gestehe,  dasz  es  mir 
kaum  glaublich  erscheint,  alle  diese  48  oder  jetzt  45 
uns  fehlende  Bilder  seyen  jemals  zusammen  in  Mal- 
maison  und  Josephinens  Besitz  gewesen.  Die 
Caritä  des  Leonardo  da  Vinci  erinnert  sich  auch 
niemand  je  wiedergesehen  zu  haben,  weder  daselbst 
noch  anderswo.  Sollte  nicht  sie  nebst  einigen  anderen 
Bildern  von  Lagrange  oder  Martelliere  sonst- 
hin  gebracht  worden  sejn?  Das  wird  sich  yielleicht 
noch  aufklären.  — 

Ich  yerfehle  nicht,  Abschrift  der  soulangischen 
Correspondenz  hier  beizulegen,     [vgl.  S.  45 — 7.] 

Ob  sich  in  Zukunft  statt  der  in  S.  Petersburg 
anzuknüpfenden  Unterhandlung  nicht  mit  mehr  Er- 
folg an  die  Familie  Beauharnais  oder  die  Krone 
Frankreich  selbst  zu  halten  sey?  bleibt  reiferem 
Ermeszen  heimgestellt.  Erstere  wäre  als  mdlae 
fidei  possessor  zu  haften;  letztere  für  den  durch  den 
franzOs.  General  verursachten  so  ansehnlichen  Schaden 
umso  mehr  einzustehen  schuldig,  als  das  Princip 
der  Wiederherausgabe  der  Kunstwerke  bestimmt 
durchgefOhrt  worden,  das  der  Gompensation  ab- 
handen gekommener  vielleicht  noch  durchzusetzen 
ist.  Dazu  tritt,  die  Familie  Beauharnais  soll 
auch  die  Einrede  fOr  sich  haben,  dasz  ihr  diese 
Bilder  nicht  pure  geschenkt ,  sondern  zur  Tilgung 
einer  andern  Forderung  an  den  französ.  Staat  ge- 
geben worden  wären.  Aus  diesem  Grund  seyen 
auch  frohere,  wirklich  stattgehabte  Versuche  der 
französ.  Minister  gescheitert,  welche  die  Sanmilung 
lieber     im     groszen    Museum,     als     im    Schlosz 


y  Google 


42  ^  ^'  Orimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

Malmaison  gesehen,  es  aber  nie  dahin  gebracht 
hätten. 

Beim  Fürsten  Hardenberg  war  ich  wieder- 
holt, allein  man  kommt  nie  vor;  ich  bin  indeszen 
leider  überzeugt,  dasz  die  allürten  Minister  zu  gar 
keinem  für  diese  Sache  vortheilhaft  zu  brauchend^i 
formellen  Schlusz  oder  selbst  Prinzip  gelangt  sind* 

In  einem  der  hiesigen  Journale,  das  ich  jedoch 
nicht  selbst  gelesen  habe,  erzählte  mir  neulich  der 
preusz.  Minister  yon  Altenstein  eine  Nachricht 
gefunden  zu  haben,  dasz  Kaiser  Alexander 
Gemählde  und  Statuen  aus  Malmaison  käuflich  an 
sich  gebracht  habe.  Yermuthlich  ist  solches  auf 
des  Soulange  Yeranlaszung  eingerückt  worden. 

3.  Ueber  die  Angelegenheit  der  zwei  Eisten  mit 
Pretiosen  erwarte  ich  täglich  Nachricht  oder  Ant- 
wort von  dem  Geh.  Staats-Rath  Grüner,  dem  ich 
gleichfalls,  seit  ich  ihn  gesprochen,  nochmals  ge- 
schrieben habe,  und  der  preusz.  Gesandter  nach 
Dresden  ernannt  worden  ist,  auch  bald  dahin  ab- 
reisen will.  Lagrange  soll  gegenwärtig  hier  seyn 
und  wie  ich  höre  ein  hötel  in  der  rue  8t  Honari 
haben.  Nähere  Auskunft  verspricht  mir  unter 
andern  über  ihn  und  seine  GKlter  Hr.  Godillot« 
ein  firanzös.  Officier  (deszen  sich  Hr.  Minister  v. 
Schmerfeld  vielleicht  noch  erinnert)  der  mir 
neulich  auf  der  Strasze  aufstiesz,  beizubringen.  Ich 
entbehre  leider  den  näheren  Inhalt  der  von  £w. 
Hoch  wohlgeboren  bereits  an  den  General  Lagrange 
erlaszenen,  aber  ohne  Antwort  gebliebenen  Erläsze, 
sehe    ab^    noch   begieriger    den   in   dero    erstem 


y  Google 


IL  J.  Griinm*8  Mission  nach  Paris  1815.  43 

Schreiben  yon  Caszel  aus  mir  zukommen  müszenden 
Instructionen  in  dieser  Sache  entgegen,  beyor  ich 
weiter  schreiten  kann. 

4.  wegen  der  Gapitalienpapiere  erhielt  ich  end- 
lich Yom  Grafen  Pradel  eine  auf  Hm.  Rouxel, 
Chßfdes  Bureaux  du  Domaine  extraord.  verweisende 
Antwort.  Ich  erliesz  unverweilt  an  diesen  das 
Nöthige.  Seine  in  diesem  Augenbb'ck  einlaufende, 
hier  originaliter  beifolgende  Erwiederung  enthält  das 
sonderbare  Ansinnen:  dasz  ich  ihm  gegen  Heraus- 
gabe der  Papiere  zuyor  eine  völlige  Sicherstellung 
der  mit  der  franz.  Administration  abgefundenen  De- 
bitoren leisten  solle.  Dazu  bin  ich  freilich  nicht 
ermächtigt,  würde  gewisz  auch  nie  dazu  autorisirt 
worden  seyn,  weil  es  uns  gerade  auf  diese  Rechte 
der  Dritten  abgesehen  seyn  musz  und  wenn  wir  auf 
unser  stärkeres  dagegen  gelten  zu  machendes  Recht 
entsagen  sollten,  so  möchte  das  Domaine  extra- 
ordinaire  diese  Papiere  immerhin  behalten  oder 
verbrennen.  Ich  werde  zwar  einen  wiederholten 
Versuch  bei  Hm.  Rouxel  machen,  indeszen  um  so 
weniger  hier  gerade  die  strengsten  Mittel  wählen, 
als  Sich  Ew.  Hochwohlgeb.  erinnern  werden,  mir 
gesagt  zu  haben,  dasz  Sie  bereits  auf  anderem  Wege 
sich  die  Resultate  verschafft  hätten,  die  aus  den  be- 
fragten Papieren  folgen  könnten.  Auf  allen  Fall 
dürfte  diese  Angelegenheit  zu  denjenigen  gehören, 
die  noch  späterhin  in  diplomstischer  Unterhandlung 
mit  der  Krone  Frankreich  leichter  als  manche  andere 
betrieben  werden  können. 


y  Google 


44  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Mittlerweile  ist  5.  bereits  vor  einigen  Tagen  der 
kurhesz.  General  Engelhard  mit  einem  kleinen 
Gefolge  Yon  Staabsofficieren  aus  seinem  Haupt- 
quartier hier  eingetroffen,  um  über  nachfolgende 
drei  Puncte,  yermuthlich  mit  der  Kön.  Preusz. 
Generalarmeeintendantur  zu  unterhandeln:  a)  über 
das  Habülement,  b)  den  Sold,  c)  die  eroberten  Ca- 
nonen.  Was  die  beiden  ersten  Puncte  angeht,  schien 
S.  Excellenz  yon  den  desfallsigen  durch  Ew.  Hoch- 
wohlgeb.  geschehenen  Schritten  gar  nicht  unter- 
richtet. Ich  glaubte  bemerken  zu  müszen,  dasz 
solche  bereits  als  abgemacht  und  erledigt  angesehen 
werden  könnten;  (über  das  Detail  der  Soldvertheilung 
werde  ich  yon  einem  zum  andern  Tag  vertröstet) 
der  dritte  Punct  hingegen  durch  persönl.  Be- 
sprechungen mit  dem  Fürsten  Blücher  und  General 
Gneisenau  etc.  nicht  anders  als  gefördert  werden 
würde.  Diese  sollen  sich  denn  auch  darüber  billig 
und  gerecht  geäuszert  haben  und  preusz.  Officiere, 
die  ich  befragt,  bestätigen  mir  stets,  dasz  Heszen 
seinen  Antheil  dieser  Kriegsbeute,  sobald  sie  be- 
stinmit  Yon  Frankreich  abgetreten  worden  wäre,  ge- 
wisz  erhalten  werde. 

Hiermit  schliesze  ich  meinen  heutigen  Bericht, 
den  ein  badischer  Gurier  mitnehmen  soll.  Wie  sehr 
ich  mich  nach  der  Heimreise  sehne  von  hier  weg, 
wo  einem  alles  und  jedes  durch  stetes  Herumlaufen, 
Fahren,  Warten  und  Verweisen  von  einem  Ort  an 
den  andern  erschwert  und  verdorben  wird,  brauche 
ich  kaum  zu  bemerken.  Ein  ganzer  Tag  dieser 
leeren  Fülle   von  Geschäften    führt  oft  zu   keinem 


y  Google 


IL  J.  Qrimm*8  Mission  nach  Paris  1815.  45 

einzigen  Zweck.   Ich  babe  die  Ehre  mit  der  gröszten 
Hochachtung  mich  zu  nennen 

Ew.  Hochwohlgeb. 

gehors.  Dr. 
Grimm. 

N.  S.  Eben  hat  es  wieder  eine  unruhige  Scene 
auf  dem  Pont  S.  Michel  gesetzt.  Das  Volk  drängte 
eine  preusz.  Patrouille,  aber  das  Vorfahren  der  Ca- 
nonen  und  öffentl.  Gewehrladen  stäubte  alles  aus- 
einander. Indeszen  fangen  jetzt  auch  die  National- 
garden an,  feindseliger  und  tückischer  auf  die  alliirten 
Truppen  zu  werden. 

Anlage:  (Ähschriß  des  Briefwechsels  mit  dem  Chevalier 
Soulange.) 

1.  Erläse  an  denselben  vom  4.  Octöber: 
Le  soussign^  est  charg^  de  demander  ä  M^  le 
Ghey.  Soulange  administrateur  des  biens  de  la  famille 
Beauharnais  de  la  maniere  la  plus  formelle:  ou 
que  les  tableaux  provenant  de  la  galerie  de  S.  A. 
B.  TElecteur  de  Hesse  et  plac^s  aprte  leur  enl^ve- 
ment  de  Gassei  ä  Malmaison  soient  restitu^s  ä 
leur  juste  proprietaire  ou  bien,  dans  le  cas  que  la 
totalit^  ou  une  partie  de  ces  tableaux  ne  se  trouvät 
plus  entre  les  mains  de  la  dite  famille  B.  qu^il  lui 
soit  donne  connaissance  positive  de  ce  qu^ils  pourraient 
etre  deyenus.  II  a  l'honneur  d'observer,  que  dans 
le  demier  cas  il  ne  se  contentera  pas  du  pr^texte, 
que  le  sort  de  cette  collection  etait  inconnu  ä  Mon- 


y  Google 


46  ^'  ^'  Orimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

sieur  le  Chevalier  et  il  regretterait  de  se  Yoir 
oblige  d^oser  des  moyens,  qui  sont  en  son  pouvoir 
pour  se  procurer  les  renseignemens  necessaires.  U 
prie  M"^  le  Chev.  d'avoir  la  bonte  de  lui  faire  par- 
venir  sa  reponse  encore  aujourdhui. 

JS.  Anttoort  des  Chevalier,  datirt  vom  iten,  eingegangen 
den  5ten, 
Le  soussign^  ne  peut  pas  repondre  d^une  maniere 
plus  cathegorique  ä  la  note,  que  M'  le  Charge 
d^affaires  Orimm  yient  de  lui  adresser,  qu^en  se 
ref^rant  ä  la  lettre,  qu^il  a  pr^cedemment  ecrite  ä  M^  le 
B<*° deMartens,  Commissaire prussien et par laquelle 
il  a  declar^  ä  ce  demier,  qu^il  etait  ä  sa  connaissance, 
que  certains  tableaux  ajant  autrefois  fait  partie  de 
rancienne  galerie  de  Malmaison  et  design^s  dans 
une  note  plus  ^tendue  par  lui  remise  au  soussigne, 
avaient  et^  livrfe  en  vertu  d'anciennes  Conventions 
d'achat  äS.  M.  TEmp.  de  toutes  les  Bus  sie s  apr^ 
Tentr^e  des  arm^es  ali^es  ä  Paris.  Le  soussigne 
en  se  flattant  que  cette  declaration  ^quivaudra  aux 
renseignemens,  que  Monsieur  le  Gharg^  d^aff.  paratt 
d^sirer,  doit  ajouter,  que  trois  des  susdits  tableaux, 
qui  se  trouvaient  encore  ä  Malmaison  en  ont  et^ 
enl^v^  en  demier  lieu  par  des  commissaires  prussiens 
et  il  ne  lui  reste  qu^ä  le  prier  d^agr^er  Fass.  de  sa 
parfaite  consid^ration. 

Le  Chev.  Soulange  Bodin 

secr^taire  de  cabinet  et  Intendant  g^n^ral 

des  biens  de  S.  A.  le  Prince  Eugene,  ä 

rhotel  de  son  alt.  me  de  Bourbon. 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  47 

3.  Schreiben  an  denselben  vom  6.  Octöber: 
Le  Soussign^  a  eu  Thonneur  de  recevoir  la 
reponse  de  M'  le  Ghevalier  ä  sa  lettre  du  4  Octobre. 
II  doit  maintenant  le  prier  1^  de  lui  adresser  le 
plutöt  possible  copie  de  la  designation  detaill^e 
remise  par  M^  de  Härtens  et  reconnue  y^ritable 
par  M^  de  Soulange,  avec  un  certificat  y  anneze 
portant:  que  tous  les  tableaux  y  compris  ont  et^ 
livres  ä  S.  M.  J.  de  toutes  les  Russies  en  vertu 
dWciennes  Conventions  d^achat.  Ces  tableaux  doivent 
§tre  au  nombre  de  44.  2^  de  lui  donner  quelqu' 
^claircissement  sur  le  tableau  de  Berchem  repr^- 
sentant  un  paysage,  lequel  tableau  pour  s^Stre  trouY^ 
encore  ä  Malmaison  longtems  apr^s  Pentr^e  des 
troupes  alli^es,  en  saurait  aucunement  §tre  compris 
dans  le  nombre  de  ceux  livr^s  älaRussieäla 
dite  ^poque.  Les  commissaires  hessois  Vj  ont  yu 
avec  les  trois  autres,  que  depuis  ils  ont  fait  enlever 
mais  alors  ce  quätrieme  avait  disparu.  Le  soussign^ 
renouvelle  etc. 


Bericht  4. 
Nur  kursf,  dcUirt  vom  9  Od.  1815  hetriß  Conven- 
iicn  Über  2  monatlichen  Sold  und  Kleidung  verschiedener 
deutscher  Contingente,  darauf  hezieht  sich  ein  Bericht 
des  Cammerpräsidenten  v.  Carlshausen  vom  19  Oct.  1815, 
der  in  der  Vorbemerkung  S.  .  .  .  erwähnt  ist. 


y  Google 


48  ^I*  ^'  Grimmas  Miesion  nach  Paris  1815. 

Bericht  5. 

Paris  am  15ien  October  1815. 

HochwoUgebomer  Herr 
Hochzuehrender  Herr  Geheimerath ! 

Zu  meinem  Bedauern  wurde  mir  mein  drittes 
Schreiben  vom  8ten  dieses  einige  Tage,  nachdem 
ich  es  bereits  abgereist  glaubte ,  weil  unterdessen 
aus  der  Gelegenheit  nichts  geworden  war,  wieder 
zurückgestellt,  und  ich  war  genöthigt  es  auf  dem 
gewöhnlichen  Wege  durch  das  Haus  Rothschild  zu 
befördern,  so  dasz  es  erst  nach  meinem  vierten  ein- 
getroffen seyn  wird.  Gegenwärtiges  fönftes  hofflb 
sehr  bald  in  Cassel  anzulangen,  da  es  Hr.  von 
Bodenhausen  mit  demselben  heute  Abend  ab- 
gehenden banöyerschen  Curir,  der  auch  die  aus- 
gewechselte Urkunde  mitbringt,  absenden  will. 

Mit  Vergnügen  habe  ich  die  Ehre  zu  melden, 
dass  ich  vom  Grafen  Pradel  ein  sehr  höfliches 
Schreiben  erhielt,  worin  er  mich  von  den  bereits  an 
die  Gouverneure  von  Fontainebleau  und  Rambouillet 
ergangenen  Befehlen  zur  Abnahmelassung  unserer 
Gemähide  unterrichtete.  Hierauf  sandte  ich  den 
Mahler  XTnger  ohne  Zeitverlust  nach  dem  ersteren 
Ort,  von  wo  er  gestern  Abend  zurückgekehrt  ist 
imd  dort  das  sehr  grosze  auf  Holz  gemahlte  Bild 
von  Rubens  hat  abnehmen  und  in  eine  Kiste  ein- 
packen lassen.  Ich  erwarte  heute  noch  dessen  An- 
kimft.  Mittlerweile  ist  Hr.  XJnger  heute  nach 
Rambouillet,  der  zwei  Bilder  von  Mignon  wegen, 
gefahren  und  gedenkt  morgen   wieder  hier  zu  seyn. 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  49 

Diese  drei  Gemählde  sind  also  so  gut  wie  gerettet 
zu  betrachten  und  ich  freue  mich  die  deszfallsigen 
Schritte  um  so  mehr  gethan  zu  haben,  als  es  täglich 
sichtbarer  wird,  mit  welcher  Saumseligkeit  und 
hinterliegenden  falschen  Absicht  die  Franzosen  die 
Herbeischaffung  der  sogenannten  Departementsbilder 
betreiben.  Jenen  beiden  Schlöszem  war  ohnedem 
so  wenig  als  der  brüszeler  Behörde  nicht  der  mindeste 
Befehl  sur  Ablieferung,  oder  wenn  er  formell  nicht 
stattfinden  konnte,  nicht  die  mindeste  Benach- 
richtigung zugegangen.  Wegen  der  brüszeler  Bilder 
werde  ich  daher  nach  dem  in  meinen  letzten  Briefe 
gemeldeten  und  Aller  -  Höchsten  Orts  hoffentlich 
gebilligten  Vorschlage  verfahren,  vor  meiner  Abreise 
mich  aber  mit  den  nöthigen  Bescheinigungen  von 
Seiten  LavalHes  (dennDenon  hat  den  Abschied) 
versehen,  wo  möglich  auch  noch  mit  der  niederlän- 
dischen Gesandtschaft  hierselbst  Rücksprache  pflegen. 
In  Absicht  der  strasburger  imd  lioner  Gemählde 
hofft  man  dieser  Tage  bestimmtere  Auskunft  zu 
hören:  ob  und  wann  sie  ankonmien.  Im  Fall  der 
Verzögerung  wird  man  preusz.  Seits  vielleicht  einen 
Gomndssarium,  wenigstens  an  ersteren  Ort  abordnen, 
der  die  Bilder  dort  anerkennt  und  dann  sogleich 
nach  Frankfurt  abgehen  läszt.  Diesem  werde  ich 
dann  unser  Interesse  angelegentlich  empfehlen,  und 
die  Gemählde  mit  Hm.  XJngers  Hülfe  auf  das 
möglichste  beschreiben.  Was  in  betreff  des  einen 
toulouser  und  der  vier  lionner  geschehen  kann,  wird 
die  Zeit  der,  immer  noch  nicht  näher  zu  bestimmenden, 
Abreise  von  hier  lehren. 

E.  StangeL    Acten  der  Brüder  Orimm.  4 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


50  n*   ^'  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Zu  Caen  hatten  wir  gleichfalls  ein  wichtiges 
Bild  stehen,  gerade  das  Seitenstück  zu  dem  aus 
Fontainebleau;  es  ist  aber  vor  einigen  Tagen  Mel- 
dung eingelaufen,  dasz  die  Preuszen  bei  ihrem  Abzugs 
dort  alle  Gemähide  eingepackt  und  mitgenommen 
hätten.  Auf  meine  Vorstellung  haben  mir  die  preusz. 
Behörden  alsobald  bestimmt  zugesichert,  dasz  wir 
unser  Bild  unfehlbar  erhalten  sollten  und  vielleicht 
ist  die  ganze  Maasregel  ein  günstiger,  die  Sache 
bef[5rdemder  Umstand  gewesen.  Das  nähere  erwarte 
ich  auch  noch  erst  über  diesen  Vorgang. 

Vom  Ghevallier  Soulange  empfing  ich  gleich 
nach  Abgang  meines  letzten  Schreibens  nach  Caszel 
eine  nochmalige  Antwort,  die  ich  im  Original  bei- 
füge, [fehlt  in  dm  Aden.]  Mittlerweile  wuszte  ich 
durch  Toussaints  Ausmittelung,  dasz  38  Stück 
GeMählde  aus  Malmaison  ftir  den  rusz.  Kaiser  ein- 
gepackt worden  und  in  diesem  Augenblick  bereits 
zu  Havre  befindlich  seyen.  Nimmt  man  an,  dasz 
dieses  lauter  heszische  gewesen,  femer,  dasz  ein 
ruszischer  General,  nach  deszelben  Toussaints 
Versicherung,  voriges  Jahr  auf  seine  eigene  Hand 
vi^  Stücke  mitgenommen;  so  ergibt  sich  mit  Hin- 
zuzählung der  cbrei  uns  wieder  gewordenen  so  ziem- 
lich die  Anzahl  der  fehlenden  Gemähide.  Unter 
diesen  Umständen  halte  ich  mich  überzeug^,  dasz 
gegen  Soulange  mit  Gewalt  nichts  mehr  auszu- 
richten stehe,  sondern  nun  vor  allen  Dingen,  was 
Buszland  thun  oder  nicht  thun  will,  abzuwarten  sey. 
Indeszen  will  ich  nochmals  persönlich  dem  Soulange 
die  Gemähldeliste   vorhalten  und  sehen:    ob  er  mir 


y  Google 


II.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  51 

den  geschehenen  Verkauf  aller  darauf  verzeichneten 
attestiret,  auch  was  er  mir  auf  die  Frage  antworten 
kann:  ob  denn  der  rusz.  Kaiser  zweimal  gekauft? 
und  falls  er  alle  Bilder  gekauft,  warum  er  die 
Wegnahme  dreier  durch  uns  zugelaszen  habe?  Man 
sehe  die  in  Soulanges  Brief  unterstrichenen  Stellen. 

Von  einer  anderen  Seite  wurde  mir  gestern 
Abend  vertraute  Eröffnung  gethan:  Pozzo  di 
Borgo  sey  jederzeit  entschieden  gegen  die  Acqui- 
sition  der  hesz.  Gemähide  gewesen,  Wolkonsky 
und  Neszelrode  aber  dafOr;  des  ersteren  (Wol- 
konskys  Frau)  mit  der  Königin  Hortensia  oder 
einer  ihrer  Damen  genau  bekannt,  habe  lebhaft  in- 
triguirt  und  so  sey  die  Sache  endlich  dabei  geblieben. 
Es  wird  also  nicht  schädlich  seyn,  wenn  ich  an  den 
erstgedachten  hier  anwesenden,  beim  französ.  Hofe 
accreditirten  Minister  schreibe,  und  ihn  um  Unter- 
stützung meiner  an  den  Kaiser  erlaszenen  Vorstellung 
bitte.    Ich  denke  dies  noch  heute  zu  thun. 

Eure  Hochwohlgeb.  erzählten  mir  beiläufig,  dasz 
Lavallee  einen  Marschallsstab  und  Scepter,  in  der 
Meinung,  dasz  solche  heszisches  Eigenthum  wären, 
an  uns  ausgeliefert  hätte.  Bald  darauf  hörte  ich, 
dasz  der  Fürst  Putbus  beide  Stücke  auf  das  an- 
gelegentlichste reclamirte,  ersteren  als  den  pom- 
merischen  Erbmarschallsstab,  letzteren  als  den  ihm 
ebenfalls  zuständigen  Scepter  Gustavs  Wasa.  La- 
vallee hat  darauf  endlich  Ew.  Hochwohlgeb.  aus- 
gestellte Quittui^  vorgelegt  und  der  geflügelte 
Löwe,  (oder  Greif)  beweist  deutlick  den  nicht  hess- 
ischen,    sondern     pommer»ehen    Ursprung.      Der 

4* 

Digitizedby  VjOOQIC      -— ■■ 


52  U*   J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Minister  Altenstein  hat  mich  also  ersucht,  Ew. 
Hochwohlgeb.  hiervon  zu  unterrichten  und  zu  bitten, 
dasz  beide  Stocke  mit  sicherer  Gelegenheit  an  das 
Eon.  preusz.  Hofmarschallamt  zu  Berlin  (zur  Abgabe 
an  Hm.  Rechnungsrath  von  Schütz,  der  das  weitere 
besorgt)  abgesendet  werden  mögen. 

In  der  Truppensoldangelegenheit  ist  die  Aus- 
stellung der  Zahlungsmandate  inmier  noch  nicht 
erfolgt.  Ich  bedauere  sehr,  in  dieser  Sache  nicht 
instruirt  zu  seyn,  namentlich  nicht  über  den  Punct: 
wer  unsrerseits  zur  Empfangnahme  der  Mandate 
autorisirt  ist?  Ohne  eine  solche  Autorisation  würden 
sie  die  Franzosen  nicht  aushändigen.  Den  Staats- 
rath  Bippentrob  habe  ich  noch  jedesmal  verfehlt,  so 
oft  ich  zu  ihm  gegangen,  übrigens  weisz  er  meine 
Adresze.  Baiem  imd  Würtenberg  (also  auch  Darm- 
stadt) scheinen  die  Sache  am  besten  und  practisch 
angegriffen  zu  haben;  gegen  77o  Verlust  sind  ihnen 
sofort  zahlbare  Wechsel  auf  Frankfurt  gestellt 
worden.  Preuszen  hat  zwar  nur  mit  2  7o  Verlust 
jene  Mandate  an  französ.  Handelshäuser  verkauft, 
diesen  aber  auch  den  wirklichen  Eingang  der 
Gelder  garantiren  müszen.  Und  wer  weisz,  was 
sich  nach  Ablauf  der  ersten  Termine  ereignen  kann, 
selbst  ohne  an  neue  Staatsumwälzung  zu  denken 
bei  der  bekannten  französ.  perfidia  in  servandis  pro- 
promissis. 

Die  süddeutschen  Fürsten  scheinen  wie  bereits 
gemeldet,  durch  Oestreichs  Fahrläszigkeit  die  fünf /q 
Zuschusz  beim  habülement  einzubüszen. 


y  Google 


II.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  53 

Den  Fürsten,  die  ihre  Gontingente  so  unvollständig 
gestellt  haben,  will  man  zwar  an  der  Somme  nichts 
abziehen,  allein  es  wird  dadurch  eine  auf  dem 
Bundestag  bald  zur  Sprache  zu  bringende  strengere 
deutsche  Eriegsordnung,  welche  für  die  Zukunft  der- 
gleichen Miszbräuchen  vorbeugt,  veranlaszt  werden. 

Die  in  öffentl.  Zeitungen  erwähnte  Bestellung 
des  Frbrn.  von  Stein  zum  preusz.  Hauptminister 
auf  den  Bundestag  scheint  nichts  weniger  als  aus- 
gemacht. Der  Geh.  Rath  von  Küster  dürfte,  wie- 
wohl mit  eingeschränkterer  Macht,  zu  diesem  Posten 
gebraucht  werden,  und  Humboldt  vielleicht  die 
Versammlung  blos  erö£Fhen  und  nachher  zur  tiesandt- 
schaft  an  den  französ.  Hof  zurückkehren. 

Der  General  Engelhardist  bereits  vor  mehreren 
Tagen  in  sein  Hauptquartier  Bhetel  zurückgereist. 
Von  allen  Seiten  her  wird  mir  versichert,  dasz 
Heszen  nicht  um  seinen  verdienten  Theil  der  eroberten 
Ganonen  kommen  solle. 

Um  die  gute  Gelegenheit  nicht  zu  verfehlen, 
habe  ich  zu  diesem  Schreiben  kein  Concept  vorher 
entwerfen  können  und  musz  mir  daher  den  Nachtrag 
der  etwa  übersehenen  Umstände  vorbehalten.  Noch 
bis  auf  diesen  Augenblick  sehe  ich  der  ersten  Nach- 
richt von  Dero  Wiederankimfl  in  Gaszel  und  den 
weiteren  Instructionen  entgegen. 

Mit  der  vollkommensten  Hochachtung  habe  ich 
zu  seyn  die  Ehre 

Ewer  Hochwohlgeboren 

gehorsamster  Dr. 

Grimm. 


y  Google 


54  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

N.  S.  80  sehr  sich  die  Beendigung  des  Friedens 
und  unsere  Abreise  verzieht,  hoflFe  ich  doch  in  Zeit 
Ton  14  Tagen  Paris  yerlaszen  zu  haben. 

Bericht  6. 

Paris,  20.  Oct.  1815. 

Hochwohlgebomer 

Hochzuverehrender  Herr  Geheime  Rath! 
Vergeblich  habe  ich  dieser  Tage  einem  Schreiben 
Ew.  Hochwohlgeb.  entgegengesehen,  und  nähere 
darin  für  mich  enthaltene  Instructionen  erwartet. 
Wenn  ich  annehme,  dasz  dero  Ankimft  in  Gaszel 
bereits  um  den  4*®"  oder  5*®"*  erfolgt  seyn  musz, 
könnte  der  Zeit  nach  längst  die  Antwort  auf  meine 
Briefe  eintreffen  und  ich  musz  lediglich  dafOr  halten, 
dasz  man  dort  meine  Abreise  als  immittelst  eingetreten 
angesehen  hat,  während  sich  hier  der  definitive  Ab- 
schlusz  des  Friedens  von  einem  Tag  zum  andern 
schiebt  und  schwerlich  vor  Ausgang  dieses  Monats 
statthaben  dürfte.  Es  scheint  nämlich  alles  im 
Beinen  bis  auf  den  schwierigen  Punct  der  zahl- 
reichen Privatreclamationen ,  derentwegen  Hum- 
boldt mit  dem  Staatsrath  Portal  Unterhandlung 
pflegt.  Letzterer  ist  aus  Bordeaux  und  wird  als 
braver  Mann  gerühmt.  Dem  Vernehmen  nach  wird 
die  Tilgung  solcher  Privatforderungen  erst  nach  dem 
Abtrag  der  öffentl.  Gontribution  geschehn;  allein 
erstere  stehen,  meiner  Ansicht  nach,  dennoch  beszer 
als  letzt^e,  weil  sobald  sie  einmal  anerkannt  sind, 
ein  vielleicht  nicht  unmöglicher  Begierungswechsel 


y  Google 


II.  J.  Grimmas  MiBsion  nach  Paris  1815.  55 

weniger  schädlichen  Einflusz  auf  ihre  Bezahlung 
äuszem  wird,  als  auf  die  der  an  ganze  Staaten  zu 
entrichtenden  Summen.  —  Die  öffentl.  Papiere 
waren  diese  Tage  her  bedeutend  gefallen,  doch  yer- 
muthet  man,  dasz  sie  wieder  steigen  werden,  wenn 
schon  nicht  so  hoch,  als  sie  vor  14  Tagen  standen. 

Den  Abgang  aller  Vorschrift  vermisze  ich  be- 
sonders in  Hinsicht  der  Soldangelegenheit.  Die 
Zahlung  und  Austheilung  der  Mandate  musz  nun 
bald  beginnen  und  ich  werde  jpreusz.  Seits  ver- 
schiedentlich befragt:  ob  ich  die  nöthigen  Voll- 
machten habe?  Ich  befragte  vor  einigen  Tagen 
Rothschild:  ob  er  von  Ew.  Hochwohlgeb.  des- 
halb beauftragt  worden  sey?  er  verneinte  es  aber. 
Im  Nothfall  werde  ich,  da  das  Abwarten  einer  selbst 
j>.  Estafette  einzuhohlenden  Antwort  zu  viel  2jeit- 
verlust  nach  sich  ziehen  würde,  mich  mit  Hrn.  von 
Bodenhausen  und  andern  Bekannten  über  das, 
was  zu  thun  ist,  berathen.  —  Würtenberg  und 
Baiern  sollen  dadurch  hierbei  ansehnlich  gewonnen 
haben,  dasz  sie  ihre  Truppenzahl  über  den  eflTectiven 
Stand  hinaus  angeschlagen. 

Was  das  häbiUement  betrifft,  setze  ich  voraus, 
dasz  Ew.  Hochwohlgeb.  bereits  alles  nöthige  be- 
zogen und  verrichtet  haben. 

Hr.  ünger  hat  auser  dem  Rubens  in  Fontaine- 
bleau  nun  auch  die  beiden  Mignons  in  Rambouillet 
abgeholt  und  letztere  mit  den  neuen  Rahmen  em- 
pfangen, wie  ich  ihm  denn  aufgetragen  hatte,  auf 
solchen  mitzubestehen.  Ich  werde  sie  nicht  eher 
absenden,   als  bis  der  Rembrand  aus  dem  hatel  de 


y  Google 


56  n>  J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Vempire  dazu  gekommen  ist.  Dieser  kostet  aber 
viel  Mühe.  Weder  zwei  Schreiben  an  den  Herzog 
y.  Richelieu,  noch  eins  an  seinen  Principal- 
secretär,  noch  mehrmalige  persönliche  Versuche 
Audienz  zu  erlangen,  haben  Wirkung  gethan.  In 
dieser  Verlegenheit  habe  ich  in  einer  schriftl.  Note 
den  preusz.  Minister  v.  Altenstein  um  Verwendung 
gebeten,  der  denn  auch  gestern  das  mir  in  Copie 
mitgetheilte  (hier  angeschloszene)  Schreiben  [fehU 
in  den  Acten]  an  den  Herzog  mit  groszer  Bereit- 
willigkeit erlaszen  hat. 

Da  die  Provincialgemählde  ausbleiben,  wird 
man  preusz.  Seits  vielleicht  dieser  Tage  wenigstens 
nach  Strasburg,  wo  die  meisten  hängen,  einen  be- 
sonderen Abgeordneten  senden,  der  dortselbst  die 
Einpackung  besorgen  soll.  Ich  werde  nicht  mangeln, 
ihm  eine  genaue  Beschreibung  unserer  Bilder  mit- 
zugeben und  ihn  zu  deren  Abnahme  zu  ermächtigen. 
Alsdann  wird  er  solche  auf  dem  Rhein  und  Main 
nach  Frankfurt  senden,  und  ich  lasze  die  Spedition 
an  das  Haus  Rothschild  zur  weiteren  Beförderung 
und  Bezahlung  der  Fracht  geschehen. 

Wegen  der  malmaisoner  Bilder  habe  ich,  auf 
die  erhaltene  Nachricht  von  des  Ministers  P  o  z  z  o 
di  Borgo  Denkungsart  über  diesen  Punct,  nicht 
für  unpaszend  gehalten,  demselben  Copie  des 
Schreibens  an  den  Kaiser  mittelst  des  hier  abschrifikl. 
angefügten  Briefs  [^Anlage  AJ]  zu  senden.  Eine  Ant- 
wort ist  noch  zur  Zeit  nicht  erfolgt  und  er  mag  sich 
wohl  nicht  gern  über  diese  delicate  Sache  blos  geben. 

In  Hinsicht  der  Gapitalienpapiere  habe  ich  einen 


y  Google 


n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  57 

nochmaligen  Schritt  versucht  Ich  hörte  aus  dritter 
Hand,  dasz  vielleicht  doch  noch  wichtige  Ver- 
briefungen für  uns  dahinter  stecken  könnten  und 
schrieb  darum,  nicht  an  Bouzel  sondern  wiederum 
an  Pradel  abschriftlich  anliegenden  Brief,  den  ich 
gleichfalls  Hm.  Min.  von  Altenstein  [Anlage  Ä.] 
zu  unterstützen  ersuchte.  So  viel  ich  weisz,  ist 
letzteres  auch  bereits  geschehen. 

Ich  glaubte  endlich  des  Generals  Lagrange 
Adresze  erforscht  zu  haben  und  erliesz  ein  nach- 
drückliches Monitorium.  Allein  meine  Kundschaft 
war  wiederum  trügerisch  nur  die  originaliter  hier 
beigesKihloszene  Antwort  des  Marquis  La  Grange 
[fehU  in  den  Aden]  belehrte  mich  nicht  nur  meines 
Irrthums,  sondern  wies  auch  aus,  dasz  Ew.  Hoch- 
wohlgeb.  auf  die  nämliche  falsche  Spur  gerathen 
waren.  Die  beiliegende  Antwort  [fehW]  hatte  gedachter 
Marquis  aus  ünkunde  der  Adresze  nicht  besorgen 
können.  Auf  sein  Billet  nahm  ich  Anlasz,  den  Irr- 
thum  sogleich  zu  entschuldigen  und  ihn  um  Anzeige 
der  Wohnung  des  Grafen  Lagrange  zu  bitten, 
habe  aber  darauf  keine  Erwiederung  erhalten. 

Schlieszlich  bin  ich  so  frei  einen  Brief  an  meinen 
Bruder  zur  gütigen  Abgabe  einzufügen,  und  zu 
bitten,  allenfallsige  Antwort  nicht  direct  an  mich, 
sondern  an  Rothschild  zu  adresziren,  damit  im 
Fall  meiner  früheren  Abreise  die  Briefe  nicht  in 
unrechte  Hand  fallen. 

Der  ich  die  Ehre  habe  mit  vollkommenster  Hoch- 
achtung zu  bestehen 

Ew.  Hochwohlgeboren  gehorsamster  Dr  Grimm. 


y  Google 


58  II*   J-  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Anlage  A. 
Copie  de  la lettre  ä  M^- le  B<*"*  Pozzo  di  Borge, 
Ministre   de  S.  M.  J.  de  toutes  les  R.  pr^s  la  cour 
de  France: 

Monsieur  le  Baron!  Yotre  Ezcellence  est  saiiB 
doute  inform^e  du  sort  des  tableaux  provenant  de 
lagalerie  de  Cassel  et  plac^s  depuis  äMalmaison. 
Elle  en  sera  mieux  encore  instruite  par  la  lettre, 
que  j^ai  pris  il  y  a  quelque  tems  la  liberte  d'ecrire 
immediatement  ä  S.  M.  J.  de  toutes  les  Bussies 
et  dont  j^ai  Thonneur  de  Lui  adresser  ci  Joint  la 
copie. 

Apres  plusieurs  demarches  inutiles  et  dans  la 
necessite  ou  j'etais,  de  ne  plus  perdre  du  tems,  le 
chemin  le  plus  court  m'a  paru  le  meilleur  de  tous 
et  j'ai  ose  m'expliquer  sans  retenue  devant  Tauguste 
monarque,  dont  le  caractere  est  aussi  simple  que 
juste. 

J'ai  cependant  lieu  de  croire  que  ma  lettre,  qu'au 
moment  du  depart  de  S.  M.  J.  je  pris  le  parti 
d'adresser  ä  Dijon,  oü  Elle  comptait  de  se  rendre 
apr^s  le  sejour  de  Bruxelles,  pouixait  ayoir 
manque  de  Patteindre,  ou  que  du  moins  eile  ne 
Tatteindrait  qu'ä  Berlin  et  m^me  plus  tard.  Si 
dans  cette  supposition  les  dif&cult^s  qui  s'opposent 
ä  la  restitution  des  tableaux  en  question,  ne  peuTent 
qu'avoir  augment^,  Votre  Excellence  sera  peutötre 
ä  port^e  de  me  donner  de  conseils  salutaires.  Je 
La  prie  d'excuser  ma  liberte  et  d^Stre  convaincae 


y  Google 


II.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  59 

de  la  haute  consid^ration  avec  laquelle  je  suis 
Monsieur  le  Baron  de  Yotre  Excellence  le  trte 
humble  et  tres  obeissant  serviteur 

Grimm, 

secretaire  de  legation  et  charg^  d'affaires  de  S.  A.  R. 

TElecteur  de  Hesse. 

Paris,  ce  15.  Oct.  1815,  rue  de  Tuni versitz  no  7. 

Äiüage  B. 

Copie  de  la  lettre  adressee  au  C^  de  P  r  a  d  e  1 , 
15.  Oct. 

M'-  le  C*®!  permettez  que  je  vous  remercie  da- 
bord  de  la  bont^  avec  laquelle  vous  avez  bien  voulu 
faire  droit  ä  ma  demande  relative  aux  tableaux  de 
TElecteur  de  Hesse  plac^  aux  chateaux  royaux 
de  Fontainebleau  et  de  Rambouillet. 

Quant  aux  papiers  concernant  les  capitaux  de  S. 
A.  R.  dont  j'ai  re9u  Tordre  de  reclamer  l'extradition, 
Tous  m'ayiez  fait  Thonneur  de  m^ecrire,  que  c^est  a 
M'-  Rouxel  chef  des  bureaux  du  Domaine  extraord. 
que  je  devais  m'adresser  pour  cet  eflfet.  Je  n'ai 
pas  manqu^  de  me  conformer  ä  cette  invitation. 
U  se  presente  cependant  des  difficult^s,  que  je  ne 
saurais  mieux  applanir,  qu^en  ayant  encore  une  fois 
recours  ä  votre  bienveillante  intervention.  Elles 
se  fondent  dans  deux  objections,  Fune  formelle, 
Fautre  materielle  que  M'-  Rouxel  croit  devoir 
opposer  ä  ma  reclamation. 

La  premiere  objection  porte ,  que  pour  ma  per- 
sonne je  n^etais  pas  suffisamment  autoris^  ä  me 
faire   effectuer  la  remise  des  papiers  en  queetion. 


y  Google 


60  ^^*   J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Bien  ne  serait  plus  facile,  que  de  l^yer  ce  doute  et 
je  n^aurais  qu^ä  ecrire  ä  Gassei  pour  me  faire 
munir  de  tous  les  pouToirs  qoi  pourraient  etre  exiges 
dans  un  cas,  oü  mon  gouYemement  etait  bien  loin 
de  prevoir  les  moindres  obstacles.  Dans  la  necessite 
oü  je  suis  cependant,  de  quitter  bientöt  cette  capitale, 
je  me  flatte  qu^^tant  accredit^  dans  ce  moment  pr^ 
la  Cour  de  P  r  u  s  s  e ,  vous  voudrez  bien,  M'-  le  C**, 
accepter  la  declaration  de  S.  E.  M''-  le  B®°  d'Alten- 
stein,  Ministre  d^etat  de  S.  M.  prussienne,  qu^Elle 
peut  repondre  tout  de  möi,  que  de  Fintentdon  de 
ma  cour  au  sujet  de  la  remise  des  papiers  mentionnä 
entre  mes  mains.  Tout  apres  ayoir  de  cette  maniere 
sopplee,  au  defaut  momentane  d^une  legitimation 
formelle,  je  me  reserye  encore  de  yous  la  faire 
transmettre  plus  tard  de  Gas  sei,  si  yous  le  jugez 
n^cessaire. 

Le  deuxi^me  point  sur  lequel  plus  particuli^re- 
ment  insiste  M^Bouxel  est  la  garantie  solemnelle 
des  droits  des  tiers,  qui  ont  transig^  aYec  Tad- 
ministation  iran9aise  ä  Tegard  des  capitaux  de  S.  A. 
B.  TElecteur.  Je  ne  sms  aucunement  autorise 
ä  donner  cette  garantie,  m^me  je  ne  saurais  jamais 
r^tre,  puisqu'il  me  paratt  impossible,  que  la  France 
ait  le  droit  de  former  une  demande  aussi  inutile  ou 
bien  illusoire  que  celle  la.  Le  GouYcmement  de 
Bonaparte,  comme  yous  ne  Tignorez  pas  Monsieur 
le  Gomte,  ayant  ä  la  suite  de  son  injuste  aggression 
et  oppression  enl^Y^  ä  la.Jiesse  la  presque  totalite 
de  ses  domaines  et  reussi  ä  s^emparer  peu  ä  peu  de 
ses  capitaux  et  autres  fonds  plac^s,  ne  pouYait  trans- 


y  Google 


n.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  gl 

förer  sur  le  gouvernement  fran^ais  d'aujourdhui, 
joste  et  reconcili^  ä  la  justice  g^n^rale  aucune  Ob- 
ligation ni  aucune  pretention  provenant  des  con- 
yentions  et  stipulations,  qui  fürent  pass^es  entre  les 
agens  de  Tusurpateur  et  les  debiteurs  de  la  Hesse. 
Des  le  moment,  ou  la  violence  a  cess^,  S.  A.  R.  est 
rentree  dans  la  jouissance  de  tous  ses  droits  et  la 
France  n^a  point  d^interet  ä  protiger  nos  debiteurs, 
qui  ont  absolument  cess^  d^^tre  les  siens.  Au  con- 
traire,  apr^  nous  ayoir  priv^  d'une  partie  aussi 
consid^rable  de  notre  propriet^  nationale,  dont  la 
restitution  lui  a  et^  epargn^e,  eile  deyrait,  il  me 
paralt,  yoir  ayec  plaisir  sauyer  les  debris  du  naufrage 
et  nous  faciliter  tous  les  moyens  propres  ä  j  par- 
yenir  encore.  Ces  moyens  reposent  en  partie  sur 
rinspection  de  tous  les  titres  et  contrats  pass^  entre 
Fadministration  franfaise  et  les  debiteurs.  Ces 
demiers  n^ont  aucun  droit,  de  les  exiger,  puisqu^il 
en  possMent  deja  Fampliation ,  la  France  n^en  a 
aucun  de  les  gfu^der  dans  ses  archiyes,  ils  doiyent 
donc  reyenir  au  cr^ancier  legitime.  G^est  aux  tri- 
bunaux  de  justice  qu'il  appartiendra,  de  demMer  les 
acquittemens  et  liberations,  qui  effectiyement  ont 
eu  lieu  d'ayec  ce  qu'il  pourrait  y  ayoir  de  faux  et 
de  simul^  dans  les  tranaactions  interyenues;  et 
quoiqu'il  en  soit,  ce  seront  uniquement  les  debiteurs 
qui  en  auront  a  souffirir  dans  le  demier  cas. 

Je  prends  la  liberte  de  yous  prier,  M'-  le  C*«,  de 
youloir  bien,  en  m^epargnaut  les  detours  d'une  de- 
marche  encore  plus  longue,  donner  les  ordres  ne- 
cessaires,   afin  que  Monsieur  Rouxel  soit  mis  en 


y  Google 


62  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

etat,  de  se  dessaisir  de  ces  papiers.  Je  ne  me  re- 
faseraifl  pas  m^me  ä  ce  qu^il  mette  ä  leur  remise 
franche  et  loyale  toutes  les  reserves  et  conditions, 
qu^il  jugera  conFenables,  mais  dont  ä  la  verit^  je  ne 
prevois  gu^res  ni  le  but  ni  Tutilite.    Agr^ez  etc. 

Berioht  7. 

Paris,  22.  Oct  1815,  Abends. 

Hochwohlgebomer 

Hochzuehrender  Herr  Geheime  Bath! 
Kurz  nach  Abgang  meines  vorigen  Sehreibens 
erfuhr  ich  endlich  mit  Bestimmtheit,  dasz  die  Sold- 
zahlungen eben  angefangen  hätten  und  dieser  Tage 
fortgesetzt  würden.  Bei  dem  Ausbleiben  aller  In- 
struction und  da  mir  Hr.  v.  Bodenhausen  yer- 
sicherte,  über  diesen  Punkt  ebensowenig  Ewr  Hocb- 
wohlgeb.  Meinung  zu  wiszen,  schien  es  mir  gleich- 
wohl klar  und  unbedenklich,  dasz  das  in  dem  ersten 
Termin  baar  zu  entrichtende  Zehntel  der  uns  ge- 
bührenden Summe  von  510,365  ^  unyerzüglich  in 
Empfang  genonmien  würde.  CTm  mich  dazu  legiti- 
miren  zu  können,  überreichte  ich  dem  E.  Preusz. 
Min.  y.  Altenstein  eine  kurze  Note,  die  den  Er- 
folg hatte,  dasz  er  memetwegen  ein  Schreiben  an 
den  Finanzminister  Corvetto  alsbald  abgehen  liesz 
und  darin  meine  Eigenschaft  als  Geschäftsträger 
Sr.  Eon.  Höh.  Unsers  AUergnädigsten  Herrn  in  dieser 
Angelegenheit  bestätigte.  Ich  erkundigte  mich  dar- 
auf im  Finanzministerium  sowohl  ak  in  dem  Tresor 
nach  den  näheren  Umstilnden  und  gelangte  endlich 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  63 

nadi  manchem  verlorenen  Gang  Tor  die  rechte 
Quelle,  nämlich  den  Staatsraih  Dudon,  denselben 
der  auch  die  Convention  vom  3^*^  mit  abgeschloszen 
hat.  Diesen  fand  ich  bereitwillig,  mich  anzuerkennen 
und  demzufolge  nicht  nur  die  Zahlung  der  haaren 
Summe  »von  51,035  Franken,  sondern  auch  die  Aus- 
händigung der  bereits  fälligen  weiteren  Mandate  an 
mich  bewirken  zu  laszen.  Meinerseits  habe  ich  da- 
her dem  Banquier  Rothschild  die  erforderliche 
Vollmacht  ertheilt,  diesen  Betrag  zu  erheben  und 
denselben  alsbald  nach  Gaszel  zu  übermachen  auf- 
getragen. 

In  Ansehung  der  Mandate  fragte  mich  Baron 
Dudon:  ob  ich  über  eine  der  französ.  Behörde  zu 
bewilligende  Remise,  falls  sie  die  auf  die  Departe- 
ments angewiesenen  Summen  hier  in  Paris  zahlen, 
desgleichen  die  weiteren,  erst  künftigen  Monat  zahl- 
baren Mandate  anticipiren  wolle,  zu  unterhandeln 
autorisirt  wäre?  Dieses  verneinte  ich  natürlich, 
mit  dem  Zusatz:  dasz  ich  ehstens  Instruction  über 
die  Absicht  meines  Hofes,  wie  er  mit  diesen  Man- 
daten verfahren  wolle,  zu  erhalten  hoffte.  Roth- 
schild hält  freilich  ffir  den  sichersten  und  ein- 
fachsten W^,  dasz  ich  mir  die  falligen  Mandate 
aushändigen  lasze  und  bei  ihm  zur  weiteren  Ver- 
fügung £w.  Hochwohlgeb.  hinterl^e.  Ich  werde 
mich  indeszen  morgen  über  die  näheren  umstände 
und  das  Verfahren  anderer  gleicher  Intereszenten 
möglichst  befragen  und  weiter,  nöthigenfalls  per 
Estafette  Bericht  thun.  —  Die  Eurheszen  ffir  das 
Habillement  gebührende  Summe,  sagte  Herr  Dudon, 


y  Google 


64  n.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

sey  uns  bereits  durch  Vermittlung  der  preusz.  Be- 
hörde zugekommen,  welches,  soyiellch  weisz,  seine 
Richtigkeit  hat  und  wogegen  ich  nichts  einwendete. 

Ohne  meine  zufallige  nähere  Bekanntschaft  mit 
dem  preusz.  Minister  v.  Altenstein  würde  ich 
weder  in  dieser  Geldangelegenheit  noch  in»  einigen 
andern  mir  anbefohlenen  etwas  auszurichten  im 
Stande  gewesen  seyn,  weil  ich  so  zu  sagen  gänzlich 
blos  stehe  und  ohne  Vollmacht  und  Vorschrift  bin» 
Dieses  musz  ich  zwar  meiner  dort  wohl  frClher  ver- 
mutheten  Abreise  zuschreiben;  auf  der  andern  Seite 
wäre  wiederum,  wenn  ich  auf  den  jedesmal  in  Frage 
stehenden  Punct  hätte  Antwort  aus  Gaszel  einhohlen 
und  erwarten  wollen,  die  Gunst  des  Zeitpuncts, 
auf  den  gegenwärtig  hier  soviel  ankommt,  gefährdet; 
worden.  So  vorsichtig  hoffe  ich  wenigstens  dabei 
zu  gehen,  dasz  ich  nichts  verderbe,  wenn  mir 
auch  der  Gang  solcher  Geschäfte  bisher  nicht  sehr 
bekannt  gewesen  ist  und  ich  jetzt  durch  mancherlei 
andere  Arbeit  sonst  beschäftigt  bin. 

Mit  derselben,  sehr  zu  rühmenden,  Unterstützung^ 
von  preusz.  Seite  habe  ich  auch  heute  in  Betreff 
der  Capitalienpapire  einen  wiederholten  Schritt  und 
zwar  diesmal  an  den  Herzog  v.  Richelieu  un- 
mittelbar gethan,  sobald  nämlich  verlautete,  dasz^ 
Pradel  die  Sache  der  Entscheidung  dieses  Ministers 
vorlegen  würde.  Beinahe  alles  suchen  die  Franzosen 
jetzt  auf  die  lange  Bank  zu  schieben,  ich  musz  mir 
aber  heute  die  umständlichere  Meldung  bis  auf  ein 
nächstesmal  nachzusehen  bitten.  —  Bei  dem  nieder- 
länd.  Minister  Frhm.  v.  Gagern  war  ich,  um  die 


y  Google 


n.  J.  Qrimm's  Miinon  nach  Paris  1815.  65 

Herausgabe  der  brttszeler  Gemäblde  zn  bespredien. 
Er  bat  um  eine  schriftliche  Noie,  die  ihn  veranlaszen 
würde,  seinem  Hof  deshalb  zu  berichten.  Daher 
ich  ihm  eine  solche  Note  bereits  zugesandt  habe, 
wogegen  er  rersprochen  hat,  die  Sache  dem  Minister 
Y.  Nagele  besonders  dringend  zu  empfehlen. 

Bodenhausen  wollte  schon  tot  8  Tagen  die 
Bestätigung  des  Zeitungsartikels,  wonach  blos  die 
E  önigL  deutschen  Bundesstaaten  Truppen  in  Frank- 
reich laszen  sollen,  an  Ew.  Hochwohlgeb.  melden. 
Ich  berühre  es  Mos,  auf  den  Fall  er  es  yergeszen 
haben  sollte. 

Mit  vollkommenster  Hochachtung  harrend 

Ew.  Hochwohlgeboren  gehorsamster  Dr. 
Orimm. 


Bericht  8. 

Paria,  28.  Oct.  1815. 

Hochwohlgebomer  Freiherr 

HochzuYerehrender  Herr  Geheimerath  und  Cammer- 

präsident 
Eurer  Hochwohlgeboren  lange  und  sdmierzlich 
vermiszte  verehrL  Schreiben  sind  nunmehr  hinter- 
einander und  zwar  das  Tom  15*^  am  24^'^,  das  Tom 
18*^  am  27**"  und  das  Tom  19**"  heute  eingelaufen. 
Was  darauf  in  Antwort  zu  buchten  ist ,  fasze  ich 
materienweise  zusammen. 

1.  schon  zu  Anfang  dieser  Wodie  hat  Banquier 
Rothschild,  wie  z»ch  meiner  letzten  Meldung 
Yoraaszusehen  war,  bereits  das  erste  2iehntel  der 

B.  Stang«l.   Aoton  der  Brfider  Oilinin.  5 


y  Google 


66  U.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Soldsumme ,  auf  meine  vorläufige  Vollmacht ,  baar 
eingezogen.  Ich  habe  ihm  nun  zu  Bewerkstelligung 
des  Nöthigen  in  Absicht  der  neun  übrigen  Mandate 
Ew.  Hochwohlgeb.  Vollmacht,  sobald  sie  gestern 
eingegangen  war,  überantwortet,  darauf  noch  zur 
Entfernung  alles  Anstoszes  wegen  meiner  vor- 
gängigen Einmischung  in  diese  Sache  das  Erforder- 
liche bemerkt  und  ihn  aus  der  Convention  vom  3**** 
in  allen  Stücken  vollständig  instruirt.  Ich  bin  froh, 
der  nicht  geringen  Sorge,  wie  ich  mich  in  diesen 
Dingen  verhalten  sollte,  los  und  ledig  zu  seyn,  da 
ich  mich  weder  mit  der  französ.  Finanzbehörde  noch 
mit  einem  andern  Banquier  (einem  Hm.  Thuret, 
niederländ.  Gonsul  dahier)  der  einige  Tage  früher 
bei  mir  war,  um  wegen  eines  haaren  Abkaufs  der 
übrigen  neun  Zehntheile  zu  unterhandeln,  einlaszen 
konnte.  Die  Bedingungen,  die  er  machte,  schienen 
mir  ohnedem  nicht  anlockend;  er  begehrte  über 
15  Procent  Nachlass,  meinte  aber  auch,  dasz  die 
Zahlung  der  in  den  November  fallenden  Mandate 
manchen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  würde. 
Staatsrath  Dudon  hätte,  soviel  ich  aus  seinen  bei- 
läufigen Aeuszerungen  zu  entnehmen  vermochte, 
wohl  weniger  Procente  verlangt,  vielleicht  aber 
auch  nicht  alle  Mandate,  namentlich  die  vier  letzten 
nicht,  bei  welchen  der  umstand  des  neunten  Ar- 
tikels obwaltet,  abgelöst. 

Da  mir  die  früheren  Verhandlungen,  die  vor- 
herige vortheilhaftere  Ansetzung  Kurheszens  und 
der  Plan  einer  neuen  Forderung  völlig  unbekannt 
waren,  so  konnte  ich  vorhin  weder  die  nöthige  Ver- 


y  Google 


II.   J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  67 

Wahrung  einlegen  noch  Erkundigung  einziehen. 
Jenes  habe  ich  nun,  der  Instruction  gemäsz  sogleich 
heute  gethan,  und  dieses  in  der  abschriftlich  an- 
gefügten Note  [Anlagt  A.]  an  den  Minister  von 
Altenstein  mit  berührt.  Einen  wirklichen  Erfolg 
dieses  Schritts  musz  ich  jedoch  um  so  eher  be- 
zweifeln, als  seither  nirgends  von  einer  Nach- 
forderung etwas  mir  zu  Ohren  gekommen,  die  An- 
nahme der  deutschen  Contingente  aber  wenigstens 
auf  den  Fusz  der  Accessionsverträge,  insofern  nicht 
besondere  die  Truppenzahl  erhöhende  Conventionen 
(wie  bei  uns  namentlich)  im  Mittel  liegen,  als 
Grundsatz,  so  viel  ich  weisz,  durchgegangen  ist. 
Staaten,  deren  Factum  so  wenig  der  Theorie  ent- 
sprochen hat,  wie  z.  B.  Sachsen,  werden  also 
diesmal  den  Yortheil  davon  ziehen;  aber  auch,  wie 
ich  bereits  gemeldet  zu  haben  glaube,  eine  Bundes- 
berathung  über  eine  solchen  Unordnungen  inskünftig 
steuernde  strengere  Eriegswesenseinrichtung  haupt- 
sächlich veranlaszen. 

Sobald  ich  in  dieser  Angelegenheit  etwas  in  Er- 
fahrung bringe,  werde  ich  ungesäumt  unsere  Rechte 
wahren  und  unsem  Antheil  an  etwaigen  neuen  Aus- 
gleichungen auf  das  bestimmteste  fordern. 

2.  von  der  Gapitalienpapier-Sache  hoffe  ich  jetzt 
den  besten  Erfolg.  Mein  Schreiben  an  Pradel 
hat  gewirkt,  dasz  er  statt  unter  sich  an  Rouxel 
2u  weisen,  an  die  obere  Behörde  des  Herzog  von 
Richelieu  die  Entscheidung  überlaszen.  Sobald 
ich  davon,  bereits  einige  Tage  vor  dem  Eingang 
des  (hier  originaliter  beigelegten  [in  den  Acten  nicht 

5* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


S8  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

l^ndlük]  pradelischen  Schreibens,  Tertraute  Mit- 
iheilmig  bekam,  schrieb  ich  sogleidi  an  den  Herzog 
von  Richelieu,  wie  die  angeschloszene  Abschrift 
[Anlage  B.]  näher  besagt;  ersuchte  auch  den  Minister 
Altenstein  nochmals  um  Unterstützung.  Letztere 
erfolgte  auf  der  Stelle  und  muszte,  ungeachtet  £w. 
Hochwohlgeb.  mich  dem  Grafen  Pradel  als  zur 
Empfangnahme  der  Papiere  bezeichnet  hatten,  zu 
meiner  näheren  Legitimation  dienen,  weil  ich  durch 
letzteren  Umstand  noch  nicht  zur  schriftlichen  Be- 
treibung der  Sache  und  Widerlegung  der  gemachten 
Schwierigkeiten  autorisirt  schien;  auch  französischer- 
seits  zu  yerstehen  gegeben  worden  war,  dasz  ich 
nicht  accreditirt  sey.  —  Ich  sehe  nun  täglich  einer 
günstigen  Entscheidung  des  Herzogs  (d.  h.  der 
amSchlusz  von  Rouzels  Brief  gedachten  an^ortsoMon 
fomuiUe)  entgegen,  worauf  sodann  die  Auslieferung 
det  Papiere  erfolgen  musz. 

3)  die  mannichfaltigen  Schliche  und  umstände 
der  Franzosen  in  Absicht  auf  die  auszuliefernden 
Departementsgemähide  können  sich  Ew.  Hochwohl- 
geb. nicht  genug  Torstellen.  Zu  Anfemg  dieser 
Woche  standen  die  Aspeeten  zumal  übel  und  ich 
setzte  beiliegende  [Anlage  C]  Note  an  den  Minister 
Altenstein  auf,  liesz  sie  auch  den  braunschweig. 
Bevollmächtigten  mitunterschreiben.  Damals  hielt 
man  den  Abschlusz  des  Friedens  für  näher,  der  nun 
seit  gestern  wieder  femer  steht.  Darum  ist  denn 
nun  gestern  entschieden  worden,  dasz  kein  preusz. 
Commiszar  nach  Strasburg  geschickt  werden,  sondern 
nochmals  des  Lavallee  erneuerten  Vendcherungai 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  69 

getraut  werden  soll,  wonach  die  Bilder  denn  wirk- 
lich bald  eintreffen  müszen.  Wiridich  sind  gestern 
andere  aus  Ore noble  (für  Preuszen)  und  Tou- 
louse (ftir  uns)  angelangt;  aber  noch  nichts  aus 
Lion.  lieber  das  Yoi^eben,  als  ob  das  preuss. 
Militär  die  Gemähide  aus  Gaen  gewaltsam  mit- 
genommen, habe  ich  gestern  in  der  Oeneral- 
intendantur  die  Auskunft  empfangen,  dasz  dies  blos 
Yon  den  braunschweigischen  gelte,  deren  sich  Gapitän 
Mahner  (ein  naher  Verwandter  Ribbentrops) 
auf  diesem  Wege,  mir  unbewuszt,  zu  versichern 
gesucht  hat.  Ich  wünschte  freilich  nichts  mehr, 
als  dasz  auch  unser  Rubens  möchte  darunter  ge- 
wesen seyn;  habe  aber,  da  es  nun  zu  spät  ist,  heute 
morgen  an  Lavallee  seinetwegen  ziemlich  nach- 
drücklich geschrieben,  weil  er  sich  gestern  gegen 
Unger  sonderbar  darüber  ausgelaszen  z.  B.  sehr 
albern  gefordert  hätte:  wir  sollten  ihm  erst  be- 
weisen dasz  die  Preuszen  das  Bild  zu  Gaen  gelaszen 
hätten,  da  ihm  im  Oegentheil  der  Beweis  aufliegen 
würde,  dasz  sie  es  mitgenommen.  Durch  alle  sokfae 
einfaltige  Einwendungen  und  Schwierigkeiten  suchen 
die  Franzosen  nichts  wie  Zeit  zu  gewinnen. 

Wegen  des  Bilds  im  hotd  de  Vempire  mangelt 
stets  noch  die  lang  erwartete  Antwort  Richeliens. 
Die  brüszeler  wären  ganz  gewisz  nie  weder  hier- 
her gefordert,  noch  ausgeliefert  worden.  Der  smt- 
dinische  Gesandte  hat,  wie  mir  Hr.  von  6agern 
erzählte,  eine  der  meinen  ähnliche  Note  eines  nack 
Turin  gehörigen  Stückes  halber  überreicht. 

4.  Zu  meinem  Leidwesen  ist  die  in  Ew.  Hock- 


y  Google 


70  II-   J-  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

wohlgeb.  letztem  Schreiben  mitgetheilte  Nach- 
forderung von  uns  fehlenden  Oemählden,  von  denen 
ich  seither  nichts  ahnen  konnte,  so  befremdend  spät 
eingegangen  und  die  ganze  verlaufene  Zeit  für  desz- 
halbige  Nachforschungen  imd  Unterhandlungen  un- 
benutzt verloren  worden.  Da  Hr.  Unger  aus 
einem  Privatbrief  des  Prof.  Robert  schon  seit 
einigen  Tagen  bereits  davon  unterrichtet  war,  habe 
ich  alsobald,  wie  das  Datum  beweist,  an  Hm. 
Quatremere  das  abschriftlich  anliegende  [Anlage DJ 
erlaszen  zu  müszen  geglaubt. 

Am  allerwenigsten  weisz  ich  in  den  zwei  übrigen 
Angelegenheiten  etwas  auszurichten,  nämlich  in  der 
von  den  zwei  Kisten  und  der  von  den  malmaisoner 
Bildern. 

Der  General  Lagrange  ist  schlechterdings  nicht 
zu  erfragen  und  M'*  Oodillot,  der  mir  nie  du 
faubourg  S.  Honore,  en  face  la  place  de  Beauvais 
No.  142  oder  144  angab,  entw.  damit  angeführt 
worden,  oder  hat  mir  die  Unwahrheit  selber  sagen 
wollen.  Mein  Lohnbedienter  glaubte  endlich  auf 
eine  wundergute  Spur  gerathen  zu  seyn,  als  er  den 
Brief  in  der  rue  St.  Lazare  wirklich  anbrachte;  das 
war  aber  der  Marquis  La  Orange,  bei  dem  ich 
wenigstens  den  fdr  Ew.  Hochwohlgeb.  bereit 
liegenden  Brief  dadurch  entdeckte.  Auf  mein  Billet 
an  letzteren  mit  der  Bitte  um  die  Adresze  jenes  ist 
gar  keine  Antwort  gefolgt.  Auch  Grüner,  deszen 
Thätigkeit  hier  jetzo ,  so  zu  sagen ,  aufgehört  hat, 
verhilft  mir  zu  nichts. 


y  Google 


n.   J.  Grimmas  Mission  nspch  Paris  1815.  71 

Von  Pozzo  di  Borgo,  wie  halb  vorauszu- 
sehen war,  erfolgt  keine  Antwort;  vermuthlich  mag 
er  sich  auf  keine  Weise  compromittiren  und  ich 
darf  ihn  daher  nicht  von  neuem  angehen.  Wenigstens 
ist  meine  bei  dem  Kaiser  gethane  Einsprache  durch 
diesen  Schritt  gewiszermaszen  controllirt  worden 
und  kann  nicht  so  leicht  ignorirt  werden.  Ich  hoffe 
immer  noch  einiges.  —  Was  soll  ich  unter  diesen 
Umständen  mit  dem  Soulange  beginnen?  Ich 
habe  ihn  schon  zweimal  vergebens  persönlich  heim- 
gesucht und  stets  verfehlt. 

Das  dem  Schreiben  vom  19.  eingelegene  Prome- 
moria  an  Hm.  v.  Altenstein  habe  ich  sogleich 
abgehen  laszen.  Der  Gammergerichts  Rath  Eich- 
horn, seine  rechte  Hand,  ist  seit  mehreren  Tagen 
leider  von  einer  Nervenkrankheit  befallen  worden 
und  zu  allen  Geschäften  jetzo  völlig  unfähig.  Diesen 
unglücklichen  Umstand  bedauere  ich  auch  meiner- 
seits gar  sehr. 

Der  Staat s  Canzler  wollte  den  4**°  Nov.  abreisen 
und  alle  übrige  bis  zum  8**°  folgen;  neuerdings  aber 
glaubt  man  wieder,  dasz  es  noch  wohl  drei  Wochen 
dauern  könne,  so  dasz  mich  vermuthlich  noch  eine 
etwaige  Antwort  auf  gegenwärtigen  Brief  hier 
treffen  würde.  Ich  weisz  nicht,  was  mir  unangenehmer 
ist,  die  verzögerte  Friedensabschlieszung  selbst  oder 
der  Aufenthalt  in  Paris. 

Bei  dem  Staatsrath  und  Generalintendanten 
Ribbentrop  habe  ich  einen  von  ihm  an  Unsem 
Allergnädigsten  Herrn  erstatteten  Bericht  im  Concept, 
das  er  mir  selbst  mittheilte,  eingesehen,   aber  eben 


y  Google 


72  n.  J.  Grimmas  Miflsion  nach  Paris  1815. 

nicht  sehr  befriedigend  und  intereszant  gefdnden. 
Die  Ausikeiiung  der  eroberten  Ganonen  etc.  ver- 
sicherte er  mich,  wiederholt  bei  dem  Fürsten  Blücher 
angeregt  zu  haben.  Unterdeszen  habe  ich  dem  flm. 
Ckneral  Engelhard,  an  den  ich  in  yerschiedenen 
mir  hinterlaszenen  Aufträgen  ycm  hier  nach  Bhetel 
zu  schreiben  hatte,  anheimgestellt:  ob  er  nicht  andi 
unmittelbar  die  letztgedachte  Sache  fernerhin  be- 
treibai  wolle.  Die  hiesigen  Lieferanten  haben  sich 
nicht  auf  das  Tuch  für  unsere  Truppen  emlaazen 
mögen. 

Ich  musz  noch  erzählen,  dasz  Yorgestem  der  in 
oeetreich.  Diensten  stehende  Major  v.  Haynau  zu 
mir  kam  und  mich  um  eine  Anweisung  auf  Roth- 
schi Idt  über  circa  280  ^  als  ein  aßovJU>  auf  die 
Yon  ihm  zu  beziehende  Zulage  ersuchte.  Weil  mir 
nun  gar  nichts  von  seiner  Auseinandersetzung  and 
den  ihm  gebührenden  Geldern  bekannt  ist,  glaubte 
ich  dies  Ansinnen  von  mir  weisen  zu  müszen. 

Zu  der  Ew.  Hochwohlgeboren  zu  Theil  ge- 
wordenen auszeichnenden  Ernennung  statte  ich 
meinen  schuldigsten  Glückwunsch,  neben  dem  Dank 
für  die  mir  gefälligst  mitgetiieilte  mich  selbst  an- 
gehende Nachricht  ab.  Ich  hoffe  dafür  mit  der  bei- 
geschloszenen  unterthänigsten  Vorstellung  /s.  Bd.  L 
£L  6]^  um  deren  gütige  üeberreichung  ich  so  frei 
bin,  gehorsam  zu  bitten,  zeitig  genug  zu  kommen, 
damit  ein  anderweiter  Nachfolger  an  meine  Stelle 
verordnet  werden  könne.  Ew.  Hochwohlgeboren 
wiszen  aus  einer  mündlich  mit  mir  hier  zu  Paris 
gepflogenen  Unterredung,   insofern  Sie  Sich  deren 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  73 

erinnern,  oder  ersehen  aus  dem  Inhalt  der  gegen- 
wärtigen Eijtilage  des  nfthreren,  dasz,  wanun,  und 
wie  lange  sdion,  itk  aus  der  diplom.  Laufbahn 
herauszutreten  eniscbloszen  bin.  Dieses  steht  bei 
mir  fest,  so  gewisz  ein  Mann  mit  sich  selbst  über 
etwas  eins  werden  kann  und  ich  fOhle,  dasz  ich 
mich  leiblich  und  geistig  zu  Grund  richtete,  wenn 
ich  anders  denken  wollte.  Den  Yerdrusz,  den  mir 
persönliche  Yerhältnisze  in  Wien  bereiteten,  würde 
ich  sicher  in  Ew.  Hochwohlgeb.  Nähe  nicht  zu  er- 
warten haben,  allein  das  Geschäft  steht  mir  sonst 
ganz  entgegen;  zehn  andere  werden  es  beszer,  und 
zwanzig  andere  eben  so  gut  versehen.  Wie  ich 
hier,  ganz  unerwartet  imd  gleichsam  wider  meinen 
Willen,  da  ich  zu  andern  Arbeiten  von  anderer 
Seite  berufen  ward,  in  den  diplomatischen  Wirkungs- 
kreis zurückversetzt  scheine,  nachdem  ich  eben  dar- 
aus losgerathen  war,  ist  bekannt.  Vielleicht  darf 
ich  hoffen,  dasz  auch  die  Treue  und  Sorgfalt,  womit 
ich  die  mir  zu  Theil  gewordenen  Aufträge,  mitten 
unter  andern  Beschäftigungen  zu  erfüllen  strebe, 
den  Kurfürsten  geneigt  machen  wird,  meiner  Bitte 
Gehör  zu  geben. 

Ich  habe  fortdauernd  die  Ehre  mit  der  schuldigsten 
Hochachtung  zu  beharren 

Ew.  flochwohlgeboren  gehorsamster  Diener 
Grimm. 

N.  S.  es  ist  doch  Allerhöchsten  Orts  nicht  mis- 
fäUig  yemommen  worden,  dasz  ich  mich  in  einigen 
Ausfertigungen  des   mir  of&ciell   nicht  zustehend^i 


y  Google 


74'  ^^*   J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Titels  Charg6  d' affaires  bedient  habe  ?  Ich  that  dieses 
lediglich,  um  der  Sache  etwas  mehr  relxef  zu  geben, 
da  ein  bloszer  Secretair,  ohne  zugleich  in  präsum- 
tiver Abwesenheit  des  Gesandten  Beauftragter 
zu  seyn,  nichts  ausrichten  kann.  Uebrigens  bin  ich 
von  jeher  höchst  gleichgültig  gegen  Titel  und  dergL 

ÄnUige  Ä: 
Note  an  den  Minister  von  Altenstein: 
Sr.  Exellenz  dem  Kön.  Pr.  Geh.  Staats  Minister 
Frhr.  von  A.  ist  eine  am  3ten  d.  M.  über  die  unter 
87,130  Mann  Bundestruppen,  als  zweimonatlichen 
Sold  zu  vertheilende  Summa  von  3,705,609  Franken 
abgeschloszene  Convention,  so  wie,  dasz  das  Eurhesz. 
12,000  Mann  starke  Armee-Corps  darin  zu  510,355 
Franken   angesetzt  worden  ist,  hinreichend  bekannt. 

Es  hat  hierbei  meinem  Hofe,  der  obige  Truppen- 
zahl vollständig  und  gleich  im  Anfang  des  aus- 
brechenden 'Kriegs  erstellt  hat,  auffallen  müssen, 
dasz  er  mit  anderen  z.  B.  den  sehr  unvollständig 
und  spät  ins  Feld  gerückten  Eon.  sächs.  und  groszh. 
mecklenb.  Contingenten  auf  eine  Reihe  gesetzt 
wird,  während  nicht  nur  die  groszen  alliirten  Mächte 
selbst  sondern  auch  andere  geringere  Bundesstaaten 
früher  ungleich  vortheilhaftere  Bedingungen  erlangt 
haben.  Unterzeichneter  hat  demzufolge  Befehl  er- 
halten, im  Namen  seines  Hofes  gegen  alle  und  jede 
Verkürzung,  die  aus  der  ohne  Eurheszens  Zuthun 
geschloszenen  Convention  vom  3^*^  erwächst,  hiermit 
zu  protestiren. 


y  Google 


IL   J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  75 

Nach  einer  vorher  stattgefundenen  Vertheilung, 
worin  Sachsen  nur  mit  8000,  Coburg  mit  600  M. 
angeschlagen  stand,  sollte  Eurheszen  528,611  Fr. 
beziehen,  und  sieht  sich  also  ohne  sein  Verschulden 
nunmehr  bedeutend  gekürzt. 

Unterzeichneter  musz  sich  daher  noch  vorzüglich 
gegen  den  achten  Artikel  mehrgedachter  Convention 
um  so  ausdrücklicher  verwahren,  als  einem  früheren 
Verlauten  nach  auf  eine  neue  VerwiUigung  für  Sold 
und  Bekleidung  angetragen  werden  sollte;  so  wie 
auch  schwerlich  aus  dem  neunten  Art.  Eurheszen 
irgend  ein  Abzug  zur  Last  fallen  dürfte,  indem  die 
von  seinem  Armee-Corps  gemachten ,  ohnehin  sehr 
unbedeutenden  Requisitionen  von  Frankreich  auf  die 
anPreuszen  zu  bezahlenden  Bekleidungsgelder  notirt 
werden  und  uns  von  dieser  Macht,  infolge  der 
mit  ihr  getroffenen  Übereinkunft  in  Zurechnung 
kommen. 

Da  das  kurhesz.  Contingent  unter  Eon.  Preusz. 
Oberbefehl  stehend  auf  den  Schutz  der  Preusz.  Be- 
hörden vorzüglich  Anspruch  hat,  so  glaubt  Unter- 
zeichneter gegenwärtige  Note  mit  vollem  Vertrauen 
in  die  Hände  Sr.  Exe.  des  etc.  zur  weiteren  Ein- 
leitung niederlegen  zu  dürfen  und  erneuert  zugleich 
die  Versicherung  seiner  vollkommensten  Verehrung 

Paris  28.  Oct.  1815. 

Orimm 

Eurhesz.  Leg.  Secretär  und 

Oeschäflsträger. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


76  n.  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

Anlage  B. 

A.   S.  E.  M'*  le   Duc  de  Richelieu  Ministre 
secretaire  d^etat  et  des  äff.  etrang^res  de  S.  M.  Tr. 
Chr,  Pair  de  France.     M'etant    adress^   successive- 
ment  tant  a  M'-    le  C^  de  Pradel.    Dir.  g*>  de  la 
znaison  du  Roi  qu^ä  M'-  Rouxel  Chef  des  h.  d.  d. 
extr.  pour   ohtenir  lextradition  de   tous  les  papiers 
concemant  les  capitaux  de  S.  A.  R.  TEL  d.  H.;  je  yiena 
d^apprendre,   que  le  premier  a  juge  necessaire  d^en 
faire   un  rapport  a  V.  E.  et  de  soumettre  par  con- 
sequent   cet   objet   ä   sa   decision   pr^alable.   —  Je 
prends  la  libert^,  de  Lui  presenter  copie  de  la  lettre, 
qu'en  demier  lieu  j'ai  eu  Thonneur  d'ecrire  y  relative- 
ment  ä  M'- le  €*•  de  Pradel.     Je  ne  saurais  rien 
ajouter  aux  motifs   qui  y  sont  exposes   et  je  puis 
me   passer  d^appuyer  encore  d^avantage  une  recla- 
mation,  qui  est  des  plus  justes  et  d^ailleurs  ne  coute 
rien  aux  interets  de  la  France. 

V.  E.  voudra  bien  agr^er  l'intercession ,  que  S. 
E.  M'-  le  B*^'*  d'Altenstein  etc.  a  eu  la  bonte 
de  m^accorder  dans  cette  circonstance  afin  de  couper 
toute  objection  qui  pourrait  ^tre  tir^e  du  defaut  de  mon 
autorisation  formelle.    Je  suis  etc.     P.  22.  Oct.  1815. 

Anlage  C: 
An  Se.  Exe.  den  E.  Preusz.  Staatsmin.  Frhm. 

von  Altenstein,  dahier. 

Die   unterzeichneten  Geschäftsträger  ihrer  resp. 

Höfe  sind  so  frei,  im  Vertrauen  auf  Ew.  Excellenz 

Bereitwilligkeit  jede  Maasregel ,   die  zur  Sicherung 

der    durch   Frankreich    zwar    versprochenen,    aber 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  77 

binfig  umgangenen  und  gern  yereitelten  Wieder- 
erstattung geraubter  Eunstschätze  gereichen  kann, 
zu  befördern  und  kräftig  zu  unterstützen,  nach- 
stehendes Yorzustellen: 

Die  franzöe.  Behörden  legen,  wie  nun  täglich 
sichtbarer  wird,  in  die  übernommene  Hierherschaffung 
der  aus  den  Provinzialsammlungen  zu  restituirenden 
QemäUde  alle  mögliche  Saumseligkeit  und  Zwei- 
deutigkeit. Was  in  längstens  vierzehn  Tagen  ein- 
treffen sollte,  ist  es  noch  nicht  nach  vier  abgelaufenen 
Wochen.  Anfangs  stellten  sie  den  schon  an  sich 
unangenehmen  und  unnöthige  Kosten  nach  sich 
ziehenden  Transport  der  Bilder  hierher  als  etwas 
leichtes  und  unfehlbares  dar.  Mittlerweile  erfuhr 
man,  dasz  nach  Fontainebleau ,  Rambouillet  und 
Brüszel,  wo  auch  manche  Oemählde  hangen,  nicht 
der  mindeste  Befehl  oder  Antrag  zur  Ablieferung 
ergangen  sey,  weil  diese  Örter  nämlich  nicht  unter 
der  Direction  des  Museums,  und  Brüszel  selbst  nicht 
mehr  unter  Frankreich  stehe.  Die  Unterzeichneten 
haben  daher  dieses  eigens  betreiben  müszen,  um 
ihres  Eigenthums  habhaft  zu  werden.  Ein  aus- 
gesprengtes Gerücht,  dasz  preusz.  Militärbehörden 
die  zu  Caen  hängenden  Bilder  gewaltsam  ab- 
genommen, scheint  grundlos  und  blos  um  diesseitige 
Bemühungen  zu  hintertreiben  oder  doch  aufzuhalten 
ersonnen.  Die  wegen  der  zahlreichen  aus  Strasz- 
burg  anher  zu  sendenden  Oemählde  bereits  yer- 
yersuchten  Hin-  und  Herwendungen  sind  bekannt. 

Da  nun  leicht  noch  minliche  hervortreten  und 
der  günstige  Zeitpunct  vor  dem  definitiven  Friedens- 


y  Google 


78  II.    J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

abschlusz  und  Abzug  der  Heeresmacht  am  Ende  ver- 
streicht, so  wäre  als  das  beste  zu  der  nöthigen 
Sicherstellung  reichende  Mittel  vorzuschlagen,  dasz 
man  der  Direction  du  MusSe  oder  der  sie  befehligenden 
Oberbehörde  unumwunden  erkläre,  man  werde  statt 
der  seit  länger  als  Monatsfrist  gar  nicht  hergeschafften 
Bilder,  wenn  und  insofern  sie  nicht  vor  dem  Aus- 
marsch der  preusz.  Macht  aus  Paris  hier  einträfen, 
eine  verhältniszmäszige  Zahl  französischer  Bilder 
mitnehmen  und  diese  solange  in  einer  deutschen 
Stadt  (etwa  Frankfurt)  hinterlegen  laszen,  bis  Frank- 
reich seine  Verbindlichkeit  geleistet  habe.  Ein 
französ.  Commissarius  könne  solche  begleiten  und 
demnächst  unberührt  zurückbringen. 

Wir  stellen  diese  Maasregel  (die  wenn  sie  auch 
blosz  vorgeschlagen  bleiben  sollte,  den  Transport 
der  Bilder  beschleunigen  würde)  ihre  Modification 
nnd  Einleitung  dem  Ermessen  Ew.  Excellenz  um 
so  mehr  anheim,  als  unsere  Höfe  ohne  die  Unter- 
stützung Preuszens  in  diesem  Fall  selbst  vorzuschreiten 
auszer  Stande  sind. 

Paris  23  Oct.  1815. 

Orimm  Eurhesz.  L.  S. 

Mahner  Hauptmann  in 

Braunschweig.  Dienst. 

Anlage  D: 
A  M'^  Quatrem^re  de  Quincy 
Directeur   g^    du    mus^e    du  Roi.    Membre   de 
rinstitut.  —  Monsieur,    Outre  et  independamment 


y  Google 


n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  79 

des  etats,  que  je  yous  ai  adresses  apr  ma 
lettre  du  18.  ä  la  quelle,  yous  ne  m^aYez  point 
encore  repondu,  j'ai  Thonneur,  de  yous  communiquer 
ci  Joint  un  troisi^me  etat  portant  sur  plusieurs 
tableaux,  qui  immediatement  apr^s  le  d^part  de  M'  D  e  - 
non  de  Cassel  ont  et^  reconnus  manquer  dans  nos 
collections.  Je  Yiens  de  receYoir  les  ordres  les  plus 
precis  de  ma  cour,  de  poursuiYre  la  recherche  de 
ces  tableaux  ä  reclamer,  aYec  tous  les  mojens,  qui 
sont  en  mon  pouYoir.  M'-  LaYall^e  pretend  de 
n^en  aYoir,  ni  d^en  connaltre  aucun,  mais  il  n^est 
pas  moins  Yrai,  que  M^XJnger,  peintre  demeurant 
ici ,  a  Yu,  il  j  a  quelques  ans  dans  une  exposition 
du  Mus^e  les  trois  Ostade,  indiques  sous  les  n^ 
123.  124.  et  126  et  sur  lesquels  il  serait  impossible 
quMI  se  trompät,  attendu  qu^il  les  aYait  copi^s  autre- 
foifl.  Or,  Texistence  de  ces  trois  tableaux  ä  Paris 
justifiant  et  prouYant  notre  reclamation  de  tous  les 
autres,  qui  ont  disparu  de  chez  nous  en  m§me  tems; 
YOUS  Youdrez ,  M'-  le  Directeur  g**  aYoir  la  bonte, 
d'obliger  M'-  D  e  n  o  n ,  Yotre  pr^decesseur,  d'indiquer 
Sans  retard  Tendroit,  oü  il  a  fait  placer  les  tableaux 
en  question,  ou  de  faire  connaltre,  ce  qu'ils  seraient 
deYenus.  —  L'on  me  mande  egalement  de  Cassel,  que 
TElzheimer ,  qui  nous  a  et^  restitu^  n^est  pas  le 
nötre.  Comme  il  ne  tiendra  pas  difficile,  de  reparer 
cettemeprise,  j'ai  Phonneur  de  yous  prier,  d'ordonner 
aM'  LaYallee,  que  le  n®  294  du  catalogue  fran- 
^is  (ecole  allemande)  nous  soit  deliYre  au  lieu  de 
celxd  292,  que  nous  ne  manquerons  pas  de  yous 
rendre. 


y  Google 


80  II-  J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

En  m^attendant  ä  une  reponse  prochaine  et  satis- 
faisante  je  saisis  cette  occasion  etc. 

Paris  26  Oct.  1815. 

Gr. 

Bericht  9. 

Paris,  7.  Nov.  1815. 

Hochwohlgebomer  Freiherr 
Hochzuehrender  Herr  Oeheimerath ! 
Der  Banquier  Rothschild  wird  ohne  Zweifel 
selbst  melden:  wann  und  ob  er  alle  fallige  Zahlungs* 
mandate  erhalten  hat  und  wie  er  sie  zu  realisiren 
gedenkt.  Vor  einigen  Tagen  waren  sie  indeszen 
noch  nicht  in  seinen  Händen. 

Auf  meine  Yorgeschriebenermaszen  eingelegte 
und  das  letztemal  abschnfÜich  beigefügte  Protestation, 
wegen  des  uns  zugewandten  Theils  der  Soldsumme, 
habe  ich  bald  darauf  die  hier  originaliter  ange- 
sefaloszene  Antwort  [wicht  in  den  Aden  heffindUA] 
des  Preusz.  Ministers  y.  Altenstein  empfangen, 
mich  jedoch  des  darin  erwähnten  weiteren  Schritts 
bei  d^n  Gonseil  der  yI^  Hauptmächte  umsomehr 
enthalten  zu  müszen  geglaubt,  als  alle  imter  der 
Hand  eingezogene  Nachrichten  zu  erkennen  gaben, 
dasz  an  eine  Abänderung  nicht  zu  denken,  imd  Yon 
einer  weiteren  Soldzahlung  nicht  die  Rede  sey.  So- 
bald mit  Ausgang  des  laufenden  Monats  diese 
Zahlungen  endigen,  hebt  nämlich,  dem  Vernehmen 
nach,  gleich  die  Zahlung  der  groszen  Gontributioa 
an.    Ob   wir   mit   einigem  Erfolg,   zudem   bereits 


y  Google 


n.   J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  81 

unsere  Truppen  auf  dem  Rückmarsch  begriffen  sejn 
sollen,  etwas  weiteres  für  Sold  und  Kleidung  in 
Anspruch  nehmen  können  und  wie  dieses  am  besten 
einzuleiten  sein  dürfte,  stelle  ich  höheren  Einsichten 
anheim. 

Nachdem  der  Herzog  von  Richelieu  in  Ab- 
sicht auf  die  Capitalienpapiere  endlich  eine  will- 
fährige Antwort  ertheilt  hatte,  wandte  ich  mich  un- 
verzögert  an  den  etc.  R  o  u  x  e  1  und  forderte  ihn  auf, 
zu  der  Auslieferung  derselben  Zeit  und  Stunde  fest- 
zusetzen. Als  ich  mich  auf  seine,  im  Original  an- 
gefügte [nicht  in  den  Aden  befindliche]  Erwiederung 
in  sein  Bureau  yerfQgte,  erklärte  er  sich  bereit,  so- 
wohl die  mit  den  Schuldnern  abgeschloszenen  Gon- 
yentionen  im  Urtext,  als  auch  die  darauf  Bezug 
habenden  kaiserl.  Decrete  und  Decisionen  mir  ein- 
zuhändigen ;  sodann  einen  Oeneraletat  aller  Capitalien 
und  der  darauf  bezahlten  Summen  aufstellen  zu 
laszen;  begehrte  jedoch  bis  zum  künftigen  Donners- 
tag Frist,  weil  er  noch  von  yerschiedenen  Stücken 
zu  behaltende  Abschriften  für  sich  anfertigen  laszen 
wolle.  Ich  fand  keinen  Anstand,  in  dies  Begehren 
zu  willigen  und  sehe  nun  übermorgen  der  Beendigung 
dieser  Angelegenheit  entgegen.  Originalschuldyer- 
schreibungen  yersicherte  er  gar  keine  zu  besitzen  und 
entschuldigte  den  in  seinem  Schreiben  gebrauchten 
ungenauen  Ausdruck  (aux  tUres  originaux  des  criances). 
Dieses  ist  mir  selbst  wahrscheinlich,  da  so  yiel  ich 
weisz,  der  Allergnädigste  Herr  die  Originale  ge- 
flüchtet und  in  Sicherheit  gebracht  hatte  und  der 
Feind   sich  anderwärts  her,   z.  B.  aus  dem  Eintrag 

E.  StangeL'  Acten  der  Brüder  Orlmm.  ß 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


82  IL   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

in  die  HypoÜiekenbücher ,  orientiren  muszte.  Was 
die  Correspondenz  mit  den  firanzös.  Unterbehörden 
betreffe,  so  glaubte  der  etc.  R  o  u  x  e  1 ,  es  würde  uns 
nicht  darum  zu  thun  seyn,  weil  sie  sich  ohnedem  aus 
den  in  Hanau  und  Gaszel  (bei  dem  Dir.  Beaufort) 
liegen  gebliebenen  und  gegenwärtig  in  unseren 
Händen  befindl.  Acten  ergäbe.  Ich  behielt  mir  in- 
deszen  yor,  dasz  auch  diese  Papiere,  wenn  es  nöthig 
erachtet  werden  sollte,  noch  von  uns  nachgefordert 
werden  dürften  und  stelle  darüber  das  weitere  an- 
heim. 

Mit  den  Gemählden  geht  es  höchst  langsam; 
vorige  Woche  sind  endlich  drei  für  uns  aus  L  i  o  n 
eingetroffen,  ein  viertes  eben  daher  soll  noch  nach- 
kommen; wegen  der  strasburger  werden  wir,  die 
Preuszen,  Braunschweiger  etc.  von  einem  zu  dem 
andern  Tage  vertröstet.  In  dieser  Rücksicht  ist  die 
über  alles  Erwarten  sich  verzögernde  Abschlieszung 
des  Friedens  von  Vortheil,  weil  die  alliirten  Be- 
hörden darum  länger  zu  Paris  weilen.  Allein  die 
Zeit  der  kräftigen  Maasregeln  ist  längst  vorüber 
und  der  Abzug  der  Preuszen  aus  hiesiger  Stadt,  an 
deren  Stelle  Engländer  die  Wachen  (aber  viel 
schwächer  und  ohne  ausgestellte  Canonen)  besetzen 
dem  ganzen  Reclamationswesen  nachtheilig. 

Das  Bild  im  hötel  de  Vempire,  oder  wie  es  jetzo 
heiszt,  Thdusson  ist  durch  einen  unangenehmen 
Zufall  wiederum  von  den  Ruszen  abhängig  geworden. 
Der  D.  de  Richelieu  nämlich  hat  endlich  geant- 
wortet, dasz  der  König  Ludwig  dieses  Hotel  nebst 
Ameublement  der  rusz.  Ambassade  zur  Disposition 


y  Google 


n.  J.  Grimm'a  Mission  nach  Paris  1815.  83 

gestellt  habe,  daher  jetzt  das  befragte  QemShlde 
nicht  abnehmen  laszen  könne,  yielmehr  die  Sache 
bei  dem  rusz.  Gesandten  zu  betreiben  sey.  So  elend 
diese  Ausflucht  ist,  blieb  dennoch  nichts  übrig,  als 
an  den  G**  Pozzo]  di  Borgo  zu  schreiben,  wie 
die  abschriftliche  Beilage  [Ä]  näher  besagt,  und 
ihn  um  die  Verstattung  das  Bild,  welches  die  Fran- 
zosen durch  ein  anderes,  ihnen  eigenes  ersetzen 
könnten,  abhohlen  zu  laszen,  zu  bitten.  Da  nun 
dieser  General  wieder  nicht  antwortete,  habe  ich  yor 
einigen  Tagen  mir  preuszische  Vermittlimg  erbeten 
und  warte  vorerst  deren  Erfolg  ab. 

Höchst  unangenehm  ist  es,  dasz  die  im  Caszeler 
Schlosz  geraubten  jetzt  erst  nachgeforderten  Ge- 
mählde  weder  voriges  Jahr,  noch  diesesmal  früher 
zur  Sprache  gekommen  sind,  ja  dasz  man  weder 
Quittung  noch  Angabe  der  wegnehmenden  Autorität 
zu  erbringen  vermag.  —  Quatremere  de  Quincy 
ist  leider  nicht  wirklich  zum  Director  des  Museums 
bestellt  gewesen,  sondern  seine  Ernennung  war  ein 
bloszes  durch  einige  unofficielle  Zeitungsnachrichten 
ausgesprengtes  Gerücht.  Er  war  also  genöthigt, 
mir  die  an  ihn  gesandten  Verzeichnisze,  ohne  etwas 
dafür  thun  zu  können,  zurückzugeben.  Ich  sprach 
ihn  mündlich  und  fand  seine  Aeuszerungen  gerecht, 
seine  Ansichten  liberal,  wie  man  selten  bei  Fran- 
zosen ähnliche  hört.  Er  sagte,  was  vollkommen 
wahr  ist,  wir  schämten  uns  mehr  bei  Zurückforderung 
des  Raubes,  als  seine  I^ation  bei  der  Wegnahme 
deszelben  gethan  hätte.  Was  bleibt  aber  jetzt  gegen 
Phrasen  und  Lügen  auszurichten,  sobald  man  keine 


y  Google 


84  n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

6ewalt  mehr,  das  einzifs^e  einfache  Mittel  dawider, 
brauchen  darf  ?  Layallee  versichert  auf  alle  Weise, 
die  befragten  Stücke  gar  nicht  zu  kennen.  Ich 
schrieb  an  Deöon  selbst  darum  und  empfing  die 
hier  beigelegte  [nidht  abgedruckte]  Antwort,  worin 
er  zwar  der  Bildergalerie  von  Gaszel  ein  Compliment 
macht,  allein  von  den  fehlenden  Schloszbildem  nicht 
das  mindeste  wiszen  will. 

Ich  yerzweifle  also  an  einer  Restitution  derselben, 
und  habe  sie  mittlerweile  dem  Yerzeichnisz  der 
Gompensationsgegenstände  einverleibt. 

In  diesem,  meinem  eigentlichen  Geschäft,  sind 
bisher  preuszischerseits  folgende  Schritte  geschehen: 
man  suchte,  vor  allen  Dingen,  die  aus  den 
preuszischen  Staaten  überhaupt,  vorzüglich  jedoch 
aus  dem  neuen  Rheinherzogthum,  entwendeten  Kunst- 
und  wiszenschaftlichen  Gegenstände  zu  eruiren  und 
zu  constatiren.  Dieses  war  schwer  und  weitläufig, 
weil  blos  in  den  seltensten  Fällen  Quittungen  der 
französ.  Gommiszäre,  gewöhnlich  nicht  einmal  An- 
gaben der  Ortsbehörden  vorhanden  sind,  also  wirk- 
lich der  Zufall  das  beste  thun  muszte.  Darauf 
folgte  das  noch  unangenehmere  Geschäft,  an  ver- 
schiedenen Oertem  der  Bibliothek,  im  Archiv  und 
Museum  nachzuspüren  und  durch  Einsicht  der  Cata- 
loge  etc.  herauszubringen,  ob  noch  einige  der  ge- 
raubten Gegenstände  vorhanden  sejen  und  in  diesem 
Fall  ihre  Auslieferung  zu  betreiben.  Die  Franzosen 
suchten  das  auf  alle  mögliche  Art  zu  hemmen, 
schwer  zu  machen  nnd  zu  hintertreiben;  on  ne  peui 
jpas  aller  au  devant  des  reckmoHons,  pflegten  sie  sich, 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  85 

wenn  etwas  abgeleugnetes  hernach  doch  gefunden 
wurde,  zu  entschuldigen.  Mittlerweile  wurde,  auf 
mein  stetes  Betreiben,  an  Aufstellung  eines  Etats 
aller  Kunst-  und  wiszenschafU.  Gegenstände,  die 
als  nicht  mehr  restituirbar  und  yerloren  anzu- 
sehen sejen,  gearbeitet.  Ich  entwarf  ein  Memoria, 
um  darzuthun,  dasz  Deutschland  diesen  Verlust 
nicht,  wie  den  so  yieler  andern  Dinge  verschmerzen, 
sondern  auf  eine  Gompensation,  nicht  in  Geld,  sondern 
gleichartigen  Gegenständen,  dringen  müsze.  Es 
kam  darauf  an,  den  Plan  dieser  Gompensation  fest- 
zusetzen und  die  Abtretung  eigener  Bücher,  Hand- 
schriften etc.  den  Franzosen  so  annehmlich  als 
möglich  darzustellen.  Uebrigens  habe  ich  vor- 
bedächtlich  in  diesem  Memoire  allgemein  und  nicht 
blos  von  Preuszen  gesprochen,  sondern  Heszen 
und  Braunschweig  als  Länder,  die  sich  damit 
in  gleichem  Fall  befinden,  ausdrücklich  erwähnt. 
Sobald  man  nun  französischerseits  das  Princip  der 
Gompensation  einmal  zugestanden  haben  würde,  war 
meine  Absicht,  darauf  zu  fuszen  und  auch  fOr  so 
viele  aus  Heszen  entführte  und  verlorene  Kunst- 
gegenstände irgend  einen  ähnl.  Ersatz  zu  begehren, 
wiewohl  bei  den  dreien  hier  in  Betracht  kommenden 
Yerzeichniszen  (1.  dem  der  45  malmaisoner  Bilder, 
2.  der  18  aus  dem  Schlosz  geraubten,  3.  der  2  Kisten 
mit  Kostbarkeiten)  stets  besondere  unangenehme 
Umstände  eintreten,  nämlich  nicht  das  französ. 
Gouvernement  unmittelbar  als  einzuhaften  schuldig 
betrachtet  werden  kann,  sondern  bekanntlich  die 
Familie  Beauharnais   imd  der    G^  Lagrange 


y  Google        


86  II*   J*  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

dazwischen   stehen.    Dies   ist  bei  den  preusz.  Com- 
pensationsgegenständen  nicht  der  Fall. 

Auch  versteht  es  sich  von  selbst,  dasz  nicht  auf 
vollständigen,  oder  nur  zu  vergleichenden  Er- 
satz gedrungen  werden,  sondern  nur  eine  dadurch 
begründete  und  weitere  Schritte  in  der  Haupt- 
sache nicht  gerade  abschneidende  französ.  Gegen- 
gabe bezweckt  werden  soll. 

Obiges  Memoire  ging  nun  bereits  am  7.  October 
mit  einem  Schreiben  des  Min.  Altenstein  an  den 
Grafen  Vaublanc  begleitet,  ab,  und  wurde,  als 
die  Antwort  ausblieb,  monirt;  darauf  erfolgte  eine 
blos  dilatorische,  und  es  wurde  vor  einigen  Tagen 
preusz.  seits  wiederholt  auf  Entscheidung  gedrungen. 

So  stehet  die  ganze  Sache,  d.  h.  nicht  günstig 
und  wenn  der  Frieden  und  die  Abreise  erfolgt,  ehe 
sich  der  Min.  Vaublanc  auf  den  Grundsatz  der 
Compensation  bejahend  einläszt,  so  dürfte  aus  dem 
Ganzen  nichts  werden  und  spätere  Nachverhandlungen 
wenig  firuchten.  Um  wenigstens  für  H es zen  nichts 
zu  versäumen,  setzte  ich  abschriftl.  angeschloszenen 
[Anlage BJ  Brief  an  etc.  Vaublanc  auf  und  über- 
reichte ihn  dem  Minister  Altenstein  mittelst 
Schreibens  zur  unterstützenden  Empfehlung,  da  mich 
ohnedem  etc.  Vaublanc  nicht  anzuerkennen  braucht. 
Min.  Altenstein  hat  mich  indeszen  ersucht,  das 
Schreiben  dermalen  noch  nicht  abgehen  zu  laszen, 
weil  durch  eine  neue,  so  ansehnliche,  Nachforderung 
unsererseits,  Frankreich  von  Anerkennung  des  prin- 
cipe   de   la   compensation    abgeschreckt     werden 


y  Google 


'  II.   J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  87 

dürfte.  Dringt  Preuszen  nicht  durch,  so  werden 
wir  gewisz  auch  nichts  ausrichten;  läszt  sich  Frank- 
reich darauf  ein,  so  treten  wir  Heszen  ebenfalls 
auf  und  es  ist ,  wie  erwähnt ,  im  Aufsatz  vorläufig 
darauf  hingewiesen. 

Noch  lege  ich  die  yon  etc.  Soulange  endlich 
nach  mehreren  Versuchen,  erwirkte  Erklärung:  dasz 
sich  keins  der  45  Bilder  in  der  Gewahrsam  des 
PrinzEugen  gegenwärtig  hier  befinde,  im  Original 
[fMt  hei  den  Aden]  bei  und  habe  die  Ehre  mit  der 
schuldigsten  Hochachtung  zu  seyn 

Ew.  Hochwohlgeboren  gehorsamster  Dr. 
Grimm. 

Paris,  10.  Nov.  1815. 
N.  S. 

Mein    Schreiben    vom     7*®°    d.    war    auf    eine 

besondere  Gelegenheit  eingerichtet  die  sich  über  die 

Gebühr  verzögert,  so  dasz  ich  es  nun  mit  der  Post 

abgehen  lasze.  —  Gestern  habe  ich  gemeinschaftlich 

mit  Hm.  Rouxel  die  Auslieferung  der  Capitalien- 

papiere  beendigt  und  lege  das  darüber  aufgenommene 

Protocoll  zur  Einsicht  in  orig.  bei  [fMt  hei  den  Acten], 

Da   der  gewesene  Director  Gentil  an  Ew.  Hoch- 

wohlgeb.  die  früher  schon  empfangenen  Acten  blos 

provisorisch  herausgegeben  hatte,  schien  es  mir  gut, 

auch  noch  ihrentwegen  auszudrücken,  wie  geschehen 

ist,    dasz   sie   definitiv    zurückgestellt   sind.      Auch 

habe  ich   darauf  bestanden,  dasz  der  Gen.  secretar 

Rouxel  mir  noch  am  Schlusz  bezeugte,  auszer  den 

abgelieferten   Papieren  keine   weitere    zu    besitzen. 

Die*  Summe    der   in  Empfang    genommenen  Acten 


y  Google 


88  ^«   J*  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

macht  nur  ein  mittelmäszig  dickes  Pack  aus,  das 
ich  daher  lieber  nicht  zu  den  Gemählden  packen 
laszen,  sondern  selbst  zu  mir  in  den  Wagen  nehmen 
will.  Sollte  das  Hauptyerzeichnisz ,  worin  alle 
Schuldner  sammt  den  bezahlten  und  restirenden 
Posten  notirt  stehen,  Ew.  Hochwohlgeboren  früher 
nöthig  sejn,  so  belieben  Dieselben  es  nur  zu  fordern, 
damit  ich  es  durch  die  Briefyost  sende. 

Sonst  nichts  neues;  der  Mahler  Unger  föngt 
mir  auch  an  ungeduldig  zu  werden,  darüber,  dasz 
sich  unsere  Abreise  so  verzieht,  er  hatte  sich  darauf 
eingerichtet,  schon  in  der  Mitte  Octobers  fortzu- 
kommen. Auch  dürfte  mein  Aufenthalt  seit  einiger 
Zeit  kostspieliger  werden,  indem  man  nun  auch  in 
Ansehung  der  Einquartirung,  sowie  früher  schon  in 
Absicht  auf  Verköstigung ,  schonendere  Grundsätze 
für  die  hiesigen  Einwohner  anzunehmen  scheint, 
ut  in  literis.    Gh:. 

Anlage  A. 

Lettre  au  General  Pozzo  di  Borgo: 
Monsieur  le  G^n^ral,  Dans  Tun  des  appartemens 
de  rhötel  Th^lusson,  rue  de  Cerutti,  il  se  trouve 
place  un  tableau  de  Tecole  de  Rembrand,  re- 
presentant  un  yieillard,  qui  ecrit,  et  provenant  de 
la  galerie  de  Gassei.  II  n^avait  et^  detach^  de  la 
collection  du  mus^e  de  Paris  que  pour  faire  partie 
du  mobilier  dudit  hötel ,  dependant  du  gouyemement 
franfais. 

S.  M.  le  Roi  de  France  ajant  fait  droit  ä  la 
reclamation  de  tous  les  tableaux  enley^s  des  etats 


y  Google 


n.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  89 

de  S.  A.  R.  TElecteur  de  Hesse,  je  n^ai  pas 
manqu^  de  m^adresser  ä  S.  E.  le  Duo  de  Richelieu, 
pour  obtenir  rautorisation  necessaire  ä  faire  retirer 
ce  tabieau.  Le  Ministöre  de  S.  M.  Tr.  Chr.  ne  se 
croit  cependant  autoris^  ä  disposer  d^aucun  des 
objets  se  trouvant  dans  un  hötel,  que  le  Roi  a  mis 
a  la  disposition  du  gouyemement  russe  pour  servir 
d^habitation  ä  son  ambassadeur  pr^s  la  cour  de 
France;  mais  il  s^est  bome  au  conseil  de  s^adresser 
ä  Votre  Excellence  afin  de  faire  valoir  cette  recla- 
mation. 

Supposant  que  ce  tabieau  a  enti^rement  cess^ 
d^appartenir  k  la  France,  et  que  pour  completter 
Pameublement  de  Th.  Th.  eile  peut  trös  facilement 
le  remplacer  par  un  autre  ä  choisir  dans  ses  propres 
collection«,  je  prends  la  libert^  de  prier  Votre  Ex- 
cellence, de  vouloir  bien  permettre,  que  j'envoye 
chercher  le  tabieau  en  question  ä  Theure,  qu^il  Lui 
plaira  de  fixer.  —  Je  m'empresse  de  renouveller  ici 
Fassurance  de  la  plus  haute  consid^ration  ayec  la- 
quelle  je  suis  Monsieur  le  General  De  votre  Ex- 
cellence le  trÄs  humble  et  trds  ob"*-  serv. 

Grimm 

secretaire  de  legation  et  charg^  d^aff.  de  S.  A.  R. 

TElecteur. 

Paris,  81.  Oct.  1815  me  de  Tuniversit^  no  7. 

Anlage  B. 
Gopie   de    ma    lettre  au    C**   de    Yaublanc, 
Min.  secretaire  d^etat  et  de  Tinterieur. 

M'-  le  G^,  Le  soussign^    en  se   ref^rant   ä   la 


y  Google 


90  IL   J.  Grimmas  Mission  Bach  Paris  1815. 

note,  qui  a  ete  adressee  ä  V.  E.  en  date  du  7  Oct 
par  le  B^"  d'Altenstein,  Min.  d'etat  de  S.  M.  Pr. 
ä  l^egard  des  objets  d'art  et  de  science  enleves  en 
Allemagne  par  ordre  du  gouy^  fran9ais  et  dont  la 
restitution  est  devenue  impracticable ,  attendu  que 
les  objets  en  question  n^existent  plus  dans  1^  col- 
lections  publiques  de  la  France,  ou  que  les  conser- 
yateurs  des  dits  Etablissements  pretendent  n^en  avoir 
aucune  connaissance ;  en  se  r^ferant  egalement  au 
memoire  accompagnant  la  dite  note,  dans  lequel  se 
trouvent  developpes  les  principes  prouvant  jusqu^ä 
l'evidence  et  la  necessitE  et  la  justice  de  compenser 
ces  objets  par  autant  d'autres  ä  prendre  dans  les 
collections  propres  de  la  France;  a  Thonneur  de 
presenter  ä  Y.  E.  les  trois  etats  ci  joints  renfermant 
la  liste  de  semblables  objets  d'art  et  sciences  en- 
leves  des  collections  de  S.  A.  R.  TElecteur  de 
Hesse. 

II  prend  la  liberte  d'observer  seulement,  qu'une 
grande  partie  des  tableaux  design^s  dans  rinyentaire 
n^  II  est  successivement  tomb^e  entre  les  mains 
de  Josephine  epouse  de  Bonaparte  et  aprös 
dans  Celles  de  la  famille  B.  mais  qu'enfin,  ä  en 
croire  des  bruits,  eile  aurait  ei6  vendue  äla  Russie. 
Non  obstant  cela  plusieurs  autres  tableaux  compris 
dans  le  dit  inyentaire  ne  semblent  jamais  etre  yenus 
ä  Malmaison,  mais  autrement  emplojEs  par  les 
agens  du  cideyant  gouy*-  fran9ais.  V.  E.  conyiendra 
que  toutes  les  transactions  interyenues  ou  pr^tendues 
ne  sauraient,  qu'elles  quelles  soient,  d^roger  aux 
droits  incontestables  du  yrai  proprietaire. 


y  Google 


II.  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  91 

Le  soussign^  a  refu  Pordre  de  sa  cour  de  re- 
clamer  auprfes  de  V.  E.  pour  autant  d'objets  precieux 
et  presqu'in^valuables ,  dont  notre  pays  se  voit 
prive  maintenant,  les  m^raes  compensations  et  in- 
demnit^s,  que  la  Prusse  obtiendra  en  pareil  cas. 
II  s'empresse  d'offrir  etc.  —  Die  drei  Beilagen  sind: 
I.  inventaire  du  contenu  des  deux  caisses  tomb^es 
entre  les  mains  de  Lagrange.  IL  inv.  des  45  tab- 
leaux.  ni.  inv.  des  18  tableaux.  [Abschrift  dieser 
Beilagen  ist  nicht  vorhcmdenj 


Bericht  10. 

Paris,  14.  Nov.  1815. 

Hochwohlgebomer  Freiherr 
Hochzuverehrender  Herr  Geheimerath! 

Ew.  Hochvirohlgeboren  so  eben  empfangenes 
Schreiben  (vom  9.  d.  M.  aus  Frankfurt  erlaszen) 
belehrt  mich,  dasz  dero  Abreise  aus  Caszel  früher 
erfolgt  ist,  als  virenigstens  die  hiesigen  Zeitungen, 
die  von  einer  abermaligen  Weiteraussetzung  der 
Bundesversammlung  reden,  erwarten  lieszen. 

Ich  bedaure,  dasz  Dieselben,  wiewohl  ich  die 
gute  Absicht  dabei  unmöglich  verkenne,  meine  Vor- 
stellung an  den  EurfCirsten  einstweilen  aufhalten 
zu  müszen  geglaubt  haben.  Da  ich  mich  nun  be- 
stimmt ausgesprochen  hatte,  so  dasz  ich  nichts 
weder  zu-  noch  abzuthun  wüszte,  und  der  Meinung 
bin,   mir   selbst   vor  allen  Dingen  treu  bleiben  zu 


y  Google 


92  n.   J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

müszen,  so  nehme  ich  mir  die  Freiheit  angelegent- 
lichst zu  bitten,  mein  besuch  nunmehr  sogleich  ab- 
gehen zu  laszen  und  bin  voraus  fär  die  gütigst  zu- 
gesagte Unterstützung  deszelben  zu  grösztem  Dank 
verbunden.  Ew.  Hochwohlgeboren  haben  mir  sicher 
nie  etwas  zu  Leid  gethan,  sondern  sind  in  den 
früherhin  bestandenen  Dienstverhältniszen  stets  zu- 
vorkommend und  mit  mir  zufrieden  gewesen;  hätten 
diese  nunmehr  erneuert  werden  sollen,  so  würde  ich 
hoffentlich  auch  meinerseits  zu  keinen  Klagen  An- 
lasz  gegeben  haben.  Ueber  mich  selbst  mache  ich 
nicht  gern  viel  Worte,  allein  ich  war  bereits  seit 
verwichenem  Frühjahr  fest  entschloszen,  falls  der 
Allergn.  Herr  der  erbetenen,  bescheidenen,  ander- 
weiten Anstellung  mich  nicht  theilhaftig  werden 
laszen  würde,  mich  eher  alles  Anspruchs  auf  eine 
durch  zehnjähr,  treuen  Dienst  wohl  verdiente  Ver- 
sorgung zu  begeben,  als  fernerhin  in  der  diplo- 
matischen Laufbahn  gebrauchen  zu  laszen. 

Zu  Ende  voriger  Woche  erfuhr  ich,  der  Staats- 
Rath  La  Bouillerie,  unter  welchem  der  U-isor 
du  domaine  extraard,  stehet,  dürfte  gleichfalls  noch 
verschiedene,  die  kurheszischen  Gapitalien  betreffende 
Papiere  in  Händen  haben;  begab  mich  sogleich  za 
demselben  und  bin  nach  verschiedenen  Gängen  und 
Beredungen  so  glücklich  gewesen,  ihn  zu  erfolg- 
habenden Nachforschungen  und  der  Versicherung 
der  Auslieferung  zu  bringen.  Morgendes  Tags 
sollen  mir  nämlich  die  von  einigen  Schuldnern  zur 
Bezahlung  ihrer  Abfindung  mit  den  Franzosen  aus- 
gestellten Verbriefungen ,  zusammen  über  eine  Mfl- 


y  Google 


IL  J.  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815.  93 

lion  Franken  betragend,  eingehandiget  werden,  wo- 
von mein  nächstes  Schreiben  das  genauere  berichten 
wird.  Wenn  gleich  diese  Papiere  ihre  Kraft  ver- 
loren haben,  ist  es  dennoch  gut,  solche  zu  besitzen. 

Neulich,  um  Lagrange  zu  erforschen,  war  ich 
auf  dem  Bureau  des  Etat  Major  der  hiesigen  Division, 
vernahm  aber  nichts  wie  —  alte  Adressen  und  bin 
darauf  drei  bis  vier  Stunden  vergebens  in  der  Stadt 
umher  angefahren,  ohne  den  ihm  langst  zugedachten 
Brief  los  werden  zu  können.  Dagegen  hat  mich 
der  ehemalige  französ.  Domainendirector  Graf 
Beaufort  aufgespürt  und  mir  die  anliegende  [nicht 
mehr  vorhandene]  Vorstellung,  worin  er,  wie  es 
scheint,  mit  Grund,  drei  Spiegel  reclamirt,  zugestellt. 
Haben  Ew.  Hochwohlgeb.  die  Güte  solche  nach  Gaszel 
zur  Einleitung  des  weiteren  abgehen  zu  laszen. 

Dermalen  erregt  hier  der  Ney'sche  Process 
alle  Aufmerksamkeit  und  man  glaubt,  die  Pair 
Cammer  werde  diesen  Marschall  Todes  verurtheilen. 
Der  Publication  des  Friedens  sieht  man  noch  Ende 
laufender  Woche  entgegen;  das  vorzüglich  preuszi- 
scherseits  betriebene  Princip  der  Privatreclamationen 
hat  die  Verhandlungen  zumeist  aufgehalten,  dafOr 
aber  auch  heilsame  Wirkung  gehabt.  Ohne  Zweifel 
sind  auch  in  Heszen  längst  alle  hierhin  ein- 
schlagende Gegenstände  verzeichnet  und  eingetragen, 
damit  wenn  die  Anerkennung  des  Grundsatzes  fest- 
stehet, unversäumt  die  Summen  liquidirt  und  ge- 
fordert werden  können ?  Hamburg  allein  verlangt 
50  Mill.  und  Hannover  40  Mill.  für  seine  Unter- 
thanen. 


y  Google 


94  TL  J,  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

Der  Staats  Ganzler  will,  heisst  es,  zu  Anfang 
künftiger  Woche  Paris  verlaszen,  der  Minister 
Altenstein  aber  wird  14  Tage  länger  zur  Be- 
treibung der  gar  noch  nicht  weit  gediehenen  Com- 
pensationsangelegenheit  bleiben. 

Unter  diesen  leidigen  Umständen  kann  auch  ich 
Yor  Anfang  December  nicht  an  meine  Rückreise 
nach  Gaszel  denken, 

Herr  v.  Bodenhausen  hat  mir  neulich  eben- 
falls bestätigt,  dasz  aus  der  vorgewesenen  zweiten 
Soldforderung  gar  nichts  geworden  ist. 

Mit  unveränderlicher  Hochachtung  habe  ich  die 
Ehre  zu  bestehen 

Ew.  Hochwoblgeb.  gehorsamster  Dr, 
Grimm. 
In  Eile. 

Bericht  11  und  12. 

Ä118  diesen  "beiden  Berichten  seien  nur  einige  Stellen 
(Hisgehöben: 

XL  Ew.  Hochwohlgeboren  fänf  letzte,  schnell 
auf  einander  eingetroffene  Schreiben  vom  16.  20. 
23.  25  imd  28ten  Nov.  liegen  zur  schuldigsten  Be- 
antwortung vor  mir.  Diese  würde  indeszen  schon 
längst  erfolgt  seyn,  wenn  ich  von  hier  aus  irgend 
einen  der  darin  zu  berührenden  Gegenstände  schneller 
zu  besprechen  vermocht  hätte,  als  es  der  mittler- 
weile allgemein  bekannt  gewordene  Friedenstractat 
thut  .... 

Öffentliche  Reclamationen ,  d.  h.  diejenigen  von 
Gouvernement  zu   Gouvernement,   sind  ihrer  Über- 


y  Google 


IL  J.  Grimm's  Mission  nach  Paris  1815.  95 

schwänglichkeit  wegen,  als  der  Krone  Frankreich 
erlaszen  und  als  niedergeschlagen  zu  betrachten. 
Es  stehet  daher  den  von  Ew.  Hochwohlgeboren 
dem  Minister  Altenstein  überreichten  Verzeichniszen 
(in  sofern  mir  solche  bekannt  geworden  sind)  kein 
Erfolg  bevor  .... 

Endlich  gedenke  ich  nächsten  Freitag  sammt 
Hm.  TJnger  von  hier  abreisen  zu  können.  Vielleicht 
gehen  die  fehlenden  Bilder  bis  dahin  noch  ein,  im 
gegentheiligen  FaUe  bitte  ich  den  preusz.  Gesandten 
V.  Ooltz  deren  Empfangnahme  zu  übernehmen. 
Auch  für  Preuszen  etc.  fehlen  noch  einige.  Die  Ver- 
schlage gehen  vorgeschriebenermaszen  an  Ew. 
Hochwohlgeb.  nach  Frankfurt  zur  weiteren  Be- 
sorgung ab.  Wir  behalten  uns  vor,  Hr.  Unger  oder 
ich,  näheren  Bericht  über  alles  abzustatten  .... 

Das  Entschädigungsproject  für  Manuscripte  und 
Bilder  hat  leider  noch  keinen  Erfolg  gehabt,  u.  aus 
diesem  Orund  habe  ich  für  Hessen  keinen  Schritt 
thun  können,  auch  das  früherhin  erwähnte  Schreiben 
an  Vaublanc  zurückgenommen. 

Paris  4.  Dec.  1815. 

Xn  ....  Ob  es  nicht  rathsam  sein  dürfte,  für 
die  Reclamationen  der  kurhessischen  Länder  einen 
Liquidator  hierher  zu  senden,  oder  wenigstens  den  Ab- 
geordneten einer  befreundeten  Macht  speciell  damit 
zu  beauftragen,  stelle  ich  höherem  Ermeszen  anheim. 
Es  ist  dermalen  nicht  einmal  jemand  hier,  der  sich 
der  heszischen  Unterthanen   in   Pasz-  und  Schutz- 


y  Google 


96  ^*   J*  Grimmas  Mission  nach  Paris  1815. 

angelegenheiten  annimmt  und  ich  bin  mehrmals  yoq 
Leuten  überlaufen  worden .... 

Morgen  soll  uns  endlich  nach  vielen  neuen 
Schreibereien  und  unnöthigen  Vermittelungen  das 
Gemähide  aus  dem  Hotel  Thelusson  ausgeliefert 
werden,  vielleicht  auch  noch  eins  aus  Toulouse  an- 
langen. Ende  der  Woche  reise  ich  sodann  ab  ...  . 
Paris  6  Dec.  1815. 


Bericht  18. 
Allerdurchlauchtigster  Kurförst! 
Allergnädigster  Kurfürst  und  Herr 

Durch  dasjenige,  was  der  Herr  Geheimerath  von 
Carlshausen  aus  meinen  an  ihn  erstatteten  Berichten 
zweifelsohne  vorgetragen  haben  wird,  musz  es 
bereits  zur  Allerhöchsten  Kenntnis  Eurer  König- 
lichen Hoheit  gelangt  seyn,  dasz  zwei  der  kur- 
heszischen  Gemähide  nach  Brüszel  gerathen  waren 
und  die  Umstände  es  nöthig  machten,  selbige  von 
der  könig.  niederländischen  Regierung  unmittelbar 
zu  reclamiren.  Unterm  22ten  October  erliesz  ich 
demzufolge  eine  desfallsige  Note  an  den  dazumal 
in  Paris  befindlichen  niederländischen  Minister  Frei- 
herm  von  Gagern,  welcher  sich  der  Angelegen- 
heit bei  dem  Haag  er  Hofe  aufs  dringendste  an- 
zunehmen versprach,  damit  ich,  wie  es  am  paszendsten 
erschien,  bei  meiner  Rückkehr  nach  Deutschland 
den  kleinen  Umweg  über  Brüszel  nehmen  und  dort 


y  Google 


II.   J.  Qrimm's  Mission  nach  Paris  1815.  97 

beide  Gemählde  in  Empfang  nehmen  könnte.  Lange 
Zeit  erwartete  ich  vergebens  die  günstige  Ent- 
scheidung des  niederländischen  Ministeriums  und 
muszte  endlich  ohne  sie  abreisen  und  in  Begleitung 
des  Mahlers  Unger  zu  Brüszel  mich  darauf  be- 
schränken, das  Dasejn  der  Bilder  zu  constatiren  und 
bei  dem  dortigen  Maire  anzufragen:  ob  er  noch 
keinen  Befehl  zur  Auslieferung  erlangt  habe  ?  welches 
er  verneinte,  auch  in  Ermangelung  eines  solchen 
die  Aushändigung  der  Gemählde  verweigerte.  Von 
allem  diesem  habe  ich  nicht  gesäumt,  Ew.  Königl. 
Hoheit  Gesandten  am  Bundestage  ausftthrlich  zu 
unterrichten. 

In  diesem  Augenblick  erhalte  ich  die  ehrfurchts- 
voll angebogene  piier  nicht  abgedruckte]  willfährige 
Antwort  des  niederländischen  Gesandten  am  fran- 
zösischen Hofe,  Freiherm  von  Fagel,  nach  welcher 
nichts  übrig  bleibt,  als  nunmehr  die  beiden  Gemählde 
in  Brüszel  in  Empfang  zu  nehmen  und  verpacken 
zu  lassen,  indem  der  des  Bildes  von  Tintoretto 
halben  obwaltende  Zweifel  theils  durch  das  Zeugniss 
der  Direction  des  pariser  Museums,  theils  durch  die 
von  dem  Mahler  Unger  neulich  geschehene  Recog- 
nitiou  gehoben  zu  werden  scheint.  In  Brüszel  würde 
vielleicht  ein  daselbst  wohnhafter  Mahler  Rochard 
am  schicklichsten  mit  dieser  Sache  beauftragt  werden 
und  der  ihn  genau  kennende,  in  diesem  Augenblick 
noch  zu  Frankfurt  verweilende  Mahler  Unger  das 
erforderliche  instruiren  können.  Ich  habe  daher  ehr- 
erbietigst hiermit  anheimzustellen :  ob  es  Aller  Höchst 
gefällig  sey,    dem  Frhm.   von  Garlshausen  Ex- 

£.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Grimm.  7 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


98  n*  J-  Orimm's  Mission  nach  Paris  1815. 

cellenz  die  in  dieser  Angelegenheit  baldmöglichst  zu 
nehmenden  weiteren  Maasregeln  anbefehlen  zu  laszen. 
In  tiefster  Ehrfurcht  beharre  ich 
Ew.  Königl.  Hoheit 
allerunterthänigster,  treugehorsamster  und 
pflichtschuldigster 
Grimm. 
Gaszel  den  28  December  1815» 

Bericht  14. 
Allerdurchlauchtigster  Kurfürst, 
Allergnädigster  Kurfürst  und  Herr. 
Aus  der  ehrerbietigst  angebogenen  [nicht  mehr 
vorhandenen]  Rechnungsablage  über  die  seit  meiner 
Terwichenen  Herbst  auf  Allerhöchsten  Befehl  nach 
Paris  unternommenen  Reise  gehabten  Unkosten, 
wird  huldreichst  entnommen  werden  können,  dasz 
ich  für  Quartier  und  Kost  während  meines  dortigen 
Aufenthalts  nichts  angesetzt  habe.  Durch  besondere 
Vermittlung  der  kön.  Preusz.  Autoritäten  wurde 
ich  nämlich  in  der  Stadt  einquartirt  und  beköstigt. 
Mit  dem  20  November  hörte  indeszen  diese  Maas- 
regel natürlich  völlig  auf;  in  der  Wohnimg  eines 
Bekannten  fand  ich  jedoch  für  die  drei  Wochen, 
welche  ich  länger  verweilen  muszte,  solange  Unter- 
kunft und  ersparte  dadurch  die  Ausgabe  für  Quartier- 
miethe.  Sämmtlichen  preuszischen  Angestellten,  die 
gleich  mir  bequartirt  und  beköstigt  waren,  sind 
gleichwohl  von  dem  Könige,  während  der  ganzen 
Zeit,  die  üblichen,  für  einen  Cancellisten  14  Franken 
betragenden,  Diäten  zugestanden  worden,   weil  man 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


n.  J.  Grimmas  Misdon  nach  Paris  1815.  99 

in  Paris  zu  manchen  unvorherzusehenden  Ausgaben 
gezwungen  wird.    Ob   mir  inzwischen,   auszer  den 
mir  zu   gut  kommenden  552  Franken  noch  Diäten 
(zu   12   Franken)   vom   18.  Sept.  bis  20.  November 
zusammen  f&r  63  Tage  von  756  Franken  huldreichst 
verwilligt  werden   wollen,    stelle  ich  ehrfurchtsvoll 
anheim.    Zu  gleicher  Zeit  überreiche  ich   eine  mir 
von  dem  Mahler  ünger   eingehändigte  Rechnung, 
226  Fr.  10  Ct  betragend,   welche  derselbe  bei  Ge- 
legenheit   der    aus    Fontainebleau    und    Ram- 
bouillet abgeholten  Gemahlde  ausgelegt  hat. 
In  tiefster  Ehrfurcht  beharre 
Eurer  Königlichen  Hoheit 
allerunterthänigster,  treugehorsamster 
und  pflichtschuldigster 
Grimm. 
Caszel  9  Febr.  1816. 


prs,  d,  14.  Febr.  1816,  Auf.  S.  4  steht  die  Be- 
soltUian,  dasz  der  Geheime  Rath  u.  Cammer-Präsident 
V.  Carlshausen  zuvor  gutachtlich  zu  berichten  habe. 
Dieses  Gutachtern  liegt  aber  nicht  vor,  ebenso  wenig  die 
erfolgte  Entscheidung. 


7* 
y  Google 


100         in.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 


in.  Acten  Ober  J.  Grimm  als  Bibliothekarin  Caesei. 

A. 

Das  Ädenfascikel  des  Marburger  Staatsarchivs  ^be- 
treffend  den  I.  Bibliothekar  der  Bibliothek  im  Museum 
zu  Cassel  1815— 30*  (Sign.:  0.  St.  S.  aus  Gef.  8856) 
ergibt  folgende  Nummern : 

1)  Extract  Geheimen  Raths  ProtocoUs  Ca3sel  d. 
25.  Aug.  1815  no.  16:  Der  Legations -Secretär 
Grimm  allhier  bittet  allerunterthänigst  um  Über- 
tragung der  2ten  Bibliothekar-Stelle  am  hiesigen 
Museo  und  der  Hof- Archivarienstelle.  Res.:  Sup- 
plicant  hat  zuvor  unter  der  Direction  des  Geheimen 
Regierungs-Raths  vonLepel,  die  Wiener  Congress- 
Acten  zu  complettiren,  und  r^ve  abzuschreiben. 

2)  AUergnädigstes  Rescript  för  den  Bibliothekar 
Jacob  Ludwig  Carl  Grimm,  datirt:  Cassel  den 
16.  April  1816.  Der  OehaU  betrug  600  -^  jährlich 
und  wurde  vom  1.  Mai  an  gezählt  (bis  dahin  erhielt 
J.  Chr.  den  gleichen  Qehalt  als  Legations-Secretär). 

3)  Der  zweite  Bibliothecar  am  Museo  Grimm 
bittet  um  Huldreichste  Verwilligung  benöthigten 
Reiseurlaubs : 

Allerdurchlauchtigster  Kurfürst, 
AUergnädigster  Kurfürst  u.  Herr! 
Eure  Königliche  Hoheit  haben  vor  einem 
halben  Jahre  nicht  die  Gnade  gehabt,  meinem  ehr- 
furchtvollsten Gesuch  um  Urlaub  zu  einer  Reise 
nach  Heidelberg,  wo  ich  verschiedene  aus  Rom 
angelangte  wichtige  Handschriften  benutzen  möchte, 


y  Google 


ni.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.         IQl 

zu  willfahren.  In  der  Ho£Pnung  dasz  die  Gründe  zu 
dieser  Verweigerung  nunmehr  wegfallen  und  in  Er- 
wägung, dasz  diese  Reise  keineswegs  auf  mein  Ver- 
gnüge» oder  blosze  Zerstreuung  hinauslauft,  sondern 
die  Vermehrung  meiner  literarischen  und  biblio- 
graphischen Kenntnisse  bezweckt,  wie  ich  denn  auch 
allein  in  solcher  Absicht  die  für  mich  nicht  un- 
beträchtlichen Kosten  dazu  aus  meinen  beschränkten 
Mitteln  aufwende;  wage  ich  hiermit  aufs  neue  um 
die  AUergnädigste  Verstattung  eines  Urlaubs  von 
wenigstens  sechs  Wochen  ehrerbietig  anzuhalten  und 
lebe  um  so  mehr  der  vollen  Zuversicht,  in  meiner 
unterthänigsten  Bitte  nicht  fehl  zu  gehen,  als  mein 
gleichfalls  bei  der  Bibliothek  angestellter  Bruder 
sich  bestreben  wird,  so  lange  meine  Dienst  Obliegen- 
heit mit  zu  versehen.  In  tiefster  Ehrfurcht  Eurer 
Königlichen  Hoheit  etc.     Cassel  am  14.  März  1817. 

Barßuf  erfolgte  die  allerh,  Besoliäion:  Cassel  den 
17.  Merz  1817.  Der  gebetene  Urlaub  zu  dem  er- 
wähnten Zweck  wird  auf  sechs  Wochen  allergn. 
zugestanden. 

4)  ürJatibsgesuch  J.  OrJs: 

Kurfürstl.  Oberhofmarschallamt ! 
Um  vierzehntägigen  Urlaub  zu  einer  Reise  nach 
Frankfurt  und  Schlangenbad  bitte  ich  in  demjenigen 
schuldigen  Respect  womit  verharre. 

Kurfürstl.  Oberhofmarschallamts 
unterthäniger 
Bibliothekar  Orimm. 
Cassel  4.  Aug.  1823. 


y  Google 


102         ni.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Gassei. 

Basselbe  wurde  cm  den  KwrfiirsUn  abgegAen  und 
unter  dem  25.  Aug.  1823  aUergnädigst  zugestanden. 

5)  S.  10  no.  7. 

6)  Qesueh  der  Brüder  Qtinm  an  den  Kurßirsten: 

Allerdurchlaachtigster  KurfÖrst, 
Allergnädigster  Eurftirst  und  Herr! 

Bei  dem  Tode  des  Directors  der  KurfÜrsU.  Bibl. 
im  Museo  wagen .  wir  es ,  Ew.  Königlichen  Hoheit 
in  tiefster  Ehrerbietung  uns  zu  nähern  und  vor 
Allerhöchstdenselben  unsere  allerunterthänigste  Bitte 
niederzulegen.  Einen  Theil  unseres  Lebens  haben 
wir  beide  nach  imsem  Kräften  der  Verwaltung  der 
Bibliothek  vorgestanden,  der  jüngere  als  Secretar 
seit  ffinfzehn  Jahren,  der  ältere  als  Bibliothecar  seit 
dreizehn  Jahren,  nachdem  er  bereits  zehn  Jahre 
vorher  in  andern  Ämtern  dem  Allerhöchsten  Hause 
gedient  hatte.  Wir  haben  unsere  Pflicht  mit  ge- 
wiszenhafter  Treue  erfüllt  und  mit  dem  unabläszigen 
Streben,  alles,  was  der  Bibliothek  zum  Nutzen  ge- 
reichen könnte,  auf  jede  mögliche  Weise  zu  fördern. 

Beide  in  das  Mannesalter  herangerückt,  von 
einem  geringen  Gehalt  lebend,  bitten  wir  ehrfurchts- 
voll auf  Ew.  Königlichen  Hoheit  Ghiade,  von  welcher 
das  Glück  imseres  Lebens  abhängt,  vertrauend: 

dem  Bibliothekar  die  erste,  dem  Secretar,  die 
dadurch  erledigte  zweite  Bibliothekarstelle 
huldreichst  zu  verleihen. 


y  Google 


IIL  J.  Qrimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.         103 

Wir  würden  niemals  aufhören  Ew.  Königlichen 
Hoheit  Gnade  mit  dem  vollkommensten  Danke  zu 
verehren,  die  wir  in  tie£ster  Ehrerbietung  ersterben. 
Ew.  Eönigl.  Hoheit  allerunterthänigste, 
treugehorsamste,  pflichtschuldigste 
Jacob  Orimm  Dr.  Wilhelm  Orimm 

der  phil.  und  beider  Rechte      Bibliotheksecretar. 
Doctor,  Bibliothecar. 
Cassel  d.  2.  Febr.  1829. 

Avf  dieses  von  W.  Orimm  geschriebene  Oesuch  hat  der 
Kurfürst  eigenhändig  gesetzt:  Cassel  d.  5.  Febr.  1829. 
Beyde  Gesuche  werden   abgeschlagen.    Wilhelm  K. 

7)  S.  11  no.  9. 

8)  Allerhöchstes  Besoldungsgülage-Rescript  ß^  den 
Bibh  Dr.  Chrimm,  Die  Zulage  beträgt  Einhundert  Thaler 
(der  QehaU  mithin  700  Thlr.). 

9)  u.  10)  S.  11—2  no.  11— 2. 

11)  Das  O.'H.'M.'Ämt  Überreicht  die  Ausfertigungen 
der  dem  Bibl.  Orimm  saune  d.  Bibh- Sekret.  Chrimm 
aXlergn.  ertheiUen  flachen  Abschiede  zur  allerhöchsten  Voll' 
Ziehung.  Cassel  am  31.  Oct.  1629.  Daraufhat  der  KurfUrst 
bemerkt:  „Gehet  an  das  Geh.  Cabinett  um  den  ge- 
eigneten flachen  Abschied  vorzulegen  cum  remiss. 
Wilhehn  K.     Whhe.  d.d.  1.  Nov.  1829." 

12)  und  13)  =  S.  12  no.  13—4. 

B. 

Die  den  Oeldverlag  und  die  Verwaltungskosten  der 
Museumsbibliothek  betreffenden  Acten  Fasciket  (Oef.  6855, 
885^  enthalten  auch  die  Verhandlungen  zwischen  J.  Orimm 
und  dem  ihm  vorgesetzten  Ober-Hof-MarsehaU-Amt. 


y  Google 


104  in.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  CasseL 

Auf  Antrag  VölkeVs,  der  1821  zum  Director  d€S 
Mtiseums  und  der  Bibliothek  ernannt  war,  wurde  unter 
dem  20.  Oct.  1823  die  Verwaltung  des  /Rr  An- 
schaffungen ausgeworfenen  Bibliothekfands  an  Jacob. 
Grimm  üibertragen.  Aber  in  Folge  der  Neuordnung  des 
Rechnungswesens  bei  der  Hauptcasse  wurde  ihm  die  bisherige 
freie  Verfügung  über  den  Anschaffungsverlag  entzogen,  für 
alle  Neuanschaffungen  das  Mitwissen  Volk  eis  verlangt 
und  hatte  er  überdies  nur  die  Rechnungen  rücksichttich 
der  Lieferung  und  der  Preise  zu  attestiren,  von  Völkel 
dann  visiren  zu  lassen  und  dem  Oberhofmarschdllamt 
zur  ZahlungS'Verfügung  einzureichen.  Vergeblich  wurde 
J.  Qrimm  gegen  diese  Neuerung  vorstellig. 

Die  mit  Antiquaschrift  geschriebene  bezügliche  Eingabe 
lautet: 

Kurfürstliches  Ober-Hof-Marschallamt ! 

Die  mir  bekannt  gemachte  Beschlusznahme  Kur- 
fürstlichen Ober-Hof-Marschallamts,  wodurch  in  der 
bisherigen  Verwaltung  des  Bibliothekfonds  eine 
wesentliche  Abänderung  getroffen  worden  ist,  ver- 
pflichtet mich  zu  nachstehenden  ehrerbietigen  Be- 
merkungen : 

1.  auf  allen  Bibliotheken  Deutschlands,  meines 
Wiszens  auch  des  Auslands,  ist  es  althergebracht, 
dasz  der  jedesmalige  Bibliothekar  den  ausgeworfenen 
Fonds,  sey  es  auf  einmahl  oder  quartalsweise,  aus 
der  herrschaftlichen  Casse  zieht,  verwahrt  und  ver- 
ausgabt, über  geschehene  Verausgabung  aber  am 
Schlusze  des  Jahrs  belegte  Rechnung  einreicht. 

2.  Diese  Einrichtung  gründet  sich  auf  Natur  der 
Sache  und  geprüfte  Erfahrung.     Vielleicht  nicht  die 


y  Google 


III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.  105 

Hälfte  der  jährlich  zu  erkaufenden  Bücher  nimmt 
der  Bibliothecar  von  anwesenden  Buchhändlern.  Er 
musz  Bestellungen  ins  ferne  Ausland  machen, 
Auctionen  und  andere  sich  unvorausgesehen  dar- 
bietende Gelegenheiten  benutzen,  häufig  vorschieszen 
oder  vorausbezahlen. 

3.  Die  Preise  des  Buchhandels  sind  in  den  meisten 
Fällen  reguliert  und  werden  von  keinem  Buchhändler, 
wenn  er  sich  nicht  um  den  Credit  bringen  will, 
überschritten.  Der  Buchhändler  ist  kein  Hand- 
werker, der  auf  Bestellung  arbeitet  und  sich  vom 
Preise  noch  abziehen  läszt. 

4.  Kann  der  Bibliothekar  zur  nöthigen  Zeit  nicht 
selbst  zahlen,  sondern  soll  er  einzelne  grosze  und 
kleine  Rechnungen  nur  bescheinigen  und  dem  Buch- 
händler etc.  sich  die  wirkliche  Zahlung  zu  erwirken 
überlaszen;  so  wird  das  Geschäft  gelähmt  und  dem 
Bibliothecar  die  nöthige  freie  Hand,  der  Überblick 
im  ganzen  entzogen.  Er  wird  dennoch  und  zu  seinem 
Privatnachtheil  manchmal  gezwungen  seyn,  Vor- 
schüsze  aus  der  eignen  Tasche  zu  machen.  Buch- 
händler imd  Buchbinder  gerathen  in  Abhängigkeit 
von  dem  Cassenbeamten ,  der  nach  mir  zwar  nicht 
näher  bekannten  aber  möglichen  Casseneinrichtungen 
die  Zahlung  hinhalten,  vielleicht  auch  Procente  ab- 
zudingen suchen  kann,  welches  zuletzt  einen  ver- 
hältnismäszigen  Preisaufschlag  nach  sich  ziehen 
wird. 

5.  Der  ausländische  Buchhändler  oder  Verkäufer 
kann  seine  Rechnung  nicht  selbst  auf  der  Casse  zur 
Zahlung  einreichen,  musz  also  einen  Dritten  wieder 


y  Google 


106  in.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Gassei. 

beauftragen,  wenn  er  sich  anders  überhaupt  dazu 
versteht,  welches  Kosten  verursacht,  die  er  natürlich 
wieder  auf  den  Preis  schlagen  wird. 

6.  Der  Bibliothecar  wird  durch  jährliche  Rech- 
nungsablage  und  ein  nunmehr  (gegen  die  frühere 
Einrichtung)  noch  hinzuerfordertes  Visa  des  Di- 
rectors,  das  ich  mir  gern  gefitllen  lasze,  weil  ich 
den  dermahligen  Director  persönlich  verehre,  hin- 
länglich controllirt.  Ich  werde  dieses  Geld  mit  der- 
selben Treue  und  Pünctlichkeit  verwalten,  mit  der 
es  ohne  Zweifel  meine  Vorgänger  verwaltet  haben. 
Dasz  gerade  in  dem  Zeitpuncte,  wo  mir  herkömm- 
licher Weise  nach  dieses  Geschäft  übertragen  wor- 
den ist,  neue  und  meiner  Überzeugung  nach  der 
Bibliothek  schädliche  Gaut«len  verordnet  werden, 
musz  mir  empfindlich  seyn  und  ich  berge  nicht, 
dasz  wenn  das  geringste,  von  mir  nicht  auf  das 
leiseste  verschuldete  Mistrauen  stattfinden  sollte,  ich 
es  lieber  sehen  werde,  weni^  eine  anderweite  Hoch- 
gefallige  Bestinmiung  mich  gänzlich  von  einer 
Rechnungsführung  dispensiert,  deren  Beschränkung 
und  GontroUe  ich  meines  Gewiszens  und  Standes  ftbr 
gleich  unwürdig  erachte. 

Mit  schuldigem  Respect  verbleibe  ich  übrigens 
Kurfürstlichen  Oberhofinarschallamts 

unterthäniger  Diener 
Grimm. 

Gas  sei  19.  Dec.  1823. 

Dwrch  Verfügung  vom  2^.  Dec.  1823  wurde  Orimm 
abschlägig  hesehieden.     VergMich  unterstütete  ihn  au^ 


y  Google 


III.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.  107 

sein  V&rgesäzter  V(flkelf  vergdüieh  wies  Qrimm  endlich 
in  einer  Eingabe  vom  7.  Merg  1824  auf  die  sich  hereüi 
geltend  machenden  <Men  Folgen  hin. 

Diese  Eingabe,  ebenfalls  in  Äntiquaschrifl,  lautet: 
Korf ürstliches  Oberhofmarschallamt ! 

In  dem  vor  Ablauf  verwichenen  Jahres  er- 
statteten Bericht  habe  ich  mit  der  Offenheit,  welche 
Dienstpflicht  gebietet,  keinen  der  aus  veränderter 
Verwaltung  des  Bibliothekfonds  entspringenden 
Nachtheile  verhehlt.  Einige  derselben  stehen  nicht 
an,  sich  bereits  zu  zeigen.  Da  nämlich  seit  drei 
Monaten  kein  Heller  in  Gassa  ist,  indem  ich  beim 
Rechnungsabschlusze  mit  einem  Thaler  und  einigen 
Groschen  überzahlt  hatte,  so  liegen  nicht  nur  ver- 
schiedene beträchtliche  Buchhändlemoten ,  die  ge- 
wöhnlich auf  Neujahr  einkommen,  unbezahlt  da, 
auch  sind  121  Gulden  frankf.  Währung  Subscriptions- 
gelder  per  Wechsel  nach  Stuttgart  zu  berichtigen, 
sondern  wir  haben  auch  verschiedene  sich  in 
Auctionen  dargebotene  Ankaufgelegenheiten  und  ein 
uns  neulich  aus  Italien  geschehenes  Bücheranerbieten 
geradezu  von  Hand  weisen  müszen.  Für  Porto, 
Fracht  und  andere  Eleinigkeiten  h^be  ich  nächst- 
dem  einige  Carolins  aus  meinem  Beutel  vorzuschieszen 
nicht  umgehen  können.  Geht  es  auf  diesem  Fusze 
noch  länger  fort,  so  wird  die  Bibliothek,  um  aller 
anderen  Verlegenheiten  zu  geschweigen,  ihre  besten 
seitherigen  Handelsverbindungen  im  Auslande  ab- 
brechen müszen;  zum  offenbaren  Schaden  des  her- 
schaftlichen  Interesses. 


y  Google 


108  III.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

Obgleich  mir  diese  vorgesetzte  fiehörde  die  Re- 
solution ertheiU  hat,  dasz  voil  Ihr  aus  hierunter 
nichts  anderes  zu  verfügen  stehe;  so  glaube  ich 
doch,  dasz  der  Allergnädigste  Herr,  wenn  Ihm  die 
Noth wendigkeit  und  Nützlichkeit  der  bisher,  und 
seit  Errichtung  der  ganzen  Anstalt  bestandnen  Ein- 
richtung vorgestellt  wird,  eine  höchst  motivierte 
Ausnahme  von  einer  verordneten  allgemeinen  Gassen- 
einrichtung zu  bewilligen  geruhen  werde.  Vielleicht 
dürfte  es  der  guten  Sache  förderlich  seyn,  meinen 
gegenwärtigen  Bericht,*  durch  geeignete  weitere 
Gründe,  die  ich  dem  Ermeszen  dieser  hohen  Behörde 
überlasze,  unterstützt,  vor  den  Allerhöchsten  Ort  zu 
bringen. 

Mittlerweile  und  bevor  eine  Entscheidung  er- 
folgen kann,  bin  ich  jedoch  so  frei,  um  die  nöthige 
Verfügung  zu  bitten,  dasz  ein  Wechsel  auf  121  Gulden 
frankf.  Währung  nach  Stuttgart  zu  meiner  Dis- 
position ausgestellt  werde,  weil  es  dringt,  diesen 
Posten  zu  tilgen. 

In  schuldigem  Respect  bin  ich  Kurf.  Oberhof- 
marschallamts etc,  ~ 

Darauf  wurde  Grimm  unter  dem  13.  März  lediglich 
oirfgegeben  zuvörderst  die  Rechnung  über  die  121  fl. 
Subscriptians  Gelder  und  die  von  ihm  gemachten  Aus- 
lagen  einzusenden.  Seine  weiteren  Anträge  wurden  mit 
Stillschweigen  übergangen. 

Am  22.  Merz  reicht  Grimm  mittelst  kurzem  BeridU 
die  geforderten  Fapiere  ein^  welche  dann  der  Calculatur 
vorgelegt  wurden.  Unter  dem  7.  Aprü  werden  deren 
Bemerkungen  dem  Bibliothekar  Chrimm  unter  der  Auf'- 


y  Google 


III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.  109 

läge  zugefertigt  nach  Anleitung  der  am  Bande  der  Be- 
merkungen niedergeschriebenen  Besolutionen  zu  verfahren 
und  die  ihm  mitzutheilenden  Bechnungs-Ürkwnden  und 
Belege  demnächst  haldigst  zurückzusenden.  Diese  Ter- 
fügu/ng  wurde  aber  nach  dem  in  den  Aden  vorfindlichen 
Vermerk  erst  am  8.  Mai  abgesandt. 

Bar  auf  erwidert  Qrimm  am  10.  Mai: 
EurförsÜiches  Oberhofmarschallamt! 

Die  hohe  Resolution  vom  7.  April  d.  J.  »meine 
Bemerkungen  zu  den  Probaturmonitis  baldigst 
zurückzusenden.*  [Diese  Worte  stehen  in  dem  Concept 
der  Besöluticn,  welches  bei  den  Acten  liegt,  nicht.]  kann 
ich  nicht  genügend  befolgen,  indem  mir  diese  Re- 
solution erst  gestern  am  9  Mai  zugefertigt  worden 
ist.  Kurfürstliches  Oberhofmarschallamt  ermesse 
ßelbst,  ob  diese  Verzögerung  der  Expeditionen  dem 
herrschaftlichen  Interesse  nachtheilig  sey.  Aus 
meinen  Bemerkungen  ergibt  sich  hoffentlich  die 
Irreleyanz  sämmtlicher  Moniten. 

Dringende  Ausgaben  fQr  Kurfürstl.  Bibliothek 
aus  meiner  Tasche  zu  zahlen  halte  ich  mich  für 
unverbunden.  Dringende  Ausgaben  sind  Porto-, 
Fracht-  Subscriptions-  und  Auctions-posten.  Ich 
kann  das  luit  der  Post  oder  mit  dem  Fuhrmann 
anlangende  Paquet  nicht  unabgehohlt,  noch  weniger 
zurückgehen  laszen.  Die  Subscription  musz  bei  Ab- 
lieferung des  Werkes  entrichtet,  in  der  Auction 
musz  baar  bezahlt  werden.  Seit  Merz  habe  ich 
wiederum  einige  Carolins  ausgelegt.  Falls  mir  hier- 
zu nicht  der  nöthige  Verlag  bewilligt  werden 
kann ,    so«  bitte  ich  gehorsamst  mich  zur  Aufiiahme 


y  Google 


110  lU.  J.  Grimm  als  Biblioteekar  in  Cassel. 

Ton  halbjährlich  circa  50  i^  zu  ermächtigen,  deren 
Zinsen  ich  sodann  anrechnen  werde  .... 

Schlieszlich  wird  es  mir  diese  hohe  Behörde 
nicht  yerargen,  dasz  ich  mich  über  die  Form  der 
Unter-  nnd  Überschrift  der  Ausfertigungen  an  mich 
beschwere.  Alle  übrigen  Gollegia  geben  den  Hono- 
ratioren den  Titel  Herr,  ich  glaube,  dasz  er  mir 
gebührt  und  bitte  das  Secretariat  darauf  anzuweisen. 
Mit  schuldigem  Respect  etc. 

Aus  den  9  Bemerkungen  des  ProbaJtw  Werner 
hebe  ich  nur  Funkt  2  heraus,  da  sich  aus  ihm  weitere 
Consequenzen  ergaben:  ^ 

Auf  den  Buchhändler  Rechnungen  oder  auf  den 
dieselben  yertretenden  sonstigen  Belegen  dürfte  zu 
bescheinigen  sein:  dasz  und  auf  welcher  Seite  des 
Katalogs  der  Bibliothek  der  Eintrag  der  respektiyen 
Schriften  und  Werke  stattgefunden  hat.  Die  auf  dem 
Bande  vermerkte  Besolution  des  O.-H.-M.  Amtes  lautet: 
Nach  dem  Monito.  Orimm  erwiderte  darauf:  Pro- 
bator  monens  würde  dieses  Monitum  weggelaszen  haben, 
weim  er  von  dem  Wesen  und  der  Einrichtung  einer 
Bibliothek  einigen  Begriff  hätte.  Es  ist  durchaus  un- 
befolgbar  und  seine  Befolgung  wäre  zwecklos.  Jeder 
Bibliothekar  ist  pflichtmäszig  yerbunden  alle  accesiones 
in  die  Cataloge  einzutragen.  Die  ungefähr  80  Bände 
des  Gatalogs  sind  nicht  paginirt  und  können  nicht 
paginirt  werden.  Wollte  ein  Bibliothekar  wider 
seine  Pflicht  handeln,  so  würde  jene  Gontrolle 
nicht  helfen,  denn  die  Probaturbehörde  wüste 
ja  nicht,  ob  an  den  angegebenen  Stellen  der 
Eintrag  wirklich   geschehen   sey.    Sollten  über  die 


y  Google 


in.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.         Hl 

Unzaläszigkeit  dieses  moniti  noch  irgend  Zweifel 
bleiben,  so  wird  ein  Bericht  des  Directors  sie  völlig 
heben  können. 

Hiergegen  wendet  sich  eine  in  harschem  Tan 
gehaltene  Besoltdion  des  0.-H.'M.-Ämte8,  welche ,  wie 
aXle  hierher  gehörigen  Verordnungen,  von  HofkammerrcUh 
Hofmann  äbgefasst  und  in  der  Sitßfung  vom  17.  Mai 
hescMossen  wurde.  In  derselben  Sitzung  wurde  folgende 
Zurechtweisung  an  Qrimm  erlassen:  Da  die  Abfassung 
und  der  Inhalt  der  Torliegenden  Gegenbemerkungen 
und  des  Schreibens  des  Bibliothekars  Grimm,  neben 
einer  mehr  als  gewöhnlichen  Unbescheidenheit,  einen 
gänzlichen  Mangel  an  Begriffen  yom  Rechnungswesen, 
zugleich  aber  auch  einen  gewissen  Hang  zur  Unge- 
bundenheit  in  der  Verwendung  der  allergnadigst  be- 
willigten Bibliothek- Verlagsgelder,  auf  Seiten  des  Be- 
richtstellers an  den  Tag  legt;  so  gibt  das  Oberhof- 
marschallamt seine  volle  Misbilligung  darüber  dem  Bibl. 
Grimm  hiermit  zu  erkennen  . . .  und  warnt  ihn  endlich, 
mit  dem  Bemerken,  vor  künftigen  ähnlichen  Ungebühr- 
lichkeiten, dasz  man  widrigenfalls  davon  aller  höchsten 
Orts  aller  unterthänigst  Anzeige  machen  werde. 
Hierauf  erwiderte  Qrimm  am  2i.  Mai  folgendermassen: 
Kurfürstliches  Oberhofmarschallamt ! 

Gegen  den  mir  vonKurfürstl.  Oberhofmarschallamt 
gemachten  Vorwurf  der  Unbescheidenheit  hoffe  ich 
mich  vollkommen  rechtfertigen  zu  können.  Ich  würde 
ihn  verdient  haben,  wenn  ich  meine  auf  die  Probatur- 
monita  gemachten  Bemerkungen  an  diese  hohe  Be- 
hörde selbst  zu  richten  mir  angemaszt  hätte.  Das 
ist  mir  nie  in  den  Sinn   gekommen ,   vielmehr  habe 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


112         ni.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

ich  geglaubt,  dasz  solche  Angelegenheiten  zwischen 
Rechnungsfahrer  und  Probater  abgemacht  zu  werden 
pflegten.  Ich  hatte  jene  Erwiderungen  yorher  dem 
Herrn  Director  V  ö  1  k  e  1  mitgetheilt  und  er  sie  ganz 
in  dem  Sinne  genommen,  wie  ich,  ohne  sie  zu  mis- 
billigen.  Ich  war  der  Meinung,  dasz  ein  Verrechnen 
oder  Verzählen  von  10  Hellern  weiter  keine  Folgen 
haben  würde,  als  dasz  mir  solche  von  derProbatur 
absque  monito  gestrichen  und  zu  meinem  Schaden 
abgezogen  werden  würden ;  eine  weitere  Erläuterung 
aber  konnte  ich  der  Natur  der  Sache  nach  nicht 
geben.  Die  Rechnungen  bei  Verwendung  der  Bib- 
liotheksgelder sind  so  einfach,  dasz  ich  wohl  hoffen 
darf,  sie  genau  und  in  hergebrachter  Ordnung  zu 
führen;  Mangel  an  Fertigkeit  und  Einsicht  in  jedes 
feinere  Rechnungswesen  schreibe  ich  mir  selbst  zu. 
Ich  werde  nicht  verfehlen  in  Zukunft  die  Er- 
läuterungen der  Moniten  so  abzufaszen,  als  wären 
sie  an  Eurf.  Oberhofmarschallamt  selbst  gerichtet 
und  bitte  mir  meinen  seitherigen  Irrthum  geneigtest 
nachzusehen. 

Paginirung  des  Gatalogs  ist  aus  folgenden  Gründen 
nicht  möglich:  die  Bücher  werden  darin  nicht  fort- 
laufend, weder  nach  der  Zeit  des  Ankaufs  noch  nach 
dem  Formate  noch  nach  irgend  einem  andern  äuszem 
Grunde  eingetragen.  Diese  Methode  wird  man  heut- 
zutage schwerlich  bei  irgend  einer  namhaften 
Bibliothek  befolgt  finden.  Sie  gestattet  nämlich 
keine  wiszenschaftliche  Übersicht  der  Fächer  und 
würde  den  Gebrauch  der  Bücher  ausnehmend  er- 
schweren.    Diese   werden   daher  nach   den  Wiszen- 


y  Google 


in.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Caasel.  113 

scbafben  geordnet  und  zwar  nicht  blosz  nach  Haupt- 
eintheilungen,  sondern  nach  mannigfalten  zahlreichen 
XJnterabtheilungen.  Hierbei  treten  besondere  Fälle 
ein,  wovon  ich  blosz  die  häufigsten  nenne:  1.  ein  Buch 
ist  bisher  an  einen  unrichtigen  oder  nicht  ganz  ge- 
nauen Platz  gestellt  worden,  musz  daher  anders  ein- 
gestellt werden.  2.  es  erscheint  die  Fortsetzung 
eines  Werks  und  sind  die  neuen  oft  zahlreichen 
Bände  einzureihen  oder  es  erscheint  ein  so  nahe 
verwandtes,  dasz  dieses  unmittelbar  daran  seinen 
Platz  verlangt.  3.  beszere  Einsicht  oder  eine  neue 
Gestaltung  der  Wiszenschaft  fordert  Abänderung  in 
dieser  oder  jener  Unterabtheilung.  4.  gröszere  Werke, 
z.  B.  Collectiones,  scriptores,  opera  omnia  sind  früher 
nur  unter  dem  allgemeinen  oder  Haupttitel  ein- 
getragen. Sie  müszen  jetzt  detaillirt  werden.  Das 
heiszt,  es  musz  der  Inhalt  eines  jeden  Bandes  einzeln 
angegeben  werden,  und  wenn  nun  gar  Abhandlungen 
verschiedener  Verfaszer  in  einem  einzigen  Bande  sich 
befinden,  müszen  auch  diese  in  den  zweiten  Nominal- 
catalog  (der  aus  lauter  einzelnen,  ungebundnen 
Blättern  bestehet,  um  jeden  Augenblick  einen  neuen 
Namen  dazwischen  legen  zu  können)  eingetragen 
werden.  Ein  Werk  also,  das*  wenn  der  Hauptitel 
allein  angegeben  wäre,  z.  B.  Corpus  historiae  byzan- 
tinae,  nur  ein  Paar  Zeilen  einnimmt,  kann,  sobald 
es  detaillirt  wird,  leicht  20 — 30  Seiten  erfordern. 

Diese  Fälle  enthalten  nun  hauptsächlich  die 
Gründe,  warum  die  eigentlichen  Hauptcataloge  nicht 
können  paginirt  werden,  auch  bei  keiner  andern 
Bibliothek   z.  B.   in  Göttingen,   die  bekanntlich  für 

£.  Stengel.    Acteu  der  Brüder  Qrlmm.  3 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


114  in.  J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

ein  Muster  gilt,  paginirt  sind.  Nicht  blosz  hinter 
jeder  XJnterabtheilung  ist  weiszes  Papier  eingebunden, 
sondern  auch  fortlaufend  häufig  zwischen  drei 
oder  vier  beschriebenen  Blättern.  So  oft  ein  Buch 
umgestellt ,  etwas  detaillirt ,  eine  Unterabtheilung 
beszer  geordnet  wird,  musz  das  fehlerhafte  heraus- 
geschnitten, das  richtigere  auf  das  reine  Papier  ge- 
schrieben werden.  Auf  diese  Art  vervollkommnet 
sich  der  Catalog,  ohne  dasz  die  alten  Fehler  und 
und  viel  ausgestrichenes  sichtbar  würde.  In  den 
meisten  unserer  Cataloge  sind  bereits  ausgeschnittene 
Blätter  bemerkbar,  in  einigen  sehr  häufig.  Würden 
nun  die  80  Folianten  auf  Anordnung  Kurf.  Ober- 
hofmarschallamts jetzo  paginirt,  so  würden  doch 
durch  die  nothwendige  Auscheidung  und  Ersetzung 
des  Verderbten  Lücken  in  der  Zahlenfolge  entspringen, 
die  Citate  bald  nicht  mehr  treffen  und  der  Zweck 
der  Pagination  von  selbst  vereitelt  werden. 

Nächst  dem  gibt  es  noch  einen  zweiten  Grund, 
weshalb  die  Pagina  des  Eintrags  nicht  sogleich  bei 
Überreichung  der  Rechnung  könnte  angegeben 
werden.  Weil  gewisse  Bücher,  obgleich  erkauft 
und  bezahlt,  noch  nicht  eintragbar  geworden  sind. 
Dahin  gehören  viele  noch  unvollendete  Werke,  solche 
von  denen  etwa  noch  Kupfertafeln  oder  Register 
nachgeliefert  werden.  Sie  liegen  vorerst  in  einem 
Schranke  aufbewahrt.  Bei  einigen  Bibliotheken, 
holländischen  z.  B. ,  wird  durchaus  kein  Werk  ein- 
gebunden, dessen  Fortsetzung  noch  erscheint,  so 
dasz  manche  6 — 10  Jahre  roh  aufgehoben  bleiben. 
Sodann    kaufen    wir   kleine    Schriften    von   Werth, 


y  Google 


III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Caasel.  115 

academische  Programme,  Dissertationen  etc.  Diese 
werden  gesammelt,  bis  sich  von  einem  und  demselben 
Gegenstand  genug  vorfindet,  einen  Band  zu  füllen; 
dann  erst  werden  sie  gebunden  und  eingetragen. 

Ich  bin  hier  so  kurz  als  möglich  gewesen,  hoffe 
aber  Kurf.  Ober-Hofmarschallamt  überzeugt  zu  haben, 
dasz  bei  gegenwärtiger  und  doch  offenbar  lobens- 
werther  Einrichtung  es  nicht  angeht,  die  Cataloge 
zu  beziffern  und  paginam  zu  nennen,  auf  welcher 
ein  kürzlich  erkauftes  Buch  eingetragen  steht.  Das 
was  ich  gesagt,  würde  ein  allenfalsiger  Bericht  von 
dem  Director  der  Bibliothek  nicht  blosz  bestätigen, 
sondern  vielleicht  noch  einleuchtender  darstellen. 

Zur  Sicherung  gegen  mögliche  Veruntreuung 
waren  bisher  folgende  Maszregeln  getroffen.  Jedes 
Werk,  welches  erkauft  wird,  findet  sich  namentlich 
in  der  Rechnung  des  liefernden  Buchhändlers  auf- 
geführt. Alle,  jederzeit  in  duplo  ausgefertigten 
Rechnungen  bleiben  im  Original  bei  der  Behörde, 
welche  sie  durchsieht  und  liqnidirt,  deponirt.  Seit 
einigen  Jahren  bei  Kurf.  Oberhofmarschallamt.  Diese 
hohe  Behörde  besitzt  also  genaue  und  authentische 
Übersicht  alles  dessen,  was  seit  Ihrer  Administration 
für  die  Bibliothek  angeschafft  worden  ist,  und  die 
Bibl.  kann  jeden  Augenblick  danach  revidirt  werden. 
Auszerdem  wird  jedes  erkaufte  Werk  alsobald  ein- 
getragen, in  ein  Buch,  das  zur  ControUe  gegen  die 
Buchhandlungen  dient,  nach  Ordnung  der  Buchhändler 
imd  der  Zeitfolge.  Ich  brauche  kaum  ausdrücklich 
anzuführen,  dasz  Director,  Bibliothecar  und  Secretar 
darauf  beeidet  sind,  alle  Acquisitionen  einzutragen 

8* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


116  in.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

und  aufzustellen,  folglich  einander  gegenseitig  con- 
troUiren.  Sollte  aber  Kurf.  Oberhofmarschallamt 
noch  weitere  Sicherheit  wünschen,  so  erlaube  ich  mir 
den  unmaszgeblichen  Vorschlag  zu  thun,  dasz  beim 
Abschlusz  der  Jahresrechnimg  der  Director  jedesmahl 
bescheinige:  sämtliche  in  der  Rechnung  genannte 
Werke  seyen  wirklich  auf  der  Bibliothek  vorhanden. 
Den  mir  von  kurfürstl.  Oberhofmarschallamt  ge- 
machten weiteren  Vorhalt  eines  Hanges  zur  Un- 
gebundenheit  in  Verwendung  der  Allergnädigst  be- 
willigten Verlagsgelder  hoffe  ich  gleichfalls  in  ganz 
ein  anderes  Licht  zu  stellen.  Betrifft  er  das  Finan- 
zielle dabei,  so  spricht  mich  mein  Gewiszen  davon 
völlig  frei.  Welche  Berechnungsart  auch  Kurfürstl. 
Oberhofinarschallamt  dabei  vorschreiben  wird,  diese 
werde  ich,  sobald  sie  mir  bekannt  geworden  ist,  und 
weshalb  ich  um  Ertheilimg  der  allergenauesten  Be- 
fehle bitte,  pünctlich  zu  beobachten  suchen.  Sollte 
aber  unter  jenem  Tadel  auch  das  Wiszenschaftliche 
begriffen  seyn ,  so  bitte  ich  mir  zu  erlauben  in 
gröszter  Bescheidenheit  folgendes  zu  bemerken.  Mein 
Amt  bestehet  auszer  in  der  Erhaltung,  Bewahrung 
imd  Bearbeitung  des  bisherigen  Bücher-  und  Hand- 
schriftenvorraths  auch  in  der  Fortführung  der 
Bibliothek  oder  im  Ankauf  derjenigen  Werke,  welche 
der  Anlage  des  Qanzen  und  dem  Gange  der  Wiszen- 
schaften  nach  für  die  Bibliothek  angemeszen  sind. 
Wenn  sich  der  Bibliothecar  beides  genau  zu  berück- 
sichtigen bestrebt,  so  kann  die  Wahl  der  zu  kaufen- 
den Bücher  zuletzt  nur  von  seiner  innem  Über- 
zeugung abhängen.     Doch  entscheidet  sie  nie  allein, 


y  Google 


III,    J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Caesel.  117 

sondern  es  wird  über  den  Ankauf  jedes  neuen 
Werkes  vorher  mit  den  andern  Mitgliedern  der 
Bibliothek  gerathschlagt ,  und  es  ist  mein  gröszter 
Wunsch,  dasz  KurfÜrstl.  Ober-Hofraarschaliamt  sich 
in  einzelnen  Fällen  zu  überzeugen  geneigt  wäre, 
wie  vielfache  Rücksicht  jedesmahl  genommen  und 
wie  sorgfältig  Überlegt  wird,  um  den  allergnädigst 
verliehenen  Fonds  so  zu  verwenden,  wie  es  der 
Bibliothek  im  ganzen  und  im  Verhältniss  der  ein- 
zelnen Fächer  zueinander  vortheilhaft  ist.  Da  dieser 
Fonds  so  sehr  beschränkt  ist,  können  wir  nicht  das 
nöthige,  sondern  fast  nur  das  allemothwendigste 
anschaffen.  Wir  müszen  jede  günstige  Gelegenheit 
nutzen,  um  bei  Privaten  oder  in  Auctionen  das 
fehlende,  zum  Vortheil  des  Allerhöchsten  Interesses, 
oft  fiir  den  dritten  Theil  des  eigentlichen  Preises, 
zuweilen  noch  darunter  zu  erwerben.  So  habe  ich 
kürzlich  von  dem  Herrn  General  von  Müller  die 
12  Bände  der  neuen  Encyclopädie,  die  im  Laden- 
preise gegen  50  ^  stehen,  für  25  erkauft  und  in 
der  Arandschen  Verganthung  36  Bände  Herders 
Werke,  im  Buchladen  über  50  <^'  kostend,  gebunden 
für  8  ^,  was  der  Einband  allein  werth  ist,  er- 
standen. Es  müszen  nur  von  beiden  Werken  die 
Fortsetzungen  zugekauft  werden. 

Hier  wünschte  ich  näher  ausführen  zu  dürfen, 
in  welchem  Verhältnisse  sich  der  Bibliothekar  bei 
jeder  bedeutenden  Bibl.  Deutschlands,  also  z.  B.  zu 
Dresden,  Gotha,  Weimar,  Darmstadt,  Berlin,  München 
etc.  befindet,  welche  freie  Hand  ihm,  sicherlich 
zum  Vortheil  der  Anstalt,  von  seiner  Regierung  ge- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


118  III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

laszen  wird.  Nicht  bei  allen,  aber  bei  den  meisten 
dieser  Bibliotheken  ist  auszer  dem  fest  bestimmten 
Fonds,  den  die  Bibliothecare  ganz  in  ihrer  (meines 
Wiszens  nie  gemisbrauchten)  Gewalt  haben,  ihnen 
erlaubt,  für  sich  unerwartet  bietende  Gelegenheiten, 
zum  vortheilhaften  Ankauf  einzelner  Werke,  bis  zu 
einem  gewissen  Punct,  unangefragt  Geld  zu  ver- 
wenden. Aus  eigner  Erfahrung  weisz  ich,  dasz  in 
Göttingen  jeder  Bibliothecar  solche  Ankäufe  macht 
und  ihm,  ohne  Bescheinigung,  auf  sein  bloszes  Wort 
die  Auslage  vergütet  wird.  -Es  herrscht  ohne  Zweifel 
da  die  sittliche  Überzeugung,  dasz  kein  Pfennig  auf 
diesem  Wege  je  ist  veruntreut  worden.  Vergleiche 
ich  diese  Verhältnisse  und  die  vielen  Rücksichten, 
die  wir  zu  nehmen  haben,  so  wage  ich  die  Be- 
hauptung, dasz  ich  mehr  als  irgend  ein  Bibliothecar 
gebunden  bin.  Bestände  eine  Bibliothek  blosz  in 
der  Anhäufung,  Aufstellung  und  Registrirung  von 
Büchern,  fürwahr,  es  würde  kein  leichteres  Amt 
geben,  als  das  eines  Bibliothecars.  Soll  sie  aber 
nur  das  aufnehmen,  was  den  Fortschritt  der  Wiszen- 
schaftenbezeichnet,  den  lebendigen  Zusammenhang  der- 
selben darstellen,  so  wird  dieses  Amt  schwer  und  müh- 
sam, weil  das  fehlende  aufgefunden,  das  neue  aber  in 
allen  Wiszenschaften  übersehen  und beurtheiltseyn  will. 
Selbst  den  empfindlichen  Ton  meiner  (irrthümlich, 
weshalb  ich  nochmals  um  Verzeihung  bitte)  an  die 
Probatur  gerichteten  Gegenbemerkungen,  hoflfe  ich 
nun  mehr,  wird  Kurf.  Oberhofmarschallamt  aus 
einem  andern  Gesichtspuncte  beurtheilen,  zumahl, 
wenn  es  sich  die  Lage  vorstellt,  worin  ich  mich  be- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.  119 

finde.  Zum  Rechnungsführer  bestellt,  ohne  seit 
länger  als  fünf  Monaten  das  geringste  in  Cassa  zu 
haben;  genöthigt,  vielmehr  durch  die  Anhänglichkeit 
an  das  mir  anvertraute  Amt  bewogen,  über  50  ^ 
von  dem  meinigen  auszulegen  oder  sonst  herbei  zu 
schaffen,  unbekannt  mit  den  Abweichungen  von  der 
bisher  gutgefundenen  und  wenigstens  bei  Kurf. 
Bibliothek  hergebrachten  Art  und  Weise,  unschul- 
dige, kleine  Posten  zu  belegen  —  glaubte  ich  mich 
vertheidigen  zu  müszen  gegen  jeden  Schein  von 
Tadel :  als  hänge  ich  sträflichem  Privatvortheil  nach, 
als  sey  eine  Veruntreuung  angekaufter  Bücher 
möglich,  als  brauche  diese  durch  neue  Mittel  ver- 
hütet zu  werden.  Dasz  diese  hohe  Behörde  selbst 
ihn  jemahls  anders  ansehen  und  behandeln  würde, 
als  einen  dem  Staate  seit  19  Jahren  in  verschiedenen 
Verhältnissen  unbefleckt-treu  dienenden  Mann,  ist 
dem  gehorsamst  unterzeichneten  zu  bezweifeln  nicht 
eingefallen.  Und  ich  glaube  auch  als  Aufseher  oder 
Mitaufseher  einer  Bibliothek,  in  die  ich  (wessen  ich 
mich  vielleicht  sonst  nie  gerühmt  hätte,  denn  es  ist 
kaum  Rühmens  werth  und  alle  meine  CoUegen  thun 
desgleichen)  wohl  schon  30 — 40  Bände,  die  mir 
geschenkt  worden  sind,  gestellt  habe,  Vertrauen  zu 
verdienen.  Die  mir  verwilligten  6874  '*'/  reichten 
nicht  zur  Bezahlung  der  121  Gulden  in  Stuttgart 
hin,  sondern  ich  habe  nach  Ausweis  der  Anlage 
dem  Banquier  Amthai  2,  1,  17^  zulegen  müszen.- 
Mit  schuldigem  Respect  Kurf.  Oberhofmarschallamts 
unterthäniger  Diener  Dr.  Grimm* 


y  Google 


120         III-   J-  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel. 

Dieses  Schreiben  wurde  Direäor  Völkel  durch  Besol, 
vom  14.  Juni  1824  zur  guiacMlichen  Äuszerung  darüber 
zugestellt t  „ob  einer  Paginirung  des  yorhandenen 
alphabetischen  Katalogs  der  Museums -Bibliothek 
gleich  grosze  Schwierigkeiten  entgegen  stehen,  als 
die  hierin  angegebenen,  welche  die  Seitenbezifferung 
der  wissenschaftlich-systematischen  Verzeichnisse  un- 
ausführbar zu  machen  scheinen.     Hoffmann. 

Am  22.  Juni  erfolgte  Völkeis  Antwort,  die  selbst- 
verständlich die  Möglichkeit  einer  Paginirung  des  ZetteU 
katalogs  bestreitet.  Darauf  ergeht  unter  dem  17.  Juli 
1624  eine  Besolution  des  O.-H.-M.-Amts ,  welche  vor- 
läufig von  dem  Eintragsvermerk  auf  den  Bechnungen 
absehen  lässt,  dann  aber  fortfährt : 

»Da  indessen  der  Mangel  eines  feststehenden 
Verzeichnisses  der  Bibliothek  mit  einer  guten  Ord- 
nung nicht  zu  vereinigen  stehet,  auch  in  einer  aller- 
höchsten Resolution  Sr.  Königlichen  Hoheit  des 
Kurfürsten  der  Befehl  enthalten  ist,  dasz  der  Catalog 
der  Museums  Bibliothek  vorgelegt  werden  soll,  so 
ist  es  unerlässlich  einen  solchen  imter  Annahme  des 
Status  vom  31.  Dec.  1823,  baldmöglichst  und  zwar 
längstens  bis  zum  Ablauf  von  Sechs  Monaten  nach 
dem  dermaligen  System  und  zwar  dergestalt  mit 
doppelten  Nummern,  dasz  die  eine  fortlaufend  für 
den  Catalog,  die  zweite  aber  für  jede  abgetheilte 
Wissenschaft  gelte,  aufzustellen  und  anher  einzu- 
senden, worauf  es  alsdann  nicht  schwer  fallen  wird, 
die  jährlichen  Nachträge,  wenn  auch  nicht  in  den 
systematischen  Abtheilungen,  doch  am  Ende  des 
Verzeichnisses,   mit  Beibehaltung  des  Eintheilungs- 


y  Google 


III.   J.  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel.  121 

Princips,  zu  machen.  Vorstehendes  wird  dem  Hm. 
Director  V  ö  1  k  e  1  auf  dessen  Bericht  vom  22.  Juni  d.  J. 
mit  dem  Auftrage  bekannt  gemacht,  dafür  zu  sorgen, 
dasz  dieser  Verfügung  gehörige  Folge  gegeben  werde." 

In  den  ErlätUerimgen  J.  ChrJs  zu  den  im  Mai  1825 
{aufgestellten  CälculaturbemerJcungen  über  die  BibliothekS' 
Rechnung  vom  Jahre  1823  ^  bemerkt  endlich  Grimm 
unter  dem  25.  Juli  1825: 

„ad  3.  An  dem  hier  angeregten  extractu  catalogi 
wird,  so  weit  es  die  currente  Dienstarbeit  gestattet, 
auferlegtermaszen  gearbeitet.  Was  den  Zweck  dieser 
Arbeit  betrifft,  bezieht  sich  Unterzeichneter  auf 
seinen  darüber  pflichtmäszig  erstatteten  unter- 
thänigen  Bericht.  Er  begreift  nicht,  wie  die  beab- 
sichtigte ControUe  auf  solche  Weise  erreicht  werden 
kann  und  ist  der  bescheidenen  Überzeugung,  dasz 
diese  hohe  Behörde,  sobald  Ihr  die  unvermeidlichen 
Schwierigkeiten  näher  einleuchten,  geneigen  werde, 
die  ganze  Arbeit  für  das  anzuerkennen,  was  sie  ist, 
—  für  eine  verlorne.  Wegen  der  ordentlichen  Ein- 
richtung und  Catalogisierung  unserer  Bibl.  kann 
Kurf.  0.  H.M.  A.  in  der  That  vollkommen  ruhig 
sein;  ich  nehme  mir  die  Freiheit,  deshalb  auf  das 
neulich  öffentlich  gefällte  Urtheil  eines  competenten 
Sachkenners  gehorsamst  zu  verweisen:  Wachlers 
Handbuch  der  Geschichte  der  Litteratur.  Frankf. 
1824.    Theil  3  pag.  74." 

Die  hierzu  notirte  Resolution  des  O.'H.'M.-Ämts  vom 
27.  Aug.  1825  lautet: 

„ad  3  bleibt  es  bey  den  auf  allerhöchste  Befehle 
gegründeten  Verfügungen  des  Oberhofinarschallamts.* 


y  Google 


122      I^'  J»  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission. 

Weiteres  in  dieser  Angelegenheit  weisen  die  Acteun 
nicht  auf,  auch  die  übrigen  Berichte  J.  Grimms,  welche 
im  Jahre  1827  übrigens  völlig  außiören  und  durch 
solche  Völkeis  ersetjd  werden,  sind  rein  formaler  Art. 
Es  scheint  als  wären  die  Beziehungen  Grimms  zum 
0,-H.-M,-A.  friedlichere  geworden,  namentlich  seit  nidit 
mehr  Hoffmann  sondern  v.  Canitz  das  Beferat  über 
die  Bibliotheksangelegenheiten  besorgte, 

Bemerken  will  ich  hier  noch,  dass  von  Jac.  Grimms 
Thätigkeit  aus  der  Zeit,  in  der  er  Bibliothekar  Jeröme^s 
war,  nur  ein  kleines  Actenstück  auf  hiesigem  Staats- 
archiv erhalten  ist,  ein  85  Nummern  umfassendes 
»Resume  des  livres  qui  se  trouvent  doubles  dans  la 
bibliotheque  de  S.  M.* 


IT.    Acten  über  Jacob  Grimm  als  Mitglied  der 
Censur-Commission. 

Die  Acten  der  Censur-Commission  sir^  bis  1830 
sehr  unvollständig  erhalten  und  beginnt  das  „Selecta*^ 
betitelte  Fascikel  erst  mit  1820.  Die  Mitglieder  der 
Commission  waren  damals  ausser  J,  Grimm:  der 
Generalsuperintendent  Dr.  Justus  Philipp  Bommel  und 
der  BibliothekS'  und  Museumsdirector  Volk  eh  Nach 
dem  Tode  des  letztern  und  dem  Ausscheiden  Grimms 
und  Bommels,  wurden  1830  neu  ernannt:  Archivdirector 
Dr.  Chr.  v.  Bommel,  der  anstatt  J.  Grimms  in  Völkeis 
Stelle  eingerückt  war,  und  Dr.  Karl  Chr.  Sigism.  Bern- 
hardi,  der  an  Stelle  J.  Grimms  getretene  Bibliotliekar 
bei  der  Museums-Bibliothek. 


y  Google 


rV.  J.  Grimra,  Mitglied  d.  Censar-Commission.      123 

1)  Die  ersten  erhaltenen  Verhandlungen  der  Censur- 
Conmission  datiren  vom  15.  u.  J^3,  Od,  1820  und  be- 
treffen einen  von  ihr  zu  erstattenden  Bericht  sowie  eine 
Erwiderung  auf  eine  Regierungsverfügnng  über  die  ohne 
Erlaubniss  der  Commission  gedruckte  Flugschrift  des 
Dr.  jur.  Schaumann  in  Giessen:  »Die  rechtlichen 
Verhältnisse  des  legitimen  Fürsten,  des  Usurpators 
u.  des  unterjochten  Volkes.**  Die  Schrift  war  direkt 
vom  Kurfürsten  gebilligt  worden.  Beide  Schriftstücke 
sind  von  J.  Grimm  concipirt,  doch  ist  das  letztere,  da 
die  andern  Com.-Mitglieder  für  Stillschweigen  stimmten^ 
nicht  abgesandt.  Ich  unterlasse  sie  mittzutheilen,  da  sie 
kein  allgemeines  Interesse  bieten. 

Weitere  Verhandlungen  sind: 

2)  In  Sachen  d.  Rheinprovinzen  von  Gör  res. 
Stuttg.  bei  Metzler  1822.  Völkel  beantragte  bei  dem 
Minister  d.  ausw.  Angelegenheiten  anzufragen,  wie  es 
dam it  gehalten  werden  soll.  Bommel  trat  bei.  Grimms 
Votum  vom  12.  Febr.  1822  lautet: 

„Dieser  Abstimmung  vermag  ich  nicht  beizu- 
treten. 1)  dasz  die  befragte  Schrift  schon  hier  cir- 
culirt,  ist  wie  auch  Hr.  Dir.  Völkel  andeutet,  für 
uns  gleichgültig ;  wir  können  blosz  inländischen  Buch- 
händlern den  Verkauf  von  Schriften  verbieten,  aber 
niemanden  wehren,  sie  aus  dem  Auslande  zu  beziehen 
und  zu  lesen.  Dasz  in  dieser  Hinsicht  unser  Wirkungs- 
kreis ganz  illusorisch  sey  und  höchstens  inländische 
Buchhändler  beeinträchtige,  hat  die  Commission  gleich 
bei  ihrer  Constituirung  pflichtmäszig  vorgestellt. 

2)  Das  Verbot  der  befragten  Schrift  scheint  mir 
inconsequent,  da  die  ungleich  stärkere  Äuszerungen 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


124      IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission. 

enthaltende  Schrift  desselben  Verf.  und  Verlegers: 
„Europa  u.  die  Revolution  1821"  nicht  untersagt, 
vielmehr   damahls  unanstöszig  befunden  worden  ist- 

3)  Auch  an  sich  betrachtet  kann  die  vorliegende 
Schrift  meines  Erachtens  ruhig  passiren.  Sträflich 
sind  demagogische,  die  bestehende  Verfaszung  ver- 
giftende u.  beleidigende  Werke;  nicht  solche,  die 
mit  Freimuth  und  nothgedrungen  Gebrechen  einzelner 
Regierungen  aufdecken,  in  dem  keine  Regierimg 
vollkommen  seyn  kann.  Den  Satz:  'keinen  Tadel 
fremder  Reg.  zu  dulden'  finde  ich  weder  in  der 
Censurinstruction  von  1816  noch  in  dem  späteren 
Bundesgesetz  (Völkel  hatte  von  einem  dies  be- 
sagenden Edict  gesprochen).  Jene  untersagt  §  1 
Schriften  'wodurch  die  guten  Verhältnisse  mit  aus- 
wärtigen Staaten  beeinträchtigt  werden';  kein  Staat 
wird  aber  dem  andern  Verletzung  des  guten  Ver- 
hältn.  vorwerfen,  welcher  eine  Schrift  circuliren 
lässt,  die  jener  höchsteus  selbst  aus  Gründen,  die 
ihn  allein  angehen,  in  seinem  Lande  verbieten 
würde.  Es  kann  z.  B.  angemeszen  seyn,  dasz 
hiesige  Behörden  einen  Tadel  unserer  Einrichtungen 
verhindern,  wie  gewisse  Dinge,  ins  Gesicht  gesagt, 
die  Würde  verletzen,  durch  einen  Dritten  oder 
Vierten  hingegen  zur  Sprache  gebracht  werden 
mögen;  in  Preuszen,  Baiern  etc.  würde  jener  Tadel 
laut  werden  dürfen,  wenn  er  nur  selbst  anständig 
ausgesprochen  wäre. 

Es  ist  meine  Überzeugung,  dasz  vorliegende 
Schrift  ungehindert  in  ganz  Deutschland  (Preuszen 
und  höchstens  Oesterreich  abgerechnet,  in  jenem,  wegen 


y  Google 


IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission.      125 

der  nähern  Beziehung,  in  diesem  wegen  der  überstrengen 
Censur)  umläuft;  warum  wollen  wir  auf  Kurhessen 
den  Schein  einer  Uliberalität  laden?  Unterläszt 
Preuszen,  am  Bundestag  wider  den  Druck  der  Schrift 
bei  Würteraberg  zu  protestiren,  so  willigt  es  tacite 
in  ihren  Vertrieb  auszerhalb  seiner  Staaten  ein. 

4)  es  ist  nicht  bekannt,  dasz  Eurhessen  zu 
Preuszen  in  näherer  Verbindung  stehe,  als  zu  einem 
der  übrigen  Bundesstaaten ;  wenigstens  nicht  ofGciell 
und  keine  Behörde  darf  auf  andere  Rücksichten 
achten.  Wollte  ich  auf  unofficielle  Gefühle  achten, 
so  würde  ich  meinestheils  keine  besondere  Neigung 
empfinden,  in  diesem  Augenblicke  einem  Staat  be- 
sondere Zartheit  angedeihen  zu  laszen,  der  die  be- 
kannte bernburg-bonner  Geschichte  mit  aller 
Unschonung  gegen  Kurhessen  betreibt  und  unter 
seinem  Einfiusze  anstöszige  Artikel  in  Zeitungen 
erscheinen  läszt. 

5)  gegen  die  vorgeschlagene  Aufrage  beim  Mi- 
nister der  auswärt.  Angel,  habe  ich,  dasz  die  von 
dem  höchstseel.  Kurfürsten  nur  von  Ihm  selbst 
abhängig  gestiftete  Censur-Comm.  durch  die  neue 
Staatsorganisation  keiner  andern  Ober[be]hörde 
unterworfen  worden  ist,  vielmehr  in  dem  ganzen 
Edict  ihrer  gar  keine  Erwähnimg  geschieht.  Jeden- 
falls scheint  sie  eher  der  Regienmg  oder  dem  Mi- 
nister des  Innern  zuzufallen.  Der  Min.  der  aus- 
wärtigen Angel,  wird  die  befr.  Schrift  weder  an- 
stösziger  noch  unanstösziger  finden,  als  die  Censur* 
Conmiission  selbst  und  da,  wenn  zwei  Behörden  über 
einen  solchen  Gegenstand  correspondieren,  das  Ver- 


y  Google 


426      IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission. 

dammungsurtheil  leichter  gesprochen  zu  werden 
pflegt,  so  würde  uns  die  empfangene  Resolution 
wiederum  für  folgende  Fälle  noch  ängstlicher 
machen. 

6)  ohne  Bezug  auf  den  fragl.  oder  irgend  einen 
besondern  Fall  läge  uns  vielleicht  näher,  immittel- 
bar Allerh.  Orts  vorzustellen:  dasz  die  Comm.  sich 
für  aufgehoben  erachten  müsze,  weil  ihrer  in  dem 
Org.  edict  nirgends  Meldung  geschehe ;  dasz  wahr- 
scheinlich hierbei  höhere  Einsicht  in  die  Unwirk- 
samkeit des  Censurwesens ,  wie  es  dermalen  ange- 
ordnet ist  vorwalte.  Diese  Unwirksamkeit  wäre 
alsdann  zu  erörtern  und  der  Antrag  zu  machen: 
Censur  blosz  für  die  im  Land  gedruckt  werdenden 
Sachen  zu  verordnen,  dagegen  den  Debit  der  in 
anderen  Bundesstaaten,  voraussetzlich  mit  deren 
Censur  gedruckten  Bücher  frei  zu  laszen,  wobei 
vielleicht  nur  solche,  in  denen  sich  Äuszerungen 
über  Kurhessen  befinden  auszunehmen  seyn  dürften. 

Grimm.« 

Völkel  trat  diesem  Votum  entgegen  ^  und  wurde 
auf  Bommels  Antrag  an  den  Minister  des  Innern 
berichtet  aber  das  Sachdienlichet  aus  Grimms  Votum 
dabei  mit  angedeutet. 

3)  Gutachten  Grimms  vom  14.  Dec.  1822: 
„Beifolgende  Schrift  von  Qörres  über  den 
Congress  zu  Verona  ('Die  heil.  Allianz  u.  die  Völker 
auf  d.  Congr.  zu  V.^)  scheint  mir  passiren  zu  können. 
Sie  ist  in  der  bekannten  Sturm  und  Drangvollen 
Manier   des   Autors    abgefaszt    und    stellt  die   ver- 


y  Google 


IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission.      127 

schiedenen  Ansichten  der  Zeit  grell,  doch  freimüthig 
gegen  einander.  In  Würtemberg  soll  zwar  ein 
Verbot  erfolgt  seyn,  vermuthlich  aber  aus  eigenen 
Gründen  (etwa  wegen  S.  82),  welche  auf  unser  Land 
nicht  anwendbar  sind.  Auch  die  andere  Flugschrift 
von  Tschirner  über  eine  deutsche  Revolution  ('Die 
Gefahr  einer  deutschen  Revolution  betrachtet'  etc.) 
scheint  unbedenklich.** 

Auf  Völkeis  Gutachten,  dem  Bommel  beitrat, 
wurde  Görres'  Schrift  verboten. 

4)  Über  Zeitgenossen.  Neue  Reihe  no.  X.  Leipzig 
Brockhaus  1822  (darin:  'Wilhelm  L,  Kurfürst  von 
Hessen'). 

J.  Grimms  Gutachten  lautet: 

„Nach  dem  neulichen  Präjudiz,  welches  die 
Flugschrift  über  den  Congresz  zu  Verona  verdammt 
hat,  muss  Unterzeichneter  für  das  Verbot  dieser 
Biographie  stimmen.  Sie  enthält  scharfe  Aussprüche 
über  den  Character  des  Höchstseel.  Kurfürsten  (zu- 
mahl  S.  23.  25.  26.  27.  30.  41)  und  würde  bei  dessen 
Lebzeiten  alsogleich  verboten  worden  sein.  Die 
Gründe  warum  es  geschehen  wäre,  dauern  nach 
seinem  Tode  fort.  S.  33  unter  sehr  richtigen  Be- 
merkungen über  das  Hess.  Censurwesen  liefert  auch 
die  unrichtige :  dasz  ein  censirendes  Personal  abgehe. 
Wir  wiszen  leider  seit  manchen  Jahren,  dasz  wir 
auf  ein  so  trauriges  und  eiteles  Geschäft  Zeit  ver- 
wenden. Unterzeichneter  hat  seit  Erscheinimg  des 
Bundes  Preszgesetzes  dafür  gehalten,  dasz  dieses 
fortan  die  einzige  Norm  und  die  ältere  blosz  auf 
Kurhessen  bezügliche  Instruction  dadurch  aufgehoben 


y  Google 


128     IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Oommission. 

sey.  Er  hat  darum  auch  mehrere  Schriften  passiren 
laszen,  welche  nach  letzterer  Instruction  verurtheil- 
bar  gewesen  wären.  Seine  verehrten  Herrn  CoUegen 
scheinen  nach  dem  neulichen  (hier  vdeder  angelegten 
voto)  anderer  Meinung;  ihre  Stimmenmehrheit  ent- 
scheidet,  folgerichtig  musz  aber  dann  auch  die 
gegenwärtige  Biographie  verboten  werden.  Das 
Bundestagsgesetz  läszt  sowohl  die  Schrift  von 
Görres,  als  die  vorliegende  zu.  s.  m.  den  13.  Jan. 
1823.     Grimm.« 

Im  Schlvssvotum ,  in  welchem  er  dcLS  erfolgte  Verbot 
constcUirt,  fügt  Grimm  noch  hinzu : 

„Die  beigefügte  Nota  der  Dieterichschen  Buch- 
handlung bewährt  die  Richtigkeit  meiner  im  voto 
aufgestellten  Ansicht,  dasz  andere  Bundesstaaten, 
welche  sich  blosz  an  das  Bundespreszgesetz  halten, 
die  befragte  Schrift  über  die  heil.  Allianz  nicht 
verboten  haben.     Grimm.* 

5)  Aufforderung  des  Ministeriums  des  Innern  vom 
J28.  Juli  1823  an  die  Censur-Commission  eine  Dienst- 
Vorschrift  für  die  Kreisräthe  hinsichtlich  der  ihnen 
mittelst  Verordnung  vom  29.  Juni  1821  auferlegten 
Aufsicht  über  die  Leihbibliotheken  zu  entwerfen^ 
Völkel  stellt  einen  solchen  Entwurf  auf.  Grimm 
votirt  dazu  [am  3.  8,  23]: 

„Ehe  mir  vorstehende  Abstimmung  zukam,  hatte 
ich  schon  meine  Gedanken  über  die  Sache  aufgesetzt, 
welche  ich,  wenn  sie  auch  nicht  passend  erscheinen 
sollten,  mittheile.     Sie  gehen  davon  aus,   dasz  eine- 


y  Google 


rV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Cenrar-Commission.     129 

Aufsicht  über  die  Bibliotheken  der  Censur-Commission 
fremd  sey,  der  Ereisrath  aber  auch  nicht  tauge,  eine 
solche  mit  wirklichem  Nutzen  auszuüben.  Es 
ist  beszer,  dasz  der  Staat  solche  Institute  dulde,  als 
sich  einmische;  er  unterdrücke  nur  notorischen 
Scandal.  Die  Ministerialresolution  fordert  freilich 
nicht  unsere  Meinung  von  der  Sache  selbst,  son- 
dern einen  Reglementsentwurf  für  das,  was  bereits 
gut  befunden  scheint.  Indessen  nützt  vielleicht  eine 
offene  Sprache,  damit  etwas  XJnnöthiges  uneingeführt 
bleibt.  Der  Mensch  läszt  sich  yon  einer  Regienmgs- 
behörde  nicht  gern  vorschreiben,  was  er  lesen  und 
nicht  lesen  soll;  gute  Bücher  finden  sich  in  allen 
Leihbibliotheken,  rentiren  sich  aber  inmier  schlecht. 
Weit  nützlicher  würde  noch  die  Aufsicht  über  solche 
Dinge  in  die  Hände  der  geistlichen  Obrigkeit,  welche 
sich  mehr  langsamer  und  moralisch  wirkender  Mittel 
bedienen  kann,  (auch  hat  der  Prediger  einer  Land- 
stadt in  der  Regel  mehr  literarischen  Tact  als  der 
Kreisrath)  gelegt  werden,  s.  m.  Grimm.*  — 
Der  beigelegte  Berichtsentwurf  Qrinm's  lautet: 
«Meines  Erachtens  kommt  es  darauf  an,  damit 
nicht  der  Censur-Com.  auch  noch  Aufsicht  über  die 
Leih-  und  Lesebibliotheken  aufgebürdet  werde,  den 
ganz  verschiedenen  Zweck  des  rein  politischen  Cen- 
suramts  und  der  rein  sittlichen  Lesebibl.-polizei  deut- 
lich vorzustellen  und  dürfte  ungefähr,  wie  nachsteht 
zu  berichten  seyn:  Unterzeichnete  Behörde,  seit  und 
vermöge  ihrer  Errichtung ,  hat  nie  das  geringste 
mit  den  hier,  noch  weniger  den  sonst  im  Lande  be- 
findlichen Leih-  und  Lesebibliotheken  zu  thun  gehabt. 

E.  SteogeL    Acten  der  Brüder  Grimm.  9 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


130      I^*  ^'  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission. 

Diese  sind,  gleich  den  Zeitungen  und  Wochenblättern, 
zuweilen  besonderer,  zuweilen  gar  keiner  Aufsicht 
oder  nur  im  Allgemeinen  der  Polizeigewalt  unter- 
worfen gewesen.  Der  Nachtheil,  welchen  Lese- 
bibliotheken stiften  können  liegt  in  so  weit  gänzlich 
auszer  dem  Gesichtspunkt  der  Censur-Commission. 
Censuranstalten  in  protestantischen  Ländern  wurden 
zuerst  in  den  bewegten  Zeiten  der  franz.  Revolution 
für  gut  gefunden,  unter  der  eingreifenden  Napoleoni- 
schen Verwaltung  allerwärts  ausgebildet,  in  Deutsch- 
land aber  seit  dem  letzten  Pariser  Frieden  und  den 
Beschlüssen  der  Bundesversammlung  förmlich  errichtet. 
Die  Regierungen  wollen  dadurch  den  Druck  und  die 
Verbreitung  freier  und  ausgelaszener  Meinungen  über 
Gebrechen  der  Staatsverfaszung  hemmen,  den  ge- 
fürchteten schädlichen  Einflusz  derselben  plötzlich 
ersticken.  Religion  und  gute  Sitten  pflegen  zwar 
nebenbei  genannt  zu  werden,  scheinen  aber  in  der 
That  blosz  prätextirt.  Besprechungen  religiöser 
Gegenstände  zu  verhindern,  sogar  von  halb  oder 
ganz  weltlichen  Behörden  verhindern  zu  laszen, 
vdderstreitet  dem  protestantischen  Lehrbegriffe. 
Gotteslästerliche  und  unzüchtige  Bücher  sind  in  der 
deutschen  Literatur  unerhört  oder  doch  so  selten, 
dasz  sie  ohne  Dazwischentritt  einer  Staatsgewalt  die 
allgemeine  öffentliche  Verachtung  ächten  würde. 

Der  Zweck  des  Censuramts  ist  demnach  rein 
politisch. 

Leihbibliotheken  hingegen  sind  .politisch  ge- 
nommen ungefährlich.  Das  Volk  holt  sich  aus 
ihnen  weder    öffentliche   Flugschriften,    noch   neue 


y  Google 


rV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission.     131 

Zeitungen,  sondern  eine  ungeheure  Masse  von  Romanen 
und  Schauspielen.  Emst-wiszenschaftliche  und  ge^ 
schichtliche  Werke  figuriren  höchstens  in  den  Cata- 
logen,  bleiben  aber  im  Durchschnitt  ungelesen.  Die 
von  den  Censoren  verbotenen  Werke  hätten  ihren 
Weg  in  die  Leihbibliotheken  ohnehin  nicht  gefunden. 

Ohne  den  Schaden,  der  durch  solche  Leihbiblio- 
theken unter  dem  Volk  gestiftet  wird,  zu  verkennen, 
sieht  unterzeichnete  Behörde  nicht  ab,  durch  welche 
Mittel  der  Regierung  diesem  Übel  gesteuert  und 
kraftig  begegnet  werden  könne. 

Man  kann  behaupten,  dasz  das  Bestehen  der 
Lesebibliotheken  im  Oanzen,  und  sollten  sie  kein 
an  sich  verdammliches  Buch  enthalten,  weit  gefahr- 
licher sey,  als  das  gefahrlichste  Buch,  das  sich  in 
ihnen  befinden  dürfte.  Allein  sie  sind  ein  Übel  der 
Zeit,  das  aus  anderen  Yortheilen  der  Zeit  herflieszt 
und  sich  nur  durch  eine  innere,  sittliche  Verbesserung 
•  der  Menschen,  nicht  durch  die  äuszere  Macht  der 
Regierung  aufheben  läszt.  Will  jemand  seine  Zeit 
an  das  erschlaffende  Lesen  fader  Bücher  wenden, 
wer  kann  es  ihm  wehren?  gesundere  Speise  verträgt 
er  vielleicht  nicht  einmahl. 

Der  Staat  wird  also  Lesebibliotheken  überhaupt 
toleriren  müssen  und  sich  darauf  beschränken,  einzelne 
mehr  oder  weniger  schlüpfrige  und  unsittliche 
Schriften  aus  der  Girculation  zu  setzen.  Doch  selbst 
dieses  letztere  ist  sehr  schwer  und  von  der  Behörde 
des  Kreisamts  am  schwierigsten  zu  erreichen.  Die 
Menge  der  Romane  und  Schauspiele  ist  so  ansehn- 
lich, die  Leetüre  der  meisten  so  widerlich  und  müh- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


132     IV'  J-  Grimm,  Mitglied  d.  Censur-Commission. 

sam,  dasz  es  schon  f&r  den  bloszen  Literator  eine 
Last  wird,  sich  mit  solchen  Büchern  obenhin,  ge- 
schweige genauer  bekannt  zu  machen.  Die  Grund- 
sätze, welche  über  die  Unsittlichkeit  eines  Buches 
zu  entscheiden  hätten,  sind  sodann  der  Natur  der 
Sache  nach  unbestimmt  und  schwankend  und  es 
würde  von  der  Einsicht,  Stimmung  und  Laune  des 
einzelnen  Beurtheilers  abhängen,  eine  unschuldige 
Schrift  zu  verdammen,  eine  andere  schädliche  zu 
zu  erlauben.  Unter  den  Ereisräthen  dürfte  vielleicht 
kein  einziger  dem  Geschäft  gewachsen  seyn,  noch 
weniger  seine  Untergebenen,  denen  er  es  über- 
laszen  müste.  Dasz  sie  die  mit  jeder  Messe  wachsende 
Zahl  neuer  Unterhaltungsschriften  durchlesen  und 
gehörig  beurtheilen  werden,  steht  folglich  gar  nicht 
zu  erwarten.  Eine  allgemeine  Centralbehörde  die 
fOr  das  ganze  Land  sich  diesem  Ausscheidungs- 
geschäft unterzöge,  wird,  wo  nicht  unausfQhrbar, 
doch  ganz  unrathsam  seyn.  Denn  die  Gründung 
einer  solchen  Anstalt,  die  damit  verbundene  Mühe, 
Schreiberei,  die  daraus  entspringenden  Kosten  müszen 
mit  dem  geringen  Yortheil,  den  sie  leisten  kann, 
auszer  allem  Verhältnis  stehen. 

Unter  diesen  Umständen  scheinen  uns  höchstens 
folgende  dem  Kreisamt  zu  ertheilende  Vorschriften 
zweckmäszig   und   von   einigem  practischen  Werth: 

1)  die  Anlegung  neuer  Leihbibliotheken  zu  erschweren 
und   in   kleinen   Landstädten    ganz    zu    untersi^en. 

2)  den  Buchhändlern  und  Unternehmern  der  Leih- 
bibliotheken die  Aufiiahme  jedes  unsittlichen  Buchs 
bei  Strafe  der  Gonfiscation  und  daneben  beliebiger 


y  Google 


lY.  J.  Chrimin,  Mitglied  d.  Censnr-Commission.     133 

Geldstrafe  zu  verbieten.  Buchhändler  pflegen  solche 
Bücher  am  ersten  zu  erkennen  und  würden  sich  am 
leichtesten  vor  Übertretungen  hüten.  Einzelne 
Straffälle  bleiben  dem  Ermessen  des  Ereisraths  füg- 
lich überlassen.  3)  sich  die  Yerzeichnisze  und  deren 
Fortsetzungen  zur  Genehmigung  vorlegen  zu  lassen* 
Auch  diese  Vorschrift  ist  nicht  durchgreifend,  wird 
aber  theils  den  Besitzer  der  Leihbibl.  abschrecken 
ihm  bekannte,  verdächtige  Bücher  au&unehmen, 
theils  dem  Ereisrath  Gelegenheit  geben,  notorisch 
schlechte  Artikel  zu  streichen,  oder  ihm  bedenklich 
scheinende  vorbei*  zu  prüfen,  s.  m.  Grimm.' 
Nicht  dieser  sondern  ein  neuer  BerichUentumrf  von 
Völhel  wurde  abgesandt. 

6)  'Castro  Lamengo  von  Egloffstein. 
Hof  buchhändler  Luckhard.' 

,Da  dieser  Roman  Thaten  von  Räubern  imd 
Aufruhrern  gegen  die  spanische  Regierung  in  Schutz 
nimmt  imd  mehrere  anstöszige  Stellen  enthält  so 
bin  ich  der  Meinung,  ihm  das  Impr.  zu  verweigern. 
8.  m.  Grimm  16  Sept.*     Das  Verbat  wurde  erlassen. 

7)  'Darstellung  der  Denkwürdigkeiten  europäischer 
Weltereignisze.  Memmingen  1823  bei  Christoph 
Müller.'  Bammel  findä  nichts  anstösaiges  darin  und 
lüiU  danach  berichten.  — 

„acc.  Grimm,  doch  könnte  vielleicht  bemerkt 
werden,  wiewohl  dem  Vertrieb  dieser  weitläufigen, 
mittelmäszigen,  die  sogenannte  liberale  Ansicht  der 
franz.  Revolution  begünstigenden  Compilation  censur- 
mäszig  nichts  entgegenstehe,  so  dürfte  es  doch  aus 
Ghründen     einer     guten    Landespolizei    angemeszen 


y  Google 


134     IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censxir-Commission. 

scheinen,  zu  verhindern,  dasz  eine  Masse  dieses 
Products  im  Lande  abgesetzt  werde.  Der  Supplicant 
hat  nicht  näher  belegt,  welche  Behörde  ihm  das 
Subscribentensammeln  erlaubt  hat.  Solche  Muster- 
reiter obscurer  Buchhandlungen,  wie  die  Müllersche 
in  Memmingen  ist,  verdienen  auf  keinen  Fall  Be- 
günstigung.'' 

8)  V.  Hom:  Über  die  Verschwönmg  gegen  des 
Kurfürsten  Königl.  Höh.  Bericht  darüiber  an  cUis 
Ministerium  des  Innern  von  Grimm  concipirt  und  von 
Bommel  und  Völkel  genehmigt: 

„Es  ist  uns  eine  im  Auslande  gedruckte  Flug- 
schrift über  etc.  v.  Johan  v.  Hom  zugekommen, 
welche  sich  verschiedene  Details  theils  über  die 
Sache  selbst  theils  über  das  von  der  Polizei  sowie 
von  der  zur  Untersuchung  der  ausgestoszenen 
Drohungen  verordneten  Kurf.  Commission  eingeleitete 
Verfahren  öffentlich  zu  machen  erlaubt.  Da  wir 
nun  nicht  unterrichtet  sind  in  wie  weit  die  von  ge- 
dachten Autor  wiederholentlich  geäuszerte  Behaup- 
tung, dasz  er  mit  Vorwissen  der  Kurförstl.  Behörden 
seine  Schrift  herausgebe,  in  der  Wahrheit  gegründet 
sey,  so  sehen  wir  uns  genöthigt,  für  diesen  in  der 
Censurordnung  unvorhergesehenen  Fall,  bei  Kurf. 
Ministerio  hierdurch  gehorsamst  anzufragen,  ob  es 
der  Allerhöchsten  Intention  gemäsz  sey,  den  Verkauf 
der  Homischen  Schrift  hier  im  Lande  zuzugeben 
oder  zu  untersagen?  ...  19.  April  1824."  J)uröh 
Verfügung  vom  J21.  April  wurde  die  Schrifl  untersagt. 

9)  'Der  Sturm  von  Missolunghi.  Hersfeld  Rull- 
mannsche  Buchhandlung'. 


y  Google 


IV.  J.  Grimm,  Mitglied  d.  Censor-Commission.      135 

»Da  wir  zu  der  Formel  typum  non  meretur, 
die  hier  die  schicklichste  wäre,  nicht  berechtigt 
rind,  so  wird  wohl  das  Imprimatur  zu  ertheilen 
seyn.     s.  m.  Grimm  30  Juli  1826.* 

1 0)  'v.  Hom  Diplomatischer  Bericht  über  die  in  Cas- 
sel  eingelaufenen  Drohbriefe.  Zerbst  bei  Kummer  1826/ 

«Von  dem  bekannten  Hom  ist  soeben  ein  neues 
Buch,  betitelt:  .  .  .  erschienen,  welches  ganz  im 
Geiste  des  früheren  abgefaszt  ist  und  daher  unbedenk- 
lich zu  verbieten  seyn  dürfte.  Cassel  10  Aug.  1826. 
8.  m.  Grimm.* 

acc.  Völkel. 

11)  ^.  Thumb:  über  die  schlechten  Zeiten. 
Hersfeld  1826/ 

„Enthält  einige  ziemlich  freie  Redensarten,  doch 
habe  ich  keine  unanständige  darunter  bemerkt,  s.  m. 
15.  Aug.  1826  Grimm.« 

12)  „Der  Buchhändler  Luckhardt  bittet  um  das 
Imprimatur  für  beifolgende  Predigten  des  Hm.  C. 
R.  Ernst,  wobei  nicht  das  geringste  Bedenken  seyn 
wird.  Zugleich  bittet  unterzeichneter  seine  verehrten 
Herrn  Collegen,  ihm  selbst  zu  gestatten,  dasz  er 
einigen  Bogen  grammatischen  Inhalts  das  Impr.  er- 
theilen  dürfe.  Das  Ms.  ist  schon  in  der  Druckerei, 
weil  es  zufällig  damit  eilt.  Es  wird  aber  demnächst 
durch  Vorlegung  des  Impressi  den  ganz  unschuldigen 
Inhalt  darthun.     Cassel  22  juni  1826  Grimm. 

13)  'Poetische  Versuche'. 

„Schmeicheleien  haben  an  sich  nichts  censur- 
widriges,  so  widrig  sie  seyn  mögen.  Ich  bin  daher 
mit   Herrn   Dir.    Völkel    einverstanden,   dasz   der 


y  Google 


136     I^*  ^'  C^nim,  Mitglied  d.  Censur-Oommission. 

Yerfaszer  der  befragten  Gedichte  das  unangenehme 
der  Zusammenstellung  sich  selbst  beizumeszen  hat, 
eben  weil  er  sich  doch  einmahl  zu  den,  wahrschein- 
lich öffentlich  recitierten,  Liedern  hergegeben  hat. 
Wäre  er  nicht  Autor,  oder  wären  die  Gedichte  ver- 
fälscht, so  möchte  er  es  mit  dem  Verleger  oder  dem, 
auf  welchen  dieser  verweist,  auszumachen  haben. 

Nur  eins  scheint  mir  hier  bedenklich,  um  dessen 
willen  meines  Erachtens  das  Imprimatur  zu  ver- 
weigern ist.  Die  Zusammenstellung  soll  den  Kreis- 
rathSchödde  persiflieren,  also  den  obersten  Staats- 
diener der  Verwaltung  in  dem  Orte,  wo  sich  Drucker 
und  Verleger  (Schmalkalden  Vamhagensche  Verlags- 
handl.)  befindet.  Dies  streitet  wider  die  gute  Ord- 
nung. Der  Zusammensteller  kann  ja  leicht  in  einer 
auswärtigen  Druckerei  seine  Absicht  erreichen. 

Da  wir  blosz  erlauben  oder  verbieten  dürfen, 
und  uns  weder  damit  abgeben  können,  Erläuterungen 
einzuziehen,  noch  zu  warnen,  so  schlage  ich  den 
verehrten  Herrn  CoUegen  vor,  ob  nicht  folgendes 
an  den  Vamhagen  zu  erlaszen  seyn  möchte:  'Ob- 
wohl die  zurückgehenden  Gedichte  an  sich  nichts 
censurwidriges  enthalten,  und  ihr  Verfaszer,  wenn 
Ihm  deren  Zusammenstellung  unlieb  wäre,  dies  mit 
dem  Verleger  oder  Zusammensteller  hernach  auf 
anderem  Wege  auszumachen  hätte,  so  kann  jedoch, 
weil  es  auf  die  Persiflage  eines  im  Amt  stehenden 
Staatsdieners,  der  an  dem  Ort  wo  der  Druck  ge- 
schehen soll,  die  oberste  Verwaltungsbehörde  aus- 
macht, abgesehen  ist,  das  nachgesuchte  Imprimatur 
nicht  ertheilt  werden.*   s.  m.  2.  Sept.  1826    Grimm'. 


y  Google 


IV.  J.  Chimm,  Mitglied  d.  Censur-Gommission.      137 

Das  Imprimatur  wurde  ohne  weitere  Mativirung  ver- 
sagt. 

Die  sonstigen  Verhandlungen  der  Commission  sind 
von  keinem  Interesse. 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


Anmerknngen. 


Band  L 


S.  1.  Wiffand,  Paul,  aus  Cassel]  geb.  1786,  besonders 
mit  Jacob  YomLyceum  her  (hielt  allerdings  erst  am  1.4.1808 
seine  Valedicentenrede  als  Schüler  d.  ü.  I.)  befreundet,  studirte 
später  zusammen  mit  den  Briidem  in  Marburg  und  bewohnte 
auch  kurze  Zeit  mit  Wilhelm,  als  Jacob  nach  Paris  gereist  war, 
ein  Zimmer.  Am  28.  Sept.  1805  bestand  er  seine  Facultätsprüfung. 
Er  starb  als  Stadtgenchtsdirector  a.  D.  in  Wetzlar  1866.  lieber 
das  Verhältniss  der  Brüder  zu  ihm  geben  zahlreiche  Stellen 
ihres  Briefwechsels  aus  der  Jugendzeit  Aufischluss.  Die  an 
ihn  gerichteten  Briefe  der  Brüder  sind  jetzt  in  den  Besitz 
der  Kasseler  Landesbibliothek  übergegangen,  deren  zeitiger 
Vorstand  Herr  Dr.  A.  Duncker  sie  demnächst  zu  publiciren 
gedenkt.  Er  war  so  freundlich,  mir  die  unter  Nr.  1—3  mit- 
getheilten  Auszüge  zukommen  zu  lassen,  ebenso  auch  einen 
Abzug  seines  im  Casseler  Tageblatt  u.  Anzeiger  1885  no.l — 4 
abgedruckten  Aufsatzes :  r  Jacob  u.  Wilhelm  Gr.  in  den  Jahren 
1812 — 15»,  welchem  no.  4 — 8  meiner  Sammlung  entnommen 
ist.  Ein  Auszug  eines  weiteren  Briefes  von  Jacob  steht  in 
desselben  Gelehrten  Aufsatz:  «Aus  den  JugencMahren  der 
Brüder  Grimm**  in  der  Deutschen  Bundschau  1885,  Januar- 
heft. 

S.  1.  M  a  r  b  u  r  g.]  Nach  dem  handschrifbl.  Verzeichniss  der 
von  Ostern  bis  Michaelis  1802  in  Marburg  Studierenden  (die 
Verzeichnisse  der  folgenden  Semester  sind,  scheint  es  ver^ 
loren)  wurde  Jacob  Gr.  am  30.  April  1802  als  Jurist  ein- 
geschrieben (sein  Lvcoalzeugniss  nat  A.  Reifferscheid  in 
Xacher's  Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  VT,  103  mitgetheüt ; 
ältere  ürtheile  seiner  Lehrer  in  Cassel  s.  Anm.  zu  S.  84) 
und  wohnte  no.  89  bei  Kaufmann  Heckmann.  Es  ist  dies 
das  zur  Zeit  Herrn  Sattlermeister  Heuser  gehörige  Haus 
Barfüsserstrasse  no.  35.    Später  Ostern  1803  (vgl.  Anm.  zu 


y  Google 


\ 


Anmerkungen  zu  B.  I.  S.  1.  139 


n  S.  1)  zog  Wilhelm  Gr.  zu  dem  Bruder.  Als  aber  Jacob 
1805  Savigny  nach  Paris  begleitete,  siedelte  Wilhelm  in  das 
Haus  no.  149  zu  A.  Rudolph  über  (schwerlich  haben  beide 
Bräder  hier  gewohnt,  1802  wohnte  da  dem  Studentenver- 
zeichniss  nach  ein  Hanauer  Landsmann  Wilhelm  Schraidt, 
der  Cameralwissenschaften  studierte  und  Wilhelm  beschreibt 
Jacob  im  Briefwechsel  aus  d.  Jugendzeit  S.  46  die  Wohnung : 
»Das  Bett  steht  wie  beim  Schraidt/  Vgl.  ib.  S.  43)  und 
wohnte  hier  kurze  Zeit  mit  Wigand  zusammen.  Daraus 
erklärt  sich ,  dass  die  Tradition  beide  Brüder  nur  hier 
wohnen  Hess.  Das  Haus  no.  149  ist  übrigens  jetzt  =  Wendel- 
gasse no.  4  (zuvor  hatte  es  no.  144).  Das  erwähnte 
Studentenverzeichniss  fQhrt  noch  folgende  Namen  an,  die 
im  Briefwechsel  aus  d.  Jugendzeit  wiederkehren:  Bang, 
Daniel,  aus  Gossfelden,  Theol.,  ein  Bruder  des  Freundes  der 
Brüder ,  der ,  scheint  es,  frühzeitig  starb.  —  Bentheim, 
Erbgraf  Alexis  B.  Steinfurt,  studierte  Jura  und  kaufte  Wilh. 
Gr.  Collegienhefte  ab,  vgl.  S.  8  u.  13  der  Br.  aus  d.  Jugend- 
zeit. —  Bucher,  Carl  Franz  Ferd.,  aus  Rinteln,  wohnte 
bei  Prof.  Bucher.  —  Dehnhard,  Fried.  Wilh.,  aus  Braun- 
fels, Theol.  =?  Briefw.  43,  131,  223  etc.  —  Grosse,  Rein- 
hard, aus  Eschwege  =  ?  ib.  49.  —  Koch,  Christian,  aus 
Sterbfrig  im  Schwarzenf.,  oder  K.,  Friedr.  Wilh.  aus  Singlis  = 
ib.  S.  40.  —  Laroche,  Joh.  David  Aug.,  aus  Basel  =  ib. 
231.  —  Lotz,  Phil.  Friedr.  Carl,  aus  Borken,  Jur.  =  den 
hier  mehr  erwähnten  vgl.  Anm.  z.  S.  202.  —  Malsburg, 
Friedr.  Ernst  v.  d.,  aus  Eschen berg,  Jur.,  wohnte  bei  Prof. 
Bauer,  vgl.  Anm.  zuS.  231.  —  Müller,  Beruh. Hyeronim., 
aus  Caldem  in  Hessen,  Jur.  =  Briefw.  a.  d.  J.  61, 64.  —  M  u  r  - 
hard,  Beruh.  Ana.  aus  Roth  in  Oberhessen,  Jur.  =  ib.  84 
etc.  —  Reinhard,  Carl  Friedr.,  aus  Carlsruhe,  Jur.  =  ib. 
312,  444.  —  Schlarbaum,  Christ.  Adolph  aus  Berlenburg, 
Jur.  =r  ib.  65  (fälschlich  ist  „Schlarbanin*  gedruckt).  — 
W  alper,  Just.  Dan.,  aus  Eiterhagen  in  Hessen,  Theol.  = 
ib.  55.  —  Wan^emann,  Carl  Phil.  Theod..  aus  Neu- 
kirchen, Jur.  =  ib.  40.  —  Zimmermann,  Christ.,  aus 
Marburg,  Baukunst,  wohnte  bei  Weinwirth  Zimmermann 
=  ib.  &  ff. 

Im  Sept.  1814  auf  der  Durchreise  nach  Wien  besuchte 
J.  Gr.  seinen  Philister  Heckmann  und  stieg  in  der  Post,  dem 
heutigen  Schwanenhof,  ab.  (vgl.  Briefw.  S.  347).  Ebenso  war 
er  schon  am  1.  Jan.  1814  durch  Marburg  gekommen  und 
war  ihm  da  nur  aufgefallen,  dass  »jetzt  Laternen  brennen« 
(S.  212),  obwohl  es  ihm  immer  noch  «inwendig  so  dorf- 
mässig*  vorkam  (S.  216).  Längere  Zeit  scheint  J.  überhaupt 
nie  mehr  in  Marburg  verweilt  zu  haben,   doch  ist  er  noch 


y  Google 


140  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  1—4. 

öfters  durchgekommen,  so  1817  (vgl.  oben  S.  36  n.  39)  nnd 
1823  (vgl.  oben  S.  226),  1831  (Germ.  XIII,  375).  Von  der 
Studentenzeit  her  behielt  er  aber  das  Bild  von  Marburg  fest 
im  Gedächtniss.  Das  beweist  die  so  oft  citirte  Stelle  ans 
seiner  1850  geschriebenen  Glückwunschschrift  zu  Savigny*8 
Jubiläum  {Ki.  der  I.  115),  sowie  seine  Autobiographie  von 
1830  bei  Justi  u.  oben  S.  109.  —  Auch  Wilhelm  kam,  nachdem 
er  hier  1806  eine  Prüfung  abgelegt  hatte  (vgl.  Anm.  zu  IL 
S.  1.  J.  hatte  sich  nicht  prüfen  lassen  vgl.  Anm.  z.  S.  109), 
erst  1815  wieder  nach  Marburg  (vgl.  oben  S*  27),  später  öfter, 
namentlich  zuSuabedissen(vgl.obenS.69,89, 119,222, 258, 264, 
275,  Anm.  z.  241).  Während  seiner  Studien  war  W.  nur  einmal 
nach  Gossfelden  gewandert  (vgl.  S.  27).  Längere  Zeit  war  er 
1853  in  Marburg.  Seine  Frau  war  hier  erkrankt  Sie  wohnten 
damals  bei  der  Nichte  von  Dortchen,  bei  der  Frau  Oberst- 
lieutenant Wegner  im  Klöfäer'schen  Haus  an  der  Schlosa- 
treppe.  (Vgl.  Brief  an  Dahlmann  vom  28.  Juli  1858.)  Auch 
W.  behielt  Marburg  in  treuer  und  lieber  Erinnerung  (vgl. 
oben  S  210).  So  dachten  denn  auch  die  Brüder  1838  nach 
ihrer  Vertreibung  aus  Göttingen  allen  Ernstes  daran  nach 
Marburg  überzusiedeln  —  vgl.  Freundesbr.  152,  Briefw.  mit 
V.  Meusebach  S.  265,  mit  Dahlmann  S.  137  f.  Dass  auch 
von  Marburg  aus  nichts  versäumt  wurde,  beweist  ihre  Ehren- 
promotion T'^gl.  Anm.  zu  S.  46]  und  der  zu  ihren  Gunsten 
vom  Vertreter  der  Universität  in  der  Ständekammer  ge- 
stellte, von  der  Regierung  aber  zurückgewiesene  Antiag, 
über  welchen  man  Duncker  .Die  Brüder  Grimm'  S.  89 
nachlese  —  und  schon  1831  kam  ihnen  ein  ähnlicher  Ge- 
danke (vgl.  oben  S.  117 ,  Bang  dachte  schon  1817  daran ; 
vgl.  Anm.  zu  S.  33  no.  28). 

S.  3  no.  4.  Ein  braves  Volk  wie  wir  Hessen 
sind]  vgl.  W.  Gr.  an  Görres  v.  30.  Jan.  1815  (Gesammelte 
Br.  U  453). 

S.  4  no.  6  u.  8]  vgl.  U.  S.  3  ff.). 

S.  4  no.  7.  Görres,  Joseph.]  Ueber  die  Beziehungen 
der  Brüder  zu  ihm  s.  Briefw.  d.  Frh.  v.  Meusebach  m.  L  u. 
W.  Grimm  S.  302  Anm.*  Ihre  Briefe  an  ihn  stehen  in 
Görres  Gesammelte  Briefe  II — III.  hrsg.  v.  Binder,  München 
1874.  —  Eine  ähnliche  Aeusserung  über  den  rhein.  Merkur 
von  J.  Gr.  an  Tydeman  v.  5.  Mai  1815  s.  Briefe  an  T.  S.54; 
vgl.  femer  hier  Anm.  zu  S.  146. 

S.  4  no.  9.]  Vgl.  Jac.  Gr.'s  Selbstbio^phie :  «Ich  stand 
doch  noch  gut  angeschrieben*  etc.  sowie  seinen  Brief  an 
W.  V.  21.  Oct  1815  aus  Paris  (S.  478),  vgl.  femer  Brief  W/s 
an  J.  in  Wien  v.  12.  Nov.   1814  (S.  384)  u.  J.'s  Antwort  v. 


y  Google 


Anmerkiuigen  zn  B.  I  S.  4 — 5.  141 

23.  Nov.  (S.  387).  —  Die  Gesuche  unter  no.  9—12  waren 
bereits  gedruckt,  als  mir  das  übrige  Actenmaterial  bekannt 
wurde,  sie  würden  sonst  mit  diesem  im  zweiten  Bande  ver- 
einigt worden  sein.  —  Auf  J.  Qrimm's  Gesuch  ist  folgendes 
gnädigste  Rescript  (enthalten  in  dem  Acten-Fascikel  B.  K.  IV. 
no.  1  den  Legationssecretar  Grimm  betreffend)  an  ihn  ergangen : 
«Nachdem  Wir  den  vorhin  bey  ünserm  Kriegs  Collegio  ge- 
standenen Secretariats-Accessisten  Jacob  Ludwig  Carl  Grimm 
Unserm  Geheimen  Staats  Minister  und  ausserordentlichen 
Gesandten  bei  den  Allerhöchst- verbfindeten  Mächten,  Grafen 
von  Keller,  als  Gesandtschafts-Secretair  ^ädigst  beigeordnet 
haben;  So  hat  Unser  gedachter  Geheimer  Staats-Minister, 
denselben  in  dieser  Eigenschaft  xu  den  Geschäften  zu  ad- 
hibiren ,  er  Legations  Secretair  Grimm  aber  sich  sofort  an 
den  Ort  des  Aufenthalts  Desselben  zu  begeben ,  und  denen 
ihm  aufgetragen  werdenden  Arbeiten  und  Geschäften,  mit 
Pünctlichkeit,  Verschwiegenheit  und  Treue  sich  zu  unter- 
ziehen. Cassel  den  23.  December  1813.*  Gleichzeitig  er- 
folgte gnädigster  Befehl  an  dieO.  Rent-Cammer  und  das  2te 
Depart  des  Kriegs  CoUegii,  wonach  ihm  vom  1.  Jan.  k.  J. 
an  ein  monatlicher  Gehalt  von  Zwanzig  fünf  «^,  mithin 
läbrlich  Dreyhundert  «^  während  dieser  Mission  gnädigst 
bewilligt  sei.  Damit  ist  ein  im  selben  Personalacten-Fascikel 
liegender  „Extract  Auswärtigen  Protokolls :  Cassel  den  15.  Sept. 
1815.  Die  dem  Legations  Secretair  Grimm  durch  allerhöchstes 
Rescript  vom  23.  Decbr.  1813  verordnete  Besoldung  von 
Sechshundert  .^,  halb  aus  der  Kriegs-  und  halb  aus  der 
Cammer-Casse ,  betr.:  Resol.  Ist  solche  demselben  bis  auf 
anderweite  Verordnung  fernerhin  auszuzahlen.*  zu  ver- 
gleichen. Gr.  erhielt  aemnach  aus  jeder  der  zwei  oben  er- 
wähnten Cassen  300  Thlr.  Gehalt. 

S.  5.  Vormals  Kriegsecretar.]  vgL  darüber  J.'s 
Angabe  in  der  Autobiographie  bei  Justi  S.  154.  In  den 
Acten  des  Kriegskollegiums  hat  sich  seine  Eingabe  um  An- 
stellung nicht  erhalten,  nur  im  Kriegszahlamts-Manual  von 
1806  Bd.  II  S.  620  findet  sich  folgender  Eintrag:  »Der 
Secretariats-Accessist  Grimm  soll  laut  höchsten  Rescript  v. 
16.  Jan.  ä  l»o  Febr.  monatl.  holz  8'/»  Thlr.  empfangen.* 
und  sind  nach  den  ffemachten  Vermerken  J.  Gr.  auch  that- 
sächlich  11  Monate  (am  1.  Nov.  zugleich  mit  iür  den  1.  Dec.) 
ausbezahlt  worden.  Im  Januar  1856  gratulirten  die  Casseler 
Bibliothekare  Jac.  Grimm    zu     seinem   50jährigen   Dienst- 

1'ubiläum  und  er  erwiderte  darauf  mit  einem  freundlichen 
Jrief  aus  welchem  A.  Dunker  „Die  Brüder  Grimm"  S.  112 
eine  Stelle  mittheilt.  (Das  Original  ist  in  der  Casseler 
Landesbibliothek.) 


y  Google 


142  Anmerknngen  zu  B.  I  S.  5. 

S.  5  no.  10.]  Auf  Grimm's  Vorstellung  ist  als  Aller- 
höchste Resolution  verzeichnet :  ^Wilhelmshöhe  d.  16.  Ang. 
1815.  Ponator  ad  acta."  ~  Das  Beschwerdeschreiben  von 
Georg  Ferdinand  v.  Lepel,  dat.  Caszel  d.  12.  Aug.  1815, 
lautet:  ,£w.  Königliche  Hoheit  haben  Allergnftdigst  Selbst 
bemerkt,  und  ich  kann  nicht  umhin  es  zu  bestätigen ,  dasz 
der  Legations  Secretär  Grimm  seine  Dienstgeschäfte  keines- 
wegs mit  dem  Eifer  und  der  Accuratesse  verrichtet  habe, 
als  billig  von  ihm  zu  erwarten  war.  Kurz  vor  meiner  Ab- 
reise von  Wien  sah  ich  mich  genöthigt  ihm  deshalb  einen 
derben  Verweis  zu  ertheilen  und  jetzt  bin  ich  sogar  in  dem  Falle, 
Allerhöchst-Denenselben  eine  beschwerende  Anzeige  thun  zu 
müssen.  —  Wie  nothwendig  es  sey,  dasz  alle  allerhöchsten  Orte 
eingeschickten  Berichts  Beilagen  auch  zu  den  Acten  geschrieben 
werden,  und  dasz  die  Besorgung  dieser  Abschriften  zum 
Amt  eines  Legations  Secretärs  gehöre,  bedarf  wohl  keines 
Beweises.  Aus  den  Manual-Acten  der  Congresz  Gesandt- 
schaft, welche  Graf  Keller  mitbringt,  wird  sich  ergeben, 
wie  viele  Berichts  Beilagen  fehlen.  Die  nächste  Ver- 
anlassung meiner  Beschwerde  sind  jedoch  die  Protocolle  der 
letzten  Conferenzen  über  die  deutsche  Constitution.  In  wie 
fern  es  thunlich  gewesen  wäre,  sie  zu  den  Acten  zu  schreiben, 
will  ich  dahin  gestellt  seyn  lassen.  Es  gab  damals  der 
Schreibereyen  viel,  und  deswegen  bestana  ich  nicht  auf 
doppelter  Ausfertigung  der  Protocolle  sammt  Beylagen,  da- 
gegen gab  ich  ihm  gemessenst  auf,  wenigstens  für  ein  voll- 
ständiges Exemplar  der  Protocolle,  nocn  während  seines 
Aufenthalts  in  Wien  Sorge  zu  tragen ;  und  er  versprach 
mir,  solches  zu  thun.  Bey  genauer  Durchsicht  der  theils 
mir  überlieferten,  theils  nach  meiner  Abreise  hieher  ge- 
schickten Protocolls  Beylagen,  fand  ich  indessen  nicht  nur 
dasz  er  das  Verzeichnisz  der  Beylagen  nachlässig  verfertigt, 
und  bey  der  3ten  7ten  und  lOten  Conferenz.  Beylagen  auf- 
zuführen unterlassen  habe,  sondern  auch  dass  ausser  diesen, 
von  denen  von  ihm  bezeichneten  Mehrere  fehlen.  [Dieselben 
sind  aber  in  dem  betreffenden  Actenfascikel  alle  vorhanden 
und  scheinen  nicht  erst  nachträglich  ergänzt  zu  sein.]  Ich 
liesz  ihn  vor  etlichen  Tagen  zu  mir  entbieten  um  ihm  diese 
Nachlässigkeit  zu  verweisen,  zu  meinem  Erstaunen  erwiderte 
er  mir  aber,:  nachdem  er  Ew.  Königliche  Hoheit  gebeten, 
ihn  von  der  Stelle  eines  Legations  Secretärs  zu  dispensiren, 
so  habe  er  keinerley  Vorwürfe  von  mir  anzuhören;  hätte 
ich  eine  gegründete  Beschwerde  gegen  ihn,  so  möge  ich 
solche  bey  Allerhöchst  Denenselben  anbringen.  —  Dieses 
geschiehef  denn  hiermit.  Der  Beweis  seiner  Saum- 
seeligkeit     und      Nachlässigkeit     liegt     in     dem     beyge- 


y  Google 


Anmerkongen  zu  B.  I  S.  5 — 6.  143 

schlossenen  von  ihm  aufgesetzten  Elenchns  der  Protocolls 
Beylagen,  and  meine  allernnterth&niffste  Bitte  geht  dahin: 
dasz  ihm  der  Verweis ,  zu  dessen  Ertheüung  er  mich  nicht 
mehr  berechtigt  glaubt^  allerhöchsten  Orts,  nebst  dem  ge- 
messensten Atutrag  ertheilt  werde,  schleunigst  für  Bey- 
brin^ng  aller  fehlenden  Protocolls  Beilagen  zu  sorgen, 
inzwischen  aber  während  seiner  jetzigen  vollkommenen 
Qeschftffcsfreyheit ,  sämmtliche  Protocolle  und  Beylagen. 
welche  zum  Behuf  der  Arbeiten  der  Bundes  Versamlung 
durchaus  nothwendig  sind,  noch  einmal  sauber  abzuschreiben, 
Ich  bestehe  in  tiefster  Submission  etc.* 

Darauf  erfolgte  nachstehende  allerhöchste  Resolution: 
•Wilhelmshöhe  d.  16.  Aug.  1815 :  Dem  Legations  Secretair 
Grimm  wird  allergnädigst  befohlen,  nicht  nur  die  nach  dem 
anliegenden  Auszug  aus  dem  eingeschickten  Elenchus 
fehlenden  Beilagen  der  Wiener  Protekolle,  sondern  auch 
eine  vollständige  Abschrift  sämtlicher  Protokolle  und  Bei- 
lagen annoch  zu  fertigen  und  einzureichen.*  v.  L  e  p  e  1 
wurde  hiervon  Nachricht  gegeben.  Hierzu  gehört  noch  die 
Bd.  II  S.  100  no.  1.  abgeoruckte  Resolution  vom  26.  Aug., 
welche  auf  J.  Gr's.  zurück^egebnes  Gesuch  um  die  2te  Bio- 
liothekar-  xmd  die  HofarchivarsteUe  erfolgt  war.  F J.  Gr.  war 
also  im  Irrthum  wenn  er  am  21.  Oct.  1815  (S.  478)  an 
W.  schreibt,  es  liege  über  sein  Gesuch  um  die  Biblio- 
thekarstelle in  den  Acten  nichts  mehr  vor.]  Ausgeführt 
scheint  übrigens  die  Resol.  nicht  zu  sein,  da  ia  bereits  am 
9.  Sept.  J.  (i.'s  Absendung  nach  Paris  gemeldet  wird  (s. 
Bd.  n  S.  14  1.).  Höchstens  könnte  die  in  der  Anm.  zu 
S.  4  no.  9  angeführte  Res.  vom  15.  Sept.  1815  andeuten, 
dass  die  Zahlung  seines  Gehaltes  zeitweise  sistirt  war.  ~ 
Die  Protecolle  über  die  Conferenzen,  die  Feststellung  des 
deutschen  Bundes  betreffend,  von  denen  die  Beschwerde 
V.  Lepel's  spricht,  sind  auf  dem  Marburger  Archiv  erhalten. 
Nur  wenige  der  Beilagen  sind  von  Grimmas  Hand,  dagegen 
sind  die  sehr  umfEin^eichen  Protecolle  von  ihm  sehr  sauber 

geschrieben.  Auf  diese  seine  Schreiberarbeit  bezieht  sich 
rimm  in  no.  10  S.  6.  Vgl.  dazu  auch  seinen  Brief  an  W. 
V.  23.  Nov.  1814  (S.  387),  worin  er  sich  auch  schon  abfällig 
über  V.  Lepel  ausspricht,  von  dem  er  vermuthet,  dass  er  es 
gewesen,  der  ihn  bei  dem  Kurfürsten  nach  Wilhelm's  Brief 
vom  12.  Nov.  1814  (S.  384)  angeschwärzt  hatte ;  vgl.  auch 
Bd.  n  S.  73. 

S.  6  ff.  no.  11.]  Auf  dem  Gesuch  findet  sich  der  Ver- 
merk: »Resol.  Cassel  d.  24.  Nov.  1815:  Bleibt  offen.«  Dar- 
unter mit  Bleistift:  «Als  erledigt  ad  acta  16/4  1816.'  vgl. 
Bd.  n  S.  72  f. 


y  Google 


144  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  8 — 13. 

S.  8  no.  12.]  Das  Gesuch  trägt  folgenden  Bleistift- 
vermerk :  ;,Zur  Landesbibl.  abzugeben.  16/4  16."  vgl.  Bd.  IT 
S.  100  no.  2. 

S.  9  no.  13  u.  S.  10  no.  14.]  Charlotte  Ramus  war 
damals  schon  mit  Dr.  B  a  u  e  r  (vgl.  S.  136  u.  Freundesbr.  S.  79) 
verlobt  (S.  168.)  Ihre  Hochzeit  fand  am  21.  Oct.  1818  statt  (vgl. 
S.  131),  Bauer  starb  als  Obermedicinalrath  am  18.  April 
1835,  seine  Frau  am  12.  Jan.  185a  Ihre  Tochter  ist  die 
Gemahlin  des  Herrn  Geh.  Obeijustizrath  Schultheis, 
derzeit  Präsident  des  könifj^l.  Landgerichts  in  Marburg.  Von 
ihm  wurden  mir  die  Originale  von  no.  13  und  14  freund- 
lichst mitgetheilt.  Briefe  von  Bauer  oder  seiner  Frau  an 
die  Brüder  Gr.  sind  nicht  erhalten. 

S.  11  no.  15J  Das  Original  dieses  Briefes  ist  mir  von 
"  "       ■    ~r.  Ke  "    ^ 


Archivrath  Dr.  Könnecke  freundlichst  zur  Verfögung ge- 
stellt worden.  Prof.  Gödeke  stand  seit  1837  mit  J. Gr.  in 
brieflichem  Verkehr,  1855  besuchte  ihn  J.  m  Celle.  Die 
zahlreichen  an  ihn  gerichteten  Briefe  von  Jacob  mag  Prof. 
Gödeke,  wie  er  mir  schreibt,  der  Oeffentlichkeit  nicht  über- 
geben. In  einem  noch  ungedruckten  Brief  an  Pertz  vom 
7.  Dec.  1858  verwendet  sich  J.  Gr.  in  warmer  Weise  für 
Gödeke,  hat  dabei,  wie  mir  Herr  Prof.  Gödeke  ebenfalls 
mittheilt,  allerdin^  aus  Herzensgüte  etwas  dunkle  Farben 
über  dessen  damalige  Lage  gewählt,  (vgl.  wegen  d.  Grimm- 
Briefe  an  Pertz  Anm.  zu  S.  267.) 

S.  12  Z.  13  V.  u.  handiert]  b.  scandiert. 

S.  13  ff.  no  16 — 7.]  Diese  Briefe  an  S.  Berlit  wurden  mir 
vom  Sohne  des  Adressaten  Herrn  Gvmnasial Oberlehrer  Georg 
Berlit  in  Leipzig  gütigst  zugestellt.  Derselbe  machte  mir 
auch  freundlicnst  noch  folgende  Mittheilungen:  rDie  an 
meinen  Vater  gerichteten  Briefe  Jacob  Grimmas  sind  eigent- 
lich nur  wie  durch  einen  Zufall  erhalten  worden.  Ich  habe 
als  Sekundaner  die  Briefe  einmal  aus  alten  Gerumpel  vom 
Boden  angelesen.  Geboren  ist  mein  Vater  den  7.  Febr. 
1808,  als  Sohn  eines  armen  Leinewebers  in  Eleinschmal- 
kalden,  studirt  hat  er  in  Marburg  Theologie,  ohne  Zweifel 
aber  auch  neuere  Sprachen.  Mit  Interesse  scheint  sich  seiner 
Vilmar  angenommen  zu  haben ,  wenigstens  erfreute  er  sich 
seines  Rates  als  er  Mai  1841  ein  Gymnasiallehrer-Examen 
in  Kassel  ablegte.  Zuvor,  vom  Dec  1835  an,  war  er  mehrere 
Jahre  Hauslehrer  in  Frankfrirt  a/M.  gewesen.  Von  hieraus 
wandte  er  sich  an  J.  Grimm  um  Rat  wegen  deutscher 
Studien.  Seit  1840  war  er  in  Hersfeld  am  Gymnasium  als 
Lehrer  des  Französischen  u.  s.  w. ;  um  diese  Zeit  verheirathete 
er  sich  und  hatte  dann  später  für  den  Unterhalt  einer  zahl- 
reichen Familie  zu  sorgen,  wodurch  er  an  grösserer  wissen- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  13 — 16.  145 

schaftlicher  Bethätigung  gehindert  wurde.  Doch  hat  er 
umfangreiche,  jetzt  allerdings  werthlose,  Vorarbeiten  zu 
einem  mhd.  Handwörterbuche  hinterlassen,  1851  den  mhd. 
•Weinschwelg*  übersetzt  (Kassel,  Raabe),  ebenso  auch 
Stricker 's  Schelmenstreiche  des  Pfaflfen  Ameis  (Leipzig, 
0.  Wigand  1851),  üebersetzungen,  die  es  noch  heute  mit 
jeder  ähnlichen  aufnehmen.  Eine  weitere  Uebersetzung  aus 
dem  Flämischen  ^der  Kaufmannsdiener'*  von  P.  P.  van 
Kerckhoven  erschien  schon  Kassel  1850.  Auch  ein  ganz 
ausführliches  Glossar  zu  Andreas  und  Elene,  von  welchen 
Gedichten  ihm  J.  Grimm  nach  Brief  16  einen  Correctur- 
bogen  übersandt  hatte ,  hat  er  sich  angelegt  gehabt.  Seine 
Teilnahme  an  der  Bewegung  der  40er  Jahre  (er  gab  2  Jahre 
hindurch  den  Hessenboten  heraus,  und  war  auch  185?  Mit- 
glied des  Landtags)  brachte  ihm  in  der  Zeit  der  Reaction 
die  Reducirung  seines  Gehaltes  um  1/4  ein.  Auch  mit  Vilmar 
kam  er  durch  die  Politik  auseinander.  Dennoch  gedenkt 
dieser  seiner  mit  Anerkennung  in  seinem  Idiotikon.  Im 
Oct.  1855  starb  mein  Vater."    Die  Gegenbriefe  B*s.  fehlen. 

S.  13.  B  0  s  w  0  r  t  h.]  A  Dictionary  of  the  Anglo-Saxon  Lan- 
guage  1838.  Als  Assistent  v.Bosworth  habe  ich  die  Richtigkeit 
von  Grimmas  ürtheil  nur  zusehr  kennen  gelernt.  Bekannt- 
lich erscheint  jetzt  nach  B.'s  Tode  eine  neue,  von  Toller 
besorgte  Ausgabe,  an  der  B.  lange  hat  arbeiten  lassen,  aber 
ohne  eigentlich  neues  Material  herbeizuschaffen,  als  ge- 
legentlich eine  Kraftstelle  aus  einer  ags.  Predigt.  Toller 
selbst  scheint  das  Versäumte  etwas  nachgeholt  zu  haben 
(vgl.   Litteraturbl.   f   germ.  u.  rom.  Philol.  1882  S.  386  flf.). 

R  a  s  kj  Der  Briemechsel  d.  Brüder  Gr.  mit  Rask  1 1832 
steht  in  E.  Schmidt's  Sammlung:  Briefw.  d.  Br.  Gr.  mit 
nordischen  Gelehrten.  Berlin  1885.  Er  reicht  von  1811 — 26, 
wo  er  in  Folge  einer  literarischen  Fehde  plötzlich  abge- 
brochen wurde.  Die  erste  (dänische)  Ausgabe  d.  Grammatik 
erschien  1817. 

S.  14.  Leo]  Beowulf  .  .  .  nach  seinem  Inhalte  u.  nach 
8.  bist.  u.  mjthol.  Beziehungen  betrachtet.    Halle  1839. 

ich  lasse  2  bedeutende  ags.  gedichte  drucken] 
Andreas  u.  Elene,  hreg.  v.  J.  Grimm,  Kassel  1840. 

S.  16  no.  18—20.]  Diese  Briefe  sind  hier  nach  Dr.  A. 
Duncker^s  Veröffentlichung  in  der  Hanauer  Zeitung  vom 
24.  Januar  1885  no.  20  wiederholt.  In  einer  späteren 
Nummer  derselben  Zeitung,  welche  mir  nicht  vorliegt,  ist 
auch  das  (S.  19  oben)  erwähnte  Blatt  für  Philippine  Hone, 
eine  Verwandte  der  Brüder,  abgedruckt.  —  Zu  diesen  be- 
sonders wegen  der  darin  enthaltenen  Jugenderinnerungen 
interessanten  Briefen  ist  ein  Brief  Jacobs  an  seinen  Bruder 
£.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Orlmm.  10 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


146  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  16. 

Ferdin.  v.  26.  Febr.  1829  zu  vergleichen,  abgedruckt  in  den 
klein.  Schriften  I,  23  ff.  -r  Die  drei  Gegenbriefe  v.  Frl.  Louise 
Gies  V.  26.  12.  58,  16.  3.  59,  29.  12.  59  sind  erhalten.  Aus 
Br.  2  folgende  Stelle:  »Ihre  Mittheilung!  Sie  seien  nicht  in 
unsern  Hause  geboren,  enttäuschte  uns ;  nichts  destoweniger 
waren  wir  eifrig  bestrebt,  nach  Ihrer  wahren  Geburtsstätte 
zu  forschen.  Mein  Vater,  welcher  sich  warm  für  die  Sache 
interessirt,  Hess  in  den  Kirchenbüchern  durch  seinen  Freund, 
den  Herrn  Metropolitan  Calaminus,  Nachforschungen  an- 
stellen, deren  Resultat  jedoch  nur  die  beifolgende,  Inre  von 
Bergen  und  Hanau  stammenden  Voreltern  betreffende,  Ur- 
kunde war.  Vielleicht  ist  es  Ihnen  von  einigem  Interesse, 
dieselbe  zu  besitzen.  Unter  weiteren  erfolglosen  Erkun- 
digungen vergingen  alsdann  Tage,  Wochen,  selbst  Monate. 
Da  brachte  uns  ein  glückliches  Zusammentreffen  von  Um- 
ständen auf  eine  Spur,  welche  uns  endlich  zum  Ziele  führte. 
Vater  hatte  sich  schon  vor  einiger  Zeit  an  die  ältesten  Be- 
wohner und  Bewohnerinnen  Hanaus  gewandt,  in  der  Hoff- 
nung in  dem  guten  Gedächtniss  derselben  Auskunftequellen 
zu  entdecken.  Auch  dies  schien  erfolglos;  bis  endlich  eine 
alte  Dame  ihm  mittheilte,  es  lebe  hier  in  Hanau  noch  eine 
Cousine  der  Gebrüder  Grimm,  welche  vielleicht  im  Stande 
sein  dürfte,  uns  das  Geburtshaus  derselben  anzugeben.  — 
Vater  begab  sich  zu  derselben,  und  fand  in  Frl.  Höhn[e] 
eine  82jährige  Matrone,  deren  lebhafter  Geist  und  gutes  Ge- 
dächtmss  den  mangelhaften  Kirchenbüchern  zu  Hülfe  kam. 
Dieselbe  theilte  ihm  mit,  dass  die  Gebrüder  Jacob  und 
Wilhelm  Grimm  in  dem  jetzigen  Polizeigebäude,  einem 
grossen  Hause  an  der  Südseite  des  Paradeplatzes,  geboren 
seien.  Frl.  Höhn[e]  erinnerte  sich  noch  sehr  genau,  aass  Ihr 
Herr  Vater  selig  seine  juna^e  Frau  in  dies  Haus  eingeführt, 
daselbst  einige  Jahre  gewohnt  habe,  und  alsdann  in  das  jetzt 
uns  sugehörende  Haus  gezogen  sei.  Ihre  Angabe  bezüglich 
Ihres  Geburtshauses  war  also  ziemlich  richtig;  das  jetzige 
Polizeigebäude  ist  das  4te  Haus  von  dem  Weissen  Löwen. 
Wir  glaubten,  es  würde  Ihnen  vielleicht  einiges  Vergnüfiren 
machen,  eine  Ansicht  Ihrer  Geburtsstätte  zu  besitzen,  lieber 
Herr ;  daher  Hessen  wir  beifolgende  recht  treue,  wenn  auch 
nicht  nach  allen  Regeln  der  Kunst  ausg[eführte  Photographie 
anfertigen.*  —  Von  no.  18  stehen  einige  Stellen  bereits  in 
der  Augsb.  Allg.  Z.  v.  9.  3.  70  S.  1035  f.  in  der  Antiqua- 
schrift des  Originals.  Abweichend  steht  da  rbegränzten 
Hof  (S.  16  Z.  12  V.  u.)  „rathhausgarten ;  im  rathhaushofe* 
(ib.  Z.  10),  .oft.'  (ib.  Z.  9),  «lange*  (ib.  Z.  7).  Die  beiden 
letzten  Sätze  des  letzten  Absatzes  auf  S.  17  f.  sind  um- 
gestellt 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  16—19.  147 

S.  16.  St  ein  au.]  vgl.  S.  226,  247  und  Brief  Jacobs 
an  Lachmann  vom  10.  Juni  1823  (s.  Briefw.  d.  Frhm.  von 
Meusebach  S.  361)  und  einen  Brief  JacoVs  an  Wilhelm 
(Briefwechsel  aus  d.  Jugendzeit  S.  469). 

S.  16.  Hanau.]  üeber  die  Erinnerungen  der  Brüder 
an  Hanau  und  ihre  Besuche  vgl.  einen  Brief  W.'s  an  Jacob 
vom  14.  Oct.  1815  (Briefw.  a.  d.  Jugendzeit  S.  476),  femer 
einen  Brief  Jacobs  an  v.  Meusebach  vom  26.  Nov.  1831  (s. 
Briefwechsel  S.  139  no.  67)  sowie  über  Jugenderinnerungen 
V.  J.  Grimm  in  Germ.  XIII,  367. 

S.  17.  0  e  1  b  i  1  d.]  Dieses  kleine  Oelbild  ist  jetzt  im 
Besitze  des  Herrn  Seconde-Lieutenants  und  A<yutanten  im 
11.  Artillerie-Regiment,  Otto  Victor  Kühne  zu  Fritzlar,  der 
mit  einer  Grossnichte  Jacob  Grimms,  einer  Enkelin  seines 
Bruders  Ludwig,  vermählt  ist.  Herr  Lieutenant  Kühne  war 
80  freundlich ,  das  Original  zu  der  auf  die  Brüder  Grimm 
und  ihre  Verwandten  und  Freunde  bezüglichen  Ausstellung 
von  Bildern,  Drucken  und  Autographen  zu  senden,  die  vom 
4.  bis  17.  Januar  in  der  Landesbibliothek  zu  Kassel  statt- 
fand. Das  von  Jacob  Fräulein  Gies  geschenkte  Bild  war 
eine  Badirung  nach  jenem  Oelgemälde,  die  Ludwig  Grimm, 
als  Kupferstecher  ein  ganz  ausgezeichneter  Künstler,  an- 
fertigte. Der  Maler  des  Oelbildes,  von  Jacob  mit  Urlaub 
bezeichnet,  war  ohne  Zweifel  unter  den  verschiedenen  Malern 
dieses  Namens  Georg  Carl  Urlaub,  der  1787  in  Hanau  lebte. 
[Anm.  von  A.  Duncker.]  —  Weiteres  über  Urlaub  s.  in  Hof- 
meister's  Nachrichten  über  Künstler  etc. ,  herausgeg.  v.  G. 
Prior.    Hannover  1885. 

S.  18.  mit  dem  Bilde.]  Die  Photo^aphie  seines 
Geburtshauses  am  Paradeplatz  no.  1.  Es  ist  oekanntlich 
1870»  mit  den  Bronzereliefs  der  Brüder  von  A.  v.  Nordh^im 
geschmückt.    Das  Haus  in  der  Lauj^gasse  trägt  jetzt  no.  41. 

8.  19.  eine  wahre  Geschichte.]  vgl.  Freundes- 
briefe S.  189:  „Sie  haben  wohl  von  dem  Märchengroschen 
gelesen,  den  uns  ein  kleines  Mädchen  brachte;  die  Ge- 
schichte hat  die  Runde  in  den  Zeitungen  gemacht.  Man 
glaubt  sie  sei  erfanden,  sie  ist  aber  wahr.  Es  war  ein  feines 
Sind  mit  schönen  Augen.  Es  war  erst  bei  dem  Jacob,  dann 
brachte  es  Dortchen  zu  mir.  Es  hatte  das  Märchenbuch 
unter  dem  Arm  und  fragte :  *darf  ich  Ihnen  etwas  daraus 
vorlesen?*  und  las  dann  das  Märchen,  an  dessen  Schlusz 
steht  Svers  nicht  glaubt  bezahlt  einen  Thaler\  gut  und  mit 
natürlichem  Ausdruck.  *Da  ich  es  nun  nicht  glaube ,  so 
musz  ich  Ihnen  einen  Thaler  bezahlen,  ich  erhalte  aber 
nicht  viel  Taschengeld  und  kann  es  nicht  auf  einmal  ab- 
tragen.*    Es    holte    aus    seinem    Rosageldtäschchen    einen 

10» 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


148  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  19—20. 

Groschen  und  reichte  mir  ihn  hin.  Ich  sagte  *ich  will  Dir 
den  Groschen  wiederschenken.'  'Nein\  antwortete  es,  *die 
Mama  sagt,  Geld  dürfe  man  nicht  geschenkt  nehmen.'  Dann 
nahm  es  artig  den  Abschied.*  Diese  Darstellung  ist  vom 
2.  März  1859.  Sie  wird  durch  einen  (ib.  S.  253)  von  Reiffer- 
scheid  wieder  abgedruckten  Bericht  der  Kölnischen  Zeitung 
(no.  ?)  ergänzt,  der  indessen  zurechtgemacht  ist,  da  der 
Abschluss  jedenfalls  erst  bei  Wilhelm  gespielt  hat,  während 
der  Zeitung  nach  die  ^nze  Scene  als  in  Jacobs  Zimmer 
spielend  geschildert  wird.  Die  Biographien  reproduciren 
meist  die  drastischere  Zeitungsnachricht. 

S.  19.  Zwei  1815  u.  1845  gemachte  Zeich- 
nungen.] Beides  Radirungen  Ludwig  Grimmas.  Die  von 
1815  stellt  Jacob  en  face  im  Mantelals  kurhess.  Legations- 
sekretär dar,  die  von  1845  Jacob  und  Wilhelm  im  Profil. 
Die  letztgenannte  Radirung  diente  A.  v.  Nordheim  bei 
der  Anfertigung  seines  Medaillons  am  Geburtshause  zur 
Grundlage.    [Anm.  v.  A.  Dunker.] 

kleine  Schrift]  B.  Denhard's  ,Die  Gebrüder 
Grimm*.    Ein  Vortrag.    Hanau  1860.    [Anm.  v.  A.  D.] 

S.  20.  Eine  Photographie.]  Sie  stellt  Jacob  in 
ganzer  Figur,  mit  dem  Hute  auf  dem  Kopfe  dar.  Sie  war, 
ebenso  wie  die  vorher  erwähnten  Bilder,  mit  einer  grösseren 
Anzahl  anderer  Photographien,  Zeichnungen  und  Radirungen 
des  Brüderpaares  in  der  Kasseler  Grimm-Ausstellung  ver- 
treten.   [Anm.  V.  A.  D.] 

S.^20  no.  21.]  Herrn  Prof.  Oetker  in  Bonn,  der  mir 
den  Brief  freundlichst  mittheilte,  verdanke  ich  auch  folgende 
Erläuterung  desselben :  Zur  Zeit  des  zweiten  kurhessischen 
Veijfassungskampfes  (von  1859  bis  Juni  1862)  erschien  in  der 
von  Friedrich  Oetker  redigirten  ^Hessischen  Morgenzeitung" 
am  9.  Febr.  1860  ein  Artikel,  an  dessen  Schlüsse  es  hiess: 
,Wir   haben   den  Zustand  des  deutschen  Bundes  in's  Auge 

fefasst.  Wir  fanden  diesen  Zustand  in  vieler  Hinsicht 
ein  OS.  Län^t  hat  sich  Alleö  in  der  Welt  ringsumher 
geändert,  nur  in  dem  Eschenheimer  Palaste  ist  Alles  beim 
Alten  geblieben,  da  spukt  noch  immer  Herr  von  Linde  und 
macht  mit  seinen  guten  Freunden  reactionäre  Beschlüsse  für 
Deutschland."  In  dem  Ausdrucke  .spuken"  erblickte  der  Staats- 
prokurator eine  Beleidigung  d^s  liechtenstein'schen  Bundes- 
tagsgesandten V.  Linde,  und  Oetker  ward  unter  Anklage 
gestellt.  „Der  Spuk«,  erzählt  Oetker  in  Nord  und  Süd  XL 
S.  136,  „ward  mit  heiterer  Gründlichkeit  behandelt,  sogar 
die  sprachliche  Belesenheit  und  Autorität  Jacob  Grimm's 
nahm  ich  zu  Hülfe.    (No.  21  enthält  die  Auskunft  Grimm's.) 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  20—24.  149 

Am  2.  November  stand  der  Verhandlungstermin.  Allein 
weder  die  Benutzung  dieser  Mittheilungen  noch  die  Beru- 
fung auf  Goethe: 

*Vom  Vater  hab  ich  die  Statur, 

Des  Lebens  ernstes  Führen, 

Vom  Mutterchen  die  Frohnatur 

Die  Lust  zu  fabuliren, 

Grossvater  war  den  Schönen  hold, 

Das  spukt  so  hin  und  wieder* 
vermochte  das  Verhängniss  abzuwenden.  Der  *Spuk*  kostete 
50  Thaler.  —  Der  Fragebrief  Oetkers  fehlt,  statt  dessen  findet 
sich  von  ihm  in  der  Grimm-Correspondenz  ein  Br.  v.  11.  11. 
55  aus  Brüssel,  als  Begleitschreiben,  bei  Übersendung  seines 
Buches  über  Helgoland. 

S.  22—3  no.  22 — 3]  sind  mir  von  Herrn  Landgerichts- 
director  Dahlmann  mitgetheilt.  Dorothea,  seine 
Schwester  heirathete  22  Jahr  alt  am  22.  Nov.  1844  den 
späteren  Abgeordneten  Prof.  L.  Reyscher  (nicht  Reysiher, 
wie  S.  23  verdruckt  ist)  in  Tübingen  (vgl.  das  von  ihm  ver- 
fasste  als  Ms.  gedruckte  Revscher'sche  1*  amilienbuch,  Cann- 
statt  1869  S.  108).  Ihre  Tochter  Luise  (vgl.  S.  23)  wurde 
nach  dem  Tode  ihrer  Mutter  (Dec.  1847)  von  ihren  Gross- 
eltem  Dahlmann  in  Bonn  erzogen  und  kehrte  erst  im  Herbst 
1861  nach  des  Grossvaters  Tode  (5.  Dec.  1860)  in  das  väter- 
liche Haus  zurück,  heirathete  1865  den  Dr.  E.  Veiel,  ist  aber 
seit  1884  verwittwet.  Der  Briefwechsel  zwischen  Chr.  Dahl- 
mann und  den  Brüdern  ist  Anfang  1885  von  Dr.  Ippel  ver- 
öffentlicht. Die  hohe  Achtung  der  Brüder  vor  Dahlmann 
findet  auch  an  verschiedenen  Stellen  unserer  Briefe  Aus- 
druck (vgl.  oben  S.  114,  120,  267;  ausserdem  Freundesbr. 
S.  138  u.  Briefw.  mit  Meusebach  S.  365).  —  Unbekannt 
dürfte  es  sein,  dass  die  Marburger  phil.  Facultät  nach  der 
Vertreibung  der  Göttinger  Sieben,  im  März  1838  Dahl- 
mann für  die  Professur  der  Nationalökonomie  vorschlug, 
allerdings  nicht  wie  Hupfeld  wollte,  allein,  sondern  neben 
ihm  noch  zwei  andere  Candidaten:  Hansen  und  Schön.  Im 
Senat  wurde  dann  freilich  Dahlmann's  Name  gestrichen. 

S.  24  f.  no.  24  ff.]  Diese  Briefe  sind  mir  von  den  Kindern 
des  ältesten  Sohnes  des  Adressaten  freundlichst  übergeben 
worden,  ausser  no.  36  und  37,  welche  mir  das  Pathenkind 
der  Brüder  Grimm  Herr  Kaufmann  Ferdinand  Bang  in 
Marburg  zustellte.  No.  53  erhielt  ich  durch  Vermittlung 
der  Frl.  Minna  Bang  in  Wildungen  von  Herrn  Amtmann 
Hille  in  Darmstadt ,  der  mir  später  noch  einen  Brief  von 
J.  Gr.  an  Bang  in  Abschrift  zustellte,  welchen  ich  weiter 
unten  (Anm.  zu  S.  105  no.  55  a.)  mittheile. 


y  Google 


150  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  24. 

Bang]  Job.  Heinr.  Christ,  vgl.  Brief  J.  Gr.'s  an  von 
Meuaebach  (Briefwechsel  S.  342  Anm.  zu  S.  82J.  Herrn 
Amtmann  Hille,  einem  Schüler  des  , alten  Bang**  verdanke  ich 
folgende  Angaben  über  denselben.  Er  war  der  Sohn  des 
als  Philolog  gleichfalls  bekannten  Pfarrers  Magister  Job. 
Christ.  Bang  in  Gossfelden,  des  Freundes  von  Wyttenbach. 
Seine  Mutter  Marie  Christina  war  eine  geb.  Conradi.  Er 
war  am  14.  Aug.  1774  geb.  und  wurde  auf  der  Latina  der 
Franke'schen  Stiftungen  in  Halle  ausgebildet,  studirte  dann 
1793-5  in  Göttingen  und  wurde  wahrscheinlich  1798  ordinirt- 
Von  dieser  Zeit  an  wird  er  seinem  Vater,  der  1803  starb, 
assistirt  haben.  Am  13.  Mai  1804  heirathete  er  Sophie 
Kleeberger  aus  Bottenhausen ,  welche  1784  geboren  war. 
Aus  dieser  Ehe  entsprossen  12  Kinder.  Ein  Vetter  Bang's 
war  der  Heidelberger  F.  Creuzer,  der  ebenso  wie  Savi^y  von 
dem  Mag.  Bang  im  Griechischen  unterrichtet  war.  Beide  ver- 
kehrten viel  im  Haus,  ebenso  Prof.  Conradi,  der  ebenfalls 
Bang's  Vetter  war.  Durch  Savigny  wurden  auch  die  Brentano's 
und  Grimm's  mit  ihm  bekannt  und  so  erfreute  sich  das  Pfarr- 
haus in  Gossfelden  geraume  Zeit  eines  beneidenswerthen 
geistigen  Verkehrs.  Das  von  Bang  hier  ins  Leben  gerufene 
Listitut  genoss  einen  guten  Ruf  und  ruhte  auf  streng  humanisti- 
scher Basis.  Neuere  Literatur  und  Literaturgeschichte  war 
völlig  ausgeschlossen.  (Vgl.  dazu  J.  Gr.'s  analoge  Ansichten 
S.  84f.)  1821  am  1.  Sept.  wurde  Bang  von  der  phil.  Fakul- 
tät in  Marburg  der  Doctortitel  ertheilt,  1839  wurde  er  nach 
Haina  bei  Rosenthal  als  Oberpfarrer  versetzt  und  starb  da- 
selbst am  2.  Sept.  1851.  Aus  seinen  Briefen  an  die  Brüder, 
von  welchen  34  erhalten  sind,  ergiebt  sich,  dass  kaum  einer 
der  Grimm-Briefe  an  ihn  verloren  ist,  (nur  zwischen  no.  49 
u.  50  fehlt  mindestens  ein  Br.;  vg^l.  Anm.  zu  S.  236)  und 
dass  die  Correspondenz  wohl  mit  der  Übersiedlung  der 
Brüder  nach  Berlin  aufhörte.  Auch  mit  Savigny  und  Creuzer 
unterhielt  Bang  einen  ununterbrochenen  Briefwechsel. 

S.  24  no.  24]  erwidert  auf  B.'s  Br.  1.  v.  25.  2.  1814, 
worin  er  die  Subscribentenliste  von  S.  25  mittheilt,  die  sich 
danach  ergänzen  lässt :  1)  Wilhelm  Krücke,  Stud.  Theol.  aus 
Detmold ;  2)  Dickerhof,  Stud.  Theol.  aus  d.  Grafschaft  Marb. ; 
3)  Stud.  TheoL  aus  Elberfeld;  4)  u.  5)  Stud.;  6)  Wilh. 
Theobald,  Cand.  d.  Theol.  aus  Nieder rodenbach ;  7)  Wilh. 
Weisz,  Cand.  d.  Theol.  aus  Hofgeismar;  8)  J.  G.  C.  Bang, 
Pfarrer  zu  Goszfelden;  9)  in  Marburg;  10)  in  Groszseelheim ; 
11)  Weinwirth  (also  nicht  wie  gedruckt:  Vdecan)  Creuzer 
in  Marburg;  una  am  Schiuss  sagt:  cZu  Ihrer  Anstellung  an 
der  Bibl.  wünsche  ich  den  Wissenschaften  Glück,  und  auch 
— -  wenn  Sie  es   von  einem  Landpfarrer  annehmen  wollen, 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  24-26.  151 

Ihnen  selbst.*  —  Auf  no.  24  erwidert  B.'s  Br.  2.  vom  18.  5. 
1814,  in  welchem  er  das  Geld  für  den  , Armen  Heinrich* 
überschickt,  von  dem  Zusammentreffen  mit  einem  von  W.'s 
Brüdern  in  Marburg  spricht,  und  W.  ersucht,  für  die  Er- 
haltung Conradis  in  Marburg  (vgl.  S.  26)  zu  wirken.  «Wann 
wird  man,  wann  werden  doch  die  Fürsten  u.  die,  welche  in 
ihrem  Rath  sitzen^  einsehen,  dasz  groszentheils  die  wahren 
Gelehrten  den  deutschen  Geist  wach  erhalten  haben?  Mir 
scheints,  als  thue  man  das  in  Preussen  seit  der  Gründung 
der  Universität  Berlin.** 

S.  24 — ^26.  Arme  Heinrich.]  Vgl.  Briefe  aus  der 
Jugendzeit  S.  819,  Freundesbriefe  S.  207,  Briefe  v.  J.  Gr.  an 
Tydeman  S.  136,  Anm.  zu  S.  59.  Den  Aufruf  u.  die  Vor- 
rede s.  in  W.'s  Kleineren  Schriften  II  504  f. 

S.  24.  C  0  n  r  a  d  i ,  Prof.]  aus  Marburg  gebürtig,  bis  1814 
Prof.  in  Marburg,  giengf  dann  nach  Heidelberg  und  1823 
nach  Göttingen,  wo  er  sich  mit  des  Philos.  Schulze  Tochter 
Ende  1823  verlobte.  J.  Gr.  erwähnt  seiner  gegenüber  seinem 
Bruder  schon  den  11.  April  1805,  so  dass  Letzterer  schon 
damals  auf  sehr  vertrautem  Fuss  mit  ihm  gestanden  haben 
muss.  Er  hatte  grosses  Zutrauen  zu  ihm  als  Arzt  und  be- 
suchte ihn  1815  in  Heidelberg  (vgl.  Bd.  II.  S.  7  no.  4  und 
Wilhelm's  Autobiogr.  bei  Justi  S.  170).  In  Göttingen  ver- 
kehrten die  Brüder  auch  mit  ihm,  doch  entfremdeten  sie 
sich  späterhin.  —  Der  Brief,  auf  welchen  Wilhelm  hier 
anspielt,  ist  erhalten  und  vom  27.  1.  1814  datirt.  C. 
bezieht  sich  darin  auf  einen  Brief  W.*s  und  theilt  das  vor- 
läufige Resultat  seiner  Subscribentensammlung  für  d.  armen 
Heinrich  mit;  ausser  ihm:  Primarius Amoldi,  Prof.  Creuzer, 
Superint.  Justi,  Pfarrer  üsener,  Con8i8t.-R.  Wachler.  Letzterer 
habe  die  Studenten  im  Colleg  ermuntert.  Viele  Andere 
machten  Ausflüchte. 

S.  24.  einer  meiner  beiden  Brüder]  Karl  oder 
Ludwig.  Vgl.  U.  S.  4,  Br.  aus  der  Jugendzeit  S.  248,  259, 
Freundesbr.  S.  20,  Br.  v.  Wilh.  an  Ferd.  v.  31.  Jan.  1814  in 
der  Biogr.  Ludw.  Grimmas  in  Ersch  u.  Gr.*s  Encvcl.  (S.  309). 

S.  25.  ein  dritter  ist  bei  den  B ai er nj  Ferdinand 
(vgl.  Acten  S.  5  u.  Br.  aus  der  Jugendzeit  S.  248). 

S.  26.  Krieger,]  Joh.  Konr.  Chr.,  Üniversitäts-Buch- 
händler  und  Drucker,  seit  1783  in  Marburg.  S.  über  ihn 
Justi,  Grundlage  zu  e.  hess.  Gelehrten-  etc.  Geschichte  von 
1806-1830.    Marb.  1831.    S.  370-2. 

S.  26.  wie  wenig  sind  die  frischen  u.  jugend- 
lichen Hoffnungen  erfüllt.]  VgL  Preundesbriefe S.  80 
die  ähnlichen  Aeusserungen  J.  Gr.'s  an  A.  v.  Hazthausen 
V.  4.  Sept.  1815  u.  eb.  S.  206  die  an  E.  v.  Groote  v.  1.  Nov. 


y  Google 


152  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  27—28. 

1816,  sowie,  die  an  Tydeman  v.  5.  Mai  1815  (Briefe  an  Tyd. 
S.  54);  vgl.  auch  Anm.  zu  S.  3  no.  4. 

S.27.  Ich  bin  Willens  nach  Frankf.  zu  reisen.] 
Vgl.  Freundesbriefe  S.  28,  35  ff. ,  femer  Briefw.  d.  Brüder 
aus  der  Jug.  S.  474  ff. 

S.  27.  S  a  V  i  g  n  y ,]  Fr.  Karl  v.,  derjenige  der  Marburger 
Rechtslehrer,  welchem  die  Brüder  Grimm  am  meisten  ver- 
dankten und  mit  welchem  sie  dauernde  Freundschaft  ver- 
knüpfte (vgl.  Anm.  zu  S.  107  u.  Briefe  an  Meusebach  S.  335 
ff.}.  S.  hatte  auch  mit  Bang  und  dessen  Vater  intimen 
Verkehr  (s.  Anm.  zu  S.  24).  Seine  Frau  Kunigunde  (gewöhnl. 
genannt  ,Gundel*)  war  eine  Brentano.  Den  Einfluss  dieser 
aufgeregten  Frau  und  eifrigen  Katholikin  auf  S.  schildern 
die  Brüder  u.  Bang  als  einen  unglücklichen,  ebenso  Lach  mann 
(Briefw.  v.  Meusebach  mit  J.  u.  W.  Gr.  S.  331,  Anm.  z.  S.  40, 
vgl.  ib.  S.  369).  Leider  habe  ich  nicht  vermocht  mir  die 
jedenfalls  interessanten  Briefe  der  Brüder  an  S.  zu  ver- 
schaffen. (Einer  derselben  steht  in  den  Anm.  des  Meusebach- 
schen  Briefwechsels  S.  358.  Er  ist  vom  25.  1.  31  datirt.) 
Auf  meine  briefliche  Anfrage  an  einen  Nachkommen  v.  S.'s 
ist  jegliche  Antwort  ausgeblieben,  üeber  S.  vgl.  Enneccerus' 
Festschrift  Marburg  187§.  Auch  v.  Meusebach,  der  witzige 
Freund  der  Brüder,  trat  spüter  mit  S.  in  nähere  Beziehungen, 
namentlich  seit  beide  Mitglieder  des  Kassationshofes  in 
Berlin  waren  (vgl.  Briefw.  des  Freih.  v.  M.  mit  J.  u.  W.  Gr. 
S.  342). 

S.  28  no.  26]  darauf  erwidert  B.'s  Br.  3.  v.  18.  6.  1816  : 
Dank  für  die  Sagen,  Bitte  um  die  Mährchen,  Uebersendung 
der  Bibelstellen  in  die  Mundart  „meines  Kirchspiels  über- 
setzt. Die  Variationen  sind  unendlich,  immer  eine  andere, 
sowie  man  über  einen  Berg  hinüberschreitet.  Es  ist  aber 
schwer  für  den  Ungeübten  Mundarten  gehörig  mit  Zeichen 
wiedergeben  zu  können.  Euch  =  Ich  dürfen  Sie  nicht 
aussprechen  wie  euch  =  vobis,  sondern  müssen  sozu- 
sagen, es  weit  dunkler  betonen.  .  .  .  Bald  sollen  aber  auch 
Sagen  kommen.  Jene  gute  gesunde  Zeit,  wo  mir  .  .  nur 
allein  die  deutsche  Bibel  u.  der  Nepos  u.  die  Odyssee  in 
Händen  waren,  wo  mir  die  unkindlichen  Kinderschriften 
mit  ihren  Geschmacklosigkeiten  u.  den  dummen  realistischen 
Auskramungen  das  unbekannteste  Ding  von  der  Welt  blieben, 
wo  aber  mit  Heiszhnnger  u.  unnennbarer  Sehnsucht  die  Er- 
zählungen der  Mägde  u.  Knechte  von  Prinzen  u.  Biesen  u. 
Geistern  etc.  verschlungen  wurden  —  diese  Zeiten  sind  mir 
noch  in  gutem  Andenken."  .  .  .  Bang  bittet  dann  sein 
Privatinstitut  für  solche,  die  studiren  wollen,  zu  empfehlen, 
erzählt  dass  Creuzer  aus  Heidelberg,   aus  Dankbarkeit  für 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  28—33.  153 

seine  Wiederaufnahme  in  H.  1809,  nicht  nach  Göttingen 
gehen  wolle,  wohin  Heynianer  u.  Anti-Heynianer  ihn  wollten. 
•Goethii  Tractatus  Kunst  am  Rhein  u.  Mayn  hat  viel 
Schönes  u.  Wahres  aber  es  strömt  auch  darin  alles  über  von 
einer  vornehmen  Zufriedenheit  mit  allem,  Güte  u.  Sehens- 
würdigkeit (?)  u.  Ministerleutseeligkeit ,  dasz  einem  bange 
werden  kann." 

S.  28.  Ein  Sprachforscher,!  Radlof,  vgl.  S.  29, 
Freundesbriefe  S.  210  f..  Briefe  J.  Gr.'s  an  Tydemann  S.  133, 
Briefe  v.  K.  v.  Meusebach  an  J.  u.  W.  Grimm  S.  322  ;  und 
die  1820  veröffentlichte  öffentliche  Erklärung  über  den  Prof. 
extraord.  Radlof  in  Bonn  in  J.  Gr.'s  kl.  Schriften  VII,  596. 

S.  29  no.  271  erwidert  auf  B.'s  Br.  4.  vom  30.  9.  1816, 
worin  er  zunächst  4  Sagen  sandte,  um  Nachrichten  von 
Savigny,  Cl.  Brentano  u.  Arnim  bat,  sowie  um  Zusendung 
von  Büchern. 

S.  30.  Wolke,]  Ch.  H.,  Anleit.  zur  deutsch.  Gesamt- 
sprache  etc.  Dresden  1812.  8.  460  S.  (vgl.  Briefw.  mit  v. 
Meusebach  S.  329  Anm.  zu  S.  35). 

S.  31.  Entdeckung  des  Niebuhr:  Codex  re- 
scriptus  der  Institutionen  des  Gaius  zu  Verona] 
vgl.  S.  41,  51,  Briefe  v.  J.  Gr.  an  Tydeman  S.  63. 

S.  31.    Arnim  war  gefährlich  krankj  vgl.  S.  151. 

S.  31.    Clemens]  Brentano. 

S.  32.  die  Gründung  Prags]  Schauspiel  von 
Clemens  Brentano  Pesth  u.  Leipz.  1815. 

S.  33  no.  28]  erwidert  auf  B.'s  Br.  5.  vom  6.  3.  1817, 
worin  er  die  übersandten  Bücher  zurückschickt,  sich  über 
sie  ausspricht  u.  um  neue  bittet.  Von  Radlof  heisst  es: 
„Ja  wohl  ist  der  Mann  steif  u.  eigensinnig,  wie  alle  Gram- 
matiker der  Art,  die  die  Sprache  als  ein  todtes  Instrument 
ansehen  u.  daran  flicken;  daher  glaubt  er  auch  thörigt, 
Provokationen  an  einen  Bundestag  könnten  eingreiten.  Aber 
ein  Sprachatlas,  der  dann  auch  wirklich  ein  Atlas,  mithin 
weit  mehr  als  so  ein  Büchlein  wäre,  müszte  unendlich 
fördern  und  gar  nicht  vermuthete  Schätze  öflnen.  Auf  ihn 
erst  kann  eine  deutsche  Sprachlehre  folgen,  als  wozu  frühere 
Versuche  nicht  viel  dienen.  Ich  hätte  wohl  Lust  bey  so 
einem  gemeinsamen  Unternehmen  mit  thätig  zu  seyn.  .  . 
Er  fragt  dann  ob  auch  Regen  von  öriyi],  abgeleitet  werden 
könnte,  wie  Roggen,  Strasse  von  ^ov^f,  «tt^ck,  lobt  Sa- 
vigny*8  *Stimmeir. ...  „Sie  sind  nun  Bioliothekarius  ?  Mich 
freut  diese  j}otenzirte  Potenz ;  wäre  ich  aber  ein  Curator, 
so  würde  ich  Sie  auf  die  Universität  Marburg  schicken, 
versteht  sich  mit  einer  guten  Genossenschaft,  an  der  Sie 
Freude   hätten.     Marburg  wird  immer  leerer  u.   das  Be- 


y  Google 


154  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  33-38. 

deutendere  verliert  sich,  sobald  es  sich  zeigt.  Munke  geht 
nach  Heidelberg.* 

S.  33—4.  Golownins  Reise]  =  Begebenheiten  des 
Capitains  ...  G.  etc.  aus  d.  russ.  übersetzt  von  Dr.  C.  J. 
Schultz;  vgl.  die  Anzeige  W.'s  in  seinen  Kl.  Sehr.  I.  560  ff. 

S.  34.    Jungs  Leben]  gemeint  ist  Jung  Stilling. 

S.  36.    GerlingJ  s.  Anm.  zu  S.  123. 

Vater]  der  bekannte  hallenser  Theolog  und  Sprach- 
forscher, vgl.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  332  f. 

S.  37.  V.  H  an  stein]  Reg.-Rath  in  Marburg,  später 
Regierungsdirector  in  Hanau  und  dann  Minister  m  Cassel. 
Er  hat  sich  um  das  Armenwesen  in  Marburg  verdient  ge- 
macht (vgl.  S.  123). 

S.  38  no.  30]  erwidert  auf  B.'sBr.  6.  v.  9.  11.  1817:  Mit 
ihm  werden  die  in  no.  29  reclamirten  Bücher  zurückgeschickt. 
Chr.  Brentano,  der  8  Tage  bei  ihm  gewesen,  habe  sie  schon 
mitnehmen  sollen.  Jacob  Gr.  sey  Mitte  May  bei  ihm  gewesen. 
Das  Wesen,  welches  Chr.  Brentano  begeistert,  habe  sehr 
wohlthätig  auf  ihn  gewirkt.  Gerade  nach  Jacob's  Abreise 
sey  ein  Brief  v.  Savigny  gekommen,  der  auch  ein  herrliches 
testimonium  über  Jacob  enthalte.  Herr  Rommel  habe  mit 
seinem  Gaul  auf  seinen  Wanderungen  durch  Hessen  ent- 
deckt, dasz  die  Bauern  an  der  Schwalm  mit  ihren  langen 
Haaren  u.  Pudelmützen  eine  Colonie  aus  der  Ukraine  seien. 
Nene  Bitte  um  Zuweisung  von  Schülern.  „Schelling  hat 
kürzlich  einen  Bekannten  von  Savi^y  gefragt,  ob  denn  in 
Berlin  noch  immer  die  grosse  Hinneigung  zum  Eatholicismns 
herrsche,  wie  sie  sich  in  neueren  Schiiften  offenbart  habe? 
Und  als  dieser  weiter  inquirirte ,  zeigte  er  ihm  im  Beruf 
S.  160  die  Geschichte  vom  wunderthätigen  Christusbild. 
Ich  mögte  wohl  fragen,  ob  der  Mann  je  gewusst,  was  Ge- 
schmack u.  was  Methode  sey.*  —  Auf  no.  30  antworten  B.*8 
Br.  7.  u.  8.  V.  18.  4.  u.  11.  12.  1818,  womit  die  geschickten 
Bücher  zurückgehen.  Der  Anfang  von  Br.  8  lautet:  ^ Liebe 
Herrn  n.  Freunde!  So  muss  ich  Sie  anreden  u.  Beyde  zu- 
gleich. Ob  ich  gleich  nichts  weisz  von  der  Duas  u.  mein 
Lebsta^e  kein  dualistisches  System  studirt  habe,  so  schweben 
Sie  mir  doch  immer  nur  in  Verbindung,  zwey  vor  Augen 
—  u.  das  geschieht  sehr  oft.  .  .  .  Prof.  Bdrsch  in  Marburg, 
ein  rühriges  pol y historisches  Männchen,  das  auch  Ihre 
Studien  treibt  u.  humanissimis  auditoribus  der 
Nibelunge  Liet  zu  erklären  erbdtig  ist,  diesz  Männchen 
kann  ^ar  nicht  müde  werden,  so  oft  es  mich  sieht,  nach 
Ihrer  historischen  Grammatik  zu  fragen,  ob  sie  denn  endlich 
einmal  erscheine;  es  freue  sich,  sagt  es,  dasz  endlich  einmal 
so  was  unternommen  sey,  n.  das  gestehe  es  gerne,  wenn  es 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  38—41.  155 

gleich  sagen  müsse,  dasz  es  selbst  so  eine  Aufgabe  sich  ge- 
macht, deren  Vollendung  aber  noch  weit  von  der  Reife  ent- 
fernt sey.  Ich  sage  ihm  dann :  M  a  c  t  e !  so  giebts  zwey  u. 
zwey  vermögen  mehr  als  Eine.  Habe  ich  recht  daran?** 
B.  dankt  dann  fdr  die  Bekanntschaft  mit  Gerling,  den  er 
sehr  schätze,  klagt  über  die  Zugvögel  von  Professoren,  fragt 
ob  die  Fortsetzung  der  Bilder,  von  denen  ihm  Göthe  u. 
Wieland,  gestochen  von  Müller  in  Weimar,  geschenkt  sey, 
anschafifenswerth  sey,  bittet  um  der  Brüder  Bilder,  sowie 
um  neue  Bücher  und  um  Nachrichten  von  den  gemeinsamen 
Freunden. 

S.  39.  Ich  schicke  das  Paket  an  Hrn.  Prof. 
Gerling]  vgl.  S.  129. 

S.  40f.  Clemens  [Brentano]  ...  ist  mit  einer 
Liebschaft  beschafft  igt.]  Aehnlich  W.  Grimm  an 
Görres  v.  20.  März  1817  (Görres  Briefe  U  S.  517). 

S.  41.  Rommel.]  Dietrich  Christoph  Bommel,  Prof. 
der  Philol.  u.  Geschichte  in  Marburg  (vgl.  Jugendbr.  S.  29, 
48),  eine  Zeit  lang  Professor  in  Charkow,  kehrte  später  nach 
Marburg  zurück,  wurde  dann  1820  Director  des  Staatsarchivs 
in  Cassel  und  Historiograph  des  hesa.  Fürstenhauses,  1828 
wurde  er  geadelt  und  im  Febr.  1829  erhielt  er  die  durch 
VölkePs  Tod  erledigte  Stelle  des  Museums-  und  Bibüotheks- 
directors,  welche  J.  Gr.  abgeschlagen  wurde.  Geboren  war 
er  am  17.  April  1781  und  starb  am  21.  Jan.  1859  in  Cassel. 
Über  seine  litterar.  Thätigkeit  s.  A.  Duncker,  Zeitschr.  des 
Ver.  für  hess.  Geschichte.  N.  Folge  X.  Suppiem.  S.  14  ff. 
Obige  Stelle  wie  S.  59  ergeben,  dass  weder  W.  noch  J.  Gr. 
*e  in  freundschaftlicher  Beziehung  zu  ihm  standen.  Mit 
r.  Gr.  correspondirte  er  freilich  seit  1817.  Der  erste  in  der 
Grimm-Correspondenz  erhaltene  Brief  RommePs  ist  Marburg 
d.  19.  2.  1817  datirt.  J.  Gr.  hat  darauf  bemerkt:  resp. 
23.  Febr.  R.  schreibt  darin,  er  habe  einige  Sagenerklärungen 
der  Brüder  gelesen  und  daraus  die  Wicntigkeit  einer  hessi- 
schen Sagengeschichte  (als  Theil  der  Einleitung  zur  hessischen 
Geschichte)  entnommen.  Er  bittet  daher,  die  Brüder 
möchten  ihn  aus  ihrem  mythologischen  Yorrath  unter- 
stützen, oder  mit  ihm  einen  Plan  zu  gemeinsamer  Arbeit 
vereinbaren.  —  Br.  2  (nach  J.  Gr.'s  Vermerk  vom  Jan.  1818) 
erkundigt  sich  nach  Vorarbeiten  zu  einem  von  ihm  ge- 
planten hessischen  Idioticon:  ,Da  Sie  nämlich  puncto  der 
Volksthümlichkeiten  gewisz  omne  scihile  erschöpft  haben,  so 
zweifle  ich  nicht,  dasz  das  auch  in  Hinsicht  der  Sprache 
unserer  biederen  Hessen  ^ua  Provinzialsprache  geschehen  ist.^ 
Einige  Ausdrücke  schienen  auf  das  Angelsächsische  zu 
führen.    Vielleicht  wäre  hier  auch  gothisches  zu  finden,  be- 


y  Google 


i 


156  Anmerkungen  zu  B.  I.  S.  41. 

sonders  da  die  bey  Willingshausen  entdeckte  vermnthliche 
Runenschrift  als  Indicium  nicht  zu  verachten  sei.  In  der 
Nachschrift  findet  sich  die  Frage:  »Ist  Ihr  Lied  von  Hilde- 
brand in  Cassel  zu  haben?* 

Was  ihn  speciell  veranlasste  bei  der  philos.  Fac.  in  Marburg 
am  12.  Dec.  1818  den  Antrag  auf  die  Promotion  der  Brüder 
Grimm  zu  stellen,  welche  dann  auch  am  VS.  Jan.  1819  erfolgte, 
bleibt  unklar;  (s.  das  Universit.-Progp*-  für  die  am  13.  Jan.  1885 
stattfindende  Grimm-Feier,  worin  ich  die  betreffenden  Pro- 
motionsverhandlungen nebst  einer,  auch  der  gegenwärtigen 
Publication  beigegebnen  Reproduction  der  üoctordiplome 
mittheilte.  Als  Ergä,nzung  zu  den  Promotionsvernand- 
lungen  dienen  RommePs  Br.  3-6.  Br.  3  v.  19.  12.  1818: 
,Ew.  Wohlgebohr.  bin  ich  so  frey  bekannt  zu  machen, 
dasz  die  hiesige  philosophische  Facultät,  schon  längst  über- 
zeugt von  Ihren  gewisz  daurenden  Verdiensten  um  die 
teutsche  Literatur  mich  offiziell  durch  ihren  Decan  Herrn 
Prof.  Hartmann  benachrichtigt  hat,  dasz  sie  selbst  pro  virili 
parte  Ihnen  und  Ihrem  Herrn  Bruder  mit  Vergnügen  die 
nöchsten  Würden  in  der  Phüosopliie  honoris  gratia  ertheilen 
würde ;  und  dasz  zugleich  vorläufig  sämmtliche  Theil  habende 
Mitglieder  derselben  auf  die  ihnen  gewöhnlich  zukommen- 
den Gebühren  wegen  des  Ihnen  und  Ihrem  Herrn  Bruder 
honoris  gratia  zu  ertheilenden  (doppelten)  diploms,  obser- 
vanzmäszig  Verzicht  geleistet  haben.  Da  nun  aber  auszer 
bey  feierlichen  Gelegenheiten  und  bey  etwaiger 
Berührung  mit  railitairischen  oder  civilen  Potentaten,  von 
solchen  zusammen  k  30  Rthlr.  sich  belaufenden  Promotions- 
gebühren die  frommen  Stifftungen  allhier  namentlich  die 
Wittweucasse  nebst  einigen  andern  Personen  (als  dem  Buch- 
drucker) etwas  mehr  als  ein  Drittheil  bekommen 'Isodasz 
von  einer  zu  promovirenden  Person  an  diese  Stifftungen 
und  Personen  etwa  12  Rthlr.  abfallen]  und  die  Aende- 
rung  dieser  Einrichtung  ausser  dem  Ressort 
der  philosophischen  Facultät  liegt,  so  halte  ich 
mich  für  verpflichtet,  vorher  bey  Ew.  Wohlgeb.  privatim 
anzufragen,  ob  Sie  mit  Rücksicht  auf  diese  Umstände,  gleich 
andern  auswärtigen  Gelehrten ,  welche  hierüber  befragt 
worden  sind,  die  von  der  philosophischen  Facultät  Ihnen 
zugedachte  Ehren-Ernennung  gern  annehmen  würden;  in- 
dem ich  zugleich  bemerke ,  dasz  die  Abtragung  dieser  für 
fromme  Stifftungen  etc.  etc.  bestimmten  12  Rthlr.  für  das 
Ehren  Diplom  als  pieUUis  causa  angesehen  zu  werden  pflegt. 
Indem  ich  auf  jeden  Fall  Ihre  disposition  befolgen  und  erat 
nach  erhaltener  Antwort  das  Weitere  besorgen  werde,  er- 
suche   ich    Sie    sowohl   als   Ihren  Herrn   Bruder   die    aus- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I.  S.  41.  157 

gezeichnete  Hochachtung  zu  genehmigen,  womit  ich  beharre 
Ew.  Wohlgebohr.  ganz  gehora.  Diener  Chr.  Romme  1.  — 
Br.  4:  ,  Dienstag  den  26ten  Jan.  1819.  Verehrtester  Herr 
Doctor.  Unter  sehr  ehrenvollen  Ausdrücken  ist  heute  das 
Decret  die  Promotion  von  Ihnen  und  Ihren  Herrn  Bruder  betref- 
fend durch  die  Facultät  (sowie  durch  das  Medium  des  Pro- 
rectors  und  Vicekanzlers  an  mich  ergangen,  mit  dem  Auftrag  . 
beyde  Promotionen  zu  besorgen.  Ich  beeile  mig  Ihnen  das 
zu  melden  mit  der  Bitte  zur  Bestreitung  des  Drucks  u.  der 
andern  Auslagen  (und  Trinkgelder)  in  summa  sumraarum 
13  Rthlr.  k  Person  mir  gefälligst  einzusenden.  Hochach- 
tungsvoll Ew.  Wohlgeb.  ergebenster  Dr.  C.  Rommel.  — 
Br.  5  V.  3.  2.  1819.  Begleitworte  bei  Uebersendung  der 
Diplome.  —  Br.  6  v.  17.  2.  1819  meldet,  nebst  Danksagung 
für  abersandte  Bücher,  dasz  R.  die  Danksagung  an  die 
Facultät  mit  allen  gewöhnlichen  Formen  in  Namen  Beider 
besorgt  habe. 

Ausser  diesen  6  sind  noch  10  weitere  Briefe  RommePs 
an  J.  Gr.  erhalten.  Br.  7:  [Pfingsten  1823.1  ^Den  Herrn 
Dr.  J.  Grimm  u.  C.  W.  Grimm  übersendet  aiesen  zweyten 
Band  vaterländischer  Geschichte  hochachtungsvoll  der  Ver- 
fasser.* —  Br.  8  V.  12.  6.  1827  unter  Uebersendung  des  lU. 
Bandes  H.  G.  ,Jede  Bemerkung,  Ausstellung  und  Berich- 
tigung von  Ihrer  Hand  werde  ich  als  einen  Gewinn  für  die 
Wissenschaft  mit  der  gröszten  Bereitwilligkeit  annehmen.** 
—  Br.  9  V.  1.  2.  1829  bittet  um  Notizen  zu  einem  nekro- 
logischen Aufsatz  über  Völkel.  —  Br.  10  vom  gleichen  Tage 
lautet :  ^Mit  wahrer  Freude  erfüllt  mich  Ihr  Entschluss,  den 
seeligen  Völkel  betreffend,  und  es  versteht  sich  nun  von 
selbst,  dass  ich  michbegnüge  Ihnen  alles  was  ich  habe  nämlich 
beyliegendes  aus  2er  Aerzte  Mund  aufgesetztes  Promemoria  über 
y.'s  lezte  wahrhafft  antike  Momente  zu  beliebiger  Berüh- 
rung zu  übersenden.  Es  war  nämlich  meine  Absicht  ganz 
allem,  für  die  hiesige  A.  Z.  theils  aus  Strieders  Nachricht 
einen  Auszug  zu  geben  theils  die  Folgen  einer  klassischen 
Bildung,  deren  Würkung  in  den  letzten  Momenten  V.'s  so 
augenseheinlich  sind,  durch  einige  der  angemerkten  Züge 
oder  durch  andere  Winke  vor  Augen  zu  legen.  Sie  werden 
dies  eben  so  gut  und  noch  besser  thun  als  ich;  denn  es 
ist  nicht  zu  verkennen,  dass  hier  wieder  ein  durch  den 
Druck  der  Zeit  zusammengedrückter  Character  erscheint, 
den  der  letzte  Moment  verräth.  (Man  muss  in  dieser  Hin- 
sicht nicht  zu  wenig  sagen.)  (Vielleicht  übersehen  Sie  auch 
nicht  dass  Wenk  besonders  durch  Völkels  Hülfe  die  ür- 
kundenabschriften  aus  dem  Hofarchiv  erhielt.)  Ganz  der 
Ihrige  Rommel.  PS.  Ich  bitte  Sie  rechtsehr  aus  beyder  Hamier's 


y  Google 


158  Anmerkungen  zn  B.  I.  S.  41. 

und  O.-G.-R.  Schottens  Munde  sich  die  letzten  Momente  V. 
schildern  zu  lassen,  es  dient  theils  zur  Berichtigung  meines 
Brouillons,  theils  Ihnen  selbst  die  Seltenheit  und  Trefflich- 
heit eines  solchen  Beispiels  klarer  zu  machen.  Vergessen 
Sie  doch  ja  nicht ,  wie  er  in  seinen  früheren  Jahren  Sere- 
nissimi Lehrer  gewesen  und  wie  aufrichtig  der  letzte  Anf- 
•  trag  durch  s.  Schwiegersohn  pto.  seiner  Treue  etc.  gemeint 
war.  Dies  wünscht  besonders  Letzterer.*  —  Br.  11  v.  11.  Aug. 
1829 :  , Nicht  nur  die  Lippoldsberger  sondern  alle  Urkunden 
des  R.- Archivs  stehen  Ihnen  zu  Diensten,  ich  wollte  wünschen 
dass  Sie  Zeit  hätten  nach  und  nach  alle  diese  paläographi- 
schen  Schätze  besser  als  ich  zu  benutzen.  Ein  Eurf.  LaKay 
Namens  Goede  od.  Güde  der  sich  nach  und  nach  durch 
historische  Leetüre  unterrichten  will  hat  sich  mir  persönlich 
empfohlen.  Er  wird  sich  melden  und  seinen  Namen  unter- 
zeichnen. R."  —  Br.  12  V.  8.  10.  1830 :  ,Dem  Herrn  Professor 
u.  Bibliothekar  J.  Gr..  hochachtungsvoll  u.  freundschaftlich 
gewidmet  von  dem  Verfasser.*  —  Br.  13.  v.  14.  12.  1838: 
^Verehrtester  Herr  Hofrath.  Ohngeachtet  ich  wegen  drin- 
gender Arbeit  zu  der  Morgen  stattfindenden  historischen 
Vereins-Sitzung  die  Stellvertretung  (Jes  Herrn  Biblio- 
thekars Bernhardi  in  Anspruch  genommen  habe,  so  zweifle 
ich  doch  nicht,  dass  die  sämmtlichen  Mitglieder  Ihrem 
freundlichen  Anerbieten  eines  Vortrags  mit  demselben  Ver- 
gnügen entgegensehen,  wie  Ich,  Hochachtungsvoll  Ganz  der 
fiirige  Chr.  Rom  mel.*  —  Br.  14 — 16  sind  undatirte  Zettel 
mit  Anfragen  u.  Mittheilungen  ohne  Interesse.  'Ein  vom  17. 
10. 1851  aus  Frankfurt  datirter  Brief  rührt  von  einem  hessi- 
schen Namensvetter  RommeFs  her,  der  seinen  Sohn,  welcher 
IVt  Jähi'  ii^  Bonn  Jurisprudenz  studirt  habe  und  nun  mach 
Berlin  {^ehe,  den  Brüdern  empfiehlt  und  sich  auf  frühere 
persönhche  Bekanntschaft  beruft.)  —  Br.  10, 12  und  wohl  auch 
13  ergeben  denn  doch  wohl,  dass  Rommel  1829  bei  Ver- 
drän^ng  der  Brüder  Grimm  nicht  die  erbärmliche  Rolle 
gespielt  haben  kann ,  welche  ihm  auf  Grund  einer  wenig 
glaubwürdigen  Quelle  (Fr.  Müller:  , Kassel  seit  70  Jahren*, 
Kassel  1876,  I,  159)  zugeschrieben  wird  (s.  Briefw.  m.  v.  Meuse- 
bach  S.  352  Anm.  zu  S.  117,  S.  353  Anm.  zu  S.  124.)  Er 
wird  allerdings  durch  Reichenbach'sche  Protection  die  Stelle 
erlangt  haben.  —  RommeFs  Vater  war  der  in  obigen  Briefen 
mehnach  erwähnte  Generalsuperintendent,  der  als  Mitglied 
der  Censur-Commission  J.  Gr.  s  College  war,  aber  eine  sehr 
schwächliche  Rolle  spielte,  vgl.  Anm.  zu  S.  165.  —  Wegen 
RommePs  Entdeckungen  vgl.  Germania  XXII.  380  ff.,  wo 
übrigens  fölschlich  » Wittingshausen*  statt  .Willingshaosen* 
gecmickt  ist. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  41^47.  159 

S.  41.    Handschrift  ZQ  Verona]  s.  Anm.  zu  S.  31. 

S.  41.  Ulphilafl]  vgl.  Germania  XXII.  380  f.,  Briefw. 
des  Frh.  v.  Meusebach  S.  317,  Briefe  d.  Br.  mit  nord.  Ge- 
lehrten S.  117  u.  ßr.  V.  J.  Gr.  an  Tydemann  S.  67. 

S.  41.  .den  bedächtigen  Holländern,  wie 
einer  in  einem  Brief  geäuszert.]  Offenbar  T y d  e - 
man  (vgl.  Briefe  v.  J.  Gr.  an  T.,  herausg.  v.  A.  Reifferscheid, 
Heübronn  1883.  S.  69  no.  XVI),  der  auch  1816  in  Cassel  die 
Brüder  Gr.  besucht  hatte  (vgl.  ib.  S.  137  Anm.  zu  S.  62). 
Den  Inhalt  der  Gegenbriefe  Tydeman's  an  J.  Gr.  theilte 
E.  Martin  im  Anz.  f.  d.  Altert.  X  160  ff  mit 

S.  41.    Sohwälmer  Tanz.]    Derselbe  soll  jetzt  ausser 
Brauch  gekommen  sein.    Eine  beliebige  Anzahl  Paare  sind 
dabei  betheiligt,  während  des  von  allen  gesungenen  Refrains : 
.Sind  Dir  denn  die  Hosenbäng  (=  Hosenbänder) 
Länger  als  die  Strümpfe, 
Ist  Dir  denn  das  rechte  Bein 
Kürzer  als  das  linke  ?•• 
macht' jedes  einzelne  Paar  beliebige  Bewegungen,  worauf 
sich  alle  mit  einem  Male  zu  drehen  beginnen. 

S.  46.  Universität  Marburg]  vgl.  S.  186,  B's  ßr.  6 
in  Anm.  zu  S.  33  u.  W.  Gr.  an  Görres,  Görresbr.  II,  452. 

Doctorwürde]  vgl.  S.  186  u.  d.  Anm.  zu  S.  41. 

ob  in  Bonn  die  verschiedenartigen  Elemente 
zusammengehen]  vgl.  Görresbr.  II,  582. 

S.  47.  Prof.  Börsch,]  F.A.B.  Vgl.  Ober  ihn  Ger- 
land's  Forts,  v.  Justi  I  (1863),  265.  u.  B.'s  Br.  8.  —  Jedenfalls 
hat  B.,  wenn  er  den  Plan  eine  deutsche  Gr.  zu  verfassen,  je 
ernstlich  ins  Auge  gefasst  hatte,  davon  gänzlich  abgestanden, 
wenn  er  sich  auch  in  den  um  diese  Zeit  gepflogenen  Pro- 
motionsverhandlungen (s.  Anm.  über  Bommel  zu  S.  41)  als 
sachkundigstes  Mitglied  gerirt.  Uebrigens  ist  sein  dortiges 
Urtheil  über  die  Ausgabe  des  Hildebrandliedes  nach  Jac. 
Gr.*s  eigenem  Urtheil  zutreffend;  vgl.  Brief  an  Lassberg 
vom  15.  März  1829  Germania  XÜI,  366. 

S.  47.  es  geht  noch  auf  einen  dritten  [Band 
deutscher  Sagen]   hinaus]   vgl.  Freundesbriefe  S.  216. 

S.  47  no.  32]  erwidert  B.'sBr.  9.  vom  15.  1.  1819  »Unter 
Rücksendung  einiger  Bücher  bittet  B.  darin :  „Fahren  Sie  auch 
fort,  wie  bisner  in  die  Specification  Ihr  Urtheil  einzuflechten, 
sintemahlen  dies  einer  der  herrlichsten  Genüsse  der  Briefe 
ist,  der  so  angenehm  erinnert  an  die  ehemalige  classische 
Sitte  sein  bescheidenes  Gutachten  brieflich  auszusprechen. 
Die  Sammlung  Epistolarum  virorum  doctorum  be- 
zeugen diesz.  Die  öffentliche  Critik  hat  die  Scham  ver- 
lohren,  u.  ich  hoffe,  wenn  wir  länger  leben,  den  Untergang 


y  Google 


160  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  47—53. 

der  Recensi ranstalten  zu  sehen.«  Von  den  Bildern  gefalle 
ihm  Jacob  am  besten.  Wilhelms  Tiefsinn  könne  er  wohl 
begreifen.  Gar  nicht  gefalle  ihm  dieser  Savigny  auch  nicht 
im  Vergleich  mit  dem  Berliner.  Ludw.  Grimm  habe  einen 
Zug  hervorgehoben,  der  dem  Original  nur  in  manchen 
Stimmungen  eigen  sei.  Er  habe  wohl  S.  nicht  oft  genug  gesehen. 
Das  Bild  ähnle  dem  Prof.  Fries.  B.  richtet  dann  der  Fr. 
V.  Hanstein  Bitte  um  die  Märchen  aus  und  sagt,  dasz  er 
Bd.  II  d.  Sagen  noch  nicht  gesehen.  Nach  Cassel  käme  er 
gern,  sobald  einmal  victus  quotidianus  einige  Thaler 
übrig  lasse.  —  Auf  no.  32  erwidert  dann  B.'s  Br.  10.  v.  27.  3. 
1819,  in  dem  er  betreffs  der  Grammatik  (vgl.  S.  52)  sagt: 
»»Ein  eignes  ürtheil  wird  mir  wohl  noch  lange  abgehen, 
aber  das  sehe  ich  wohl,  dasz  man  groszen  Respect  dafür 
haben  müsse.  Und  die  Zueignung  sammt  der  Vorrede  ist 
das  Herrlichste,  was  mir  nur  je  vorgekommen.* 

S.  49.  G  e  n  z]  =  Fr.  v.  Gentz.  Seine  kleineren  Schriften 
sind  von  Schlesier,  Mannheim  1838-9  in  5  Bänden  heraus- 
gegeben, ebenso  erschien  sein  Briefwechsel  mit  Ad.  Müller 
1800-29  Stuttgart  1859,  und  1870  v.  0.  v.  Klinkowström 
herausgegeben :  Briefe  politischen  Inhalts  1799 — 1827. 

S.  50.  C  r  e  u  z  e  r]  F.  geb.  den  10.  März  1771  zu  Marburg, 
wurde  1802  daselbst  Prof.,  siedelte  1804  nach  Heidelberg 
über  und  starb  daselbst  am  16.  Febr.  1859.  vgl.  B.'s  Br.  3 
in  Anm.  zu  S.  28  u.  seine  Autobiographie  in  den  deutschen 
Lehr-  und  Wandeijahren  II.  Berlin,  Fr.  Vahlen  1874  (vgl.  S.  78). 

S.  50.  Hermann! an  er.]  Joh.  Gottfried  Jac.  Her- 
mann. 1818  erschienen  seine  und  Creuzer's  Briefe  über 
Homer  u.  Hesiodos. 

S.  51.  Reimer,]  Georg  Andreas,  Inhaber  der  Beal- 
schulbuchhandlung  in  Berlin.  Die  Brüder  standen  mit  ihm 
von  sehr  früher  Zeit  in  Verbindung  und  hat  er  eine  Anzahl 
ihrer  Schriften  verlegt.  1809  hatte  W.  ihn  in  Halle  kennen 
gelernt  (vgl.  Jugenbr.  S.  101). 

S.  52.  Kamptz.]  Karl  Alb.  Christ.  Heinr.  v.  K.,  war 
seit  1817  Director  des  Polizei-Collegiums  und  leitete  als 
solcher  die  Untersuchung  gegen  die  sogenannte  demagogische 
Bewegung  der  damaligen  Burschenschaft. 

S.  53.  j  i  t  oder  ge  t  u.  s.  w.]  Nach  gütiger  Angabe  von 
Dr.  Wenker  in  Marburg  verhält  es  sich  mit  diesen  Formen,  über 
die  er  im  kommenden  Frühjahr  detaillirte  Karten  in  spe- 
cieller  Publication  herausgeben  wird,  folgendermassen :  Das 
westfälische  Gebiet,  in  welchem  heute  die  alten  Dualformen 
der  II.  Pers.  in  Pluralverwendung  herrschend  sind,  hat  zum 
Centrum  etwa  Herdecke  an  der  Buhr  und  umschliesst  an 
den  Grenzen  folgende  Orte :  Gummersbach,  Neustadt,  Pletten- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  53—56.  161 

berg,  Neuenrade,  Iserlohn,  Menden,  Unna,  Hamm,  Olfen, 
Haltern,  Dorsten,  Holten,  Mühlheim  a/d.  Ruhr,  Kettwig, 
Velbert,  Elberfeld,  Kronenberg,  Remscheid,  Hückeswagen, 
Wipperfarth.  Gegenüber  Orsoy  berührt  es  den  Rhein.  Die 
hier  vorkommenden  Formen  sind  für  den  Nominativ  in  der 
Osthälfte  it,  illt,  ät,  in  der  WesthfiJfte  git,  get,  göt 
und  in  Kettwig  und  Umgegend  gönt.  Für  die  Casus  obl. 
und  das  Possessivum  ink  resp.  inker  im  überwiegenden 
Theil,  enk  resp.  enker  um  Mühlheim  ad.  Ruhrund  önk 
resp.  önk  er  m  einem  Streifen  am  Südwestrande  des  Ge- 
bietes, von  Kettwig  über  Elberfeld  und  Barmen  bis  bei 
Wipperfürth. 

S.  53.  Märchen]  vgl.  Freundesbr.  S.  198,  einen  Brief 
J.  Gr.'s  an  Görres  v.  14.  Nov.  1812  (Görres  Ges.  Briefe  Ilj, 
u.  einen  an  Pfeiffer  v.  19.  Febr.  1860  (Germania  XIj.  Ueber 
den  Antheil  der  Familie  v.  Haxthausen  an  den  deutschen 
Märchen  8.  Freundesbr.  S.  200. 

S.  53  no.  34]  Hierauf  B.'s  Br.  11.  vom  22.  12.  1819.  Er 
spricht  hier  zunächst  über  Böckh's  Buch,  mit  dessen  Zurück- 
sendung  er  gezaudert,  um  sich  mahnen  zn  lassen,  „was  doch 
nicht  ohne  Brief  geschehen  konnte*.  Er  dankt  dann  für 
die  Mährchen,  für  die  Stelle  aus  Savignys  Brief,  ,der  un- 
streitig im  Preussenthum  etwas  zu  sehr  befangen*  u.  spricht 
sich  über  Vossens  Aufsatz  trotz  dessen  Eitelkeit  anerkennend 
aus.  „Man  sagt  mir,  heiszt  es  weiter,  Sie  wären  chur- 
hessischer  Landes  Censor,  der  in-  und  auswendig  an  der 
Grenze  wachen  müsse,  dasz  ohne  Ihre  Erlaubnisz  nichts 
Gedrucktes  oder  Zudruckendes  herein  oder  hinausgehe*,  ob 
er  auch  etwaige  Beiträge  zum  griech.  Lexicon  ihm  schicken 
müsse.  Er  bittet  dann  von  neuem  um  Zuweisung  von 
Schülern. 

S.  54.  Sophronizon  V.  Paulus.]  Freimüthige  Bei- 
träge d.  neueren  Gesetzgebung  u.  Statistik  d.  Staaten  und 
Kirchen.  Frankfurt  a  M.  1819—30.  —  Paulus  Tochter  verlobte 
sich  1818  mit  A.  W.  Schlegel  (vgl.  S.  180,  Görresbr.  U,  578, 
582). 

S.  54.  in  den  Briefen,  welche  Körte  bekannt 
machte.]*  Gemeint  sind  wohl  die  Briefe  zwischen  Gleim, 
Wilhelm  Heinse  u.  Joh.  v.  Müller  aus  Gleim's  litter.  Nachl. 
hrsg.  V.  Wüh.  Körte,  Zürich  1806.    2  Bde.  8o. 

S.  55.  Zoegas  Leben]  von  Welker,  Göttingen  1819. 
Z.  war  1755  in  Jütland  geboren,  reiste  mehrmals  nach 
Italien,  wurde  katholisch  und  1798  Prof.  der  Archäologie  in 
Kiel.    Er  starb  1809  in  Rom. 

S.  55—6.  Kraus,]  Christian  Jak.  Als  Bd.  Vm  seiner 
£.  Stengel.    Acten  der  Brfider  Grimm.  21 


y  Google 


162  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  55—61. 

vermischten  Schriften  erschien  Eönigsb.  1819  sein  Leben 
von  Joh.  Voigt. 

S.  55  no.  35]  Darauf  erwidert  B.'s  Br.  12.  v.  18.  7.  1820: 
B.  kündigt  seinen  Besuch  an,  schickt  Bücher  zurück,  äussert 
sich  über  Creuzer's  Symbolik,  vertheidigt  u.  critisirt  Heyne, 
bekennt  mehr  Hermannianer  zu  sein  als  Creuzerianer,  spottet 
über  RommePs  hessische  Geschichte. 

S.  57.  Heyne,]  Christian  Gottl.,  schrieb  eine  Ein- 
leitung in  das  Stucüum  der  Antike,  und  Antiquarische  Auf- 
sätze; vgl.  Heeren*s  Biogr.  H.'8,  Göttingen  1813. 

S.  57.  Ruh 8,]  Prof.  in  Berlin.  Sein  Buch  über  die 
Edda  besprach  1812  sowohl  J.  (Kl.  Sehr.  VI,  106)  wie  W. 
Gr.  (Kl.  Sehr.  U,  80  ff.,  100  ff.);  vgl.  Br.  v.  J.  Gr.  an  Tyde- 
man  S.  132  Anm.  zu  S.  35. 

S.  58.  Die  Marburger  sind  eifrige  Disser- 
tationstausch er.]  1817  wurde  bekanntlich  von  Marburg 
aus  der  Tauschverein  für  akademische  Schriften,  welchem 
jetzt  auch  Frankreich  angehört,  ins  Leben  gerufen. 

Artikel  wider  Jean  Paul]  s.  Kl.  Sehr.  I,  403  ff. 

Dasz  Savigny  vor.  Jan.  ein  Sohn  gebohren] 
vgl.  J.  Gr.  an  Tydeman  S.  71. 

S.  59.  Görres  haben  Sie  doch  gelesen?]  Seine 
Schrift:  Deutschland  u.  die  Revolution.  Coblenz  1819,  in 
Folge  deren  von  Berlin  der  Befehl  ergieng  ihn  zu  verhaften. 
Vgl.  Görresbr.  II,  594. 

Ferdusi.]  Vgl.  über  Görres'  üebersetzung  des  Helden- 
buchs von  Iran  aus  dem  Schah  Nameh  des  Firdusi,  welche 
1820  in  2  Bänden  erschien,  zahlreiche  Stellen  in  Görres 
Freundesbr.;  s.  auch  Br.  v.  J.  Gr.  an  Tydeman  S.  132 
Anm.  zu  S.  37. 

der  Vicecanzler,]  Georg  Friedr.  Carl  Robert,  Prof. 
der  Rechte.    Vgl.  Anm.  z.  S.  135. 

S.  60.  Rector  des  hies.  Lyceums.]  Nathanael 
Caesar,  welcher  1815  nach  Suabedissen's  Weggang  von 
neuem  die  Leitung  übernahm,  die  er  schon  vor  der  west- 
phälischen  Zeit  innegehabt  hatte,  (vgl.  S.  85  u.  Anm.  zu 
S.  84  u.  J.'s  Aeusserungen  in  seiner  Autobiographie  bei  Justi 
S.  150). 

S.  60.  Inscription  auf  dem  Schloszgrtindstein 
von  meinem  gelehrten  College n,]  Generalsuper- 
intendent Romme!,  der  mit  Grimm  u.  Völkel  die  Censur- 
Commission  bildete,  vgl.  Fr.  Müller :  Cassel  seit  70  Jahren. 
I,  S.  125  ff.  Die  Grundsteinlegung  erfolgte  am  29.  Juni 
1820. 

S.  61  no.  36.]  Der  am  8.  Oct.  eingetroffene  Gevatter- 
brief fehlt.    B.'s  Br.  13.  v.  28.  12.  1820  erwidert  auf  no.  36. 


y  Google 


Anmerknogen  zu  B.  I  S.  61.  163 

Er  lautet :  „Meine  freundliche  Gevatter !  Je  älter  ich  werde 
u.  je  öfter  ich  in  die  Nothwendigkeit  komme,  Gevatter  für 
meine  Kinder  einzuladen,  desto  zaghafter  thue  ich  das. 
Aber   desto  inniger  ist   dann  auch  die  Freude,  wenn  dem 

gehofften  Zutrauen  und  Vertrauen  begegnet  wird.  Ihr  liebe 
ierren!  habt  meiner  Frau  u.  mir  diesze  Freude  gemacht. 
Wir  danken  Euch  darob  herzlichst  u.  wünschen,  üasz  der- 
maleinstens  Euch  auf  ähnliche  Art  freundlich  gedient  werde. 
—  Der  Tauftag  war  am  29.  Oct.,  also  über  fönf  Wochen 
nach  dem  Geburtstag.  Lassen  Sie  das  jakeinem  Pontifex 
maximus  gewahr  werden,  sonst  könnte  diesze  Liebhaberey 
am  Heidenthum  übel  gedeutet  werden.  Creuzer  hat  getauft  u. 
dabey  gesprochen,  wie  es  christlich  u.  für  alle  Anwesende 
passendst,  also  erbaulich  war ;  Herr  Wurzer,  der  Magnificus,  ge- 
ziert mit  den  Insignien  des  Löwen-Ordens  hat  das  Kind  getragen 
u.  ihm  alle  Namen  gegeben,  die  Er  u.  Sie  bei  ähnlicher 
Gelegenheit  erhalten  haben.  Nun  haben  wir  grosze  Wahl. 
Und  dann  wurde  auch  bey  einem  Ehrentrunk  der  abwesen- 
den Gevattern  fleiszig  gedacht,  wie  Ihnen  das  Ohrenklingen 
wird  verkündigt  haben.  Das  ist  der  Hergang,  den  Sie 
wissen  wollten.  —  Übrigens  ist  so  ein  unbedeutender  Wicht, 
wie  dieszer  Euer  Pathe,  schuld,  dasz  ich  mich  wegen  seiner 
Ankunft  in  diesze  allerbesste  Welt  vor  Ihnen  noch  recht- 
fertigen musz.  Sie  urgiren  das,  dasz  ich  im  Julius  schon 
von  Cassel  wegeilte  vorschützend  die  nahe  Niederkunft. 
Aber  liebe  Herren!  bedenket,  es  geschehen  auch  seltsame 
Dinge,  die  gegen  Erfahrung  u.  Übschafb  (Praxis)  sind.  .  .  . 
und  was  war  das  für  ein  Kerl,  der  da  kam!  Wurzer  u. 
Busch,  die  doch  Hofräthe  sind  u.  Mitglieder  d.  Kaiserlichen 
Naturforschenden  Gesellschaft,  versicherten,  noch  nie  so  ein 
starkes  Kind  bey  seiner  Geburt  gesehen  zu  haben.  Es  wog 
über  eilf  Pfund,  u.  wollt  Ihr  gelehrte  Ignoranten  in  Eurem 
Jung:gesellenstand  wissen,  was  das  sage,  so  fragt  nur  den 
Präsident  des  Ober-Sanität»-ColIegii.  TKommt  so  ein  un- 
gewöhnlicher Bube  zur  gewöhnlichen  Zeit?*  Im  weiteren 
Srent  B.  sich  der  Erfolge  von  Jacob's  Grammatik,  bittet  um 
Bücher  und  die  vom  Bruder  Mahler  versprochenen  Bilder 
und  grüszt  die  ganze  Familie  am  Wilhelmshöher  Thor. 

S.  6L  mein  College  Völkel]  vgl.  über  sein  Leben 
A.  Duncker  Zeitschrift  des  Ver.  f.  hess.  Gesch.  N.  F.  IX. 
249  ff.  und  Jac.  Grimm's  Nekrolog  (kl.  Schriften  VI,  405  ff.) 
u.  zu  diesem  Nekrolog  Bommels  Brief  10  in  Anm.  zu  S.  41. 
Zu  folgender  Stelle  desselben  (ib.  S.  407):  ,in  der  Unter- 
suchung ....  über  den  olympischen  Jupiter  war  er  ganz 
an  seinem  platz;  eine  dem  letzten  gegenständ  zugewandte 
neuere,   den   bestimmungen  Quatrem^res   zum   theil  wider- 

11* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


164  Anmerkimgen  zu  B.  I  S.  61. 

sprechende  abhandlung  war  fQr  die  Amalthea  ausgearbeitet, 
ist  aber  noch  nicht  gedruckt  und  wahrscheinlich  von  ihm, 
der  sich  selbst  am  schwersten  genügte,  zurückgenommen 
worden/  ist  ein  Brief  J.  Grimmas  an  seinen  Schwiegersohn 
Geh.  Jnstizrath  Schotten  (s.  Anm.  zn  S.  125),  der  zur  Zeit 
im  Britischen  Museum  aufbewahrt  wird  (Anm.  zu  S.  74)  zu 
vergleichen.  Er  lautet:  rZu  einer  Abhandlung  Ihres  seel. 
Herrn  Schwiegervaters  über  den  Tempel  des  olymp.  Jupiters 
gehört  eine  bereits  gestochene  Kupferplatte,  von  welcher 
sich  ein  Abdruck  bei  den  Manuscripten  findet.  Da  diese 
Kupfertafel  nothwendig  den  Druck  des  Aufsatzes  begleiten 
musz,  so  haben  Sie  doch  die  Güte  nachzusehen,  ob  die  Platte 
unter  der  Hinterlassenschaft  Völkeis  noch  vorräthi^  ist,  wie 
ich  vermuthe,  und  mich  davon  baldig  zu  benachrichtigen. 
Denn  es  würde  Kosten  verursachen  sie  von  neuem  stechen 
zu  lassen.  Vielleicht  weisz  Kühl,  Vater  oder  Sohn  davon? 
An  jenen  bitte  ich  die  Einl.  zu  bestellen  und  diese  höchst 
eiligen  Zeilen  zu  entschuldigen.  9.  Jan.  1831.  Grimm.*« 
—  Der  Adressat  hat  :iuf  den  Brief  die  Notiz  vermerkt: 
„Beantwortet  am  14.  1.  81  dahin,  dasz  sich  Platte  nicht 
vorfände,  Ruhl,  Vater  und  Sohn  nichts  davon  wuszten,  und 
gebeten  den  Abdruck  hierher  zu  schicken,  da  J.  Ruhl 
eine  Platte  stechen  solle.** 

Vier  frühere  Briefe  in  derselben  Angelegenheit,  v.  31. 1, 13. 
3.,  24.  4.  und  13.  9.  1830,  sowie  einen  fünften  vom  10.  12.  1833 
an  einen  andern  Schwiegersohn  Völkel's,  Assessor  u.  später 
Gberappellations-Gerichtsrath  Knatz  veröffentlichte  1882 
A.  Duncker  in  der  Zeitschr.  d.  Vereins  f.  hess.  Gesch.  und 
Landeskunde  IX.  S.  343-7 ,  ebenda  S.  332  f.  auch  einen 
kurzen  Dankbrief  an  Amalie  Völkel  (roätere  Frau  Knatz) 
geschrieben  im  April  1829  aus  Anlass  des  von  ihr  am  14. 4. 
1829  im  Namen  der  Geschwister  den  Brüdern  übersandten 
Bildes  von  Völkel.  Der  Begleitbrief  dieser  Dame  ist  in 
der  Grimm-Correspondene  vorhanden. 

Von  Völkel  selbst  sind  21  meist  geschäftliche  Zuschriften 
an  die  Brüder  aus  den  Jahren  1814-28  erhalten.  Ich  fahre 
nur  an  Br.  3.  v.  11.  3.  1821:  „P.P.  Dem  gestern  mir  zuge- 
kommenen Schreiben  der  allerhöchst  verordneten  Commission 
zufolge  soll  sich  iede  Behörde  ihren  Marschall  selbst  wählen, 
welchem   der  Stab   aus  der  Hofkämmerev  gegen  Bescheini- 

fang  der  Direction  geliefert  wird.  Bey  der  Regierung,  dem 
riegs  CoUegium  u.  a.  vertrit,  wie  ich  höre,  diese  Stelle  der 
Secretarius,  u.  demnach  musz  ich  also  Sie  bitten,  unsem 
Zug  bey  dem  Leichenbegängnisz  anzuführen.«  —  Br.  4.  vom 
5. 11. 1821  bezieht  sich  auf  Wühelm's  Gesuch  (ü.  S.  7  no.  5),  das 
er,  V.,  noch  nicht  habe  überreichen  können,  Riva! ier  werde 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I.  S.  61.  165 

eher  dazu  im  Stande  sein.  —  Br.  5.  v.  26.  12.  1822  lautet: 
,Hochffe8chätzter  Herr  Secretarins!  Es  ist  mir  leyd,  dasz 
H.  D.  H[arnier?]  anders  erzählt,  als  gehört  hat:  aber  noch 
leyder  dasz  seine  Rede  Gedanken  bey  Ihnen  erregte,  welche 
meinen  Gesinnungen  gegen  Sie,  u.  dem  Wunsche  Ihrer  Be- 
förderung widerstreiten.  —  Unbescheiden  wäre  meine  Frage 
gewesen,  wie  viel  Sie  für  den  Unterricht  des  Kur  Prinzen 
erhalten.  Sie  selbst  haben  mir  weder  zufällig  noch  ge- 
legentlieh etwas  davon  gesagt.  Warum  hätte  ich  also  nicht 
glauben  sollen,  was  ich  vor  der  Abreise  des  K.  Pr.  schon 
darüber  hörte,  von  wem,  kann  ich  mich  nicht  besinnen. 
Und  als  etwas  mir  erzähltes  habe  ich  es  neulich  nachge- 
sprochen, jedoch  mit  dem  Zusätze,  dasz  ich  nicht  wisze,  ob 
Sie  jetzt  nach  der  Rückkunft  noch  die  300  «^  bekommen, 
nirgends  hingegen  dieser  ^iebeneinnahme  mit  einem  Worte 
gedacht,  wo  etwa  darauf  hätte  Rücksicht  genommen ,  und 
deswegen  die  Vennehrung  Ihres  Gehalts  gehindert  werden 
können.  Auf  keinen  Fall  also  kann  sich  die  Aeuszerung 
über  Ihre  Bittschrift  weiter  als  auf  Ihr  wirkliches  Ein- 
kommen von  dem  Unterricht  beziehn ,  welches ,  auch  noch 
so  klein ,  doch  hoch  genup  angeschlagen  wird ;  u.  keines- 
wegs hat  sie  ihren  Grund  in  derselben  unrichtigen  Angabe, 
die  mir  zu  Ohren  gekommen  ist.  Man  weisz  einmahl,  dasz 
Sie  auszer  Ihrer  Besoldung  vom  Secretariat  ein  Monaths- 
geld  beziehn,  und  ohne  Zweifel  weisz  man  dies  ganz  genau ; 
es  wird,  wie  Ihnen  bekannt  ist,  aller  Anregung  ungeachtet, 
auf  das  Museum  kein  Bedacht  genommen :  dies  ist  die  Ur- 
sache, warum  Ihre  Bitte  kein  Gehör  fand,  jenes  giebt  eine 
Veranlassung,  sie  zurücklegen  zu  lassen.  Soviel  aber  wer- 
den Sie  mir  zutrauen,  dasz,  hätte  man  mich  über  Ihre  An- 
gelegenheit befragt,  ich  ohne  alle  Rücksicht  auf  Neben- 
Umstände,  blos  das,  was  Sie  Ihrer  Stelle  u.  Kenntnisze 
wegen  längst  verdienen,  in  Erwägung  gebracht,  u.  der  Er- 
folg Ihres  Gesuchs  Ihren  gerechten  \  erlangen  u.  meinen 
ernstlichen  Wünschen  hätte  entsprechen  müszen.  Dasz  ich 
im  vorigen  Jahre,  wo  wegen  der  Wahl  eines  Begleiters  des 
Kurprinzen  mit  mir  gesprochen  wurde,  die  Gelegenheit  zu 
Ihrer  Beförderung  nicht  unbenutzt  liesz,  würde  ich  nicht 
erwähnen ,  noch  mich  auf  das  Zeugnisz  des  Herrn  0.  C. 
V.  Bardeleben  berufen,  wenn  es  nicht  schiene,  als  hielten 
Sie  mich  für  gleichgültig  gegen  Ihr  Bestes.  Wie  ich  da- 
mals gegen  Sie  gesinnt  war,  bin  ich  es  noch  jetzt,  u.  werde 
es  jeder  Zeit  seyn  u.  nunmehr  musz  es  mir  angelegener  als 
sonst  seyn,  Sie  davon  zu  überzeugen,  u.  zur  baldigen  Er- 
füllung Ihres  Wunsches  beyzutragen.  Es  kann  nur  mittel- 
bar geschehn,  u.  noch  heute  will  ich  mich  erkundigen,  ob 


y  Google 


166  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  61—65. 

sich  jetzt  von  einem  neuen  Versuche  eine  beszere  Wirkung 
versprechen  läszt.  Was  ich  erfahre,  werde  ich  Ihnen  ohne 
Verzug  mittheilen.  Möchte  dann  das  neue  Jahr  Ihnen  das 
bisher  entzogene  bringen,  u.  Ihre  begründeten  Ansprüche 
geltend  machen!*  —  Auch  die  weiteren  Briefe  zeigen,  dass 
V.  sich  fernerhin  für  Wilhelm  bemühte.  Der  letete  Brief 
V.  7.  Jan.  1828  lautet:  „Mit  dem  verbindlichsten  Dank  ver- 
ehrter Herr  College !  schicke  ich  die  griechische  Grammatik 
zurück.  —  Prof.  Wagner  in  Marburg  ersucht  mich,  Sie  an 
die  Erfüllung  seiner  Bitte  um  Ihre  Meynung  über  himself 
und  themselves  zu  erinnern.  Wollen  Sie  mir  das  Re- 
sponsum  zuschicken,  so  kann  ich  es  dem  Buche  beyschlieszen, 
welches  in  den  nächsten  Tagen  an  ihn  abgehn  wird.**  Die 
Briefe  der  Brüder  an  Völkel  sind  vermuthlich  derzeit  im 
Besitz  seines  Enkels,  Amtsgerichtsrath  Knatz  in  Cassel.  Von 
dem  im  obigen  Brief  Jacobs  an  Schotten  erwähnten  jüngeren 
L.  S.  Ruhl  [Geh.  Hofrath  in  Cassel,  Sohn  des  1842  ebenda 
verstorbnen  Bildhauer  J.  Chr.  R.  u.  älterer  Bruder  des  Land- 
baumeister Julius  Eugen  R.]  sind  Erinnerungen  an  J.  und 
W.  Gr.  in  der  zum  4.  Jan.  1885  veröffentlichen  Festnummer 
der  Hessischen  Blätter  mitgetheilt.  Dieser  Artikel  enthält 
auch  einen  an  ihn  gerichteten  Brief  W.  Gr. 's  v.  22. 12. 1825. 
R.  hatte  W.  Gr.  am  10.  6.  1825  von  Berlin  aus  zur  Hoch- 
zeit beglückwünscht.  Noch  21  weitere  Briefe  R.*s  an  W.  Gr. 
aus  den  Jahren  1825 — 47  liegen  mir  vor.  Demgemäss  wird 
sich  eine  entsprechende  Zahl  Briefe  v.  W.  Gr.  im  Besitz  des 
Herrn  R.  befinden.  Eine  Publication  derselben  ist  erwünscht. 
Ich  wurde  ihrer  Existenz  zu  spät  gewahr.  Raummangfel 
nöthigte  mich  daher,  von  einer  Bitte  um  Ueberlassung  Tür 
meine  Sammlung  abzusehen. 

S.  62.  Grammatik]  vgl.  Index  und  Briefe  v.  J.  Gr. 
an  Tydeman  S.  72  sowie  140  Anm.  zu  S.  69,  femer  Briefe 
an  Lachmann  u.  Hofimann  (Briefw.  v.  Meusebachs  S.  328), 
an  Görres  H,  577,  an  Frommann  (Germ.  XH,  118),  an  Lass- 
berg (Germ.  XIII,  247)  und  die  schöne  Vertheidigung  der- 
selben gegen  Frl.  A.  v.  Haxthausen  vom  10.  Sept.  1822 
(Freundesbr.  S.  87  f.). 

S.  64  no.  37]  wird  durch  B.'s  Br.  14.  v.  31.  12.  1820  be- 
antwortet. B.  spricht  sich  über  Vosz,  Stollberg  u.  Christian 
Brentano  aus  und  bittet  um  einige  neue  Bücher  während 
er  die  früheren  zurückschickt. 

S  65.  dasz  ich  seit  dem  November  dem  Kur- 
prinzen Unterricht  in  der  Geschichte  geben 
musz.]  Hierüber  war  bisher  ausser  kurzen  Erwähnungen 
in  einem  Brief  an  Frl.  L.  v.  Haxthausen  vom  27.  Mai  lo21 
(Freundesbriefe  S.  83)  u.  in  einem  an  Lachmann  (Briefw.  m. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  65.  167 

Meusebach  S.  369)  nichts  bekannt.  Wie  wenig  W.  diese 
Thätigkeit  befriedigte,  zeigt  noch  deutlicher  die  Aeusserung 
gegen  Suabedissen  (S.  198),  welcher  bekanntlich  bislang 
der  Erzieher  des  nachmaligen  letzten  Kurfürsten  und,  seinen 
Briefen  an  W.  nach,  mit  ihm  ebenfalls  recht  unzufrieden 
gewesen  war.    "Wie  lange  W.  Grimm   diese  Stunden  fort- 

fesetzt  hat,  ist  ungewiss;  wohl  nicht  über  Anfang  Sept. 
821  hinaus,  da  er  nach  dem  Brief  v.  19.  Sept.  (S.  202) 
schon  frei  gewesen  zu  sein  scheint.  Seine  damalige  Hoff" 
nung  auf  Anstellung  (ib.  Ö.  203)  blieb  unerfüllt,  und  da 
auch  sein  Gesuch  um  Beförderung  zum  Bibliothekar  vom 
23.  Oct.  1821  (vgl.  II,  S.  9)  nicht  gewährt  wurde,  darf  man 
wohl  annehmen,  dass  diese  seine  Thätigkeit  keine  Aner- 
kennung bei  dem  Kurfürsten  fand,  offenbar  deshalb,  weil 
ihm  auf  Wunsch  der  Kurfürstin  Auguste  die  Stunden  über- 
tragen waren.  Vgl.  noch  Völkel's  Brief  5  in  Anm.  zu  S.  61. 
S.  65  no.  38]  erwidert  auf  B.'s  Br.  15.  u.  16.  v.  16.  4. 
u.  16. 5. 1821.  In  15.  meldet  B.  die  Rücksendung  von  Büchern, 
die  ihm  Mahler  Müller  (oder  Müller  Mahler)  im  Winter 
überbracht  hätte.  „Müller  ist  doch  ein  herrlicher  Mann*, 
wenn  auch  manche  gegen  sein  Geschäftsleben  etwas  ein- 
zuwenden hätten.  .  .  «Sie  haben  reiche  Gelegenheit,  zumahl 
jetzt  aus  Ihrer  Hauptstadt  viele  goldne  Hoffnungen  über 
den  Neuen  Regenten  auf  uns  Leute  in  der  Provinz  auszu- 
streuen.* .  .  .  Wurzer  habe  als  Prorector  geistreich  über 
den  verstorbenen  Fürsten  gesprochen,  «nicht  allein  mit 
rhetorischer  Kunst,  im  allgemeinen,  obenhin  schwebend  in 
Worten,  sondern  ganz  tief  das  Einzelne  der  Sache  berührend 
u.  aus  dem  Standpuncte  eines  —  mags  auch  seyn  bornierten 
Hessen."  Rehm's  Mittelaltergeschichte  mache  ihm  nicht 
den  Eindruck  als  sey  sie  aus  Forschungen  entstanden. 
Krug's  Tendenz  im  Hermes  sey  die  edelste.  In  16.  ruft  B.,  wie 
schon  in  15.  den  Brüdern  sich,  den  Pfarrer  in  Gossfelden,  ins 
Gedächtniss.  —  Auf  no.  38  u.  39  (S.  68)  antwortet  B.'s  Br.  17. 
V.  29.  8.  1821 :  Die  übersandten  Bücher  folgen  zurück ,  die 
Reisebeschreibung  von  Mayr  entrolle  ein  unerfreuliches  Bild 
von  den  Griechen.  «Hat  ein  Herr  Schmidts  ein  Zettelchen 
von  mir  überbracht?  Wie  hat  Ihnen  der  Mann  und  sein 
Unternehmen  behagt?  Es  war  nur  zufällig,  dasz  ich  ihn 
einige  Stunden  lang  sprach,  aber  der  ernste  Enthusiasmus, 
mit  dem  er  die  Sache  betreibt,  hat  was  sehr  Ehrwürdiges." 
.  .  .  Lob  der  Schrift  über  die  Runen,  neue  Aeusserung  über 
den  Streit  zwischen  Creuzer  u.  Voss.  Bedenken  und  Hoff- 
nungen über  den  (S.  66)  angekündigten  Studiendirector. 
Dank  für  Lotte's  Bild  und  Bitte  um  neue  Bücher  für  den 
Winter. 


y  Google 


168  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  68—74. 

S.  68.  Schweinichen's  Leben]  hrsg.  von  Büsching, 
Breslau  1820.    vgl.  J.  Gr.'s  Anzeige  (Kl.  Sehr.  IV,  158). 

S.  70.  einen  jungen  Prof.  Namens  Sariorius,] 
ausserord.  Prof.  der  Theologie.  Er  ist  1859  als  General- 
superintendent in  Königsberg  gestorben ;  vgl.  Herzog's  Beal- 
encyclopädie  der  prot.  Kirche.    Bd.  XLLI. 

S.  71.  Frau  J  o  r  d  i  s ,]  Ludowica,  geb.  Brentano.  Ihrer 
geschieht  in  den  Briefen  der  Brüder  aus  der  Jugendz.  sowie 
in  den  mit  Thomas  aus  Frankfurt  (vgl.  Anm.  S.  74)  sehr 
oft  Erwähnung;  vgl.  Näheres  über  sie  in  dem  allerdings 
wenig  zuverlässigen  Lebensbild  Clemens  Brentano's  von  Diel 
u.  Kreiten,  Freiburff  1877.  I,  232  Anm. 

S.  78.  MoneJ  Franz  Jos.  —  J.  Grimm  hat  ihn  1831  in 
Heidelberg  besucht  und  stand  auch  mit  ihm  in  Correspon- 
denz  (vgl.  Germania  XIII,  375  u.  374).  Schon  1818  geht  er 
Wilh.  in  der  mythol.  Deutung  der  Siegfriedsage  zu  weit 
(s.  dessen  Kl.  Schriften  II,  220). 

S.  74  no.  41]  erwidert  auf  B.'s  Br.  18.  v.  12.  5.  1822, 
worin  dieser  sich  über  das  lange  Schweigen  beklagt,  dann 
aber  bittet  ihm  behilflich  zu  sein  an  das  Frankfurter  Gym- 
nasium zu  kommen,  wohin  man  ihn  schon  vor  5  Jahren 
habe  ziehen  wollen  u.  wo  durch  Grotetends  Abgang  und 
Matthias  Tod  2  Stellen  frei  wären. 

S.  74.  Senator  Thomas]  Senator  und  Bürgermeister 
in  Frankfurt.  Vgl.  über  ihn  Jac.  an  Wilh.  am  4.  Jan.  1814 
(Br.  a.  d.  Jugendz.  S.  212),  Wendel er's  Angaben  im  Briefw. 
von  Meusebach's  S. 361  und  die  Einleitung  zu:  *Der  Oberhof 
zu  Frankf.  a/M.  etc.  Nachlass  v.  J.  Gerh.  Chr.  Thomas, 
herausg.  v.  Dr.  L.  H.  Euler  u.  bevorwortet  v.  J.  Grimm. 
Frankmrt  1841.  S^.'  Die  Briefe,  welche  die  Brüder  an  ihn 
richteten,  sind,  wie  mir  Dr.  Jung  in  Frankfurt  freundlichst 
angab,  mit  den  anderen  Papieren  von  Thomas  nach  dessen 
Tode  vollständig  zersplittert.  In  das  Franfurter  Stadtarchiv 
kam  keiner  derselben.  Ein  ganz  kurzer  findet  sich  mit 
zwei  weiteren  Grimmbriefen  (s.  Anm.  zu  S.  61,  318)  nach 
freundlicher  Mittheilung  des  Herrn  Prof.  Kluge  derzeit  im 
Brittischen  Museum  (Egerton  Hs.  2407  p.  162)  und  lautet 
nach  von  Prof.  Kölbing  gütigst  besorgter  Abschrift:  „Herrn 
Senator  Thomas  zu  Frankfurt  empfiehlt  seinen  Freund  August 
von  Haxthausen.  Cassel  8.  Sept.  1816.  Jacob  Grimm.* 
Ein  anderer  im  Besitz  des  Justizrath  Dr.  Euler  wird  dem- 
nächst abgedruckt  in  den  Mittheil,  des  Frankf.  Vereins  f. 
Gesch.  u.  Alterthumskunde  Bd.  VIL  Heft  6.  Die  Zahl  der 
ursprünglich  vorhandenen  Briefe  muss  eine  sehr  beträchtliche 
gewesen  sein,  da  die  Grimm-Correspondenz  nicht  weniger 
als  128  Briefe  von  Thomas  u.  seiner  zweiten  Frau,  welche  von 


y  Google 


Anmerkangen  zu  B.  I  S.  74.  J69 

1812 — 43  reichen,  enthält,  und  da  noch  eine  Anzahl  andere  ver- 
streut oder  verloren  sind.  So  besitzt  Herr  Landcerichtsdirector 
Dahlmann  in  Marburg  aus  seines  Vaters  Nachlass  einen 
solchen  ohne  Datum,  der  von  einem  der  Brüder  einst  an 
Dahlmann  überschickt  war.  Auf  dem  Brief  v.  15.  10.  1888 
bemerkte  J.  Gr.:  „Letzter  brief  von  Thomas,  er  starb  plötz- 
lich am  1.  nov.  zwischen  8—9  morgens  53  j.  alt  geb.  5.  febr. 
1785*  und  Rudolf  Gr.  bemerkte  dazu :  „Jacob  liebte  ihn  mit 
einem  Gefühl,  das  an  Zärtlichkeit  gränzte."  Diese  Corre- 
spondenz  ist  also  für  die  Biographie  der  Brüder  von  gröszter 
Wichtigkeit  und  wird  es  hoffentlich  noch  gelingen,  die 
Briefe  der  Brüder  Grimm  an  Thomas  wieder  aufzufinden  u. 
dann  einen  Briefwechsel  mit  den  Frankfurter  Freunden, 
Thomas,  Schartf,  Böhmer,  Guaita,  Jordis  u.  andern  zu- 
sammenzustellen. Ich  beschränke  mich  deshalb  hier  die 
Stellen  aus  Thomas'  Briefen  auszuheben,  welche  auf  Bang 
Bezug  haben.  Am  8.  8. 1822  schreibt  er:  „Auf  Ihren  Freund 
Bang  wird  wohl  bey  der  Wiederbesetzung  der  Stelle  am 
Gymnasium  ernstliche  Rücksicht  genommen  werden.  Er  ist 
auch  von  Savigny  u.  Creatzer  empfohlen.  Nur  wird  er  nicht 
Matthias  Stelle  erhalten  können;  da  man  im  Plan  hat, 
Vömel  zum  Rector  u.  Schäfer  von  Heidelberg  .  .  zum  Con- 
rector  zu  ernennen.  .  .  .  Creutzer  glaubt,  da  B.  10  Kinder 
haben  soll,  er  werde  nicht  auskommen  hier,  wenn  er  nicht 
Gelegenheit  habe,  fremde  Schüler  in  Kost  u.  Logis  zu 
nehmen,  woran  es  jedoch  meines  Erachtens  nicht  fehlen 
wird.  Er  hat  überdiesz  nur  einen  Competenten,  der  über- 
diesz  noch  zweifelhaft  ist.**.  .  .  —  Am  18.  11.  1822:  „Wegen 
des  Gymnasium  ist  Entscheidung  eingetreten.  Vömel  und 
Schäfer  sind,  wie  ich  voraus  schrieb,  Rector  u.  Conrector 
geworden.  Für  die  dritte  Stelle  ist  Bang  vom  Consistorium 
vorzüglich  empfohlen  an  den  Senat,  von  dem  die  Sache  nun 
abhängt.  ...  Es  ist  allerdings  bei  so  zahlreicher  Familie 
ein  wichtiger  wohl  zu  überlegender  Schritt,  den  zu  thun, 
ihm,  wie  ich  weis,  ein  Universitätsfreund,  der  Rathsschreiber 
U  s  e  n  e  r  bestimmt  abgerathen  hat.  Das  ist  übrigens  Bangs 
Sache.**  —  11.  2.  1822  (lies:  1823 j :  „Die  üngewiszheit wegen 
Weber  von  Wetzlar,  der,  wie  ich  Ihnen  schrieb  ans  Gym- 
nasium gerufen  war,  von  dem  ich  aber  nicht  glaubte,  dasz 
er  die  Stelle  annehmen  werde,  waren  die  Ursache,  warum 
ich  so  lange  schwieg.  Weber  hat  sich  jetzt  entschieden  zu 
kommen,  ich  musz  also  meine  Hofnungen  für  Bang  auf- 
geben, so  wehe  es  mir  thut;  denn  Alles,  was  ich  von  ihm 
weisz ,  hat  mir  sehr  wohl  gefallen  u.  da  Anfangs ,  vor  der 
Bewerbung  Webers  die  besten  Aussichten  waren,  meine 
Wünsche  würden  erfüllt  werden ,  so  hatte  ich  mir  ein  an- 
genehmes    Zusammenleben     mit    ihm    ganz    ausgemahlt. 


y  Google 


170  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  74—82. 

Grüszen  Sie  ibn  von  mir  herzlich  n.  versichern  ihn,  dasz  es 
an  meinem  guten  Willen  nicht  gefehlt  habe,  Beinen  Wunsch 
zu  erfüllen."  .  .  .  Die  Bedürfnisse  seien  übrigens  in  Frankf. 
wirklich  unglaublich.  Er  brauche  bei  höchst  einfachem, 
stillen  Leben  jahrlich  über  fl.  5000.  —  Andere  Stellen  aus 
Briefen  von  Thomas,  vgl.  Anm.  zu  S.  121,  210  u.  266. 

S.  74.    Guaita]  Meline  Brentano's  Mann. 

S.  75.  Corpus  juris.]  vgl.  J.  Gr.  an  Tydeman  vom 
26.  März  1820  (Briefe  S.  71) :  •Es  soll  eine  neue  critische 
Ausgabe  d.  c.  j.  c.  erscheinen  etc.* 

S.  76.  Schubert  über  Göthe.]  Gemeint  ist  doch 
wohl  'Karl,  Ev.  Schubarth.  Zur  Beurtheil.  Göthe's  mit  Be- 
ziehung auf  verwandte  Literatur  u.  Kunst.  (2  Bde.  Breslau 
1817.    2.  Aufl.  1820.)'? 

Thorbeck el  vgl.  S.  226.  Es  ist  der  spätere  hollän- 
dische Reform ministir  Job.  Rudolf  Th.,  geb.  1796. 

S.  77  no.  42]  erwidert  aut  B.'s  Br.  19.  v.  28.  7.  1822, 
worin  den  Brüdern  ein  Bang  empfohlener  Tynov  Martin 
weiter  empfohlen  war. 

S.  78.  Koch,]  Chr.  H.,  Lehrer  am  Pädagog.  u.  ausser- 
ord.  Prof.  in  Marburg  (vgl.  seine  Autobiographie  in  Justi 
S.  335  fl*.),  später  ord.  Prof.  daselbst.  Er  starb  am  28.  April 
1861  (s.  das  Marburger  Rectoratsprogramm  v.  1861). 

S.  80.  Cr  am  er,]  Andr.  Wilh.  Seine  Autobiographie 
steht  in  den  Brockhausischen  Zeitgenossen. 

S.  80.  Savigny's  Schilderung  von  Bologna] 
im  dritten  1822  erschienenen  Band  seiner  Geschichte  des 
röm.  Rechts  im  Mittelalter. 

S.  82.  no.  45J  erwidert  auf  B.'s  Br.  20.  v.  13.  12.  22: 
Betrifft  B.'s  Berufungsangelegenheit  nach  Frankf.  Creuzer 
hatte  ihn  empfohlen,  aber  seine  grosze  Zahl  Kinder  er- 
wähnt. Ein  Cfoncurrent  sei  Schwenck,  den  Welcker  u.  Eich- 
hof empfohlen  hätten.  Usener  habe  ihn  nicht  bestimmt 
abgeratnen  aber  angegeben,  dasz  er  mit  Frau,  einem  Kinde 
u.  einer  Magd  jährlich  ge^en  5000  fl.  gebrauche.  Eine  von 
Grimm  Thomas  mitgetheilte  Stelle  aus  Bangs  Brief  werde 
ihn  doch  nicht  compromittiren  V  In  Beantwortung  von  no. 
43  folgt  Lob  d.  Grammatik,  aber  Bedauern  über  Wegfall  von 
Dedication  u.  Vorrede  (vgl.  S.  86).  Kuithan  solle  ein  tüchtiger 
Schulmann  sein  ,  die  Freunde  des  Realismus  dürften  sich 
nicht  auf  Emesti  berufen.  Creuzer's  Biographie  habe  ihn 
wegen  ihrer  Unterlassungssünden  geärgert..  Grimm  habe  sie 
zu  milde ,  Savigny  schärfer  beurtneilt.  C.'s  Rückkehr  aus 
Holland  sei  jedoch  so  erfolgt,  wie  er  erzählt.  Seine  Span- 
nung mit  Paulus  habe  ihn  aber  zu  einem  Anachronismus  ver- 
führt, denn  1791  als   er  sich    die  Psalmen-Erklärung  durch 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  82—84.  171 

die  Homerprolcgomena  erträglich  habe  machen  wollen, 
hätten  diese  noch  nicht  existirt.  Wolf  hofiere  er  zu  sehr. 
Ein  liebes  Büchlein  sei  das  von  Gramer.  Buttmann's  Un- 
tersuchungen im  Lexilogus  seien  verfrüht.  Das  neugriechische 
werde  nocn  vieles  aufklären.  Der  junge  Creuzer,  der  seine 
Dissertation  über  das  Nibelungenlied  schreiben   wolle,  habe 

gebeten  ihn  den  Brüdern  zu  empfehlen.  Es  folgen  dann 
ücher,  welche  B.  aus  Cassel  geliehen  wünscht.  —  no  45  u. 
46  beantwortet  B.'s  Br.  21.  v.  22.  2. 23. :  B.  schickt  damit  die 
Bücher  zurück  und  bittet  um  neue,  meint  Creuzer  werde 
ihm  doch  in  der  Frankfurter  Angelegenheit  geschadet 
haben.  Nach  Ankunft  von  Br.  46  bittet  er  um  baldige  Nach- 
richt über  Wilhelm's  Gesundheit.  Er  selbst  will  sich  wegen  des 
Mislingens  seiner  Frankfurter  Pläne  kein  graues  Haar  mehr 
wachsen  lassen.  Weber,  der  die  Stelle  erhalten,  sei  ein  ge- 
lehrter Mann.  Man  habe  ihm  für  seine  Privatschule  den 
Knaben  eines  Hofmarschalls  aus  Cassel  auf  -hausen  ange- 
tragen; er  habe  aber  nicht  gern  mit  zu  vornehmer  Leute 
Kindern  zu  thun. 

S.  8:3.  Schwenck,]  Conrad,  geb.  d.  21.  Oct.  1798  in 
Lieh  b.  Giesaen,  Schüler  Welcker's  und  Jugendfreund  von 
Friedr.  Diez.  1823  ging  Schwenck  nach  Frankfurt,  obwohl 
er  die  Stelle,  um  welche  er  sich  gleichzeitig  mit  Bang  be- 
warb, auch  nicht  erhalten  hatte,  erst  1825  wurde  er  zum  Lehrer 
der  Geschichte  am  Gymnasium  daselbst  ernannt.  1858 
wurde  er  als  Conrector  des  Gymnasiums  pensionirt  und  starb 
am  14.  Febr.  1864;  vgl.  Dr.  E.  Neubürger:  „Einige  Blätter 
zur  Erinnerung  an  Konrad  Schwenck"  Frankf.  a/M.  1867, 
sowie  meine  „ErinnerungBworte  an  Fr.  Diez"  S.  17  ff. ;  femer 
einen  Br.  v.  Diez  an  J.  Grimm  in  Z.  f.  rom.  Phil.  VII,  489. 

S.83.  etymologisirt  in  Kannescher  Art.]  Offen- 
bar Anspielung  an  Kanne's  Pantheum,  worüber  vgl.  J.'s  u. 
W.'s  Aeusserungen  gegenüber  Görres  vom  5.  Dec.  1811  und 
dessen  Erwiderung  in  seinen  gesammelten  Briefen  II  261  f., 
268  f.,  283  f.,  wieder  abgedr.  in :  Briefe  v.  J.  Gr.  an  Tyde- 
man  S.  181.  Naturgemäss  ist  J.'s  Urtheil  1822  weniger 
günstig,    üeber  eine  andere  Schrift  Kanne's  s.  Anm.  zu  S.  150. 

S.  84.  Hier  in  Cassel  war  zu  meiner  Zeit 
Richter  .  .  Rector]  vgl.  die  Autobiographie  bei  Justi. 
An  die  Schuljahre  erinnerte  sich  J.  später  gern:  vgl. 
Freundesbr.  S.  91 ,  Brief  v.  28.  Merz  1824 ,  sowie  einen  Br. 
an  Lassberg  v.  24.  Aug.  1829,  d.  h.  in  der  Zeit  geschrieben,  wo 
die  Berufung  nach  Göttingen  bereits  so  gut  wie  sicher  ge- 
stellt war  (Germ.  XIII,  367):  Jugend  er  innerungen  sind  doch 
die  schönsten  und  werden  immer  schöner,  ich  möchte  mich, 
80  oft  ich  daran  gedenke,   in   meine   Schuljahre  zurückver- 


y  Google 


172  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  85—89. 

netzen  (viel  lieber  als  in  die  studentenjahre)  die  bücher 
unter  den  arm  nehmen  und  fröhlich  über  den  markt  springen. 
So  leicht  ums  herz  wirds  einem  hernach  doch  nie  wieder, 
wie  damals ;  wie  voll  und  verweilend  ist  die  zeit  der  Jugend, 
ein  tag  mehr  als  jetzt  eine  schnell  verrauschende  woche.* 
Jacob  war  übrigens  auch  ein  musterhafter  Schüler  gewesen. 
Aus  dem  Festprogramm  des  Casseler  Gymnasium  von  1879: 
wZur  Statistik  des  Lyceum  Fridericianum  während  seines 
Bestehens  von  1779—1835  von  Dr.  F.  G.  K.  Gross"  S.  V 
ergiebt  sich,  dass  schon  beim  Herbstexamen  1799  Nathanael 
Caesar  über  Jacob  Grimm  als  Primus  der  Oberquartaner 
schrieb:  „Mit  Vergnügen  können  ihn  die  Lehrer  als  einen 
der  fähigsten,  fleiezigsten  und  gesittetsten  Schüler  empfehlen* 
und  1801  beim  Frühjahrsexamen  über  ihn  als  Primus  der 
Untersecunda  urtheilt:  „Macht  bei  un tadelhafter  Aufführung 
mit  gewohntem  Fleisz  rühmliche  Fortschritte*,  und  bei 
seinem  Abgange  aus  Unterprima  Ostern  1802 :  dass  r  er  durch 
seinen  ausnehmenden  Fleisz  völlig  die  Kürze  der  auf  dem 
Lyceo  zugebrachten  Zeit  ersetzte.*  Seine  am  9.  April  1802 
gehaltene  Valedicenten-Rede :  „De  ingeniorum  certaminibus 
in  sacris  Graecorum  ludisque  solemnibus"  fehlt  nach  der- 
selben Quelle  leider  in  der  betreffenden  Sammlung  des 
Casseler  Gymnasium.  Ueber  W.  Grimm  sind  ähnliche 
Notizen  nicht  überliefert  (vgl.  Anm.  zu  II S.  1),  ihn  ängstigt 
noch  1824  im  Traum  der  Gedanke,  dasz  er  in  die  Schule 
gienge  u.  dieses  u.  jenes  nicht  wisse  (vgl.  S.  233). 

b.  85.    Jetzt   siehts   mit   dem   hies.   Lyc.  nicht 


gut  ausl  vgl.  S.  60. 

S.  86.     Creuzer,  der  junge] 
rath   Creuzer   in   Marburg   u.  Meffe  des  Heidelberger  Prof., 


S.  86.     Creuzer,  der  junge]    Sohn  des  Consistorial- 


vorher  Hülfsl ehrer  bei  Bang  in  Gossfelden  und  dann  Gym- 
nasiallehrer in  Marburg  und  Hersfeld. 

S.  86.  Vorrede  u.  Einl.  musste  wegbleiben] 
vgl.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  309  Anm.  zu  S.  7. 

S.  87.  Eichhorns  Jahr h.J  gemeint  ist  offenbar  Joh. 
Gott.  E.'s  Gesch.  d.  3  letzten  Jahrh.    3.  Aufl.  1817. 

S.  88.  Co  11  mann]  Pfarrer,  welcher  in  Cassel  eine 
Erziehungsanstalt  hatte. 

S.  88  no  48].  Darauf  erwidert  B.'s  Br.  22.  v.  9.  1.  24: 
Dank  für  die  Mittheilungen ,  näheres  über  Conradis  Ver- 
lobung. Bücher  brauche  er  wohl.  „Brod  u.  Bücher.  Lange 
habe  ich  mich  danach  gesehnt.  Aber  der  Gevatter  Wil- 
helm hat  alle  die  Aufträge  vergessen  in  den  glänzenden 
Circeln  Marburgs.  Aber  so  sevd  Ihr  ürbani  mit  Eurer  ür- 
banitas.    Dennoch  soll  er  herzlichst  gegrüszt  sein." 

S.  89.    serbische   Gr.]     Wuk's  Stephano witsch  (vgl. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  1  S.  89—90.  173 

Anm.  S.  228)  kleine  serbische  Gr.,  verdeutscht  u.  mit  einer 
Vorrede  v.  J.  Gr.  Leipz.  u.  Berl.  1824.  Vgl.  Germ.  XI,  385 
und  Kl.  Sehr.  J.  Gr.'s  IV,  22. 

S.  89.  Preisschrift  über  die  deutschen  Ad- 
jectiva)  vgl.  Br.  v.  J.  Gr.  an  Tydeman  S.  142  Anm.  zu 
S.  78.  Sie  war  veranlasst  durch  ein  Preisausschreiben  der 
deutschen  Gesellschaft  zu  Königsberg,  doch  wurden  nur  die 
beiden  ersten  Kapitel  fertig  gestellt.  Sie  sind  zum  ersten 
Mal  abgedr.  in  J.  Gr.'s  Kl.  Schriften  VI,  307  ff. 

S.  89  no  49.]  Darauf  erwidert  B.'s  Br.  23.  undatirt 
(Postst.  21.  April j.  Die  Bücher  folgen  zurück ,  Eichhorn 
tauge  nichts.  Jacobs  letzter  Brief  vom  Jan.  sei  trübsinnig 
ffewesen.  Dass  man  ihn  kränke  sey  ihm  unbegreiflich,  dasz 
J.  aber  denken  könne,  er,  B.,  glaube  ihn  auf  falschem  Wege, 
das  ginge  über  die  Schnur. 

S.  90  no  501  Darauf  erwidern  B\s  Br.  24  u.  25  v.  16.  7. 
u.  26.  8.  25  —  Br.  24:  Glückwunsch.  Das  Verbot  der  An- 
spielung anf  die  Namen  Grimm  und  Wild  veranlasste  B. 
an  Chrimhieldzu  denken  und  fluon  Jacob  einige  Lob- 
verse der  Ehe  zu  citiren.  Im  übrigen  spricht  er  über  die 
anbei  zurückgehenden  Bücher,  über  seine  drei  ältesten 
Söhne,  über  seinen  Gehtilfen  Dr.  Grenzer,  über  Savigny's 
Befinden.  Ein  Bonner  Profess.  habe  ihm  Ostern  erzählt, 
S.  habe  mit  der  Familie  vielen  Kampf  über  das  Nicht- 
catholischwerden  seiner  Kinder  gehabt ,  er  habe  aber  fest 
widerstanden.  ,Als  ich  in  der  Zieitung  las,  dasz  ein  anderer 
Minister  der  Justiz  geworden,  alo  nicht  S. ,  habe  ich  eine 
Bouteille  alten  Rheinwein,  die  noch  bey  mir  lag  als  Ge- 
schenk, ganz  allein  getrunken.'  B.  bittet  dann  um  Für- 
sprache und  Rath  wegen  eines  Stipendiums  für  seinen 
Sohn.  —  Br.  25  empfiehlt  den  Doctorandus  Creuzer,  seinen 
Gehülfen,  welcher  bei  M.  R.  Graft  Hauslehrer  werden  solle. 
C.  thue  es  noth,  etwas  unter  die  Menschen  zu  kommen. 
Nachfrage  nach  Savigny.  .Habt  Ihr  gelesen  'Vosz  und  die 
SvmboliK*  von  einem  gewissen  Menzel?  Der  hat  aber  den 
alten  Steinbock  mächtig  gepackt.*  B.  bittet  um  Auskunft 
über  Menzel  und  andere  Schriften  von  ihm,  möchte  nur 
wenige  Buchstaben  wieder  einmal  von  Jacob  sehen  und  grüszt 
die  Männer  und  die  Frauen  im  Grimmschen  Hause  herz- 
lich und  freundschaftlichst 

S.  90.  Meine  Braut  heiszt  Dorothea.]  Das 
Heirathsconsensgesuch  Wilhelm  Grimmas  s.  Bd.  U,  S.  9  ff. 
Die  Heirath  fand  am  15.  Mai  1825  statt.  Unter  diesem  Tag 
findet  sich  im  Kirchenbuch  der  Kasseler  Hofgemeinde  Bd.  E. 
p.  411  folgender  Eintrag:  «Herr  Wilhelm  Carl  Grimm 
Secretarius   bey   Kurfürstlicher   Bibliothek  des  in  Hanau  (!) 


y  Google 


174  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  90—92. 

verstorbenen  Stadtschreibers  H.  Wilhelm  Carl  Grimm  hinterl. 
S.  und  Jungfrau  Henriette  Dorothea  Wild,  des  verstorbenen 
Apothekers  Herrn  Joh.  Rudolph  Wild  hinterl.  T.**  Vgl.  sonst 
hier  S.  238,  sowie  Görresbriefe  HI,  190  f.,  Briefe,  mit  von 
Meusebach  S.  322,  Freundesbr.  S.  231  und  Jugendbr.  S.  506 
no.  34  den  Eintrag  in  die  Grimmische  Familienbibel:  ,Im 
Jahre  1825  den  15.  Mai  verheirathete  sich  mein  lieber 
Bruder  Wilhelm  mit  Dorothea  Wild,  Tochter  des  verstorb. 
Herrn  Wild,  Apotheker  dahier.  Die  Einsegnung  geschah 
Morgens  1/2I2  Uhr  im  Schmerfeldischen  Gartenhaus.  Der 
Himmel  gebe  ihnen  seinen  Segen.  Cassel.  Jacob  Grimm.' 
—  Das  schöne  Verhältniss,  welches  zeitlebens  nicht  nur  W. 
sondern  auch  J.  mit  Dortchen  verband,  geht  aus  zahlreichen 
Stellen  ihrer  Briefe  hervor.  Ich  erinnere  nur  an  folgende : 
J.  Gr.  an  v.  Meusebach  v.  15.  Nov.  1829  (S.  120):  .Dortchen 
kommt  mir  ordentlich  wie  meine  frau  vor,  weil  ich  nach 
der  frau  bibliothecarin  und  nicht  mehr  nach  der  irau  se- 
cretarin  fragen  höre.**  W.  Gr.  an  Lachmann  18.  Jan.  1838 
(Briefw.  mit  Meusebach  S.  415):  «Jacob  sitzt  in  Cassel.  .  •  . 
Die  Trennung  thut  ihm  weh  wie  uns.  'Sie  thun  dort  alles 
fOr  mich,  schreibt  er,  aber  sie  können  mir  nicht  geben,  was 
ich  vermisse.'  Zu  seinem  Geburtstag  am  4.  Jan.  reiste 
Dortchen,  da  sich  eine  Gelegenheit  darbot,  sammt  allen 
Kindern  hin.  Sie  langte  den  Abend  vorher  an,  stieg  bei 
ihrem  Bruder  ab,  und  sie  machten  sich  den  andern  Morgen 
auf  den  Weg  in  die  Bellevue*  etc.  —  Anspielungen  auf  ihre 
Namen  mussten  zieh  die  Brüder  offenbar  oft  gefallen  lassen 
vgl.:  «Es  ist  mir  nur  lieb,  dass  Sie  nicht  .  .  .  meine 
Grammatik  eine  Grimmatik  gescholten  haben.*  (Brief  J. 
Gr.'s  an  v.  Meusebach  vom  24.  Dec.  1822,  S.  6),  vgl.  auch 
L.Diefenbach  an  Weigand  vom  11.  Jan.  1851(Anm.z.S.388). 
S.  92  no  51.]  erwidert  auf  B.'s  Br.  26.  v.  14.  2.  26: 
Bang  beginnt  mit  verspäteten  Neujahrswunsch,  erkundigt 
sich  nach  dem  Hofmeister  Creuzer,  dessen  sich  die  Brüder 
annehmen  sollen.  .Ich  hoffte  viel,  dasz  ihm  das  Anschauen 
Ihrer  ebenso  geräuschlosen  als  groszen  Thätigkeit  ein 
Centrum  geben  sollte.*     Gerücht,  der  Heidelberger  Creuzer 

Sehe  nach  Berlin,  seine  und  Daubs  Sache  sei  allerdings  in 
[.  bedeutend  gesunken.  .Clemens  Brentano  hat  vorigen 
Sommer  in  Wiesbaden  eines  Pfarrers  Tochter  zum  Catho- 
licismus  verführt.  Der  Pfarrer  ist  ein  Jugendlehrer  von 
Savigny  und  hat  vor  langen  Jahren  schon  einmal  die 
Schmach  gehabt,  dasz  Clemens  eines  seiner  Gedichte  so 
jämmerlich  mishandelte  ....  Lassen  Sie  doch  wieder 
durch  einiffe  Bücher  es  hier  sichtbar  werden,  dasz  Sie  noch 
über  eine  Kurfürstl.  Hessische   Hof-Bibliothek  zu    befehlen 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  1  S.  96—97.  175 

haben.  Zwar  weis  ich  von  Prof.  Hupfeld,  dasz  Sie  dieszes 
drückend  genuff  fühlen ;  aber  ich  möchte  doch  wieder  sicht- 
bare Proben  davon  haben.  Herzlichste  Grüsze  an  die 
Frauen,  Brüder,  Schwester  und  an  Euch." 

S.  97.  Wer  wird  nun  curator  der  Universität? 
ich  denke  minist  er  iairath  Ries].  Es  handelt  sich 
hier  nicht  um  den  Curator  in  dem  heutigen  Sinne,  der  da- 
mals den  Titel  landesherrlicher  Commissarius  führte  (diese 
Stellung  bekleidete  seit  1821  bis  in  die  30er  Jahre  der 
Hegierungsrath  Hast),  sondern  um  den  Vorstand  des  Mini- 
steriums des  Innern,  von  welchem  die  Universität  ressortirte. 
Nach  der  Entlassung  von  Kraft  ( Anm.  S.  100)  aus  diesem  Ajnt, 
wurde  der  Vorstand  des  Justizministeriums  Hiesz  zunächst  be- 
auftragt, auch  die  Geschäfte  des  Ministeriums  des  Innern  zu 
fahren.   Später  gab  er  dann  das  Justizministerium  ganz  ab. 

S.  97  no  53.J  erwidert  auf  B/s  Br.  27  v.  30.  3.  26. : 
yLiebe  Gevattern  und  Freunde!  Der  junge  Bauer  aus  meiner 
Gemeinde,  20  Jahre  alt,  der  im  Sommer  Maurer  und  Lehm- 
arbeiter und  "Weisbinder  ist,  legt  sich  in  den  müssigen 
Stunden  des  Winters  aufs  2^ichnen  and  Mahlen.  Bey  mir 
holt  er  sich  immer  Bilder  zum  Copiren,  und  hat  nebst  den 
Göttinger  Professoren,  Ihrem  Geschenk,  auch  Ihr  Bild,  lieber 
Jacob,  gemahlt.  Weil  ich  glaube,  es  mache  Ihnen  Freude, 
so  einen  Bauer  unter  meinen  geistlichen  Söhnen  zu  wissen, 
so  schicke  ich  Ihnen  die  Copie  dieses  Bildes.  Was  sagen 
Sie  dazu?  und  was  die  Brüaer?  Vorgestern  stand  erlange 
vor  Ihrem  Bild  lieber  Wilhelm  !  zweileite  aber,  obs  ihm  ge- 
lingen werde.**  Herr  Kraft  habe  ihn  besucht,  er  verstehe 
die  Kunst  sich  schnell  zu  orientiren,  habe  nach  allem 
examinirt,  nach  Waschen  wie  nach  Methode  u.  Stoff.  Er 
sey  ihm  immer  noch  als  ein  Minister  des  öffentlichen  Unter- 
richts erschienen  u.  habe  förmlichen  Unterricht  im  Deut- 
schen nach  Adelung  oder  Schmieder  verlangt.  „Der  Debel 
hohl  mich,  was  hatte  ich  gleich  zur  Hand  Ihre'  Grammatik 
1.  Ausg.  u.  liesz  ihn  sehen,  was  noth  thue.  Ehe  bis  wir 
so  weit  wären,  dasz  diesz  Buch  in  die  gelehrten  Schulen 
eindringe,  läugnete  ich  jeden  anderen  Unterricht  im  Deut- 
schen, sagend,  die  Jungen  müssten  es  lernen,  wie  es  Sa- 
vifiT^y  gelernt,  der  es  bekanntlich  gut  gelernt  habe.* 
Kraft  habe  Lust  gezeigt  ihm  seinen  Jungen  anzuvertrauen, 
doch  habe  er  ihn  nicht  darin  bestärkt,  übrigens  habe  er 
grosse  Achtung  vor  dem  Mann  ,u.  die  Erfahrung  wirds 
lehren,  ob  jener  Riese  diesze  Kraft  habe."  Die  Schilderung 
J.'s  von  dem  jungen  Creuzer  stimme  ganz  mit  seinem  Ur- 
theil  überein.  Er  habe  sie  dem  Vater  gezeigt.  Der  Sohn  sey 
jetzt  in  Marburg  krank,  solle  aber  nach  Cassel  zurück  u.  die 


y  Google 


176  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  97-101. 

Brüder,  welche  er  verehre,  möchten  ihn  zur  Arbeit  ermuntern 
und  an  eine  Bibliothek  empfehlen.  Den  zweiten  Bd.  d. 
Grammatik  habe  er  noch  nicht  gelesen.  Buttmann's  Lexi- 
logus  sey  frei  von  der  kahlen  Speculation  sonatiger  Etymo- 
logen. Riemer  sey  „wohl  geistreich  u.  witzig;  aber  auch 
naseweis  u.  verwegen,  ein  leichter  Husar,  der  die  schwere 
Cavallerie  der  Philologen  oft  ärgert.*  Passow  müsse  in 
der  Metrik  noch  Manches  lernen.  Seyifart  solle  dem  Her- 
mannschen  System  einen  heftigen  Stoss  versetzt  haben.  Er 
habe  endlich  an  Savigny  geschrieben  „Glaubet  fest,  dasz 
auch  ich  innigst  froh  seyn  werde,  wenn  bey  Euch  der  Ruf 
erschallet:  'Es  ist  uns  ein  Mensch  geboren  worden.**  — 
Auf  no  53  erwidert B.'s  Br.  28.  v.  11.  5,  26.  betitelt:  ,*Au8- 
zug  eines  Briefs,  den  ich  meinen  lieben  Gevattern  Grimm 
schieiben  wollte:  Glückwunsch  wegen  des  kleinen  Jacob, 
Bitte  B.'s  Sohn ,  welcher  über  Cassel  nach  Göttingen  reise 
Bibliothek  u.  Museum  zu  zeigen.  „Herrlicher  Brief  v.  Sa- 
vigny. So  menschlich  rein,  so  gelehrt!  aber  leider  auch 
sehr  klagend  besonders  über  Gesundheitszustand  u.  über 
sectenartige  Widersacherei  der  Hegelianer."  Die  Regierung 
habe  Vosz  u.  Paulus  den  Streit  mit  Creuzei  verboten.  Voaz 
sey  mit  dem  Rescript  auf  dem  Krankenlager  verschont.  Die 
Fama  verbreite  dennoch,  er  sey  daran  gestorben.  Bitte  um 
Savigny's  Abhandlungen  über  das  Colonat  u.  d.  Steuerver- 
fassung. Er  nenne  sie  seine  gelungensten.  „Der  S  .  .  dasz  er 
sie  mir  nicht  geschickt !  Da  er  doch  weisz,  wie  mich  jedes 
Büchlein  erfreut.  Der  junge  Creuzer  ist  am  Marburger 
Gymn.  mit  100  Thlr.  angestellt/ 

S.  97.  JacobJ  Wilh.  Grimm's  ältester  noch  im  selben 
Jahr  verstorbener  (S.  241  f.)  Sohn.  Vgl.  über  seine  Geburt 
Freundesbr.  S.  231  f.  sowie  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  362 
Anm.  zu  S.  31  no.  22-3.  Im  Kirchenbuch  der  Kasseler 
Hofgemeinde  Bd.  E  finden  sich  folgende  2  Einträge  p.  133: 
„Getaufte  1826.  April  am  16.  Jacob  des  Bibliothek  Secretars 
H.  Dr.  Wilhelm  Grimm  et  ux.  Dorothea  geb.  Wild  S.  n. 
3.  April  h.  p.  2.  Gev.  H.  Bibliothekar  Jacob  Grimm,  des 
Kindes  Oheim*  und  p.  534:  rBegrabene  1826.  December 
am  18.  Jacob,  des  Bibliotheks-Secretarius  Herrn  Dr.  W.  C. 
Grimm  et  ux.  Dorothea  Henriette  geb.  Wild  S.,  t  am  1^.  I^ec. 
h.  m.  V,  alt  8  M.  5  T.* 

S.  100.  diesen  Staatsmann]  Ministerialrath  Kraft 
in  Cassel,  dann  Obergerich tsdirector  in  Marburg  (vgl.  S.  85 
u.  96).     Er  starb  als  Meiningischer  Staatsminister  a.  D. 

S.  101.  Der  junge  Mensch.]  Herr  Amtmann  Hille 
in  Darmstadt,  der  zu  jener  Zeit  Bang's  Schüler  war,  und  in 
dessen  Besitz  dieser  unser  Brief  sich  derzeit  befindet,  theilt 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  101—104.  177 

mir  mit:  «Es  handelt  sich  unfehlbar  um  den  Weissbinder- 
gesellen  Bosz  aus  Samau ,  der  allherbstlich  die  frischen 
Kalkwände  der  Schulstube  in  Banges  Haus  mit  einer  Roseti- 
guirlande  zu  schmücken  pflegte.  Ich  habe  ihn  Wünsche 
aussprechen  hOren,  die  Bang  —  unter  Umst&nden  ein  Bischen 
IdealiBt  —  als  Ausflüsse  verborgenen  Talents  gehalten  haben 
mag,  erinnere  mich  auch,  dasz  JBosz  Bang  was  gezeichnetes 
brachte." 

S. IQlf.  Bumohr  über  die  Kochkunst.^  Dr.Beimer, 
Archivar  in  Marburg  theilt  mir  mit,  dass  sich  im  Besitz 
seiner  Verwandten  ein  Kochbuch  befindet,  in  welches  von 
idlen  möglichen  Freunden,  darunter  auch  von  den  Brüdern 
Grimm,  je  ein  Recept  eigenh&ndie  eingetragen  sei.  Dasselbe 
ist  jetzt  in  Prof.  A.  Tobler's  Händen. 

S.  103.  In  diesen  Monaten  streichen  die 
Professoren  wie  Zugvögel]  vgl.:  «Also  mit  den  ge- 
lehrten Vögeln ,  die  im  Frühjahr  u.  Herbst  von  einer  üniv. 
zur  andern  ziehen,  haben  Sie  diesmal  nicht  streichen 
wollen?*  Brief  W.  Gr.'s  an  Lachmann  im  Briefw.  mit 
V.  Meusebach  S.  382  (datirt  v.  13.  Aprü  1833). 

S.  103.  Offenbarungen  der  Dülmer  Nonne] 
vgl.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  363,  Görresbriefe  II,  576. 

S.  103.  Ich  höre,  dasz  man  in  Marburg  viel 
von  der  Versetzung  der  Universität  hierher 
spricht.]  Im  Marbur£[er  Universitätsarchiv  befindet  sich 
unter  den  Senatsacten  em  eigenes  Fascikel  Über  die  Irrig- 
keit dieser  durch  Zeitungsartikel  ausgesprengten  Geruch^, 
welche  den  Senat  aber  doch  veranlasst  hatten,  in  Cassel 
darüber  anzufragen.  Vgl.  Anm.  zu  S.  241  Snabedissen^s 
Br.  47. 

S.  104.  no  55.]  ist  datirt  vom  18.  Juni  (Jnr.  ist  verdruckt) 
1827  und  erwidert  auf  B.'s  Br.  29.  v.  16.  6.  1827.  Danach 
hofft  B.  Passavants  Stelle  an  der  reformirten  Kirche  in  Frank- 
furt zu  erhalten  u.  bittet  um  Empfehlung.  Director  Vömel, 
der  die  Schule  mit  dem  Mystischen  der  Religion  überfalle, 
bewerbe  sich  allerdings  auch  darum,  habe  aber  z.  B.  die. 
Neufvüle^s  gegen  sich.  „Ich  sage  nichts,  wie  es  mir  zuletzt  bei 
Ihnen  gefafien . . .  wie  ich  Schlegel  bej  allen  seynen  unange- 
nehmen Manieren  u.  Grimassen  dennoch  sehr  achte.'  — 
Auf  no  55  erwidert  B.'s  Br.  30.  v.  29.  6.  1827:  B.  ist  in 
Frankfurt  gewesen  u.  sehr  freundlich  v.  Thomas  aufgenommen. 
Der  m;^ stische  Scholarch  habe  keine  Aussicht,  er  aber  wahr- 
scheinlich auch  nicht,  da  viele  sich  schon  gebunden  hätten. 
Clemens  Brentano  sei  von  einer  Reise  nach  Paris  auch  in 
Frankfurt ,  u.  sage,  er  B.  passe  als  Prediger  nicht  für  die 
Frauen.    Als  schönsten  Gewinn  seiner  Reise   betrachte   er 

£.  Stengel.    Acten  der  Brüder  arlimu.  X2 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


178  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  104-105. 

die  Bekanntschaft  mit  Görres,  dessen  hohe  Einfalt  n.  Klar- 
heit ihn  entzückte  a.  den  er  über  Schlegel  stelle.  Er  arbeite 
jetzt  eifrig  an  einem  ethnologischen  Geschichtswerk,  das, 
wie  er  gerade  heraussage,  gewaltig  aufräumen  würde.  Eine 
seiner  Hauptquellen  seyen  die  dazu  noch  gar  nicht  be- 
nutzten Schollen  der  Alten.  Er  hoffe  im  Herbst  in  München 
angestellt  zu  sein.  Sein  Sohn,  Guido,  habe  ihm  auch  gefallen, 
er  wolle  bald  die  Grimms  aufsuchen.  Frau  Thomas  lasse 
die  ganze  Grimmsche  Familie  grüssen.  Christian  Brentano 
komme  bald  von  Rom  zurück.  Savigny  u.  Frau  seien  ge- 
sund, über  den  Sohn  klagen  alle.  Bitte  um  Bücher 
namentl.  um  2te  Aufl.  v.  Niebuhrs  Rom.  Gesch.  über  deren 
Umänderungen  sich  Görres  sehr  gefreut  habe,  sowie  um 
2  Aufsatze  Savigny's. 

S.  105  vor  no.  56.]  Hier  schiebt  sich  folgender  mir 
nachträglich  von  Herrn  Amtmann  H  i  1 1  e  abschriftlich  über- 
sandter  Brief  ein : 

55a.    Jacob  Grimm  an  Bang. 

Der  neue  Niebuhr,  lieber  Bang[,  den  Sie  haben 
wollten,  ist  schuld,  dafs  auf  Ihren  brief  vom  29  juni  so 
späte  antwort  erfolgt,  das  buch  war  nicht  gleich  in  meinen 
bänden,  hernach  wollte  ich  es  selbst  wenigstens  durchlaufen 
und  auch  jetzt  kann  ich  es  Ihnen  nur  auf  drei,  vier  wochen 
lafsen.  Es  haben  sich  noch  mehrere  der^leiche  leser  dazu 
gemeldet,  übrigens  finde  ich  es  zwar  weit  ausgearbeiteter 
und  reicher,  worüber  er  in  der  vorrede  mit  schönem  stolze 
spricht,  aber  doch  nicht  so  grundverändert,  wie  Gör  res 
meint.  Ein  werk,  das  einem  zu  schaffen  macht,  wie  wenige, 
man  muls  überall  streng  aufmerken  um  zu  verstehen  und 
zu  behalten:  Ich  lege  Ihnen  Ranke  und  Schlossers 
neue  ausgäbe  bei.  Von  Ranke  ist  eben  ein  frisches  werk 
heraus  über  das  16.  17  jh.  mit  gleichem  geiste  und  fleilse 
geschrieben,  das  Sie  haben  sollen,  wenn  Ihnen  jenes  gefällt. 
—  Menzels  reform ationsgesch.  (die  meinen  Sie  doch?)  ist 
ausgeliehen.  —  Es  freut  uns,  dafs  es  Ihnen  zu  Frankfurt  nach 
wünsch  ergangen  ist,  wenn  auch  aus  der  hauptsache,  wie  es 
scheint,  wieder  nichts  werden  sollte.  Thomas  ist  ein  ehr- 
licher, verständiger  mann;  der  andere  der  nach  mir  fragte 
wird  Senator  Scharf  gewesen  sein.  Dafs  Ihnen  die  männer 
von  allen  parteien  recht  sind,  wo  sie  geist  und  gelehrsamkeit 
offenbaren  und  ein  redliches  herz  zeigen,  ist  ein  schönes 
zeug^ifs  für  Ihren  eignen  sinn.  Die  ^ofsen  entd  eckungen 
des  Gör  res  aus  den  scholiasten  begreife  ich  noch  zur  zeit 
nicht,  wills  aber  abwarten,  überhaupt  vermag  ich  den  gang 
nicht  zu  verfolgen  den  seine  studien  in  den  letzten  zehn 
Jahren,  seit  er  wenig  wifsenschafblicher  art  hat  drucken 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  105—108.  179 

lafsen,  genommen  haben.  Den  söhn  habe  ich  anch  von 
anderen  loben  hören.  —  Für  die  mittheilnngen  über  Clemens 
und  Christian  danke  ich.  Von  Savigny  lauteten  die 
letzten  meidungen  gut,  sind  aber  freilich  etwas  alt;  doch 
muTs  keine  neue  gefahr  eingetreten  sein.  —  Senden  Sie  mir 
doch  die  beiden  abhandlun^en  Savignys  über  die  röm. 
Colonen  und  abgaben  bald  wieder,  ich  brauche  sie.  —  Luis 
ist  nach  Westphalen  gereist,  Wilhelm  und  Dortchen 
wohl,  wir  grüisen  Sie  von  herzen:  Ihr  treuer  freund  und 
gevatter 

Cassel  20  aug.  1827.  Jac.   Grimm. 

S.  105.  no  55.  a].  Auf  diesen  Brief  erwidert  B.*s  Br. 
81.  y.  4.  10.  27:  B.  sendet  Bücher  zurück  und  bittet  um 
neue,  beschreibt  das  Universitätsfest,  welches  die  Brüder, 
wie  fast  alle  Cassler  verschmäht  hätten.  Savi^y  werde 
krank  in  Träges  zurück  erwartet  und  solle  nie  mehr  in 
Berlin  auftreten  wollen.  Creuzer  habe  Gans  ins  Gesicht  ge- 
sagt: dasz  er  S.*s  Buch  ganz  anders  habe  behandeln  sollen, 
und  habe  seinen  Namen  auf  der  Berliner  B«censentenb'ste  aus- 
streichen lassen.  Er  Bang  könne  eine  gute  Portion  Wünsche 
Ssbrauchen,  da  seine  ,Frau  jetzt  zum  zwölften  mal  eine 
albkuffel  tragend*  von  Tag  zu  Tag  der  Erlösung  ent- 
fegensehe.  Sonst  wäre  er  ein  Paar  Tage  nach  Cassel  ge- 
ommen.  Thiersch:  ,Über  öffentl.  Schulen*  habe  ihm  sehr 
gefcdlen. 

S.  108.  Wit.  Dörring.]  Wit  genannt  v.  Dörring. 
1827 — 30  erschienen  von  ihm  „Fra^m.  aus  meinem  Leben 
n.  meiner  Zeit',  1827  in  Braunschweig:  Lucubrationen eines 
Staatsgefangenen. 

S.  108.  no  57]  erwidert  auf  B.'s  Br.  82.  v.  16.  1.  1829: 
„Meine  liebe  freunde!  folgendes  Bruchstück  aus  einem 
Dialog  mit  meinem  dritten  Sohn,  der  ein  Jurist  ist,  giebt  die 
erste  Veranlassung  zu  diesem  Brief:  —  Sohn :  Ich  mag  nun 
im  nächsten  Semester  das  Germanicum  in  Marburg  oder 
Heidelberg  hören,  so  will  ich  mich  immer  im  voraus  be- 
kannt machen  mit  Eichhornes  dahin  gehörigen  Schriften; 
5:ebe  mir  doch  zu  dem  Ende  das  Buch  des  Herrn  Grimm. -^ 
ch:  Diesz  Buch  habe  ich  nicht;  es  mag  noch  nicht  heraus 
seyn.  —  Sohn:  Heraus  ist's;  schon  im  Herbst  habe  ichs  bey 
Herrn  Carl  in  Hanau  gesehen.  -  Ich :  Aber  ich  habe  es 
nicht.  —  Sohn:  Warum  nicht?  —  Ich:  Der  Verfasser  hat 
mirs  nicht  geschickt  —  Sohn:  Warum?  —  Ich:  Herr 
Grimm  denkt  vielleicht,  ein  Buch  solchen  Inhalts  nütze  mir 
nichts.  —  Sohn:  Das  ist  wohl  richtig,  aber  Savigny  hat  Dir 
doch  alle  seine  Schriften,  die  noch  in  weit  strengerem 
Sinn  nur  juristischen  Inhalts  sind  geschickt.  —    Ich:    Ja 

12* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


180  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  108—111. 

80  .  .  .  .■  Er  hoffe  diese  neue  Art  Bettelejr  werde  J.  nicht 
ganz  verwerflich  finden.  Thomas  denke  ihn  immer  noch 
von  Qoszfelden  fortzubringen,  doch  bliebe  er  nun  gern  da 
(vgl.  Thomas  an  J.  Gr.  v.  20.8.1827).  Creuzersei  im  Herbat 
viele  Tage  dagewesen  munter  und  spasshafb,  Savigny  sei 
wohl.  iiNun  ist  noch  Raum  Ihnen  eine  Sprachbemerkung 
mitzutheilen ,  dasz  Ewart  i.  e.  Gesetzbewafarer  in  Ober- 
hessen noch  im  Munde  des  Volkes  lebe.  So  ist  z.  B.  das 
Währ-Ewart  eine  Gesellschaft  von  Bauern,  welche  das 
Flusz-währ  behufis  der  Wässerung  der  Wiesen  in  einem 
groszen  Umkreise  aufrecht  h&lt,  das  Recht  selbst  zu  strafen 
ausübt  etc.  Lre  ich  nicht,  so  giebts  eine  Dissertation  de 
judiciis  ad  Lanam.' 

S.  109.  Bauer,  Prof.  in  Marburg.]  Die  ürtheile 
der  BrQder  über  ihn  waren  schon  in  der  Studentenzeit  sehr 
ungünstig,  wie  ihre  Briefe  aus  der  Jugendzeit  ergeben  (vgl. 
S.  9,  28,  55).  Ebenso  urtheilt  J.  Gr.  in  einem  Brief  an 
Tydeman  vom  8.  Dec.  1812  S.  43:  „An  Goedes  Stelle  ist 
Bauer  ans  Marburg  versetzt,  ein  mittelmässiger  Docent,  der 
sich  nur  mit  unbeneidenswerthem  Eifer  auf  das  neue  Recht 
geworfen  hat."     Vgl.  S.  289  Wilhelms  ürtheil. 

S.  109  den  Hu  fei  and].  Gottlieb  H.  seit  1788  Prof.  ftLr 
deutsches  Recht  in  Jena  starb  1817  als  Prof.  in  Halle. 

er  wollte  mir  nicht  behagen]  vgl.  «so  könnte  ich 
mich  jetzt  nicht  mit  Staats-,  Privatrecht  etc.  abgeben.*  Brief 
an  W.  V.  12.  7.  1805  (Jugendbr.  S.  58).  Dennoch  beabsich- 
tigte J.  sich  damals  der  Prüfung  pro  advocatura  zu  unter- 
ziehen (vgl.  ib.  S.  36,  39,  57),  hat  aber  die  Absicht  nie  ver- 
wirklicht, wenigstens  findet  sich  in  den  Acten  der  jur.  Fa- 
cultät  nichts  darüber.    Über  Wilhelms  Prüfung  s.  IL  S.  1. 

S.  110.  Berliner  Facultät  .  .  .  das  Diplom 
ausgefertifj^t]  vgl.  Br.  an  v.  Meusebach  S.  847. 

S.  110.  die  Statute  der  oberhessischen  wuhre- 
warte].  Gemeint  sind  die  Währ-Ewart e  in  Bangs 
Br.  32.  Vgl.  dazu :  Das  Wehreinwart  im  Amte  Wetter  von 
Landau  (Bd.  4  d.  Zeitschrift  d.  hess.  Geschichtsvereins 
Kassel  1847  S.  167  ff.) 

den  impertinenten  Gans]  E.  t  ^*  ^«  1839,  vgL 
über  ihn  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  335  ff. 

S.  110.  Hol  weg].  Betiimann  -  Holweg  der  bekannte 
spätere  preussische  Unterrichts-Minister  der  neuen  Aera. 

S.  111.  ein  Heft  der  Zeitschrift]  für  gesehichtl. 
Rechtswissenschaft  heraus^eg.  v.  v.  Savigny,  Eichhorn  u. 
Göschen.  Berlin  1828.  Die  2  Aufsätze  Savignys  sind  be- 
titelt: «Ober  den  juristischen  Unterricht  in  Italien'  u. 
-Über  das  Interdict  quorum  bonorum  (Nachtrag  zu 
Bd.  VL)« 


y  Google 


Anmerkongen  eu  B.  I  S.  111—115.  181 

S.  111.  vielleicht  den  Heffter].  Heffter  wurde  in 
der  That  1833  nach  Berlin  berufen. 

ib.  dasz  Eichhorn  Göttingen  verläszt].  E. 
Friedr.  £.,  der  Begründer  der  deutschen  Privatrechta-Dis- 
ciplin  verliess  aus  Gesundheitsrücksichten  Göttingen  1829 
und  zog  sich  auf  ein  Landgut  bei  Tübingen  zurück.  Vgl. 
über  ihn  Schulte's  Biographie  2te  Aufl. 

S.  111.  das  kleine  Hermftnnchen  gedeiht  zu 
unserer  Freude].  Wie  rührend  sich  Jacoo  des  Kindes 
annahm  erweist  auch  der  Schlusz  seines  Briefes  an  y.  Meuse- 
bach  V.  7.  Oct.  1828  (S.  99  f.):  , Wilhelm  ist  heute  morgen 
5  Uhr  mit  Dortchen  .  .  .  nach  Marburg  gereist  .  .  .  Leben 
Sie  wohl,  das  Kind  schreit,  ich  musz  es  warten  helfen.* 
Frl.  Minna  Bsuig  theilte  mir  folgende  idyllische  Scene  mit, 
die  sich  um  diese  Zeit  zugetragen  haben  wird:  ,,Mein  Vater 
(der  spätere  Pastor  in  Rosenthal)  hatte  im  Auftrage  seines 
Vaters  (des  alten  Bang)  Grimms  ein  Buch  zu  überbringen. 
Beim  Eintritt  in  ihr  Zimmer  sieht  er  Wilhelm  Grimm  mit 
einem  Wickelkind  auf  dem  Schosz,  vor  ihm  Jacob,  der  sich 
bemüht  demselben  Brei  einzufiltriren.**  —  Im  Kirchenbuch 
der  Kasseler  Hofjgemeinde  Bd.  E.  p.  148  findet  sich  folgender 
Eintrag:  „Getaufte  1828  Jan.  am  27ten  Hermann  Friede- 
rich des  Bibliothek-Secretars  Wilh.  Carl  Grimm  et  ux. 
Henr.  Dorothea  geb.  Wild  n.  am  6.  Jan.  Morgens  11  Uhr 
Gevatter  Jacob  Carl  Grimm.' 

S.  112.  Abschied  von  CasselJ.  vgl.  den  Brief- 
wechsel mit  Hupfeld  in  Anm.  zu  S.  280,  sowie  Anm.  zu 
S.  266,  einen  Brief  Jacobs  u.  Wilhelms  an  v.  Meusebach  v. 
15.  Nov.  1829  (S.  117  ff.)  u.  Brief  Jacobs  v.  8.  Febr.  1830 
(S.  354  Anm.  z.  S.  125).  Brief  Jacobs  an  Lassberg  vom 
17.  Nov.  1829  (Germ.  XIII.,  369). 

S.  112—3.  Louis  .  .  .  ist  mit  der  Tochter  der 
Wittwe  des  Prof.  Böttner  versprochen.]  vgL 
S.  408  und  Briefw.  mit  v.  Meusebach  S.  352  z.  S.  119.  Die 
Hochzeit  fand  am  20.  Mai  1832  statt  (ib.  S.  368  f.) 

S.  114.  Jacob  hat  Rechtsalterthümer  ange- 
kündigt] VgL  W.  an  v.  Meusebach  19.  12.  1830  (S.  136). 

ib.  werden  nur  Brodcollegia  gehört]  vgL  Briefw. 
m.  V.  Meusebach  S.  368. 

S.  115.  dasz  ich  die  arbeiten,  die  ich  im  Kopfe 
trage,  .  .  .  vollführen  könnte.]  vgL  S.  314,  332, 
Brierw.  m.  v.  Meusebach  S.  341  Anm.  z.  S.  80,  Germ.  XIH. 
374.  no  14. 

S.  115.  Diese  Bibliothek  ist  ein  stets  um- 
laufendes Rad  oder  ein  stets  hungriges  thier]. 
vgl.  Briefe  v.  J.  Gr.  an  Lassberg  v.  20.  Aprü  u.  8.  Aug.  1830 


y  Google 


182  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  115—117. 

(Germ.  XIII.  370.  fF.),  Tydeman  (S.  143  Anm.  zu  S.  82.  eb. 
8. 145  Anm.  zu  S.  87)  u.  besonders  an  Lachmann  y.  21.  Juli  1830 
(Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  354  f.) 

S.  116.  Zum  professorleben  .  .  musz  man  sich 
vom  doctor  auf  anschicken  u.  bilden,  später 
bin  schmeckts  nicht  mehr].  Schon  am  17.  Nov.  1829 
schreibt  J.  an  Lassberff  (Germ.  XlII.,  369):  ,Es  hätte  schon 
zehn  jähre  früher  gescnehen  sollen,  damals  waren  unsere 
Organe  noch  weicher,  unser  ganzes  wesen  noch  fügsamer*, 
am  15.  Nov.  an  v.  Meusebach  (S.  120):  .Der  professor  ge- 
mahnt mich  noch  seltsam,  aber  die  mägde  werfen  schon 
ganz  fertig  damit  herum."  u.  am  26.  Nov.  1831  (ib.  S.  143): 
«Ich  hoffte  diesen  winter  sollte  die  angeschlagne  gramma- 
tik  nicht  zu  stände  kommen  .  .  .  Diese  Vorlesung  macht 
mir  keine  freude,  aber  viel  mühe ;  ich  muss  mich  besinnen, 
was  den  Studenten  aus  meinem  kram  taugt,  und  es  für  sie 
ordnen  und  einrichten.  Ich  lerne  nichts  dadurch.  Das  auf- 
treten zu  bestimmter  stunde  auf  dem  catheder  hat  etwas 
theatralisches  u.  ist  mir  zuwider.'  Aehnlich  schreibt  er  an 
Lassberg  am  8.  Aug.  1830  (Germ.  XIII.,  372] :  «Daneben 
nun  auch  coUeg  zu  lesen  ist  für  einen  proiessor,  der  in 
seinem  leben  noch  nie  gelesen  hat,  eine  tüchtige  anstren- 
guug;  ein  solches  colleg  ist  wie  eine  predigt,  in  der  man 
nicht  stecken  bleiben  soll,  und  kehrt  täglich  zu  bestimmter 
zeit  wieder,  und  in  den  50  minuten,  £e  es  dauert,  musz 
man  eine  men^e  worte  sprechen.  Dergleichen  kostet  reif- 
liche und  mühsame  Vorbereitung.*  Dage^n  hatte  J.  am 
13.  Juli  1805  an  seine  Tante  Zimmer  gescnneben  (Jugendbr. 
8.  57):  «Ich  würde  gewiss  mehr  Lust  am  Professorfach 
haben^  wenn  mir  nicht  dabei  die  äuszere  Lage  sehr  misz- 
fiele,  abgesehen,  dasz  die  Universität  auch  nicht  in  Gassel, 
sondern  in  Marburg  ist,  also  immer  in  Entfernung  von  den 
Meinigen.'  Aus  demselben  Grund  lehnte  er  die  Bonner 
Professur  ab  (vffl.  8.  175).  Bekannt  ist,  dasz  J.  in  Berlin 
nur  kurze  Zeit  Vorlesungen  gehalten  hat,  während  W.  der 
Docententhätigkeit  mehr  Freude  abgewann  und  auch  länger 
Vorlesungen  nielt.  Was  Jacob  von  den  Angaben  der 
deutschen  Universitäten  dachte,  hat  er  mehrfach  ausge- 
sprochen (vgl.  Anm.  zu  8.  120). 

8.  116—7.  unsere  revolution  .  .  .  Wilhelms 
Erkältung  .  .  Arnims  Tod]  vgL  darüber  den  schönen 
Bi-ief  J.'s  an  8avigny  v.  25.  Jan.  1831  im  Briefw.  m.  Meuse- 
bach 8.  358  f. 

8.  117.    he-ss.  Constitution].  vgL  Anm.  z.  8.  271. 

8.  117.  8chenckl.  F.  K.  W.  H.  Freih.  v.  Seh.  za 
Schweinsberg.    Seit  1830   Minister  und  wesentlich  bei  der 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  117—120.  183 

Einführung  der  Verfassung  betheiligt,  wurde  im  Herbst  1831 
noch  von  Wilhelm  II.  vor  seinem  Rücktritt  von  der  Re- 
gierung entlassen  und  durch  Wiederhold  ersetzt,  (vgl.  Wip- 
permann ^Kurbessen  seit  dem  Freiheitskriefipe*  S.  245^. 

Er  starb  1843.  Seine  Tochter  war  So^ie  v.  Witzleben 
(vgl.  Anm.  S.  264).  An  v.  Meusebach  schrieb  J.  Gr.  am  15. 
Nov.  1B29  (Briefw.  S.  120):  „Um  die  Schenckische  Familie 
habe  ich  schon  lange  stilles  verdienst,  nämlich  grammatik 
2,  13  thut  dar,  dasz  Schweinsberg  nicht  von  dem  thier,  son- 
dern von  dem  göttlichen  sauhirt  zu  verstehen  ist,  das  liest 
aber  der  präsident  noch  viel  weniger  als  Ihr  distichon  auf 
die  Weisheit."* 

S.  118.  Justi  .  .  .  möge  .  .  ausdrücklich  be- 
merken etc.]  Es  handelt  sich  um  die  Autobiographie 
J.  Gr's.  Es  lag  J.  Gr.  offenbar  daran,  dasz  man  wisze,  er 
habe  sie  vor  den  bedeutungsvollen  Ereignissen  in  Hessen 
im  Herbst  1830  niedergeschrieben.  Der  gewünschte  Ver- 
merk steht  denn  aucn  S.  164,  ist  aber  wohl  nur  von 
wenigen  beachtet. 

S.  118.  no  60]  erwidert  auf  B.'s  Beileidsbr.  33.  v.  6. 7. 1833. 

S.  119.  war  die  liebe  Lotte  schon  einen  hal- 
ben tag  todtj.  vgl.  Briof  an  Lachmann  v.  20.  Juni  1838. 
(in  Briefw.  ro.  v.  Meusebach  S.  386.)  Sie  starb  am  15.  Juni 
1833,  wegen  ihrer  Hochzeit  vgl.  Anm.  S.  140,  wegen  ihrer 
Abneigung  vor  dem  Hofleben  vgl.  Briefw.  m.  v.  Meusebach 
S.  369.  Die  Grabschrift,  welche  ihr,  ohne  Hassenpflugs  Mit- 
wirkung die  Brüder  später  setzen  Hessen,  lautet  nach 
Fr.  Müller  (Kassel  seit  70  J.  IL,  10):  ^Unserer  hier  in  Gott 
ruhenden  liebsten  Schwester  Lotte  Amalie,  geb.  10.  März  1793. 
Verheirathet  2.  Juli  1822  mit  Ludwig  Hassenpflug.  Gest. 
15.  Juni  1^3,  haben  wir  diesen  Stein  im  Jahre  18&  setzen 
lassen.  Brüder  Grimm."  Das  Denkmal  ist  nach  einer  Zeich- 
nung von  Ludwig  Grimm  durch  den  Bildhauer  Henschel 
(vgl.  Anm.  zu  S.  146)  ausgeführt. 

S.  120.  die  gegen  meinen  Schwager  an- 
hängige Klage]  Hassenpflug  (vgl.  Anm.  z.  S.  140)  war 
im  März  1833  von  der  hessischen  Ständeversammlung  wegen 
Verfiassungsverletzung  angeklagt,  wnrde  aber  mittelst  eines, 
für  ihn  allerdings  nicht  sehr  schmeichelhaften  Erkenntnisses 
üreigesprochen.  J.  Gr.,  der  hier  ziemlich  mild  über  seinen 
Schwager  urtheilt,  hat  bekanntlich  sein  politisches  Auf- 
treten scharf  verurtheilt ,  ähnlich  Wilhelm  (vgl.  Briefw.  m. 
V.  Meusebach  S.  369). 

S.  120.  Die  Universitäten  haben  viel  feinde.] 
Bezieht  sich  auf  Zöpfl's  Anträge  in  den  badischen  Land- 
ständen.   Die  hier  angeführte  Aeusserung  Grimmas  wurde 


y  Google       


184  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  120—221. 

1844  von  neuem  in  d.  Allgemeinen  Zeitung  no.  36  aljre- 
druckt  und  steht  in  den  kleineren  Schriften  v,  151  ff.  un- 
mittelbar daran  schliesst  sich  hier  eine  Besprechung  J.  Gr/s 
von  Savigny's  Aufsatz,  der  in  Ranke's  Zeitschrift  erschienen 
war.  Auch  diese  Besprechung  ist  aus  d.  Gott.  Anz.  18fö, 
St.  84-5.  Ueber  die  Aufgabe  der  Univ.  hat  sich  Qrimm  in 
seiner  Schrift  yüber  meine  Entlassung'  und  in  einer  akade- 
mischen Vorlesung  (Kleinere  Schriften  I,  211)  ausgesprochen 
(vgL  auch  Anm.  zu  S.  116). 

S.  121  no.  61]  erwidert  auf  B.'s  Br.  34.  (den  letzten  der 
erhaltenen)  y.  28.  5.  1838:  ^Lieber  Freund  u.  Qevatter. 
Endlich  sehe  ich  heute  aus  der  S^itung,  dasz  Sie  in  Gassei 
sind ,  u.  der  Entschlusz  an  Sie  zu  schreiben  wird  auf  der 
Stelle  zur  That  .  .  .  Die  Noth  u.  die  Angst,  die  ich  in 
meiner  Einsamkeit  um  Euch  Alle  gehabt  habe  u.  noch  habe, 
vergesse  ich  nie  .  .  .  Ihr  u.  Georgia  Augusta  seid  Eins.  Sie 
hat  kaum  den  ersten  Gipfel  ihres  Ruhms,  das  erste  Hundert 
erlebt  u.  gefeiert,  so  sinkt  sie  hinab,  u.  ihre  edelsten 
Häupter,  Clara  capUa,  werden  ihr  entrissen  theils  durch  den 
Tod,  theils  durch  Gewaltstreiche  ...  Ich  habe  mich  manch- 
mal in  meinen  vier  Wänden  nicht  lassen  können  vor  Freude, 
wenn  ich  hörte  von  der  unsterblichen  Ehre,  die  Euch  im 
Unglücke  bei  der  gebildeten  Welt  wird.  Geben  Sie  mir 
bald  ein  Zeichen,  dasz  Sie  mich  nicht  vergessen  haben,  dasz 
Sie  mich  noch  ein  Bischen  lieben.  Dem  vierten  Theil  der 
Grammatik,  der  Schrift  aus  Basel,  den  Mährchen  u.  was  Sie 
sonst  fQjr  mich  passend  halten,  sehe  ich  mit  Sehnsucht  ent- 
gegen. Es  ist  nichts  als  Bescheidenheit,  dasz  ich  nicht 
irüner  mit  einem  Brief  Sie  oder  Wilhelm  aufgesucht  u.  zu 
trösten  u.  zu  verherrlichen  unternommen  habe.  Welche 
Menge  guter  u.  schlechter  Briefe  werden  Sie  haben  lesen 
müssen.  Nachdem  es  sich  abgekühlt  hat,  komme  auch  ich 
so  schlicht  als  herzlich. **  —  Hier  seien  auch  die  Aeusseruns^en 
von  Thomas  in  Frankfurt  (Anm.  zu  S.  74)  in  seinen  orei 
letzten  Briefen  angeführt,  welche  sich  auf  den  Protest  der 
Brüder  beziehen.  1)  vom  2.  1.  1838 :  ,,Ich  darf  es  nicht  erst 
sagen,  da  Sie  sich  von  selbst  denken  können,  wie  sehr  uns 
Jacob  u.  Sie,  seit  Ihrer  kundgewordenen  Erklärung  be- 
schäftigt u.  welchen  Antheil  wir  genommen  haben.  Hassen- 
pflug  war  kurz  nachher  hier  u.  ich  besprach  die  ganze  Sache 
mit  ihm  oft  u.  vielfach.  Von  meiner  ursprün^ichen  An- 
sicht, Ihnen  die  unsrige  mitzutheilen,  kamen  wir  zurück,  da 
es  mislich  ist  zu  rathen  ohne  an  Ort  und  Stelle  zu  seyn  u. 
ohne  die  Verhältnisse  ganz  genau  zu  kennen,  was  jetzt  noch 
der  Fall  ist  u.  wozu  noch  kommt,  dasz  Alles  zur  Ent- 
scheidung gediehen  ist.    Inzwischen  sind  wir  alle  bewegt  u. 


y  Google 


Anmerknngen  za  B.  I  S.  121.  Ig5 

müszen  wünschen  zu  wissen,  wie  es  mit  Ihrer  Gesandheit 
geht  u.  was  Sie  zunächst  beahsichtijg^n ,  auch  sind  wir  be- 
reit, wie  es  geschehen  kann  n.  soweit  unsere  Kräfte  reichen 
Ihnen  die  alte  Freundschaft  zu  erweisen,  die  von  äuszeren 
Verhältnissen  und  Ansichten  nicht  abhängig  ist."  —  2)  vom 
5.  5.  1888 :  . . .  Zudem  bin  ich  mit  der  ganzen,  ohnehin  ver- 
wickelten Sache  zu  unbekannt,  um  ein  anderes  Urtheil  zu 
fällen,  als  das:  dasz  ich  nicht  zweifle,  wie  ich  Sie  kenne, 
Sie  werden  nach  aufrichtiger  Überzeugung  über  das,  was 
Ihr  EechtsgefÜhl  u.  R^chtabewusztseyn  Ihnen  sa^,  handeln 
u.  gehandelt  haben.  So  &ide  ich  Sie  auch  in  der  ge- 
druckten Brochüre  wieder,  die  ich  mit  Interesse  gelesen  u. 
es  wiederholt  sich  mir,  wie  damals  die,  wie  aus  einer  Be- 
täubung auftauchende  Frage:  wie  kann  es  geschehen,  dasz 
unser  Jacob  in  eine  politische  Verwicklung  geräth?  Sie 
thun  sich  noch  in  dieser  Brochüre  die  Frage  u.  oeantworten 
sie,  ganz  so,  wie  ich  es  mir  dachte  u.  sie  von  andern  er- 
klären hörte.  —  Was  ich,  wäre  ich  anwesend  gewesen,  ge- 
fr^K  gedacht  u.  gesagt  haben  würde,  oder  aucn,  nach  voll- 
ständiger Kenntnisz  der  Verhältnisse  unterlassen  hätte,  zu 
fragen ,  zu  denken  u.  zu  sagen ,  das  ist  ietzt  nicht  mehr  an 
der  Zeit,  zu  erwähnen.  Darüber  war  ich  immer  sicher,  Sie 
würden  wäre  ich  auch  nicht  mit  dem  Resultate  Ihrer  Ent- 
schlüsse einverstanden,  aufrichtig,  ehrlich  u.  ehrenhaft  grade 
so  äuszerlich  handeln,  wie  Sie  inwendig  denken.*  —  3)  vom 
15.  10.  1838 :  , Von  Hassenpflu^,  der  eben  hier  durchkommt, 
höre  ich ,  dasz  Sie  beide  wieder  in  Cassel ,  in  der  alten 
Heimath,  ja  im  selben  Hause  sind.  Ihren  Brief,  lieber  Jacob, 
habe  ich  oft  u.  oft  zur  Hand  genommen,  um  ihn  zu  beant- 
worten u.  immer  gefunden,  dasz  es  schwierig  ist,  über  solche 
Sachen  sich  schriftlich  zu  verständigen,  ohne  Misverständ- 
nisse,  denn  Vieles,  ja  das  Meiste,  was  Sie  mir  schreiben,  ist 
auch  meine  Ansicht,  denn  ich  bin  weit  entfernt,  schwarz, 
weisz  zu  nennen,  nur  thut  es  mir  leid,  dasz  Ihr  Sieben  jetzt 
dem  Lande  entzogen  seyd  u.  ich  hätte  gewünscht,  es  hätte 
sich  gefügt,  dasz  Alles,  was  zur  Geltendmachung  des  Rechts 
geschehen  sollte,  namentlich  von  Dahlmann  in  der  Stände- 
Versammlung  selbst  vorgetragen  worden  wäre,  weil  ich  in 
solchen  Dingen  die  äuszerste  Anstrengung  zur  Verständigung 
für  geboten  halte.  —  Auch  aus  Dahlmanns  Schrift  ersehe 
ich,  dasz  durch  eine  eigne  Verwickelung,  die  Sache  so  ge- 
kommen ist  u.  dasz  er  nicht  daran  dachte  sie  aufs  Äuszerste 
zu  stellen.  Das  Alles  läszt  daher  keine  schriftlichen  Expli- 
cationen  zu  u.  wir  müssen  es,  da  Ihr  nun  so  viel  näher  seyd 
u.  wir  auf  einen  Besuch  fürs  nächste  Jahr  hoften  dürfen, 
bis  zur   mündlichen  Besprechung  aufschieben.    Streiten  ist 


y  Google 


186  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  121—124. 

ohnehin  nicht  meine  Sache  u.  zwischen  unseren  freund- 
schaftlichen Verhältnissen  hat  sich  nichts  geändert,  es  ist 
Alles  beym  A.lten  geblieben,  da  ich  nicht  behaupten  kann, 
dasz  unsere  Ansichten  und  wie  verschieden  sind,  ehe  wir 
uns  gesprochen. 

S.  121.  meiner  kleinen  Schrift]  Über  meine  Ent- 
lassung, Basel  1888. 

S.  121.  „deutschen  Wörterbuchs*.]  Den  Plan 
des  Wörterbuchs  setzte  J.  Gr.  umständlich  Lachmann  am 
24. '31.  Aug.  1838  auseinander  (Briefw.  m.  Meusebach  S.  416  ff.) 
Aehnliche  Aufforderungen  ergiengen  an  Berlit  (S.  15), 
Hupfeld  (S.  282),  Vilmar  (S.  298),  L.Diefenbach  (Anm.S.388 
Br.  D.'s  an  W.  v.  26.  10.  1863),  Lachmann  (S.  338  Anm.). 
Göthe  wurde  excerpiert  von  Klee  (s.  Germania  26,  127), 
Thümmel  von  Schwabe  (S.  336),  vgl.  auch  noch  Anm.  zu 
S.  367  u.  zu  S.  377,  Roth  an  W.  v.  28.  8.  1852,  sowie  Briefw. 
m.  V.  Meusebach  S.  459.  Weigand^s  treuer  Mitarbeit  ist  hier 
wiederholt  Erwähnung  geschehen.  Auch  Damen  haben  eu 
den  Auszügen  beigesteuert,  soHedw.  u.  Eleonore  Wallot ;  vgl. 
J.  Gr.^8  Dankbriefe  an  sie  im  Anz.  f.  deutsches  Alterth. 
X.   280-1. 

S.  122.    Cal antra]  vgl.  Anm.  zu  S.  305. 

S.  123.  G erlin g]  Chr.  Ludw.  geb.  am  10.  Juli  1788 
in  Hamburg,  kam  nachdem  er  das  Studium  der  Theologie 
mit  dem  der  Naturwissenschafben  vertauscht  hatte  am 
1.  Oct.  1812  als  Lehrer  an  das  unter  Suabedissen's  Direktion 
neu  zu  organisirende  Lyceum  in  Kassel.  1814  heiratete  er 
Suabedissens  jüngere  Schwester  Christine  Wilhelmine  Eli- 
sabeth. Dadurch  wurde  er  mit  den  Brüdern  Grimm  be- 
kannt. Am  22.  März  1814  schreibt  W.  an  J.  (Br.  aus  d. 
Jug.  8.  275):  „Ein  neues  Kränzchen,  es  .  .  .  sind  unser  nur 
vier,  nämlich  der  kleine  Doctor  Gerling  ist  der  vierte.* 
1816  stand  er  in  Unterhandlung  wegen  eines  Rufes  nach 
Stralsund  (vgl.  S.  154)  und  kam  dann  an  Munke*8  Stelle  als 
Prof.  der  Mathemat.  u.  Phvsik  nach  Marburg  (vgl.  S.  36), 
wo  er  als  Geh.  Hofrath  1864  starb,  üeber  ihn  vgl.  Justi 
S.  140—8.  -  Die  vorstehenden  an  ihn  gerichteten  Briefe 
wurden  mir  von  seiner  Tochter,  Frau  Obergerichtsrath 
PI  atner  hiersei bst  übergeben.  In  der  Grimm-Correspon- 
denz  sind  nur  vier  Briefe  von  ihm  erhalten.  Vgl.  Anm.  zu 
S.  124  no.  63,  S.  128  no.  66,  S.  135  no.  72  u.  S.  138  no.  73. 

S.  123:  Görres  sendet  mir  hundert  Loosel  vgl 
S.  125,  128—9,  Freundesbriefe  S.  211  (Anm.  z.  S.  49),  Görres 
an  J.  Gr.  7.  6.  u.  29.  6.  1817  (IL,  530  u.  536)  u.  J.  Gr.  an 
Görres  v.  18.  6.  1817  (H.,  533  ff.) 

S.  124.  no  63]  erwidert  auf  Gerling's  Br.  1  v.  16.7. 1817: 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  124-128.  187 

G.  hofft,  dasz  auch  die  Brüder  nach  Marburg  kommen  werden. 
Am  23.  6.  habe  er  an  Jacob  den  Betrag  von  10  Losen  der 
Coblenzer  Armenlotterie  Übermacht,  Bericht  über  seine 
Lehrihätigkeit,  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse  Marburgs, 
über  sein  Kind.  «Beiliegend  bin  ich  so  frei  Ihnen  einen 
Wechsel  auf  Schotten  zu  senden .  .  .  und  mich  dadurch  der 
Schuld  zu  entledigen,  womit  ich  Ihnen  verhaftet  bin.  Ich 
sage  Ihnen  nochmals  meinen  herzlichen  Dank  für  diese  Qe- 
fäfliffkeit  u.  verspreche  dieselbe  so  Gott  will  noch  Ihren 
Kindern  u.  Kindeskindem  mit  Zinsen  zu  vergelten.'  Gruss 
an  Ramus,  Bauer  werde  von  Perthes  die  bewusste  Disser- 
tation erhalten.  Gerling's  verwittwete  Schwägerin  könne 
erst  jetzt  von  Spangenberg  abziehen  und  hoffe  er  sie  bald 
bei  sich  zu  sehen. 

S.  125.  Hummel]  doch  wohl  der  Maler  Louis  H., 
dessen  schon  in  den  Jugendbriefen  der  Brüder  mehrfach 
gedacht  wird  und  der  als  Academiedirector  in  Cassel  starb. 

ib.  Räthin  Pfeiffer!  doch  wohl  die  Frau  des  in 
dem  hessischen  YerfassungsKampf  später  so  stark  bethei- 
ligten 0.  AppeU.  Rath  Pf. 

ib.  Glimmerode]  vgl.  Freundesbr.  S.  62  u.  67-8. 

S.  125.  Schotten]  wohl  der  1878  in  Gassei  als  Geh. 
Justizrath  verstorbene  frühere  Obergerichtsrath  und  Schwie- 
gersohn des  Bibliotheksdirectors  VGlkel.  Vgl.  über  ihn  die 
Statistik  des  Lyceum  Frideric.  v.  Gross  im  Casseler  G^mn. 
Progr.  1879,  über  die  an  ihn  gerichteten  Briefe  v.  J.  Grimm 
s.  Anm.  zu  S.  61. 

S.  127.  Ankündigungen]  von  Reinhart  Fuchs  vgl. 
S.  170. 

S.  127.  Justi  d.  Dichter]  -W.  K.  vgl.  seine  Selbst- 
biographie in  Strieder's  Hess.  Gelehrten-  u.  Schriftsteller- 
Geschichte,  sowie  in  Justins  Fortsetzung  8.  320  ff.  Er  war 
ein  seiner  Zeit  bekannter  Localpoet  Marburgs  und  hat  das 
Denkmal  auf  d.  Augustenruhe  bei  Marburg  veranlasst. 

R.  127.  Arnoldi  d.  Sprachforscher]  Prot  d. 
Theologie  u.  Orientalist  in  Marburg  f  5.  Sept.  1835,  stu- 
dirte  in  Leiden.  Er  hiess  in  Marburg  allgemein  «Primarius 
Arnoldi*. 

S,  127.  Wagner]  K.  F.  Chr.  s.  seine  ausführliche 
Autobiographie  bei  Justi  671  ff. ;  vgl.  Br.  Völkeis  v.  7.  1.  28 
in  Anm.  zu  S.  61. 

S.  128.  no  66].  Antwort  auf  Gerlings  Br.  2  v.  5.  11. 
1817.  G.  empfiehlt  darin  den  Universitäts-Mechanicus  Schubart 
und  seinen  eifrigen  Zuhörer  stud.  mechanices  Tasch,  welche 
das  Kasseler  Museum  besichtigen  möchten.  Die  Einlagen  seien 
besorgt,  gelegentlich  bitte  er  einiger  Bekannten  wegen  um 


y  Google 


188  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  128—138. 

specielle  Nachricht  über  den  Ausgang  der  Görresschen  Lot- 
terie, er  wünsche  nichts  sehnlicher  als  dasz  sie  einmal  n. 
wer  weiss  wie  es  kommt,  CoUegen  würden  u.  ^ar  hoc 
loco.  «Von  manchen  unserer  akademischen  Angelegen- 
heiten haben  auch  Sie  yielleicht  wunderliche  Dinge  gehört. 
Suspendiren  Sie  ja  ihr  Urtheil.  Es  scheint  sich  aus  schmerz- 
lichem Anfang  ein  sehr  fröhliches  Ende  entwickeln  zn 
wollen.* 

S.  129.  des  Mathesius  Predigten]  vgl.  W.  Gr.'s 
Anzeige  in  s.  kl.  Schriften  I.  569  f. 

S.  135.  no  72]  Antwort  auf  G.'s  Br.  3  v.  29.  5.  1820: 
Er  habe  seit  einem  halben  Jahre  nicht  geschrieben  u.  auch 
nichts  von  Wilhelm  gehört.  Dank  für  die  freundliche  Auf- 
nahme seines  Bruders,  der  sich  seit  kurzem  in  Hamburg 
al^  Kaufmann  niedergelassen  habe.  Der  zweite  Bruder 
Gottlieb,  den  Gr.  vor  2^/8  Jahren  freundlich  empfangen  habe, 
verwalte  jetzt  in  Ditmarsen,  ohnweit  Meldorf  u.  der  Nord- 
see ein  Gut.  Ob  denn  wirklich  die  Universität  in  Kassel 
so  gewaltig  angeschwärzt  sei  (vgl.  S.  59,  137)?  So  viel  er 
sehe,  gienge  alles  seinen  gewiesenen  Weg,  auch  die  Studen- 
ten fünrten  sich  ordentlich  auf.  Wichtigthuerei  und  die 
Sucht  nach  Titeln,  Orden  u.  Geld  schienen  die  Hauptmotive 
der  Denunciationen.  Auch  er  selbst  sei  gewarnt,  dass  er 
suspect  sey,  er  denke  aber,  ehrlich  währt  am  längsten  u. 
hone,  dass  in  Kassel  von  redlichen  Leuten  solchen  Aus- 
sprengungen entgegengetreten  werde.  Er  se^  ausgezogen 
u.  hone,  nun  werde  Gr.  den  schon  seit  drei  Jahren  ver- 
sprochenen Besuch  ausführen.  Hinsichtlich  Bauers  habe 
Gr.  richtig  gerathen,  er  hätte  doch  die  Universität,  der  er 
sein  Herkommen  angezeigt,  von  seinen  veränderten  Lebens- 
plänen unterrichten  müssen.  Suabedissen,  werde  auf  künf- 
tige Michaelis,  wenn  sein  Amt  in  Leipzig  ein  Ende  habe, 
zum  Besuch  nach  Marburg  kommen,  demnächst  aber  noch 
ein  halbes  Jahr  in  Leipzig  privatisiren. 

S.  137.  Minister  v.  Witzleben]  vgl  Anm.  S.  264 
u.  Briefw.  d.  Frh.  v.  Meuseb.  mit  d.  Br.  Gr.  S.  16. 

S.  138  no.  73]  Antwort  auf  G/s  Br.  4.  v.  19.  4.  1821. 
Bitte  um  Auskunft  über  einen  metallenen  Himmelsglobus, 
der  von  der  Universitätsbibl.  dem  phvsicalbchen  mstitut 
überlassen  sei  [u.  daselbst  noch  jetzt  aufbewahrt  wird].  Der- 
selbe sei  für  die  Geschichte  der  Uhrmacherkunst  sehr  inter- 
essant und  solle  aus  Wilhelm  IV.  Zeiten  herstammen.  Ihm 
sei  die  Sache  nicht  klar,  er  bitte  deshalb  um  die  S.  138 
angegebnen  Bücher  [1.  daselbst  2):  Stegmann  st.  Bergmann) 
und  um  Nachforschung  nach  ähnlichen  Globen.  (Später  hat 
Gerling  in  Justins  Vorzeit  1825  S.  153  dargethan,  dass  der 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  138- 141.  189 

Marbnrger  Globus  in  der  That  ans  der  Zeit  Wilh.  lY.  stamme 
[vgl.  auch  Ch.  v.  Bommel,  Neuere  Gesch.  v.  Hessen.  I. 
Cassel  1835  8.  787j.  In  den  Sammluxigen  des  Unterstocks 
der  neuen  Bildergallerie  zu  Kassel  sinazwei  ähnliche,  aber 
weit  kleinere  Globen,  ebenso  in  Gotha  einer,  als  dessen 
Verfertiger  sich  der  bekannte  Mechaniker  Byrgi  nennt.  Von 
demselben  Meister  rührt  auch  eine  astronomische  Uhr  der 
Casseler  Sammlungen  her,  mit  deren  Werk  eine  Himmels- 
kugel in  Verbindung  steht.  (Vgl.  Lenz,  Leitfaden  f.  den  Besuch 
d.  Samml.  etc.  Cassel  1881,  8.  15  no.  24-25  u.  S.  17  no.  63.]) 
Man  hoffe  allgemein,  dass  die  bevorstehenden  Änderungen 
und  Einrichtungen  mit  den  allgemeinen  Wünschen  überein- 
stimmen würden.  Ob  denn  nun  auch  einmal  die  Reihe  an 
die  Universität  kommen  werde,  welche  bei  der  vorigen 
Regierung  in  Vergessenheit  gerathen  sei.  Wenn  doch  ein 
wohl  qualiflcierter  Referent  mr  Universitäts-  u.  Gymnasial- 
Angelegenheiten  bestellt  würde?  Schliesslich  bittet  er  ihm 
anzugeben,  warum  Below  von  Cassel  fort  gegangen  sei. 

S.  139.  Below]  nreuss.  Oberst  v.  B.,  Militärgouvem. 
des  hess.  Prinzen  Friedr.  Wilhelm,  war  1813  von  Berlin  mit 
nach  Cassel  gekommen,  und  lernte  alsbald,  wohl  durch 
Suabedissen,  die  Brüder  Grimm  kennen.  In  den  Briefen  aus 
der  Jugendzeit  geschieht  seiner  bereits  mehrfach  Erwähnung. 
Wilhelm  wechselte  mit  ihm  Briefe.  Später  findet  er  sicn 
wieder  in  dem  Freundeskreise  von  Meusebach's,  mit  dem 
er  wohl  durch  die  Brüder  Grimm  bekannt  geworden  sein 
wird   (vgl.  Briefw.  d.  Freih.  v.  M.  mit  J.  u.  W.  Gr.  S.  XV.) 

S.  140.  Hassenpflug]  Lotte  Grimmas  Mann,  vgl. 
S.  77.  212.  Am  13.  Sept.  1815,  also  auf  der  Reise  nach 
Paris,  schreibt  Jac.  an  W.  (Br.  aus  der  Jug.  S.  469).  ,In 
unserm  Haushalt  zu  Cassel  war  auch  eine  kleine  Ver- 
wirrung, die  Lotte  ist  zu  Hassenpflugs  gezogen,  die  Louise 
heim  auf  Urlaub  und  also  alles  zugemacht. <*  Schon  am 
3.  Sept.  1809  (ib.  S.  161)  schreibt  er  an  W.  .durch  sie  [die 
Engelhardin]  haben  mir  Hassenpflugs  (die  mir  auch  sonst 
gefallen)  einige  ganz  neue  [Mährcnen]  erzählt.**  Am  25.  Jan. 
1816  bestellt  er  Grüsse  an  Hassenpflug  nach  Göttingen.  Am 
2.  Juli  (nicht  22.  wie  oben  veraruckt  und  auch  nicht  am 
2.  Juni  wie  S.  212  v.  Wilh.  verschrieben  wurde)  fand  die 
Hochzeit  statt.  Wegen  Lotte*s  Tod.  s.  Anm.  z.  S.  119. 
H.  ist  der  bekannte  spätere  kurhessische  Reactionsminister 
(vgl.  Anm.  z.  S.  120),  ^est.  1862  in  Marburg. 

S.  141.  Suabedissen.]  David  Theodor  Aug.  S.,geb. 
14.  April  1773  zu  Melsungen,  war  seit  1800  Prof.  d.  Philo- 
sophie an  der  Landesschule  zu  Hanau  und  ging  1805  nach 
Lübeck.    Seines  Rufes  dahin  thut  Wilh.  (in  einem  Brief  an 


y  Google 


190  Anmerkungen  zu  B.,I  S.  141—143. 

J.  aua  der  Jugendz.  S.  55)  Erwähnung.  Schon  in  dieser  Zeit 
war  er  also  den  Brüdern  bekannt,  1812  wurde  er  Director 
des  Lyceums  in  Cassel  und  mnss  schon  ein  Jahr  vorher  mit 
den  Brüdern  in  nähere  Berührung  gekommen  sein  (vgl.  S.  281), 
woraus  sich  bald  ein  intimer  Freundschaftsbund  gerade  mit  * 
Wilh.  (vgl.  oben  S.  78  Jacob's  Worte)  entwickelte.  In  den 
Briefen  der  Brüder  aus  der  Jugendzeit  kehrt  sein  Name 
schon  häufig  wieder.  Da  er  1815  zum  Instructor  des  Prinzen 
ernannt  und  diesen  nach  Leipzig  begleitete,  so  wird  er  auch 
die  Bekanntschaft  der  Brüder  mitv.Below  vermittelt  haben. 
Die  weiteren  Daten  von  Suabedissen's  Leben  ergiebt  der 
Briefwechsel ,  vgl.  ausserdem  Justi  651-9  u.  Gerlanä's  Fort«. 
V.  Justi  I  1863,  307.  Eine  ausfahrliche  Biographie  Suabe- 
dissens  bereitet  sein  Enkel  David  Hupfeld,  Superintendent 
a.  D.  in  Eisleben  vor,  welcher  aucn  nötigst  den  Abdruck 
der  an  Suabedissen  gerichteten  Briefe  der  Brüder  gestattete, 
ebenso  wie  auch  derer,  welche  sein  Vater  Prof  Hupfeld  und 
sein  Schwiegervater  J.  Müller  von  ihnen  erhielten.  Einen 
warmen  Nachruf  an  S.  veröflFentlichte  1835  E.  Plattner.  Es 
heisst  darin :  »S.  gehörte  zu  den  seltenen  Männern,  bei  denen 
das  Wissen  aus  dem  Leben  n.  dessen  Tiefen  entspringt,  u. 
in  deren  Leben  das  Wissen  sich  reflectirt,  so  dass  beides  in 
einer  unzertrennlichen  Einheit  verknüpft  ist."  Die  Grimm- 
Correspondenz  enthält  71  Briefe  70  Suabedissens,  an  W.  Grimm 
aus  den  Jahren  1812 — 35,  und  einen  (Br.  19)  an  J.  Gr.  voih 
7.  5.  1819  als  Antwort  auf  no.  77,  welcher  lautet: 

„Leipzig,  am  7.  May  1819.  Eine  Reise  nach  Dresden 
und  der  unuiegenden  Gegend ,  von  der  ich  erst  vorgestern 
zurückgekommen  bin,  hat  mich  verhindert,  verehrter  Freund, 
Dinen  früher  fQr  das  werthe  Geschenk  des  ersten  Theils 
Ihrer  deutschen  Grammatik  zu  danken.  Ich  sehe  es  dem 
Buche  an,  dasz  es  für  mich  nicht  zum  Lesen  und  Beur- 
theilen,  sondern  nur  zum  Lernen  da  ist,  und  habe  mich  da- 
za  mit  dem  Pflichtgefühl  eines  guten  Schülers  angeschickt. 
Ihrem  lieben  Bruder  Wilhelm  sagen  Sie  den  herzlichsten 
Gruss  von  mir,  und  durch  ihn  grüsse  ich  auch  den  Prinzen 
Friedrich  und  Ob.  v.  Below,  wenn  sie  noch  dort  sind.  Ich 
würde  allen  dreyen  geschrieben  haben,  wenn  ich  nicht  an- 
nehmen müss^  dasz  Letztere  bei  der  Ankunft  dieser  Zeilen 
schon  abgereist  seyen,  und  Ihr  Bruder?  —  sollte  er  sich 
durch  kein  Wünschen  und  Hoffen  haben  bewegen  lassen, 
sie  zu  begleiten?  Den  Aufkrag  an  Prof.  Krug  habe  ich  be- 
sorgt. Mit  der  aufrichtigsten  Hochachtung  Suabedissen." 

S.  141.  Krug,]  Wilh.  Traugott,  Prof.  in  Leipzig,  Her- 
ansgeber des  Hermes;   vgl.  S.  184,  262.  H,  167  (B.^s  Br.  15). 

S.  143  no.  77.]    Vorauf  gehen  zwei  Einladungsbriefchen 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  143—146.  191 

Suabedissens  1)  ohne  Datum:  „Wollen  Sie  mir  die  Freude 
machen  den  heutigen  Tag  bey  mir  zu  beschliessen  u.  Ihr 
Frl.  Schwester  mitbringen?^  2)  C.  den 6.  Oct.  1812:  „Villers 
will  heute  den  Thee  bey  mir  trinken.  Ich  weisz,  dasz  es 
ihm  eine  Freude  seyn  würde,  den  Abend  in  Ihrer  Gesell- 
schaft zuzubringen,  u.  hoife,  dasz  Sie  seinetwegen  meine 
Einladung  willfahren  werden."  (Briefe  v.  J.  Gr.  an  Villers 
veröffentlichte  M.  Isler,  Hamburg  1883,  zugleich  mit  solchen 
von  Benj.  Constant,  Görres,  Göthe  an  denselben.)  — 
no.  77  ist  die  Antwort  auf  S.'s  Br.  3.  Leipzig,  1.  12.  1815 : 

«Dasz  ich  Sie  von  ganzem  Herzen  liebe,  mein  guter 
Grimm,  das  ist  das  einzige,  was  ich  Ihnen  jetzt  schreibe, 
weil  mich  das  Herz  dazu  treibt.  —  Noch  fühle  ich  mich 
hier  nicht  zu  Hause.  Gearbeitet  habe  ich  noch  nichts;  nur 
Einrichtungen  u.  Verhältnisse  zu  bestimmen  gesucht,  Lehrern 
nachgefragt,  Lehrstunden  geordnet,  u.  dgl.  Meine  Bücher 
liegen  noch  ungerührt  im  Koffer.  Noch  habe  ich  keinen 
Sitz  und  Tisch.  Aber  in  den  nächsten  Tagen  gedenke  ich 
mich  so  lange  herum  zu  drehen,  bis  ein  Nest  wird.  — 
Manchmal  beschleicht  mich  noch  die  Reue.  Und  doch  ist 
nichts  anders,  als  ich  mir*s  vorher  dachte.  Aber  es  ist  ge- 
rade so.  —  Below  u.  seine  Frau  lassen  Sie  gr^zen,  Sie 
erwarten  ein  Bild  von  Ihnen.  —  Leben  Sie  wohl,  mein 
Freund.  Möge  es  Ihnen  wohl  gehen!  Suabedissen.  — 
N.*S.  Meine  Frau  u.  Kinder  sind  gesund.  Grüszen  Sie 
Bauer.  —  Herrn  Bibliotheksecretarius  Grimm  zu  Cassel.* 

S.  144.  unserer  lieben  Mutter]  vgl.  die  Stellen 
ans  den  Autobiographien  der  Brüder,  welche  ihre  Liebe  zu 
ihrer  Mutter  bezeugen ;  vgl.  auch  noch  unten  Anm.  zu  S.  240. 

S.  144.  Schmalz,]  Theodor  Ant.  Heinr.  Gemeint  ist 
hier:  üeber  polit.  Vereine  u.  Ein  Wort  über  Schamhorst's 
u.  meine  Verhältnisse  zu  ihnen.  Berlin  1815;  vgl.  Görres 
Briefe  II,  487. 

S.  146  no.  78.]  Antwort  auf  S.'s  Br.  4:  .Leipzig,  26.  1. 
1816.  Vorgestern  las  ich  in  der  hiesigen  schaalen  Zeitung, 
dasz  der  Rheinische  Merkur  suspenoirt  sey.  Sollte  das 
wahr  seyn  —  wie  es  mir  denn  nach  dem  Benehmen  der 
Pr.  Re^^irung  bey  der  Schmalzisch.  Gteschichte  mcfit  unwahr- 
scheinlich ist  —  so  wäre  es  wohl  Zeit,  Ihren  Gedanken  in 
Ausführung  zu  bringen,  u.  dem  braven  Görres  zum  Zeichen 
der  Liebe  u.  Achtunfi^  einen  Becher  zu  schicken.  Unter- 
zeichnen Sie  für  mich  4  4|f .  -j-  Sie  haben  recht  gehabt, 
mein  guter,  weiser  Freund,  meine  neue  Lage  einem  neuen 
Rocke  zu  vergleichen,  der  anfangs  nie  bequem  ist.  Schon 
hat  sich  Alles  ziemlich  geweitet,  gereckt,  ein-  u.  angepaszt. 


y  Google 


192  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  146. 

Zwar  spannt  mich's  noch  bisweilen  hier  u.  da;  aber  wo  ist 
ein  Kock  bev  uns  knappen  Abendländern,  der  nirgends 
angete  ?  Doch  habe  ich  noch  immer  das  Gefühl,  als  würde 
ich  diesen  Rock  nicht  austragen.  —  Übrigens  finde  ich  mich 
anch  schon  dadurch  ein  wemg  behilflicher,  dass  ich  nicht 
mehr  so  viel  Zeit  durch  blosses  Pflastertreten  verliere,  u. 
die  meisten  Abende  zu  Hause  zubringen  kann.  Sie  wissen, 
ich  tauge  nichts  für  die  gute  Gesellscnaft,  u.  was  man  hier 
so  nennt,  widersteht  mir.  Also,  wenn  ich  nicht  musz,  bleibe 
ich  zu  Hause.  Da  habe  ich  nun  auch  endlich,  u.  mit  rechter 
Freude  Ihre  Edda  gelesen.  Verlangend  sehe  ich  dem  2.  u. 
8.  Bande  entgegen.  —  Meine  Frau  u.  Kinder  ffrüszen  Sie 
herzlich.  Auch  Ihrem  Bruder  meinen  Grusz!  Hat  er  sich 
bestimmt?  Erhalten  Sie  Ihre  Liebe  Ihrem  treuen  Freunde 
Suabedissen.»  —  Herrn  Bibliothekssecret.  Grimm  zu  CasseL' 
Auf  no.  78  antwortet  S.'s  Br.  5.  Leipzig  6.  4.  1816: 
„Mit  nicht  geringem  Jubel  kamen  mir  vor  acht  Tagen 
meine  Kinder  entgegen  gesprungen  mit  einer  Rolle  und 
einem  Zettel  in  der  Hand.  Sie  hatten  erkannt,  daszer  von 
Ihnen  kam :  Unser  aller  Freude  ward  noch  gröszer,  als  sich 
Ihr  Bild  herauswickelte,  Ihr  liebes  Bild,  woran  wir  Sie  uns 
sichern  und  festhalten  wollen.  Ich  danke  Ihnen,  auch  für 
den  lieben  Brief.  —  Wie  lieb  mir  auch  gewesen  wäre,  wenn 
GGrres  den  Becher  bald  hätte  bekommen  können,  so  bin  ich 
doch  ganz  Ihrer  Meinung,  dasz  er  nach  Ihrem  u.  Henschels 
erstem  Entwürfe  ausgearbeitet  werde,  und  sollte  es  auch 
noch  länger  anstehen.  Er  soll  auch  fOr  sich  was  bedeuten 
u.  das  deutsche  Gemüth  ansprechen ;  auch  wird  Görres  mehr 
Freude  daran  haben.  Ihre  Beschreibung  des  Bechers  ist  so 
gut  gelungen,  dasz  ich  mir  ihn  recht  anschaulich  vorsteUe 
und  meine  Freude  daran  wird  immer  ^öszer.  Auch  Below 
u.  seine  Frau  finden  Alles  schön,  und  sind  ganz  der  Meinung, 
dasz  er  so  ausgefühi^  werden  müsse.  —  Auch  über  Ihren  u. 
Ihres  Bruders  wackem  Fleisz  freue  ich  mich,  u.  sehe  den 
deutschen  Sagen  mit  Lust  entgegen.  Noch  ffründlicher  ist 
mein  Verlangen  nach  der  Fortsetzung  der  Edda.  Ich  habe 
jetzt  das  Nibelungenlied  wieder  gelesen ;  es  hat  einen  mäch- 
tigem Eindruck  auf  mich  gemacht,  als  das  erstemal.  Nun 
wül  ich  6»A  Heldenbuch  lesen.  Hat  man  davon  mehrere 
Ausgaben  u.  welche  ist  die  beste?  —  Das  Buch  von  Kanne 
habe  ich  nun  erst  gelesen,  von  Ihnen  aufmerksam  gemacht. 
Ich  habe  das  Vertrauen  zu  seinem  kräftigen  Leben,  dasz  in 
ihm  noch  die  Wissenschaft  mit  dem  Christusbewusztseyn  in 
Eins  ^ehen  wird,  wenn  nur  erst  seine  Eitelkeit  gänzlich 
ausget)^  ist.  —  Was  Sie  Below  von  (Jöthe's  Anzeige  seines 
Ost-Weskichen  Divans  schreiben,   ist   uns   noch  nicnt  klar^ 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S,  146—150.  193 

da  wir  bis  jetzt  nur  ein  Gedicht  mit  der  Überschrift:  Ost- 
westl.  Divan  —  im  Morgenblatt  gelesen  haben,  das  uns  zum 
Theil  unverständlich,  überhaupt  unbedeutend  scheint.  — 
Mit  der  Hessischen  Verfassung  glaubten  wir  wäre  es  schon 
sicherer  und  weiter.  In  der  ierne  eilt  die  gute  Meinung 
immer  voraus.  Im  Allgemeinen  aber,  nämlich  für  Deutsch- 
land überhaupt,  halte  ich  mit  Ihnen  an  der  Hoffnung  u.  am 
Glauben  fest;  es  wird  gehen,  denn  es  musz  gehen.  —  Auch 
im  hiesigen  Lande  sollen  bald,  sagt  man,  die  Landstände 
zusammenkommen,  und  berathschlagen,  ob  keine  neue  Ver- 
fassung nöthif^  sey.  Übrigens  will  man  hier  vom  Deutsch- 
thum  nicht  viel  wissen;  sie  wollen  nur  Sachsen  sevn.  — 
Hamier  hat  versprochen ,  mich  bald  von  Frankfurt  her  zu 
besuchen:  dann  werde  ich  hören,  was  für  Triebe  jetzt  im 
Herzen  von  Deutschland  sich  regen ;  hier  ist*s  wie  in  einem 

L^mphgefäsz N.  S.  Wird  denn  mit  dem  Leben  der  Natur 

nicht  auch  die  Reiselust  in  Ihnen  erwachen?" 

S.  146.  Verbot  des  Merkurs]  von  Görres  heraus- 
gegeben; vgl.  S.  4  no.  7  u.  Freundesbriefe  S.  209  u.  Brief 
Jacob*s  an  Görres  v.  10.  Juni  1816  (Görresbriefe  II,  500).  Die 
Cabinetsordre ,  welche  den  Merkur  verbot,  erhielt  G.  am 
12.  Januar  1816. 

S.  146.  uns  er  n  Becher]  vgl.  Freundesbriefe  S.  34: 
,Ich  habe  gestern  mit  dem  Henschel  über  einen  schönen 
und  künstlicnen  Becher  von  Eisen  und  Gold  gesprochen,  den 
wir  dem  Görres  zum  Andenken  verehren  woUen.** 

ib.  Henschel,]  Joh.  Werner,  geb.  1782,  gest.  1850  in 
Rom,  Bildhauer,  schon  seit  1805  mit  den  Brüdern  bekannt; 
vgl.  W.'s  Brief  an  J.  vom  10.  Aug.  1805  (Jugendbr.  S.  64), 
sowie  Kl.  Schriften  v.  W.  Gr.  I,  558,  u.  Gerlands  Fortsetzung 
V.  Strieder's  a.  Justins  Hessischer  Gelehrten-Geschichte,  Kassel 
1863,  S.  212  ff. 

S.  149.  Mein  Bruder  [Jacob]  ist  noch  nicht 
wieder  angestellt]  vgl.  oben  S.  8.  Mein  Bruder 
ist  eben  auf  ein  paar  Tage  nach  Göttingen]  vgl. 
Freundesbriefe  S.  34  u.  209.  An  letzterer  Stelle  wird  (wegen 
S.  33)  angegeben,  er  sei  Ende  Februar  dorthin  gereist,  unser 
Brief  ergiebt,  dass  die  Reise  Ende  März  stattfand  und  kurz 
zuvor  ist  auch  der  betreffende  undatirte  Brief  W.  Gr.'s  an 
A.  V.  Haxthausen  geschrieben. 

S.  150.  Kanne]  vgl.  S.  83  und  nach  Freundesbriefe 
S.  211  f.  folgende  Stelle  aus  einem  Brief  J.  Gr.'s  an  Dr. 
V.  Ringseis  vom  31.  Mai  1816:  „Mein  Bruder  hat  auch  Kannes 
Bekenntnisse  mit  auf  den  Weg  genommen,  ich  kann  Ihnen 
daher  meine  Meinung  über  einiges  im  Buch  nicht  so  genau 
schreiben,  als  ich  mir  früher  vorgesetzt*  etc. 

E.  Stengel.    Acten  der  Brfider  Grlxum.  ^3 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


194  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  150—155. 

S.  150.  Die  Bauern  vom  Diemeistrom]. Ihre  Ein- 
gabe theilt  Fr.  Müller  «Gassei  seit  70  Jahren*"  S.  99  f.  mit; 
Tgl.  auch  Wipppermann  S.  68  f. 

S.  151.  Arnim  ist  krank  geworden]  vgl.  S.  31  o. 
Freiindesbriefe  S.  211  (Anm.  zu  S.  43). 

S.  152  no.  80]  darauf  antwortet  S.*s  Br.  6.  Leipz.  27.  7. 
1816 :  nllii'  lieber  Brief  war  mir  einiger  Trost  in  der  Trauer 
über  Ihr  schnelles  Hinreisen.  Lieb  war  mir's  auch,  zu  ver- 
nehmen, dasz  Sie  noch  ziemlich  bald  den  Juden  losgeworden, 
und  dafür  Göthe  gesehen  haben.  Und  was  Sie  miru.Below 
von  ihm  schreiben,  hat  mich  sehr  erfreuet  —  Jetzt  arbeiten 
Sie  wohl  mit  Ihrem  Bruder  recht  wacker  drein.  So  denke 
ich  Sie  mir  wenigstens,  und  wie  Sie  dabev  ruhig  glücklich 
sind.  Doch  möchte  ich  Sie  manchmal  hierher  entrücken 
können,  nicht  blosz  f^  mich;  bisweilen  auch  zum  zwey- 
oder  dreystimmigen  (Jesa^ge  eines  lieben  Volksliedes.  Da 
nun  aber  das  Entrücken  in  dieser  Zeit  unsers  Daseyns  so 
leicht  nicht  gehen  wird,  so  sollten  Sie  bisweilen  so  ein  Lied 

—  Worte  u.  Weise  —  aus  der  Feme  spenden " 

S.  154.  Schuckmann,]  Preussischer  Unterrichts- 
minister u.  Vorgänger  v.  Altenstein^s ;  vgl.  Görres  Gesammelte 
Briefe  H  481,  &7,  544,  554. 

S.  155  no.  81]  beantwortet  S.'s  Br.  7.  Leipzig  29.  11. 
1816:  ;,Haben  Sie  Dank,  geliebter  Freund,  fOr  Ihren  Brief 
und  die  Beylagen.  Sie  haben  uns  allen  damit  die  gröszte 
Freude  gemacht.  —  Göthe'a  Italienische  Reisen  lese  icneben 
jetzt,  u.  erfreue  mich  recht  sehr  an  der  Lebendigkeit  und 
Klarheit  Welch  ein  glücklicher  Mensch  ist  Göthe !  Freilich 
gibt  es  auch  Menschen,  die  sich  an  der  Geistesfreyheit, 
welche   in   diesem  Buche  dar^ele^  ist,  halb  krank  ärgern. 

—  Die  ewige  Jugend  u.  Thätigkeit  des  Mannes  beweist  sich 
auch  jetzt  wieder  in  dem  Wunsche,  die  Anerkennung  der 
altdeutschen  Kunst  und  Wissenschaft  zu  fördern.  Möge  er, 
von  Ihnen  zu  bestimmten  Zielen  gerichtet,  wirksam  werden ! 

—  In  den  ^undestags-Reden  u.  Vorträgen  ist  mir  die  Menge 
des  Unbestimmtgelassenen  erfreulich.  So  läszt  sich  hoffen, 
dasz  der  Volksdrang  nachhelfen  u.  ausfüllen  werde. . . .  Bey 
den  von  allen  Seiten  her  engenden  Verhältnissen,  worin  jetzt 
der  Bundestag  steht,  müssen  wir  schon  zufrieden  seyn,  wenn 
dort  die  Idee  des  deutschen  Volksthums  auch  nur  mit 
wenigen  Wurzelfasem  Boden  erreicht  —  Soll  ich  Dmen 
auch  etwas  von  mir  schreiben?  —  Seit  einigen  Monaten 
habe  ich  die  Ausarbeitung  des  dritten  Bandes  meines 
Buches  über  den  Menschen  vorgenommen.  Ihm  widme  ich 
Morgens  vor  neun  Uhr  eine  Stunde  oder  zwey.  Wäre  ich 
nur  rüstiger,  um  früher  auf  seyn  zu  können.    So  aber  habe 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  155—164.  195 

icb  gewöhnlich  kaum  angefangen,  wenn  ich  schon  endigen 
musz.  Um  9  Uhr  gehe  ich  zum  Prinzen,  u.  nnn  ist  die  übnge 
freve  Tageszeit  dem  Ungefähr  hingegeben;  es  wird  noch 
Allerley  gelesen,  aber  nichts  mehr  gearbeitet.  —  Das  nächste 
Französische,  was  ich  lesen  werde,  soll  das  Buch  sejn,  das 
Sie  mir  loben.  —  Liegt's  Ihnen  nicht  zu  weit  ab,  so  lesen 
Sie  Daub*s  Judas  Ischarioth.  Ich  selbst  habe  zwar  nur  erst 
die  Vorrede  gelesen,  aber  die  ist  von  einer  so  würdigen 
Haltung  und  gewaltigen  Ironie,  dasz  ich  mich  recht  daran 
erfreuet  habe.  —  Eine  Bitte  noch !  Der ,  jetzt  sechszehn- 
jährige, älteste  Sohn  des  Generals  von  TEstocq  (der  jetzt  in 
der  Festung  Eönigstein  gefangen  sitzt),  einst  einer  meiner 
Schüler  in  dem  Lyceum  zu  Gassei,  hat  mir  geschrieben  und 
wünscht  zu  wissen,  ob  er  wohl  in  Kurhessen  als  Junker  in 
Dienst  kommen  könne,  u.  was  in  diesem  Falle  er  oder  seine 
£ltem  zu  thun  haben.  Können  Sie  das  erfahren,  so  haben 
Sie  die  Güte  mich  —  bald  —  davon  zu  benachrichtigen.  — 
Sie  haben  mir  einmal  geschrieben,  dasz  von  der  deutschen 
Gesellschaft  in  Berlin  ein  Diplom  für  mich  dort  angekommen 
sey.  Nun  besorge  ich,  dasz  man  mein  langes  Stillschweigen 
übel  deuten  möchte ;  darum  wünschte  ich  es  bald  zu  haben, 
oder  zu  wissen,  wem  ich  darüber  schreiben  musz....  N.  S. 
Von  Clodius  hierbey  nebst  einem  Grusze  die  verlange  Ab- 
schrift Zugleich  macht  er  Sie  aufmerksam  auf  die  eigne 
Lebensbeschreibung  des  Kephalides  in  den  theologischen 
Nachrichten  (von  Wachler)  im  August  d.  J." 

S.  156.  Zwehrner  Märchenfrau]  vgl.  Freundes- 
briefe S.  203  u.  Hessische  Blätter  vom  3.  1.  1^  S.  2. 

S.  158.  Hans,  Lehne!  =  Hannchen  und  Helene Molter, 
Nichten  v.  S.*8  Frau.  Täuochen,  Brummbasz]  =  Marie 
u.  Elise,  S.'s  Töchter,  vgl.  S.  145. 

8.  160.  Leist]  vgl.  S.  157  u.  Brief  v.  J.  an  W.  vom 
10.  Juli  1809  (Jugendbr.  S.  127):  „Gestern  kommt  der  St.-R. 
von  Leist,  der  an  [J.  v.]  Müllers  Stelle  Generalstudien- 
director  geworden,  zu  mir  und  trägt  mir  die  Generalsecretär- 
stelle  dabei  an,  ich  hatte  aber  innerlich  keine  Lust  dazu' 
etc.  Leist  war  vordem  Prof.  in  Göttingen,  wurde  1810 
Freiherr ,  trat  später  in  hannoversche  Dienste  über  und 
wurde  nach  Rom  geschickt,  um  über  Concordat  zu  verhandeln. 

S.  160  no.  83]  Antwort  darauf  ist  S.'s  Br.  8  v.  31.  1. 
1817;  Dank  für  den  Neujahrsgruss.  Für  Brentanos  Lied 
sei  man  dankbar.  Mit  der  deutschen  Sprachgesellschaft 
werde  er  es  wie  W.  Gr.  halten.    Bitte  um  deutsche  Sagen. 

S.  163-4.  Smid,]  J.  vgl  S.  196  u.  Brief  v.  J.  an  W. 
V.  10.  März  1814  (Briefw.  aus  d.  Jug.  S.266):  .Mein  liebster 
Umgang  ist  der  Senator  Smid  aus  Bremen,  ein  herzensguter 

13* 


y  Google 


196  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  164—165. 

u.  vernünftiger  Mann,  mit  dem  ich  die  Verbindung  auch  in 
Zukunft  zu  behalten  hoffe."  Er  war  am  5.  Nov.  1773  in 
Bremen  geb.,  war  erst  Gymnasiallehrer,  dann  seit  1800 
Rathsherr,  auf  dem  Wiener  Congresse  vertrat  er  Bremen, 
wurde  1821  zum  Bürgermeister  erwählt,  gab  1830  Ver- 
anlassung zur  Anlage  von  Bremerhafen  und  starb  am  7.  Mai 
1857  in  Bremen.  Auch  Smid  interessirte  sich  und  zwar  schon 
im  März  1829  für  die  Berufung  der  Brüder  nach  Göttingen, 
wie  ein  Brief  von  Thomas  an  J.  Gr.  ergiebt,  s.Anm.  zuS.z66. 

S.  164.  Litthauen]  vgl.  eine  Stelle  aus  einem  Brief 
V.  Friedr.  Perthes  an  seine  Frau  aus  Coblenz  am  2.  od.  3. 
Aug.  1816  geschrieben  (Fr.  Perthes  Leben  11.  1851  S.  115  ff. 
citirt  von  Wendeler  Briefw.  des  Freih.  v.  Meusebach  mit 
J.  u.  W.  Grimm  S.  VIII.)  ,Der  heutige  Mittag  war  sehr 
lebhaft  und  sehr  interessant;  Meusebach  u.  ein  eiserner 
Kreuzritter,  welche  die  Preuszenpartei  gegen  den  Rhein- 
Görres  bildeten,  nannten  alle  aus  der  Devolution  hervor- 
gegangenen liberalen  Ideen  und  Institute  Napoleonismus  u. 
der  sei  es  eigentlich,  den  die  Rheinländer  liebten  u.  den 
sie  nicht  fahren  lassen  wollten.  —  'Litthauer  seid  Ihr,  rief 
ihnen  dagegen  Görres  zu,  Litthauer,  denen  die  Leibeigen- 
schaft noch  an  der  Ferse  klebt!* ferner  Görres  an 

W.  Gr.  V.  15.  1.  1817  (ü.,  508)  u.  an  J.  Gr.  v.  7.  6.  1817 
rn„  530),  dagegen  nimmt  J.  Gr.  an  Görres  vom  20. 12.  1822 
(IIL  10  f.)  die  Litthauer  in  Schutz. 

S.  165.  Berlepsch].  Etwa  der  vormalige  Hofrichter 
V.  Berlepsch,  der  in  westphälischer  Zeit  Staatsrath  inCassel 
war  (vgl.  Justi  S.  185)?  Dasselbe  Buch  wird  in  W.  Gr.'s 
Kl.  Sehr.  L,  558  erwähnt. 

S.  165.  no.  85]  erwidert  auf  S.'s  Br.  9.  u.  10.  1)  Leipzig, 
24. 5.  1817 :  ,  . . .  nun  ist's  doch  seit  drey  Wochen  recht  herr- 
lich, und  wo  nur  ein  Lebenskeim  ist,  thut  sich  alles  so 
wohlgemuth  hervor,  dasz  mir  manchmal  ist,  als  wäre  selbst 
Leipzig  ein  freundlich  gelegener  Ort.  Ein  kleines  Hoff- 
nungsiunkchen ,  Sie  auch  in  diesem  Jahre  zu  sehen,  ist  in 
meine  Seele  gefallen,  seit  Reimer  —  ich  sprach  ihn  nur 
einige  Minuten  —  äusserte,  Sie  würden  in  diesem  Sommer 
nach  Berlin  kommen.  Nun  wiederhole  ich,  was  ich  Ihnen 
vor  zwey  Monaten  in  Below's  Namen  schrieb,  dasz  Sie  doch 
nach  Berlin  reisen  u.  in  Leipzig  sitzen  bleiben  mögen. 
Aber  haben  Sie  auch  meinen  Brief  erhalten?  Es  war  darin 
die  Ankündigung  und  Probe  einer  Sammlung  von  Gedich- 
ten von  WelTentreter  (Heinroth)  auf  Subscription ,  mit  der 
Bitte,  sie  Freunden  und  Bekannten  mitzutheilen.  Nun 
konnte  ich  zwar  dem  Vf.  zum  Voraus  keine  sonderliche 
Hoffnung  machen ;  aber  Sie  lassen  doch  auch  kein  Syl beben 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  166.  197 

darüber  fallen.  .  .  .  Was  Sie  mir  von  GOrres  und  den  Rhein- 
preuszischen  Dingen  schreiben,  ist  mir  leid.  Diese  Regier- 
ung hat  wirklich  Unglück  in  ihren  Maszregeln.  Auch  im 
Herzogthum  Sachsen  soll  man  jetzt  noch  unzufriedener  se jn, 
als  im  Anfange.  Aber  gegen  unsere  Bundesversammlung 
sollte  man  gerechter  sejn,  als  man  häufig  ist;  die  Leute 
thun,  was  sie  unter  den  ungünstigen  Verhältnissen  können, 
ja  vielleicht  mehr  als  sie  wollen.  Möchten  nur  nicht  so 
viele  unserer  Fürsten  sich  wieder  immer  mehr,  fast  feind- 
lich abwenden  von  dem,  was  deutsch  und  des  deutschen 
Volkes  Art  u.  Bedürfnisz  ist!  Aber  Deutschland  steht  in 
Gottes  Hand,  wie  Steffens  sagt.  Es  kann  nicht  zu  Grunde 
gehen,  wie  viel  Verkehrtes  auch  geschehe.  Wunderbarer 
Weise  arbeitet  sich  das  Bessere  immer  wieder  aus  der  Tiefe 
empor.  —  Wissen  Sie  schon,  was  Görres  vom  Mittelalter 
schreiben  wird?  —  Ich  habe  angefangen,  mit  Prinz  Frie- 
drich Vorlesungen  des  Pr.  Kruse  über  die  Geschichte  des 
Mittelalters  zu  nören.  Wie  da  aber  das  gewaltige  Gebäude 
umsprungen  u.  beguckt  wird!  Es  ist,  als  hätte  man  ein 
Eartenhäuschen  in  der  Hand.  Doch  für  den  Prinzen  nicht 
unzweckmäszig,  da  er  nur  noch  das  Aeuszere  kennen  ler- 
nen musz,  da  ihm  für  das  Innere  u.  Grosze  noch  der  Sinn 
nicht  aufgegangen  ist.  Indessen  werde  ich  in  den  Wieder- 
holungen andeuten  und  anregen,  wie  möglich.  ..." 

2}  Leipzig  7.  6.  1817.:  »Wahrscheinlich,  lieber  Grimm, 
haben  Sie  m  Ihrem  Leben  noch  keinen  Fasanenhandel  ver- 
mittelt. Jetzt  bietet  sich  die  Gelegenheit.  Ein  hiesiger 
Hofrath  Keil  wünscht  seinen  Garten  mit  Gold-  u,  Silber- 
Fasanen  zu  zieren,  hat  gehört,  dass  dergleichen  in  Cassel 
zu  haben  wären,  aber  nur  auf  Empfehlung  von  einem  dort 
bekannten  Manne  abgelassen  würden,  u.  wendet  sich  an 
mich;  ich  aber  weisz  mich  mit  seinem  Anliegen  an  Nie- 
mand, als  an  Sie  zu  wenden.  Vielleicht  können  Sie  es  bej 
einem  Spaziergange  abmachen.  Dafür  sollen  Sie,  wenn 
Sie  herkommen ,  bej  besagtem  Fasanenliebhaber  einige 
recht  schöne  Bilder  sehen.  --  Meinen  Sie ,  es  gehöre  diese 
Liebhaberei  mit  zur  Bezeichnung  des  Leipziger  Geschmackes, 
so  habe  ich  nichts  dagegen ;  auch  das  gehört  dazu,  dasz 
man  in  vielen  Häusern  ein  Papchen  findet.  .  .  .^' 

S.  166.  Wellentreters  Ankündigung]  ,Ge- 
sammelte  Blätter  von  Treumund  W.  (Pseudonym  für  Joh. 
Chr.  A.  Heinroth ,  Prof.  der  Psychiatrie  in  Leipzig,  geb. 
1783,  gest.  1843)  worin  prosaische  und  poetische  Reflexionen 
über  das  Leben  enthalten  sind. 

S.  166.  stadtdirector  Burchardi]  weitläufiger  Ver- 
wandter von  Grimms. 


y  Google 


198  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  167—170. 

S.  167.  deshalb  aber  ist  sich  an  ...  .  zn  wen- 
den] damaliger  Kanzleistil. 

S.  168.  Y.  Schelmnfsk  j].  ,,Sch.'8  Abenthener  zu 
Lande  nnd  zur  See"  welchen  hnmoristischen  Boman  Ang. 
y.  Hazthaosen,  der  Freund  der  Brüder  Grimm  gerade  d^ 
mals  von  nenem  veröffentlicht  hatte.  Vgl.  F.  L.  A.  Maria 
Freiherr  von  Haxthausen.  Ein  photographischer  Versoch 
Ton  Freundeshand.  Als  Ms.  gedruckt  Hannover  1868  (Göt- 
tinger Bibl.  Eist.  lit.  pari  2013*)  S.  6  ff.  Danach  ist  wohl 
Wendeler's  Anm.  zu  S.  16  des  Bnefw.  des  Frh.  y.  Meuse- 
bach  m.  J.  u,  W.  Gr.  (S.  320-1)  zu  berichtigen. 

S.  169.  Von  Arnim  ist  ein  neuer  Roman  die 
-Kronenwächter*  erschienen]  vgl.  Freundesbriefe 
8.  55  und  213  u.  W.  Gr.'s  Anz.  in  den  Heidelb.  Jahrb.  1818 
(Kl.  Sehr.  1.  298  ff.) 

S.  170  no.  86].  Antwort  auf  S.'s  Br.  11  u.  12  1)  Leip- 
zig. 12.  8.  1817 :  ,.  .  .  .  Ich  laufe  in  diesem  Sommer  viel 
herum  in  den  Kornfeldern,  u.  erfreue  mich  ofb  an  der  unter- 
gehenden Sonne,  u.  arbeite  wenig.  Doch  musz  ich  wieder 
etwas  nebenher  vornehmen,  selbst  zu  meiner  Befriedigung, 
die  ich  leider  in  meinem  Amte  nicht  ganz  finde.  Darum 
will  ich  mir  den  dritten  Band  meines  Buches  über  den 
Menschen  aus   dem  Wege  schaffen  ....  * 

2)  Leipzig  26.  9.  1817:  «Ich  fühle,  dasz  ich's  zu  ar? 
mache,  dasz  ich  unausstehlich  werde.  Kaum  kann  ich% 
geradezu  heraussagen,  was  ich  Ihnen,  liebster  Freund,  an- 
sinne.  Ich  musz  erst  mit  den  Ghründen  vorrücken,  um  Sie 
nicht  zu  sehr  zu  erschrecken.  —  Mein  Buch,  das  bej  Wittwe 
Anbei  gedruckt  wird,  wünschte  ich  so  fehlerfrey  gedruckt,  als 
sich's  uiun  lässt.  Darum  wollte  ich  die  Gorrectur  selbst  be- 
sorgen. Nun  aber  finde  ich  erstlich,  dasz  diesz  kostspielig  ist, 
zweytens,  dasz  es  den  Druck  aufhält.  Aus  letzterem  Grunde 
wünscht  die  Anbei  selbst  einen  Corrector  in  Cassel.  Und  ich  ?  — 
Sie  haben  nun  den  Schrecken  weg  —  ich  könnte  das  Ihnen 
zumuthen?  —  Nein,  Lieber,  —  und  doch  ja!  Ich  meine 
nämlich,  vielleicht  übernähmen  Sie  es  mit  Bauer's  Hülfe, 
abwechselnd  wie  es  jedem  von  ihnen  die  Zeit  und  die 
Geduld  erlaubte.  Darumschreibe  ich  auch  an  Bauer.  Aber 
schlagen  Sie  mir's  nur  beide  |^eradezu  ab;  ich  erwarte 
nichts  anderes.  —  Oder  wollen  Sie  vielleicht  einen  Versuch 
machen,  einen  kleinen  Anfang,  ob's  erträglich  sein  wirdV  — 
In  den  ersten  zwej  Bogen  waren  wenig  Fehler;  ich  schöpfe 
einige  Ho&ung.  .  .  ." 

S.  170  den  zweiten  Bogen  von  ihrem  Buch] 
.Die  Betrachtung  des  Menschen*  in  3  Bden.,  von  denen 
die  beiden  ersten  in  Kassel  bei  Krieger,  der  dritte  1818  in 
Leipzig  bei  Cnobloch  erschien,    vgl.  S.  173. 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  170—173.  199 

S.  170.  drei  Tage  im  Grünen]  vgl.  S.  125. 

S.  170.  auf  dem  Haxthausiachen  Gnte]  Böken- 
dorf,  wohin  auch  A.  v.  Haxth.  nach  Absolvimnff  seiner 
Stndien  Michaelis  1817  von  Göttingen  ans  xnrückkehrte. 
In  der  (Anm.  zu  S.  168)  erwähnten  Biogr.  A.  ▼.  H.*8  steht 
S.  10  eine  n&here  Beschreibung  dieses  Gutes.  Den  ver- 
traulichen Briefwechsel  der  Brüder  Grimm  mit  verschiede- 
nen Gliedern  der  Haxthausenschen  Familie  veröffentlichte 
Heilbronn  1878  A.  Reifferscheid.  Ueber  den  hier  erwähnten 
Aufenthalt  s.  daselbst  S.  50  ff.,  woraus  auch  hervorgeht, 
dasx  *incognito'  hier  *ohne  Urlaub*  bedeutet.  J.  Gr.*s  Empfeh- 
lung V.  A.  V.  H.  an  Thomas  s.  Anm.  zu  S.  74. 

S.  170.  Reinhart  Fuchs]  vgl.  8.  38  u.  Briefe  von 
J.  Gr.  an  Tydeman  S.  138  Anm.  zu  8.  64.  sowie  Briefw.  m. 
Meusebach  S.  370  ff.  Br.  an  Diez.  Z.  f.  rom.  Philol.  VI.  503. 
Ueber  Wilhelm's  Antheil  vgl.  hier  S.  179. 

S.  171.  Geschichte  auf  der  Wartburg]  vgl.  Br. 
V.  J.  Gr.  an  Tydeman  S.  138  Anm.  zu  S.  66. 

S.  173  no.  87]  Antwort  auf  S.'s  Br.  13,  14.  1)  Leipzig, 
9.  12.  1817 :  ^Beiliegender  kleine  Zettel  enthält  alle  Sub- 
scribenten  auf  Reinhart  Fuchs,  die  sich  hier  bisher  ange- 
geben haben.  Sollte  sich  noch  einer  oder  der  Andere 
melden,  so  werde  ich  den  oder  die  Namen  nachsenden. 
Man  liebt  hier  das  Altdeutsche  nicht,  weder  in  Röcken, 
noch  in  Schriften,  man  denkt  es  mit  dem  Neudeutschen  in 
Verbindung,  u.  das  können  die  Sachsen  noch  nicht  ver- 
dauen. —  vor  einem  Monate  lernte  ich  Frau  Schopenhauer 
aus  Weimar  kennen.  Sie  gab  mir  Auftrag,  Ihnen  zu 
schreiben,  dasz  sie  auf  einen  baldigen  Besuch  von  Ihnen 
rechne  u.  sich  sehr  darauf  freue.  Damit  vereinigen  sich 
die  Wünsche  Ihrer  Leipziger  Freunde . . . ."  2)  Leipzig,  13. 1. 
1818:  . . .  „Noch  immer  ist  Frau  von  Erüdener  hier,  und  man 
hört  allmählig  auf,  von  ihr  zu  sprechen.  Anfangs  waren 
die  Menschen  hier  auf  mancherlej  Weise  erregt.  Viele 
sind  bei  ihren  Gottesverehrungen ,  Manche  allein  bej  ihr 
gewesen.  Einige  sind  von  ihr  gewonnen  worden,  für  Andere 
ist  sie  Veranlassung  zu  tieferer  und  festerer  Bejpründung 
der  eignen  Überzeugung  geworden.  Soviel  istgewisz,  sie  u. 
ihre  Tochter  meinen  es  gut  u.  reden  mit  voller  Aufrichtig- 
keit; weniger  sicher  ist  man  dessen  von  dem  Hrn.  Kellner, 
der  bey  ihren  Gottesverehrungen  den  Prediger  macht.  Die 
Menschen  dieser  Zeit ,  lehren  sie ,  besonders  die  Deutschen, 
sejen  so  verderbt,  dasz  sie  alle  jämmerlich  zu  Grunde 
gehen  würden,  wenn  ihnen  nicht  noch  von  der  heiligen 
Allianz,  u.  ihrem  Vollstrecker,  dem  heiligen  Alexander, 
Rettung  u.    Heil    komme;    u.   s.    w.      AnSings   gedachte 


y  Google 


200  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  175. 

ich  auch  zu  ihr  zu  gehen.  Nachdem  ich  aber  bald 
zuverlässige  Kunde  von  ihren  Lehren  und  ihrer  Art, 
zu  den  Menschen  zu  reden,  erhalten  hatte,  habe  ich  den 
Gedanken  au%egeben.  Nach  meiner  Überzeugung  ist  sie 
selbst,  die  als  eine  von  Gott  gesandte  Busspredigerin  auf- 
tritt, noch  nicht  zum  rechten  Glauben  durchgedrungen. 
Ich  müzste  ihr  das  sagen  u.  würde  sie  ohne  Nutzen  krän- 
ken; denn  sie  nimmt  alles,  was  gegen  sie  gesagt  wird,  nur 
als  Prüfung  auf  und  danket  Gott  für  das  neu  zu^fügte 
Leid.  Unrecht  aber  ist  es  offenbar,  dasz  die  gutmemende, 
mildthätige  Frau  polizeilich  fast  wie  eine  Verbrecherin 
behandelt  wird.  Denn  auch  hier  steht  eine  Wache  vor 
ihrem  Wohnzimmer  und  niemand  darf  zu  ihr,  der  nicht  von  dem 
Polizeydirector  besondere  Erlaubnisz  erhalten  hat.  Es 
herrscht  überhaupt  eine  fast  lächerliche  Aen^tlichkeit  bey 
unseren  Regierungen.  Die  zeigt  sich  auch  m  den  Erklä- 
rungen über  die  Wartburger  Segebenheit,  doch  wohl  mehr 
traurig  als  lächerlich.  Man  kann  das  thörichte,  in  seinen 
Folgen  nothwendig  traurige,  Mizstrauen  gegen  das  Volk 
immer  weniger  verhehlen.  Hierbey  eine  —  verspätete  — 
Rede  vom  Reformationsfest.  Bey  ihrem  Niederschreiben 
dachte  ich  nicht,  dasz  sie  gedruckt  werden  sollte.  .  .  .* 

Auf  no.  87  antwortet  S.'s  Br.  15.  Leipzig  3.  5.  1818 : 
,. . .  Was  Sie ,  veranlaszt  durch  meine  Rede  zur  Beformations- 
feier,  über  die  reine  Verehrung  eines  einzigen  Gottes,  die 
der  heidnischen  Naturvergötterung  vorhergegangen  sey, 
sagten,  hat  in  seiner  Einfachheit  eine  Fülle  des  Sinnes,  die 
mich  zu  öfterm  weilenden  Lesen  angezogen  hat.  Aus  den 
Thälem  u.  von  den  Gebirgen  Tibets  her  wird  man,  hoffte 
ich,  dereinst  auch  ziemlich  bestimmte  historische  Bestäti- 
gungen erlangen.  —  Sehr  wohl  hat  mir  gefallen,  was  Görres 
gesagt  u.  geschrieben  hat.  Auch  bin  ich  überzeugt,  dasz 
von  Hardenberg  das  Beste  zu  erwarten  ist.  Er  scheint  offnen 
Sinn  für  das  Gute  u.  Grosze  zu  haben;  auch  hat  man  hier 
sehr  günstige  Aeusserungen  von  ihm  über  die  Bewohner 
des  Rheinlandes  gehört.  Wenn  ihm  nur  nicht  Verhältnisse 
u.  Personen  in  den  Weg  treten ;  man  sagt,  er  gebe  zu  leicht 
nach.  —  Unangenehm  ist  mir,  dasz  man  dem  Bundestage 
die  Sache  der  deutschen  Landesverfassunj^en  ffanz  entziehen 
zu  wollen  scheint.  Wohl  müssen  die  Eigentnümlichkeiten 
bleiben;  aber  das  gesammte  deutsche  Volk  hat  doch  auch 
ein  Gemeinsames.  Beiszt  man  erst  die  Glieder  vollends  aus- 
einander, so  wird  nachher  Alles  beliebig  zerstückt  oder  in 
einander  verschwemmt.  .  .  .*' 

S.  175.  Oppositionszeitung]  oder  Weimarische 
Zeitung,  erschien  von  1817—20,  pro  Jahr  zu  10  Thlr.;  vgl. 
S.  184. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  175—179.  201 

S.  175.  Wir  beide  sollten  an  die  neue  rheini- 
sche Universität.]  Ueber  die  Motive  der  Ablehnung 
vgl.  Görresbr.  II,  554  u.  Wilhelm 's  Autobiogr.  bei  Justi 
S.  181.  Schon  1816  war  ein  solcher  Kuf  ergangen  und 
Savignj  gegenüber  abgelehnt  (vgl.  J.*8  El.  Schriften  I,  182 
und  auch  oben  S.  8  no.  11).  Die  ersten  Aus&ichten  mochten 
J.  Grimm  schon  1815  in  Paris  von  Eichhorn  gemacht  sein 
(s.  Acten  S.  15  u.  Jacob's  Autobiographie  bei  Justi  S.  161), 
der  auch  später  die  Berufung  der  Brüder  nach  Berlin 
ausführte  (s.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  296). 

S.  176  no.  88]  Antwort  auf  S.'s  Br.  16.  Leipz.  16. 7. 1818: 
,Die  freundliche  Güte  des  Fräuleins  von  Scheel,  einen  Brief 
an  Sie ,  liebster  Freund ,  mitnehmen  zu  wollen ,  kann  ich 
nicht  unbenutzt  lassen  u.  schicke  Ihnen  hiermit  wenigstens 
einen  der  herzlichsten  Freundesgrüsze.  In  meinem  näus- 
lichen  u.  meinem  Freundeskreise  wird  Ihrer  oft  mit  Liebe 
gedacht,  u.  immer  schlieszt  sich  der  Wunsch  an:  Wenn  er 
doch  einmal  wieder  herkäme !  —  Den  2.  Theil  Ihrer  deutschen 
Sagen  habe  ich  mit  Freude  gelesen.  Sondern  Sie  nur  nicht 
das  alles  von  der  Geschichte!  Wie  dürr  würde  sie  werden, 
wenn  Sie  allen  Saft  ausscheiden.  —  Was  arbeiten  Sie  jetzt? 
Wie  steht's  um  das  Edda- Werk  ?  —  Indem  ich  denke,  dasz 
Sie  immer  so  recht,  wie  es  seyn  musz,  eine  Arbeit,  ein 
Werk  vorhaben,  fällt  mir's  traurig  auf,  wie  zerstückelt 
meine  Zeit  u.  Kraft  hingeht,  besonders  auch  in  diesem 
Sommer.  Zum  dritten  Bande  meines  Buches  über  den 
Menschen  habe  ich  eine  kleine  Nachlese  von  Druckfehlern 
gehalten  u.  sie  der  Frau  Anbei  zugesandt.  Das  bezeichnet 
all  mein  Thun.  Es  ist  ein  beständiges  Drucklehler-Ver- 
bessem.  Und  köunte  ich  sie  nur  ausmerzen,  die  fatalen 
Druckfehler!  Aber  zu  meiner  Pein  bleiben  sie  unverändert 
stehen  u.  sehen  mir  jeden  Tag  von  neuem  ins  Angesicht, 
wie  oft  ich  ihnen  auch  zurufe:  Ihr  seyd  Druckfehler,  Fort 
mit  euch !  —  Unter  die  hiesigen  Studenten  ist  eine  Rührung 
u.  Regung  gekommen,  seit  ein  halbes  Dutzend  Jenaer  die 
allgemeine  Burschenschaft  hierher  genflanzt  hat.  Noch 
widerstreben  manche  Landsmannschaftler,  aber  nur  noch 
schwach.  Ich  —  ein  bemoostes  Haupt  —  habe  mich  bey 
diesem  Streite  ganz  verständig  benommen.«* 

S.  176.  FrL  v.  Scheele]  =  v.  Scheel  S.  262,  Hof- 
dame der  späteren  Kurfttrstin  Auguste. 

S.  179.  EddaJ  Vgl.  Thorlacius  Briefe  an  W.  Grimm 
vom  7.  Febr.  1817  u.  21.  Febr.  1818  (in  Briefw.  der  Br.  mit 
nord.  Gelehrten  S.  129  ff.),  femer  Br.  v.  J.  Gr.  an  Tydeman 
(S.  124).    Es  erschien  bekanntlich  kein  weiterer  Band. 


y  Google 


202  Anmerknngen  zu  B.  I  S.  179-182. 

S.  179.  Übersicht  der  altnord.  Lit]  s.  W.  Gt.'b 
klein.  Schriften  UI,  S.  1-84. 

S.  180.  Schlegel  ist  nun  Prof.  in  Berlin].  A.W. 
Schlegel  wurde  1818  Prof!  in  Bonn,  nicht  in  Berlin.  Ueber 
sein  Verhältn.  zu  den  Brüdern  vgl.  Briefw.  mit  y.  Meusebach 
S.  888  f.,  sonst  über  ihn  noch  Anm.  zu  S.  54.  Einen  von  7 
Torhandenen  Briefen  J.  Gr.'s  an  ihn  theilte  Klette  im  Ver- 
zeichniss  der  v.  A.  W.  Schlegel  hinterlassenen  Brie&ammL 
Bonn  1868  S.  XL  mit. 

S.  181.  Dasz  sie  sich  z.  B.  grosze  Zöpfe  .  .  . 
anhi engen],  vgl.  Fr.  Müller,  Cassel  vor  70  Jahren  I,  115 
ff. :  „Jedesmal  Pfingsten  strömte  die  ganze  Studentenschaft 
von  Göttingen,  Marburg  u.  Gieszen  dahin;  auch  Jena  und 
Halle  stellten  ihr  Contingent.  .  .  .  Niemals  liess  sich  der 
Kurfürst  Wilh.  I.  durch  den  studentischen  üebermuth  be- 
irren, selbst  nicht  einmal  dadurch,  dasz  derselbe  seine  Lieb- 
haberei am  Zopfe  in  drastischer  Weise  verhöhnte.  Viele 
Studenten  hatten  sich  Riesenexemplare  zugelegt  und  nicht 
wenige  trugen  zwei  Zöpfe.  £iner  erschien  sogar  mit  einem 
in  solcher  Länge,  dasz  ihn  zwei  andere  Burschen  wie  eine 
Schleppe  ihm  nachtragen  mussten.  Man  sah  darin  nichts 
anderes  als  einen  Fastnachtsscherz  im  Sommer. ** 

S.  182  no.  89]  Antwort  auf  S/s  Brief  17 :  .Leipzig  am 
26.  Novbr.  1818.  Liebster  Freund!  Nicht  ohne  Verwunde- 
rung sehe  ich,  dasz  Ihr  letzter  lieber  Brief  schon  drev 
Monate  alt  ist.  Noch  keine  Zeit  ist  mir  hier  so  schnell 
hingegangen,  als  der  jetzige  Herbst ;  und  doch  kann  ich 
mich  eben  nicht  rühmen,  etwas  Tüchtiges  darin  ^than 
oder  vor  mich  gebracht  zu  haben.  Nicht  einmal  viel  ge- 
lesen habe  ich.  Einige  Arbeiten  für  den  Prinzen  beschäf- 
tigten den  gröszten  Theil  meiner  Freystunden;  vorzüglich 
ein  Abrisz  der  christlichen  Kirchengeschichte.  Den  eigent- 
lichen Religionsunterricht  habe  ich  mit  ihm  geendigt;  auf 
meine  Bitte  hat  denselben  für  diesen  Winter  ein  hiesiger 
wackerer  Prediger  übernommen ,  der  sich  es  ernstlich  an- 
gelegen seyn  läszt  auf  das  Gemüth  zu  wirken.  Ich  besorge 
dameben    den    Unterricht    in     der    christlichen    Kirchen- 

Seschichte.  So,  hoffe  ich,  wird  gethan,  was  gethan  werden 
ann.  —  Nach  der  Einsegnung  gedenke  ich  dem  Prinzen 
auch  von  anderen  Religionen  eine  Vorstellung  zu  geben. 
Wissen  Sie  mir  ein  daza  brauchbares  Lehrbuch  zu  nennen? 
Ausserdem  beschäftigt  mich  auch  zu  Hause  der  Unterricht, 
den  ich  dem  Prinzen  in  der  Hessischen  Geschichte  gebe. 
Sie  werden  sich  wundem,  dass  ich  ihn  gebe;  aber  wer 
sonst  sollte  es  hier?  Zum  Gmnde  lege  ich  das  Lehrbuch 
von  Curtius.    Doch  habe  ich  nebenher  auch  Einiges  gelesen. 


y  Google 


Anmerkangen  zu  B.  I  8.  184—187.  203 

Darunter  Steffens  Carricatnren  des  Heiligsten. 
Gedanken-  n.  GemüthsfQüe  hat  auch  diesz  Buch  des  treff- 
lichen Mannes,  dem  ich  mit  Liebe  ergeben  bin.  Aber  ich 
vermisse  im  Ganzen,  dass  die  Mitte,  die  das  Mannichfaltige 
tragen  nnd  einen  soll,  nicht  genng  emporgehoben,  oder 
vielmehr  eigentlich  noch  ganz  im  Dnnkel  gelassen  ist.  Das 
scheint  mir  nemlich  der  Gedanke,  dasz  unser  Vaterland 
seine  Einheit  nur  in  einer  neuen  Kirche  finden  kOnne  und 
finden  werde.  Meine  Ahndung  von  dieser  Kirche  ist  zu 
unbestimmt  geblieben,  als  dass  ich  mich  nicht  vor  der 
Hand  alles  Unheils  begeben  müszte.  Darum  nun  ist  mir 
das  Buch  selbst ,  besonders  die  erste  Hälfte ,  schwankend 
erschienen.  Dabej  ein  wenig  zu  reich  an  Worten.  Das  erste 
Heft  des  Hermes  soll  in  acht  Tagen  ausgegeben  werden.  Der 
Wille  des  Herausgebers  ist  wacker.  Dass  Ihr  Bruder  Fer^ 
dinand  nicht  zu  uns  gekommen  ist,  bat  uns  leid  gethan. 
Wir  hatten  uns  Alle  auf  ihn  gefreut.  Denn  alles,  was 
Grimm  heiszt  u.  von  Grimm  kommt,  regt  unser  Aller 
Herzen  an.  Hannchen  ist,  dem  Verlangen  der  Oroszmutter 
folgend,  in  Lübeck.  Die  Andern  grüszen  herzlich.  Auch 
Ihrem  ältesten  Bruder  Grusz  u.  Segen  zu  dem  grossen 
Werke,  der  historischen  Grammatik.  Belows  lassen  sehr 
grüssen.  Beide  lieben  das  angenommene  Kind  mit  aller 
Innigkeit  und  Freude.  Auch  von  dem  Prinzen  habe  ich 
einen  Grusz  zu  bestellen. 

S.  184.  Prof  Benecke]  über  ihn  u.  seine  Beziehungen 
zu  den  Brüdern  s.  J.  Gr. 's  Kleinere  Schriften  1,  111.  Die 
Briefe  der  Brüder  an  ihn  sind  noch  nicht  bekannt. 

S.  185.  Steffens  Carricaturen].  Carricatnren  des 
Heiligsten.  Leipz.  1819—21.  2  Thle.  Heinrich  St.  war 
1773  geb. ,  war  1809  Prof.  d.  Mineralogie  in  Halle  und  zu 
dieser  Zeit  lebte  Wilhelm  in  seinem  Hause  [vgl.  Briefw.  d. 
Brüder  aus  d.  Jug.  S.  76  ff.]    Er  starb  1845  in  Berlin. 

S.  187no.90],  Antwort  auf  S.'s  Br.  18,  Leipz.  29.  3.  1819: 
....  In  der  Trauer  der  Abwesenheit  tröstet  mich  eine  geheime 
Freude,  ein  Gedanke,  den  ich  wohl  noch  nicht  sagen  sollte, 
—  dasz  Sie  mit  dem  Prinzen  bey  seiner  Rückkehr  hierher 
kommen  könnten.  Thun  Sie  es,  liebster  Gr. !  Die  Gelegen- 
heit ist  vortrefflich,  die  Jahreszeit  die  beste,  Ihrer  Gesund- 
heit wird  es  zuträglich  seyn,  hier  werden  Sie  Vielen,  be- 
sonders mir  und  den  Meinigen,  grosze  Freude  mEichen. 
Dann  werden  wir  uns  auch  über  Manches  im  Gespräche 
behaglich  ergehen  können ,  besonders  auch  über  die  Zeit 
u.  ihre  Bedürinisse.  Es  ringet  ja  doch  einmal  das  G^ 
schlecht  nach  Selbstbewusztsejn ;  u.  dazu  möge  es  der  Geist 
der  Wahrheit  führen*  u.   es   vor  Willkühr   u.    Faseley  be- 


y  Google 


204  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  187. 

wahren!  Bewnsstlos  kann  sich  wohl  die  Zeit  nicht  mehr 
ausffebären;  was  sie  in  ihrem  Schoose  trägt,  mosz  zayor 
auch  in  den  Geist ,  in  Gedanke  u.  Wille ,  üoergehen ,  aof 
dasz  es  mit  Ordnung  an  den  Tag  gebracht  u.  im  äusseren 
Daseyn  gehalten  werde.  Da  haoe  ich  jetzt  ein  Buch  in  2 
Bänden  vor  mir:  Versuch  einer  Darstellung  unserer  Zeit, 
Berlin  1819 ,  das  mich  anfangs  gewonnen  hatte.  Der 
Verfasser  (vielleicht  Buchholz?)  tritt  gewichtig  aut  mit 
einer  Fülle  von  Gedanken.  Weiterhin  aber  —  doch  bin 
ich  erst  bis  in  die  Mitte  des  ersten  Bandes  —  habe  ich 
angefangen,  mich  zurückzuziehen,  denn  es  kommt  mir  vor, 
als  wäre  das  Herz  des  Mannes  nicht  dabey.  Es  sollte  aber 
Keiner,  dünkt  mir,  über  seine  Zeit  sprechen,  der  nicht  mit 
seinem  Herzen,  obgleich  gegründet  im  Ewigen,  auch  in  ihr 
lebt.  Wärmer  ist  Steffens,  auch  wohl  in  Manchem  klarer. 
Übrigens  habeu  Sie  recht,  was  die  Rage  betrifft.  Es  ist  so 
etwas  von  der  Berserkei*-Wuth.  Doch  thut  er  mir  leid. 
Die  Berliner  fahren  wohl  zu  leicht  ins  Aeusserste;  Alles 
muss  sich  da  parteyen.  Steffens  hatte  doch  wenigstens 
darin  Recht ,  dasz  er  sagte ,  es  müsse  eine  Zeit  kommen, 
worin  man  den  Turnplatz  so  besuche,  wie  die  Reitbahn  u. 
den  Fechtboden.  Hätte  doch  die  Preussische  Regierung 
einstweilen  alles  gehen  lassen,  wie  es  geht,  bis  ihr  allge- 
meiner Unterrichtoplan  zur  Ausführung  reif  geworden.  Dir 
Urtheil  über  die  ITebersetzungen  Shakespeares  habe  ich  mit 
Vergnügen  gelesen.  Vom  Hermes  wird  bald  der  2.  Band 
ausgegeoen,  worin  Ihres  Bruders  Bemerkungen  über 
J.  Faurs  Sprache  befindlich  sind.  Für  den  3.  Band  erwar- 
tet Prof.  Krug  Ihren  Aufsatz.  Mit  meiner  Gesundheit  geht 
es  viel  besser ,  so  dasz  ich  mich  des  nahenden  Frühlings 
freuen  kann.  Nur  dasz  mich  noch  geringe  Arbeit  bald  er- 
schöpft. Harnier  wird  mich  besuchen  u.  hat  mich  ein- 
geladen, ihn  auf  der  Reise,  die  er  von  hier  nach  Berlin  u. 
von  da  zurück  über  Dresden  u.  durch  Böhmen  machen  will, 
soweit  es  mir  gefalle,  zu  begleiten.  Ich  weisz  noch  nicht, 
was  ich  thun  werde.  In  Berlin  möchte  ich  wohl  einig[e 
Menschen  sehen;  übrigens  hat  das  Leben  dort,  nach  mei- 
nem Vorurtheil  davon ,  gar  keinen  Reiz  für  mich ;  auch 
scheue  ich  das  lange  Fahren.  Gern  aber  ginge  ich  nach 
Dresden:  da  erfreut  und  erquickt,  was  oraussen  u.  was 
drinnen  ist.  ..." 

S.  187.  dasz  ich  keinen  Urlaub  erlangen 
kann].  Die  Urlaubsertheilung  erfolgte  stets  durch  den 
Kurfürsten  selbst  und  wurde ,  wie  aus  Bd.  IL  S.  7,  101  o. 
Briefw.  ra.  v.  Meusebach  S.  17, 330  hervorgeht,  ziemlich  un- 
gern bewilligt    Nach   dem    Urlaub   im   Ende  August  1815 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I.  S.  189.  205 

erhielt  W.  allerdings  einen  neuen  grossen  schon  im  Früh- 
jahr 1816  um  Arnim 'besuchen  zu  können  (vgl.  S.  151  u. 
Görresbriefe  IL,  504).  Aus  den  Freundesbriefen  ergiebt  sich 
(S.  39,  52,  68)  dasz  W.  später  einige  Mal  ohne  Urlaub 
verreiste  (vgl.  auch  Anm.  z.  S.  170)  und  einmal  dabei  vom 
Kurfürsten  selbst  beinahe  ertappt  wäre.  Wie  wenig  Ver- 
ständniss  sowohl  Wilh.  I.  wie  Wilh.  II.  für  die  Leistungen 
der  Brüder  zeigten,  ergeben  zwei  Br.  J.'s  an  Lachmann  v. 
2.  März  u.  12.  Mai  18^  (Briefw.  m.  v.  Meuseb.  S.  329—30) 
und  die  Resolution  behufs  Wieder besetzung  ihrer  Stellen 
1829  (II,   S.  11  no.  11). 

S.  189  no.  91].  Antwort  auf  S.'s  Br.  19  (Br.  18,  s. 
Anm.  zu  S.  141.)  Leipz.  16.  11.  1819:  .Wie  Einer,  der 
durch  ein  wildes  und  seltsames  Land  gezogen  wäre,  und 
nun  zurückkäme  zu  dem  alten  Freunde,  anfangs  von  der 
Menge  der  Schreckbilder,  die  noch  vor  seiner  Seele  schwe*- 
ben,  nichts  erzählen,  sondern  sich  nur  freuen  würde,  den 
Freund  und  die  Liebe  wieder  gefunden  zu  haben:  so  geht 
mir's  jetzt  nach  diesem  halben  Jahre,  in  dem  ich  Imien 
nicht  geschrieben  habe.  Ich  freue  mich  der  alten,  unver- 
änderhchen  Liebe  zu  Ihnen  und  mag  nichts  von  all  dem 
Zeug  reden ,  besonders  da  Sie  ja  auch  selbst  in  das  wüste 
Treiben  hineingeblickt  haben  und  hineinblicken,  u.  zwar 
wobl  mit  sichrerm  Gemüthe  und  klarerm  Blicke,  als  ich. 
Zwar  weisz  auch  ich,  dasz  das  Gute,  seines  gewissen  Sieges 
ungeachtet,  in  jeder  bestimmten  Zeit  mit  starren  Ein- 
seitigkeiten zu  kämpfen  haben  wird ;  doch  scheint  mir 
jetzt  des  Rohem,  unedlem  u.  Gehässigem  mehr,  als  billig 
ist.  Darum  habe  ich  in  diesen  Tagen  die  Rede  von 
Weiller:  'Über  die  religiöse  Aufgabe  unserer  Zeit'  mit 
einer  Art  von  Erquickung  gelesen;  denn  es  spricht  der 
Geist  der  Liebe  in  ihr.  Weiller  —  und  noch  mehr  — 
J.  M.  Seiler  in  Landshut  mögen  dort  mäehtig  Gutes  wirken 
in  ihren  Kreisen,  und  den  Glauben,  die  Hoffnung  u.  die 
Liebe  in  vielen  Seelen  stärken,  üeberhaupt  mag  es  jetzt 
in  Altbaiem  ganz  anders  aussehen,  als  zur  Zeit,  da  Nicolai 
seine  Briefe  schrieb,  u.  wieder  ganz  anders,  als  zur  Zeit 
der  Dluminaten.  . . .  N.  S.  Bey  der  hiesigen  Universität  ist 
zufolge  der  Carlsbader  Beschlüsse  noch  keine  Veränderung 
eingetreten;  auch  sind  diese  Beschlüsse  überhaupt,  soviel 
ich  weisz,  hier  im  Lande  noch  gar  nicht  als  Gesetze  be- 
kannt gemacht  worden.  Wenigstens  hat  die  hiesige  Zei- 
tung nichts  darüber  enthalten." 

Auf  no.  91  antwortet  S.  Br.  21:  „Leipz.  am  Himmel- 
fahrtstage 1820.  Möge  Ihnen,  liebster  Freund,  der  Himmel 
im  Gemüthe  heute  so  klar  erscheinen,   als   er  Alles  besee- 


y  Google 


206  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  189. 

ligend,  draossen  über  der  Natur  ausgebreitet  liegt!  Es  ist 
die  Himmelfahrt  doch  ein  herrliches  Fest!  Auch  ftusser- 
lich  ist  der  Tag  fast  immer  schön  und  herrlich.  Freund- 
lich senkt  sich  der  Himmel  herunter,  um  uns  in  sich  anf- 
Eunehmen.  Wie  habe  ich  heute  gefeiert?  —  Früh  war  ich 
in  der  Kirche  bej  unserm ,  der  Liebe  und  des  Glaubens 
▼ollen,  Wolf,  mit  Andacht  Dann  bey  dem  Prinzen.  Non 
schreibe  ich  meinem  lieben  Freunde;  und  dann  laufe  ich 
mit  meinen  guten  Kindern  in  das  Feld,  bis  die  schöne 
Sonne  untergent.  Zuerst  haben  Sie  Dank  für  Ihren  lieben 
Brief  vom  20.  Februar  (den  ich  erst  am  5.  April  erhielt). 
Sie  hatten  mir,  ich  Ihnen  lange  nicht  geschrieben;  aber 
meine  Liebe  war  u.  ist  die  alte,  unverändert.  —  Vor  acht 
Tagen  besuchte  mich  Keimer  u.  brachte  den  Prof.  Raumer 
von  Halle  mit;  sie  blieben  den  Abend  bej  mir,  u.  waren 
mir  auch  deszhalb  lieb,  weil  wir  da  alle  zusammen  Ihrer 
mit  Liebe  gedenken  konnten.  Reimer  brachte  meinen  Kin- 
dern die  2.  Ausg.  Ihrer  Märchen  als  Geschenk  mit.  Das 
machte  grosze  Freude ;  Elise  besonders  ist  mit  der  gröszten 
Liebe  darüber  her  gewesen,  u.  hat  mir  schon  Vieles  von 
den  herrlichen  neuen  Sachen  erzählt,  die  darin  sind. 
Meiner  Frau  hat    die  Vorrede    sehr    gefallen;    ich   konnte 

noch  nichts  davon  lesen Wohl  hoffe  ich  u.  sehne  mich, 

Sie,  lieber  Freund,  wie  auch  andere  Freunde  u.  meine  Ver- 
wandten in  Hessen  im  Herbste  dieses  Jahres  wieder  zu 
sehen.  Mein  vorläufiger  Reisegedanke  ist  folgender:  Ent- 
weder ich  begleite  den  Prinzen;  dann  komme  ich  zuerst 
zn  Ihnen  nach  Cassel,  eile  aber  von  da  nach  meiner  Mutter, 
u.  s.  w.  Oder  es  ist  nicht  nöthig,  dass  ich  den  Prinzen 
begleite;  dann  verlasse  ich  ihn  in  Gotha  u.  gehe  zuerst  zu 
meinem  Bruder  im  Schmalkaldischen ,  wende  mich  von  da 
in  das  Fuldathal,  u.  besuche  in  Rotenburg  eine  Schwester, 
dann  in  Melsungen  meine  Mutter,  komme  dann  zu  Ihnen, 
u.  reise  von  Ihnen  nach  Marburg.  Meine  Frau  u.  Elinder 
bleiben  einstweilen  hier  u.  ich  selbst  kehre  hierher  zurück 
u.  bringe  den  Rest  des  Winters  hier  zu.  Denn  ich  habe 
ein  groszes  Bedürfnisz,  einige  Zeit  für  mich  zu  sein.  Dann 
auch  erst  wünsche  ich  mich  in  Hinsicht  des  Aeussem  meines 
künftigen  Lebens  zu  entscheiden.  Entschieden  zwar  bin 
ich  in  der  Neigung  u.  dem  Entschlüsse ,  mein  dann  noch 
übriges  Leben  der  Wissenschaft,  ich  meine  der  Philosophie, 
zu  widmen.  Ob  aber  nur  stille  für  mich  oder  auch  münd- 
lich lehrend,  um  das  zu  entscheiden,  musz  ich  erst  wieder 
Eanz  zu  mir  gekommen  seyn ,  u.  inne  werden  ob  mein 
eben  nicht  schon  zu  tief  angefressen  ist,  als  dasz  es  noch 
zu  mündlicher  Lehre   Kraft   haben  könnte.  —  Doch,  es  ist 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  189  - 192.  207 

ja  noch,  wenigstens  meinem  Qefdhle  nach,  sehr  lange  bis 
zum  Herbst  .  .  .  /* 

S.  189  f.  Streit  zwischen  Vosz  a.  Stolberg], 
vgl.  Frenndesbriefe  y.  5.  Mai  1820  (S.  80  n.  217). 

S.  191.  Tante]  Zimmer  vgl.  Briefe  v.  J.Gr.  an  Tyde- 
man  S.  134.    Sie  starb  am  15.  April  1815. 

S.  192  no.  93J  Antwort  anf  S.'s  Br.  22:  »Leipzig  am  29. 
Dcbr.  1820.  Mein  geliebter  Freand.  Dasz  ich  vor  einigen 
Wochen  von  meiner  Reise  wohlbehalten  bey  den  Meinigen 
angekommen  bin,  werden  Sie  dnrch  Ob.  v.  Below  erfahren 
haben.  Ich  hatte  darauf  den  besten  Willen,  mich  den 
Büchern  n.  Gedanken  zuzuwenden,  wenn  nur  nicht  das 
menschliche  Leben  unstet  u.  unruhig,  u.  das  menschliche 
Herz  ein  trotziges  u.  verzagtes  Ding  wäre.  Es  hat  sich 
nämlich  die  Fraffe,  wo  ich  künftig  wohnen  und  was  ich 
treiben  solle,  so  nahe  herangedrängt,  dasz  sie  erst  beantwortet 
u.  abgethan  seyn  musz,  ehe  ich  etwas  mit  rechter  Ruhe  u.  Frey- 
heit  unternehmen  kann.  Ich  selbst  fühle  mich  aber  so  un- 
sicher u.  unbestimmt  in  meinem  Wollen  u.  Wünschen,  dasz  ich 
nie  mehr  des  Rathes  bedurfte.  Darum  will  ich  Ihnen,  lieber 
Freund,  das  Für  u.  Wider  darstellen,  wie  es  sich  mir  dar- 
stellt, u.  bitte  um  den  Rath,  den  Ihnen  Gefühl  zugleich  u. 
Gedanke  eingibt.  —  Du  solltest  —  so  sage  ich  zu  mir  von 
der  einen  Seite  —  den  Werth  des  freyen  Lebens,  das  Dir 
jetzt  zu  Theil  geworden,  zu  schätzen  wissen.  Dein  Leben 
u.  Deine  Kraft  ist  auf  der  Neige;  benutze,  was  Dir  davon 
übrig  ist,  um  Deine  Überzeugungen  von  dem  Menschen  u. 
seinem  Verhältnisse  zu  Gott  u.  der  Welt  auszubilden  u. 
schriftlich  darzustellen.  So  wirst  Du  Dir  selbst  genügen  u. 
Andern  nützlich  seyn!  —  Ich  kann  aber  —  erwiedere  ich 
von  der  andern  Seite  —  nicht  sorgenfrey  von  meiner  Pension 
leben.  Schulden  möchte  ich  gern  bezahlen,  nicht  mehrere 
machen.  Und  wenn  man  nicht  unbekümmert  lebt,  kann 
das  Gemüth  sich  nicht  frey  u.  tief  der  Betrachtung  ergeben. 
Dazu  kommt,  dasz  ich  glaube,  durch  mündliche  Mittheilung 
meiner  Überzeugungen  sicherer  wirksam  zu  seyn,  als  durch 
schriftliche.  —  Du  wünschest  also  —  spricht  es  wieder 
von  der  ersten  Seite  —  doch  kein  anderes  Amt,  als  ein 
Lehramt  der  Philosophie.  Ein  solches  aber  ist  in  dieser 
Zeit,  da  man  die  Freyheit  der  Lehre  misztrauisch  bewacht 
u.  beschränkt,  mit  Gefahren  u.  Verdrieszlichkeiten  ver- 
bunden. Und,  was  das  Auskommen  mit  Deiner  Pension 
betriflft,  so  ziehe  nach  einem  andern  Orte,  wo  wohlfeiler  zu 
leben  ist,  nach  Hanau  etwa  oder  einer  Hessischen  Landstadt, 
oder  suche  irgend  eine  einträgliche  Nebenbeschäftifiping !  — 
Man  soll   wirken  —  antworte  ich   hierauf  —  so  lange  es 


y  Google 


208  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  192. 

Zeit  ist,  n.  Gefahren  nicht  achten.  Die  Kosten  der  Reise  an 
einen  andern  Ort  n.  der  Einrichtung  an  demselben  machten 
leicht  mehr  betrafen,  als  in  einigen  Jahren  durch  die 
gröszere  Wohlfeilheit  gewonnen  würde.  Die  Nebenbeschäf- 
tigung aber  —  worin  sollte  sie  bestehen?  Etwa  in  Privat- 
unterricht oder  Recensiren?  leicht  möchte  das  meine  2ieitu. 
Kraft  hinnehmen  u.  zur  Hauptbeschäftigung  werden.  —  So 
warte  doch  wenigstens,  bis  die  Zeiten  günstiger  werden. 
Dann  kannst  Du  einer  Anstellung  entgegensenen ,  die  in 
jeder  Hinsicht  Deinen  Wünschen  entsprechen  wird !  —  Aber, 
wie  lange  warten ?  Es  sieht  nicht  darnach  aus,  als  wenn 
bald  günstigere  Verhältnisse  eintreten  würden ;  u.  weder 
mein  Alter ,  noch  meine  Vermögensumstände  g^tatten  ein 
langes  Warten.  Dazu  kommt ,  dasz  indessen  Lust  zugleich 
u.  l^ähigkeit,  Philosophie  zu  lesen,  schwinden  möchten.  — 
So  weit,   lieber   Freund,    Gründe  u.  Gegengründe   im   AIl- 

femeinen.  Gesetzt ,  es  entschiede  sich  Ihre  Meinung  daför, 
asz  ich  jetzt  ein  Lehramt  der  Philosophie  wünschen  müsse ; 
so  entsteht  nun  die  zweite  Frage:  ob  ich  ein  solches  in 
Marburg  wünschen  solle.  —  Da  würdest  Du  nicht  viel 
wirken  können  ~  heiszt  es  dagegen  —  da  die  Zahl  der 
Studirenden  so  gering  ist!  —  Aber  doch  etwas;  auch  ist  die 
Wirksamkeit  nicht  immer  nach  der  Menge  der  Schüler  zu 
messen,  sondern  öfter  noch  nach  dem  vorhandenen  Be- 
dürinisz.  —  Aber  scheue  die  ungnädige  Stimmung  gegen 
Dich  von  oben  her.  Bei  irgend  einer  Veranlassung  könntest 
Du  Amt  zugleich  u.  Pension  verlieren!  Das  ist  wahr  und 
scheint  sehr  bedenklich.  Aber  wahrscheinlich  ist  es  doch 
nicht,  wenn  man  mir  einmal  (was  man  ja  wohl  nicht  thun 
würde,  wenn  man  mich  nicht  haben  will)  das  Amt  gegeben, 
u.  die  Beybehaltung  der  Pension  fär  jeden  Fall  versprochen 
hat.  Auch  ist  auf  der  andern  Seite  zu  bedenken,  d&az  jetzt 
wohl  an  kcineni  Hofe  in  Deutschland  eine  gute  Meinung 
von  den  Universitäten ,  am  wenigsten  von  der  Philosophie, 
zu  finden  seyn  möchte ;  nicht  weniger ,  dasz ,  hinsichtlich 
meiner,  bej  einer  etwaigen  AnsteUung  an  einer  andern 
Universität  eher  eine  Anzeige  oder  Verdächtigmachung  zu 
befürchten  seyn  möchte,  als  bey  einer  Anstellung  in  Hessen. 
—  Dazu  kommt ,  dasz  mir  jetzt  keine  Anstellung  auf  einer 
andern  Universität  geboten  wird.  —  Nun  sagen  Öie  mir,  ob 
meine  Gegenstellung  richtig  ist,  u.  wohin  sich  Ihr  Urtheil 
neigt.  Ich  habe  absichtlich  nichts  von  den  Gründen  gesagt, 
welche  die  Logiker  subjective  nennen.  Sie  sind  auch  auf 
beiden  Seiten  ungefähr  gleich.  —  Belows  Rath  habe  ich; 
doch  mögen  Sie  die  Sache  gelegentlich  noch  einmal  mit 
ihm  besprechen;  —  u.  schreiben  Sie  mir  bald • 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  196-198.  209 

S.  196  no.  94]  hierauf  wie  auf  no.  93  antwortet  S.*8 
Br.  28:  , Leipzig,  am  2.  M&rz  1821.  .  .  .  Ihrem  Bruder,  dem 
Maler,  soll  ich  nerzliche  Grüsze  von  dem  Maler  Blum  sagen, 
den  ich  in  der  vorigen  Woche  hej  Marheinecke  in  Berlin 
kennen  lernte.  Reimer  war  verreist.  Interessant  ist  mir 
Berlin  erschienen,  aber  es  hat  mich  nicht  an^^emuthet. 
Ausser  dem  Mangel  an  Berg  und  Thal  —  wonach  ich  immer 
sehnsüchtig  bleibe  —  ist  mir  unter  den  Menschen  ein  Par- 
teyen entgegengetreten,  das  mir  in  allen  Dingen,  am  meisten 
in  der  Religion,  verhaszt  ist.  ~~  Bey  der  Umversität  scheint 
viel  geistige  Lebensregung.  —  Auf  die  erhaltene  bestimmte 
Nachricht,  dasz  unter  der  Professur,  wovon  man  mir,  als 
ich  in  Cassel  war,  sagte,  nicht  die  durch  Tennemanns  Tod 
erledigte,  wie  ich  glaubte,  sondern  eine  bis  jetzt  noch  nicht 
erledigte  zu  verstehen  sey ,  habe  ich  mich  entschlossen ,  zu 
Ostern  einstweilen  mit  den  Meinigen  nach  Lübeck  zu  reisen. 
Ich  befriedige  dadurch  die  immer  gröszer  gewordene  Sehn- 
sucht meiner  Frau,  u.  weisz,  dasz  wir  dort  herzlich  will- 
kommen sind.  Den  Gedanken,  wenn  ich  mich  entschiede 
oder  entscheiden  müszte,  noch  mehrere  Jahre  oder  immer 
ohne  amtliche  Wirksamkeit  zu  leben,  Hanau  zu  meinem 
Wohnorte  zu  wählen,  habe  ich  noch  nicht  in  meinen  Willen 
aufgenommen.  —  Von  Bremen  habe  ich  die  frohe  Nachricht 
erhalten,  dasz  meinem  Bruder  ein  Sohn  geboren  worden. 
Ich  soll  Pathe  seyn,  u.  werde  darum  vielleicht,  da  das  Kind 
erst  in  zwey  Monaten  getauft  werden  wird ,  den  Weg  über 
Bremen  nehmen.  —  Dasz  Sie  bev  Ihrem  Unterrichte  viel 
Gelegenheit  haben  werden,  Geduld  und  Glauben  zu  üben, 
kann  ich  mir  wohl  denken.  Wie  oft  hat  das  schmerzliche 
Gefühl,  nichts  wirken  zu  können,  mein  Innerstes  durch- 
schnitten! Aber  man  musz  immer  von  Neuem  Muth  fassen. 
Seelen  kann  man  nicht  verändern  —  u.  das  ist  gut !  —  aber 
es  gibt  Seelen,  die  zwar  selten,  aber  doch  bisweilen  ange- 
sprochen werden,  u.  dann,  ohne  sich's  merken  lassen  zu 
wollen;  —  u.  unter  diese  gehört  die,  womit  Sie  es  zu  thun 
haben.  —  Für  den  gründlich  freundschaftlichen  Rath,  den 
mir  Ihr  Brief  vom  7.  Januar  überbracht  hat,  sage  ich  herz- 
lichen Dank.  —  Von  Hannover  ist  mir  nichts  zugekommen; 
auch  würde  ich  mich  schwerlich  darauf  eingelassen  haben. . .  .* 

S.  198.  Was  meine  Stunden  etc.]  vgl.  Anm.  zu 
S.  65. 

S.  198.  Der  Mahler  scheint  ein  grösseres  Bild 
vorzuhaben]  vgl.  Freundesbr.  v.  27.  Mai  1821  (S.  83  und 
die  Biographie  von  Ludwiff  Grimm  in  d.  Allg.  EncycL  v. 
Ersch  und  Gruber  aus  der  Feder  von  Hermann  Grimm. 

S.  198  no.  95]  Antwort  auf  S.'s  Br.  24: 
B.  StengeL    Aot«ii  der  Brüder  Grimm.  14 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


210  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  198. 

„Leipzig,  am  10.  April  1821.  Durch  Below  habe  ich  die 
ajigenehme  Versicherung  erhalten,  dasz  Sie,  liebster  Freund, 
sich  wohl  befinden.  Er  kam  am  31.  März  Nachmittags  hier 
an,  und  reisete  schon  den  folgenden  Tag  um  10  weiter.  E» 
war  mir  lieb,  ihn  zu  sehen.  Er  war  zufrieden,  schien  sich 
auch,  80  wie  seine  Frau  und  das  Kind,  wohl  zu  befinden, 
obgleich  er  viel  mit  seinem  ehemaligen  Arzte  über  seinen 
Gesundheitszustand  redete.  —  Auch  ich  werde  nun  Leipzig 
bald  verlassen.  Morgen  über  acht  Tage  werden  meine 
Kinder  eingesegnet,  an  einem  der  Festtage  werden  sie  zum 
h.  Abendmal  gehen,  und  dann,  wahrscheinlich  den  25.,  ziehen 
wir  fort.  Ich  verlasse  Leipzig  mit  einem  gemischten  Ge- 
fühle. Freundschaft  u.  Wonl wollen  habe  ich  hier  gefunden, 
doch  ist  mir  nicht  heimathlich  geworden,  hauptsächlich 
wohl ,  weil  ich  in  meinem  Berufe  Keine  Befriedigung  £Euid. 
Die  hieraus  entstandene  Seelenbeklommenheit  iiesz  mich 
auch  der  Liebe  der  Menschen  nicht  recht  froh  werden.  — 
Wenn  Sie  mir  schreiben  wollen,  guter  Grimm,  so  schicken 
Sie  mir  die  Briefe  bis  in  die  Mitte  May  nach  Bremen. . . . 
Hierbey  ein  Friedensbüchlein,  zunächst  geschrieben  zu  einer 
Vorlesung  unter  Freunden Die  Hannoversche  Schul- 
angelegenheit ist  nun  doch  noch  an  mich  getreten;  aber 
ich  habe  keine  Neigung,  u.  meine  entscheidende  Antwort 
nur  verschoben,  weil  ich  doch  nächstens  selbst  durch  Han- 
nover komme " 

Auf  no.  95  antwortet  S.*s  Br.  25:  , Lübeck,  am  20. 
Junius    1821.      Liebster   Freund.      Gleich    nach   dem   Em- 

S fange    Ihres   Briefes    vom    28.    May    habe    ich    meinem 
truder  in  Bremen  Ihres  Bruders  Carl  wegen   geschrieben, 

n.  weisz,  dasz  er  sich  dafür  bemühen  wird Es  sind  nun 

schon  bald  sechs  Wochen,  dasz  ich  mit  den  Meinigen  hier 
bin,  es  scheint  uns  aber  kaum  14  Tage.  Täglich  erhalten 
wir  von  unsem  Verwandten  u.  Freunden  Beweise  groszer 
Liebe,  u.  ich  fühle  schon,  was  ich  zum  voraus  befönshtete 
—  dasz  der  geringe  Eisengehalt,  den  meine  Seele  hat,  (im 
Leben  doch  se  nothwendig  1),  hier  vollends  in  Flusz  kommt 
Es  ist  hier,  dünkt  mir,  und  zwar  nicht  blosz  bey  meinen 
Verwandten,  sondern  im  Allgemeinen  hier  in  der  Stadt  u. 
auf  dem  Lande  umher,  eine  stillere  u.  innigere  Liebe  u. 
Frömmigkeit  in  den  Familien ,  bei  geringerer  Sorge  um 
Literatur  und  Politik,  als  wo  ich  sonst  war.  Mein  Schwager 
lebt  ganz  in  diesem  Sinne;  seine  Frau  ist  ganz  Herz,  ganz 
Lauterkeit  u.  Verständigkeit;  sein  Haus  überhaupt  ein 
Heiligthum  der  Liebe.  Ausserdem  lebe  ich  viel  mit  Geibel. 
Bey  unverminderter  Rüstigkeit  ist  er  zu  seltener  Gediegen- 
heit der  Ueberzeugung  gelanget,  ist  ganz  Theologe  oder 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  198—205.  211 

vielmehr  Christologe,  n.  in  seinem  Hause  ein  Patriarch  in 
der  Mitte  seiner  acht  blühenden  Kinder,  vier  Söhnen  u. 
vier  Töchtern.  Freilich  gibts  daneben  auch  bisweilen  Ein- 
ladungen auf  halbe  Tage,  wo  einem  die  Güte  der  Menschen 
zu  lang  wird.  —  Für  Ihre  Bemerkungen  über  meine  letzte 
kleine  Schrift  page  ich  Ihnen  Dank ;  ich  habe  sie  beherziget. 
Wir  hätten  uns  wohl  noch  über  Das,  was  eigentlich  die 
Geschichte  ist,  zu  verstand isen ,  wfdches  aber  schriftlich 
nicht  ohne  grosze  AusfÜhrlicnkeit  u.  Gefahr  des  Miszver- 
standes  würde  geschehen  können.  —  Gerling  hat  mir  vor 
einigen  Ta^en  geschrieben,  dasz  die  philosophische  Facul- 
tat  auf  Wiederbesetzung  der  Tenne mann^schen  Stelle  an- 
tragen u.  mich  dazu  vorschlagen  wolle.  Ich  bin  es  zu- 
frieden, hinsichtlich  des  Erfolges  aber  sehr  zweifelhaft 

S.  202no.  96].  Antwort  auf  S.'s  Br.  26:  rMelsungen,  am 
17.  Sept.  1821.  Mein  geliebter  Freund.  Seit  kurzem  bin  ich, 
einer  früheren  Verabredung  getreu,  hier,  um  meine  Mutter 
und  Schwestern  zu  besuchen.  Mächtig  zog  es  mich,  als  ich 
bei  Cassel  vorbeikam,  hinein  zu  Ihnen. . . .  Wann  aber  werde 
ich  Sie  wiedersehen?  Wie  sehr  würde  ich  mich  freuen, 
wenn  Sie  der  Einladung  des  Keg.rathes  Lotz  folgen  und 
hierher  kommen  wollten!  Dasz  man  in  Marburg  den  Ge- 
danken gehabt  hat,  mich  da  als  Lehrer  der  Philosophie 
zu  haben,  in  Cassel  aber  mich  lieber  als  Schulrath  bei  der 
dortigen  Regierung  anstellen  wollte,  haben  Sie  vielleicht 
gehört.  Ich  schrieb  dem  Ministerialrath  Kraft,  dasz  mir 
die  Anstellung  in  Marburg  angemessener  seyn  würde ;  doch 
wolle  ich  micn,  wenn  etwa  besondere  Gründe  dafür  ent- 
schieden, auch  der  Anstellung  in  Cassel  nicht  versagen. 
Seitdem  sind  schon  zwei  Monate  vergangen,  ohne  dasz  ich 
weiter  etwas  gehört  habe.  Darum  vermuthe  ich,  dasz  beide 
Anstellungsgedanken  aufgegeben  worden  sind,  u.  bereite 
mich,  einstweilen  den  nächsten  Winter  hier  zuzubringen. .  .* 

S.  202.  Lo  t  z],  Reg.  R.  Derselbe,  wie  der  Auditor  Lotz 
der  S.  330,  412  der  Briefe  aus  d.  Jugendz.  erwähnt  wird ;  nach 
dem  Marburger  Studentenverzeichnisz  vom  Sommer  1802  war 
er  aus  Borken  gebürtig  und  am  16.  Nov.  1800  als  Jurist  in 
Marburg  eingeschrieben.  Seine  Vornamen  sind  Phil.  Friedr. 
Carl,  Er  war  später  während  der  vierziger  Jahre  Re^ie- 
rungsdirector  in  Hanau,  wo  ihm,  wie  mir  Herr  F.  Bang  hier- 
sei bst  mittheilt  Grimm  einmal  besuchte,  später  kam  er  als 
Regierungsdirector  nach  Marburg,  wo  er  starb. 

S.  205  no.  98].  Antwort  auf  S.'s  Br.  27  v.  20.  1.  1822, 
in  welchem  S.  meldet,  dasz  es  nun  entschieden  sei,  dasz  er 
nach  Bremen  gehe,  aber  noch  um  einige  auf  Spener  be- 
zügliche Bücher  bittet,  und   sich  über  das   erste   Heft   der 

14* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


212  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  205—209. 

Morphologie  von  W.  v.  Schütz  ausspricht,  sowie  nach  der 
dritten  Auflage  von  Schleiern)  achers  Reden  über  die  Reli- 
gion erkundigt.  —  Auf  no.  98  antwortet  S.'s  Br.  28  v.  18. 
2.  1822,  mit  welchem  er  die  übersandten  Bücher  zurück- 
schickt, Yon  den  unvermuthet  wieder  zu  tage  getretenen 
Aussichten,  dasz  er  nach  Marburg  an  Tennemanns  Stelle 
kommen  könnte,  meldet,  u.  um  Nachricht  bittet  sobald 
etwas  entschieden  sei. 

S.  205.  Spener].  Suabedissen  schrieb  um  diese  Zeit 
einen  Abrisz  y.  Spener^s  Leben,  welcher  1824  in  Rochlitz 
, Jährliche  Mittheilungen  HI.  S.  1—120  erschien. 

S.  207  no.  99].  Antwort  auf  S.'s  Br.  29.  Melsungen 
d.  17.  3.  1822 :  Bitte  um  die  zweite  Auflage  v.  Creuzer*8 
Symbolik  u.  Mythologie,  welche  der  Bote  von  R.  R.  Lotz 
abholen  werde.  »Meine  zweite  und  angelegenere  Bitte  ist, 
dasz  Sie  recht  gesund  sejn  sollen!  In  der  vorigen  Nacht 
sind  Sie  mir  so  krank  vorgekommen,  als  gar  nicht  erlaubt 
ist,  so  dasz  ich  schelten  möchte,  wenn  ich  nicht  lange  her 
selbst  nichts  getaugt  hätte.    Mit  herzlicher  Liebe  Ihr  S.«* 

S.  209.  no.  100].    Antwort  auf  S/s  Br.  30: 

„Marburg  am  6.  Junius  1822.  Es  ist  wohl  unrecht^ 
liebster  Freund,  wenn  Einer,  der  in  eine  neue  Lebenslage 
versetzt  worden  ist,  seine  Freunde  nicht  bald  benach* 
richtigt,  wie  er  sich  darin  befindet,  oder  vielmehr,  wie  er 
sich  in  dieselbe  findet.  Das  scheint  noch  mehr  unrecht, 
wenn  die  Veränderung  in  einem  Alter,  wie  das  meinige, 
geschehen  ist,  das  scnon  eine  gewisse.  Starrheit  zu  haben 
pflegt  u.  sich  weniger  bequem  m  'neue  Lebensverhältnisse 
tagt;  —  weil  dann  die  Freunde  Ursache  haben,  besorg- 
licher zu  seyn.  —  Darum  will  ich  Ihnen  nun  gleich  vor 
Allem  sagen,  dasz  es  mir,  meinem  Gefühle  nach,  wohlgeht. 
An  diesem  Gefühle  ma^  wohl  die  Herstellung  meiner  Ge- 
sundheit einigen  Antbeil  haben,  u.  zu  dieser  Herstellung 
mag  wohl  gewirkt  haben  u.  fortwährend  zu  meinem  Froh- 
sinn wirken  die  herrlichp  Jahreszeit,  der  prächtige  Himmel, 
das  helle  Licht,  die  reine  Luft,  und  die  n*eie  Lage  meiner 
Wohnung,  die  mich  wie  in  die  Mitte  dieser  Elemente 
hineingehoben  hat.  Zwar  dröhnet  mein  Häuschen,  erschüt- 
tert in  seiner  Grundveste  durch  mächtige  Schläge  —  man 
bauet  da  eine  Küche,  haut  Fenster  in  die  Mauern,  etc.  — 
aber  das  kümmert  mich  wenig ;  ich  sitze  oben ,  wie  ein 
Vogel  in  seinem  Bauer;  habe  auch  —  zum  Beweise,  dasz 
ich  hier  zu  nisten  gedenke  —  auf  drejr  Jahre  gemiethet,  ob- 
gleich vorauszusehen  ist,  dass  im  Winter  durch  die  schlot- 
ternden u.  zerrissenen  Fensterrahmen  oft  mehr  frische  Lufl 
einströmen  wird,  als  zum  Leben  nothwendig  ist.  .  .  .' 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  209.  213 

Auf  no.  100  erwidert  S.'a  Br.  31:  .Marburg  am  4. 
Januar  1823.  Liebster  Freund,  ....  Nun  Dole  ich ,  da  ich 
Sie  doch  nicht  selbst  hier  habe ,  Ihren  lieben  Brief  vom 
17.  Julj  herbej,  ihn  noch  einmal  zu  lesen.  Dasz  Sie  sich 
meiner  Wohnung  noch  so  gut  erinnern  —  denn  damit  be- 
ginnt Ihr  Brief  ->  ist  mir  nicht  wenig  lieb,  da  Sie  desz- 
wegen  bisweilen  auch  unwillkürlich  durch  Vorstellungen 
aus  früherer  2jeit  mit  Ihren  Gedanken  zu  mir  hergeleitet 
werden  müssen.  Eine  meiner  liebsten  Hoffnungen  für 
dieses  Jahr  ist,  dasz  Sie  selbst  nachgezogen  werden  mögen. 
Freilich  werden  Sie  dann  die  Wände,  wo  sonst  die  schönen 
Kupferstiche  hingen,  leer  finden;  jetzt  noch,  wie  sonst,  ist 
mein  Zimmer  puritanisch  einfach;  es  ist  nur  ein  Bild 
darin,  das  Ihrige.  Aber  die  Natur  umher  ist  doch  noch 
freundlich,  wie  immer;  u.  selbst  in  der  jetzigen  Jahreszeit 
sehe  ich,  als  Ersatz  für  das  Grün  der  Bäume  u.  Felder,  die 
Sonne,  die  sich  im  Sommer  hinter  den  Dammeisberg  wen- 
det, Yor  mir  über  Ockershausen  untergehen In  ihrem 

Briefe  weiter  lesend  komme  ich  ül^r  die  Ausgleichungs- 
au%abe  Ihres  Nervensystemes  mit  dem  Staabstrompeter  u. 
dem  Schmidt  —  die  nun  hoffentlich  ganz  ffelOszt  ist  —  zu 
der  mir  stets  in.  frischer  Erinnerung  gebliebenen  höchst  er- 
freulichen Nachricht  von  der  Herstellung  Ihrer  Gesundheit 
durch  Milch  u.  andere  milde  Nahrungsmittel.  Ich  hoffe, 
dass  sie  indessen  bis  zum  Wasser  vorgedrungen  sind ;  dann 
wird  nicht  leicht  wieder  ein  böser  hitziger  Dämon  in 
Ihnen  aufkommen  können.  Dann  folgt  ein  Absatz  in  Ihrem 
Briefe,  der  mich  beunruhigt  hat,  weil  ich  ihn  nicht 
recht  verstanden  habe.  &  ist  darin  die  Rede  von 
innerlicher  Krankheit,  aber  auch  von  innerlicher  Gesund- 
heitnkraft.    —     Letztere    wird    vollends     gesiegt    u.    aos- 

S^worfen  haben,  was  nicht  ins  Innere  gehört,  gewiszlich! 
arum  hätte  ich  dieses  passus  gar  nicht  erwähnen  sollen; 
da  es  nun  aber  geschehen  ist,  liebster  Freund ,  so  lassen 
Sie  uns  bev  dieser  Veranlassung  uns  einander  versprechen, 
dasz  das  Leben,  das  Leben  aus  dem  Urgründe,  das  gerade,  auf- 
richtige Leben,  in  uns  feststehen  u.  den  Tod  nicht  an  sich  kom- 
men lassen  soll.  Vivat  das  Leben,  pereat  der  Tod!  —  Das 
ist  mein  Wahlspruch,  u.  soll  es  auch  dann  noch  seyn,  wenn 
mein  schwaches  Daseyn  vollends  zusammensinkt.  Zum  Be- 
schlüsse enthält  Ihr  Brief  einige  freundliche  Nachrichten  u. 
Mittheilungen,  deren  letzte  ein  herrliches  Urtheil  über  Göthe 
ist,  veranlaszt  durch  den  zuletzt  erschienenen  Theil  seiner 
Lebensdarstellung.  Das  Buch  habe  ich  nun  endlich  auch 
erhalten,  aber  noch  nicht  gelesen. . . .  Gern  möchte  ich  auch 
Ihr    Urtheil    über    Pustkuchens:       Meisters    Wanderjahre 


y  Google 


214  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  209—210. 

wissen,  obgleich  ich  selbst  auch  dieses  Buch  noch  nicht 
gelesen  habe.  Sie  werden  lachen  über  mein :  Nicht  gelesen 
haben.  Aber  so  geht's  jetzt  hier  am  Berge!  Ich  halte 
Vorlesungen,  u.  arbeite  dafür,  u.  weiter  nichts !  —  Üebrigens 
befinde  ich  mich  ziemlich  wohl.  .  .  .* 

S.  210.     Da   ich    mich   genau    Ihrer  jetzigen 
Wohnung  erinnere]  vgl.  Anm.  zu  S.  1.  Marburg]. 

S.  210.  Ich  bin  endlich  an  meine  Wohnung 
gewöhnt]  vgl.  hier  S.  233,  Freundesbr.  S.  89  u.  91,  so- 
wie aus  einem  Br.  von  Thomas  an  J.  Gr.  v.  11.  2.  1823 
folgende  Stelle:  ^Der  Verlust  Ihrer  schönen  Wohnung  thut 
mir  recht  leid,  besonders  da  Sie  eine  engere  getroffen. 
Das  letzte  fühle  ich  aus  eigner  Erfahrung.**  Diese  Interims- 
Wohnung,  welche  die  Brüder  nach  Lottes  Heirath  im  Som- 
mer 1822  bezogen  haben  müssen  und  bis  Ende  April  1824 
inne  hatten,  ist  bisher  nicht  festgestellt;  (vgl.  Duncker,  Die 
Brüder  Grimm  S.  53  f.)  Herr  Cand.  Euler  benachrichtigt 
mich  freundlichst,  dasz  dieselbe  nach  Angabe  der  in  Cassel 
wohnhaften  Wittwe  des  Kupferstecher  u.  Prof.  Grimna. 
in  der  jetzigen  Fünffensterstrasze  belegen  war,  also 
in  der  Nähe  der  Gardeducorps-Kaserne.  jJie  Hausnummer 
vermochte  er  bisher  nicht  zu  ermitteln,  da  eine  Schmiede, 
welche  sich  nach  obigen  Angaben  im  Hause  befand,  dort 
nicht  mehr  vorhanden  ist.  Dasz  Jacob  aus  seinem  Fenstex- 
chen  dort  ein  Stück  Nordwesthimmel  mit  dem  groszen  Bär 
sehen  konnte,  deutet  er  auch  in  den  Kl.  Schnften  I,  186 
an.  —  Nur  auf  eine  Verlegung  von  J.*s  Studirsimmer  deutet 
es  hin,  wenn  Thomas  unter  d.  2.  8.  1826  an  J.  Gr.  schreibt : 
„Hoffentlich  ist  ihr  Auszug  vorüber  u.  der  wackere  Schrift- 
steller Jacob  U.  (v.  Meusebach  hatte  scherzweise  dem  kleinen 
Jacob  am  25.  5.  1826  ein  Exemplar  des  Dasypodius  über- 
sandt,  8.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  327  f.)  hat  sich  an  die 
neue  Wohnung  schon  gewöhnt.  Ich  wünsche  Ihnen  Glück, 
dasz  es  überstanden  ist.* 

Harnier]  der  ältere  [B.  geb.  1775]  u.  jüngere  [K.  geb. 
1790],  beide  Aerzte.  Schon  in  den  Brief,  aus  der  Jug.  be- 
gegnet der  Name  H.  sehr  oft  seit  Anfang  1814,  doch  lassen 
sich  beide  Brüder  (172)  nicht  deutlich  auseinander  halten. 
E.  Harnier  der  Jüngere  scheint  früher  verheirathet  gewesen 
zu  sein  als  R.,  aber  mit  den  Brüdern  nicht  viel  verkehrt 
zu  haben,  der  ältere  war  Hofrath  und  hatte  sich  im  April 
mit  der  Tochter  des  hannoverischen  Ministers  Ruhmann 
verlobt  (S.  139),  im  September  fand  die  Hochzeit  statt 
iS.  203,  206).  Auch  die  vielen  Stellen  der  Jugendbr.  der 
Brüder  scheinen  sieh  auf  ihn  zu  beziehen.  Er  starb  als 
urf.  Geh.  Hofr.    1856,  sein  Bruder  E.  starb  1857  als  GeL 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  1  8.  210—216.  215 

0.  Med.  Batb.  Vgl.  Gross  Statistik  des  Ljc.  Frideric.  Cas- 
seler  Gymnasialprogramm  1879. 

Es  gibt  ein  geistigerSchmerz.].   So  im  Original. 

S.  212.  2.  Juni]  verscbrieben  für:  ,2.  Juli-  vgl.  Anm. 
zu  S.  140. 

S.  212.  Wilbelmsböber  Bibl.]  vgl.  Briefe  mit 
V.  Meuseb.  S.  8. 

S.  213.  Kopp]  Ulrich,  Friedr  geb.  18.3.1762  in  Cassel. 
Er  ist  besonders  als  Verfasser  der  ralaeographia  cri- 
tica  bekannt  u.  stand  besonders  mit  Völkel  in  freund- 
schaftlichem Verkehr  und  regem  Briefwechsel.  Vgl.  über 
ihn  noch:  Briefw.  der  Bröder  Grimm  m.  nord.  Gelehrten 
S.  119,  Görres'  Briefe  III.  31. 

S.  214.  Es  klebt  Goethes  Werken  zu  viel 
Studium  anj  vgl.  S.  74  und  dagegen  einen  Brief  an 
Lachmann  (Briefw.  m.  v.  Meusebach  o.  368). 

S.  215.  no.  lOlJ  gehört  zwischen  no.  105  u.  no.  106,  in- 
dem 1823  statt  1824  verschrieben  ist.  (Vgl.  Suabedissens  Br. 
35  in  Anmerk.  zu  S.  226,  auf  welchen  no.  101 
antwortet.)  Auf  no.  101  antwortet  S.'s  Br.  36  v. 
11.  2.  1824:  S.  schickt  die  Bücher  zurück  und  dankt  für 
W.  Gr.'s  Mittheilungen.  Die  Frage,  ob.  was  vom  altdeutschen 
Epos  erhalten,  AusBusz  eines  einzigen  höchst  vollkommenen 
Gedichtes  sei,  sei  eine  tiefe,  ,die  bei  allen  nicht  gemeinen 
Dingen  des  Lebens  wiederkehrt.  Ich  nach  meiner  Ei^en- 
thümlichkeit,  bin  immer,  wo  zwischen  der  Annahme  einer 
zeitlichen  oder  überzeitlichen  Einheit  und  Ursprünglichkeit 
die  Wahl  ist,  zunächst  geneigt,  mich  zum  Ideale  zu  wen- 
den, und  es  für  die  Lebenswurzel  (die  immer  zeitlos  gegen- 
wärtige) der  zeitlichen  Versuche  zu  halten,  ohne  darum  zu 
bestreiten,  dasz  es  auch  irgendwo  u.  irgendwann  zu  zeit- 
licher Herrlichkeit  vorgetreten  seyn  könne.  Nicht  selten 
aber  wandelt  mich  Trauer  an ,  wenn  ich  gewahr  werde, 
dasz  so  viele  Menschen  das  Ideale  fOr  das  Nichtwirkliche, 
Nichtwesenhafte,  blosz  Gedachte  halten * 

S.  215.  des  wunderlichen  u.  ängstlichen 
Hoffmanns  Leben],  gemeint  ist  der  bekannte  Dichter 
E.  Amadeus  H.,  der  1822  gestorben  war,  1823  erschien: 
Aus  H.*8  Leben  u.  Nachlass  (v.  I.  E.  Hitzig)  Berlin.  vgL 
S.  227. 

ib.  Weitzels  LebenJ,  J.  W.  1771  im  Rheingau  ge- 
boren, bekannt  als  Publicist,  er  starb  1837  in  Wiesbaden, 
wo  er  seit  1820  Bibliothekar  war.  1821  erschien:  „Das 
Merkwürdigste  aus  meinem  Leben**  Leipz.  2  Bde. 

8.216.  dasz  es  nicht  die  Nase  u.  das  Wesen 
des   Groszvaters    Hassenpflug    herkommt].      D«r 


y  Google 


216  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  216—226. 

alte  Hassenpflag  ist  jedenfalls  derselbe,  dem  W.  nach  seiner 
Mittheilnng  an  J.  (Briefe  ans  d.  Jngendz.  S.  250)  bei  seiner 
Anstellung  den  Eid  nachsprechen  mnszte.  Er  war  Begierongs- 
rath.    Vgl  aach  Frenndesbr.  S.  34. 

S.  2x7.  Mir  kommt  es  zumeist  auf  die  Ent- 
stehung u.  Entfaltung  d.  Dichtungen  an]  ygL 
Anm  zu  S.  808. 

S.  222.  no.  102.1  der  Brief  ist  erst  nach  dem  7.  Oct. 
1828  geschrieben.  S.'s  Br.  56  undatirt  bildet  die  zusagende 
Antwort;  vgl.  einen  Brief  J.  Gr.'s  an  v.  Meusebach  (Briefw. 
S.  99  no.  52):  „Wilhelm  ist  heute  morgen  5  uhr  mit  Dori- 
chen  und  Frau  Sophie  von  Witzleben  (vgl.  Anm.  S.  264^ 
über  Ziegenhain  nach  Schweinsberg  und  Marburg  gereist.^ 
Dass  der  Brief  nicht  Mitte  August  1829  geschrieben  sei 
(vgl.  S.  264),  geht  aus  einem  Brief  W.'s  an  v.  Meusebach 
(S.  123)  hervor.  -Nach  Schweinsberg  u.  zum  Tanz  auf  der 
Kirmes  konnte  ich  leider  dieses  Jahr  nicht  mitgehen,  weil 
eben  meine  Verwandelung  in  einen  Hannoveraner  vor  sich 
gehen  solltp."  —  No.  102  sollte  also  nach  no.  118  stehen. 

S.  223.  Frau  v.  Schwertzeil]  vffl.  S.  204  Herr 
Georg  V.  Schwertzell  in  Willingshausen  theilte  mir,  auf 
meine  Auflage,  mit,  dasz  er  Briefe  W.'s  an  seine  Mutter 
besitze  u.  dasz  deren  Inhalt  die  freundlichen  Beziehungen, 
welche  zwischen  W.  Gr.  u.  seinen  Eltern  bestanden,  berünre. 

S.  224.  E.  Platner.]  Seit  1811  Prof.  der  Rechte  in 
Marburg,  sjbarb  daselbst  am  5.  6.  1860. 

S.  224  no.  104.]  Antwort  auf  S.'s  Br.  32  u.  33  v.  22.  6, 
u.  2.  7.  1823,  worin  er  meldete  sein  Nachbar  Kessler  [Zeichen- 
lehrer in  Marburg)  sei  gestorben,  u.  den  jüngeren  Bruder 
W.'s,  den  Maler,  aufforderte,  sich  um  seine  Stelle  zu  bewerben. 

S.  226.  no.  105.1  Antwort  auf  S.'s  Br.  34  v.20.8.  1823, 
welcher  Bücksendung  geliehener  Bücher  und  Bitte  um  neue 
im  Herbst  betrifft 

Auf  no.  105  antwortet  dann  S.'s  Br.  35  v.  23.  11.  1823: 
S.  schickt  die  5  Hefte  von  Göthe  über  Kunst  u.  Alterthum, 
an  welchen  er  sich  sehr  erfreut  habe,  ztfrück.  ,Es  war 
mir  oft,  als  wäre  ich  mit  in  dem  engern  Kreise,  dem  diese 
mannigfaltigen  Mittheilungen  zwar  mit  Selbstgefühl,  aber 
immer  mit  würdiger  Haltung  gemacht  werden.  Ins  beson- 
dere freute  es  mich,  dasz  auch  noch  das,  was  G.  nach 
seiner  Krankheit  geschrieben ,  so  vollgehaltig  ist  u.  noch 
so  vieles  verspricht,  lieber  manche  Aeusserungen  möchte 
ich  Sie  gern  frästen,  wenn  Sie  hier  wären,  z.  B.  od  auch  nach 
Ihrer  Meinung  Lord  B/ro  n  der  gröszte  Dichter  ist."  Weitere 
Urtheile  über  Schlosser's  Gesch.  des  18.  Jh.  u.  TiecksPhan- 
tasus,  Bitte  um  Hoffmanns  u.  Werners  Biogr.,  das  letzte  Heft 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  226-229.  217 

zur  Naturwissensch.  v.  Goethe  u.  um  Calderon*8  Tochter  der 
Luft  (y.  Gries);  Theilnahme  an  den  Mittheilungeu  über  die 
serbischen  Gedichte;  Beschreibung  der  Ferienreise  nach 
Melsungen ;  Famüiennachrichten.  Der  Schluss  dieses  Briefes 
lautet:  «Möchten  Sie,  liebster  Freund,  recht  gesund  seyn 
XX.  weder  über  Brust  u.  Herz,  noch  über  den  Magen  zu 
klagen  haben.  Sie  bedürfen  nicht  des  Pfahles  im  Fleische, 
oder  vielmehr  da  dieser  Pfahl  so  lange  her  doch  nicht  den 
Schalksgeist  (wie  die  Leute  meinen)  austreiben  konnte,  so 
wäre  wohl  einmal  zu  sehen,  wie  sich  dieser  zweideutige 
Genius  ohne  jenen  yerdrieszlichen  Gesellen  gehaben  u.  l^ 
nehmen  würde."  (Die  Antwort  auf  diesen  Brief  bildet 
Brief  no.  101,  dessen  Datirung  irrig  ist). 

S.  228.  Wukl  Stephanowitsch ,  serbische  Lieder  vgl. 
J.  Gr.'s  Anzeigen  derselben  (Kl.  Sehr.  IV.  197  ff.,  218  ff.) 
u.  Freundesbriefe  S.  92  u.  221.  Wegen  seiner  serbischen 
Gram.  s.  Anm.  zu  S.  89. 

S.  229.  no.  1061.  Darauf  antwortet  S.'s  Br.  37  v.  15.  10. 
1824 :  «Ich  danke  Ihnen,  liebster  Freund,  dass  Sie  mir  etwas 
zu  lesen  zugeschickt  haben,  was  sich  zwischen  das  einför- 
mige Ackerland  meiner  gewöhnlichen  Beschäftigungen  wie 
ein  Wiesengrund  gelegt  hat  Zuerst  habe  ich  die  Hefte 
von  Göthe  gelesen:  gern  und  mit  Behagen,  denn 
ich  lasse  mir  Alles,  was  er  giebt.  Kleines  und  Groszes, 
Wohlgefallen.  Dann  las  ich  die  oeiden  letzten  Stücke 
von  Lope  u.  von  Calderon  das  erste.  Schon  seit 
einigen  Jahren  habe  ich  die  Erfahrung  an  mir  ge- 
macnt,  dasz  dramatische  Sachen  vorzüglich  der  tragischen 
Gattung,  mich  nicht  mehr  so  anziehen,  wie  sonst.  Ist  es 
Folge  des  Alters  ?  nämlich  der  mit  den  Jahren  zunehmen- 
den Zurückziehung  der  Theilnahme  an  dem  treibenden  u. 
wirkenden  Leben  ?  —  Doch  glaube  ich,  dasz  ich  Shakespeare 
bis  zu  meinem  Tode  gern  lesen  werde,  u.  nach  Shake8)>eare 
Calderons  ernste  Stücke.  —  Von  Lope  hatte  ich  noch  nichts 
gelesen,  Nach  den  zwey  jetzt  gelesenen  Stücken  zu  ur- 
theilen,  scheint  er  mir  mehr  auf  dem  irdischen  Boden  der 
herrschenden  Denk-  u.  GefÜhlsweise  seines  Volkes  zu  stehen, 
als  Calderon,  dessen  Geist  den  Glauben  u.  die  Begriffe  seines 
Volkes  in  den  reinem  Aether  der  Freiheit  u.  der  Idee  em- 
porgehoben zu  haben,  u.  eben  darum  zugleich  ernster  u. 
Künstlerisch  spielender  mit  denselben  zu  verfahren  scheinet. 
Auch  daher  vielleicht  die  gröszere  Liebe  des  Spanischen 
Volkes  zu  Lope.  Aber  ich  kenne  weder  diese  Dichter,  noch 
dieses  Volk  hinlänglich,  um  ein  bestimmtes  Urtl^eil  darüber 
zu  haben !  Meine  Seele  aber  ist  wund  für  das  jetzige 
Schicksal  dieses  Volkes,   u.  darum  habe  ich  einige  Scheu, 


y  Google 


218  Anmerkungen  in  ß.  I  S.  229—237. 

den  Alonzo  des  Salvandy  zn  lesen.  Doch  will  ich  dieas 
Buch  lesen,  n.  bitte  Sie,  es  mir,  wann  Sie  es  nicht  mehr 
brauchen  werden,  zu  schicken.  .  .  .  Kommen  Sie  einmal  in 
guter  Jahreszeit  zu  uns,  wie  wir  alle  gar  sehr  wünschen, 
so  wollen  wir  zusammen  nach  dem  Stauffenber^e  fahrezi. 
Man  hat  da  eine  reizende  Aussicht.  Zwar  Sie  können 
darnach  kein  Verlangen  haben,  da  Sie  sich  aus  Ihrer 
Wohnung  ohne  alle  Mühe  der  freundlichsten  erfreuen,  jukd 
dasz  dem  so  ist,  dasz  Sie  wieder  eine  Wohnung  haben,  die 
Ihnen  zusagt,  ist  mir  nicht  wenig  angenehm "^ 

S.  231.  Malsburg]  Ernst  Freiherr  v.  d.  M.,  geb.  d. 
23.  Jan.  1786  in  Hanau,  gest.  1824.  Er  verliess  gleicnzeitig' 
mit  den  Brüdern  Grimm  das  Casseler  Lvceum,  als  Schüler 
der  Oberprima  und  bezog  mit  Jacob  alsbald  die  Universit&t 
Marburg.  Nach  dem  Marourger  Studenten verzeichniss  wurde 
er  als  Jurist  am  8.  Mai  1802  eingeschrieben  u.  wohnte  bei 
Prof.  Bauer  no.  160.  Die  auf  S.  230  erwähnte  Calderon- 
Uebersetzung  ist  offenbar  nicht  die  seinige,  sondern  die  von 
Gries.    Vgl.  über  ihn  u.  seine  Schriften  Justi  S.  437^1. 

S.  233.  weil  ich  ihn  [diesen  Sommer]  in  meiner 
Wohnung  recht  habe  genieszen  können]  vgl.  Anm. 
zu  S.  210. 

S.  234  no.  107J.  Darauf  antwortet  S.'s  Br.  38  v.  22.  12. 
1824,  worin  er  für  Luis*  radirte  Blätter,  von  denen  er  durch 
Göthe  in  Kunst  u.  Alterthum  erfahren  hatte,  dankt,  und 
von  Krankbeitsanfö>llen  seiner  Frau  u.  eignen  berichtet 

S.  236  no.  108].  Darauf  antwortet  S.'s  Br.  39  v.  31.  12. 
1824:  S.  sendet  Alonso  Bd.  1  u.  2  zurück.  Pfarrer  Bange 
habe  die  Bücher  noch  nicht  holen  lassen.  Der  Brief,  welcher 
dem  Pfarrer  Bang  die  Uebersendung  der  Bücher  an  S.  mit- 
theilte,  ist  nicht  erb  alten,  in  dem  Antwortsbnef  auf  no.  50 
schickt  B.  aber  die  hier  erwähnte  Sendung  Bücher  zurück. 
—  Nach  no.  108  fehlt  ein  Brief  W.  Gr.'s,  in  dem  er  seine 
Verlobung  anzeigte.  Darauf  antwortet  S.'s  Br.  40  v.  9.  1. 
1825:  „Wir  nehmen  alle  den  herzlichsten  Antheil  an  der 
lieben  Neuigkeit,  die  Sie  uns  zum  Neuen  Jahre  gesagt 
haben.  Für  Sie  also,  liebster  Freund  wird  dieses  Jahr  eine 
vorzügliche  Wichtigkeit  haben,  wird  die  Mitte  Ihres  Lebens 
ausmachen.  So  müsse  auch  fortan  Ihr  Herz  —  das  früher 
oft  ängstlich  kranke  —  von  Befriedigung  durchdrungen,  der 
Mittel-  u.  Quellpunct  Ihrer  steten  Gesundheit  werden.  Ich 
kenne  Ihre  Braut  nicht,  aber  ich  darf  doch  wohl  bitten,  sie 
von  Ihrem  Freunde  zu  grüszen * 

S.  237  no.  109]  wird  von  S.*8  Br.  41  v.  24.  1.  1825  be- 
antwortet: S.  sendet  den  letzten  Theil  des  Alonzo  zurück. 
Er  habe  das  Buch  gern  gelesen.    Die  Erwähnung,  dass  die 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  237—240.  219 

Prinzessinnen  das  Buch  gelesen  hätten,  Hesse  ihm  wünschen, 
daes  auch  der  Kurprinz  dergleichen  Bücher  lesen  möchte. 
«Aber  ich  bin  am  wenigsten  in  dem  Verhältnisse  zu  ihm, 
um  solchen  Rath  geben  zu  können,  denn  er  ist  &emd  gegen 
mich * 

S.  238  no.  IIOJ  beantwortet  durch  S/s  Br.  42  v.  27.  5. 
1825. 

S.  239  no.  111].  Antwort  auf  S.^s  Br.  43  u.  44  v.  20. 10. 
u.  25.  12.  1825,  Br.  43  überbrachte  Freund  Clodius  aus 
Leipzig  u.  seine  Frau.  Br.  44  lautet:  „Mit  dem  Grusze,  den 
Sie  vor  zwey  Monaten  bei  Clodius  auf  ein  ßlättchen 
schrieben,  hatten  Sie  mir  zugleich  eine  liebe  Hoffnung  zu- 
gesandt, die  von  mir  und  den  Meinigen  so  gut  gehegt  und 
gepflegt  worden  ist,  dasz  wir  nun  die  groszgezogene  nicht 
lange  mehr  werden  abhalten  können,  zu  Ihnen  zurückzu- 
fliegen. Sie  müssen  also  nun  entweder  kommen,  oder  unsere 
liebe,  aber  ungeduldige  Hoffnung  durch  eine  neue  bestimmte 
Zusage  beruhigen.  —  Es  ist  wahr,  einladen  darf  ich  eigent- 
lich nicht.  Was  Marburg  Freundliches  hat,  sind  seine 
Hügel  und  Thäler  in  der  Zeit  des  Grünens  u.  Blühens.  Von 
einem  ersten  Besuche  im  Winter  zu  Marburg  würde  Ihrer 
lieben  Frau  nur  der  Gedanke  u.  das  Gefühl  zurückbleiben: 
•Diesmal  und  nicht  wieder!*  Dazu  kommt  bev  mir  das 
Unangenehme ,  dasz  ich  Sie  in  meiner  kleinen  Wohnung 
Nachts  nicht  beherbergen  kann;  dasz  Sie  also,  wie  Clodius 
u.  seine  Frau ,  die  Nacht  in  einem  Gasthause  würden  zu- 
bringen müssen.  Also:  einladen  darf  ich  eigentlich  nicht I 
Aber  die  Wünsche  sind  unbescheiden.  Ich  bin  gewisz, 
wenn  meine  Frau  u.  Kinder  zu  entscheiden  hätten,  und  ich 
fragte  sie:  ob  Sie  und  Ihre  liebe  Frau  jetzt,  in  der  un- 
günstigen Jahreszeit,  oder  im  Frühling  kommen  sollten,  — 
alle  würden  rufend  Jetzt!  und  ich  selost  würde  mich  wohl 
kaum  erwehren  können  einzustimmen " 

S.  239.  Clodius]  Chr.  Aug.  Heinrich.  Prof.  in  Leipzig, 
(vgl.  S.  49,  184)  besuchte  1825  mit  seiner  Frau  die  Brüder 
in  Cassel  (vgl.  Briefwechsel  m.  v.  Meusebach  S.  25  no.  16), 
t  1836 :  A.  D.  B.  IV,  334. 

S.  240.  Ähnlichkeit  mit  der  seel.  Mutter.] 
vgl.  243,  Anm.  zu  S.  144  u.  Freundesbriefe  S.  111  f.  Wilh. 
an  Frl.  L.  u.  A.  v.  Haxthausen  vom  5.  Jan.  1826. 

S.  240.  Dortchen  .  .  ist  vor  15  Jahren  in  Mar- 
burg bei  einer  nun  verstorbenen  sehr  geliebten 
Schwester  gewesen],  vgl.  Briefwechsel  der  Brüder  a. 
d.  Jugendz.  S.  93,  108  no.  34.  —  Gretchen  Wild  war  in  Mar- 
burg verheirathet  (vgl.  ib.  S.  173  oben).  Später  1814  lebte 
sie  wieder  in  Cassel  (vgl.  ib.  253,  399). 


y  Google 


220  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  241—242. 

S.  241  no.  1121   beantwortet  dnrch  S.'s  Br.  45  y.  dO.  4. 
1826:    Glückwnnscn   zur   Geburt  des  kleinen  Jakob.  —  Im 
Juni  1826  hatte  W.  Gr.  Suabedissen  einen  Besuch  ab^estatteir 
wie  aus  S.^a  Br.  46  y.  23.  Junj  1826  hervorgeht,  womit  er  ihm 
einen  nachträglich   ein^etroffnen    Brief  nach   Cassel  nach- 
schickte.  Beide  waren  m  dieser  Zeit  einmal  gemeinsam  nach 
Gossfelden  zu    Bang   gewandert   u.  unterwegs  von   einem 
Regengusse  überfallen.  —  Am  10.  9.  1826  folgt  S.'s  Br.  47  : 
,.  .  .  Man  hat  hier  viel  davon  gesprochen,  dasz  die  Univer- 
sität nach  Cassel  solle;    u.  was  mich  betrifft,   so  liesze  ich 
mir's  gefallen,  wenn  man  mich  unter  andern  Mobilien  auch 
dorthin   schaffen    wollte.  —  Doch  wird  man  uns  wohl  noch 
vorher   hier  jubiliren   lassen.    Und   wollen  Sie  dann  nicht 
dabej   seyn?    Zwar  wird  man  Mühe  haben,  schon  alle  die 
Pastoren ,   die  dann  herauf  ziehen  werden ,  unterzubringen ; 
aber   das   eben  wird   der  HaupUpasz  seyn.  —  Vor  Kurzem 
war  Ulrich  Peter  Kopp  vierzehn  Tage  hier.    Er  machte  sich 
und  den  Studenten  den  Spasz,  sich  im  matrikuliren  zu  lassen, 
u.  zog  dann  Abends  mit  einer  Fackel  in  der  Hand  im  Zuge 
mit,  bey  einer  Musik,    die  dem  Prorector  u.  s.  w.  gebracht 
wurde.    Heute    vor    acht   Tagen   verliesz   er  Marburg    auf 
einem  Philister-Miethgaul  vor  seinem  Wagen  her,  nachdem 
er   vorher  einen  gedruckten  Zuspruch  an  die  Studirenden 
hatte   ausgeben  lassen.   —   Was  ich  aber  eigentlich  wollte 
mit  diesem  Briefe  ?    Nur  Sie  recht  herzlich  gprüszen,  liebster 
Freund,   u.  Ihnen   sagen,    dasz  ich  Sie  aufrichtig  liebe,  u. 
dasz  Sie  es  nicht  genau  nehmen  sollen,  wenn  ich  mich  un- 
geschickt benehme  u.  ausdrücke.  —  Ich  wünsche,  dasz  Sie 
indessen    mit    Ihrem   Heidelberger   Dickbauche   zu   Stande 
gekommen  seyn  mögen.  —  Meine  Frau  u.   die  Kinder  (sie 
waren  letzte  Nacht  auf  einem   Balle   bey  Schenks)  lassen 
gar  sehr  grüszen,  u.  letztere  auch  danken  für  die  Sternchen; 
sie    hätten    schon    manche    Elle   Erinnerung  auf-  u.  abge- 
wickelt. .  .  .  .* 

S.  242  no.  113]  Antwort  auf  S.'s  Br.  48  u.  49  v.  31.  12. 
1826  u.  1.  1.  1827.  —  Br.  48 :  .Das  beste  Glück  zum  neuen 
Jahre!  zunächst,  dasz  Sie  es  Alle  recht  gesund  begimien 
mögen !  Ich  denke  dabei  vorzüglich  an  Ihr  liebes  Kind,  weil 
mir  vor  drey  Wochen  Frau  v.  Schenk  sagte ,  dasz  es  lange 
Zeit  krank  gewesen  sey.  Das  möge  gewesen  seyn!  .... 
Ich  habe  mich  in  diesen  Ta^en  an  den  Irischen  Elfen- 
märchen erfreut  u.  aus  der  Einleitung  belehrt. .  ..*  — Br.49: 
.Heute  habe  ich  von  Frau  v.  Witzleben  gehört,  dasz  Ihr 
liebes  Kind  gestorben  ist.  Welch  ein  Schmerz  für  Sie  u. 
Ihre  liebe  Frau!  .  .  .«  —  Auf  no.  113  folgt  S.'s  Br.  50  vom 
27.  4.  1827,  in  welchem  er  seine  glückliche  Bückkehr  von 
Cassel  meldet. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  8.  243—254.  221 

8.  243.  Meiner  Schwester  Kind  hat  mir  eben 
80  ]eid  gethan  wie  mein  eignes]  vgl.  Frenndesbr. 
S.  118,  femer  Briefw.  mit  y.  Meusebach  S.  334  Anm.  zn  8. 
62,  8.  335  Anm.  zn  8.  66. 

8.  244.  habe  .  .  in  Ihrem  Buche  gelesen!  Die 
Betrachtung  des  Menschen.  Cassel  n.  Leipzig  1818.  3  Bde. 
vgl.  Anm.  zu  8.  170. 

ib.  Ich  glaube,  wie  8ie,  dasz  Liebe  .  .  .  das 
einzige  ist,  was  uns  aufrecht  erhält]  Vgl.  W.  Gr.'s  Br. 
an  Lachmann  y.  17.  Oci  1833:  j^das  habe  ich  lebendiger  als 
je  empfunden,  dasz  die  Liebe  das  einzige  ordentliche  Ding 
ist,  das  wir  auf  der  Welt  davon  tragen  und  das  widerh&l^ 
wenn  die  anderen  Lumpereien  zu  (Irund  gehen.*  (Briefw. 
mit  y.  Meusebach  8.  389  Anm.  zu  8.  198.) 

8.  246.  die  kleine  Schrift]  »Zur  Einleitung  in  dia 
Philosophie*.    Marburg  1827.   gr.  8o. 

8.  246  no.  114]  Darauf  erwidert  S.'s  Br.  51  y.  13.  10. 
1827:  Besuch  gehabt,  Herbarts  Psychologie  gelesen  etc.,. 
lange  nichts  von  W.  Gr.  gehört.  Was  W.  Gr.  ihm  über 
Philosophie  u.  Poesie  gescmrieben ,  habe  er  mit  Nachsinnen 
gelesen  und  werde  es  gelegentlich  wieder  lesen. 

8.  247-- 50]  vgl.  Tiecks  Einl.  zu  seiner  Einl.  von  Lenzen» 
Werken,  und  8  255-6.  . 

8.248.  Scheidler  Einleitung  zur  PhilosophieJ 
Propädeutik  und  Grundriss  der  Psychologie  von  Dr.  C.  BL 
Scheidler.    Jena  1827. 

ib.  J.  J.  Wagner],  wohl  in  .Religion,  Wissenschaft, 
Kunst  u.  Staat  in  ihren  gegenseitigen  Verhältnissen  be- 
trachtet.* Erlangen  1819.  (?)  Wegen  anderer  Schriften  von 
J.  J.  Wagner  s.  Tennemann's  Grundriss  d.  Geschichte  der 
Philosophie.    5.  Auflage  von  A.  Wendt.    Leipzig  1829.  8. 552. 

8.  252  no.  115]  beantwortet  durch  S.'s  Br.  52  vom  9.  1. 
1828 :  Glückwunsch  .  .  «Von  Elise  soll  ich  sagen,  das  Süsze 
u.  Freundliche  sey  ihr  jetzt  lieber  als  das  Saure* 

8.  254  no.  116]  vorauf  ^ht  S.'s  Br.  53:  Melsun^en  6.  4. 
1828,  worin  er  seine  baldige  Ankunft  in  Cassel  ankündigt 
und  S.*s  Br.  54  Marb.  30.  6.  1828:  „Herr  Cand.  Münscher 
hat,  wie  einst  sein  Vater,  eine  vorherrschende  Neigung  zu 
historischen  Studien,  u.  hofft  darin  durch  Ihre  Güte  mit 
Büchern  unterstützt  zu  werden.  Ich  gebe  ihm  die  herz- 
lichsten Grüsze  von  mir  u.  den  Meinigen  an  Sie,  liebster 
Freund,  an  Ihre  liebe  Frau  u.  an  Ihre  Brüder  mit*  Er  habe 
Besuch  von  seinem  Schwager  [Molter]  aus  Lübeck  gehabt 
u.  erwarte  ebendaher  Pastor  Geibel,  der  mit  seiner  Tochter 
nach  Ems  gehe.  Wie  es  mit  des  Bruders  Gesundheit  und 
mit  der  des  lieben  Kindes  stehe. 


y  Google 


222  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  254—264. 

S.  254.  Hr.  Münscher]  derzeit  Geh.  Regieninc^srath 
und  Gymnasialdirector  a.  D.  in  Marburg.  Ihm  verdanke  ich 
mancherlei  mündliche  Mittheilungen  über  Persönlichkeiten 
dieser  Briefwechsel. 

S.  25tf.  Hegels  Becension  von  Solger].  Heg[el8 
Recension  von  ooigers  nachgelassenen  Schriften  und  Brief- 
wechsel, herausgegeben  von  L.  Tieck  und  Fr.  v.  Räumer, 
U  Bde.  1826,  steht  im  Jahrbuch  für  wissenschaftl.  Kritik 
1828  u.  ist  wieder  abgedruckt  in  Hegels  Werken  Bd.  16 
S.  436  ff. 

S.  256  no.  117]  Antwort  auf  S.'s  Br.  55  v.  7.  9.  1828: 
S.  bittet  um  W.  ftr.'s  versprochenen  Besuch  im  Herbst.  .Ist 
Ihnen  das  kleine  Zimmer,  das  Sie  schon  einmal  annahm, 
Raumes  genug,  so  bringen  Sie  diesesmal  auch  die  Nächte 
bei  uns  zu.    Wir  wünschen  es  sehr  u.  bitten  darum • 

S.  258.  Landgrebe]  Dr.,  Privatdocent  in  Marburg 
für  Geologie  bis  Sommer  1886,  siedelte  später  nach  Gassei 
über,  wo  er  starb,  vgl.  S.  261. 

S.  258  no.  119)  beantwortet  durch  S.'s  Br.  57  (Br.  56 
8.  Anm.  zu  S.  222  no  102)  v.  5.  11.  1828.  S.  dankt  fOx  W.^s 
Besuch.  ,1  Lassen  Sie's  uns  doch  so  halten,  da^z  wir  alle 
Jahre  einmal  eine  Weile  zusammen  leben.'  Eine  Ausgabe 
von  Lazius  Antwerpen  1698  werde  Bibliothekar  Rehm  ihm 

KAl bflt    flOh  1  ck ATI 

S.  261  no."l21]  Antwort  auf  S.'s  Br.  58  v.  18.  2.  1829, 
worin  S.  den  Tod  seiner  Mutter  u.  den  am  5.  Dec.  erfolg- 
ten der  Professorin  Clodius  meldet.  Weiter  heiszt  es  dann : 
„Hierbei  das  Buch,  von  dem  Sie  wissen,  [Grundzüge  d.  Lehre 
vom  Menschen,  Marb.  1829].  Als  ein  Schulbuch  ist  es  be- 
scheiden u.  macht  nicht  einmal  den  Anspruch,  von  Ihnen 
gelesen  zu  werden,  wenigstens  nicht  (was  auch  wohl  ein 
mühsam  Stück  Arbeit  wäre)  in  einem  Zuge.  Das  Buch^ 
an  welchem  Sie  arbeiten ,  mag  wohl  zu  gelehrt  für  mich 
werden;  aber  ich  nehme  es  doch  gern,  wenn  Sie  ein  Exem- 
plar übrig  haben  werden Recht   geärgert  hat  es 

uns,  dasz  Ihr  Bruder  u.  Sie  nach  Völkel's  Tode  nicht  vor- 
gerückt sind.* 

S.  263  no.  122].  Antwort  auf  S.'s  Br.  59  v.  9.  8.  1829, 
worin   S.    mit   Bezug   auf  eine    Mittheilung   v.    Hanneben 

Kiolter],  er  wolle  S.  besuchen,  wenn  S.  erst  *gesunder  u. 
änker*  wäre,  zu  nunmehrigem  Besuch  auffordert,  da  er 
kränker  gewesen,  jetzt  aber  wieder  besser  sei.  Auch  Frau 
▼.  Witzleoen  lasse  ihn  auffordern  u.  wolle  Frau  u.  Kinder 
bei  sich  aufnehmen. 

S.  264.  Witz  leben,  Sophie  v.]  Frau  des  1825  veh 
storbenen  Obergerichtsraths  v.  W.,  des  Schwagers  v.  Freih. 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  264—266.  223 

V.  Meusebach  und  Sohnes  d.  hess.  Ministers  (vgl.  S.  137). 
Sie  war  eine  geborene  Freiin  Schenk  zn  Schweinsberg, 
Tochter  des  Min.  Ferd.  Schenk  (vgl.  S.  117)  nnd  am  24. 
Jan.  1796  zu  Marburg  geboren.  In  zweiter  Ehe  war  sie 
mit  dem  hess.  Regierungs-Präsid.  Freih.  v.  Dörnberg  ver- 
heiratet und  starb  als  Wittwe  in  Marburg  am  17.  Dec.  1873 
(Wendeler  giebt  im  Briefw.  v.  Meusebacbs  S.  326  irrig  an,  sie 
habe  noch  1880  gelebt).  Vgl.  Anm.  S.  222.  Nach  gütiger 
Mittheilung  ihres  Bruders  des  Herrn  Erbschenk  Ernst 
Schenk  zu  Schweinsberg  haben  sich  in  ihrem  Nachlass 
keine  Briefe  von  W.  Grimm  vorgefunden. 

—  ib.  Schwester  der  Frau  Platner).  Die  Frau 
E.  Platners  war  eine  Tochter  des  bekannten  Kanzelredners 
Wolf  in  Leipzig,  vgl.  S.'s  Br.  21  in  Anm.  zu  S.  189. 

S.  265  no.  124].  Antwort  auf  S.*s  Br.  60  v.  16. 10. 1829. 
S.  schickte  ihm  damit  sein  Bild,  welches  der  Maler  Hach 
gezeichnet  und  nebst  andern  Professoren- Bildern  hatte 
Rthographiren  lassen  (ein  Exemplar  davon  hängt  in  den 
Räumen  des  Marburger  Museums),  femer  seine  Abhandl.  Von 
dem  Begriffe  der  Psychologie*  und  äusserte  sich  über  seine 
weiteren  wissenschaftlichen  Pläne.  —  Auf  no.  124  antwortet 
S.'s  Br.  61  V.  3.  11.  1829:  .Wohl  kann  ich  fühlen,  geliebter 
Freund,  dasz  Sie  Cassel  mit  Schmerz  verlassen ;  aber  es  ist 
so  recht  u,  gut  u.  so  werden  Sie  am  neuen  Wohnorte  sich 
bald  zu  Hause  fühlen,  u.  sich  der  neuen  Verhältnisse  er- 
mächtigen. Dasz  Ihnen  aber  Hessen  immer  lieb  bleiben 
wird,  dessen  bin  ich  gewiss;  u.  darum  hoffe  ich,  dasz  Sie 
die  Grenze  nie  für  eine  Abscheidung  u.  den  Lutterberg  1^ 
keinen  unübersteiglichen  Hämus  halten  werden  .  .  .  Scneid- 
1er  hat  mir  seine  Schrift  über  die  Duelle  zugeschickt.  .  .  .* 

S.  265.  Ihre  Religions lehre]  S.'s  'Grundzfige  der 
philos.  Religionslehre*  erschienen  Marburg  u.  Cassel  1831. 

S.  266.  verlasse  Cassel  mit  bitterm  Schmerz] 
vgl.  S.  404  und  Anm.  z.  S.  112.  Jedenfalls  war  Suabedissen 
sdion  im  Au^st  mündlich  unterrichtet  worden.  Die 
früheste,  flüchtige  Andeutung  von  der  möglicheii  Verän- 
derung der  Stellung  findet  sich  in  einem  Brief  an  den 
Bruder  Ferdinand.  Lachmann  erfuhr  davon  am  1.  Aucr. 
(Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  351),  Lassberg  schon  ziemlich 
bestimmt  am  24.  Aug.  (Germ.  13,  368).  AufBenecke's  Ver- 
anlassung (vgl.  Germ.  13,  367  no.  10 j  wurden  die  Verhand- 
lungen wegen  Berufung  der  Brüder  nach  Göttingen  in  An- 
Sriff  genommen.  Sie  wurden  durch  ein  Schreiben 
eeren^  an  den  Geh.  Cabinetsrath  Hoppenstedt  v.  15.  Febr. 
1829  eröffnet,  nachdem,  wie  II.  S.  10.  no.  8  ergiebt,  bereits 
unter  den  5.  Febr.  das  v.  2.  Febr.  datirte  Gesuch  der  Brü- 


y  Google 


224  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  266. 

der  um  Beförderung,  za  welchem  der  Tod  Völkels  (t  31.  Jan.) 
Veranlassung  gegtjben  hatte,  abschläglich  beschieden  war. 
Die  yerhandlungen  wnrden  zunächst  nur  für  den  Fall  d^ 
Amtsniederlegung  des  derzeitigen  ersten  Bibliothekars  Hof- 
rath  Beusz  geführt,  ^n^en  dann  aber  in  Folge  Buttmanns 
Tod,  der  in  Berlin  Bibliothekar  war.  seit  Ende  Juni  darauf 
hin,  die  Brüder  sofort  zu  berufen.  Sie  wurden  durch  defi- 
nitive Annahme  J.  Gr.'s  am  4.  Aug.  zum  Abschlusz  ge- 
bracht. (V^.  darüber  wie  über  den  ganzen  GOttinger 
Aufenthalt  F.  FrensdorfiTs  Mittheilungen  in  den  Nach- 
richten d.  Ges.  d.  W.  zu  Göttingen  1885  L]  —  Ich  setze  hier 
noch  2  interessante  Stellen  aus  den  Briefen  von  Thomas 
an  die  Brüder  her:  1)  v.  17.  8.  1829:  „Da  ich  so  lange 
nichts  gehört,  so  musz  ich  wieder  anklopfen.  Smid  schrieb 
mir  unlängst,  ob  Sie  denn  nicht  nach  Göttingen  gehen 
wollten.  Im  Fall  Sie  Neigung  hätten,  will  er  dazu  mit- 
wirken. Nun  sehe  ich,  dass  Eichhorn  von  Göttingen  wejf- 
feht,  den  Jacob  mehr  als  ersetzen  kann  und  für  Wu- 
elm  dürfte  sich  auch  etwas  angemeszenes  finden  lassen. 
Schreiben  Sie  mir  darüber  Ihre  Ansicht  Ich  würde  hieran 
nicht  denken,  wenn  ich  nicht  glauben  dürfte,  Sie  könnten 
jetzt  Motive  haben  zu  einem  Entschlusz  der  Art.*  (Das 
klingt  fast  wie  auf  den  Busch  klopfenJ  2)  der  nächste  Br. 
V.  2.  18.  1829:  „Lieber  Freund  (d.  h.  Wilhelm)!  In  dem  das 
lange  Erwartete  endlich  eingetreten  u.  ich  den  herzlichsten  u. 
freudigsten  Antheil  mit  allen  niesigen  Freunden  darannehme, 
im  voraus  mich  freue,  Sie  in  einem  angemeszenem  Beruf,  mit 
dem  Bruder  Jacob  zu  sehen,  zu  gleicher  Zeit  die  Hofnung  be- 
lebt wird,  dasz  Sie  beyde,  sich  freyer  bewegen  können  u. 
vm*  Sie  bejde  nun  öfter  hier  senen  werden,  begreife  ich 
doch  ganz  Ihre  Gefühle  beym  Abschiede  aus  einer  Stadt, 
wo  Sie  so  viel  Liebe  u.  Leid  erfahren  haben  u.  so  viele 
Freunde  zurücklassen.  Und  wenn  auch  Göttinnen  nahe  ist, 
mithin  häufiges  Wiedersehen  zugelaszen  wird,  Sie  leben 
doch  nicht  mehr  an  demselben  Orte.*'  (Vgl.  auch  Hupfeld's 
Br.  V.  29. 12.  1829  in  Anm.  zu  S.  280). 

S.  266.  Zwischen  no.  124  u.  125]  fehlen  mehrere  Briefe, 
wie  aus  den  dazwischen  gehörigen  Br.  62 — 67  S.'s  hervor- 
geht. Br.  62  V.  27.  8.  1830  wünscht  die  schwere  Zeit  für 
W.  möge  nun  bald  vorüber  sein  und  sie  sich,  wenn  sie  im 
May  in  die  bessere  Wohnung  gezogen,  alle  in  Göttingen 
heimathlich  fühlen.  Ihm  selbst  gienge  es  noch  schlecht, 
Brustbeschwerden  machten  ihm  alles  Schreiben  zur  Arbeit 
.An  den  Kurprinzen  kann  ich  nicht  ohne  ein  Gefühl  den- 
ken ,  in  welchem  sich  Trauer  u.  Unwille  mischen.  Vor 
sechs  Wochen  etwa  ist  seine  Rückkehr  mit  Bestimmtheit 


y  Google 


Anmerkimgen  zu  B.  I  3.  266.  225 

von  seiner  Mntter  erwartet  worden.  Jetzt  sagt  man,  er 
richte  sich  in  Frankfurt ,  wo  er  bisher  in  dem  Hof  von 
England  gewohnt  hat,  häaslich  ein.  Immer  noch  habe 
ich  ihm  bisher,  am  nicht  gänzlich  abznreissen,  jährlich 
einmal,  an  seinem  Geburtstage,  geschrieben,  aber  schon 
seit  vielen  Jahren,  hat  er  mir  nicht  mehr  geantwortet.*  — 
Br.  63  V.  7.  9.  laSO.  ebenso  wie  64  u.  65,  von  Marie  Suabe- 
dissen's  Hand,  dankt  f&r  die  liebevolle  Gesinnung,  womit 
W.  ihm  am  21.  7.  geschrieben  hätte ,  kla^  über  immer 
noch  schlechtes  Befinden,  verspricht  aber  einen  Besuch  in 
Gottingen,  sobald  er  wieder  hergestellt  seL  Sechs  Stunden 
täglich  ein  so  einförmiges  Geschäft  [in  der  Bibliothek |  za 
treiben,  mQsze  wohl  sehr  beschwerlich  sein.  Bitte  um  Be- 
such in  den  Ferien,  Grusz  an  Lücke.  Gerling  werde  dem- 
nächst durch  Göttingen  kommen.  ~  Br.  64  v.  2.  11.  1830 
lautet:  »Herzlichen  Dank,  geliebter  Freund,  für  den  Brief,  den 
Sie  Gerling  mitgegeben  haben.  Dasz  Sie  Ihren  Reiseplan 
nicht  durchführen  konnten  musz  ich  beklagen;  doch  ist 
mir's  lieb  für  die  Kurfürstin,  daf<z  Sie  bis  Fulda  gekommen 
sind;  sie  wird  sich  über  Ihren  Besuch  sehr  gefreuet  haben. 
Was  Sie  vom  Kurprinzen  melden,  freut  mich;  es  ist  merk- 
würdig. Einst  sähe  ich  während  eines  Jahres  seine  physische 
Constitution  sich  gänzlich  verändern;  sollte  nun  etwas 
Aehnliches  mit  dem  Psychischen  geschehen  seyn?  Wir 
wollen  indessen  wünschen,  dasz  die  Veränderung  innerlich, 
und  zwar  nicht  in  bioser  Klugheit  gegründet,  und  dasz  sie 
von  Bestand  sey.  —  Die  Ereignisse  in  Frankreich  sind  mir 
von  Anfang  an  wenig  erfreulich  gewesen.  Meine  Gesinnung 
erklärt  sich  für  das  Benehmen  von  Chateaubriand;  wohl 
aber  erkenne  ich,  dadz  die  Andern  den  Drang  der  Umstände 
für  sich  haben ;  es  muszte  gehandelt  werden ,  in  solchen 
Zeiten  ergreift  die  Nothwendigkeit  den  Menschen.  Und 
loben  musz  ich  das  bisherige  mäszige  Bestreben  der  neuen 
Regierung.  Im  Ganzen  scheint  die  Richtung  darauf  zu 
gehen  den  blosen  Verstandesbegriff  einer  bürgerlichen  Ge- 
sellschaft zu  verwirklichen.  Daraus  kann  wohl  zunächst 
Gutes  kommen;  im  Fortgange  aber  wird^s  doch  auch  die 
Franzosen  nicht  befriedigen.  Widrig  wäre  es ,  wenn  sich 
die  Regierung  gezwungen  sehen  sollte ,  dem  Pöbel  das 
blutige  Schauspiel  der  Hinrichtung  der  gewesenen  Minister 
zu  geoen.  —  Bei  den  traurigen  Ereignissen  in  den  Nieder- 
landen mögen  wohl  allerdings  Leidenschaften,  Aufreizungen 
und  einseitige  Ansichten  mancher  Art  mitgewirkt  haben. 
Im  Ganzen  aber  erscheinen  sie    mir,   als    die   früher  oder 

r''ter  nothwendige  Folge  einer  falschen    Politik,    welche 
e  Berücksichtigung    der   Eigenthümlichkeit  des  Lebens 

E.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Qrlmm.  25 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


226  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  266. 

der  Völker,  zu  einem  blosz  änsserlichen  Zwecke,  Unverein- 
bares zusammengebracht  hatte.  —  Bei  den  Volksbewegun- 
gen in  deutschen  »Staaten  scheint  es  charakteristisch  f^ 
unsere  Zeit,  dasz  das,  was  von  einseitigen  Richtungen  roher 
PObelgewalt  angefangen  worden,  von  dem  Bürgerverstande  an 
den  meist<§n  Orten  aufgenommen,  und  für  allgemeinere  Be- 
dürfnisse geltend  gemacht  wird.  MOgte  es  auch  bei  uns  in 
Hessen  zu  einem  endlichen  guten  Ziele  führen.  Aber  ich 
ersehe  leider  auch  aus  Ihrem  Briefe,  wie  grosze  Schwierig- 
keiten entgegen  stehen.  Zu  besorgen  ist  ausserdem ,  daiz 
auch  unsre  Bauern,  die  sich  bis  jetzt  zurückgehalten  haben, 
wenn  sie  nicht  bald  die  bestimmt  von  dem  Landtage  er- 
warteten Erleichterungen  erfahren,  sich  endlich  wilden  Aus- 
brüchen überlassen  werden.  —  Hierbei  meine  Religions- 
lehre. Wenn  ich  das  Buch  recensiren  sollte,  würde  ich 
etwa  anfangen:  ,Dem  Verfasser  ist  widerfahren,  dasz  der 
Anfang  seines  Buches  an  das  Ende  getreten  ist.  Der  Ge- 
danke nämlich :  der  Mensch  weisz  von  Gott,  weil  sich  Gk>tt 
ihm  offenbart ,  ist  die  Grundlage  des  Buches.  Es  ist  ein 
Versuch  zu  verdeutlichen  was  der  Mensch  durch  Gottes  ur- 
sprüngliche Offenbarung  von  ihm  weisz.  Nun  aber  wird 
von  der  Offenbarung  Gottes  erst  am  Ende  gehandelt* 
u.  s.  w.  Wenn  Sie  das  Buch  lesen  wollen  so  wird  sich 
durch  diese  Ansicht  vielleicht  das  Abstöszige,  das  es  von 
vom  herein  für  Sie  haben  mögte,  um  etwas  vermindern.  — 
Mit  meinem  Befinden  ist's  seit  einigen  Wochen  wieder 
schlecht  gegangen;  darum  musz  ich  auch  jetzt  wieder 
Mariens  Hülfe  zum  Schreiben  in  Anspruch  nehmen.  Es 
möge  Ihnen  und  den  Ihrigen  recht  wohl  gehen.  Mit  der 
herzlischsten  Liebe  Ihr  Suabedissen.* 

Br.  65  V.  12.  3.  1831 :  ^Liebster  Freund.  Ich  danke 
Ihnen  herzlich  für  Ihren  lieben  Brief  vom  6ten.  dieses  Mo- 
nats. Schon  lange  wuszte  ich  von  Ihrer  Krankheit,  aber 
mit  der  ersten  Nachricht  vereinigte  sich  auch  schon  der 
Trost,  dasz  die  gröszte  Gefahr  überstanden  sej,  und  seit- 
dem erwartete  ich  vertrauensvoll  dasz  Sie  mich  über  den 
Fortgang  Ihrer  Genesung  selbst  in  Gewiszheit  setzen  wür- 
den. Möchte  nun  Ihre  Gesundheit  mit  dem  Frühling  wie 
der  Frühling  wachsen !  Welche  Freude  würde  es  mir  seyn, 
wenn  ich  Sie  dann  zur   Zeit  der  vorgetretenen   Frühlinj^ 

S rächt  tageweise   hierher   versetzen  könnte,  dasz   Sie   sich 
ieser  Lebensherrlichkeit  theils  von   dem  kleinen  Eckzim- 
mer aus,  theils  in   dem  Garten,  den   ich  am   Schloszberge 

gemiethet  habe,  erfreuen  möchten ! Die   Göttin^er  ao- 

volution    war    freilich  ein    tolles  Unternehmen  und  es  ist 
seltsam  und  bedenklich,  dasz  so  etwas  in  dem  Hauptsi^ 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  266.  227 

der  Verständigkeit  aasbrechen  konnte.  Gnt  aber  dasz  nun 
den  gestrengen  Herren  zu  Hannover  die  Augen  aufgegangen 
sind  und  ich  wünsche  den  besten  Erfolg.  Indessen  haben 
wir  vor  f^nz  kurzem  nun  auch  hier  unsre  Unruhen  gehabt. 
Dasz  Reich  der  Bürgerwache  ist  in  sich  selbst  zerfallen 
über  einen  Bürgerkapitän,  den  die  Einen  ausstoszen,  die 
Andern  behalten  wollen.  Daher  ein  Durchziehen  der  Stadt 
von  beiden  Parteien  und  viel  Lärm,  auch  Stösze  und  Püffe. 
Endlich  hat  das  ordentliche  Militär  in  Verbindung  mit  der 
einen  Partei  zugegriffen  und  den  strittigen  Kapitän  einst- 
weilen aufs  Schlosz  gesetzt.  Dazu  kommt  dasz  seit  einiger 
Zeit  die  Bauern  umher  sich  Holz  und  Wild  nach  Belieben 
zu  holen  angewöhnt  hatten  und  meinten  das  Naturrecht 
gestatte  es.  Nun  sind  aber  Jäger  und  Husaren  von  Cassel 
gekommen  um  diese  Theorie  handgreiflich  zu  bestreiten.  — 
Grestem  hat  die  Universität  den  Professor  Jordan  von 
neuem  zu  ihrem  Landtagsdeputirten  erwählt.  Der  bevor- 
stehende Landtag,  der  erste  auf  der  Basis  der  erneuerten 
Verfassung  wird,  meine  ich,  dadurch  wichtig  werden,  dasa 
durch  ihn  erst  die  erneuerte  Verfassung,  die  bis  jetzt  noch 
unstät  woget,  ihre  zugleich  gemäszigte  und  feste  Haltung 
wird  bekommen  können.  Es  wird  sich  nämlich,  glaube  ich, 
bei  uns  von  nun  an  voti  dem  Militär  und  von  der  Beamten- 
welt aus  eine  sich  allmählig  steigernde  Rückwirkung  gegen 
die  Verfassung  bilden,  wodurch  sie  um  so  mehr  in  Qefahr 
kommen  wird  in  ein  dürres  Sandufer  hingeworfen  zu  wer- 
den, als  der  hessische  Bürgerstand  noch  keine  hinlängliche 
Selbstständigkeit  erlangt  zu  haben  scheint,  um  dann,  wann 
die  jetzige  Aufregung  vorüber  gegangen,  eine  ruhige  und 

sichere  Kraft  zu  behaupten " 

Br.  66  V.  23.  12.  1831 :  »Liebster  Freund.  Ihre  liebe- 
volle Theilnahme  an  der  Verlobung  meiner  Marie  mit  Prof. 
Hupfeld  ist  mir  recht  rührend. . .  Auch  vor  einigen  Monaten 
haben  Sie  mich  durch  einen  lieben  Brief  erfreuet,  wofür 
ich  herzlich  danke.  .  .  .  Nachmittags.  Heute  gegen  Mittag 
wurden  wir  alle  freundlich  überrascht  durch  das  Kindes- 
bild meiner  Marie,  das  Sie  ihr  geschickt . . .  Des  Briefwechsels 
zweier  Deutschen  von  Pfizer  konnte  ich  bisher  nicht  habhaft 
werden,  obgleich  in   einer  Buchhandlung  \det  Elwertschen] 

wohnend Am  24.   Der  widrigen  Vormlle  in  Cassel  mag 

ich  kaum  gedenken.  Zu  wünschen  ist  nur,  dasz  dieser  ge- 
waltsame Ausbruch  den  Übergang  zu  einer  Ausgleichung 
gemacht  haben  möge,  die  den  Landesangelegenheiten 
freien  Fortgang  gestatte.  —  Die  Kurfürstin  schrieb  mir 
vorgestern,  ihr  Gemüth  u.  ihre  Gesundheit  sey  durch  die 
Anwesenheit  des  Prinzen  Albrecht  u.  seiner  Frau  sehr  auf- 

15» 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


228  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  266-267. 

f ^erlebet  worden.  —  Hier  ist  alles  ganz  ordentlich  u.  stille, 
ch  habe  in  meiner  jetzigen  Wohnung  zn  beiden  Seiten 
Weinhänser  n.  gegenüber  die  Police! ;  wenn  aber  nicht  der 
Nachtwächter  sich  hier  mehr  befleissigte  seinen  Pflichteifer 
dnrch  sein  dröhnendes  Hom  zu  verkündigen,  so  wäre  auch 
Nachts  alles  so  rahig  wie  bei  meiner  vorigen  Wohnung. 
An  freundlicher  u.  freier  Aussicht  aber  habe  ich  allerdinffa 
viel  verloren,  werde  Ihnen  aber  doch,  wenn  Sie  miäi 
nächsten  Sommer  besuchen  wollen,  ein  Zimmer  mit  der 
Morgensonne  u.  einem  freundlichen  u.  mannichÜEÜtigen 
Vorgi-unde  geben  können.  —  Es  ist  wohl  merkwürdig,  dasz 
die  politischen  Erregungen  unserer  Zeit  (ganz  anders  als 
in  den  Jahren  1789  fif.)  die  Gemüther  unserer  Studiren- 
den  fiwt  gar  nicht  berührt  haben ;  —  vielleicht  zum  Theü 
darum,  weil  sie  die  Bürger  bewegt  sehen.  So  möchte  es 
wohl  geschehen  (oder  vielmehr,  es  ist  schon  geschehen), 
dasz  das  eigentliche  Philisterthum  mitten  unter  den  Stu- 
denten u.  den  aus  ihnen  hervorgehenden  Ständen  seine 
Heimath  au%eschlaffen  hat.  —  Ist  das  aber  nicht  haupt- 
sächlich dem  Prof.  d.  Philosophie  zur  Last  zu  legen?  Muss 
nicht  alles  Leben  der  Lebenswissenschaft  erloschen  seyn, 
wo  solch  eine  Ideenlähmung,  solch  ein  Tod  in  den  jugend- 
lichen  Gemüthem   Platz  greifen  kann? "  —  Dabei 

lie^  ein  Brief  v.  Marie  ouabedissen  vom  gleichen  Tatre: 
»Lieber  Herr  Gnmm!  Herzlichen  Dank  für  das  Bild- 
chen das  Sie  mir  geschickt  haben  und  für  die  Freude 
die  Sie  mir  dadurch  gemacht  haben.  Ihre  liebe- 
volle Theilnahme,  und  Ihr  freundlicher  Gedanke 
auch  Hupfeld  zu  Weihnachten  eine  Freude  zu  machen, 
rührt  mich  sehr,  und  ich  bitte  Sie,  dasz  Sie  mich 
auch  femer  lieb  behalten.  Wir  hoffen  Sie  nächstes  Früh- 
jahr hier  zu  sehen  und  freuen  uns  alle  sehr  darauf  und 
wenn  Sie  dann  den  Hupfeld  näher  kennen  lernen,  werden 
Sie  ihn  auch  gewisz  lieo  gewinnen,  denn  er  ist  eine  gute 
liebe  Seele. . .  .*  —  Br.  67  v.  6. 3. 1832:  S.  meldet  die  Verlobung 
seiner  Tochter  Elise  mit  dem  Obertierichtsassessor  Jäger  in 
Marburg,  ihre  Hochzeit  werde  erst  im  Herbst  stattnnden, 
Marie's  im  nächsten  Monat.    Vgl.  Anm.  zu  S.  273. 

S.  267.    Die    wohlwollende weise     des 

Herzogs]  von  Cambridge,  des  von  König  Wilhelm  I.  im 
voraufgebenden  Jahre  ernannten  Yicekönigs  von  Hannover, 
ib.  die  Hannoversche  von  Pertz  redigirte 
Zeitung]  Wegen  dieser  Zeitung  vgl.  J.  Gr.'s  Kl.  Schriften 
VII,  536  f.  Die  Briefe  der  Brüder  an  Pertz  sind,  bis  auf 
einen,  der  sich  auf  Prof  G ö d e k e  in  Göttingen  bezieht, 
von  Bibliothekar  Dr.   Müller  in  der   Beilage  z.   Leipz.  Z. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  267—277.  229 

1882  no.  91—3  n.  in  Zachere  Zeitechr.  f.  cL  Philol.  XVL 
8.  232  fF.  veröfFentlicht.  (vgl.  Anm.  zu  S.  11  no.  15). 

S.  269  no.  126]  Antwort  auf  S.'s  Br.  68  v.  13.  10  1832, 
worin  dieser  bedauert,  dass  W.  ihn  nicht  besucht  habe, 
über  seine  Gebrechlichkeit  klagt,  seiner  Töchter  Zufrieden- 
heit und  Glück  schildert,  und  7.ur  Geburt  der  Tochter 
gratulirt. 

S.  270.über  die  Nibelungen  gelesen]  vgl. Briefw. 
m.  Meuspbach  S.  368. 

8.  271.  In  Hessen  hindert  .  .  .  einen  .  .  .  glück- 
licheren Zustand]  vgl.  8.  117  u.  Briefw.  m.  v.  Meusebach 
8.  354  Anm.  z.  8.  127,  sowie  8.  357,  Anm.  z.  8.  137. 

8.  273.  Frau  Nimrodj  ==  Frau  Geh.  Justizrath 
Jäger,  derzeit  in  Oassel  lebend,  eine  Tochter  von  Prof. 
Suabedissen.   Vgl.  8.'s  Br.  67  in  Anm.  z.  8.  266. 

8.  273.    Kurfürstin)  Auguste  s.  Anm.  zu  8.  404. 

8.  274  no.  127]  gehört  offenbar  nach  no.  128  und  datirt 
V.  10.  1.  1834  (nicht  1833),  denn  er  wird  beanwortet  durch 
S.*s  Br.  69  V.  2. 2.  1834:  8.  meldet  darin,  dass  sein  Gesundheits- 
zustand befriedigend,  dankt  für  das  schmackhafte  Geschenk, 
und  hegt   keine  Besorgnis  fQr   die  Universitäten. 

8.  275.  Unser  neuer  Philosoph  Herbart] 
Herbart  war  schon  früher  1805—9  in  Göttingen  gewesen, 
und  kehrte  jetzt  dahin  von  Königsberg  aus  zurück.  Er 
starb  1841. 

ib.  dasz  Twesten  aus  Kiel  Plancks  8telle  be- 
setzen sollte]  Twesten  ist  nicht  nach  Göttingen,  sondern 
an  8chleiermachere  8telle  1835  nach  Berlin  berufen.  Neben 
P.  wirkte  bereits  zu  dessen  Lebzeiten  seit  1831  Gieseler. 

8.  275.  Planck]  Gottl.  Jac,  Senior  der  theol.  Facul- 
tät  war  am  31.  Aug.  1833  gestorben.  Vgl.  über  ihn: 
Lücke^s  Biogr.  Göttingen  1835  u.  Herzog's  Encyclopädie. 

8.276.  Tod  d.  Königs  von  Spanien]  Ferdinand  VU. 
am  29.  Sept.  1833.  Ihm  folgte  in  Folge  des  1830  wieder 
eingeführten  weiblichen  Successionsrechtes  seine  3 jährig 
Tochter  Isabella  unter  Vormundschaft  ihrer  Mutter  Mana 
Christine.  Gegen  sie  trat  Don  Carlos  als  Kronprätendent 
auf,  was  zu  den  langwierigen  noch  immer  nicht  völlig  er- 
loschenen Carlistenaufständen  führte 

8.  277.  E s  wa r  innere  Gicht]  vgl. Briefw.  m. Meuse- 
bach 8.  895.  f. 

8.  277  no.  129]  Vorauf  ging  ein  verlorener  Brief  v. 
11.  Sept  1834 ,  wie  sich  aus  S.'s  Br.  70  v.  2.  10.  1834  er- 
giebt,  welcher  über  die  Hitze  des  Sommers  klagt,  die  Ein- 
stellung seiner  Lehrthätigkeit  für  den  Winter  mittheilt, 
die  geplante  Verbindung  der  theologischen  Professur  mit 


y  Google 


230  Anmerkungen  zu  B.  1  8.  277. 

der  Direction  des  zu  errichtenden  Predigerseminars 
billigt  und  einige  Familiennachrichten  erzählt.  —  Auf  no. 
129  erwidert  S.*8  Br.  71,  geschrieben  v.  30.  3.  —1.  4.  1835: 
„Mit  trauernder  Theilnahme,  mein  geliebter  Freund, 
und  nicht  ohne  Besorgnisz  habe  ich  den  Winter  Über  oft 
von  Ihrem  Krankseyn  gehört.  Desto  ^öszer  war  meine 
Freude,  als  ich  auf  dem  Briefe,  der  mir  am  24.  gebracht 
wurde,  die  lieben  Züge  Ihrer  Handschrift  erblickte.  Möchte 
doch  der  milde,  belebende  Frühlingsathem  nun  bald  kommen 
u.  Ihnen  alles  leisten  was  die  Aerzte  davon  versprechen! 
Hier  aber  herrscht  seit  14  Tagen  ein  feindseliger  Luftgeist 
bei  einer  hinauslockenden  Sonne.  Ich  wünsche  sehr,  da« 
Sie   sich  gehütet  haben   mögen.  —   Mit  meinem  Befinden 

fing's  bis  zum  Ende  des  vorigen  Jahres  fortwährend  schlecht, 
eit  dem  Anfange  des  jetzigen  sind  wieder  bessere  Zwischen- 
zeiten eingetreten.  Ich  habe  dann  bisweilen  wieder  etwas 
lesen  können,  was  nicht  blosz  Zeitung  war;  auch  sogar  bis- 
weilen, wie  heute,  einige  Zeilen  scnreiben  können.  Und 
ich  halte  es  für  thunlich,  u.  bin  stark  Willens,  jm  nächsten 
halben  Jahre  wieder  Vorlesungen  zu  halten.  Überhaupt 
habe  ich  in  solchen  Zwischenzeiten  gar  zu  leicht  einen  fast 
iugqnd liehen  Muth,  u.  habe  doch  schon  so  oft  von  der  stets 
lauernden  Tücke  meiner  Krankheit  Erfahrung  gemacht. 
Ich  träume  dann  auch  wohl  von  Reisen,  nach  Qieszen  etwa 
oder  nach  Rotenburg,  am  liebsten  zu  Ihnen,  u.  habe  doch 
seit  dem  Tauftage  meines  jüngsten  Enkelchens  nicht  zum 
Hause  hinaus  kommen  können.  Wohl  sollte  meine  Philosophie 
meditatio  mortis  seyn,  ist  aber  noch  immer  meditatio  vitae. 
—  Am  31.  März.  Lücke's  Urtheil  Über  meine  Religions- 
philosophie ist  mir  erfreulich.  Sonst  kann  ich  mit  den 
öffentlichen  Urtheilen  über  mein  Philosophiren ,  die  mir 
vorgekommen  sind ,  nicht  sehr  zufrieden  sevn.  In  keinem 
finde  ich  au^faszt,  was  die  Mitte  u.  Einheit  meines 
Fhilosophirens  ist.  Das  würde  sich  bestimmter  als  bis  jetzt 
ffeschehen  in  meiner  Metaphysik  darlegen}  u.  auch  ans 
oiesem  Grunde  sollte  ich  mich  aufgefordert  finden,  meine 
bereits  erschienenen  Lehrbücher  der  Philosophie  durch  die 
noch  zurückstehenden  zu  ergänzen.  Ich  sehe  aber  voraus, 
dasz  meine  Lehren,  wenn  man  überhaupt  Notiz  davon 
nehmen  wollte,  bei  den  Bestrebungen  welche  jetzt  den  Markt 
des  Fhilosophirens  in  Deutschland  beherrschen,  vielen  An- 
fechtungen ausgesetzt  seyn  würden ;  u.  ich  hätte  dann 
weder  die  Kraft  noch  die  Neigung  das  was  ich  in  die  Welt 
geschickt  in  ihr  auch  zu  vertreten.  Doch  habe  ich  bereits 
vor  einigen  Jahren  die  Grundsätze  meiner  Vorlesungen  über 
die   Metaphysik  in*s   Reine   schreiben  lassen,  u.   bin  jetzt 


y  Google 


Anmerkungen  lu  B.  I  S.  277—279.  231 

daran,  mitunter  das  Wesentliche  meiner  Vortrage  über  die 
Tn^nd-  n.  Rechtslehre  zu  diotiren.  Vielleicht  wird*8  nach 
meinem  Tode  erscheinen.  —  In  dem  Repertoriara  von  Gers- 
dorf habe  ich  gestern  gelesen,  dasz  Sie  bereits  im  vorigen 
Jahre  den  Freidank  heran8f|[egeben  haben.  Das  ist  wohl 
eine  grosze  u.  schwere  Arbeit  g^ewesen,  n.  ich  wnszte  gar 
nicht,  dasz  Sie  damit  beschäftigt  waren.  —  Was  Sie  von 
den  Casselschen  Religionsanrnhen  urtheilen,  ist  auch  gans 
meine  Ansicht.  Ich  nahe  in  diesen  Tacren  eine  jetzt  nier 
cursirende  Predigt  von  Ernst  in  Oassel  „über  die  unzer- 
trennliche Verbindung  der  Vernunft  u.  des  Christenthumes*, 
nebst  einer  Gegenrede  (angeblich  von  einem  Studenten  der 
Theologie)  mit  der  Aufschrift:  ,Die  Vernunft  ist  dem 
Christenthume  untergeordnet^,  gelesen.  Jene  schmeckt  wie 
ein  Stück  derbes  Schwarzbrod ,  diese  wie  ein  Fetzen  Leb- 
kuchen. Weder  dort  noch  hier  eine  Ahnung,  dasz  Christas 
die  Vernunft  ist.  —  Von  Mäller's  Predigten  habe  ich  die 
sechs  ersten  gelesen;  mit  Wohlgefallen.  Von  der  Er- 
richtung eines  rredigerseminars  und  der  Veranstaltung  einer 
Kirchensynode  ist  jetzt  alles  stille.  —  Göthe's  Briefwechsel 
mit  einem  Kinde  ist  jetzt  nicht  hier.  Ich  habe  ihn  mir 
bestellt  —  Mein  erstes  Enkelchen  ist  heute  schon  zwei 
Jahre  alt  geworden.  Es  ist  zugleich  der  Geburtstag  seines 
Vaters,  u.  morgen  ist  der  Geburtstag  seiner  Mutter.  Der 
wird  bei  mir  gefeiert  werden.  —  Am  1.  April. . . .  Prof.  Müller 
wird  sich  durch  das  Geschenk,  das  er  uns  von  Ihnen  mit- 
bringet, sehr  empfehlen.  Ich  werde  es  vertheilen,  mich  aber 
dabei  am  meisten  bedenken.  Sie  können  von  allen  Em- 
pfängern der  gerührtesten  Dankbarkeit  versichert  seyn.  — 
ihrer  Frau  u.  Ihrem  Bruder  meine  herzlichen  Grüsze.  Auch 
die  Meinigen  alle  (so  viel  ihrer  erfahren  haben  dasz  ich 
Ihnen  schreibe)  lassen  herzlich  grüszen.  Mit  unveränder- 
licher Liebe  Ihr  Suabedissen." 

Auf  diesen  Brief  hat  W.  Grimm  bemerkt :  .Sein  letzter 
Brief  an  mich,  er  starb  am  14  Mai  Abends  6  Uhr." 

S.  278.  Müller],  J.,  (Bruder  v.  Ottfried  M.  (s.  Anm. 
zu  S.  290),  geb.  d.  10.  April  1801  in  Brieg,  war  von  1831-5 
Universitätsprediger  in  Göttingen,  seit  Sommer  1835  o.  Prof. 
d.  Dogmatik  in  Marburg,  kam  1889  nach  Halle,  t  1878  da- 
selbst (vgl.  Anm.  zu  S.  141). 

ib.  Lücke]  vgL  Anm.  zu  S.  291.^ Schleiermaoher] 
Er  war  am  12.  2.  1834  gestorben. 

S.  279.  Lang  in  Gasse  1]  Lutherischer  Pfarrer  da- 
selbst Er  hatte  namentlich  durch  Veranstaltung  religiöser 
Privatversammlungen  Anstoss  erregt.  Dadurch  war  auch 
ein  Votum  von  Prof.  Hupfeld  in  Marburg  (Darmst.  Kirchen- 
zeitung 1837  no.  29—32)  veranlasst. 


y  Google 


232  Anmerkangen  zxx  B.  I  S.  279—280. 

S.279.  eine  tiefe  u.  reiche  menschliche  Seele] 
Beüine  v.  Arnim ;  vffl.  Briefw.  m.  y.  Meusebach  S.  369,  394  Ly 
397  f.,  410  f.  und  aie  zur  Feier  ihres  hundertsten  Qeburts- 
tages  erschienene  Festschrift  v.  Conrad  Alberti,  Leipzig  1885. 

S.  280.  Prof.  Hup  fei  dl,  H.  geb.  1796  in  Marburg, 
wurde  hier  1880  Prof.  der  Theologie,  siedelte  184S  nach  Halle 
über,  wo  er  1866  starb.  Vyl.  Anm.  zu  S.  278,  22  u.  Justi  S. 
277  ff.  Von  Hupfeld  sind  in  der  Grimm-Correspondenz  drei 
Briefe  an  W.  erhalten ,  ausserdem  aber  noch  27  Briefe  an 
J.,  denen  19  v.  J.  an  Hnpfeld  entsprechen,  welche  mir  Herr 
Superintendent  Hupfeld  noch  nachträglich  zustellte,  und 
ich  daher  hier  zusammen  mit  denen  Hupfeld's  mittheile : 

1.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

„Spangenberg,  den  7.  Jul.  1823.  Hochgeehrtester  Herr! 
Erst  gestern  kam  mir  Ihr  Schreiben  vom  30.  Janj  so 
Banden,  und  ich  beeile  mich  daher  um  so  mehr,  Ihnen  die 
verlangte  Auskunft  zu  geben,  so  gut  ich  sie  geben  kann. 
Vorerst  eine  knrze'  Beschreibung  des  erwähnten  Reliefe 
selbst,  da  ich  nicht  weisz,  inwiefern  es  Ihnen  bekannt  ist. 
Es  zieht  sich  an  dem  vordem  Rande  eines  Rauchfangs  (über 
dem  Kamin)  hin,  ungefähr  4  Schuh  lanff,  1  Schuh  hoch,  u. 
besteht  aus  ziemlich  grob  aber  deutlich  gearbeiteten,  und 
gefärbten,  Figuren.  Am  linken  Ende  steht  ein  Bogenschütze 
unter  Bäumen,  etwas  weiter  noch  ein  andrer,  aber  gröszten- 
theils  verdeckter,  u.  dann  ein  Hirsch.  Wo  die  Bäume  auf- 
hören, sieht  man  einen  Eber,  von  der  Lanze  eines  Ritters 
durchbohrt,  der  aber  selbst  —  das  Pferd  ist  gestürzt  — 
hoch  aus  dem  Sattel  fliegt  u.  seiner  Lanze  zu  folgen  scheint. 
Hinter  ihm  eine  Menge  Hunde,  dann  wieder  Bäume  mit 
rothen  Aepfeln,  u.  am  Ende  eine  offne  Thüre,  also  An- 
deutung eines  Gartens.  Vor  der  Thüre  steht  eine  kurze, 
dicke  weibliche  Figur,  u.  vor  dieser  ein  Barsch  mit  einem 
Vogel  auf  der  Hand,  der  denBeschlusz  macht.  Ueber  jeder 
dieser  bevden  Figuren  hängt  eitfe  bandförmig  gewundene 
Inschrift  (ad  modum  derer,  die  sonst  in  dergleichen 
Bildern  den  Leuten  aus  dem  Maule  heraushängen),  die  die 
Anrede  der  erstem,  u.  die  Antwort  des  letztern  enthalten. 
Dieses  sind  die  Inschriften,  von  denen  die  Rede  ist.  Sie 
sind  nicht  etwa  auch  erhobene  Arbeit,  sondem  schwarz 
geschrieben  mit  unserer  gewöhnlichen  Fracturschrift,  also 
nicht  aus  dem  Mittelalter.  Die  Anrede  der  weiblichen  Figur 
besteht  aus  den  Worten:  ,Was  suchet  ir  was  bringt  ir  mir, 
das  sa^ett  alhier.*  Die  Antwort  der  m^nlichen  lautet: 
Ich,  bringe  ein  —  lein  (wahrscheinlich  ,  Vöglein*  —  das  übrige 
ist  vor   Schmutz   nicht  zu  erkennen)  auff  meiner  handt  zu 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  233 

euerm  ^rtn  aus  frembdem  landt  vö^lein  zu  fangen  bin  ich 
gesandt/  Es  besteht  also  jede  aus  einem  3 fachen  Reim.... 
Auch  die  Figuren  haben  nichts  Alterthümliches  —  der 
Bogenschütz  z.  B.  hat  rothe  Hosen.  —  Das  Alterthum  dieses 
DenkmAls  mag  also  wohl  nicht  weit  her  seyn.  Da  der 
Bogen  noch  darauf  erscheint,  so  ist  es  wahrscheinlich  Dar- 
stellung irig^end  einer  altem  Sage,  nicht  einer  gleichzeitigen 
Begebenheit.  Das  ist  Alles,  was  ich  darüber  muthmaszen 
kann.  So  wenig  ich  auch  in  dieser  Art  von  Archäologie  be- 
wandert bin,  so  glaube  ich  doch,  dasz  sich  das  Stück  nicht 
zu  einer  archäologischen  Untersuchung  eignet " 

Auf  den  Brief  hat  J.  Gr.  mit  Antiquaschrift  bemerkt: 
„hiemach  ist  kein  gedanke  an  den  nibelungischen  tod  Sieg- 
frieds auf  diesem  bilde,  weder  den  figuren,  noch  den  Worten, 
noch  der  zeit  nach .  worin  dies  Steinbild  gehauen  worden 
sein  mag:  aus  der  Sprache  jener  bandschnft  zu  schlieszen, 
etwan  erst  im  16  oder  gar  17  jahrh.*  und  auf  der  Adresse: 
,An  Archivdirector  Rommel  zur  Einsicht."  Dieser  hat  dazu 
geschrieben:  „Zurückgestellt.  1827.  May."  Es  handelt  sich 
also  hier  wohl  um  eine  der  -vermeintlichen  Entdeckungen 
Rommels  vgl.  Anm.  zu  S.  38  Bangs  Br.  6  u.  Anm.  zu  S.  41. 

2.  Hupfeld  an  J.  Grimm. 

„Hier,  verehrtester  Herr  Doctor,  folgt  das  gütig  geliehene 
mit  meinem  lebhaftesten  Danke  wieder  zurück.  Entschul- 
digen Sie  nur,  wenn,  wie  ich  fürchte,  das  Büchlein  durch 
das  Herumtragen  mit  mir  auf  der  Reise  u.  das  häufige 
Oeffnen  etwas  im  Aeuszem  gelitten  haben  sollte.  Die 
grammatische  Bekanntschaft  mit  Hm.  Bopp,  dessen  combi- 
natorischer  Schar&inn  sich  in  seinem  Lenrgebäude  durch 
die  dort  gebotene  Zurückhaltung  demAn^nger  verbirgt,  ist 
mir  so  enreulich  gewesen ,  dasz  ich  auf  eine  fernere  Gabe, 
die  der  Titel:  „exvte  Abhandlung"  ankündigt,  sehr  begierig 
bin,  und  mir  die  Freyheit  nehme,  Sie  zum  voraus  um  deren 
Mittheilung  zu  bitten,  da  dergleichen  Abdrücke  nicht  in 
den  Buchhandel  zu  kommen  scheinen,  und  die  gesammelten 
Abhandlungen  der  Berliner  Akademie,  wie  ich  sehe,  nicht 
Alles  enthalten.  Mich  Ihrem  Wohlwollen  empfehlend  Ihr 
inniger  Verehrer  H.  Hupfeld.    Marburg,  4.  Mai  1827." 

3.  J.  Grimm  an  Hupfeld. 
„Verehrter  Herr  Profefoor,  Ich  besitze  keine  weitere  Ab- 
handlung von  Bopp.  Seine  Beurtheilung  meiner  Gramm, 
in  der  neuen  Berliner  Lit.  zeitung  werden  Sie  gelesen  haben, 
sie  ist  gelehrt  und  lehrreich,  auch  mir  g^anz  recht,  wiewohl 
keine   Recension   meines   Buchs.    Kann  ich  Ihnen  mit  dem 


y  Google 


234  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

*e88ai  8ur  le  Pali  par  Bumouf  et  Lassen»  Paris  1826*  dienen  ? 
es  scheint  eine  tüchtige  Arbeit,  so  wie  mir  auch  Lassen,  der 
Yorigen  Monat  mit  Schlegel  hier  war,  wohlgefiallen  hat. 
Schlegel  rühmte  eine  neue  Abhandlung  Yon  Humboldt 
aufaerordentlich,  welche  Remusat  soeben  hat  drucken  lafeen, 
obgleich  sie  ihn  selbst  widerlegt.  Zu  Qöttingen  hat  Heeren 
den  Schlegel  höflichst  auf  der  Bibl.  herumgeführt;  schön 
wRre  gt^wesen,  wenn  auch  Niebuhr  dazu  gekommen  wäre. 
Heerens  Antwort  ist  in  Bezug  auf  den  Vorwurf  wegen 
Robertsons  allerdings  treffend.  —  Die  Marburger  Bibl.  ist 
wahrscheinlich,  von  Estors  und  Hoffmanns  Zeiten  her,  mit 
publicistischen  Deductionen  wohl  ausgestattet.  Sollten  sich 
nachstehende ,  die  mir  hier  abgehen  und  die  ich  sogar  in 
Göttingen  vor  einigen  Tagen  vergeblich  gesucht  habe,  vor- 
finden, so  bitte  ich  solche  für  mich  auf  ganz  kurze  Zeit  zu 
leihen  und  durch  Krieger  herzuschicken:  abhandlung  von 
den  gerechtsam en  eines  obermärkers  in  anwendung  auf  die 
mark  bei  Miltenberg.-  1757.  fol.  (auctore  Ohlnhausen) 
—  deduction  von  Wülften.  Wien  1766.  1768.  f auctore 
V.  Taube)  —  Vorstellung  die  redin tegration  der  grafischaft 
Schieiden  (in  Westphalen)  betr.  (annum  et  auctorem 
ignoro)  —  reichsfreiheit  der  gemeinden  Sulzbach  und 
Soden  (auctore  Fr.  C.  v.  Moser)  1753.  —  Herrn  Rehm 
kenne  ich  nicht,  sonst  würde  ich  mich  gerade  an  ihn  wen- 
den; Empfangscheine  werde  ich  nöthi^enfalls  übermachen. 
Mit  wahrer  Hochachtung  u.  Ergebenheit  der  Ihrige  Qrimm. 
Cassel  10.  Mai  1827." 

4.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

„Marburg  14.  May  1827.  Hochverehrter  Herr  Doctor! 
Sie  machten  mir  eine  grosze  Freude,  indem  Sie  mir  eine 
Gelegenheit  zuzuweisen  schienen,  Ihnen  eine  kleine  Ge- 
fölligkeit  zu  erzeigen.  Allein  leider  musz  es  dieszmal  bey 
dem  guten  Willen  sein  Bewenden  haben.  Ich  war  am  Sonn- 
abend auf  der  Bibliothek aber  fand  die  Schriften  nicht. 

Die  Marburger  Bibliothek  kann  also  auch  hier  ihrer  reichen 
Schwester  in  Göttingen  nichts  zuvor  thnn,  wie  ich  gehofft 
hatte.    Möchte  ich   bald   eine   andre  Gelegenheit  erhalten, 

S lücklicher  als  dieszmal  zu  seyn!  -:-  Ihr  gütiges  Anerbieten 
er  Mittheilung  von  Bumouf  &  Lassen  essai  nehme  ich  mit 
dem  gröszten  Danke  an.  Ich  kenne  Bumouf  aus  dem  asia- 
tischen Journal  als  einen  Philologen,  der  sich  Über  die 
französische  Empirie  zu  erheben  und  namentlich  den 
deutschen  Sprachforschungen  zugewendet  zu  seyn  scheint. 
Wenn  es  nicnt  Miszbrauch  Ihrer  Güte  wäre,  so  möchte  ich 
auch  wohl  um   eine  Abhandl.   von  Humboldt  über  die 


y  Google 


Briefe  swischen  J.  Grimm  n.  Hupfeld.  235 

Buchstabenschrift  n.  ihren  Zusammenhang  mit  dem  Sprach- 
bau, die  in  den  Schriften  der  Berl.  Akademie,  so  weit  wir 
sie  hier  haben,  nicht  steht,  bitten.  Es  ist  jetzt  eine  schöne 
Zeit  für  die  Sprachforschung,  dasz  höher  stehende  u.  um- 
fassendere Geister,  die  nicht  grade  im  Schulstaube  leben 
und  ums  Brod  speculiren ,  sich  bej  uns  nicht  mehr  zu  vor- 
nehm fQr  diese  Studien  dünken  sondern  so  wacker  zugreifen, 
und  dasz  drey  Länder,  die  sich  sonst  so  selten  zusammen- 
yerstehen,  Deutschland,  England  u.  Frankreich,  hierin  wett- 
eifernd die  H&nde  zu  bieten  anfangen.  Wenn  nur  auf  dem 
edeln  Kampfplatz  nicht  so  viel  kleinliches,  unedles  Leiden- 
schiUPten-Getnebe  zu  sehen  wäre,  und  unsre  vornehmen 
Schriftsteller  etwas  mehr  vornehmen  Anstand  im  Femhalten 
oder  Ignoriren  von  Persönlichkeiten  zeigen  wollten!  Der 
Streit  zwischen  Schlegel  u.  Heeren,  den  Sie  berühren,  scheint 
mir  doch  rein  vom  Zaun  gebrochen,  so  weit  ich  ihn  aus 
der  indischen  Bibliothek  kenne  (die  Antwort  Heerens  ist 
mir  nicht  bekannt);  und  so  hat  in  den  meisten  jetzt 
laufenden  Fehden  die  Wissenschaft  den  genügten,  un- 
gemessenes Persönlichkeitsgefühl  u.  kleinliche  Eitelkeit,  die 
durch  das  geringste  Wort  zu  einer  Ergieszung  gereizt  wird 
(auch  eine  impotentia,  wie  die  der  Despoten)  den  aller- 
gröszten  Antheii.  Damit  scheint  freylich  die  Höflichkeit  des 
persönlichen  Verkehrs  zu  contrastiren,  aber  ich  glaube,  dasz 
diese  eben  beweist,  wie  unmächtig  u.  kleinlich  diese  Leiden- 
schaften sind  —  die  Herren  haben  entweder  zu  wenig  Hasz, 
oder  zu  wenig  Courage,  um  es  persönlich  auszufechten.  — 
Mich  Ihrer  fernem  Gewogenheit  empfehlend  mit  bekannter 
Yerehrang  Ihr  gehorsamster  Hupfela.** 

5.    Hupfeld   an  J.  Grimm. 

„Mit  herzlichstem  Danke,  verehrtester  Herr  Doctor,  sende 
ich  hier  das  gütigst  Mitgetheilte  zurück.  Der  , Essai  sur  le 
Fali'  scheint  mir  ein  Muster,  wie  eine  in  Denkmälem  neu 
aufgefundene  Sprache,  die  sich  an  einen  schon  bekannten 
Stamm  anschlieszt,  darzustellen  ist.  Ein  neulich  hier  durch- 
reisender Orientalist,  der  von  Paris  kam,  behauptete,  dasz 
der  junge  Bumouf  (der  auch  das  Zend  bearbeitet,  wie 
Olshausen  u.  Rask)  es  weiter  bringen  werde  als  alle  lebenden 
Orientalisten  in  Paris.  Der  Abhandlung  von  Humboldt  über 
die  grammatischen  Formen  und  ihr  Verhältnisz  zur  geistigen 
Bildung  der  Völker  verdanke  ich  mehr  Belehrang  u.  Zu- 
rechtweisung als  ich  je  geahndet  hätte ,  und  ich  bewundre 
den  feinen  Geist,  der,  frevlich  durch  umfassende  Empirie 
unterstützt,  so  geheime  Verrichtungen  des  unbewuszten 
Sprachgenius  u.  ihre  unsichtbare  geistige  Macht  zu  erspähen 


y  Google 


236  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

u.  zu  ermessen  vermag.  Er  scheint  sich  mit  Vorliebe  auf 
diesem  Gebiete  zu  bewegen,  nur  meine  ich,  dasz  sein  Vor- 
trag etwas  weniger  abstract  u.  abgemessen  seyn  könnte. 
Der  Abhandlung  über  die  Buchstabenschrift,  so  wie  einer 
frühern  über  Sprachvergleichung  habe  ich  aus  diesem 
Grunde  noch  keinen  rechten  Geschmack  abgewinnen  können 

—  vielleicht  bey  einer  wiederholten  Lesung  auf  einer  etwas 
hohem  Stufe  der  Reife.  Mit  Verehrung  u.  Dankbarkeit  der 
Ihrige  Hupfeld.    M.  ü.  Juni  1827." 

6.    J.  Grimm  an  Hupfeld. 

„Den  büchem,  die  ich  nun  schon  wieder  von  Dinen, 
verehrter  professor,  zurückerhalten  habe,  war  ein  blatt  bei- 
zulegen vergessen  worden,  worin  ich  für  die  verlorne  mühe 
dankte,  die  Sie  sich  meinetwegen  um  die  aufsuchung  der 
gewünschten  deductionen  gemacht  hatten,  ich  wiederhohle 
also  meinen  dank.  —  Humboldt  ist  sehr  geistreich,  aber  doch 
scheinen  mir  seine  Untersuchungen  von  der  art,  dafs  man  sie 
kaum  für  die  eignen  Studien  verwenden  darf,  wenigstens  mir 
geht  es  so.  er  ist  nicht  materiell  genug,  allein  der  materiellste 
und  abstracteste  müfsen  bewundem,  wie  viel  ihm  gelingt 
und  wie  hoch  er  schwebt.  Hätte  doch  solch  ein  mann,  und 
nicht  erst  im  alter,  sich  umfafsenden  arbeiten  über  die 
Sprachen  der  erde  hingegeben,  das  wäre  ein  anderer  Mithri- 
dates  geworden,  als  der  unter  Adelungs  und  Vaters  hand! 

—  Schlegel,  statt  die  ausg.  seines  ind.  gedichts  zu  fördern, 
hält  diesen  sommer  über  Berliner  herm  und  damen  Vor- 
lesungen über  literatur,  aber  schwerlich  mit  dem  alten  er- 
folg und  beifall.  —  Zieht  Sie  Lachmanns  Walther  von  der 
Vogelweide  nicht  einmal  zur  altdeutschen  poesie?  Inhalt 
und  critische  behandlung  scheinen  mir  gleich  vortrefflich. 
[Unterschrift  weggeschnitten.)    Cassel,  13.  Juni  1827." 

7.    Hupfeld   an   J.   Grimm. 

„Marburg  2.  Aug.  1827.  Verehrtester  Herr  Doctorl 
Ich  nehme  mir  die  Freyheit,  Ihnen  hier,  nicht  nur  in 
eigenem  sondern  auch  in  des  Prof.  Bickells,  eines  eifrigen 
Verehrers  Ihres  Geistes,  Namen  eine  kleine  Schrift  zu 
überreichen,  die  durch  unser  neuliches  Jubiläum  veranlasst 
worden  ist,  u.  deren  Zweck  unstreitig  das  Verdienstlichste  des 
ganzen  Unternehmens  ist,  wenigstens  was  meine  Arbeit  betrifft. 

—  Denn  die  gründlich  gelehrte,  mühsam  aus  seltnen,  (schwer 
zugänglichen)  Quellen  geschöpfte  Abhandlung  Bickells,  die 
Männer  wie  Sie  u.  Savigny  zu  würdigen  wissen  werden, 
kann  ich  füglich  mit  meiner,  die  ein  Erzeugnisz  des  Augen- 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  237 

blicks  ist,  nicht  in  eine  Kategorie  stellen.  Eine  Durchsicht 
der  letztem  wird  Ihnen  zeigen,  dasz  das  Beste  darin  noch 
dazn  Ihnen  angehört,  also  auch  des  Verdienstes  der  Neu- 
heit, das  solchen  Erzeugnissen  des  Augenblicks  sonst  einigen 
Werth  giebt,  entbehrt,  und  sich  auf  das  kleine  Verdienst 
beschränkt,  einige  Ihrer  Ideen,  die  fQr  die  Lexikographie 
von  fruchtbarer  Anwendung  zu  seyn  scheinen,  den  Männern 
meines  Fachs  näher  vor  Augen  zu  rücken ,  u.  den  herr- 
schenden Empirismus  durch  Vorstellung  des  hohen  Ziels 
wo  möglich  aus  seiner  selbstzufriedenen  Behaglichkeit  zu 
rütteln.  Ich  fühle  es,  wie  unbefriedigend  ein  allgemeines 
Haisonnement  ohne  gehöriges  Material  von  Beyspielen  u. 
Anwendung  ist,  u.  bedaure  es  daher  den  oft  allegirten 
Lexilogus,  nicht  sogleich  mitgeben  zu  können,  aber  ich 
musz  zu  meiner  Entschuldi^ng  anführen,  dasz  ich  ur- 
sprünglich gar  nicht  an  eme  allgemeine  Abhandlung 
dieser  Art  dachte,  sondern  lediglich  einen  Lexilogus  d.  h. 
eine  Zusammenstellung  von  lexikologischen  Thatsachen  beab- 
sichtigte, aus  denen  ich  nachher  einige  allgemeine  Folge- 
rungen zu  ziehen  gedachte,  und  erst  wenige  Tage  vor  dem 
Jubüäum,  als  ich  sah,  dasz  dieser  Lexilogus  aus  Mangel  an 
Zeit  u.  Typen  nicht  mehr  gedruckt  werden  könne,  mich 
schnell  entechloss,  jene  allg.  Folgerungen  nebst  einigem  Ge- 
schichtlichen als  Einleitung  vorangehen  zu  lassen.  Bey  der 
Ausarbeitung  dieser  Einleitung  selbst  bin  ich  erst  auf  die 
meisten  der  hier  geäuszerten  allg.  Ideen  u.  Analogieen  ge- 
kommen, indem  der  Blick,  früher  durch  das  Material  ge- 
fesselt n.  beengt,  nun.  jemehr  dieses  zurücktrat,  u.  jemehr 
die  Analogie  u.  die  Idee,  besonders  von  Ihnen  angeregt, 
einzuwirken  anfieng,  sich  ins  Allgemeinere  hob.  Doch 
hoffe  ich  nicht  meinem  Material  ungetreu  geworden  zu 
seyn,  u.  wenn  es  auch  in  Einzelnem  hinter  der  Idee  zurück- 
bleiben sollie,  so  doch  gewisz  nicht  im  Ganzen,  u.  was 
mich  in  dieser  Sache  am  sichersten  macht,  ist  der  von 
einem  kleinen,  unbewussten  Anfang  ausgehende  u.  sich 
allmählig,  nur  bev  Gelegenheit,  erweiternde  Gang  meiner 
BeobachtunsT ,  und  die  Erfahrung,  mit  diesem  bchlüssel 
Licht  u.  Ordnung  in  diese  rudis  farrago,  hundert  einzelne 
Fälle  darnach  berichtigt ,  geordnet  u.  in  überraschende 
Analogie  gebracht  zu  nahen ,  u.  bey  jedem  Ansatz  mit 
reicher  Beute  zurückgekehrt  zu  seyn.  Diese  innere  Erfah- 
rung gilt  mir  mehr  als  alle  äuszeren  Stimmen  u.  giebt  mir 
die  feste  Ueberzeugung,  dasz  wir  vor  einem  Geheimnisz  der 
Sprachbildung  stehen,  das  schon  die  Alten  geahnt  haben, 
u.  die  Folgezeit  vielleicht  lösen  wird,  wenn  auch  Einzelnes 
auf  immer  unlösbar  oder  zweifelhaft  bleibt,  und  wenn  auch 


y  Google 


238  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

einige  meiner  praecepta  sich  nicht  bewähren.  —  Ich  lege 
auch  ein  Exemplar  für  Ihren  Herrn  Bruder ,  dem  ich  mich 
zu  empfehlen  oitte ,  u,  für  die  Bibliothek  bey.  Bickell 
wünscht  auch  seinem  Meister  Savigny  ein  Exemplar  su 
schicken,  der  ist  aber  in  Italien  —  wissen  Sie  keinen  Weg 
zu  ihm,  u.  dürfte  ichs  allenfalls  Ihnen  zur  Besorgung  zu- 
schicken? Mit  bekannter  Gesinnung  Ihr  Verehrer  Hupfeld.'* 
Das  mit  diesem  Brief  übersandte  Programm  bildete  die 
am  Tage  des  Universitätsjubiläums  veröffentlichte  Gratn- 
lationsschrift  zum  50iährigen  Dienst-Jubiläum  des  Herrn 
Primarius  Arnoldi  und  enthält  die  2  Abhandlungen  1)  ,De 
paleis  quae  in  Gratiani  decreto  inveniuntur  disquisiüo 
nistorico-critica  auctore  Bickellio*,  2)  Hupfeld's  ,Comment. 
de  emendanda  ratione  lezicographiae  semiticae.*  —  Ueber 
J.  W.  Bickell  (geb.  1799  in  Marburg  und  seit  1826  ord.  Prof. 
der  Rechtswissenschaft  daselbst,  später  Vorsteher  des  Justis- 
minist.  in  Cassel,  gest.  1848  daselbst)  vgl.  Justi's  Grundlage 
zu  einer  hess.  Gel.  etc.  Geschichte  S.  2£ 

8.    J.  Grimm  an  Hupfeld. 

„Werthester  Freund,  ich  habe  es  fast  zu  lange  aufgeschoben, 
Ihnen  und  herm  professor  Bickell  für  das  auch  durch  diese 
gemeinschaft  sowie  seiner  veranlaszung  wegen  anziehende  Pro- 
gramm zu  danken.  Mir  ist  darin  von  Ihnen  offenbar  zu  viel 
ehre  angethan  worden,  meine  deutschen  grammaticalien 
dachten  ursprünglich  sicher  nicht  daran,  dafs  Sie  einen  mafa- 
stab  hergeben  sollten,  der  einmal  an  semitische  Sprachen  ge- 
setzt werden  könnte  und  doch  sind  solche  vergleichungen 
natürlich  und  liegen  noch  weit  näher,  als  die  bloCse  ab- 
straction,  worin  wir  uns  so  leicht  versteigen.  Ich  freue 
mich  nun  auf  Ihre  versprochene  eigentliche  ausführun^, 
soweit  ich  sie  werde    fafsen    können,    denn   ich   spüre  bis 

i'etzt  von  Kopps  muthe  noch  wenig  in  mir,  mich  an  das 
lebräische  ordentlich  zu  waj^en.  überhaupt  ziehen  mich 
schon  in  meinem  engeren  kreise  allgemeine  Untersuchungen 
zwar  an,  aber  ich  fliehe  Sie  doch  auch  wirklich  zuweilen, 
ich  fürchte  sie  verlocken  mich  und  nehmen  mir  den  stand- 

Sunct  weg,  von  welchem  aus  ich  nach  meinen  krl^ten 
as  beste  leisten  könnte.  Mit  dem  capitel  von  den  ab- 
leitungen  bin  ich,  aber  nicht  aus  diesem  Grunde  allein,  in 
meinem  buche  am  wenigsten  zufrieden.  Da  würde  beson- 
ders das  indische  und  persische  auf  belehrende  ähnlich- 
keiten  fuhren  und  doch  möchte  ich  lieber  recht  von  grund 
aus  litthauisch  und  slavisch  wifsen  als  Zend  und  Sanskrit 
Gegen  das  Studium   des  hebräischen  und  arabischen  habe 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Qrimm  n.  üapfeld.  239 

ich  das  vorartheil,  dafs  sie  uns  Japheiiden  zar  Sprach- 
-vergleichnng  weniger  haltpnncte  darbieten.  Den  Schul tens 
loben  und  tadeln  Sie  wahrscheinlich  mit  grolsem  fug,  ich 
mafse  mir  kein  urtheil  an,  aber  fast  in  allen  wiTsenschaften 
sind  mir  die  Holländer  unausftehlich  pedantisch.  Welch 
ein  frischer  mann  ist  z.  6.  der  deutsche  Heiske  (der  auch 
mit  Schultens  zu  thun  hatte)  gegen  sie  gehalten.  —  Grüfsen 
Sie  herm  prof.  Bickell.  ich  habe  seine  gründliche  abhandl. 
mit  vergnügen  gelesen  und  schon  der  name  paucapalea  ist 
mir  merkwürdig.  Savign^  ist  noch  nicht  aus  Italien 
zurück,  näheres  hoffe  ich  diese  herbstferien  von  Hugo  oder 
Göschen  zu  hören.  Soll  ich  einem  von  diesen  das  exem- 
plar  für  Savigny  zusenden  ?  die  werden  es  am  besten  be- 
sorgen; oder  will  es  Bickell  selbst  dem  Hugo  schicken? 
—  Wilhelm  empfiehlt  sich  und  ich  bin  mit  Sreundschaft- 
licher  hochachtung  der  Ihrige  Grimm.  Cassel  1.  Sept.  1827.** 

9.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

„M.  20.  Sept.  1827.  Verehrtester  Herr  Doctor!  Hier 
kommt  endlich  mit  meinem  herzlichsten  Danke  Humboldts 
lettre  k  M.  Abel  Remusat  wieder  zurück,  die  Sie  mit  so  zu- 
vorkommender Güte  mir  mitgetheilt  haben So  sehr  die 

Schrift  den  Stempel  des  Humboldtschen  Genius  trägt,  so 
weisz  ich  doch  nicnt,  warum  Schleffel  sie  grade  so  vorzüg- 
lich vor  den  frühem  hervorhebt.  Nach  dem  Totaleindruck 
einer  raschen  Lesung  zu  urtheilen,  ziehe  ich  jeuQ  deutsche 
Abhandlung  über  die  EntstehunjOf  der  grammatischen  Formen 
vor,  in  der  ich  das  Alles,  was  hier  in  ungleich  gröszerm  Umfang 
behandelt  wird,  mit  gröszerer  Schärfe  u.  Bündigkeit  gefunden 
zu  haben  meine,  u.  deren  Verhältnisz  zu  dieser  lettre  mir,  ab- 
gesehen von  der  Anwendung  auf  die  chinesische  Sprache, 
fast  wie  das  eines  deutschen  Originals  zu  einer  französischen 
Uebersetzung  vorkommt.  Das  ist  nun  frevlich,  da  sie  für 
Franzosen  geschrieben  ist,  ganz  in  der  Ordnung,  u.  mag  in 
künstlerischer  Hinsicht  ein  Kunststück  sevn,  das  ihm  so 
leicht  kein  Deutscher  nachmacht,  aber  icn  sehe  doch  die 
deutsche  Sprachphilosophie  wie  die  Philosophie  überhaupt 
lieber  im  heimischen  schulgerechten  Aufzug.  Die  Noten 
von  A.  R.  scheinen  mir  verwundersam.  Bey  aller  franzö- 
sischen Verständigkeit  zeigt  sich  doch  darin  noch  bedeutende 
Verstocktheit  ffegen  H.'s  Belehrungen.  —  Den  versprochenen 
Lexilogus  würae  ich  schon  ans  Licht  gefordert  haoen,  wenn 
ich  nicht,  um  die  Druckkosten  zu  sparen,  mich  nach  einem 
Platz  in  einem  Journal  hätte  umsehen  müssen. . . .  Nachdem 
ich  nun  endlich  auch  die  Boppschen  Recensionen  Ihrer 
G^mmatik  gelesen,  bin  ich  sehr  oegierig  zu  hören,  wie  Sie 


y  Google 


240  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  280. 

in  Absicht   auf  die  Ablaute   nun  gesinnt  sind.    Es  hat  mir 
schwer  gehalten,   in   diesem   liebuchen   Farbenspiel  etwas 
Unursprüngliches   zu   sehen,    aber  bey   wiederholter  u.  ge- 
nauerer   Betrachtung    konnte    ich    doch   B/s   kühner  aber 
scharfsinniger  Deduction  nicht  widerstehen,  wenn  man  gleich 
bey   solchen  transcendenten   Fragen   sich    des  GefELhls  der 
Unsicherheit  nicht  erwehren  kann  und  sich  gern  bescheidet, 
dasz    neue    Thatsachen    manche    Reihe    von    Folgerungen 
gradezu  umkehren  u.  ein  entgegengesetztes  Resultat  iiefero 
Können.     Die  Behauptung  B.'s,  dasz  innere  Ablautung   ein 
späteres  Flexionsprincip  sey  als  äuszere  Ableitung ,   findet 
übrigens  auch  in  den  semitischen  Sprachen  ihre  Anwendung, 
wo  der  ursprüngl.    Bildung   der    Verbalien   durch   äuszere 
Zusätze  in  reicheren  Dialecten  zugleich  eine  vocalische  zur 
Seite  tritt  u.  einen  wahren  Ueberflusz  hervorbringt,  den  die 
Sprache  noch  nicht  hinlänglich  vertheilt  hat.  —    Sehen  Sie 
es  nur  als  ein  Zeichen  meines   foiten  Willens,  Ihnen  etwas 
aus  meiner    Armuth  mitzutheilen ,   was   Interesse    för    Sie 
haben  könnte,  wenn  ich  Ihnen  hier  einige  Producte  würtem- 
bergischer    Yolkspoesie   oder    vielmehr    politischer    Volks- 
schriftstellerey  beylege.    Was  ihnen  an  poetischer  Kraft  ab- 
geht (wiewohl  ich    als    Kenner    schwäbischer   Bauemsitten 
oezeugen  kann,  dasz  die  Zeichnung  treu  ist,  wenn  auch  einige 
nicht  zu  diesem  Kreis  gehörige    Personen   matt   sind),   das 
mag  das  sprachliche  Interesse  ersetzen.     Der  merkwürdige 
Diphthong  oa  (ua,  uo)  der  hier   eine  so  grosze  Rolle  spiät 
ist  Ihnen  aus  der  bairischen  Mundart  bekannt,  u.  wechselt 
in  andern  Gegenden  mit  oi,  welches  ich  öfter  gehört  habe 
als  jenen,  z.  ß.   in  dem  Munde  meiner   Groszmutter.     Der 
Uebergang  des  oi  in  oa  findet  seine  Parallele  im   franz.  oi, 
welches  ebenfalls  aus  urspr.  e  verdorben  ist.     Diese   Diph- 
thoni^e  Ol,  oa  finden  sich,  nämlich  nur  in   solchen  Wörtern, 
die  im  niederdeutschen  mit  e  gesprochen  werden  (goth.  ai), 
während  das  hochdeutsche  ei,  welches  aus  i   entstanden  ist 
(wie  noch  jetzt   in   der  schweizerischen   Mundart)  unverän- 
dert gelassen  wird.      Merkwürdig  ist,    dasz    dieser  Unter- 
schied   auch    in   der   Sprache    der    gebildeteren  Schwaben 
eine  genaue  Analogie  findet,  die,  als  gänzlich   bewusztlos, 
reine    Sache   der    Tradition    ist.      Sie    sprechen  näml.  das 
ei  =  i  ffanz  gedrückt,  wie  die  Elberfelder,  u.  wie  vielleicht 
das  gothische   ei,  dagegen  das  ei  =  e  breit  wie  ai  z.  B. 
Weisheit  wie  Wöishait,    u.  so   hat  also   der   uralte    iroth. 
Diphth.  ai  sich  in  der  schwäbischen  Mundart  als   Diphtong 
oi,  oa;  ai  erhalten,  und  sich  von  der  Vermischung  nut  ei  (i) 
frej  gehalten.     Doch    das  werden    für   Sie    keine   Neuig- 
keiten seyn.    Ich  werde  leicht  verleitet,  sie  dafür  zu  halten, 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hnpfeld.  241 

da  ich  sie  dnrch  Beobachtnng  aof  meinen  Wanderungen  in 
Nord-  n.  Süddeutschland  gelernt  habe.  Leben  Sie  wohl  u. 
bleiben  Sie  gewogen  Ihrem  ergebensten  H.  Hnpfeld/' 

10.    Hnpfeld  an  J.  Grimm. 

Marburg  4.  November  1827.    Verehrtester  Herr  Doctor ! 

Hier  sende  ich  Ihnen  ein  merkwürdiges  Din^:  meine 
erste  Recension;  eine  Arbeit,  die  mir  vorigen  Som- 
mer viel  Mühe  u.  Zeit  gekostet  hat,  bey  der  ich  viel  gelernt 
habe  —  wahrscheinlich  mehr  als  der  daraus  lernen  wird, 
dem  sie  bestimmt  ist  — ,  die  mir  aber  unter  der  Hand  zu 
einem  kleinen  ungeheuer  angewachsen  ist.  Der  Gegenstand 
brachte  dieses  gewisser maszen  mit  sich.  Ich  hatte  es  nicht 
blosz  mit  Hm.  Ewald  zu  thun ,  sondern  auch  mit  dem  Pu- 
blicum; die  Recension  enthält  nicht  sowohl  die  Kritik 
eines  einzelnen  Werks,  als  der  Wissenschaft  selbst,  und 
stellt  ein  neues  System  in  seinen  Hauptpartieen  dar.  Da- 
durch bin  ich  nun  in  eine  Verlegenheit  gerathen.  Sie  war 
von  drey  verschiedenen  kritischen  Instituten  bestellt;  von 
einer  theologischen  Zeitschrift,  die  nächstes  Jahr  hervor- 
treten will,  einer  philologischen,  u.  von  der  Hall.  Lit.  Zei- 
tung. Ich  bestimmte  sie  für  die  letztere.  Während  ich 
daran  arbeitete,  schrieb  mir  Gesenius,  dem  ich  kurz  vor- 
her gelegentlich  meine  Absicht  u.  Ansicht  geäuszert  hatte, 
dasz  ich  ihm  die  Recension  einschicken  möchte,  er  wollte  ' 
ihr  auf  jeden  Fall  einen  guten  Platz  ausmachen.  Mir  be- 
hagte  das  nicht,  weil  ich  alles  Partheygängerwesen  hasse 
und  mich  nicht  einem  Verdacht  aussetzen  wollte,  dem  ich 
selbst  das  Urtheil  in  der  Recension  gesprochen  habe.  Ich 
ffestand  daher  Ges.  meine  Bedenklichleiten  offen,  die  Rec. 
durch  einen  Betheiligten  ins  Publicum  zu  bringen,  u.  mei- 
nen Wunsch,  auch  äusserlich  so  unpartheyisch  u.  rück- 
sichtslos dazustehen,  wie  es  der  innere  Charakter  der  Rec. 
sey.  Der  Erfolg  war,  dasz  die  Redaction  der  Hall.  L.  Z. 
ihren  Auftrag  zurücknahm,  weil  Gesenius  selbst  die  Rec. 
übernommen  nabe.  Nun  blieben  mir  zwar  die  beyden  an- 
dern Zeitschriften  noch  übrig,  allein  fär  diese,  bey  denen 
die  hebr.  Philologie  nur  ein  unbedeutendes  Nebenfach  aus- 
macht, war  der  Anfang  der  Rec.  durchaus  nicht  geeignet. 
An  die  Jenaer  L.-Z.  mochte  ich  mich  nicht  wenden,  weil 
ich  mit  Hrn.  Eichstädt  u.  seinem  immer  gehaltloser  wer- 
denden Institute  nichts  zu  thun  haben  will,  u.  an  die 
Berliner  Jahrbücher  eben  so  wenig,  weil  mir  diese  ganze 
sich  vornehm  spreizende  Clique  zuwider  ist  (weszhalb  ich 
mich  auch  höchlich  gefreut  habe,  Ihren  u.  Ihres  Herrn 
Bruders  Namen  nicht  mehr  darunter  zu  finden,  und  wünsche, 
E.  StengeL    Acten  der  Brüder  Grimm.  \^ 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


242  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

dasz  Ihr  Beispiel  von  einigen  andern,  die  ich  ungern  darin 
sehe,  befolgt  werden  möge).  Der  liebste  Platz  wäre  mü- 
der Hermes  oder  die  Wiener  Jahrbücher  —  aber  ich  stehe 
in  gar  keiner  Verbindung  mit  den  Redactionen  derselben, 
u.  mag  mich  als  junger ,  unbekannter  Mann  nicht  auf- 
dringen. Da  ist  mir  endlich  eingefallen,  dasz  Sie  mir  viel- 
leicht dazu  verhelfen  könnten,  wenn  Sie  die  Arbeit  Ihrer 
Empfehlung  u.  des  Platzes  würdig  fänden.  Ob  sie  dieses 
ist,  und  ob  sie,  wie  ich  mir  einbilde,  ein  mehr  als  blosz 
hebräisches  Interesse  hat,  werden  Sie,  obgleich  nicht  eigent- 
licher Orientalist,  und  vielleicht  gerade  deszwegen  am 
beszten,  ihr  leicht  ansehen.  Im  Falle  einer  günstigen  Ent- 
scheidung mache  ich  jedoch  zur  Bedingung,  dasz  Sie  alle 
PortoausTagen,  die  Ihnen  Ihre  Verwendung  in  dieser  An- 
gelegenheit verursachen  sollte,  zu  meiner  Kunde  kommen 
lassen.  —  Ob  der  Ton  der  Rec.  bei  der  oft  zur  Indignation 
herausfordernden  Beschaffenheit  der  Schrift  und  der  mir 
natürlichen  Freymüthigkeit  und  Rücksichtslosigkeit,  nicht 
zuweilen  den  Geboten  der  Schicklichkeit  u.  Humanität  zu 
nahe  getreten  ist,  ist  mir  nicht  ^anz  klar.  Mein  Freund 
Bickell,  dem  ich  meine  Sachen  mitzutheilen  pflege,  wie  er 
mir,  meint  es;  allein  ich  kann  mich  gerade  hierin  am 
wenigsten  auf  sein  Urtheil  verlassen,  da  er  durch  eine 
weibische  Erziehung,  verbunden  mit  seiner  natürlichen 
Gutmüthigkeit,  eine  oft  an  Feigheit  gränzende  Aengstlich- 
keit  erhalten  hat  Wollten  Sie  in  dieser  Hinsicht  an  der 
Schrift  einige  Freundschaftsrechte  ausüben,  so  würde  ich 
das  mit  dem  ^öszten  Danke  anerkennen.  —  Das  Manuscript 
ist  nicht  so  rem  als  ich  es  wünschte,  allein  so  sind  last 
alle  meine  sogenannten  Reinschriften.  Sie  tragen  das  Ge- 
präge meiner  Grübeley  und  die  Stigmaten  meiner  Leiden 
bey  der  Darstellung  an  sich.  Die  Ideen  strömen  bey  mir 
schnell,  die  Abwägung  u.  Untersuchung  geht  schon  lang- 
sam, aber  gar  di6  Darstellung  ist  ein  wahres  Märtyrerthum, 
durch  eine  gewisse  Negativität  des  Geschmacks,  der  sich 
zu  keiner  bestimmten  Form  entschlieszen  kann ,  weil  meh- 
rere gleich  gut  möglich  sind;  die  Folge  einer  mathe- 
matischen Erziehung,  die  das  kritische  Gefühl  zu  früh 
weckte,  und  Phantasie  und  plastische  Kraft  zurückdrängte. 
Das  macht  mir  die  schriftstellerische  Laufbahn  einiger- 
maszen  zur  Dornenbahn,  und  nimmt  der  wissenschaftlicnen 
Forschung  und  Ausbildung  viel  köstliche  Zeit  weg.  —  Ich 
war  neulich  auf  einer  Rheinreise  in  Bonn,  mochte  aber 
die  Männer,  die  ich  gern  gesehen  hätte,  Niebuhr  u. 
Schlegel,  nicht  mit  einem  Besuch  belästigen.  Wenn  ich 
einmal  wieder  die  Reise  mache ,   will  ich  sehen ,   dasz   ich 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hufpeld.  243 

vorher  einen  Auftrag  von  Ihnen  oder  sonst  jemand  be- 
komme, um  mit  Anstand  zu  ihnen  gehen  zu  können.  — 
Leben  Sie  wohl  und  bleiben  Sie  gewogen  Ihrem  ergebensten 
H.  Hupfeld.  —  N.  S.  Hat  das  übersandte  schwäbische  Büchlein 
einiges  Interesse  für  Sie  gehabt?  Ich  fürchte,  meine  Vor- 
liebe für  solche  Sachen  (ob  ich  mich  gleich  darin  mit  dem 
Herrn  Massmann  nicht  messen  kann) ,  die  ich  alle  wie  ein 
Eingeborener  spreche  u.  für  mein  Leben  gern  vorlese,  hat 
mir  einen  Streich  gespielt,  u.  Sie  mit  einem  unbedeutenden 
Ding  belästigt.  Es  handelt  sich  um  die  Bd.  XXXI  Heft  I 
des  Hermes  abgedruckte  Recension  von  Ewalds  hebräischer 
Grammatik. 

11.    Hupfeld   an  J.   Grimm. 

„Ich  bedaure  sehr,  verehrter  Freund,  dasz  Sie  von  der 
Ihnen  gegebenen  Vollmacht  einen  so  eingeschränkten  und 
für  Sie  belästigenden  Gebrauch  gemacht,  und  nicht  die 
Ihnen  anstöszigen  Stellen  brevi  manu  durchgestrichen 
haben  (denn  das  verstand  ich  unter  dem  Freundesrechte, 
das  ich  von  Ihnen  gebraucht  wünschte).  Die  letzte  Stelle 
hatte  ich  besonders  bey  diesem  Wunsche-  im  Auge,  u.  ich 
würde  sie  selbst  schon  gestrichen  haben,  wenn  ich  nicht  ge- 
dacht hätte,  es  würde  sicher  von  Ihnen  geschehen.  Um 
jedoch  nicht  bey  Ihnen  in  den  Verdacht  des  Leichtsinns 
oder  der  Frivolität  gegen  einen  groszen  Mann  zu  fallen, 
musz  ich  Ihnen  gestehen,  dasz  die  Stelle  meine  vollkom- 
mene üeberzeugung  ausdrückt,  die  sich  auf  Thatsachen 
f rundet,  die  Ihnen  unbekannt  zu  seyn  scheinen.  Eichhorn, 
urch  eine  an  Vergötterung  gränzende  Schmeicheley  seiner 
Zeitgenossen  verwöhnt  (und,  setze  ich  hinzu,  vielleicht  weil 
ihm  sein  Ruhm  zu  leicht  geworden  war,  den  er  mehr  sei- 
nem Geschmack  als  tiefer  Forschung  verdankte),  hatte 
schon  frühzeitig  Widerspruch  zu  vertragen  verlernt ,  und 
schon  bei  der  §ten  Ausg.  seiner  Einleit.  ins  A.  T.  1803  seine 
Forschung  für  abgeschlossen  erklärt,  mit  dem  fast  belei- 
digenden Zusatz  «aasz  ihm  seine  Zeitgenossen  keine  Veran- 
lassung gegeben  hätten,  die  Resultate  seiner  frühem  Unter- 
suchung mit  andern  üeberzeugungen  zu  vertauschen* 
(NB.  seit  1787!)  Diese  Stellung  hat  er  auch  nachher,  nach 
dem  Auftreten  von  Vater,  de  Wette,  Gesenius  u,  A., 
die  der  Wissenschaft  eine  fast  gänzliche  Umwandlung  ge- 

feben  haben ,  bey  behalten  und  in  der  4.  Ausg.  182ä  die 
time  gehabt,  nicht  nur  die  ebenerwähnte  Aeuszerung  zu 
wiederholen,  sondern  auch  alles  was  jene  geschrieben  aus 
persönlichen  Groll  gegen  ihn  abzuleiten!  In  seinen  Vor- 
lesungen hat  er  von  einem  gewissen  Gesenius  gesprochen, 

16* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


244  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

dessen  Schriften  er  aber  nicht  kenne.  Berüchtigt  sind  auch 
einige  niedrige  Angriffe  auf  Gesenius  durch  CTienten  von 
ihm,  namentlich  der  des  Prof.  Mahn,  eines  miserabeln 
Scribenten,  der  Abbitte  thun  muszte.  Dasz  auch  Ewald  von 
einiger  Augendienerey  nicht  ganz  frej  ist,  bin  ich  ebenfalls 
überzeugt.  Er  hat  zuerst  den  Krieg  ^egen  Gee.  in  einem 
kleinen,  Eichhorn  gewidmeten  Büchlein  über  das  Hohelied 
mit  einigen  vom  2äun  gebrochenen  u.  ganz  schiefen  Be- 
merkungen, denen  man  einstweilen  nur  den  guten  Willen 
ansah,  eröffnet.  Darauf  verbreitete  Eichhorn  den  Ruf  von 
einem  grammatischen  Werk  des  jungen  Helden,  das  Ges. 
todt  machen  würde  (mir  kam  der  Ruf  schon  V«  Jahr  vor 
der  Erscheinung  desselben  durch  den  Prof.  Hartmann  von 
Rostock  zu,  der  von  Eichhorn  kam ,  u.  auch  eine  kleine 
Malice  auf  Ges.  hat).  Wissenschaftl.  ist  übrigens  Eichhorn 
bey  diesem  Werke  ganz  unbetheiligt,  denn  als  Grammatiker 
ist  er  nie  aufgetreten.  Ich  kann  nun  nichts  weniger  leiden, 
als  den  heiligen  Dienst  der  Wissenschaft  mit  solchen  un- 
lautern  Schildknappendiensten  vermengt  zu  sehen;  und  Sie 
werden  sich  nun  oie  Bitterkeit  der  Stelle  denken  können, 
die  schon  gedacht  war,  ehe  Eichhorn  starb  u.  einem 
hohem  Ricnter  anfieimfiel.  —  Wenn  ich  die  Wahl  habe» 
so  ziehe  ich  den  Hermes  vor.  Ich  füge  hinzu,  dasz  die 
Yerlagsbandlung  vielleicht  wohl  thäte.  einen  besondern 
Abdruck  nebenher  zu  veranstalten ,  weil  die  Rec.  zugleich 
eine  unabh.  Abhandlung  bildet.  —  Vorläufig  meinen 
wärmsten  Dank;  u.  Verzeihung,  dasz  aus  den  beabsichtigten 
zwey  Zeilen  wieder  ein  voll  gerüttelt  Masz  geworden  ist.  — 
Inliegend  eine  in  der  Eile  ausgefertigte  Antwort  von 
Bickell.    Der  Ihrige    Hupfeld.* 

12.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

„Marburg  16.  Jan.  1828.  Verehrter  Freund !  Ich  hatte  vor 
etwa  acht  Tagen,  um  Sie  nicht  schon  wieder  mit  Brief  ischreiben 
zu  beschweren,  meinem  Freunde  Schröder  in  Kassel  aufgetragen, 
sich  bey  Ihnen  zu  erkundigen,  ob  Sie  noch  keine  Nachricht  von 
dem  Schicksal  meiner  Recension  hätten.  Während  ich 
seiner  Antwort  entgegensehe,  kömmt  in  diesen  Tagen  ein 
Brief  von  den  Redactor  der  Zeitschrift,  für  die  sie  ursprünfp- 
lieh  bestimmt  war  (Jahrbücher  der  Philologie  u.  Pädago^ 
in  Leipzig),  der  mich  doch  nun  bestimmt,  mich  schrmhch 
an  Sie  zu  wenden.  Ich  hatte  diesem  vor  einiger  Zeit 
Nachricht  gegeben,  dasz  die  versprochene  Recension  zu 
dickleibig  rar  seine  2ieitschrift,  die  eigentlich  nur  der  das- 
siechen  Philologie  bestimmt  ist,  geworden  wäre  und  Sie  die 
Güte  haben  wollten,  ihr  einen  andern  Platz  zu  verschaffen. 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  245 

Nun  dringt  der  Mann  in  mich,  ihm  doch,  wenn  es  möglich 
wäre,  die  Sache  zu  redressiren,  die  Recension  zuzuwenden, 
da  sie  bey  der  Wichtigkeit  des  Werks  keineswe^  ftlr  seine 
Zeitschrift  zu  lang  sey.  Wenn  daher  die  Rec.  im  Hermes 
keine  Aufiiahme  gefunden  hat,  und  noch  nicht  nach  Wien 
abgegangen  oder  dort  noch  nicht  angenommen  ist  (was, 
wie  mir  nachher  bevgefallen  ist,  vielleicht  wegen  einiger 
Stellen  Bedenken  haben  könnte),  so  möchte  ich  allerdings 
dem  Redactor  jener  Zeitschrift,  dem  ich  auch  hinsichtlich 
eines   andern    Versprechens  schon  lan^e    verschuldet    bin, 

ferne  den  Gefallen  thun,  besonders  da  ich  hier  ein  baldiges 
irscheinen  derselben  erwarten  u.  mir  einen  besonderen 
Abdruck  derselben,  woran  mir  gelegen  ist,  ausbedingen 
kann.  Ist  aber  schon  Alles  in  Ordnung,  oder  machte  Ihnen 
die  Sache  eine  neue  Mühe,  so  bleibt  es  natürlich  beym 
Alten.  —  Mit  herzlicher  Empfehlung  an  Ihren  Herrn  Bruder 
Ihr  ergebenster  Hupfeld.* 

13.    J.  Grimm  an  Hupf  ed. 

„Cassel  16  merz  1828.  Werthester  freund,  endlich  folgt 
hierbei  das  geliehne  schwäb.  buch  mit  dem  gröfsten  daiä 
zurück,  einige  meiner  bekannten  wollten  es  ^ern  lesen  und 
daher  rührt  die  Verspätung.  Alle  vier  stücke  sind  vortrefflich, 
herrlich  aber  besonders  madame  Justitia.  In  allen  ist  zehn- 
mal mehr  geist  als  im  frankfurter  bürgercapitain ,  der  sie 
vielleicht  veranlafzt  hat  und  der  nur  theatralischer  ist. 
Ich  habe  mir  sie  selbst  verschrieben.  —  Dafz  ich  in  be- 
sorgung  Ihrer  recension  durchaus  nichts  versäumt  habe, 
wird  Ihnen  schon  hr.  Schröder  gemeldet  haben.  Da  Sie 
Hermes  den  Wienern  vorzogen ,  sandte  ich  bereits  vorigen 
november  das  manuscript  nach  Jena  mit  dem  ersuchen, 
falls  unerwarteter  weise  kein  gebrauch  davon  gemacht  wer- 
den könne,  es  alsbald  zurückgehen  zu  lausen.  Dieses  ^ 
schab  nicht,  folglich  war  ich  der  aufnähme  sicher.  Schmidt 
meldet  mir  eben,  dafz  der  abdruck  erst  im  mai  erscheinen 
wird.  Ich  lege  Ihnen  lieber  hier  seinen  brief  bei.  An 
Jahns  Zeitschrift  dachte  Ich  hinterher  auch,  als  es  bereits 
zu  spät  war.  doch  hat  Hermes  ein  ausgebreiteteres  publicum. 
—  Ich  bin  seit  anfang  decemb.  fortwährend  brustkrank 
gewesen,  zwar  nicht  bettlägerig,  aber  doch  verstimmt  über 
das  beständige  stubenhocken  und  das  versäumen  der  noth- 
wendigsten  arbeiten.  Seit  vierzehn  tagen  befsert  es  sich 
nun  ernstlich  und  ich  bin  schon  einigemal  in  der  luft  ge- 
wesen. Meine  briefschreiberei  hat  unter  diesen  umständen 
sehr  gelitten  und  auch  darum  entschuldigen  Sie  mein 
langes  stillschweigen.    (Unterschrift  ist  weggeschnitten.)" 


y  Google 


246  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

14.  Hup  fei  d  an  J.  Grimm. 
„Marburg  24.  März  1828.  Verehrter  Freund!  Indem  ich 
hier  den  mitgetheilten  Brief  des  GR.  Schmid  in  Jena  wieder 
zurückgehen  lasse,  sage  ich  zugleich  meinen  herzlichsten 
Dank  für  die  Mühe,  der  Sie  sich  in  dieser  Angelegenheit 
unterzogen  haben.  Mein  Dank  hätte  billig  früher  kommen 
sollen ,  da  ich  von  dem  Erfolg  Ihrer  gütigen  Verwendung 
schon  lange  Nachricht  habe ,  und  ich  hole  ihn  jetzt  um  so 
mehr  mit  einiger  Beschämung  nach,  da  Sie  sich  sogar  wcjgen 
der  Nichtbeantwortung  einer  unnöthigen  Anfrage  von  meiner 
Seite  entschuldigen.  Wenn  Sie  nur  wüszten,  wie  theuer 
mir  Ihre  Zeit  ist,  u.  wie  wenig  es  meinem  Sinne  gemäsz  ist, 
wenn  Sie  ohne  Noth  nur  einen  Theil  derselben  durch  Brief- 
schreiben opfern,  so  würden  Sie  sich  wegen  so  etwas  nicht 
entschuldigen  u.  es  überhaupt  mit  der  Etiquette  gegen  mich 
nicht  so  genau  nehmen.  Mein  Zugang  zu  Ihnen  darf  Sie 
nicht  belästigen,  sonst  werde  ich  ängstlich  u.  befangen: 
und  ich  bin  selbst  so  ein  Freund  der  Bequemlichkeit  und 
Zwanglosigkeit ,  dasz  ich  nur  da  in  meinem  Elemente  bin, 
wo  ich  sehe,  dasz  ich  nicht  störe.  Es  ist  nicht  blosz  Ihre 
Musze  zu  Ihren  wissenschaftlichen  Arbeiten,  die  ich  zu 
stören  besorge,  sondern  Sie  werden  auch,  denk  ich,  der 
Correspondenz  ohnehin  schon  übergenug  Zeit  opfern  müszen. 
—  Der  Hermes  ist  mir  in  der  ganzen  Joumalwelt  der  liebste 
Platz,  und  ich  freue  mich  nicht  wenig  darauf,  meine  erste 
Recension  so  breit  darin  prangen  zu  sehen.  Ich  bin  auch 
nun  der  Sorge  wegen  des  zwejten  Artikels,  der  künftig 
folgen  soll,  überhoben  —  denn  der  erste  wurde  unter  der 
beständigen  Besorgnisz  geschrieben,  dasz  das  Alles  vielleicht 
blosz  zu  meiner  eigenen  Gemüthsergözung  diene,  und  um 
öffentlich  erscheinen  zu  können  vieles  von  diesen  schönen 
Sachen,  die  ich  der  Welt  sagen  wollte,  würde  jämmerlich 
beschnitten  und  verschnitten  werden  müszen.  Ich  bin  in- 
dessen mit  einer  selbsteigenen  Grammatik  nachgerückt ,  u. 
wenn  ich  auch  nur  eine  erträgliche  Methode  zum  Schrift- 
stellern hätte,  so  müszte  sie  bereits  längst  fertig  seyn.  So 
aber  hat  jetzt  erst  der  Druck  angefangen ,  u.  es  wird  vor- 
läufig nur  ein  erstes  Heft,  die  Laut-  und  SchrifÜehre  ent- 
haltend, erscheinen.  Die  systematische  Form  in  Anordnung 
u.  Schreibart,  verbunden  mit  dem  genetischen  Gang  u.  Ton 
einer  Untersuchung,  was  mir  meine  Natur  beydes  zum 
Gesetz  machte,  hat  mich  wieder  mehr  als  bey  irgend  einer 
frühem  Arbeit  um  viel  edle  Zeit  gebracht,  die  oesser  der 
Forschung  selbst  gewidmet  gewesen  wäre;  und  ich  sehne 
mich  selu:  nach  der  Zeit,  wo  ich  dieses  Jochs  entledigt 
wieder  fortstudiren  kann  ohne  über  der  Darstellung  grübem 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  247 

tmd  brüten  zn  müszen.  Ich  will  mich  dann  wieder  der 
Lexikographie  zuwenden,  in  der  ich,  weil  es  hier  kein  zu- 
sammenhängendes Gedankensystem  herzustellen  gibt  und 
jeder  flüchtige  Einfall  sogleich  seine  Stelle  findet,  eben  so 
leicJit  und  ergiebig  arbeite,  als  in  allen  übrigen  Dingen 
müheam  u.  spärlich.  —  Nach  Ostern  werde  ich  nach  Cassel 
kommen  una  mir  dann  das  Vergnügen  machen  Sie  zu  be- 
suchen Ich  gedachte  früher  mein  Büchlein  bey  dieser  Ge- 
legenheit überreichen  zu  können,  aber  ich  musz  nun  doch 
mit  leeten  Händen  kommen.  —  Sehr  hat  michs  gefreut, 
dasz  Ihnen  mein  Schwabenbüchlein  gefallen  hat.  Dasz  Sie 
es  dem  Bürgercapitain  sogar  vorziehen  würden ,  hatte  ich 
mir  nicht  einfallen  lassen  —  ich  fürchtete  immer,  es  wäre 
nur  so  eine  Narrheit  von  mir;  oder  eine  Wirkung  meiner 
Vorliebe  für  jenes  Land.  Nun  sehe  ich  doch,  dasz  Bauren- 
witz auch  bey  Ihnen  was  gilt,  u.  mehr  als  Pflastertreter-  u. 
Philisterwitz.  Ich  habe  ihn  wenigstens  auf  meinen  Fusz- 
reisen  in  Wirthshäusem  u.  sonst  immer  viel  frischer  u.  er- 
quicklicher gefunden  als  Stadtwitz.  Sollten  Sie  Lust  tragen, 
die  Sprache  der  guten  Schwaben  auch  mit  leiblichen  Ohren 
zu  vernehmen ,  so  steht  Ihnen  mein  Mund  ,  der  nach  dem 
Kennerurtheil  meiner  Mutter  den  Dialekt  in  seiner  ganzen 
Breite  u.  Pracht  darstellt,  zu  einer  Probe  zu  Diensten.  Mit 
Verehrung  u.  Liebe  der  Ihrige  H.  Hupfeld.  —  N.  S.  Haben 
Sie  was  nach  oder  aus  Indien  zu  bestellen  ?  Ich  hatte  im 
vorigen  Jahre  einen  Engländer  bey  mir,  dessen  Bruder  ein 
Ostindierfahrer  ist,  und  Kürzlich  bey  mir  anfragen  liesz,  ob 
er  mir  etwas  von  dort  mitbringen  könne?  Im  Juny  geht 
er  ab.  Vielleicht  wäre  das  eine  gute  Gelegenheit  für  die 
Herren,  die  sich  unlängst  über  ihre  indischen  Studien  gegen- 
seitig explicirt  haben." 

15.    Hup  fei d  an  J.  Grimm. 

»Verehrter  Freund!  Hier  einstweilen  eine  ganz  kleine 
Gabe  für  Sie  und  Ihren  Herrn  Bruder  (besondre  Abdrücke 
von  ein  paar  Abhandlungen  in  den  Jahrbüchern  der  Philo- 
logie [Über  den  gramm.-hist.  Werth  d.  bessern  deutschen 
Volksmundarten,  hinsichtl.  d.  Bewahr,  d.  wichtigsten  in  d. 
Schriftspr.  untergegang.  Vocalunterschiede  in  Jahns  Jahrb. 
f.  Ph.  u.  Päd.  1829  Heft  3.  -  *Von  d.  Natur  u.  d.  Arten  d. 
Sprachlaute'  ebendas.  Heft  4.]  etc.,  die  ich  mir  zum  Ver- 
schenken an  Freunde  habe  machen  lassen),  bis  ich  end- 
lich im  Stande  bin  auch  einmal  etwas,  was  einigermaszen 
einen  Körper  hat,  zu  geben.  Es  verzögert  sich  damit 
länger  als  ich  je  gedacht  hätte.  Meine  Natur  hat 
eine    zu    entschiedene   Neigung    sich    in   Einzelnheiten  zu 


y  Google 


248  Anmerkunf^en  zu  B.  I  S.  280. 

vergraben  und  resp.  zu  verirren So  ist  denn  seit 

&8t  einem  Jahre  meine  hebr.  Gramm,  noch  auf  dem  alten 
Fleck  mitten  im  Druck  stehen  geblieben,  weil  ich  ein  paar 
früher  übersehene  Lücken  ausmllen  wollte;  die  mich  all- 
mählich  in  die  weitschichtigsten  theils  philosophis^en 
theils  literarhistorischen  Unterauchungen  verwickelt  hsbeii, 
aus  denen  ich  noch  nicht  ganz  heraus  bin.  Ich  habe  mich 
Monate  lang  mit  dem  Wesen  des  Accents  und  seinen  Ver- 
hältnisz  zu  den  verwandten  Begriffen  der  Quantität^  Modu- 
lation, Rhythmus  beschäftigt,  dium  Monate  lang  den  Schlüssel 
der  berüchtigten  hebr.  Accentuation  gesucht,  dann  dem 
Ursprung  und  Bildung  unsrer  masorethischen  Glossen  in  der 
Bibel,  endlich  dem  unsrer  Versabtheilung  etc.  nachgeforscht, 
und  ich  bin  noch  jetzt  in  Folge  dieser  letztem  in  Ver- 
folgung der  Interpunction  und  Sinnabtheilui^  in  unsem 
ältesten  sowohl  morgenländischen  als  abendländischen  Denk- 
mälern begriffen  —  lauter  Untersuchungen^  die  zu  den 
feinsten  u.  schwierigsten  im  philosophischen  u.  lit.  histerischen 
Gebiete  gehören,  die  aber  ein  Anderer  in  Verfolgung  eines 
gröszern  Zwecks  nur  leicht  berühren  und  das  Unerforschte 
bei  Seite  liegen  laszen  würde.  Das  ist^  eben  was  ich  nicht 
kann,  und  was  ich  noch  lernen  musz.  Zwar  habe  ich  auf 
diesem  Wege  manchen  Fund*  gethan,  manches  alte  Räthsel 
mir  aufgeklärt,  und  manchen  Genusz  gehabt  den  das  Finden 
gewährt  (am  stelzesten  bin  ich  gewesen  als  sich  mir  das 
rhythmische  Gesetz  in  seiner  ganzen  Allmacht  aufthat,  wie 
ich  es  nun  aus  unsrer  innersten  Lebensquelle  sich  ergieszen 
sah  und  mich  auf  seinen  stelzen  Wogen  wiegte) ;  aber  ich 
habe  mirs  doch  dabei  nicht  verbergen  können,  dasz  solche 
extemporirte  Untersuchun^n ,  in  Sie  man  zufällig  imd  un- 
willkünrlich  verwickelt  wird,  mit  weit  mehr  Zeitverlust  ver- 
bunden sind,  als  wenn  man  mit  Vorbedacht,  planmäszig 
und  wohlgerüstet  daran  geht  Mein  Trost  ist  dasz  daran 
auch  literarische  Unerfahrenheit  ihren  groszen  Antheil  hat, 
also  die  Versuchung  sich  mit  zunehmender  Bekanntschaft  u. 
Erfahrung  in  der  Literatur  von  selbst  mäszigen  wird,  auch 
wird  ja  wohl  die  Kraft  der  Selbstbeherrscnung  und  Be- 
schränkung deste  mehr  eintreten  je  mehr  man  sicn  orientirt, 
und  so  der  Spruch :    was  man  in  der  Jugend  wünscht  hat 

man  im  Alter  genug,  auch  an  mir  in  Eimlung  gehen 

Wir  haben  diesen  Winter  bei  einer  und  der  andern  Ge- 
le^nheit  viel  und  lebhaft  von  Ihnen  gesprochen.  Obgleich 
bei  dem  gegenwärtigen  Zustand  der  Dinge  in  unserm  V  ater- 
land  Alle  leiden,  und  daher  der  Einzelne  im  Gefühl  des 
allgemeinen  Elends  seine  eigne  Eränkung  leichter  ver- 
schmerzt, so  hätten  wir  Sie  doch  in  unsrer  fiidignation  gern 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  249 

augenblicklich  und  bis  auf  bessere  Zeiten  in  ein  etwas 
freundlicheres  Klima  versetzt,  und  ich  fOr  meine  Person  war 
so  determinirt  dasz  ich  anch  gleich  den  Ort  wnste  wohin 
ich  Sie  bringen  wollte,  nämlicn  GGttingen  (denn  den  Ber- 
Hnem  gönne  ich  Sie  nicht).  Haben  Sie  gar  seine  Neigon^^ 
zum  Professorleben?  (Ich  meinestheüs  möchte  nicht  exi- 
stiren  ohne  die  Gelegenheit  das  auszusprechen  was  mir  die 
Bmst  bewegt,  besonders  da  mir  die  Feder  so  langsam  geht). 
Genng,  auf  welche  Weise  es  anch  ser,  wir  dürsten  nach  einer 
Satisfaction  fOr  Sie  an  dem  undankbaren  Vaterland,  und  so 
denken  grade  diejenigen,  die  sich  dieses  Mitbürgers  bisher 
am  meisten  freueten.  —  Mit  dem  Hofr.  Suabedissen  geht  es 
leider  immer  schlechter,  und  ich  kann  mir  die  traurige 
Aussicht  nicht  mehr  verholen,  dasz  er  nicht  mehr  lange 
unter  uns  weilen  wird.  Er  ist  so  schwach  dasz  er  längst 
nicht  mehr  ausgehen  kann ,  und  ich  zweifle  ob  er  seine 
Vorlesungen  wird  wieder  anmngen  können,  ob  er  es  gleich 
bis  zum  Schlüsse  des  Winterhalbjahrs  erzwungen  hat  Seine 
Familie  scheint  noch  ohne  Arg.  —  Sie  haben  doch  wohl 
nicht  die  Martianaysche  Ausgabe  des  Hieronjmns 
auf  der  Bibliothek?  In  dem  Fall  würde  ich  um  den  1.  Band 
bitten,  den  ich  im  Begriff  bin  von  Göttingen  zu  verschreiben. 
So  auch  Jos.  Mar.  Carus  (Card.  Tommasi)  Psalterium. 
Rom  1683.  u.  1697  u.  in  Tommasis  Werken.  —  Mich  Ihrem 
fernem  Wohlwollen  empfehlend  ganz  der  Ihrige  Hupfeld. 
M.  13.  Apr.  1829." 

16.    J.  Grimm  an  Hupfeld. 

„Verehrter  freund,  ich  habe  Ihren  brief  vom  13  april 
durch  die  saumseeligkeit  der  Kriegerschen  buchhandlung 
erst  den  21^^  erhalten  und  bin  vorige  Woche  durch  eine 
augenentzündung  gehindert  worden  zu  lesen  und  zu  ant- 
worten. Denn  allerding[s  hätte  ich  Ihnen  auf  der  stelle 
melden  sollen,  dasz  wir  weder  die  verlangte  ausg.  des 
Hieronjmns  noch  des  Tommasis  psalterium  auf  der  bibl. 
haben ,  damit  Sie  nicht  unnöthig  warten ,  ehe  Sie  darum 
nach  Göttingen  schreiben.  —  Ihre  beiden  abhandlungen 
habe  ich  mit  groszer  freude  und  belehrung  gelesen.  Inder 
ersten  entwickeln  Sie  die  elemente  der  spracne  scharfsinnig 
und  viel  feiner  und  genauer,  als  ich  es  an  dem  bloszen 
deutschen  konnte.  Bei  einer  Umarbeitung  des  ersten  theils 
meiner  grammatik  (wovor  mir  ordentlich  bange  wird,)  will 
ich  groszen  vortheil  daraus  ziehen.  Sie  gehen  fast  zu  g^t 
mit  mir  um,  indem  Sie  mich  nur  da  anführen,  wo  Sie  mir 
beükllen  können,  nicht  aber  da,  wo  Sie  mich  tadeln  müsten. 
Was  die  consonanten  betrifft,  so  glaube  ich  hätte  sich  aus 


y  Google 


250  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  280. 

näherer   berücksichtigung    der    slavischen    sprachen     noeh 
einiges  schöpfen  laszen,  freilich  nicht  zur  berichtigung  des 
reinen   semitischen  ursystems,   sondern  zur  erforschung  der 
späteren  modificationen.  —  ErfQUen  Sie  ja  Ihr  versprechen 
und  schreiben  Sie  gegen  Bloch,  dessen  buch  mir  auch  nicht 
behagt    hat    Wie   mag  man  der  altgriech.  ausspräche  zu- 
trauen,  dasz  sie  ihre  schöne   mannigtaltigkeit  von  lauten 
nicht  wirklich  beseszen,  sondern  etwa  nur  geschrieben  habe  ? 
Die  neugriech.  pronuntiation  kann  darüber  sicher  nicht  ent- 
scheiden.   Ist   aoch   auch  die  uns  jetzt  schwer  erreich  bue 
Vermählung  des   accents    mit    dem   princip    der  Quantität 
untergegangen.    Und  wir  sehen,  was  aus  der  deutschen  aus- 
spräche geworden  ist,  verglichen  mit  der  alten.    Zwei  fühl- 
bare bedürfhisse  sind  noch  da,  eine  ordentliche  grammatische 
Untersuchung   der  celtischen   (galischen)  sprachen  und  eine 
gelehrtere   entwickelung   der  romanischen  aus  dem  latein. 
Kaynouard   hat   für   letztere  viel   zu  wenig  geleistet.  —  Es 
hat  mich  in  Ihrer  zweiten  abhandlung  überrascht,  wie  tief 
Sie  in  das  deutsche  eingegangen  sind.    Von  der  hessischen 
mundart  weisz  ich  gar  wenig,  weil  ich  nie  in  das  land  ge- 
kommen bin.    Ihr  gedanke,   dasz  man  jedem  volksdial^, 
um  über  ihn  aufs  Mare  zu  kommen,  seinen  mittelpunct  auf- 
suchen  müsze ,   scheint  mir   schwierig  in  der  ausführun^. 
Gibt  es  überall  solche  bezirke,   so   kann  das  nicht  zufällig 
sein,   sondern  musz  sogar  zu  historischen  folgerungen  über 
die  Völkerstämme  führen.    Ich  lasze  mir  aber  alle  versuche 
und  beispiele  gefallen.  —  Kein  zweifei,  der  Organismus  oder 
die   echtheit   der   laute  und  formen  ist  in  unserer  heutigen 
spräche  vielfach  gestört  und  getrübt.    Ich  weisz  abernidit, 
OD   sich  jetzt  noch  etwas  bedeutendes  ändern  und  zurück- 
bringen lä^zt.    Es  scheint,  dasz  der  geist  der  menschen  und 
die   zeit  beide   darauf   hinarbeiten,   die   spräche  undurch- 
sichtiger zu   machen.    Man  kann    sagen,   zugleich   herber 
und  milder.    Oft  bricht  ein  neuer  wohllaut  an  einer  andern 
ecke   heraus.    An   sich   klingt  uns  der  unechte  diphthong, 
wie  sonst  der  echte  und  ein  gewisses  gleichgewicnt  stellt 
sich  immer  leidlich  her ;  ja   es   können  artikel ,  hilfsWörter 
und  alles  geschleppe,   wovon  die  alte  spräche  nichts  weisz, 
eine  gefüge  gefäliigkeit  bewirken,  wozu  sich  die  verlornen 
sinnlicheren    lautverhältnisse   nicht  mehr   recht  schickten. 
Ein  freund  der  alten  spräche  darf  das  auch  so  ausdrücken: 
unsere   heutigen   armen   flexionen   sind   der   alten   schönen 
laute  nicht  mehr  werth.   —  Die  beiden  neusten  lustspiele 
des  Würtenbergers  sind  mir  viel  geringer  vorgekommen, 
als   die  vorausgegangnen ,   obgleich  nocn  viel  schönes  an- 
gebracht ist,  z.  b.  die  treffliche  letzte  scene  des  handstreichs. 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  251 

—  Ihre  freundschaftliche  theilnahme  an  dem,  was  mich 
persönlich  betroffen  hat,  musz  mir  wohl  thun.  Mich  hält 
hier  nichts  zurück  auszer  mir  selbst.  Ich  bekenne  indessen, 
dasz  alles  mögliche  geschehen  ist  um  mir  meinen  dummen 

Patriotismus  auszutreiben.  Die  wenigen,  die  mich  zurück- 
alten würden,  vermögen  gar  nichts,  und  die  etwas  ver- 
mögen, werden  mich  ohne  mühe  und  selbst  mit  vergnügen 
fortlaszen.  Es  hätte  aber  noch  weit  ärger  kommen  können, 
als  es  gekommen  ist,  und  hatte  alles  ansehen  dazu.  —  Ihre 
nachricnt  von  dem  guten  Suabedissen  ist  betrübend ;  der 
leidige  trost,  dasz  er  sich  schon  öfter  aus  einem  fast  ver- 
zweifelten zustand  erholt  hat,  kann  die  länge  auch  nicht 
mehr  hinhalten.  —  Wilhelm  grüszt  Sie  mit  mir  auf  das 
herzlichste.    Gr.    C.  9  Mai  1829.* 

17.    J.   Grimm    an  Hupfe  Id. 

^Cafoel  21  dec.  1829.  Zu  ffuter  letzt,  lieber  freund,  sende  ich 
Ihnen  meinen  herzlichen  scneidegrusz  aus  Cassel.  Der  ent- 
schlusz  dem  geliebten  vaterlande  zu  entsagen  ist  uns  schwer 
geworden;  allein  wir  waren  zu  empfindlich  gekränkt,  ohne  aus- 
sieht, es  hier  unser  lebenlang  weiter  zu  bringen  und  die  luft 
hatte,  auch  wenn  alles  übrige  geboten  worden  wäre,  etwas  be- 
engendes und  drückendes.  *  Niemand  unter  meinen  freunden 
und  bekannten  verdenkt  es  mir  daher,  so  und  nicht  anders 
gehandelt  zu  haben,  und  Ihrer  billigung  war  ich  schon 
voraus  sicher,  da  Sie  mir,  es  ist  noch  kein  halbes  jähr,  selbst 
riethen  wegzuziehen  und  weissagend  sogar  den  ort  angaben, 
wohin.  Ob  ich  nun  dort  der  erwartung,  die  man  sich  von 
mir  macht,  entsprechen  kann,  ma^  die  zukunft  lehren,  an 
redlichem  willen  mangelt  es  mir  nicht ;  ich  wollte  aber  das 
Probejahr  wäre  schon  überstanden  und  ich  werde  meine 
volle  last  bekommen,  da  ich  eben  auch  den  dritten  band 
meines  buches  ausarbeiten  musz;  es  sind  schon  zwölf  bogen 
gedruckt.  Der  abschied  wurde  uns  hier  auf  der  stelle  er- 
theilt.  Sechs  wochen  später,  nachdem  längst  alles  in  Han- 
nover richtig  gemacht  und  unsere  emennung  der  Universität 
angekündigt  war,  erfolgte  ein  unerwarteter  versuch,  uns 
zurückzuhalten,  ich  weisz  nicht,  durch  welche  art  von  Über- 
legung veranlaszt.  War  es  ernst  damit,  so  verfuhr  man 
sehr  linkisch ;  sollte  es  im  publicum  nur  irgend  einen  schein 
hervorbringen,  da  man  fast  sicher  war,  dasz  wir  nicht  gegen 
alle  pflicht  und  ehre,  wieder  abtrünnig  werden  würden,  so 
schmerzt  es  mich,  auch  diese  erinnerung  mitzunehmen.  — 
Hier  haben  sich  viele,  zum  theil  sonderbare  leute  zu  dem 
Schlüszel  für  die  nun  seit  zwei  monaten  gesperrte  bibliothek 
gemeldet,    ich  höre,  dasz  man  mit  Börsch  m  Marburg,  und 


y  Google 


252  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

nun  auch  mit  Bemhardi  in  Löwen  (aber  einem  gebomen 
Zierenberger)  unterhandelt.  —  Erhalten  Sie  mir  Ihre  freand- 
schafbliche  gesinnung,  in  zwei  oder  drei  tagen  reisen  wir 
mit  sack  und  pack  ab.  Stets  der  Ihrige  Jac.  Grimm.  — 
ich  bitte  die  emlage  abzugeben ;  auch  an  prof.  Bickell 
meine  herzl.  empfehrung.** 

18.    Hupfeld   an  J.  Grimm. 

^Marburg  29.  Dec.  1829.  Verehrter  Freund!  Das  h&tte 
ich  nicht  vermuthet,  dasz  meine  Weissagung  oder  vielmehr 
der  Wunsch  meines  zornigen  Herzens  so  bald  und  so  genau 
in  Erfüllung  gehen  würde!  Meinen  herzlichen  Glückwunsch 
zu  Ihrer  Be^eiun^  aus  dera  schwülen  drückenden  Dunst- 
kreis Ihrer  bisherigen  Stellung!  Freilich  sollte  ich  nicht 
jubeln  über  einen  Verlust  den  das  Vaterland  leidet:  aber 
dieses  arme  von  Barbaren  beherrschte  Vaterland  ist  es 
schon  gewohnt  seine  besten  Söhne  austreiben  zu  müssen, 
weü  es  sie  auf  die  Länge  nicht  mehr  nähren  und  pflegen 
kann  —  grade  die  Söhne  die  am  ungemsten  ffehen.  Das 
ist  einmal  der  Fluch  der  auf  diesem  Lande  runt,  dasz  es 
sein  bestes  hergeben  und  fast  nur  für  die  Fremde  erziehen 
musz  —  alle  wiszen  nicht  anders  und  bescheiden  sich  dasz  sie 
wie  Savoyarden  und  Piemontesen  ihr  Glück  auswärts  suchen 
müszen.  Und  das  thut  auch  am  Ende  nicht  viel,  da  man 
immer  im  deutschen  Vaterlande  bleibt,  wenn  man  nur  der 
Heimath  im  Herzen  treu  bleibt  Dasz  Sie  dies  thun  und 
dem  Vaterlande  nur  mit  Schmerz  entsagt  haben,  hat  mich 
besonders  gefreut  u.  erhoben.  Auch  ich  bin  ein  guter  Hesse, 
u.  bin  stolz  auf  mein  Vaterland  u.  mein  Volk.  Wie  un- 
scheinbar es  seyn  ma^,  es  ist  ein  edles  Land,  das  —  von 
keinem  Strahl  fürstlicher  Gnade  erwärmt,  in  rauhem 
Himmelsstrich  —  doch  so  fruchtbar  an  tüchtigen  Männern 
ist,  und  unermüdet,  wie  eine  treue  Mutter  sie  für  Andre 
groszzieht.  Ob  ich  gleich  oft  recht  auf  unsre  Hessen  schelte* 
wegen  ihrer  Apathie  und  tiefen  Prosa,  so  wird  es  doch  nicht 
leicnt  noch  einen  deutschen  Stamm  geben  wo  so  viel  Be- 
sonnenheit und  gesundes  Urtheil  sich  findet,  und  so  viel 
Tüchtigkeit  ohne  Grimasse  (um  mit  Ihrem  sei.  Vorfahr, 
dem  alten  Strieder  zu  reden),  die  einen  in  Sachsen,  Preussen 
n.  anderwärts  so  anwidert  —  Dasz  Sie  unsern  Grenzen  so 
nahe  sind,  ist  recht  tröstlich :  man  kann  sie  nun  feut  noch 
eben  so  leicht  besuchen  als  in  Kassel  —  Suabedissen  meint 
sogajT  leichter,  weil  dem  Kassel  zuwider  ist  Ich  habe 
nun  einen  Aniaieb  mehr,  auch  einmal  Göttingen  zu  sehen; 
was  nun  —  nachdem  ichs  immer  wieder  aufgeschoben  — 
künftige  Ostern  ganz  gewisz  ausgeführt  werden  soll.    Ich 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  253 

bin  begierig  zu  sehen  wie  Ihnen  das  akademische  Leben 
zusagt  —  denn  wie  ich  ans  der  Frankf.  OPAZeitong  er- 
sehen habe,  sind  Sie  auch  in  meinen  Orden  getreten,  woäber 
ich  mich  sehr  gefreut  habe.  Ich  habe  immer  gedacht,  das 
Katheder  müsse  Ihnen  wohl  anstehen,  and  es  müsse  Ihnen 
Freude  machen  nicht  blosz  durch  das  todte  Wort  sondern 
auch  durch  das  lebendige  zu  wirken.  Freilich  ist  dieser 
mündliche  Wirkungskreis  beschränkter,  und  man  musz  sich 
weit  mehr  herunterlaszen  als  im  Buch ,  hat  auch  wohl  mit 
Stumpüieit  eine  Zeitlang  seinen  Kampf:  aber  es  ist  doch 
auch  ein  eigner  Genusz  eine  junge  Welt  endlich  beseelt  u. 
begeistert  zu  sehen,  und  eine  lebendige  Pfianzschule  und 
Tradition  zu  gründen  —  die  Rückwirkung  einer  solchen 
Gemeinschaft  auf  den  Lehrer  gar  nicht  einmal  zu  rechnen! 
—  Der  irritus  conatus  Sie  zu  halten  hat  uns,  Bickell  u.  mich, 
nicht  wenig  gewundert,  nachdem  wir  gehört  hatten  dasz 
Seren,  die  Gelegenheit  Leute  die  so  weni^  nach  seinem 
Geschmack  waren  los  zu  werden  mit  eimger  Hastigkeit 
benutzt  hatte.  Was  sagen  Sie  dazu  dasz  mir  Ihre  btelle 
angeboten  worden  ist?    Die  Versuchung  wäre  vielleicht  in 

3[>ätem  Jahren  reizend  für  mich  gewesen  (abgesehen  von 
en  Hofverhältnissen):  aber  jetzt  ist  mir  das  Lehren  noch 
zu  sehr  Bedürfhisz,  u.  meine  Lehrerlaufbahn  kaum  erst 
recht  im  Beginnen,  als  dasz  ich  nicht  sogleich  entschlossen 
gewesen  wäre  sie  abzuweisen.  Ich  habe  Börsch  lebhaft 
empfohlen  (^der  meiner  Meinung  nach  ganz  dazu  paszt) 
und  bin  be^erig  ob  es  was  helfen  wird.  —  Sie  werden  sich 
wundem  diesen  Brief  durch  Prof.  Ewald  zu  erhalten.  Er 
hat  mich  neulich  mit  einem  Brief  überrascht,  worin  er  sich 
zwar  über  mich  beschwert,  aber  sich  doch  ein  weiteres  frei- 
müthiges  Urtheil  über  seine  kleinere  Gramm,  ausbittet. 
Ein  Zeichen  dasz  ich  ihm  doch  nicht  so  sehr  Unrecht  ge- 
than  haben  kann,  weil  man  sich  dergleichen  eben  nicht 
zum  zweitenmal  erbittet.  Ich  habe  diese  Gelegenheit  be- 
nutzt mich  über  meine  ganze  wissensch.  Stellung  zu  ihm  zu 
erklären,  um  mich  wo  möglich  mit  ihm  zu  verständigen, 
(ich  fürchte  nur  meine  Weise  ist  ihm  zu  derb  freimü&i^, 
und  ich  werde  ihn  wohl  abgeschreckt  haben  sich  mit  nur 
einzulassen.)  —  Möge  Ihnen  Ihr  neuer  Wohnort  u.  Wirkungs- 
kreis an  Leib  u.  Seele  zuschlagen  [!],  und  einigermaszen  die 
Belohnung  gewähren  die  das  Vaterland  unter  den  jetzigen 
Umständen  nicht  geben  konnte  I  Vergessen  Sie  nicht  in 
der  freundlicheren  Fremde  des  armen  schlichten  Vater- 
landes, dessen  Stolz  Sie  sind,  das  Sie  mit  Schmerzen  ent- 
läszt,  aber  sich  freut  den  hessischen  Namen  an  einer  be- 
rühmten Stätte  durch  Sie  verherrlicht  zu  sehen!  Gedenken 


y  Google 


254  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

Sie  unter  Ihren  hessischen  Freunden  fernerhin  auch  dessen 
der  Ihnen  u.  Ihrem  Herrn  Bruder   von  Herzen  zugethan  ist-^ 

H.  Hupfeld. 
N.  S.  Ich  habe  den  Jo.  Morinus  exerc.  bibl.  nebst 
andern  Büchern,  die  ich  von  der  Göttinger  Bibliothek  hatte, 
im  October  mit  der  Post  abgeschickt,  aber  keine  weitere 
Nachricht  von  ihrem  Schicksal:  sie  sind  doch  wohl  richtifir 
angekommen?  —  Mit  Suabedissen  gehts  wieder  recht 
schlimm  seit  Anfang  dieses  Monats.  In  wenig  Ta^en  war 
er  wieder  auf  dem  alten  Puncte  vom  vorigen  Prülyahr.* 

19.    Hupfeld   an  J.   Grimm. 

,  Marburg  4.  März  1830.  Hier,  verehrter  Freund,  wieder 
ein  kleines  Büchlein  von  mir,  statt  des  lang  versprochenen 
grOszem,  das  aber  nun  (freilich  für  die  lange  Zeit  die 
daran  gedruckst  wird  ziemlich  dünn  aussehend)  bald 
nachfolgen  wird  —  ich  habe  mich  nämlich  entschlossen  die 
Schriftlehre  der  hebr.  Sprache  (die  eigentlich  nur  die 
erste  Hälfte  der  Elemf^ntarlehre  ausmacht)  vorläufig  an 
ein  Pfand  des  übrigen  aliein  ausfliegen  zu  lassen  |als  erstes 
Theils  erstes  Heft  seines  kritischen  Lehrbuchs  d.  hebr. 
Sprache  u.  Schrift  Marb.  b.  Krieger],  um  nur  einmal 
eine  Epoche  in  meiner  sauern  Arbeit  zu  bekommen.  — 
Nun  es  wird  ja  auch  für  mich  die  2ieit  der  Erndte  wohl 
noch  kommen.  Ich  möchte  freilich  manchmal  vergehen 
vor  Ungeduld  u.  Eckel,  wenn  ich  mich  herumschlagen  musz 
mit  wahren  Gespenstern  und  meine  Kraft  daran  zersplittere, 
während  platte  Gesellen  sich  breit  machen  und  das  grosze 
Wort  führen,  die  ich  ganz  aufs  Maul  schlagen  könnte  wenn 
ich  meiner  überströmenden  Brust  nur  Luft  machen  könnte. 
Es  häuft  sich  durch  diesen  gezwungenen  Zustand  eine  Galle 
in  mir  an,  die  nicht  ermangeln  kann  sich  bei  Gelegenheit 
recht  bitter  zu  entladen,  und  die  mir  einmal  (wenn  ich 
erst  mehr  freie  Hand  bekomme  und  mich  öfter  äuszere) 
noch  viel  Verdrusz  machen  wird.  Ich  freue  mich  sehr  der 
herannahenden  Ferien,  weil  ich  mir  vorgenommen  habe  Sie 

in  Göttingen   zu   besuchen Bickell  der  vielleicht  noch 

etwas  für  Sie  beilegen  wird,  wird  wieder  nach  Paris  wall- 
fahrten, wohin  auch  Biener  u.  Kaumer  von  Berlin  in  diesem 
Augenblick  hier  durchreisen.  Ich  werde  den  Gang  auch 
noch  einmal  thun,  aber  erst  dann  wenn  meine  Bildung  so 
weit  ist  dasz  mir  die  groszen  Bibliotheken  mehr  nütze  sind. 
Die  literarhistorische  Richtung  fängt  aber  ietzt  erst  bei 
mir  an  sich  mit  Macht  zu  entwickeln,  da  bisher  die  specu- 
lative  zu  vorherrschend  war.  —  Mit  Ewald  bin  ich  wieder 
nach  einigem  Briefwechsel   auseinandergekommen.    Es  war 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  255 

ihm  hloBz  um  eine  Ehrenerklärung  von  mir  zu  thun,  um 
die  Autorität  seiner  hebr.  Grammatik  von  meinem  ihm 
lästigen  Widerspruch  zu  befreien.  Er  sprach  zwar  viel  von 
heiligem  Wahrheitsstreben  u.  dgl..  aber  ich  habe  ihm  zu 
erkennen  geben  wie  weniff  ich  auf  diese  Redensarten  halte. 
Es  gefiel  mir  von  vom  herein  nicht  dasz  er  sich  an  mich 
wandte,  wenn  er  (wie  sich  bald  nur  zu  sehr  zei^)  gar 
nichts  von  mir  angenommen  hatte ,  und  sich  in  allen 
Stücken  für  gravirt  hielt.  Ich  weisz  nicht  wie  unsre  meisten 
jungen  Leute  jetzt  sind :  so  viel  Eitelkeit  u.  Ehrgeiz,  u.  doch 
so  wenig  wahres  Ehrgefühl  u.  Würde !  Da  smd  auch  so 
ein  paar  leipziger  Grössen  in  unserem  Fach,  die  unter  der 
Hand  —  wie  man  gewahr  wird  —  wahre  Kriecher  sein 
können.  Ewald  scheint  mir  ein  junger  Fant  zu  sein  dem 
seine  Snccesse  in  der  Wissenschaft  zu  Kopfe  gestiegen  sind, 
weil  ihm  der  Geist  der  Selbstkritik  noch  wenig  an  seinen 
Einfällen  (wie  sie  jeder  ffute  Kopf  reichlich  hervorbringt) 
verdorben  hat,  u.  ihm  aer  Beilall  des  groszen  Haufens 
für  das  Ziel  gilt.  Ich  habe  ihm  gesagt,  das  sei  eine  ge- 
meine Eitelkeit  sich  mit  deren  Beiful  zu  kitzeln :  man  musz 
einen  höhern  Ehrgeiz  haben  u.  um  den  Beifall  der  ersten 
seines  Fachs  ringen.  Er  will  nun  eine  Antikritik  schreiben, 
womit  ich  mich  auch  ganz  zu&ieden  erklärt  habe,  u.  auf 
die  ich  schwerlich  etwas  antworten  werde,  wenn  er  mir  sie 
nicht  etwa  zuschickt,  was  ich  ihm  vorgeschlagen  habe,  mit 
dem  Erbieten   was   ich  milderndes  u.  anerkennendes   wüste 

beizusetzen N.  S.    Prof.  Bickell,  der  sich  Ihnen  empfehlen 

läszt,  hat  mir  beiliegendes  theils  für  Sie  theils  zur  gütigen 
Besorgung  gegeben.* 

20.     J.   Grimm   an   Hupfeld. 

, Göttingen  13  merz  1830.  Während  ich  mir  schon  heim- 
liche vorwürfe  machte,  verehrter  freund,  auf  Ihren  brief 
vom  29  dec.  nichts  erwiedert  zu  haben,  beschämen  Sie  mich 
durch  einen  neuen.  Ich  bin  hier  noch  nicht  recht  wieder 
in  meinen  fugen  und  der  hauptgrund  liegt  mit  in  der  be- 
engten Wohnung,  die  wir  jetzt  einstweilen  einnehmen,  nach 
Ostern  werden  wir  in  die  eigentliche  einziehen  und  die 
nachricht  von  Ihrem  besuch  würde  mich  noch  mehr  gefreut 
haben,  wenn  ich  Ihnen  schon  in  der  letztem  ein  gastzimmer 
hätte  bereit  halten  dürfen.  Dies  versteht  sich  wenigstens 
für  künftige  fälle.  —  Ich  danke  für  die  übersandte  ab- 
handlung.  Soviel  ich  beurtheilen  kann,  was  darin  ver- 
handelt wird,  musz  ich  Ihrer  ansieht  beistimmen;  das  aber 
fühle  ich  ganz  klar,  mit  welchem  innerlichen  drang  Sie 
schreiben.    Aus  dieser  bewegung  hoffe  ich  wird  einmsd  ein 


y  Google 


256  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

mliiges  and  bedeutendes  werk  hervorgehen.  Gegen  Ewald 
mögen  Sie  in  dieser  sache  recht  haben.  Ihn  dachte  ich 
mir  persönlich  ganz  anders,  ich  glaubte  einen  sehr  deter- 
minierten jungen  mann  zu  finden,  wie  er  sich  in  seinen 
recensionen  ausspricht.  Er  redete  ganz  schüchtern  und  sah 
kränklich  aus,  ihrer  wurde  bei  dem  ersten  antrittsbesuch 
gar  nicht  gedacht.  Später  kam  er  zu  mir  und  brachte 
Ihren  brief ,  wurde  aber  in  seiner  explication  durch  andere 
besuchende,  die  dazwischen  kamen,  gestört.  Seitdem  habe 
ich  ihn  nicht  wieder  gesehen,  eben  weil  ich  meine,  dasz  ich 
in  der  Sache  doch  nichts  vermitteln  kann:  Mag  er  Ihnen 
in  manchen  puncten  der  hebr.  gramm.  blöszen  geben;  so 
kommt  mir  Ihr  rückhaltloses  urtheil  darüber  doch  fae^  za 
hart  vor.  So  weit  ich  hier  höre,  steht  Ewald  bei  allen  in 
achtung  und  seine  Vorlesungen  werden  zahlreich  besucht. 
Er  ist  von  armen  eitern  und  soll  als  schüler  und  student  in 
ihrer  kleinen  stube  und  bei  ihrer  spärlichen  lampe  alles 
erlernt  haben.  Jetzt  geht  es  ihm  besser,  und  seit  einem 
monat  ist  er  mit  einer  tochter  des  hofrath  GauTs  verlobt. 
Nehmen  Sie  sich  also  vor  zürnenden  gestimen  in  acht!  — 
Von  meinem  dritten  theil  sind  erst  300  selten  gedruckt; 
ich  kann  jetzt  wirklich  nur  langsamer  daran  fort  arbeiten, 
die  bibliothek  nimmt  mir  mehr  zeit  weg,  als  ich  wünsche, 
und  es  fehlt  nicht  an  andern  abhaltungen,  über  die  ich  in 
Cassel  hinaus  war.  Das  alles  musz  sich  erst  setzen,  ehe  ich 
gründlich  vortheil  und  nachtheil  abwl^n  kann :  Ich  wollte 
mit  einer  Vorlesung  über  Otfried  beginnen,  aber  die  er- 
wartete Graffische  ausgäbe  wird  erst  den  sommer  erscheinen 
und  nichts  anders  kann  man  den  zuhörern  in  die  hand 
geben.  Also  müszen  mir  die  rechtsalterthümer  zuerst  aus 
der  noth  helfen,  die  ich  noch  ziemlich  im  köpf  habe.  — 
Aus  München  habe  ich  vor  einigen  ta^en  aushängebogen 
der  längst  ersehnten  Evangelienharmonie,  die  aber  unter 
dem  passenderen  titel  Heliand  (salvator)  herauskommt,  er- 
halten. Ein  alliterierendes  gedieht  des  neunten  jh.  und 
überaus  lehrreich.  Ich  bin  voller  freuden  darüber.  —  Meinen 
schönsten  dank  an  Bickell  für  die  berichtigung  der  Würz- 
burger glossen,  ich  wünsche  ihm  vergnüc^  reise.  Hugo 
meint  er  werde  bald  die  längste  zeit  zu  Marburg  ffewesen 
sein.  —  Mein  bruder  grüszt;  mündlich  bald  mehr.  Ihr 
Jacob  Grimm.* 

21.    Hupfeld   an  J.  Grimm. 

,M.  3.  Sept.  1830.  Verehrter  Freund !  Hier  die  Fort- 
setzung der  früher  überreichten  kleinen  Gabe.  Leider  ist 
gröszeres  das  ich  bereite,  noch  immer  nicht  fertig.    Doch 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  tu  Hupfeld.  257 

wird  eins  davon  hoffentlich  in  den  nächsten  Monaten  nnter 
dem  Preszbengel  hervorkommen.  Dann  will  ich  mich  ein- 
mal mit  meinen  Sachen  dem  Hm.  von  Humboldt  präsen- 
tiren  —  etwa  durch  Ihre  Vermittelung.  Mit  Bopp  oin  ich 
neulich  durch  persönliche  Bekanntschaft  in  Verbindung  ge- 
kommen. Wahrscheinlich  verdanke  ich  Omen  diesen  Besuch : 
denn  er  brachte  mir  einen  Qrusz  von  Ihnen.  Sein  Sie 
schönstens  bedankt  dafür,  und  weisen  Sie  mir  mehr  solche 
Bekanntschaften  zu.  Er  schenkte  mir  seine  letzte  Abhandl. 
über  die  Vergleichung  des  Sanskrit,  auf  deren  Studium  ich 
mich  freue.  —  Ich  bin  sehr  begierig  zu  hören  wie  Ihnen 
der  Katheder  zusagt.  Bisher  habe  ich  noch  nichts  darüber 
in  Erfahrung  bringen  können.  Meine  Absicht  Sie  diesen 
Herbst  in  G.  zu  sehen  wird  zu  Wasser.  Wird  Ihr  Herr 
Bruder  uns  nicht  (wie  ich  neulich  von  Suabedissen  hörte) 
vielleicht  auf  dem  Durchfluge  nach  Steinau  erfreuen? 
Mit  Suabedissen  hat  es  diesen  Sommer  sehr  schlecht  Re- 
gungen. Keine  der  doch  im  vorigen  Jahr  von  Zeit  zu  Zeit 
sich  einstellenden  Ebben  ist  diesmal  eingetreten.  Doch  liest 
er  mit  Unterbrechungen  u.  unter  groszen  Leiden  fort.  Es 
ist  ein  wahrer  Jammer.  —  Inlage  bitte  ich  an  Ewald  zu 
senden.  Grüszen  Sie  die  Ihrigen  herzlich  und  leben  Sie 
wohl;    Der  Ihrige  Hupfeld.** 

22.  J.   Grimm   an    Hupfeld. 

,Gött.  24.  Nov.  1830.  Mit  einer  gelegenheit  übersende 
ich  beifolgendes  pro^amm  fHymnorum  veteris  ecclesiae  XXVI 
interpretatio  Theodisca  nunc  primum  edita  Gott.  1830  4.], 
nicht  weil  ich  mir  denke  dasz  es  Sie  besonders  interessiert, 
sondern  weil  Sie  mich  so  freundscbafblich  mit  Ihren  auf- 
sätzen,  die  mehr  werth  sind,  beschenken.  Vielleicht  komme 
ich  ein  andermal  auch  mit  etwas  besserem  nach.  Es  ist 
keine  zeit  da  mehr  hinzu  zu  setzen,  leben  Sie  in  diesen 
vielfach  bewein  tagen  so  vergnügt  als  es  ^eht  und 
grüszen  mir  Bickell  Von  herzen  Ihr  Grimm.  —  einlage  an 
Justi  bitte  zu  besorgen.'* 

23.  Hupfeld   an  J.  Grimm. 

.Marburg  12.  Dec.  1830.  Verehrter  Freund !  Herzlichen 
Dank  für  das  Geschenk  womit  Sie  mich  in  der  vorigen 
Woche  erfreut  haben.  Dasz  es  Interesse  lür  mich 
haben  werde,  dürfen  Sie  nicht  zweifeln.  Für  jeden  Deut- 
schen dem  die  Ueberlieferunffen  seines  Volks  werth  sind- 
müssen die  Früchte  Ihrer  Studien  Interesse  haben;  wie  viel 
mehr  für  einen  Philologen  von  Profession!  Es  ist  der  erste 
althochdeutsche  Text  der  —   abgesehen   von  einer  kleinen 

£.  StengeL    Acten  der  Brüder  Grimm.  17 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


258  Anmerkimgeii  zu  B.  I  S.  280. 

Schrift  LachmanDs  —  in  meinen  Besitz  kommt.  —  Meine 
Zusendungen  machen  durchaus  keinen  Anspruch  auf  Er- 
wiederung, sie  gehen  lediglich  von  dem  einem  jungen 
Manne  natürlichen  Triebe  aus  nach  einem  Kampfe  den  man 
ehrenvoll  bestanden  zu  haben  glaubt  (und  Sie  wissen  schcm 
wie  heisz  und  sauer  sie  mir  werden),  sich  einem  verehrten 
Meister  zu  zeigen  und  die  Degenspitze  vor  ihm  zu  senken, 
zufrieden  wenn  er  einen  theilnehmenden  Blick  darauf  wirft. 
Wollte  Gott  dasz  Sie  vermöge  Ihrer  Studien  Kampfrichter 
sein  könnten :  aber  leider  sind  die  Gegenstände  an  die  ich 
durch  eine  Bizarrerie  meiner  Natur  meist  gerathe  von  so 
beschränktem  Interesse  u.  domiger  Natur  dasz  ich  selbst 
unter  den  Mahnern  vom  Fach  nur  auf  äuszerst  wenige 
Leser  und  auf  noch  weniger  competente  Beurtheiler  rech- 
nen kann.  Mein  Trost  ist,  dasz  meine  Stimme  doch  bei 
einzelnen  derjenigen  Männer  um  derer  willen  es  allein  sich 
der  Mühe  verlohnt  zu  schreiben,  nicht  überhört  werde, 
folglich  nicht  wirkung[slos  verhallt.  Diesen  Trost  haben 
Sie  mir  vornehmlich  bisher  durch  Ihre  freundliche  Theil- 
nähme  gewährt  und  ich  musz  Ihnen  nur  gestehen,  dasz  Sie 
mir  beim  Arbeiten  oft  gegenwärtig  sind,  und  so  oft  ich 
etwas  in  Ihrem  Geiste  gethan  zu  haben  glaube,  mir  denke 
wie  Sie  eine  Freude  daran  haben  müszten  wenn  ich  Sie  in 
den  Zusammenhang  einführen  und  orientiren  könnte.  Auch 
Bopps  mündliches  Urtheil  hat  mich  vorigen  Herbst  ge- 
stärKt.  Dagegen  habe  ich  auf  Ewald ,  der  jetzt  auf  vöflig 
freundschaftlichem  Fusze  mit  mir  steht  und  sich  sehr  gut- 
müthig  u.  geföllig  erwiesen  hat,  bisher  wenig  Wirkung  ^ 
habt,  und  seine  Sachen  stoszen  mich  fortwährend,  wie  viel 
treffliches  ieh  im  einzelnen  finde  und  wie  sehr  ich  die  Fülle 
seiner  Kenntnisse  bewundere,  im  ganzen  sowohl  der  Form 
als  dem  Geist  nach  ab,  u.  ich  erkenne  hier  ein  völlig  die- 
parates  Ingenium,  das  an  mir,  wenn  ich  mich  noch  einmal 
öffentlich  äuszem  müszte,  einen  eben  so  entschiedenen  Geg- 
ner haben  würde  als  früher.  Namentlich  musz  ich  ihm 
allen  gesunden  historischen  Geschmack  u.  Sinn  absprechen. 
—  Wie  ist  Ihnen  denn  bei  den  Umwälzungen  der  letzten 
Zeit  zu  Muthe  gewesen?  Ich  habe  mich  hier  sehr  bald  in 
einer  gewissen  Opposition  gegen  die  herrschende  Ansicht 
befunden,  die  alle  die  Tumulte  und  Unordnungen  gross  u. 
klein  als  Eeguns^en  des  seine  Menschenrechte  reclamiren- 
den  und  eine  scnönere  Zukunft  verheiszenden  Freiheitssinnes 
betrachtet  und  mit  uiu^etheiltem  Jubel  aufnahm,  während 
ich  schon  in  den  auf  aio  wirklich  schönen  3 — 4  Juliustage 
folgenden  Vorgängen  des  Au^t  zu  Paris  nur  die  pure 
Anarchie    (die    Grundsuppe    die    gewöhnlich    auf  die  erste 


y  Google 


Briefe  «wischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  259 

schöne   Begeisterung  des   Befreiungskampfes    folgt),    u.  in 
dem  was  darauf  in  andern  Ländern   gefolgt  ist  meist  nur 
eine   Nachäfferei   der   Pariser  (wie   einer  Mode)  zum  Theil 
nur  miserabelen  Pöbelunfoge,  der  die  Feigheit  der  Behörden 
benutzte  um  sich  einmal  ungestraft  ein    Gütchen   zu   thun, 
erblicken    und    nur    mit  wahrem   Schrecken  wahrnehmen 
konnte,  wie  schlaff  die  Banden  der  bürgerlichen  Ordnung, 
wie  ausgehölt  die  moralischen  Grundlagen  der  Gesellschaft 
selbst  in  den  Gemüthem  der  gebildeten   Stände  sind.    Ich 
habe  zwar  schon  lange  in   dieser  Hinsicht  nicht  das  beste 
Zutrauen  zu  unsem  gebildeten  Ständen  u.  dem  unter  ihnen 
herrschenden  Liberalismus  oder  pol.  Rationalismus,  dessen 
revolutionäre  Natur  freilich  die  Wenigsten  einsehen :    aber 
diese   Schwindelei   in  unserem  Volk,  diese   pflicht-  u.  ehr- 
vergessene Gleichgültigkeit  gegen  alle  Ausschweifungen  der 
Anarchie,  die  nicht  einmal  die  Entschuldigung  der  Leiden- 
schaft für  sich  hat,  sondern  blosz   die  Charakter-  und  Hal- 
tungslosigkeit  unserer  Zeit  kundgibt,   hat  doch  meine  Er- 
wartung weit  übertroffen.    Ich  versichere  Sie,  mit  Ausnahme 
des  15.  Sept.  in  Kassel  (wovon  die   Begeisterung  allerdings 
reell  und  schön,  der  ihr  vorhergehende  Heroismus  aber  von 
diesem  theatralischen  und  seine  Zustände  immer  mit  einem 
zu    groszen  Maszstabe     messenden    Volke    hinterher    sehr 
übertrieben  worden  ist)  hat  sich   das   Städtevolk   in   ganz 
Hessen,  auch  da  wo  es  nicht    zu    eclatanten    Excessen    ge- 
kommen ist  wie  hier ,   auf  eine   solche  Weise   benommen, 
dasz  ich  immer  heimlich  erröthe  wenn  ich   von   „biedern* 
Hessen  reden  höre.    Diesen  Ruhm   haben   wir   m.   E.  voll- 
ständig verwirkt.    Gott  gebe  daaz  die  Landstände  uns  statt 
paniemer  Freiheiten  wie  sie  unsere  süddeutschen  Landsleute 
sich  aus  den  Constitutionen  aller  Welt  copirt  haben,  einige 
lebendige  kräftige   Institutionen   für  unser  verödetes  aller 
Tradition    u.    Eigenheit  beraubtes     Volksleben    schenken, 
worunter  ich  die  Emancipation  der    Gemeinden   in  bür- 
gerl.  wie  kirchl.  Hinsicht  als  die  Grundbedingung  ansehe. 
—  Dasz  ich  in  Folge  eines  Rufs  nach  Gieszen  Ordinarius  in 
der  theol.  Fac.  (mit  Beibehaltung  des   Sitzes  in  der  philos. 
Fac.)  nebst  einer  vorläufigen  haaren  Zulage  von  1(X)  Thlr.  u.  der 
Anwartschaft  einer  weitern  von  200  Thlr.  bei  der  ersten  Vacanz, 
geworden  bin,  haben  Sie  wohl  schon  durch  Gerling  erfahren. 
Ich  weisz  nicht  recht,   wem   ich   eigentl.  den   Ruf  zu  ver- 
danken    habe     (ich    vermuthe     aber    Schleiermachern    in 
Darmstadt ,    der    sich   wenigstens   gegen   einen   Bekannten 
günstig  über  meine  äthiop.  Schrift  geäuszert  hat).  —  Einen 
schönen  Grusz  von  Bickell,  der  sich  Ihres  Andenkens  freut, 
u.  einige  Wünsche  an  Ihre  Ü.-Bibliothek   auf  beilieg.  Zet- 

17* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


260  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  280. 

teln  verzeichnet  hat,  so  wie  anch  ich  Sie  in  dieser  Hinsieht 
zu  belästigen  so  frei  bin,  da  ich  voraussetze,  dasz  Sie  die 
Verpackung  n.  Versendung  einem  Diener  auftragen  werden, 
dem  ich  für  seine  Mühe  etwas  schicken  werde,  wie  ich  das 
schon  früher  so  gehalten  habe.  Empfehlen  Sie  mich  Ihrem 
Hm.  Bruder  u.  Inrer  Frau  Schwägerin,  u.  bleiben  Sie  ge- 
wogen Ihrem  getreuen  Hupfeld.* 

24.    J.   Grimm  an  Hupfeld. 

.Göttingen  20  dec.  1830.  Hierbei  erhalten  Sie,  lieber 
freund,  die  verlangten  bücher  alle,  bis  auf  das  von  Bickel 
geforderte  von  Wansleb  über  die  alex.  kirche,  das  wir  zwar 
auch  haben ,  das  sich  aber  seiner  kleinheit  wegen  an  den 
unrechten  ort  verkrochen  haben  musz,  wenigstens  habe  ich 
es  mit  aller  anstrengung  vergeblich  gesucht.  In  der  hof- 
nun^  es  noch  hinterner  zu  finden  will  ich  indessen  Bickels 
Schein  noch  aufheben.  —  An  den  ^oszen  und  schweren 
Zeitbegebenheiten  nehme  ich  den  eifrigsten  innerlichen  an- 
theil  und  mache  mir  genug  gedanken  darüber.  Im  neusten 
theil  seiner  röm.  geschichte  nat  sich  Niebuhr  merkwürdig 
ausgesprochen,  er  sieht  aber  zu  dunkel,  und  gibt  zuviel 
verloren,  die  barbarei  des  2jh.  und  der  Völkerwanderungen 
könne  wieder  einkehren.  Was  mich  anbelangt,  ich  glaube 
doch  mehr  an  einen  fortschritt  des  guten ,  vieles  wurm- 
stichige kann  durch  die  ereignisse  weggeschafft  werden. 
Das  revolutionäre  würde  man  gern  von  sich  halten,  stände 
es  nur  im  innem  Deutschland  Kräftiger  und '  beruhigender ; 
es  läszt  sich  doch  unmöglich  verkennen,  dasz  in  Braun- 
schweig, Hessen  und  Sachsen  heilsames  erreicht  worden  ist, 
im  gewohnten  gleise  wäre  gar  nichts  auszurichten  ge- 
wesen, sondern  es  muszte  in  dieser  etwas  rauhen  fractnr 
geschrieben  werden.  Gewiszermaszen  läszt  sichs  unter 
einer  desnotischen  Verfassung  am  sichersten  und  ruhigsten 
leben  und  arbeiten,  wiewohl  dadurch  zähheit  und  eintönige 
keit  der  gedanken  auch  begünstigt  wird ,  die  öffentliche 
freiheit  theilt  dagegen  den  aAeiten  und  Studien  bewegung 
und  Schwung  mit,  die  nicht  zu  verachten  sind.  —  Möge 
der  himmel  wachen ,  dasz  die  eigenthümlichkeit  unseres 
Volkes  nicht  unterliege ,  sondern  aus  solchen  nrüfungen 
neugestärkt  hervorgehe.  ~  Ich  schreibe  jetzt  wieaer  gram- 
matik,  aber  etwas  langsam;  was  Sie  meisterhaft  an  mir 
nennen,  erscheint  mir  dabei  oft  als  etwas  gewaltig  stümper- 
haftes. Von  Graffs  Otfried  sind  schon  drei  bücher  hier, 
auch  der  altsächs.  Heliand  ist  mir  sehr  viel  werth.  — 
Dortchen  und  Wilhelm  grüszen  Sie  und  ich  den  Bickell. 
Bleiben  Sie  gut  Ihrem  Jac.  Gr.  —  in  eile,  Val2uhr  nachts.* 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Ghrimm  u.  Hapfeld.  261 

25.  Hnpfeld  an  J.  Grimm. 
^Marburg,  9.  März  1831.  Verehrter  Freund!  Hier 
sende  ich  endlich  die  von  Ihrer  U.-Bibliothek  geliehenen 
Bücher  zurück,  auch  das  zuletzt  angekommene  von 
A.  R^musat,  welches  mir  von  grOszerem  i^utzen  gewesen 
sein  würde  wenn  der  darin  stets  angeführte  Append.  mit 
Alphabeten  und  Schrifttafeln  dabei  gewesen  wäre,  der  dem- 
nach noQh  gar  nicht  erschienen  zu  sein  scheint.  Meinen 
herzlichen  Dank  fQr  die  Sorgfalt  womit  Sie  sich  meiner 
Wünsche  angenommen  haben,  wiewohl  mir  bei  jeder  Sen- 
dung —  so  theuer  mir  auch  die  Zeilen  sind,  die  sie  jedes- 
mal begleiteten  —  der  Gedanke  schmerzlich  war  Ihnen 
auch  meinerseits  durch  solche  Geschäfte,  die  ich  bei  Ihnen 
sehr  beklage,  Ihre  edle  Zeit  verdorben  zu  haben.  Beil.  12 
Groschen  rar  den  Diener.  —  Die  Nachricht  von  der  gefähr- 
lichen Krankheit  Ihres  Herrn  Bruders ,  die  ich  im  Januar 
durch  Ewald  erhielt,  hat  uns  hier  sehr  geängstigt,  und  wir 
haben  sie  dem  guten  Suabedissen ,  dessen  Zustand  höchst 
elend  ist  und  von  so  etwas  leicht  afficirt  wird,  verschwiegen, 
bis  bald  darauf  von  Kassel  aus  die  Nachricht  von  der  Bes- 
zerung  kam.  Heute  hörte  ich  auch  dasz  bereits  ein  Brief 
von  mm  angelangt  ist.  Wünschen  Sie  ihm  in  meinem 
Namen  Glück  zu  dieser  Rettung  aus  so  groszer  Gefahr. 
Möchte  er  uns  im  nächsten  Frühjahr  oder  Sommer  —  je 
bälder  je  beszer  —  einmal  wieder  hier  mit  seiner  beleben- 
den Gegenwart  erfreuen :  ich  fürchte  er  darf  einen  solchen 
Vorsatz  wohl  nicht  mehr  lange  au&chieben  wenn  er  seinen 
Freund  Suabedissen  noch  einmal  sehen  will.  —  Sie  haben 
inzwischen  auch  etwas  von  der  nBewegung**  unserer  2^it 
zu  schmecken  bekommen,  u.  zwar  gerade,  wie  es  scheint, 
eine  der  piquantesten  Manifestationen  derselben.  Ich  hätte 
die  Scene  wohl  mögen  mit  ansehen,  wenn  ich  nur  den 
hohlen  Enthusiasmus  der  Philister  und  Strohrenommisten 
ohne  Aerger  sich  spreizen  sehen  könnte.  Diese  tolle  Göt- 
tinger Revolution,  deren  gescheidteste  Seite  war  dasz  sie 
nicht  lange  dauerte,  hat  nur  zu  verwünschte  Aehnlichkeit 
mit  den  italienischen  Farcen  dieser  Art,  und  fürchte  ich 
den  Ausländem  wieder  etwas  auf  Kosten  des  deutschen 
Charakters  zu  lachen  gegeben.  Leider  ist  die  Sache  über- 
all nicht  viel  beszer  bestellt,  u.  die  meisten  unsrer  deut- 
schen Revolutionen,  wo  nicht  alle  (die  Braunschweiger 
nehme  ich  allein  aus)  würden  schwerlich  die  Probe  einer 
englischen  Policei,  die  in  dergleichen  Auftritten  ziemL 
Uebung  hat,  bestanden  haben.  Da  musz  man  Respect  vor 
den  Polen  haben,  deren  Revolution  mir  zwar  von  vom 
herein  höchst  toll  erschienen  ist,  die  aber  den  Muth  zeigen 


y  Google 


262  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

die  angefangene  Rolle  auch  würdig  zu  Ende  zu  spielen, 
und  wirklicn  das  zu  thun  was  die  Revolutionshelden  ge- 
wönlich  nur  im  Munde  führen,  nämlich  zu  siegen  oder  zu 
sterben.  Selbst  unsere  Staatsmänner  und  Gesete^eber  glau- 
ben es  käme  nur  darauf  an  dasz  ein  Regent  liberal  oder 
schwach  genug  wäre  dem  Volk  brav  Rückte  einzuräumen, 
dann  wäre  die  Freiheit  gemacht,  und  jemehr  man  ihm  ab- 
zupreszen  wisze  desto  vollständiger  sei  der  Zweck  erreicht. 
Ich  will  wünschen  dasz  sie  in  unserm  Lande  nicht  zu  un- 
sanft aus  ihrem  Traume  gerüttelt  werden,  und  die  160  §§ 
unserer  Yerfaszung  aus  todten  Buchstaben  lauter  Leb^ 
werden  möchten;  aber  ich  habe  wenig  Ho&iung  zur  Er^ 
föUung  dieses  Wunsches.  Das  unruhige  Treiben  und  die 
Gesetzlosigkeit  die  man  bisher  mit  der  Ungewissheit  unse- 
res pol.  Zustandes  entschuldigte  und  die  man  mit  dem  Ein- 
tritt der  Constitution  mit  einem  Schlag  beendigt  zu  sehen 
hoffte,  hat  nicht  nur  nicht  aufgehört,  sondern  noch  zuge- 
nommen, und  die  Bürgergarde,  die  ich  immer  als  einen 
Misgriff  (eine  fi^nz.  Schwindelei)  betrachtet  habe  und  die 
bei  uns  der  eigentliche  Heerd  der  Unruhe  war,  ist  nun  in 
töllige  Demoralisation  g[erathen  und  wäre  am  Sonnt^  bei- 
nahe handgemenffe  miteinander  geworden.  Die  Haupt- 
anstifter sind  endl.  heute  arretirt  worden,  aber  mit  einem 
lächerlichen  Aufgebot  von  militärischer  Macht,  die  jetzt 
die  Stadt  und  Umgegend  so  stark  besetzt  hat ,  dasz  man 
im  Kriegszustand  zu  sein  glaubt  Wäre  es  Hessen  allein, 
so  wäre  es  mir  nicht  bang  dasz,  bei  einiger  Festigkeit  xmd 
besonders  Gesetzlichkeit  im  Verhalten  der  Regierung, 
die  Ordnung  sich  allmählich  wiederherstellen  würde,  da 
wirs  mit  keinen  gewaltiffen  Leidenschatten  und  einem  im 
ganzen  pflegmatischen  Volke  zu  thun  haben:  aber  wenn 
ich  dran  denke ,  dasz  in  ganz  Deutschland,  ja  in  ganz 
Europa  derselbe  Geist  der  Unruhe  u.  Gährung  herrscht,  da- 
bei cTie  sehr  geringe  moralische  Kraft,  die  den  guten  Ans- 
Sang  einer  Krise  allein  verbürgen  kann,  in  Anschlag  bringe : 
ann  wird  mirs  allerdings  bange  fdr  unsre  nähere  oder  ent- 
ferntere Zukunft  (denn  über  kurz  oder  lang  musz  jedenfalls  ein 
Ausbruch  erfolgen),  u.  Niebuhrs  bekanntes  Wort,  zwar 
eines  schon  kranken  Mannes ,  ist  nicht  so  gar  weit  von 
meiner  Ansicht  entfernt.  Auch  dünkt  mich  dasz  ein 
groszer  Theil  des  Publikums  etwas  von  der  früheren  Zu- 
versicht verloren  habe  u.  die  Sache  ernsthafter  zu  nehmen 
anfange.  Was  solls  am  dürren  Holz  werden,  wenn  am 
grünen  Holz  von  Paris  die  ^glorreiche  Revolution*  wie  ein 
böser  Wurm  zu  nagen  anfängt?  Es  ist  ein  böses  Ver- 
hängniss  für  Deutschland,  dasz  es  seine  Freiheitebegriffe, 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Chimm  u.  Hnpfeld.  263 

wie  seine  ganze  sogenannte  Civilisation  von  einem  so  ober- 
flächlichen und  der  wahren  Freiheit  nnd  Cultur  unfähigen 
Volke  wie  die  Franzosen  übernahm  nnd  dasjenige  ger- 
manische Volk  bei  welchem  die  ächten  nnd  germanischen  In- 
stitutionen der  Freiheit  zu  voller  historiscner  Ausbildung 
gekommen  sind,  unserm  Gesichtskreis  zu  fern  Hegt.  Und 
so  fürchte  ich  dasz  wir  auch  eine  französische  Revolution 
durchzumachen  bestimmt  sind,  die  das  leichtsinnige  Volk  — 
nach  den  Faseleien  seiner  Wortführer,  namentlich  der  über- 
wiegenden Majorität  seiner  Journale  zu  schlieszen  —  noch 
einmal   mitzumachen  leicht  zu  bewegen  wäre/ 

26.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

.Marburg  8.  Dec.  1831.  Ich  habe  Ihnen  eine  Nach- 
richt mitzutheilen  die  Sie,  da  Sie  an  meinem  Wohl 
und  Wehe  freundlichen  Antheil  nehmen  und  zugleich 
mit  dem  Suabedissenschen  Hause  befreundet  sind,  dop- 
pelt erfreuen  wird.  Dasz  ich  ein  Bräutigam  geworden 
bin  mit  Marie  Suabedissen,  der  ältesten  Tochter 
S.*8.  Das  Ereignis  ist  ein  so  natürliches,  .  .  .  wenn  ich 
daran  denke  dasz  ich  schon  über  6  Jahre  im  S/schen 
Hause  aus  und  eingehe,  schon  seit  mehr  als  8  Jah- 
ren mit  meiner  Braut  in  einem  nähern  freundschaftlichen 
Verhältnisse  stehe,  sie  aufs  genauste  kenne,  das  edelste 
Herz  mit  seinem  ganzen  unendlichen  Schatz  von  Liebe  u. 
Liebenswürdigkeit  offen  vor  mir  ausgebreitet  sehe.  .  .  .  Nun 
Gott  gebe,  dasz  ich  noch  nicht  ganz  zum  £hemann  ver- 
dorben bin,  und  meine  gute  Marie  glücklich  mache,  was 
mein  ernstlicher  Vorsatz  und  ein  fast  noch  älterer  Ge- 
danke als  meine  Liebe  zu  ihr  ist.  Da  ein  Professor,  be- 
sonders wenn  er  ein  neues  CoUeg  liest,  im  Laufe  des  Halb- 
jahrs nicht  gut  Hochzeit  machen  kann,  so  werden  dazu  die 
nächsten  Osterferien  abgewartet  werden.  Meine  Braut  hat 
mir.  noch  vorhin  die  herzlichsten  Grüsze  an  Sie,  Ihren  Herrn 
Bruder  u.  Frau  Schwägerin  angetragen.  Auch  Suabedissen 
läszt  grüszen  u.  wird  nächstens  selbst  schreiben.  Es  geht, 
nachdem  es  vorigen  Sommer  sehr  schlecht  mit  ihm  ge- 
standen hatte,  seit  September  bewunderungswürdig  besser 
mit  ihm.  .  .  .  Dasz  die  Landstände  unsrer  Universität  einen 
Zuschusz  von  12— 15000  Thlr.  verwilli^  haben ,  werden  Sie 
in  den  Zeitungen  gelesen  haben. . . .  Mir  scheint  es  für  unser 
Land  aller  Ehren  werth,  und  ich  glaube  dasz  damit,  wenn 
sie  weise  vertheilt  und  angewendet  werden,  sich  etwas 
tüchtiges  aus  der  Univ.  machen  läszt Was  die  Haupt- 
sache ist,  die  vorhandenen  Lücken  mit  tüchtigen  L eu- 
rem   zu    besetzen,    durch  zweckmäszige   Berufungen  und 


y  Google 


264  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

Pflege  einheimischer  Talente,  damit  wird  es ,  fürchte  ich, 
den  alten  Gang  nehmen,  so  lange  das  Ministerium,  als  eine  rein 
mechanische  Geschä^behörde,  dergleichen  Angelegenheiten 
wie  alle  andren  auch  durch  Senats-  u.  resp.  Facult&ts- 
berichte  entscheiden  läszt,  und  es  an  einer  sachkundigen 
Universitätscuratel  gebricht.  Sie  sollten  nur  einmal  unare 
Facultäts-  u.  Senatsdeliberationen  über  solche  wichtige 
(jegenstände  anhören  oder  lesen:  ich  versichere  Sie  me 
Urtheile  und  Motive  der  Mehrzahl  geben  denen  bei  der 
Schalmeisterwahi  in  Blindheim  um  kein  Haar  nach.  Wenn 
ein  gedeihliches  Resultat  dabei  herauskommt,  so  ist  es  ein 
purer  Zufall.  Doch  bin  ich  bis  jetzt  in  beiden  Facult&ten, 
der  philosophischen  u.  theologischen,  glücklicher  gewesen 
als  ich  je  gehofft.  In  der  philos.  ist  hauptsächl.  ein  Phi- 
lologe zu  oerufen*  und  da  wird  auszer  Lachmann  in 
Berlin  (was  ich  freilich  für  thöricht  halte,  da  L.  über  die 
Zumuthung  lachen  wird  von  B.  nach  M.  zu  gehen)  der 
junge  D.  Hermann  in  Heidelberg  vorgeschlagen  werden, 
welches  ich  in  jeder  Hinsicht  für  eine  passende  Partie  f^ 
uns  halte.  Auszerdem  wird  Bubin o  von  Kassel  herkom- 
men, der  bereits  ein  Expectanzrescript  vom  J.  1829  hat,  den 
aber  die  Univ.  nur  als  Privatdocent  (mit  Gehalt)  zulassen 
will,  bis  die  staatsrechtl.  Frage  weg.  der  Juden  entschieden 
ist,  u.  R.  sich  auf  dem  ak.  Katheder  gezeigt  hat  Die  Phi- 
lologie scheint  demnach  künftig  hier  gut  besetzt  zu  wer- 
den. In  der  Theologe  ist  es  mir  gelungen  den  Vorschlag 
de  Wette's,  dem  sie  im  Grunde  alle  abhold  sind,  primo 
loco  durchzusetzen.  Ob  aus  der  Berufung  etwas  wird,  ist 
freilich  noch  sehr  problematisch.  Die  Idee  ist  unter  unsem 
Studenten  schon  seit  vorigem  Winter  im  Gkuige  und  würde, 
dünkt  mich,  wenn  sie  gelänge  allgemein  einen  guten  Ein- 
druck machen,  unsrer  abgestorbenen  Facultät  aber  eine 
eigentl.  Seele  geben.  —  Herzliche  Grüsze  an  Ihren  Herrn 
Bruder!  Wird  er  uns  denn  nicht  bald  einmal  wieder  mit 
seiner  Gegenwart  erfreuen?  AUe  freuen  sich  darauf.— 
Ich  wollte  an  Ewald  ein  Briefchen  beilegen  u.  ihm  meine 
Verlobung  bekannt  machen,  aber  die  Zeit  ist  mir  jetzt  zu 
kurz:  wollten  Sie  wohl  oei  Gelegenheit  ihn  von  mir 
grüszen  und  ihm  die  Nachricht  mittneilen?'^ 

27.     J.   Grimm  an  Hupfeld. 

„Göttingen  13  dec.  1881.  Auf  eine  so  erwünschte  mit- 
theilung  musz  man  es  nicht  machen,  wie  ich  sonst  mit  mei- 
nen antworten,  sondern  seine  freudige  theilnahme  gleich  zu 
erkennen  geben.  Also  herzlichen  glückwunsch;  wir  kom- 
men einander  durch  diese  Verbindung  noch  näher,  denn  ich 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hnpfeld.  265. 

achte  Ihren  Schwiegervater  und  seine  familie  schon  lange 
sehr  hoch,  obgleich  Wilhelm  genauer  mit  ihnen  bekannt 
geworden  ist,  Grüszen  Sie  Ihre  brant  von  mir,  von  Wil- 
helm und  von  Dortchen  und  sagen  ihr,  wie  aufrichtig  wir 
uns  freuen.  Auch  die  frohe  nachricht  dasz  sich  Suabedis- 
sens  gesundheit  erholt  hat  uns  wohlgethan.  —  Ich  habe 
eine  vergnOgte  und  erquickende  herbstreise  gemacht,  nach 
welcher  das  hiesige  enge  und  einfßrmige  leoen  mir  noch 
nicht  behagen  wul.  Ich  war  in  Carlsruhe,  Stuttgart  und 
einem  theil  der  Schweiz ;  aus  bibliotheken  und  archiven  ist 
mir  manches  willkommne,  gesuchte  und  gefundne  zu  theil 
geworden.  So  frei  möchte  ich  immer  arbeiten.  Auf  dem 
weg  durch  Schwaben  dachte  ich  mehrmals  an  Sie,  an  Ihr 
zweites  vateriand  und  was  Sie  mir  davon  erzählt.  Uhland 
verfehlte  ich  leider,  bei  dem  ehrlichen  Schwab  sah  ich 
Gustav  Pfizer  und  trug  ihm  grusz  und  dank  auf  an  seinen 
bruder  Paul  fdr  das  buch  üb^r  unser  vateriand.  [Gemeint 
ist :  Der  Briefwechsel  zweier  Deutschen,  Stuttg.  1831,  dessent- 
wegen Paul  Pfitzer  aus  dem  würtemb.  Staatsdienst  entlassen 
aber  dann  von  Tübingen  in  den  Landtag  ffeschickt  wurde.]  — 
Durch  Marburg  kam  ich  beide  mal  bei  nacht  und  konnte  mich 
nicht  aufhalten.  —  Die  jüngsten  Casseler  aufbritte  sind 
wieder  sehr  niederschlagend;  das  wird  auch  den  vocierten 
ausländem  keine  lust  erregen,  in  einem  so  bewegten  stür- 
mischen land  sich  niederzulassen.  Von  den  fdrsten  ge- 
schieht alles,  um  die  letzten  reste  ihres  ansehens  zu  zer- 
stören. —  Sollten  Sie  oder  Suabedissen  beruf  und  anlasz 
haben,  sich  über  politische  und  literarische  angelegenheiten 
in  Hessen  zu  äuszern,  so  kann  ich  alles  an  Pertz  oefOrdem, 
der  von  neu  jähr  an  eine  zeitung  zu  Hannover  redigirt  und 
in  so  edelm  sinn,  dasz  er  von  allen  wohlmeinenden  red- 
lichen männem  unterstützt  zu  werden  verdient.  Richten 
Sie  diese  bitte  in  meinem  Namen  auch  an  Bickel.  —  Den 
auftrag  an  Ewald  hätte  ich  torgestem  ausrichten  können, 
wo  ich  mit  ihm  in  gesellschafb  war.  Er  ist  noch  immer 
hölzern  und  trocken  unter  den  leuten,  mit  der  feder  in  der 
band  aber  desto  eifriger  und  heftiger.  —  Mit  herzlicher 
freundschaft  Ihr  Jacob  Grimm.* 

28.    Hupfeld   an   J.  Grimm. 

«Kassel  17.  Jan.  1832.  Verehrter  Freund!  Ich  bin  mit 
Bickell  vom  Ministerium  hieher  berufen  worden  um  an 
einer  obem  Eirchencommission  Theil  zu  nehmen,  die  fär 
die  Verbeezenmg  des  hessischen  Kirchenwesens  Vorschläge 
machen  und  der  zu  dem  Ende  zusammenzurufenden  Synode 
vorarbeiten  soll.    Ob  ich  mir  gleich  von  dem  guten  Willen 


y  Google 


266  Anmerkimgen  zn  B.  I  S.  280. 

tind  der  Einsicht  unsrer  StaatemUnner,  besonders  im  Drange 
der  gegenwärtigen  Zeitumstände ,  nicht  viel  reelles  von 
dieser  Operation  verspreche,  und  meine  und  Bickells  An- 
sichten hierüber,  ungeachtet  des  bisher  erhaltenen  BeifiUls, 
zu  weit  von  der  bisher  üblichen  Staats-  und  Kirchenpraxis 
abstehen  als  dasz  wir  damit  durchzudringen  hoffen  dürften» 
so  wollen  wir  doch  das  unsrige  thun,  und  ich  will  es 
namentlich  nicht  an  der  Mühe  u.  den  Studien  fehlen  lassen 
meine  Ansichten  möglichst  zu  begründen,  zu  vervollständigten 
und  zu  vermitteln.  In  dieser  Hinsicht  wünschte  ich 
namentlich  ein  Buch,  das  ich  früher  einmal  in  Händen  ^ 
habt  habe  aber  hier  nicht  auftreiben  kann,  nämlich 
V.  Schuberts  Werk  über  die  schwedische  Kirchen-  u. 
Schul verfaszung  1820  in  2  Bd.  erschienen,  zur  Hand  su 
haben.  Ich  weisz  daher  keinen  andern  Rath  als  mich  an 
Ihre  Bibliothek  zu  wenden  und  Sie  um  geföUige  Zusendung 
desselben  zu  bitten.  —  Ihrem  Bruder  Wilhelm  bin  ich  sel:^ 
dankbar  für  die  grosze  Freude  die  er  mir  mit  dem  Bilde 
meiner  Braut  gemacht  hat.  Es  war  ein  schüner  Gedanke 
n.  ich  wüste  nicht  was  mir  für  ein  lieberes  Ghristgeschenk 
hätte  gemacht  werden  können.  Grüszen  Sie  ihn  wie  Ihre 
Schwägerin  aufia  herzlichste.  Von  ganzem  Herzen  der  Ihrige 
H.  Hupfeld.  —  Ich  wohne  hier  im  Kömischen  Kaiser.  In 
Eüe.* 

29.    J.   Grimm  an   Hupfeld. 

,  Göttinnen  5  sept.  1882.  Lieber  freund,  eine  sonderbare 
frage,  die  ich  aber  hier  doch  keinem  bekannten  vorlegen 
kann.  Im  Reineke  de  vos  buch  8  cap.  6.  (oder  wenn  Ihnen 
das  buch  nicht  zur  band  ist,  selbst  m  Göthes  bearbeitung, 
gleich  zu  eingang  des  X.  gesangs)  geschieht  eines  Juden 
Abrion  von  Trier  erwähnung,  der  alle  zungen  und 
sprachen  verstanden,  alle  kräuter  und  steine  gekannt  habe. 
Möglich  dasz  alles  erdichtung  ist,  doch  nicht  unwahrschein- 
lich, dasz  eine  wirkliche  person  zum  grund  liegt.  Kann 
nun  die  form  Abrion  ein  gerechter  hebr.  name  sein? 
oder  ist  sie  entstellt  aus  Abraham  ?  Aaron  ?  schwerlich  der 
verfluchte  name  Abiram?  ich  habe  in  Wolfs  bibl.  hebr. 
vergebens  geblättert.  Vielleicht  ftllt  Ihnen  etwas  ein,  was 
auf  eine  spur  leitete?  Jedenfalls  müstederjude  mindestens 
im  15  jh.  gelebt  haben,  wo  nicht  früher.  —  Dasz  Dortchen 
am  21  vor.  monats  dem  Wilhelm  eine  gesunde  tochter  ge- 
boren hat,  wird  zu  Ihren  und  Ihrer  Schwiegereltern  ohran 
längst  gedrungen  sein.    Von  herzen  der  Ihrige  Jac.  Grimm.* 


y  Google 


Briefe  swischen  J.  Grimm  n.  Hnpfeld.  267 

80.    Hnpfeld  an  J.  Grimm. 

«Marburg  19.  Sept.  32.  Entschuldigen  Sie,  verehrter 
Freund,  meine  saumselige  Antwort.  Ihr  Brief  fiel  in  den 
Schlusz  des  Halbjahrs,  der  fOr  mich  mit  vielerlei  Geschäften, 
namentlich  einer  Reihe  von  Prüfungen,  verbunden  ist,  so 
dasz  ich  erst  jetzt  meine  Ferien  bekomme,  die  Andre  län^t 
angetreten  haben.  Am  meisten  aber  bedaure  ich  dasz  ich 
Ihnen  über  den  Gegenstand  Ihrer  Frage  nichts  erkleckliches 
melden  kann.  .  .  .  Ihre  Nachricht  von  der  Ankunft  eines 
Tochterleins   in  Ihrem  Hause  war  hier  neu  und  wurde  mit 

froszer  Theilnahme  vernommen.  Ich  erwiedere  sie  durch 
ie  von  der  am  2.  Sept.  stattgehabten  Hochzeit  der  Elise  S. 
mit  dem  Assessor  Jäger,  wozu  sich  eine  fast  80jährige 
jugendlich  rüstige  Groszmutter  des  Bräutigams  aus  Hanau 
eingefunden  hatte. .  .  .* 

31.    Hupfeld    an  J.  Grimm. 

,Marb.  19.  Jan.  1833.  Verehrter  Freund !  De  Wette  in 
Basel  trägt  mir  auf  ihm  einen  Philologen  für  deutsche 
Sprache  u.  Literatur  zur  Anstellung  an  der  dortigen  Uni- 
versität vorzuschlagen,  entweder  als  Lector  mit  300  Krön- 
thaler  oder  als  Professor  mit  400  Krthl.  Gehalt;  ersteres 
würde  man  zur  vorläufigen  Probe  vorziehen.  Er  soll  da- 
neben 6—8  Stunden  am  raedagog  Unterricht  geben.  Sehr 
passend  fUnde  man  es  wenn  er  zugleich  Lehrer  der  eng- 
lischen Sprache  werden  könnte.  Wäre  es  ein  Mann  von 
Geist,  so  würde  er  durch  Vorlesungen  über  deutsche  Literatur 
für  ein  gemischtes  Publicum  sich  viel  verdienen  künnen. 
Man  wünscht  aber  einen  gemäszigten  Mann,  keinen  Mittel- 
alters-Adepten und  enragiHen  Romantiker.  AnWackemagel 
in  Berlin  ist  schon  gedacht  u.  geschrieben.  Könnten  Sie 
mir  wohl  noch  einige  zur  Auswahl  nennen?  Denn  ich  bin 
mit  Niemand  der  Art  bekannt  . . .  Grüszen  Sie  die  Ihrigen 
herzlich ,  u.  besorgen  Sie  gefälligst  die  Inlage ,  die  mir  de 
Wette  zugeschickt  hat.  Von  ganzem  Herzen  der  Ihrige 
Hupfeld,- 

82.    Hupfeld   an   J.   Grimm. 

«Marburg  18.  Sept.  1837.  Anbei,  verehrter  Freund,  nach 
langer  Zeit,  währena  deren  ich  von  Jahr  zu  Jahr  vergebens 
hoffte  ein  wissenschaftliches  Lebenszeichen  von  mir  geben 
zu  können  u.  nur  darum  geschwiegen  habe,  endlicn  ein 
kleines  Stichen ,  das  freilich  wenig  Interesse  f^  Sie  haben 
kann,  da  es  einen  sehr  abstrusen  Gegenstand  in  trockner 
Form  behandelt,   das   ich  Ihnen  aber  doch  als  Fortsetzung 


y  Google 


268  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

einer  früher  mitgetheilten  Arbeit  glaubte  senden  zu  dürfen, 

in  Ermangelung   einer  beszem Mein  Bruder  rühmt 

sehr  die  Güte  die  er  in  Ihrem  Hause  erfährt    Auch  meinen 
herzlichen  Dank  dafür.  ..." 

38.    Hupfeld   an   J.   Grimm. 

.Marburg  1.  Dec.  1837.  Verehrter  Freund:  Herzlichen 
Dank  für  das  schöne  Geschenk  womit  Sie  mein  Haus  ge- 
segnet  haben:  Denn  ich  denke  dasz  es  ein  rechter  Haii»> 
schätz  werden  soll,  für  meine  Kinder  u.  für  die  Alten. 
Meine  Frau  kennt  sie  von  der  frühern  Ausjgabe  her  halb 
auswendig,  u.  hat  sie  schon  vielfach  den  Kindern  erzählt, 
wird  aber  hier,  wie  es  scheint,  auch  neue  Bekanntschaften 
machen;  u.  ich  selbst  gedenke  mich  mit  dieser  Welt  nun 
auch  etwas  vertrauter  zu  machen  als  ich  es  bisher  war; 
wie  ich  denn  überhaupt  in  reifern  Jahren  viel  in  meiner 
unpraktischen  Erziehungsweise  versäumtes  nachzuholen  habe, 
was  Glücklichere  zu  einer  günstigem  Zeit  sich  eingeprägt  n. 
eingebildet  haben.  Meine  Frau  wird  ihren  Dank  noch  selbst 
bei  Ihrem  Hm.  Brader  ausrichten.  —  Wollte  Gott  dasz  wir 
Ihren  freundlichen  Besuch,  womit  Sie  mir  die  angenehmste 
Überraschung,  die  mir  seit  lange  widerfahren  bereitet,  und 
die  sonst  öden  Ferien  auf  einen  Tag  belebt  haben,  auch  för 
Sie  etwas  belohnender  hätten  machen  können.  Aber  ich 
fürchte  nur  zu  sehr  dasz  Sie  nichts  gefunden  haben  was  Sie 
nur  einigermaszen  für  die  Mühen  der  Reise  hätte  ent- 
schädigen können,  u.  dasz  Sie  sie  bereut  haben.  Wie  oft 
habe  ich  die  Ungunst  des  Wetters  beklagt,  das  schon  den 
andern  Tag  so  schön  wurde  als  man  es  für  diese  Zeit 
wünschen  konnte;  aber  auch  mir  Vorwürfe  gemacht  dasz 
ich  die  wenigen  Stunden  Ihrer  Anwesenheit  so  schlecht  zu 
verwenden  verstanden  1  Möge  ich  bald  Gelegenheit  haben 
das  verfehlte  wieder  gut  zu  machen,  u.  Marourg,  sich  in 
einem  schönen  Lichte  zu  zeigen  u.  in  Ihrer  Phantasie  zu 
emeuem!  —  Seit  dem  Erscheinen  des  berüchtigten  Patents 
habe  ich  Ihrer  u.  der  Göttinger  Gollegen  überhaupt  viel 
mit  Sorgen  gedacht,  da  ich  von  Müller  gehört  hatte  dasz 
man  dort  keineswegs  sich  neutral  zu  halten  gesonnen  sei; 
und  diese  Sorge  ist  nun  zu  einer  ordentl.  Spannung  ge- 
steigert, seitdem  uns  die  Kunde  von  der  Protestation  der 
sieben,  worunter  wir  mit  Bewegung  auch  Ihre  Namen 
lasen,  überraschte.  Merkwürdigerweise  haben  sich  bei  dem 
Eindruck  den  diese  Nachricht  auf  mich  u.  meine  Fran 
machte,  die  Bollen  vertauscht:  meine  Frau  nahm  sie  mit 
ungemischter  männlicher  Freude  u.  Begeisterang  auf  (die 
ihr  freilich,  wie  Sie  sie  als  die  Tochter  ihres  Vaters  kennen 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Chrimm  n.  Htipfeld.  269 

werdeiii  überhaupt  eigen  ist);  ich  dagefi^en,  was  man  wohl 
nicht  von  mir  erwarten  sollte,  mit  dem  überwiegenden 
weibl.  Gefühl  der  Bangigkeit  n.  des  Schreckens  Sie  so  vor- 
gewagt u.  ausgesetzt  zu  sehen,  mitten  nnter  einer,  wie  es 
nach  allen  Zeitungsnachrichten  schien,  gleichgültigen  u. 
passiven  Masse.  Es  ist  zwar  inzwischen  der  Trost  ge- 
kommen dasz  der  Senat  überhaupt  als  Wahlkörper  seinen 
Protest  ausgesprochen  (u.  das  war  es  woraut  ich  ge- 
wartet hatte):  aber  von  andern  Corporationen,  namentl. 
den  Städten,  hat  bis  jetzt  nichts  sicheres  verlautet;  im 
Gegentheil  sind  die  Zeitungen  voll  von  den  in  einem  solchen 
Augenblick  widerlichen  Huldigungen  der  Siadter  u.  Bauern 
welche  die  Boise  des  Königs  berührt,  u.  woran  sich  jetzt 
sogar  eine  mir  nicht  recht  begreifl.  Deputation  der 
Universität  anschlieszt.  Möchte  das  hanoversche  Volk 
(wenigstens  derjenige  Theil  der  politisch  allein  in  Betracht 
kommen  kann)  diese  Prüfung  beszer  bestehen  als  ich  von 
ihm  u.  den  Deutschen  überhaupt  erwarte  u.  als  das  (für 
die  Ehrbegriffe  unsers  Adels  charakteristische)  Benehmen 
der  Minister  erwarten  läszt!  Die  Universität  hat  ihre 
politische   Ehre   bereits   glänzend  eingelöst,   u.  ein  Beispiel 

Segeben  das  die  herrschende  Meinung  von  den  deutschen 
elehrten,  namentl.  den  Göttinger  Professoren,  erfreul. 
widerlegt  —  wie  ich  denn  nicht  zweifle  dasz  was  in  Deutsch- 
land von  höherer  Ansicht  u.  Gesinnung  sich  findet,  sich 
hauptsächl.  in  diesem  Stande  finde,  u.  weit  mehr  als  in  dem 
sich  spreizenden  Staatsdienerstande.  Als  ein  solches  Zeichen 
u.  Beispiel  ist  mir  Ihre  Protestation  ein  Gegenstand  auf- 
richtiger Freude  u.  Bewunderung,  die  ich  mit  Müller  theile 
(der  sie  Ihnen,  wie  er  mir  sagt,  schon  ausgedrückt  hat),  u. 
ich  wünsche  dasz  es  nicht  ohne  Wirkung  u.  Nachfolge 
bleibe,  nicht  blosz  in  Ihrem  Lande,  sondern  auch  ander- 
wärts; ob  ich  gleich  ehrlich  bekennen  musz  dasz  ich  mich, 
in  einer  solchen  politischen  Frage,  wenn  ich  nicht  der  guten 
Gesellschaft  wegen  ein  übriges  gethan ,  mehr  auf  eine  rein 
defensive  Rolle  Deschränkt  nahen  würde,  u.  so  edles  Blut 
für  eine  Verfaszung  die  das  übrige  Volk  preisgibt  nicht  ohne 
Bedauern  aufs  Spiel  gesetzt  sehen  kann.  Got^ebe  dasz  Sie 
viele  Mitstreiter  finden,  wodurch  allein  der  Wurf  gelingen 
kann,  vor  allen  aber  dasz  der  Muth  womit  Sie  sich  aus 
Ihrer  stillen  Werkstätte  in  diesen  Kampf  geworfen  haben, 
Ihnen  auch  femer  unerschüttert  zur  Seite  stehe  u.  Sie  mit 
Freudigkeit  u.  Kraft  zur  Ausdauer  erfülle,  u.  dasz  alles  zu 
einem  iriedlichen  Ausgang  komme!  Unsre  Wünsche  und 
Gebete  begleiten  Sie.  —  Noch  in  der  fatalen  Gesangbuchs- 
geschichte  begriflen  u.   durch   das  Drängen  des  Minist,  zu 


y  Google 


270  Anmerkangen  za  B.  I  S.  280. 

Zusammenraffen  aller  Zeit  zur  Beendigung  derselben  ge- 
nötkigt,  musz  ich  mir  hier  Einhalt  thun,  u.  es  bei  so  un- 
genügenden Äuszerunffen  wie  die  obigen  bewenden  laszen. 
so  gern  ich  mich  auch  über  ein  so  wichtiges  Thema  etwas 
weiter  ausliesze,  jetzt  da  es  für  so  verehrte  theure  Freunde 
eine  persönliche  Beziehung  bekommen  hat  Ich  hoffe  es 
ein  andermal  zu  thun,  u.  kann  einstweilen  nur  noch  die 
Bitte  hinzufügen  dasz  Sie,  wenn  ich  Ihnen  bei  dieser  Ge- 
legenheit etwas  mattherzig  erscheine,  besonders  im  Vei^eich 
mit  dem  was  selbst  Fremde  (ich  lese  eben  in  der  Zeitung 
von  einer  Hamburger  Addresse)  Ihnen  zuzurufen  sich  ge- 
drungen fühlen,  weder  an  meiner  politischen  Gesinnung 
noch  an  meiner  Liebe  u.  Ergebenheit  irre  werden  mögen. 
Ich  fühle  allerdin^  einen  gewissen  Zwiespalt  der  Gef&hk 
in  mir,  über  den  ich  noch  nicht  ganz  im  reinen  bin,  von 
dem  ich  mir  aber  wenigstens  so  viel  bewust  bin  dasz  er 
weder  aul'  etwas  Unlauterm  noch  auf  politischer  Feigheit 
beruht.  —  Leben  Sie  wohl,  grüszen  Sie  herzl.  Ihren  Serm 
Bruder  (von  dessen  Befinden  Ihr  Brief  nichts  erwähnt)  u. 
bleiben  Sie  gewogen  Ihrem  treu  ergebenen  Hupfei  d.* 

34.    Hupfeld   an   J.   Grimm. 

„Marburg  27.  April  1838.  Verehrter  Freund!  Wie  viel 
wir  diesen  Winter  an  Sie  gedacht  u.  von  Ihnen  gesprochen 
haben,  werden  Sie  mir  leicht  glauben,  wenn  ich  auch  nicht 
dazu  gekommen  bin  Ihnen  meine  Theilnahme  schriftlich 
zu  bezeugen.  Ich  dachte  wohl  zuweilen  daran,  u.  es  drängte 
mich  von  Zeit  zu  Zeit  dazu:  aber  (abgesehen  davon  daaz 
Schreiben  wie  Handeln  bei  mir  schwer  vom  Gedanken  zur 
That  wird)  hielt  mich  immer  wieder  ein  Gefühl  ab  dasz 
Sie  in  dieser  Sache  vom  deutschen  Publicum  nur  gar  zu 
viel  Phrasen  bei  kahler  That  haben  über  sich  ergehen lazsen 
müszen,  u.  ich  gedachte  wenigstens  das  Gedränge  sich  erst 
verlaufen  zu  laszen,  wozu  bei  uns  nicht  viel  Zeit  gehört 
Mittlerweile  hat  sich  die  Sache  auf  eine  so  traurig  und 
meine  finstem  Erwartungen  noch  überbietende  Weise  ge- 
staltet ,  dasz  man  kaum  den  Ekel  überwinden  kann  von 
den  Dingen  zu  sprechen  die  dabei  zum  Vorschein  gekommen 
sind.  Wenn  ich  in  meinem  letzten  Briefe  Zweifel  äuszerte 
ob  Ihr  Schritt  nicht  zu  weit  ge^ngen  sei,  u.  darüber  noch 
eine  weitere  Erörterung  in  Aussicht  stellte ,  so  ist  mir  jetzt 
diese  Frage  durch  die  Ereignisse  ziemlich  in  den  Hinter- 
grund geschoben.  Ich  hatte  mir  damals,  gleich  nach  Er- 
scheinung des  Patents  als  ich  dadurch  eine  so  ernste  Ent- 
scheidungsfrage auf  den  Frieden  meiner  Göttinger  Freunde 
u.  Collegen  losrücken  sah,   eine  Lösung  ausgedacht  die  die 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  n.  Hapfeld.  271 

Fra^e  vom  Qebiete  des  Gewiszens  auf  das  des  Rechte  u.  der 
Nationalehre  schob,  u.  die,  wenngleich  nicht  mir  u.  meines- 
gleichen, doch  allen  denen  die  sich  um  Yerfasznng  u.  d^l. 
nicht  zu  bekümmern  gewohnt  sind,  zu  Gute  kommen,  u.  in 
diesem  Conflict ,  dessen  gleichen  ich  in  meiner  Jugend  in 
nnserm  Vaterland  an  der  Eindrän^ng  einer  unrechtmäszigen 
Fremdherrschaft  erlebt  hatte,  die  Gewissen  schonen  sollte. 
Ich  mag  dabei  leicht  zu  weit  gegangen  u.  zum  Theil  durch 
den  Widerspruch  gegen  einen  unnützen  Schwätzer  in  meiner 
Nähe  dahin  getrieoen  worden  sein :  Aber  es  liegt  mir  jetzt 
fem  mein  Recht  oder  Unrecht  zu  untersuchen,  nachdem  auf 
der  Gegenseite  solche  Thaten  geschehen  u.  Reden  gefallen 
sind,  die  das  tiefste  Rechts-  u.  Ehrgefühl  empören  müszen. 
Damals  hatte  das  Patent  in  meinen  Augen  noch  einen  ge- 
wissen Schein  u.  Anstand  einer  politischen  Rechtssache: 
aber  nachdem  nun  dieser  so  schnöde  abgeworfen  u.  alle 
Würde  u.  Ehre  verläugnet  worden:  wer  möchte  noch  dar- 
über rechten  ob  solcher  Macht  gegenüber  der  rechtmäszige 
Widerstand  etwa  zu  früh  oder  zu  wenig  schonend  gewesen 
sei?  Was  ist  zu  scharf  gegen  einen  solchen  Feind?  Und 
was  ist  unter  solchem  Re^^ent  an  der  Universität  zu 
ruiniren?  Wer  kann  hiebei  an  ein  Gedeihen  einer  solchen 
Anstalt  denken?  Wenn  man  nun  aber  ffar  sieht,  welche 
Grundsätze  bei  dieser  Gelegenheit  in  dem  gepriesenen 
Preuszen  sich  nicht  g[eschämt  haben  hervorzutreten  (wie  in 
dem  Briefe  des  Ministers  Rochow  an  die  Elbinger):  dann 
entdeckt  man  erst  die  ganze  Bodenlosigkeit  unseres  öffentl. 
Zustands  u.  die  weite  Kluft  zwischen  Regierenden  u.  Regierten, 
deren  Gemeinschaft  selbst  einer  nothdürftigen  moralischen 
Basis,  geschweige  einer  rechtlichen,  zu  entbehren  scheint. 
Es  hat  mir  von  AnfiEing  nichts  gutes  geahnt,  aber  so  rohu. 
schlimm  dachte  ich  mirs  nicht.  Der  Friedensstand  deckt 
das  Elend  zu  u.  wiegt  in  Sicherheit,  aber  jede  Bewegung, 
jede  irgend  entschiedene  That  die  aus  dem  ^gewöhnlichen 
Geleise  heraustritt,  zieht  es  schreiend  ans  Licht.  Solche 
Enthüllungen,  die  das  herrschende  öffentliche  Lügensystem 
unterbrechen,  mögen,  wie  alle  auch  die  traurigste  Wahrheit, 
zur  Entwickelung  dienen  u.  sofern  heilsam  sein :  nur  sehe 
ich  eben  keine  Entwickelung  vor  uns  deren  wir  uns  zu 
freuen  hätten.  Wo  auf  beiden  Seiten  so  wenig  Rechtlichkeit 
u.  moralische  Kraft  ist  als  sich  bei  jeder  Gelegenheit  zeijgft, 
was  kann  da  am  Ende  der  Ausgang  anders  sein  als  eine 
wüste  Revolution?  Solche  Betrachtungen  u.  Erfahrungen 
über  unsem  öffentlichen  Zustand  müszen  Ihnen  Ihr  eignes 
Unglück,  das  an  sich  schon  hart  genug  ist,  noch  bedeutend 
erschwert    haben,   ja  es  ist  vielleicht  für   Sie   grade   das 


y  Google 


272  Anmerknngen  zu  B.  I  S.  280. 

schwerste  dabei  gewesen.    Doch  tröste  ich  mich  noch  einiger- 
maszen  damit  dasz  Ihre  Ansicht,  nach  frühem  Erfahrungen 
zu  schlieszen,   vielleicht  eine  wenig:er  hypochondrische  und 
hoffidongsvoUere    ist    als    die   meinige,   n.   dazn  wollte  idi 
Ihnen  denn  jetzt  mehr  als  je  Glück  wünschen.   Ihre  persOnL 
Lage  betreffend,   bin  ich  auch  nicht  so  hofihnn^los  als  in 
jener   öffentl.    Hinsicht.    Ich   kann  mir  unmöglich  denken 
dasz,  wie  auch  die  Gesinnungen  der  Regenten   sein  mö^ren, 
man  noch  lange  übers  Herze  bringen  wird  Sie  und  Ihre  Ge- 
fährten in  dieser  Lage  zu  laszen.    Der  Scandal  ist  zugroez, 
das  Princip   zu   erbärmlich   u.   unhaltbar,   u.  der  deutsche 
Charakter  nicht  schroff  genug  um  das  schlechte  u.  von  der 
öffentlichen  Stimme  Terworfene  auf  die  Länge  zu  behaupten. 
Auch    ist  nun   durch    die    Entschloszenheit   der   Wüi^em- 
bergischen   Regierung  schon   ein   Loch   in   das  Sjstem  ge- 
macht.   Das  wird   hoffentl.  der  Unentschloszenheit  anderer 
einen   Impuls   geben  und  baldige  Nachfolge  finden,  da  bei 
uns,   wo   in   der  erbärmlichsten  u.  unbedenklichsten  Sache 
niemand  gern  vortreten  u.  das  Signal  geben  will,  der  erste 
Schritt   das  schwerste  ist.    und  dann,  wie  wenig  ich  auch 
von   der   Rechtlichkeit  der  Regierungen  u.  des  Bundes  er^ 
warte,  kann  ich  doch  nicht  umhin  zu  denken  dasz  der  Herr 
Bruder  von  Hannover,   der  alle  Tricks   eines  Orangisten- 
häuptlings  entwickelt,  es  ihnen  doch  zu  bunt  treibt,  u.  den 
Skandal  —  den  man  bei  uns  mehr  als  alles  andre  scheut  — 
zu  grosz  macht,  als  dasz  sie  auf  die  Länge  Gefallen  daran 
finden   könnten,   u.   sich   nicht   am   Ende   bewogen  finden 
sollten  dem  Skandal  durch  irgend  eine  Verwickelung,  wie 
sie   auch  ausfallen  ma^,  ein  Ende  zu  machen;   wobei  man 
doch  auch  die  Universität  nicht  leicht  vergeszen  würde,  da 
eben  ihr  Zustand  einen  Haupttheil  des  Skandals   ausmacht 
u.   sie   zu   bedeutend  n.  wohlgelitten  bei  den  Machthabem 
ist  als  dasz  sie  übersehen  werden  könnte.    Parlamentarisch 
scheinen  nun  auch   die  Halbheiten  u.  Vermittelungen ,   die 
die  Sache  zu  verderben  drohten,  sich  ausgespielt  zu  haben 
u.   die  Sache  nun  wirkl.  auf  den  Punct  gekommen  zu  sein 
wo   man   sie   von   Anfang  wünschen  muste ,  so  dasz  nichts 
übrig  zu  sein  scheint  als  ein  ^uszerstes,  also  Skandal,  den 
man  eben  vermeiden  wollte.    Wenn  es  erst  da  ist,   ist  mir 
für  das  weitere  nicht  mehr  bang.  .  .  —  Da  nun  die  schöne 
Jahreszeit  im   Anzüge   ist,   so  wiederholt  sich  bei  mir  der 
schon  in  dem  letzten  Brief  geäuszerte  Wunsch,  dasz  Sie  die- 
selbe zu  einem  Besuche  bei  uns  verwenden  möchten,  unter 
den  gegenwärtigen   Umständen  um  so  mehr.    Bickell  wird 
um  Pfin^ten,   also  gerade  in  der  schönsten  Zeit,  herreisen. 
Haben  Sie  nicht  Lust  ihn  zu  begleiten,  oder  die  Zeit  während 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  n.  Hnpfeld.  273 

seines  Hierseins,  etwa  die  Pfingstwoche,  wo  wir  überdies 
Ferien  haben,  dazn  zu  wählen?  Anch  wäre  Ihnen  wohl 
eine  kleine  Abwechselung  in  Ihrem  jetzigen  Aufenthalt,  der 
eine  schwüle  Atmosphäre  haben  mnsz,  wohlthätig.  ...  — 
Hassen^flng  bitte  ich  zu  grüszen ,  der  mir  zwar  anf  meinen 
Brief  nicht  geantwortet  hat,  aber  hoffentlich  mir  nicht  böse 
ist.  Sein  Schicksal  macht  mir  die  gröszte  Sorge ,  n.  ich  er- 
kenne anch  darin  den  bOsen  kleinlichen  Geist  der  jetzigen 
Zeit,  die  für  einen  Mann  von  seiner  Kraft  keine  Stelle  hat, 
weil  er  —  das  unverzeihliche  Verbrechen  begangen  hat  sich 
nicht  mit  Füszen  treten  laszen  zu  wollen.  (Vgl.  unten  S.  288]. 
Bleiben  Sie  gewogen  Ihrem  getreuen  H.  Hupfei d.* 


85.    J.   Grimm   an  Hupfeld. 

;,Lieber  freund ,  eine  äulserung  Bickells  macht ,  dafs 
ich  nicht  erst  seine  nahe  reise  nach  Marburg  abwarte  und 
ihm  die  herzlichsten  freundschaffcsversicherungen  an  Sie 
auszurichten  aufbrate,  sondern  gleich  auf  der  stelle  einige 
Zeilen  enteende,  die  Ihnen  hoffentlich  alles  mistrauen  be- 
nehmen. Ich  hätte  Ihren  letzten  brief  vom  27.  apr.  und 
den  viel  früher  empfangnen ,  in  welchen  beiden  Sie  die 
offenste  theilnahme  an  unserm  geschick  so  wohlthuend  dar- 
legen, längst  beantwortet,  wenn  ich  zum  briefschreiben  auf- 
gelegter und  fähiger  gewesen  wäre,  und  nicht  andere  ge- 
schälte (auch  ein  fertig  zu  machendes  buch)  auf  mir  ge- 
lastet, vielfache  Störungen  mich  unterbrochen  hätten.  Ihre 
liebe  und  Zuneigung  ist  mir  von  länge  her  zu  werth,  als 
dafs  ich  sie  venetzen  könnte  oder  fahren  lassen  möchte, 
wenn  auch  jetzt  einige  meinungsverschiedenheit  zwischen 
uns  sich  hervorthun  sollte ,  wie  mir  scheint  eine  weit  ge- 
ringere, als  sie  wirklich  in  dieser  zeit  von  einigen  mir  sehr 
nahen  und  theuem  freunden,  ja  verwandten  [Vgl.  II  184  f.] 
geäufsert  worden  ist.  An  Ihnen  kenne  und  schätze  ich  eben, 
dafs  Sie  allem  schlechten  und  aller  Ungerechtigkeit  und  lüge 
von  grund  aus  zürnen,  und  so  wüste  ich  gar  nicht,  wie  die 
Sache  meiner  gegner  Ihnen  nur  irgend  gefallen  könnte. 
Meine  innerste  gesinnung  vor  der  weit  darzulegen  bin  ich 
nun  bewogen  und  gedrängt  worden,  ich  brauche  darum 
wenig  über  mich  hinzuzufügen,  sondern  habe  mir  nur  von 
dem  eindruck  rechenschaft  zu  geben  den  die  urtheile  ande- 
rer redlicher  leute  auf  mich  machen.  Da  finde  ich  denn^ 
um  von  der  beistimmung  zu  schweigen,  die  freigesinnte 
unserm  schritt  geben ,  dafs  die  partei  der  monarchisten 
zwar  nicht  verkennen  kann,  dafis  wir  grund  und  antrieb  ge- 
E.  Steoffel.    Acten  der  Brüder  Orlmm.  lg 


y  Google 


274  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

nng  hatten  zu  handeln,  aber  die  verschiedensten  bedingnn- 
gen  aufstellt,  an  die  wir  uns  hätten  binden  müssen,  alles 
aus  furcht  und  scheu,  es  möchten  revolutionaire  gefahren 
daraus  entspringen.  Es  hat  sich  in  den  letzten  zehn  oder 
fün&ehn  janren  ein  so  überfeines,  parfümirtes  nnd  unnatür- 
liches System  von  monarchismus  festgesetzt,  das  nicht  den 
gesundesten  kämpf  gestattet,  und  nerdich  von  einem  preofs- 
ischen  minister,  gegen  welchen  im  ganzen  königreick  keine 
einzige  stimme  laut  zu  werden  wa^  so  widrij^  zur  schau  ge- 
tragen wird,  dafs  man  ordentlich  &oh  sein  sollte,  wenn 
durch  unsere  sache  die  unverjährbaren  rechte  der  mensch- 
lichen natur,  allem  bösen,  woher  es  auch  komme,  zu  wider- 
streben, gestärkt  und  hervorgehoben  werden.  Wozu  ein- 
gebildete gefahren  fQrchten,  wenn  das  gegenwärtige  leben 
schon  in  einem  zustande  unsäglicher  knechtschaft  befangen 
ist,  in  dem  zu  verharren  wahrlich  keine  wohlthat  sein 
kann?  Der  himmel  läfst  den  unfag  und  die  anmaCsung 
der  Römer  in  der  catholischen  sache  als  ein  zweites  zeichen 
hart  daneben  erscheinen,  um  uns  Deutschen  die  äugen  zu 
öfnen,  dafs  unsere  regierungen  endlich  wieder  freier  und 
mannhafter  verfahren  müssen  und  das.  gängelnde  system 
aufgeben,  das  sich  weder  für  die  unterthanen  noch  für  die 
fürsten  der  heutigen  weit  schickt.  Ich  heifse  die  rohen 
und  gewaltsamen  neuerungen  nicht  gut,  aber  eben  so  wenü^ 
billige  ich  die  aufrechterhaltung  des  abgelebten  durch 
jesuitische  lügen  und  kunstgriffe;  Gott  lälst  überall  und 
immer  keime  des  besseren  aufgehn,  über  die  wir  uns 
freuen  und  die  wir  hegen  sollen.  Solche  keime  sind  auch 
in  die  ständischen  Verfassungen  gelegt,  es  ist  eine  neue 
noch  unscheinbare  frucht  die  aber  für  die  felder  taugen 
kann,  auf  welchen  der  alte  same  entartet  ist.  —  Die  uns 
in  Göttingen  schelten  dafs  wir  zu  früh  und  unzeitig  ge- 
redet, die  hätten  sicher  auch  später  das  maul  gehalten, 
und  wären  um  so  schmiegsamer  geworden,  wenn  wir  ^ 
schwiegen  hätten ;  jetzt  verleiht  ihnen  unser  beispiel  einige 
aber  gefahrlose  scheinstärke,  wer  sich  den  eidbruch  auf- 
bürden läfst,  was  hätte  sich  der  wider  die  wähl  gesträubt; 
jene  anmutung  war  viel  factischer  und  aufregender,  ich 
preise  Gott,  dafs  er  uns  regiert  hat,  daCa  wir  geretde  zur 
rechten  zeit  den  rechten  fleck  getroffen  haben ;  seine  gnade 
wird  nicht  nur  mit  uns  sein ,  er  wird  auch  segen  in  die 
folgen  und  Wirkungen  unserer  that  legen ,  die  kein  licht 
zu  scheuen  brauchte.  Wir  sind  ruhig  und  getrost.  —  Wil- 
helm grüfst.  jspiilfsen  Sie  Ihre  frau,  und  behalten  Sie  mich 
lieb    Jacob  Gnmm.  — »  15  mai,  abends  11  uhr*. 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  n.  Hapfeld.  275 

36.  Hapfeld  an  J.  Grimm. 
«...  Meinen  herzlichen  Dank  fQr  Ihren  letzten  tröstlichen 
Brief. . . .  Ich  war  dieses  Trostes  sehr  bedürftig,  da  mir  der 
Gedanke  Ihre  Gnn^t  oder  wohl  gar  Ihr  Vertrauen  verloren 
zu  haben  zu  unerträglich  war ;  u.  ich  hatte  grade  in  jenen 
Tagen  mehrmals  Briefe  an  Sie  angefangen,  um  Sie  selbst 
um  ein  tröstliches  Wort  zu  bitten,  aber  wieder  unterdrückt 
weil  ich  Sie  immer  noch  nicht  sanft  genug  angefaszt  zu 
haben  glaubte,  und  neuen  Entwürfen  Raum  gegeben,  als  mich 
Ihr  Brief  zu  meiner  nicht  geringen  Freude  all  dieser 
Sorgen  enthob.  Ich  hatte  mir  nämlich  —  ich  weisz  nicht 
recht  warum  —  Ihre  Stimmung  so  gedacht,  dasz  Sie,  im 
Bewusstsein  des  reinen  groszen  offen  vorliegenden  Princips 
Ihrer  That  aller  ErOrtening  darüber  abgeneigt  wären  — 
wie  man  ja  grade  das  was  aus   dem   tiefsten  Uerzensdrang 

f^ekommen  ist  am  wenigsten  beschwätzen  u.  sich  bekriteln 
aszen  mag  —  ja  wohl  auch  durch  Ihr  Unglück  in  diesem 
Punct  reizoar  geworden.  Ich  hatte  längst  meine  Pedan- 
terie verwünscht,  dasz  sie,  nichts  bprgen  könnend,  in  mei- 
nem ersten  Briefe  den  Ausdruck  meiner  aufrichtigen  Be- 
wunderung sich  nicht  hatte  enthalten  können  eine  Mäkelei 
über  die  Form  beizumischen,  durch  die  ich  mich  hatte 
stören  lazsen,  ob  wohl  wiszend,  dasz  eine  grosze  That  sel- 
ten ganz  formgerecht,  u.  umgekehrt  aus  kritischen  Form- 
erwägungen selten  eine  grosze  That  hervorgeht.  Zu  mei- 
ner Entschuldigung  darf  ich  sagen .  dasz  die  kritische 
Regung  hier  hauptsächlich  aus  der  Liebe  stammte,  zu 
den  Männern  nämlich  die  ich  eben  durch  die  ge- 
wählte Form  ohne  Noth  u.  vielleicht  ohne  Nut^n 
so  viel  preisgeben  sah. . . .  Besonders  war  mirs  ein  trauriger 
Gedanke,  eine  stille  nur  den  Heiligthümem  unsrer  Vorzeit 
geweihete  Werkstätte  (deren  Frieden  auch  in  Ihrer  letzten 
Flugschrift  so  rührend  vor  die  Seele  des  Lesers  tritt)  nun 
durch  die  Kämpfe  des  Tages  gestört,  u.  ihre  Priester  in 
die  wüste  Welt  hinausgeworßn  u.  dem  Kampf  um  eine 
neue  Existenz  ausgesetzt,  denken  zu  müszen.  In  dieser 
Hinsicht  bin  ich  nun  schon  durch  Ihre  Flugschrift  sehr  be- 
ruhigt worden,  aus  der  ein  starker  muthiger,  von  der 
Gnaae  der  Machthaber  nichts  hoffender  u.  nichts  fürchten- 
der Sinn,  u.  mehr  Theilnahme  an  den  Angelegenheiten  der 
Gegenwa^  u.  den  Kämpfen  des  Tages  als  man  erwarten 
konnte  hervortritt.  Meine  Einwürfe  gegen  die  Form  der 
Protestation  waren  bereits  durch  die  folgenden  Ereignisse 
u.  die  moralische  Indignation  die  sie  erwecken  müssen, 
ziemlich  in  den  Hintergrund  getreten,  da  einem  solchen 
Feinde  gegenüber  der  offenste  Angriff  der  paszendste  er- 

18* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


276  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  280. 

Bcbeint.  Aus  Ihrer  u.  Dahlmanns  Schrift  aber  ersah  ich 
zugleich  dasz  zwei  Hauptbedenken  auf  falscher  facüscher 
Voraussetzung  beruhten.  Die  erste  war,  dasz  der  Zweck 
der  Protestation  auf  die  Veröffentlichung  mitberechnet  ge- 
wesen sei,  um  ein  Beispiel  zur  Nachfolge  zu  sreben:  da  sich 
nun  evident  ze\gt  dasz  eine  solche  nicht  beabsichtigt,  son- 
dern rein  zufälng  ^ewe8en.  Die  zweite,  dasz  durch  dieses 
zu  frühe  Vortreten  u.  Ausscheiden  der  besten  Elemente 
aus  der  Masse  eine  Vereinbarung  zu  gemeinsamem  Han- 
deln vereitelt  worden  sei :  während  ich  nun  sehe  dasz  an 
eine  solche  schon  damals  nicht  mehr  zu  denken  u.  Gefahr 
bei  längerm  Verzuge  war.  .  .  .  Dasz  in  dem  engem  Kreise 
Ihrer  Freunde  Ihr  Schritt  auf  wesentliche  Meinungsver- 
schiedenheit gestoszen  ist,  war  mir  unerwartet  und  betrü- 
bend. Wenn  ich  freilich  an  die  Aeuszerungen  des  poli- 
tischen Wochenblatts  denke,  mit  dem  doch  wohl  mehrere 
dieser  IVeunde  zusammenhängen,  so  hätte  ich  auch  dies 
leicht  denken  können.  Ich  musz  aber  gestehen  dasz  eben 
diese  Aeuszerungen  des  pol.  Wochenblatts  so  wie  die  ganze 
Rolle  die  es  in  der  Hannoverschen  Sache  gespielt  hat,  för 
mich  zu  den  betrübendsten  Erfahrungen  dieser  Zeit  gehö- 
ren. Ich  kann  zwar  nicht  rühmen  dasz  ich  dem  darin  sich 
spreizenden  Junkerthum  u.  Monarchismus  volle  Zuneigunjg 
u.  Vertrauen  hätte  schenken  können  —  es  geht  mir  damit 
wie  mit  so  manchen  Aeuszerungen  heutiger  Frömmigkeit 
u.  Orthodoxie:  sie  sind  mir  zu  gepfeffert  u.  sublimirt  oder, 
wie  Sie  es  nennen,  zu  parfumirt,  als  dasz  ich  so  etwas  für 
ehrliche  u.  gesunde  Überzeugung  halten  u.  erwarten  könnte 
sie  auch  in  der  Praxis  bethätigt  zu  sehen.  Ich  freute  mich 
eigentl.  nur  des  Gegensatzes  darin  ge^en  die  traurige  Mo- 
notonie des  Liberalismus  in  den  öffentlichen  Blättern  u.  be- 
sonders der  Preuszischen  Bureaukratie  u.  Hierarchie,  die 
m.  W.  sonst  durch  keine  einzige  einigermaszen  lebendige 
Stimme  in  diesem  groszen  Reiche  unterbrochen  wird.  Aber 
eine  solche  niederträchtige  freche  Verläugnung  alles  Rechts- 
u.  Ehrp^efÜhls  hätte  ich  doch  nimmermehr  erwartet  Seit 
der  Zeit  sehe  ich  das  Blatt  nicht  mehr  an :  das  niquanteste 
Gerede  ist  mir  in  einem  ehrlosen  Munde  gleichgültig,  u. 
wenn  ich  Gelegenheit  hätte,  ich  würde  ihnen  zurufen:  tur- 
nirt  nur  immer  hin  ihr  Cavaliere,  für  eure  auserwählten 
Cirkel,  aber  ein  ehrlicher  Mann  hebt  euch  keinen  Hand- 
schuh mehr  auf.  Wenn*s  noch  eine  Gerechtigkeit  jdbt,  so 
kann  solche  Frechheit  nicht  ungestraft  bleiben.  Was  Sie 
über  diesen  unlautem  krankhaften  Monarchismus  des 
neuesten  Schnitts  sagen,  ist  mir  ganz  aus  dem  Herzen  fe- 
sprechen,  ebenso  wie  der  Zweifel  ob  denn  der  gegenwärtige 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hapfeld.  277 

Zustand  solche  z&rÜiche  Aengste  vor  jeder  Bewegnnff  auch 
nur  verdient  u.  entschuldigt.  —  In  der  katholischen 
Angelegenheit  denke  ich  etwas  anders  weil  ich  in  Ehe- 
sachen die  Rechte  der  Kirche ,  auch  der  protestantischen, 
von  dem  Staate  seit  lanjge  misachtet  sehe,  u.  es  schon 
recht  ist  wenns  darüber  einmal  Geschrei  gibt.  Erst  dieser 
Rechtspnnct  swischen  Staat  u.  Kirche  fest^i^setzt  u.  der 
Kirche  gegeben  was  der  Kirche  ist,  dem  Staat  was  dem 
Staate  ist;  dann  erst  ist  die  Zeit  mit  der  katholischen 
Kirche  für  gemischte  Ehen  zu  vertragen,  wozu  es  jetzt  noch 
am  gehörigen  Fundamente  fehlt.  Lieber  Civilehe,  wenns 
nicht  anders  ist,  als  durch  Staatsgesetze  erzwungene  Idrchl. 
Weihe. . . .  Von  Herzen  der  Ihrige  Hupfeld.  M.  30.  Mai  1838.* 

37.    J.  Grimm  an  Hupfeld. 

»Cassel  28  aug.  1838.  Lieber  freund,  Als  ich  zuanfang 
dieses  monats  hierher  zurückkehrte,  betrübte  es  mich  zu  hören, 
dals  Sie  krank  geworden  und  in  ein  bad  gereist  seien. 
Neuerdings  wird  mir  jedoch  Ihre  heimkunft  und  besserung 
gemeldet.  Möf[en  Sie  bald  vollends  hergestellt  seini  — 
V  on  mir  kann  ich  wenig  sagen,  aufser  dais  ich  gesund  und 
beherzt  bin;  das  gilt  auch  von  Wilhelm.  Wir  wollen  un- 
bekümmert darum,  was  die  Welt  mit  uns  vorhat,  selbst 
vor  den  rifs  stehen.  Wir  haben  uns  in  eine  grofse,  weite 
arbeit  eingelassen,  die  uns  auch  äufserlich  halt  und  stütze 
gewähren  soll,  wir  denken  ein  ausfQhrliches  deutsches  Wör- 
terbuch von  Luther  an  bis  zu  Göthe  zu  unternehmen  und 
haben  es  schon  mit  einem  Verleger  (Weidmann  in  Leipzig) 
verabredet.  Alle  Schriftsteller  sollen  dafür  gründlich  aus- 
gezogen werden.  An  gelehrten  und  tüchtigen  mitarbeiten! 
soll  es  dabei  nicht  fehlen ,  und  kommt  die  sache,  wie  ich 
hoffe,  in  rechten  zug,  so  wollen  wir  froh  sein,  dafs  unsere 
muTse  und  unser  beruf  dazu  nicht  durch  amtslast  ge- 
schmälert  wird.  Soviel  trotz  fßhle  ich  dann  auch  in  mir, 
dafs  ich  den  verspäteten  antragen  absage.  —  Da  Sie  Ihre 
Vorlesungen  jetzt  doch  nicht  wieder  aufnehmen,  will  ich 
Sie  mit  einer  kleinigkeit  bemühen.  In  Hermanns  verzeichn. 
der  marbnrger  hss.  steht  2,  38,  dafo  der  cod.  D.  21  einen  mir 
unbekannten  tractat  des  Jacobus  de  Clusa  ^de  super- 
stitionibus'  enthalte.  Haben  Sie  einmal  eine  viertel 
stunde  lust  und  mufse,  so  sehn  Sie  doch  zu,  ob  es  nur  fdl- 
gemeine  theologische  betrachtungen  über  Zauberei  und 
aberglaube  sind  (wie  ich  vermute),  oder  ob  einzelne  super- 
stitionen  beschrieben  werden.  Im  letzten  fall  könnte  mich 
die  abhandl.  interessiren.  —  p.  8  hält  Hermann  die  cleri- 
calis  disciplina  des  Alfonsus  für  ungedruckt     Sie   ist    von 


,y  Google 


278  Anmerkungen  za  B.  I  S.  280. 

Fr.  Wh.  Val.  Schmidt  Berlin  1827  herausgegeben  und  xwei 
jähre  später  noch  einmal  zu  Paris  erschienen.  —  Sein  Sie 
mit  Ihrer  frau  gegrüfüst  und  halten  sich  frisch.  Bickell 
verzärtelt  sich  immer  noch  ein  wenig.    Jacob  Ghrimm. ' 

88.    Hupfeld  an  J.  Grimm. 

nMarbur^  15.  Dec.  38.  Verehrter  Freund!  Anbei  wie- 
der einmal  ein  Fragment  in  meiner  alten  Weise. . . .  Durch 
Ewalds  dringende  Bitten  um  einen  Beitrag  ftlr  seine  Zeit- 
schrift veramaszt,  glaubte  ich  allerdings  etwas  zu  liefern 
was  auch  fClr  Japhethische  Philo! o^n  Interesse  haben 
würde.  Es  war  zwar  nichts  als  eine  kl.  Tafel  der  ge- 
bräuchlichsten Sem.  Pronominal bildungen. . . .  Aber  meine 
Pedanterie  konnte  sich  wieder  nicht  enthalten   nach   einer 

Vollständigkeit  zu  streben  auf  die  ich  nicht  gerüstet  war 

So  kommt  mir  denn  die  Arbeit  in  dieser  Gestalt ,  unge- 
achtet aller  Mühe  die  ich  daran  verschwendet,  viel  schlech- 
ter vor  als  in  ihrer  ursprüngl.  Gestalt. . . .  Die  Sache  spinnt 
sich  mir  unter  den  Händen  so  aus,  dasz  ich  wahrscheinlich 
noch  einen  dritten  Artikel  werde  hinzanehmen  müszen  um 
fertig  zu  werden.  Ihre  Entwickelung  der  Deutschen  Pro- 
nomina im  3.  B.  der  Gramm,  (den  ich  zu  meiner  Schande 
bis  jetzt  noch  ungebraucht  da  stehen  hatte)  habe  ich  nun 
auch  gelesen,  u.  fühle  mich  zieml.  beschämt  mit  meiner 
Armuth  so  breit  gethan  zu  haben.  —  Im  vorigen  Sommer 
bin  ich  während  meiner  Krankheit  wo  ich  grösztentb.  nur 
leichtere  Lesereien  treiben  durfte,  an  die  deutsche  Helden- 
sage, n.  dadurch  an  die  nordische  Sage  gekommen,  u.  da 
ich  eine  Vorliebe  för  diesen  Zweig  der  deutschen  Helden- 
poesie gefaszt  habe,  so  dasz  ich  mich  darin  heimisch  zu 
machen  wünsche,  so  habe  ich  mich  auch  an  die  nordischen 
Sprachen  gemacht  (die  altnordische  nach  Ihrer  Grammatik), 
u.  ich  will  nun,  da  ich  einmal  daran  bin ,  soviel  meine 
nähern  Berufsstudien  erlauben,  sachte  im  Studium  der  alt- 
nordischen Literatur  fortfahren,  an  deren  Einjo^nge  ich 
stehe.  Hierbei  vermisse  ich  nun  vor  allen  Dmgen  die 
Sämundische  Edda,  die  auf  der  hiesig,  ßibl.  fehlt Viel- 
leicht ist  aber  was  uns  hauptsächl.  noth  thut  mit  wenigen 
Namen  genannt,  die  Sie  die  Güte  hätten  mir  an  Hand  zu 
geben.  Auch  möchte  ich  wissen  ob  die  dänischen  Kjämpe 
Yiiser  in  einer  neuen  Ausg.  erschienen  sind,  wie  ich  mich 
gelesen  zu  haben  erinnere.  —  Endl.  noch  eine  Frage :  Ken- 
nen Sie  eine  Sammlung:  Rerum  Hibernicarum  scriptores 
veteres  ed.  O'Connor  4.  Bde.  4®.,  welche  grade  die  wich- 
tigsten u.  ältesten  Denkmäler  des  Galischen  resp.  Irlän- 
dischen, meistens  aus  d.  10.~14.   Jh.,  ja   bis  zum  6.  u.  7. 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  HupfelcL  279 

Jahrh.  hinaafsteigend,  enthalten  soll,  wie  ich  bei  A.  Pictet 
*de  Taffinit^  des  langnes  Celtianes  avec  le  Sanscr.  (Par. 
1837)^  S.  IX  finde  ?  . . .  In  dem  Innen  gewidmeten  Buch  von 
Prichard  —  das  übrigens  für  einen  Engländer  u.  noch  dazu 
einen  Arzt  aUes  mögliche  ist  —  kann  ich  das  meiste  nicht 
beweisend  finden  u.  meine  Scrupel  sind  dadurch  nicht  ge- 
hoben ;  interessant  ist  was  über  die  Pronomina  beigebracht 
wird:  aber  grade  hier  haben  die  verschiedensten  Sprachen 
Berührungen,  vgl.  z.  B.  die  Tatarischen.  —  Von  Göttingen 
ist  ja  wieder  ein  neuer  Gestank  ausgegangen  —  in  der  Be- 
schreibung des  Jubiläums.  Nach  Zeitungsnachricht  hätten 
wir  den  Verf.  dieser  edlen  Schrift  in  unsrer  Facultät! 
Warum  haben  aber  die  Göttinger  einen  so  verdienten  und 
brauchbaren  Mann  nicht  festgehalten  u.  uns  zugeschoben? 
Wie  ich  höre,  soll  Bergmann  dabei  den  Censor  gemacht 
u.  die  Scheere  geführt  haben.  Welch  ein  Abgrund  von 
Unehrlichkeit  doch  heut  zu  Tage  in  sog.  ehrenhaften  u.  an- 
gesehenen Männern  steckt.  —  Einen  nicht  minder  ekel- 
naften  Anblick  von  der  pöbelhaftesten  Gemeinheit  u.  nie- 
derträchtigsten Servilität  verbunden  mit  groszer  Virtuosität 
in  banalen  Phrasen  bietet  mir  eine  Fraction  des  jungen 
Deutschlands  die  ich  das  junge  Preuszen  nennen 
möchte  u.  die  z.  Th.  in  d.  Hallischen  Jahrbb.  ihr  Organ  ge- 
funden hat.  Welch  ein  schauerlicher  Auswurf  iunger 
Sophisten,  denen ,  wie  ihrem  Patriarchen  Heine ,  aUe  Ge- 
sinnung u.  ehrliche  Überzeugung  abzugehen  u.  Alles  für  den 
Effect  einer  Phrase  oder  d.  Beifall  der  hohen  Gönner  feil 
zu  sein  scheint.  Abgesehen  von  der  Fehde  mit  Leo  —  der 
sich  über  die  gröbsten  Prüj^el  nicht  beschweren  kann  — : 
aber  gibt  es  etwas  unwürdigeres  als  die  Art  wie  diese 
Menscnen  alles  was  es  von  hochstehenden  Notabilitäten 
noch  unter  uns  ^bt,  Männer  wie  Schleier m acher,  Niebuhr, 
Savignj  zu  begeifern  und  in  den  Koth  zu  ziehen  suchen, 
blosz  weil  sie,  obwohl  bewährte  Patrioten ,  ihr  Knie  nicht 
vor  diesem  hohlen  Götzen  des  Treuszenthums*  beugten  ? 
Die  kath.  Sache  hat  das  Gesindel  vollends  munter  gemacht . . . 
Ihr  getreuer  H.  H.  ~  Hermann  läszt  fragen  ob  in  dem  cod. 
theoT.  D.  2  der  hies.  Bibl.  (i.  s.  Verzeichniss  Pars  II.  p.  13) 
die  zuletzt  angeführten  Elegien  wohl  schon  irgendwo 
abgedruckt  wären  oder  nicht. "^ 

39.    J.  Grimm   an  Hupfeld. 

«Cassel  8  febr.  1839.  Ihrem  briefe  vom  15  dec.  ist  es 
folgenderma£sen  ergangen,  lieber  freund,  ich  reiste  um  diese 
zeit  gerade  nach  Jena,  um  das  weihnachtsfest  und  nei^jahr 
bei  Dahlmann  zuzubringen,    zurückgerufen  durch  die  leidige 


y  Google 


280  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  280. 

botschafb  von  Dortchens  schwerer  erkranknng,  verlebten  wir 
den  Jahrswechsel  und  die  erste  h&lfte  Januars  in  beständig 
schwankender  sorge  und  angst;  nach  dem  sich  die  genesung 
kaum   entschieden  hatte,   wurde   Gustchen  von  der  b(Seeii 
bräune  befallen,   was  aber  nun  auch  glücklich  vorüber  ist. 
gearbeitet  wurde   weniger  als  es  nach  den  getrofhen  Vor- 
bereitungen  dringend  nöthig  gewesen  wäre  und  das  nach- 
zuholende lastet  nun  desto  schwerer  auf  den  schultern.  — 
Ihr  paket   nun   hatte  Wilhelm   in  meiner  abwesenheit  ei^ 
öfhet  und   mir  zugestellt    ich   glaubte   dafs   es  blofs  d^- 
aufsatz  über  das  demonstrativ  etc.  wäre,  und  nahm  mir  vor, 
ihn  bei  erster  mufse  ordentlich  zu  lesen,    heute  als  ich  mich 
dazu   anschicke ,   ^It  mir   daraus  Ihr  brief  entgegen,     da 
Ihnen  vielleicht  daran  gelesen  hat,  auf  die  darin  enthaltne 
an&age  wegen   der  altnora.   iiteratur   einigen  bescheid  za 
empfangen,  so  zögere  ich  damit  keinen  augenblick,  denn  es 
ist   ebenso   schön  als  selten,   dafa  ein  theolog  nach  solchen 
profanen  büchern  greift.    Da  die  dortige  bibl.  einmal  Finn 
Magnussens  myth.  lexicon  besitzt,  welches  den  dritten  theil 
der  copenh.   edda  bildet,   scheint   es   freilich  rathsam  die 
beiden  ersten  noch  dazu  anzuschaffen,  zumal  sie  selbst  dem 
der  die  wolfeilere  und  bessere  Stockholmer  ausg.  hat,  noch 
manches    bietet,   namentl.   eine  Übersetzung  daneben.     Vor 
einigen   monaten   hat  ein   strafsburger  namens  Bergmann 
[Vg;l.   3   Briefe   J.   Gr.'s   an  ihn   im   Anz.  f.  d.  A.    11,    92J 
einige  lieder    der   alten   edda*  unter   dem  titel  'po6mes  is- 
landais  tir^s  de  V  edda  Paris  1838'  recht  tüchtig  behandelt, 
text  und  Übersetzung,  es  sind  aber  nur  erst  vier  stücke,  doch 
das  buch  ist  leicht  zu  haben  und  nicht  unlesenswerth.   Die 
übrige  Iiteratur  bietet  leidlich  und  genau  genug  dar :  *literar. 
einleitung    in    die    nord - mythologie   von  C.   F.    Koppen 
Berlin    lö37.'    Die    lieder  von    den  Nibelungen  verdeutsche 
Ettmüller,   Zürich    1837    und    es    ist  eine   seiner   besseren 
arbeiten,   doch   gibt   er   das   original   nicht  daneben.    Ich 
würde  der  bibl.  rathen  Rafns  Tomaldarsögur  Nordrianda.* 
drei  bände  Copenh.  1829.  1830  zu  erwerben,  worin  sich  die 
mythischen  sagen  in  gutem  isländ.  text,  ohne  Übersetzung, 
finden,    das  werk  ist  völlig  verschieden  von  den  fommanna- 
sögur.   Auch  die  Isländinga  sögur  Copenh.  1829.  1830*  sind 
kaufenswerth.    Von  der  Snorra  edda  mufs  man  freilich  die 
Stockholmer  ausg.  von  1818  besitzen;  es  kommt  sicher  bald 
zu   einer  neuen  und  verbesserten.    Da  hätten  Sie  vorläufig 
genug  zu  lesen.    Die  dän.  kämpeviser  sind  von  N^erup  und 
KÄbbek    1812—1814  in   5  bänden  herausg.,  ich  ziehe  aber, 
was  lieder  und  was  ausg.  betrift,  die  schwedische  samlung 
vor.  'svenska  fornsänger  af  Arwidsson* ,  wovon  erst  2  theile 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  tu  Hufpeld.  281 

Stockh.  1834.  1887  erschienen  sind.  Oconnors  saml.  ist 
allerdings  ein  bibliotheksartikel  nnd  bereits  in  Göttingen 
und  Berlin  vorhanden,  aber  selbst  in  England  wenig  ver- 
breitet, die  critik  wird  manches  daran  ausstellen  müssen, 
obgleich  es  Pictet  (in  seiner  recht  lobenswerthen  preis- 
schrifl)  gerade  als  critisch  rühmt;  ich  habe  das  buch  zu 
Göttingen  erst  flüchtig  gekannt,  nachher  hatte  es  Lappen- 
berg entliehen,  der  für  die  haller  encycl.  den  artikel  Irland 
ausarbeitet,  und  wahrscheinlich  ist  es  noch  jetzt  bei  ihm 
zu  Hamburg.  Die  ^lischen  und  welschen  sprachen  mit 
ihren  denkmftlern  ziehen  genu^  an  und  werden  es  sicher 
bald  noch  mehr.  —  Ich  mms  mich  für  meine  arbeiten  sehr 
zus.  raffen;  wenn  ich  recht  gesund  werde  und  bleibe,  er- 
scheinen dies  iahr  wenigstens  zwei  bände,  ein  band  der 
weisthümersamlung  und  der  erste  th.  der  grammatik  völlig 
umgearbeitet.  Aus  den  einheimischen  quellen  war  so  viel 
neues  zuzulernen,  dafs  ich  mich  der  verfQhrerischen  ver- 
gleicbung  des  fremden  so  viel  es  nur  geht,  entschlage,  be- 
sonders seitdem  ich  gesehn,  dafs  Grans  Wörterbuch  dadurch 
nur  verloren  hat.  Je  näher  mir  das  steht  was  ich  entdecke, 
desto  flicherer  ist  meine  freude.  —  Aus  den  wenigen  zeilen 
die  Hermann  p.  181  von  den  lat.  elegien  anführt  kann  ich 
mich  nicht  auf  etwas  gedrucktes  besinnen.  —  Dieser  monat 
wird,  wie  es  scheint,  in  der  politik  aufräumen;  das  treiben 
zu  Hannover  ist  immer  giftiger  geworden,  eine  kleine 
schrifb  über  das  verfahren  der  hannöv.  geistlichkeit  (aus 
dem  polit.  joum.  auch  besonders  abgedruckt)  zeigt  ehren- 
werthe  gesinnunf^,  beweist  aber  dafi  es  an  mut  und  ent- 
schlufs  fehlte,  nicht  bei  Lücke  allein.  Grüfsen  Sie  Jul. 
Müller,  ich  fürchte,  dafs  er  die  längte  zeit  in  Marburg  ge- 
wesen ist.  —  Sie  aber  halten  Sie  sich  vor  allem  gesund  auf 
und  bleiben  zugethan  Ihrem  Jac.  Grimm.* 

40.    J.  Grimm  an  Hup  fei  d. 

„Lieber  freund.  Weil  ich  zu  viel  briefe  schreiben  mufs, 
bin  ich  ein  schlechter  briefsteller  geworden,  und  mag  mir 
meine  alten  sünden  nicht  gern  vorhalten.  Ihre  herzliche 
Zuschrift  vom  11  nov.  [fehlt]  hatte  uns  aber  so  wol  gethan,  daTs 
ich  Wilhelm,  den  es  auch  zur  antwort  drängte,  bat,  mir 
diesmal  die  vorband  zu  lassen.  Nun  wurde  ich  krank  und 
habe  vierzehn  tage  das  bett  [hüten]  müssen,  ganz  wider 
meine  natur;  darum  schreibe  ich  erst  heute.  Einer  von 
uns,  haben  wir  uns  schon  vorgenommen,  wird  auch  vor 
unserm  abzug  aus  Hessen  erst  einmal  nach  Marburg  zu 
Ihnen  kommen;  es  war  ein  alter  wünsch  und  bedürfnis, 
Ihnen   und  Ihrer  frau  für  so  viel  erwiesne   theilnahme  und 


y  Google 


282  Anmerkangen  zu  B.  I  S.  280. 

freundschaft  persönlich  zu  danken.  Dieser  tage  reise  ich 
nach  Berlin,  um  zu  recognoscieren ,  denke  aber  noch  vor 
neujahr  zurück  zu  kehren,  und  dann  wird  sich  ausweisen, 
wie  lange  wir  noch  hier  bleiben.  —  Wir  ziehen  gar  nicht 
mit  überspannten  hoinungen  nach  Preufsen;  was  Sie  über 
die  dortigen  zustände  äufsern  ist  gröfistentheils  auch  meine 
Stimmung  und  empfindung.  Der  köni^  hat  reinen,  edeln 
willen  und  der  kann  ihn  aus  fehltntten  und  irthümem 
reifsen,  in  denen  er  jetzt  noch  befangen  scheint.  Was  dort 
von  beiden  seiten  geredet  wird ,  ist  mir  zu  fett  und  hat  zu 
wenig  mager  fleisch ;  die  gedrehten  phrasen  weisen  nicht  auf 
tiefe  und  stärke  gesunder  gesinnung:en.  Sie  haben  recht,  es 
gibt  keine  politik  als  gerechtigkeit  und  Wahrheit;  es  ist 
vor  allem  königlich,  wort  zu  halten,  und  das  1813  ge^bne 
unerfüllte  wort  läfst  sich  nicht  wegschaffen,  sondern  wird 
immer  als  Vorwurf  auftauchen.  Keine  halbheit  und  windun^ 
hilft  dagegen.  Hassenpflugs  anstellung  ist  blofses  partei- 
spiel; wenn  ich  bedenke,  dafs  Dahlmann,  einer  der  reinsten, 
edelsten  menschen,  dessen  Wirkung  zu  Berlin  die  heilsamste 
gewesen  wäre,  verschmäht  und  ^enöthig[t  wird,  dem  vatei^ 
lande  den  rücken  zu  kehren ,  bin  ich  tief  betrübt.  —  Das 
letzte  jähr  über  habe  ich  doch  nur  ein  stück  der  lautlehre 
umarbeiten  können;  über  die  art  und  weise  meiner  stndien 
spricht  sich  die  vorrede  so  aus,  dafs  ich  fürchte  mehrern  zu 
misfallen.  Es  schien  mir  jedoch  nöthig  an  mich ,  und  die 
allgemeine  Sprachvergleichung  mir  möglichst  vom  leibe  zu 
halten.  Was  ich  dadurch  einbüDse,  gewinne  ich  an  Sicher- 
heit und  praxis  für  das  deutsche  selbst.  —  Sein  Sie  und 
Ihre  frau  aufs  treuste  gegrüfst.  Jacob  Grimm.  —  Um  ab- 
gäbe der  einlagen  bitte  ich.    Cassel  5  dec.  1840.» 

41.    J.  Grimm   an   Hupfeld. 

, Cassel  12  merz  1841.  D&r  entschlufs  Sie,  geliebter 
freund,  vor  unserm  abzug  aus  Hessen  noch  zu  besuchen, 
ist  uns  vereitelt  worden,  ich  für  mein  theil  habe  seit  neu- 
jahr in  einem  fort  gekränkelt,  die  stube  und  das  haus  ein- 
gehalten, und  fühle  mich  immer  nocfi  nicht  wie  es  sein 
sollte;  von  der  gröfseren  reise  und  dem  frühlingswetter  er- 
warte ich  gänzliche  heilung.  Wilhelm,  der  sich  jetzt  viel 
tapfrer  hält,  hat  es  anfangs  zu  lange  verschoben,  in  der 
letzten  zeit  häuften  sich  bei  ihm  correcturgeschäite  und 
Dortchen  wurde  bettlägerig,  dafs  er  sie  nicht  zu  verlassen 
wagte.  In  diesem  augenblick  hat  sie  sich  leidlich  erholt, 
so  dafs  sie  übermorgen  die  reise  mit  uns  unternehmen 
kann.  Wie  gern  hätten  wir  beide,  Wilhelm  und  ich,  die  alten 
Marburger  erinnerungen   aufgefrischt,    und  mit  Ihnen  und 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Grimm  u.  Hupfeld.  283 

Ihrer  guten  frau  ein  paar  verffnügte  tage  zugebracht. 
Fristen  Sie  uns  nun  bis  auf  eine  ferienherbstreise,  wo  nicht 
dieses,  doch  das  nächste  jähr,  es  wird  uns  doch  immer  in 
die  heimat  am  meisten  ziehen.  —  Von  Berlin  aus  sollen 
Sie  bald  einmal  hören,  ob  und  wie  wir  anwachsen  und  ge- 
deihen. Die  äufseren  be  dingungen  des  daseins  sind  so  wie 
sie  uns  nirgend  anders  hätten  können  geboten  werden. 
Wir  erkennen  Gottes  fügung  und  geben  uns  ihr  willig  hin. 
Die  drei  Jahre  des  banns  und  Unglücks  möchte  ich  auf 
keine  weise  aus  meinem  leben  wissen,  so  viel  erhebnngund 
innere  freudigkeit  haben  sie  mir  gebracht.  Auf  Ihre 
freundschaft  und  anhänglichkeit  rechnen  wir  als  auf  eine 
gewisse  sache,  und  es  wird  auch  in  Ihren  äugen  keiner 
neuen  Versicherung  unsrer  beständigen  gesinnung  bedürfen. 
Grüfsen  Sie  von  mir  Hubers  und  Yilmar.    Jac.  Grimm.* 

42.    Hupfeldan  W.   Grimm. 

, Halle  17.  Jan.  1844.  Verehrter  Freund!  Ich  habe 
Ihnen  herzzerreiszendes  zu  melden.  Das  himmlische  Wesen 
das  mich  bisher  liebend  u.  schützend  umgab,  das  mir  das 
höchste  Glück  bereitete  das  je  ein  Mann  in  der  Ehe  ge- 
nosz,  das  mich  erst  im  verfloszenen  Jahr  durch  seine  un- 
ermüdete  Pflege  in  schwerer  Krankheit  dem  Tode  ent- 
riszen  u.  mich  dann  sicher  in  das  fremde  Land  geleitet  u. 
mit  Überwindung  so  mancher  Widerwärtigkeit  mir  eine 
Stätte  bereitet  hatte,  ist  mir  plötzlich  von  der  Seite  ge- 
riszen  worden,  u.  läszt  mich'  mit  meinen  6  unmündigen 
Kindern  u.  meiner  alten  Schwiegermutter,  die  nur  aus  An- 
hänglichkeit an  mein  Haus  gefolgt  ist,  in  fürchterlicher 
Vereinsamung  u.  Hülflosigkeit  zurück,  mitten  unter  fremden 
Menschen,  da  unsre  Herzen  noch  voll  Heimwehs  u.  Unbe- 
haglichkeit  in  dieser  Einöde  sind!  ....  Auch  Sie  werden 
um  meinen  Engel  trauern ,  den  Sie  von  seiner  frühesten 
Entfaltung  an  kannten  u.  schätzten.  Sie  war  ein  leben- 
diges Glied  in  jedem  edlen  Freundschaftsbund  ihres  Vaters 
wie  ihres  Mannes,  und  Sie  wiszen  wie  sehr  sie  vor  allen 
dem  Namen  Grimm  zugethan  war.  Grüszen  Sie  herzlich 
Ihren  Herrn  Bruder  und  Ihre  l.  Frau,  u.  erhalten  Sie  mir 
u.  meinem  Hause  Ihre  Theilnahme  u.  Freundschaft.  Ihr  er- 
gebenster H.  Hupfeld.  —  Darf  ich  bitten  die  Trauerkunde 
auch  Hassenpflug  u.  Huber  nebst  einem  Grnsze  mitzutheilen  ?* 

43.    J.   Grimm  an   Hupfe  Id. 

n Berlin  4  april  1844.  Lieber  fireund,  ich  lasse  bei  seite 
was  Ihnen  und  uns    in   der  letzten   zeit   schmerz  gemacht 


y  Google 


286  Anmerknngen  zn  B.  I  8.  280. 

den  Tag  zuvor  im  Garten  der  Frau  Lindheimer.  wo  ich  mit 
meinen  Kindern  Gast  war,  u.  von  ihm  hatte  ich  das  BiUet 
in  die  Paulskirche.  Ich  wünsche  Ihnen  Glück,  daaz  Si« 
ihr  entronnen  sind,  wie  ich  alle  die  ehrenwerthen  Leute 
die  noch  darin  sitzen  bedaure,  an  einem  Werk  arbeiten  so 
müszen  das  einen  zu  revolutionären  Ursprung  u.  Charakter 
hat  als  dasz  es  Segen  bringen  und  auch  einen  nacfahakigen 
Erfolg  haben  könnte,  das  leider,  fürchte  ich,  nicht  einmal 
die  so  ersehnte  deutsche  Einheit  weiter  bringen  sondera 
eher  gefährden  wird  u.  mit  dem  Schicksal  des  Bab.  Thnrm- 
baues  bedroht  ist.  Und  wie  kann  es  ein  Uhland  aoshalten 
unter  dem  Gesindel  wo  er  sitzt  u.  stimmt!  Dies  a.  so 
vieles  andere  gehört  zu  den  schmerzlichsten  Erfahrungen 
die  es  gibt  Das  vorige  Jahrhundert  hat,  nach  Joh.  Mül- 
lers Ausdruck  bei  der  Polnischen  Theilung  die  ,MoraIität 
der  Groszen*  gezeigt  u.  gerichtet;  das  gegenwärtig  wird 
fürchte  ich  die  der  Völker  noch  schrecklicher  offenbaren, 
u.  vor  allem  das  Jahr  1848  für  das  Deutsche  eine  Schaad- 
Säule  sein.  -—  An  Ihren  Bruder  Wilhelm  u.  Dire  Frau 
Schwägerin  meinen  herzlichen  Grusz  u.  Wunsch  fernerer 
Erstarkung.    Mit  alter  Treue  der  Ihrige  H.  Hupfeld.« 

S.  280  no.  130].  Antwort  auf  den  S.'s  Tod  meldenden 
Brief  Hupfeld's  v.  15.  5  1835: 

„Verehrter  Freund!  Ich  habe  die  traurige  Pflicht  zu 
erfüllen  Ihnen  den  gestern  erfolgten  Heimgang  meines 
Schwiegervaters  zu  melden.  Wir  hatten  uns  an  seine  lei- 
densvolle  Krankheit  u.  seine  verfallene  Gestalt  so  gewöhnt, 
dasz  wir  noch  vor  Kurzem  an  eine  baldige  Katastrophe 
nicht  von  ferne  dachten.  Der  Verewigte  selbst,  der  vorigen 
Winter  im  ganzen  leidlicher  als  den  vorhergebenden  Som- 
mer zugebracht  hatte,  hatte  die  Freude  am  Leben  u.  die  Hoff- 
nung auf  eine  längere  Fortsetzung  so  wenig  verloren  dasz 
er  fest  entschlossen  war  die  im  vorigen  Winterhalbjahr 
ausgesetzten  Vorlesungen  in  diesem  Sommer  wieder  aufzu- 
nehmen. Er  war  eben  im  Begaff  sein  Sommerzimmer  neben 
dem  Auditorium  wieder  zu  beziehen  und  Anstalten  für  die 
in  Kurzem  beginnenden  Vorlesungen  zu  treffen,  als  gegen 
Ende  A^ril  ihn  ein  fürchterlicher  Brustkrampf  befiel ,  der 
ihn  in  einem  nie  zuvor  gesehenen  Grade  von  Abends  9  Uhr 
an  fast  12  Stunden  schüttelte  und  zur  äuszersten  Kraftlosig- 
keit herunterbrachte.  .  .  .  Sein  Tod  war  ganz  sanft,  das  un- 
merkliche Auslöschen  eines  glimmenden  Dochtes,  u.  dauejrte 
von  10  Uhr  Morgens  bis  6  Uhr  Abends.  Ihm  ist  wohl,  aber 
wir  haben  den  Mittelpunct  unseres  Familienglücks  verloren, 
das  seine  Tage  noch  erheiterte  u.  um  dessen  willen  er  das 
Leben  noch  länger  wünschenswerth    fand.     Bis    zu  seinem 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  Orimm  a.  Hapfeld.  287 

letzten  Ta^e  dauerte  diese  Theilnahme,  besonders  an  mei- 
nen Kindern,  fort,  er  liesz  sie  sich  noch  am  letzten  Morien 
bringen  u.  das  letzte  Wort  aus  seinem  Munde  war  eine 
Frage  nach  den  Blattern  des  kleinsten.  Es  ist  ein  unend- 
licher Schatz  von  Liebe  mit  ihm  aus  unserm  Kreise  ge- 
schwunden u.  wir  fühlen  uns  wahrhaft  verwaist.  Unaus- 
sprechl.  ist  der  Schmerz  meines  guten  Weibs,  die  von  Kind 
auf  mit  allen  Fasern  der  Seele  an  seiner  Seele  hin^,  u. 
nun  von  ihr  wie  aus  einem  mütterlichen  Boden  losgerissen 
wird.  Sie  hat  den  Trost,  ihn  die  letzten  Tage  u.  namentl. 
die  letzte  Nacht  gepflegt  zu  haben,  wie  sie  es  früher  ge- 
wohnt war.  Denn .  seine  gewöhnliche  Pflegerin ,  Karoline 
Suabedissen  (eine  jüngere  Schwester)  erla^  im  Laufe  dieser 
letzten  Krankbeitsperiode  der  übermäsziffen  Anspannung 
Tag  u.  Nacht  u.  liegt  noch  fast  hoffnungslos  danieder,  da 
ihre  Krankheit  einen  nervOsen  Charakter  hat  u.  ihre  Kräfte 
ohnehin  sehr  schwach  sind.  Sie  hat  ihren  schönsten 
Lebenszweck  in  der  mehrjährigen  treuen  Pflege  unseres 
Vaters  gefunden,  u.  in  dieser  Hinsicht  genug  gelebt.  — 
Wir  haben  letzten  Winter  viel  Sorge  um  Sie  gehabt. 
Möchten  wir  bald  wieder  tröstliches  von  Ihrer  Gesundheit 
vernehmen.  Grtiszen  Sie  herzlieh  Ihren  Herrn  Bruder,  u. 
wir  alle  empfehlen  uns  Ihrer  ferneren  Freundschaft  u.  Liebe. 

Hupfeld.* 
S.  281  no.  131].  Eine  Antwort  H.'s  auf  diesen  Brief 
liegt  nicht  vor,  doch  geht  ihm  ein  Br.  H.'s  v.  26.  4.  1837 
vorauf:  , Verehrter  Freund!  Ich  kann  meinen  Bruder,  der 
nach  beendigtem  hiesigen  Studienlauf  u.  gemachtem  philol. 
u.  theolog.  Examen  sicn  noch  ein  halb  Jahr  in  Göttingen 
auf  dem  archaeologischen  Gebiete  umsehen  will,  nicht  ab- 
gehen lassen,  ohne  mich  u.  die  meinigen  wenigstens  durch 
ein  paar  Zeilen  ins  Andenken  zurückzurufen  u.  Sie  unserer 
fortdauernden  Liebe  zu  versichern.  Wir  haben  zu  seiner 
Zeit  mit  groszem  Leidwesen  Ihre  schwere  Krankheit  er- 
fahren u.  sind  dem  Fortgange,  so  weit  wir  ihn  erkunden 
konnten,  mit  bangem  Herzen  gefolgt ,  haben  uns  aber  seit 
einiger  Zeit,  da  Sie  wieder  in  öffentlicher  Wirksamkeit  er- 
scheinen, mit  der  Voraussetzung  getröstet,  dasz  es  nach- 
grade  wieder  ins  alte  Geleise  gekommen  sei,  obgleich  die 
letzten  mündlichen  Nachrichten  durch  Lücke  von  der  Ver- 
änderung in  Ihrer  Stimmung  und  Lebensfreudigkeit  nicht 
gerade  tröstlich  waren.  Gott  gebe ,  dasz  Sie  bald  wieder 
Ihrer  alten  schönen  Heiterkeit  zurückgegeben  werden,  u. 
dasz  auch  wir  noch  einmal  etwas  von  Ihnen  zu  genieszen 
haben!  Werden  Sie  nicht  wieder  einmal  eine  Gesundheits- 
reise nach  dem  Süden  machen,  wenns  auch  nicht  gerade  in 


y  Google 


288  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  281—283. 

ein  Bad  wäre?  Dann  rechnen  wir  darauf  dasx  Sie  un« 
nicht  vorbeigehen,  und  sich  ein  paar  Tage  bei  ans  aus- 
ruhen. Das  soll  ich  Ihnen  namentl.  auch  im  Namen  meiner 
Frau  ans  Herz  legen,  u.  mein  Bruder  hat  schon  den  Auf- 
trag dasselbe  mündlich  zu  thun.  —  Ihrem  Herrn  Bruder 
einstweilen  meinen  herzlichen  Grusz.  Dasz  ich  aus  dem 
schriftl.  Verkehr  mit  ihm  schon  so  lange  herausgekommen 
bin,  kommt  daher,  dasz  ich  literarisch  seit  Jahren  in  Rück- 
stand gekommen  bin,  ohne  Gabe  mag  ich  nicht  erscheinen. 
—  Ihr  Schwager  Hassenpflug  [Vgl.  S.  z73  o.]  entwickelt  sich 
auf  seinem  Posten  in  neuester  Zeit  so,  dasz  seine  Freunde,  die  ee 
wahrhaft  gut  mit  ihm  u.  zugleich  mit  der  guten  Sache  meinen, 
sich  darüber  betrüben,  u.  ich  mich  wohl  ^nz  werde  Ton 
ihm  abwenden  müszen.  Auch  Sie  werden  sich  über  manche 
Vorgänge  wenig  erbaut  haben.  Patriotische  Hoffinnngen 
die  ich  ehedem  auf  ihn  baute,  habe  ich  längst  aufgegeben. 
Es  handelt  sich,  wie  ich  immer  deutlicher  sehe ,  nur  um 
alten  faulen  Herrendienst,  um  mögliche  Wiederherstellung 
des  ancien  regime,  u.  daneben  um  persönl.  Ehre  u.  Glanz. 
Das  neueste  mit  der  Universität  wird  Ihnen  Huber  erzählt 
haben.  Wohl  dem  der  sich  von  den  öffentl.  Angcdegen- 
heiten  so  ganz  abwenden  kann  wie  das  den  Göttinger 
Herren  im  allgemeinen  nachgesagt  wird.  Ich  möchte  mir 
jetzt  etwas  von  dieser  Gabe  wünschen.  .  .  . 

S.  282.  Mitarbeiter  am  Wörterbuch]  vgl.  Anm. 
zu  S.  121. 

S.  288  wie  sorgenvoll  seine  [J.  Müllers]  läge  ist. 
Vgl.  Anm.  S.  278. 

S.  283.  In  Hanover  stehen  die  Sachen  soI 
Vgl.  Briefwechsel  der  Brüder  mit  Dahlmann,  der  auch 
alle  anderen  mit  der  Vertreibung  der  Sieben  zusammen- 
hängenden Ereignisse  die  beste  Auskunft  gewährt. 

S.  283.  Hermann  habe  einen  ruf  nach  Göt- 
tinge nj.  K.  Fr.  H.  1804  in  Frankf.  a.  M.  geb.,  war  seit 
1832  Prof.  in  Marburg  und  ging  1842  in  derThat  als  Nach- 
folger Ottfried  Müller's  (vgl.  Anm.  z.  S.  290)  nach  Göttingen, 
wo  er  1856  starb. 
S.  283  no.  1321  darauf  erwidert  Hupfeld  am  9.  10.  1840: 

, Verehrter  Freund!  Ich  habe  erst  heute jenaand  finden 
können  der  mit  auf  die  Bibliothek  ging,  da  diese  in  den 
Ferien  geschlossen  ist  u.  beide  Bibliotnekare  unpäszlich 
sind.  Od  nun  gleich  mehreres  von  Jac  Grethe  vorhanden 
war,  namentlich  ein  ganzer  Foliant  *opera  omnia  de 
cruce  Christi,  so  hat  doch  die  Hoffnung  die  Schrift 
selbst  zu  finden  getäuscht.  Können  Sie  vielleicht  jenen  Fo- 
lianten de  cruce  Chr.  brauchen,  so  dürfen  Sie  nur  befehlen.  — 


y  Google 


AnmerkTmgen  sn  B.  I  S.  283—284.  289 

Dasz  Hermann  nach  GGttingen  bernfen  werden  würde,  hatte 
ich  ebenfalls  schon  län^t  von  einem  durchreisenden  Würt. 
Candidaten  gehGri  n.  ich  erwartete  es  nicht  anders.  Anch 
wäre  H.  wahrscheinlich  gegangen,  da  keiner  der  an  dem 
Wohlergehen  der  Univ.  lebendigen  Antheil  nimmt  wie  er 
sich  nnter  dieser  Cnratel  hier  gefallen  kann,  n.  er  überdies 
von  neuem  durch  die  hirnlose  Verzögerung  seiner  Best&ü- 
ffung  seiner  Wahl  zum  Prorector  —  wozu  man  ihn,  nach 
der  eben  so  hirnlosen  Verweigerung  der  Bestätigung  Cur- 
lings —  schon  wieder  gewählt  hafte  —  schnöde  vor  den 
Kopf  gestoszen  war.  Indessen  hat  H.  selbst  ...  die  Ueber- 
zeugung  mitgebracht,  dasz  man  .  .  .  nur  einen  eigentlichen 
Archäologen  (Kunstarch.)  sucht.  Das  ist . . .  fOr  uns  gut,  und 
wohl  auch  fdr  ihn,  da  ich  wenigstens  ihm  wünschen  möchte 
unter  günstigem  Umständen  nach  Göttingen  zu  kommen 
als  die  jetzigen  sind.  Mir  ist  jetzt  Göttingen  und  das  ganze 
Hannoversche  Land  wie  unter  einem  Fluch  und  in  Trauer 
stehend,  während  es  seine  Restitution  erwartet  —  wer 
möchte,  der  nicht  schon  daran  gefesselt  ist,  jetzt  sein  Ge- 
schick daran  fesseln.  Ich  freue  mich  zu  hören,  dasz  Sie 
beide  sich  frisch  halten  und  kräftig  in  der  Arbeit  sind.  u. 
Ihr  Brief  fügt  dazu  die  erfreuliche  Kunde  dasz  Ihre  L  Frau 
sich  auf  dem  Lande  gestärkt  hat.  Meine  Frau ,  die  an 
allem  dem  groszen  Antheil  nimmt,  läszt  Sie  alle  recht 
ordentlich  — mit  diesem  Ausdruck,  den  sie  mir  beson- 
ders aufgetragen  — grüszen,  u.  ich  nicht  minder  die  Ihrigen. 
Von  Herzen  Ihr  H.  Hupfeld.* 

S.  284.  Prof.  J.  Müller^  s.  über  ihn  Anm.  zu  S.278. 
In  der  Grimm-Correspondenz  sind  von  ihm  3  Briefe  an  W. 
u.  1  an  J.  Grimm  erhalten. 

S.  284  no.  133]  Antwort  auf  J.  M.'s  Br.  v.  26.  11.  1837: 
.Hochverehrter,  theurer  Freund,  Es  ist  zwar  etwas 
Lächerliches,  was  ich  thue;  aber  ich  fühle  mich  nun  ein- 
mal in  meinem  Herzen  gedrungen,  Ihnen  meine  innigste 
Freude  an  Ihrer  und  Ihrer  6  Kollegen  Erklärung,  die  ich 
diesen  Augenblick  gelesen  habe,  zu  bezeugen.  Docn  ist  ja  da- 
bei die  Meinung  mcht,  als  könne  diese  Zustimmung  für  Sie 
irgend  einen  Werth  haben,  sondern  nur  darum  drän^  es  mich 
Urnen  zu  schreiben,  weil  ich  mich  Ihnen  zum  innigsten 
Danke  verpflichtet  fühle  für  die  Herzerquickung ,  die  eine 
solche  That  zweifach  gewähren  musz  in  einer  äit,  die  wohl 
an  nichts  so  arm  ist,  als  an  kräftiger  entschiedener  Gesin- 
nung und  an  Gewissen  der  Macht  gegenüber.  —  Gott  segne 
und  stärke  Sie,  geliebter,  verehrter  Freund  und  lasse  Sie 
und  Ihre  trefflichen  Mitstreiter  heilsame  Früchte  Ihrer  Ihm 
wohlgefälligen  That  sehen.  —  Verzeihen  Sie  mir  diese  son- 
E.  Stengel.    Acten  der  BrAder  GMmm.  19 


y  Google 


290  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  284—285. 

derbare   Explosion    eines    überströmenden    Gefühls.      Von 
ganzem  Herzen  Ihr  treuergebener  Jul.  Müller.« 

S.  285  no.  134]  beantwortet  durch  J.  M.'s  Br.  v.  27. 
12.  1^7:  »Theurer,  verehrter  Freund,  Sie  verlangen  von  mir 
Auskunft  über  eine  bei  Rothschild  in  Kassel  fSr  Sie  depo- 
nirte  Summe  (eigentlich  hatte  er  Auftrag  Ihnen  sogleich 
einen  Wechsel  darauf  einzusenden :  er  hat  aber,  Ihre  Wei- 
gerung der  Annahme  besorgend,  diesen  Weg  vorgezogen), 
und  icn  halte  es  iür  meine  Pflicht,  Ihrem  Verlangen  schleu- 
nigst zu  entsprechen.  Die  Summe  kommt  der  Hauptsache 
nach  von  vier  Freunden  [Gerling,  Hupfeld,  Huber,  Müller], 
die  unter  uns  Marburgem  sich  rühmen  dürfen  Ihnen  am 
nächsten  zu  stehen.  In  diesen  regte  sich  sogleich  bei 
der  Nachricht  von  Ihrer  Entlassung  die  Besorgnisz ,  daaz 
Sie  für  den  Aus:enblick  in  irgend  eine  pekuniäre  Verlegen- 
heit gerathen  könnten,  und  sie  glaubten  sich  durch  ihr 
Verhältnisz  zu  Ihnen  berechtigt,  Ihnen  diesz  unbedeutende 
Zeichen  freundschaftlicher  Theilnahme  und  Bereitwilligkeit 
zu  geben.  Zwei  davon  haben  den  Gedanken  ein  Paar  anderen 
vertrauten  Freunden  [wohl  Bickell  und  Hermann]  mit- 
getheilt,  und  diese  haben  in  derselben  Gesinnung  es  sich 
nicht  nehmen  lassen,  mit  einem  kleinen  Beitrag  hinzuzu- 
treten. Die  ganze  Sache  ist  in  diesem  allerengsten  Kreise 
geblieben ;  Niemand  sonst  hat  hier  etwas  davon  erfahren. 
Ihren  Andeutungen,  wie  Sie  sich  gegenüber  dem  unvermeid- 
lichen Andrängen  der  liberalen  Pui^ei  zu  verhalten  gedenken, 
muszich  von  ganzem  Herzen  beistimmen;  aber  damit  hat  unsre 
einföltigen  Sinnes  dargebotene  Freundesgabe  auch  nicht 
das  Mindeste  zu  schaffen.  Wir  freuen  uns  sehr  der  Hoff- 
nung, die  Ihr  Brief  uns  läszt,  dasz  Sie  das  so  Dargebotene 
freundlich  annehmen  wollen.  —  Durch  Ihre  freundliche 
Vermittelung,  mit  einigen  lieben  Worten  von  Ihnen  über- 
schrieben, habe  ich  kürzlich  eine  Schrift  gegen  Strausz  im 
Auftrage  ihres  Verfassers  erhalten,  und  sa^e  auch  Ihnen 
herzlich  Dank  dafür.  Mir  ist  das  ernste  religiöse  Interesse 
und  die  entschiedene  und  doch  freie  Behandlung  des  Gegen- 
standes sehr  zusagend  und  erfreulich  und  zwiefiich  erfreulich, 
wenn  wirklich,  wie  ein  Artikel  der  Allg.  Zeitung  andeutet,  Herr 
V.  Kanitz,  dessen  Persönlichkeit  mich  auf  Ihrem  verhängnisz- 
vollen  Jubiläum  sehr  angezogen  hat,  der  Verfasser  ist.  Aber 
wenn  er  es  ist,  will  er  gewisz  nicht  erkannt  sein,  und  ein  Dank 
von  mir  würde  ihn  nur  verletzen.  —  Wir  freuen  uns  herz- 
lich, dasz  es  mit  Ihrer  Gesundheit  doch  leidlich  gut  geht, 
und  nehmen  den  lebhaftesten  Antheil  an  Allem,  w^s  wir 
Über  Sie  und  die  theuem  Ihrigen  erfahren  und  erkund- 
schaften können.    Hupfeld,  Gerling,  Huber   tragen  mir  auf, 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  285—291.  291 

Sie  herzlich  so  grüszen.  Bitte ,  grüszen  Sie  auch  von  nns 
tausendmal  Ihre  liebe,  mnth volle  Fran.  In  treuer  Ergeben- 
heit und  Verehrung  Ihr  Jul.  Müller." 

S.  285]  ein  paar  Zeilen  von  unbekannter 
HandJ.  Uieselben  waren  in  der  That  von  Suabedissens 
Tochter,  Marie  Hupfeld  geschrieben,  und  zwar  deshalb  weü  der 
Marburger  Freundeskreis  meinte,  ihre  Hand  würde  von  den 
Brüdern  Qr.  nicht  erkannt  werden. 

S.  287  ff.]  Die  hier  folgende  Schilderung,  welche  Stel- 
lung jeder  einzelne  College  zu  dem  Proteste  der  Sieben 
einnahm,  liegt  offenbar  der  Stelle  von  Jacobs  Schrift:  -Über 
meine  Entlassung*  ,  welche  von  der  Stellung  der  Fakul- 
täten zu  dem  Protest  handelt  (Kl.  Sehr.  I,  43)  zu  Grunde. 
Die  Worte  auf  S.  290  „Es  ist  unglaublich,  wie  etc.  kehren 
darin  sogar  fast  wörtlich  als  ein  Ausspruch  Wilhelm's 
wieder:  ,die  Charaktere  fiengen  an  sicn  zu  entblättern 
gleich  den  Bäumen  des  Herbstes  bei  einem  Nachtfrost;  da 
sah  man  viele  in  nackten  Reisern,  des  Laubes  beraubt,  wo- 
mit sie  sich  in  dem  Umgang  des  gewöhnlichen  Lebens  ver- 
hüllten.*   (ib.  S.  37  f.) 

S.  290.  so  wie  Ihr  Bruder  wollte].  Ottfried 
Müller  (geb.  1797)  war  seit  1819  Prof.  der  Archäologie  in 
Göttingen  und  st.  1840  in  Athen.  Seine  Frau,  die  *schöne 
Müllerin*  fBriefw.  v.  Meusebachs  mit  J.  u.  W.  Grimm  S.  188] 
war  eine  Tochter  des  Pandectisten  Hugo.  Über  seine  Stel- 
lung zu  den  Göttinger  Sieben  vgl.  J.  Grimms  El.  Sehr.  I. 
54—6.  Es  handelt  sich  hier  um  die  Erklärung,  welche  am  13. 
12.  1837  K.  0.  Müller,  Kraut,  Ritter,  Schneidewin,  H.  Thöl. 
und  E.  V.  Leutsch  in  Kasseler  Blättern  zu  Gunsten  der 
sieben  gemaszregelten  Collegen,  veröffentlicht  hatten. 

S.  2i91.  Über  den  Tag  in  Witzen  hausen]  ge- 
meint ist  die  bei  Vertreibung  von  Dahlmann,  Jacob  Grimm 
und  Gervinus  in  Witzenhausen  improvisirte  Abschiedsfeier. 
Zu  Fu8z  waren  hunderte  von  Studenten  den  Wagen  voraus- 

Seeilt,  da  den  Fuhrleuten  untersagt  war,  ihnen  Wagen  zur 
Disposition  zn  stellen.  Unter  denen,  welche  jenseits  der 
hannoverschen  Grenzen,  die  Pferde  der  Verbannten  aus- 
spannten, befand  sich  auch  ein  Glied  der  Familie  Roth- 
schild. Noch  1852  schreibt  J.  Gr.  an  Hofmann  v.  F.  (Germ. 
XI.  511)  von  dem  .glorreichen  Studentenauszug  nach  Witzen- 
hausen.* 

S.  291.    Lücke's  Frau  sagte  etc.]    vgl.  S.  287,  vgL 

Freundesbr.    S.    150:     ,Der    Ungiücklichste    hier    von    uns 

allen  ist  Lücke.*    Lücke  fjeb.   1791  war  seit  1818  Prof.  der 

Theol.  in  Bonn,  seit  1827  m  Göttingen,  wo  er  1855  starb. 

ib.  Huber]   Prof.  Vict.   Aim^   seit   1836   in   Marburg, 

19* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


292  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  292—295. 

später  in  Berlin,  wo  er  anch  mit  den  BrAdem  Crr.  verkehrte. 
Vgl.  Anm.  zu  S.  318  Br.  2.  [II  S.  308.] 

S.  292.  Bei  nnserm  Schritte  lag  bloss  die 
religiöse  Überzeugung  zu  GrundeJ  vgL  Freun- 
desbr.  S.  149  f. :  .ich  besorge,  man  wird  nirgends  c^anben, 
dasz  wir  Gott  mehr  als  den  Menschen  haben  g;ehorche& 
wollen,  u.  die  in  Parteien  getheilte  Welt  glaubt  nicht,  dasz 
jemand  anders  als  aus  Parteiansichten  habe  handeln  kte- 
nen.  Ich  musz  entweder  abgeschmackte  LobpreiBnnffen 
(einige  ausgenommen ,  welche  die  Wahrheit  fühlen)  oder 
ho££:tige  Verhöhnung  ertragen,  ich  weisz  nicht,  was  von 
beiden  mir  mehr  zuwider  ist.* 

Über  die  sonstige  polit  Gesinnung  der  Brüder  v^ 
Briefw.  m.  v.  MeusebachS.  357  f.  u.  Beitrfige  zu  Görres  Rhein. 
Merkur  in  dessen  kl.  Schriften  Bd.  I.  536  ff.  sowie  hier  be- 
sonders n  260,  265,  310  no  5,  313  no  7. 

S.  292.  Dasz  der  König  von  Sachsen  uns  Sieben 
erlaubt  hat,  Vorlesungen  in  Leipzig^  als  prol 
honor.  zu  erö f f n e nl.  Aus  den  Briefen  mit  Dahlmann 
ergiebt  sich,  dasz  diese  Erlaubnisz  doch  nur  mit  Cautelen 
gegeben  war  und  daher  von  ihr  kein  Gebrauch  gemacht 
wurde. 

S.  294  no.  136]  Voraus  seht  ein  Br.  J.  M.*8  v.  11.  6. 1839: 

«Innig  verehrter  Freund,  Hier  sende  ich  Ihnen  das  ^e- 
wünschte  Document,  von  meiner  Tochter  Klara  abgeschrie- 
ben. Es  kann  Einem  ein  Grauen  ergreifen,  wenn  man  in 
diese  bodenlose  Sicherheit  der  verstocktesten  Verblendung 
—  oder  ist  es  quasi  Heuchelei?  —  hineinsieht.  —  Die  un- 
geheure Plattheit  auf  S.  2  ist  nun  wohl  zu  ergötzlich,  ah 
aasz  man  es  sich  versagen  könnte  sie  vertrauten  Freunden 
gelegentlich  mitzutheilen.  Was  aber  den  Brief  selbst  be- 
trifft, so  habe  ich  Huber  gesagt,  dasz  Sie  ihn  treulich  für 
Sich  in  Ihren  Akten  zu  dieser  denkwürdigen  Geschichte  be- 
wahren wollen.  .  .  .  Wenn  ich  von  Ihnen  bin ,  so  fWt  es 
mir  immer  aufs  Herz,  über  wie  Manches  ich  noch  hätte  mit 
Ihnen  reden  mögen,  und  wie  wenig  ich  Ihnen  meine  innige 
Anhänglichkeit  an  Sie  zu  erkennen  gegeben  habe.  —  Gott 
schütze  die  gerechte  Sache  und  die  um  ihretwillen  leiden. 
Von  ganzem  Herzen  der  Ihriffe  J.  Müller.* 

S  295.  Schönlein]  Geh.  Obermedicinalrath  u.  Leib- 
arzt des  Königs.  Der  König  hatte  ihn  auf  die  Nachricht 
von  W.  Gr.'s  Erkrankung  zu  denselben  geschickt.  Lant 
uns  dem  Aesculap  einen  Hahn  opfern,  rief  Seh.  mit  lauter 
Stimme  durch  das  Zimmer  als  die  Fieberkrisis  überwunden 
war.  Im  Fieberschauer  hatte  W.  zuvor  aus  dem  Bett  stei^ 
wollen  und  Dahlmann*s  Sohn,  dessen  mündlichem  Bericht 


y  Google 


Anmerkimgen  zu  B.  I  S.  205—296.  293 

ich  dieee  Daten  entnehme ,  vermochte  seiner  nicht  mehr 
Herr  zn  werden.  Da  rief  er  den  im  Nebenzimmer  arbei- 
tenden Jacob  herbei.  Er  kam  schweigend,  setzte  sich  an 
das  Bett  dem  Kranken  gegenüber  and  schaute  ihn  ernst 
mit  seinen  trenen  Angen  an.  Da  legten  sich  die  Fieber- 
schauer und  der  Kranke  sank  mhiff  zurück  in  die  Kissen 
und  in  erquickenden  Schlaf.  Ein  bezeichnendes  Beispiel, 
welche  moralische  (Gewalt  Jacob  über  seinen  Bruder  besasz. 
Vgl.  über  diese  Krankheit  Wilhelm's  noch  J.  Gr.*s  Brief  an 
K.  A.  Hahn  (Germania  XH.,  117.) 

S.  296.  diese  Blätter]  fÜber  meine  Entlassung*. 

S.  296  no.  137.]  Darauf  antwortet  J.  M.*s  Br.  v.  16. 
5. 1838 :  «Theurer,  innigyerehrter  Freund,  Empfan^n  Sie  mei- 
nen herzlichen  Dank  mr  das  Geschenk,  das  Sie  mir,  von 
so  freundlichen  lieben  Zeilen  begleitet,  gesandt  haben.  Wie 
sehr  ich  mich  an  Ihrer  Schrift  erquickt  und  erbaut  habe, 
brauche  ich  Ihnen  nicht  zu  sagen;  Sie  kennen  meine  G^ 
sinnung.  Wer  es  ernstlich  wonl  meint  mit  unserm  armen 
Yaterlande,  und  nicht  will,  dasz  es  dem  perfidesten  Treiben 
und  den  wildesten  Revolutionen  Preis  gegeben  werde,  der 
musz  es  Ihnen  und  Ihren  Kampfgenossen  ungemessenen 
Dank  wissen  ,  dasz  Sie  es  gewagt  haben,  Sich  vor  die 
Bresche  zu  werfen,  im  Unterliegen  g^wisz  den  Sieg  berei- 
tend, weil  die  heilige  Macht  Gottes  mit  Ihnen  ist.  Auch 
haben  gerade  Sie  durch  Ihre  Schrift  allen  denen,  welche 
sich  gerne  damit  beschwichtigen  möchten,  dasz  sie  ihren 
Schritt  auf  Rechnung  eines  politischen  Parteiinteresses 
setzen,  alle  Entschuldigung  abgeschnitten ,  und  wenn  sie 
vielleicht  nicht  zu  heilen  sind,  doch  ein  klares  Zeugnisz 
über  sie  abgelegt  das  sie  scheuen  müssen.  —  Mir  ist  mehr 
als  einmal  beim  Lesen  das  Herz  wahrhaft  aufge^ngen, 
und  ich  hätte  viel  darum  g^ben  einen  Augenblick  bei 
Ihnen  zu  sein,  um  Ihnen  mit  Einem  Worte  sagen  zu  kön- 
nen, wie  innig  ich  mich  mit  Ihnen  einverstanden  fühle.  — 
Diesz  führt  mich  darauf  einen  Wunsch  gegen  Sie  aus- 
zusprechen, den  ich  schon  lange  im  Herzen  trage,  und  den 
hier  Viele  mit  mir  theilen.  Möchte  es  Ihnen  doch  gefal- 
len, ehe  Sie  Kassel  verlassen,  vielleicht  während  der  Pmigst- 
zeit,  wo  unsere  Gegend  sich  am  schönsten  herausputzt, 
einige  Tage  bei  uns  zuzubringen.  Bickell  will  ja ,  soviel 
ich  weisz,  kommen;  könnten  Sie  ihn  nicht  begleiten?  Und 
wenn  Sie  kommen,  nicht  wahr,  dann  kehren  Sie  bei  uns 
ein,  und  nehmen  mit  einem  dazu  bereiten  Zimmer,  wie  Sie 
es  eben  finden,  vorlieb?  Meine  Frau,  die  sich  Ihnen  herz- 
lich empfiehlt,  würde  sich  sehr  betrüben,  wenn  sie  in  diesem 
Falle  nicht  die  Freude  haben  sollte ,   auf  einige  Tage  Ihre 


y  Google 


294  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  296—207. 

Hauswirthin  zu  sein.  Am  allerschönsten  wäre  es,  wenn  Ihr 
Bruder  Wilhelm,  den  ich  tausendmal  zu  grüszen  bitte, 
wenn  Sie  ihm  schreiben,  mit  Ihnen  kommen  könnte.  Viel- 
leicht ziehen  Sie  es  dann  noch  einmal  in  Erwäguni^,  uimI 
wählen  zu  Ihrem  künftigen  Aufenthaltsorte  statt  Leipsig 
unser  stilles  Marburg,  wo  Sie  gewisz  von  herzlicherm,  an- 
eigennützigerm  Wohlwollen  umgeben,  und  allen  Zudring^ 
lichkeiten  des  Parteiwesens  viel  mehr  überhoben  sein  wür- 
den als  dort.  —  Gott  leite  und  schütze  Sie,  geliebter,  ver- 
ehrter Freund.  Von  ganzem  Herzen  Ihr  treuergebener 
J.  Müller.  —  PS.  Wenn  Sie  uns  die  Freude  Ihres  Besuches 
machen  wollen,  lassen  Sie  es  uns  wohl  vorher  wissen,  wann 
wir  Sie  erwarten  dürfen;  ich  könnte  sonst  am  Tage  Ihr^ 
Ankunft  zufällig  abwesend  sein.** 

S.  297.  Vilmarl  Aug.  Friedr.  Christ.  Der  bekannte 
hessische  Theolog  und  Literarhistoriker,  geb.  1800  ^est.  30.  Juli 
1868  in  Marburg.  In  dem  Briefwechsel  Weigand's  befinden 
sich  21  Briefe  Vilmar's  von  ll43— 67,  darunter  einer  von 
1867  auf  roth  gerändertem  weissem  Papier  mit  dem  photo- 
graphischen Bildniss  des  letzten  Eurmrsten.  Natürlich  er- 
wähnt Yilmar  in  diesen  Briefen  verschiedene  Mal  die  Brüder. 
Ich  hebe  einige  Stellen  heraus:  20.  Merz  1845:  , Jacob  Gr. 
klagt  gegen  mich  sehr  über  das  abnehmende  interesse  der 
weit  an  unserer  Wissenschaft;  aber  woher  kommt  diese  ab- 
nähme?" —  18.  Aug.  1846:  ,bis  dahin  (eintreffen  v.  W.  Gr.'s 
Athis  u.  Prophilias)  hatte  ich  mich  an  J.  Grimmas  Geten- 
Gothen  und  etymologischen  kühnheiten  in  der  vo(^- 
abhandlung  erfreut  ...  es  mögen  also  diese  Rimberge  ur- 
sprünglich reginber^e  gewesen  sein,  u.  somit  uralte 
culturstätten  der  raging.  In  der  nähe  dieses  oberhess. 
Himbergs  bei  Caldern  sucht  bekanntlich  Mone  nicht  ganz 
ohne  Wahrscheinlichkeit  die  Gnitaheide.*  —  28.  Dec.  1846: 
,Wir  Philologen  und  Dichter  haben  uns  [auf  d.  Germ.-Vers.] 
gut  mit  einander  verschlagen,  bis  auf  die  kleinen  spitzen, 
welche  ich  notgedrungen  gegen  W.Grimm  in  angelegenheit 
der  zu  erneuernden  Hauptschen  Zeitschrift  herausKehrte,  und 
die  auch  J.  Grimm  in  seinem  bericht  in  der  allg.  zeitung  nicht 

Sinz  übergangen  hat.  das  ding  kam  beinahe  heraus,  afi  wenn 
aupt  die  Zeitschrift  gepachtet  hätte,  während  er  doch  aus 
freien  stücken  die'sache  niedergelegt  hat.  F.  Pfeiffer,  den 
ich  in  den  Vordergrund  rückte,  schienen  die  Grimm  die 
Zeitschrift  nicht  recht  gönnen  zu  wollen.  .  .  .  die  übrigen 
expectorationen  in  Fft.  nätte  ich  den  herm  Juristen  heri- 
licn  gern  geschenkt;  .  .  .  u.  Reyschers  eseleien  g^en  J. 
Grimm  in  d.  aÜg.  zeitun^  haben  ebenso  [bös]  auf  viele 
andere  gewirkt.*  —  31.  Mai  1849:    »Ich  habe  Sie  beneidet. 


y  Google 


Anmerknngen  zu  B.  I  S.  297.  295 

dasz  Sie  am  18.  sept.  v.  J.  in  aller  gemüthlichkeit  sich 
haben  bibliotheken  ansehen  und  Codices  nntersnchen  und 
excerpieren  können,  das  wäre  mir  völlig  unmöglich  ge- 
wesen. J.  Grimm  that  auch  wohl,  dasz  er  sich  vonFrankf. 
entfernte;  es  thnt  mir  leid,  dasz  ihn  seine  eitelkeit  ver- 
führte, sich  für  F.  zuzudrängen  (denn  das  hat  er  gethan), 
n.  wählen  zn  lassen ,  um  sich  —  lächerlich  zu  machen. 
J.  Gr.'s  existenz  in  der  Nat.  V.  ist  ansern  Studien  oder  viel- 
mehr deren  geltung  nicht  förderlich  gewesen,  doch  darnach 
fragen  wieder  die  Grimms  nicht  —  sie  wollen  ihre  sachen 
eben  nicht  aus  dem  kreise  der  gelehrsamkeit  gerückt  sehen ; 
exclusiv  oder  gar  nicht!  ist  ihr  alter  wenn  auch  un- 
ausgesprochener Wahlspruch.  —  L.  Uhland  ist  weniger  klug 
als  die  Grimma,  und  scneint  sich  völlig  ruiniren  zu  wollen.^ 

—  6.  Aug.  1867:  »Den  Tod  Jacob  Grimms  habe  auch  ich 
auf  das  Schmerzlichste  empfunden;  es  macht  sich  dieser 
Verlust  auch  sonst  durch  oie  einreiszende  Meisterlosigkeit 
auf  dem  deutschen  Sprachgebiet  und  den  bittem  Hader, 
welcher   überall   auftaucht,   empfindlich  bemerkbar.* 

In  der  Grimm-Correspondenz  haben  sich  nur  4  Briefe  V.'s 
an  J.  Grimm  erhalten.  Auf  den  ersten  derselben  fehlt  die 
Antwort  v.  J.  Gr.  Er  lautet:  •  Wohlgeborener,  Hochver- 
ehrtester Herr  Professor!  Ein  Neuling  überreicht  Ihnen 
hierbei  seine  Arbeit  —  nicht,  als  ob  er  meinte,  es  sei  die- 
selbe an  sich  Ihrer  Auftnerksamkeit  würdig,  wohl  aber,  um 
Ihnen  durch  ein  äuszeres  Zeichen  darzuthun,  dasz  die  Zahl 
Ihrer,  für  ein  ganzes  Leben  dankbaren  Schüler  sich  um 
Einen  vermehrt  nat,  der,  freilich  nun  schon  vor  Jahren,  an 
Ihren  Schriften  lernte,  zu  lernen,  und  sich  mit  seinen  An- 
sichten von  den  Dingen  den  Dingen  selbst  unterzuordnen. 
Möge  der  verehrte  Meister  auch  die  geringe  Leistung  eines 
seiner  schwächeren  Schüler  nicht  verschmähen,  der,  über 
zwei  Jahre  lang  aus  der  Bahn  der  Wissenschaft  in  das 
Gebiet  des  Geschäftslebens  verschlagen,  mit  dieser  Arbeit 
zuerst  wieder  den  wissenschaftlichen  Boden  betritt.  —  Ich 
hätte  sehr  gewünscht,  diese  Abhandlung  vollständiger  aus- 
reifen lassen  zu  können,  indesz  geboten  die  Amtsverhältnisse 
Eile  in  der  Ausarbeitung  und  Herausgabe,  und  so  kann  und 
soll  sie  denn  nichts  anderes  sein,  als  eine  kleine  syntaktische 
Concordanz  für  den  Genitiv  im  Heliand.  —  Die  Grund- 
linien einer  Theorie  des  Genitivs,  die  ich  zu  ziehen  versucht 
habe,  mögen,  von  einem  höheren  Standpunkte  aus  an- 
gesehen,  unhaltbar  erscheinen  —  ich  gebe  sie  gern  daran 

—  indesz  konnten  mich  die  bisherigen  Theorien  noch  weniger 
befriedigen,  weil  diese  auch  nicht  einmal  einen  beschränkten 
Kreis  von  Thatsachen   mit  Vollständigkeit  zu  Ihrer  Grund- 


y  Google 


296  Anmerkimgen  sn  B.  I  S.  297->298. 

läge  genommen  hatten.  —  Mit  lebenslftn^lioher  Dankbarkeit 
nnd  Verehrnng  habe  ich  die  Ehre,  mich  zu  nennen  Ew. 
Wohlgeboren  ergebensten  Dr.  A.  Yilmar,  Gjmnasialdirector. 
Marbnrg  am  29.  März  1834." 

Die  übersandte  Arbeit  ist  V.*8  Gymn.-Progr. :  4>e  geni- 
tiyi  casns  syntaxi  quam  jmraebeat  Harmonia  Evan^lioram, 
saxonica  dialecto  seculo  IX  conscripta,  commentatio.' 

S.  297  no.  138]  Antwort  auf  V .*8  Br.  2 :  .Hochwohlgeborener, 
Hochverehrtester  Herr  Hofrath!  Gestatten  Sie  mir,  dam. 
ich,  ermnthigt  durch  die  nur  zu  gütige  Aufnahme  meines 
Schulprogrammes  vor  anderthalb  Jahren,  auch  das  an- 
liegende [von. der  stete  ampten  und  der  fnrsten  ratgeben 
18%.  4.1  Ihnen  überreiche.  Dasz  ich  dies  kleine  Stück  her- 
ausgegeoen,  hat  freilich  zunächst  mehrere  äuszere  Ver- 
anlaszungen  —  welchen  auch  die,  so  wie  sie  da  (S.  4 — 5) 
stehen,  sehr  überflüszigen  Bemerkungen  über  u  und  ü  an- 
gehören —  indesz  spracn  mich  doch  auch  das  frische  Leben 
in  diesem  derben,  einem  noch  gesunden  Boden  entsproszten 
Gewächse  an.  Wie  ich  es  herausge^ben  —  darüber  ist 
eben  nichts  zu  sagen.  Abschreiben  ist  keine  Kunst,  doch 
wuszte  ich  hier  ernstlich  nicht,  was  ich  beszeres  hätte  thnn 
sollen.  —  Unter  den  vielen  freudigen  Stimmen,  welche  von 
allen  Enden  her  sich  über  Ihre  deutsche  Mythologie  er- 
heben werden,  erlauben  Sie  auch  der  meinigen,  sich  hören 
zu  laszen.  Die  vielen  einzelnen,  leisen  Töne  und  Stimmen, 
die  fast  verhallend  an  Ber^  und  Wald  vorüberziehen,  klingen 
nun  zusammen  in  einem  einzigen,  lauten  und  hellen  Klange. 
Mit  wem  jene  Töne  aus  der  frühen  Kindheit  her  dur^ 
Leben  gegangen  sind,  der  wird  sich  noch  ehe  er  den  vollen 
Klang  des  Gkinzen  technisch  bewundert,  daran  persönlich  zu 
freuen  im  Stande  sein.  Den  wissenschaftlichen  Gewinn 
und  das  Lernen  aus  Ihrem  Werke  theile  ich  mit  sehr  Vielen, 
die  Freude  mit  nicht  Wenigen;  jeder  hat  denn  nun  seine 
besondere  und  besonderste  Freude.  So  ist  es  unter  Vielem 
kein  geringes  Vergnügen,  die  auch  in  Hessen  wohlbekannten 
Elbe ntröt sehen  (Hilpentritschen) in  so  guter  Gesellschaft 
auftreten  zu  sehen.  Die  Jagd  der  H.  Tr.  bestand  noch  vor 
zwanzig  Jahren  als  ein  sehr  alter  Pennalismus  in  Hersfeld. 
Seitdem  ist  auch  diese  letzte  schwache  Spur  erloschen  nnd 
lediglich  der  Tradition  anheimgeMlen.  —  Mit  der  innigsten 
Verehrung  habe  ich  die  Ehre,  mich  zu  nennen  Ew.  Uoch- 
wohlgeboren  gehorsamster  Dr.  A.  Vilmar.    Marburg  7.  Nov. 

S.  298.  über  den  hersfelder  Hilpentriterde] 
verdruckt  für  Hilpentritsch.  Vgl.  noch  Vilmar*s  Idio- 
tikon von  Kurhessen  Marburg  1868  s.  v.  Hüpentritsche :  «Dasz 


y  Google 


Anmerkimgen  zu  B.  I  S.  298~d04.  297 

die  fiUlpentritschen  in  Henfeld  vorkommen,  hat  er  (d.  h. 
J.  Gr.)  aus  meiner  Mitteilung.' 

S.  298.  Mohrl  vgl.  folgende  Stelle  eines  Briefes  von 
Yilmar  an  Wei^rand  v.  5.  jan.  48 :  «Sind  Sie  gemeint,  wenn 
der  *pr6fe88Ör  Jö8n&  Eiselein*  von  einem  *pr6fessör  Weigand 
in  Mainz*  spricht?  der  mann  scheint  zu  den  vielen  halb- 
tollen zn  gehören,  die  wir  in  nnsem  disciplinen  haben  auf- 
tauchen sehen:  Berndt,  Badloff,  E.Roth,  Crüger,  Wil- 
brand,  Mohr  (dieser  ist  denn  doch  im  irrenhause  gestorben !) 
und  viele  andere  geben  eine  schöne  reihe.' 

S.  298.  ob  Sie  geneigt  .  .  .  beitrag  für  das 
deutsche  wb.  zu  liefern?]  vgl.  Anm.  z.  S.  121. 

S.  299.  Blacker t].  Lehrer  am  Gymnasium  in  Mar- 
burg wurde  1845,  wie  ein  Brief  Vilmars  an  Weigand  er- 
giebt,   nach  Rinteln  versetzt,    wurde  dann   Pfarrer,    trat 

3}äter  zum  Katholizismus  über  und  starb  als  Professor  in 
ernovitz.  Er  wird  wohl  nie  etwas  für  das  Wörterbuch 
geliefert  haben. 

S.  301.  mein  bruder  will  das  programm  in 
dem  gött.  anz.  beurtheilen].  Vgl.  die  Anzeige  in 
W.  Grimmas  kl.  Schriften  II,  481. 

S.  302.  Dem  mfinchener  Roth].  E.  Roth  am 
Reichsarchiv  zu  München  geb.  1802  t  1880.  vgl.  S.  408, 
J.  Gr.  an  K.  Frommann  v.  10.  apr.  1839  (Germ.  XII,  119) 
u.  Anm.  zu  S.  298:  Mohr.  —  Über  seine  Schriften  vgl. 
K.  V.  Bahder*8  Deutsche  Philologie. 

S.  303.  bogen  etymologie  über  ,sünde']  in 
Theol.  Studien  u.  Eritiken  hsg.  v.  Ullmann  u.  Umbreit 
1839  8.  747-52  (=  El.  Sehr.  IV,  288  ff.) 

S.  303.  Bemerkungen  über  hessische  Orts- 
namen] in  d.  Zeitschr.  d.  Vereins  f.  hess.  Gesch.  u.  Lan- 
deskunde.   Bd.  2  (1840)  S.  132-54  (=  E).  Sehr.  V.  297  ff.) 

S.  304.  Haupt]  vgl  Anm.  zu  S.  314.  Von  ihm 
liegen  mir  4  Zuschriften  an  Weigand  vor,  aus  den  Jahren 
1841—8.  Ich  setze  aus  dem  letzten  v.  27.  C>ct.  1848  datirten 
Brief  den  Eingang  her:  «Haben  Sie  freundlichsten  Dank 
für  die  Zusendung  Ihres  evangelien-bruchstücks.  ich  habe 
es  soeben  erhalten  u.  mich  über  den  schönen  auch  durch 
grosze  reinheit  des  versmaszes  merkwürdigen  Fund  sehr 
gefreut  u.  werde  dafür  sorgen,  dasz  Jacob  Grimm  an  sei- 
nem Geburtstage  abdrücke  erhält'.  (Im  weiteren  bean- 
standet er  die  Ansetzung  desAnfauji^  d.  11  Jh.  für  die  Hs. 
und  Weigand  acceptirte  seine  Ansicht,  dasz  sie  dem  An- 
fang des  12.  Jh.*s  angehöre)  Vgl.  Anm.  zu  S.  327. 


y  Google 


298  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  305—307. 

S.  305.  Stielers  Sprachschatz].  Der  deutschen 
Sprache  Stammbaum  u.  Fortwachs  od.  demtscher  Sprach- 
sdiatz  etc.    Nürnberg  1691  4o. 

S.  305.  Horus  u.  Kiliandr]  vgl  S.  122  femer 
einen  Brief  v.  Vilmar  an  Weigand  v.  18.  8.  1846  (in  Anm. 
z.  S.  297)  und  v.  Müllenhoff  an  Weigand  v.  25.  1.  1857  (in 
Anm.  zu  S.  359).  In  der  zweiten  von  Müllenhoff  1867  be- 
sorgten Ausgabe  von  W.  Grimmas  Heldensage  ist  der  Iden- 
tität von  Euiandr  mit  Calantra,  welche  Mone  ohne  weite- 
res annahm,  ebensowenig  gedacht,  wie  in  der  ersten. 
Nach  W.  Kolbe:  'Die  Sehenswürdigkeiten  Marburgs  u.  8. 
Umgebungen.  Marb.  1884'  S.  145  ist  allerdings  noch  heute 
in  Kembach  eine  vor  den  Ohren  der  Städter  wohl  ge- 
hütete Überlieferung  lebendig,  wonach  dort  der  Lindwurm 
gehaust  habe,  den  Jungsiegfried  erschlug. 

S.  307   no.   144]    Antwort  auf  V.'s    Br.   3:     .Hochver- 
ehrtester Herr  Professor!    Inliegende   kleine  SchrÖt,   nicht 
für  die  Oeffentlichkeit  bestimmt,  vielmehr  nur  ein  in  groszer 
Eile  beschafftes  Surrogat  für  Dictate,   würde   an  sich  nicht 
gewagt  haben,  sich  Ihnen  zu  zeigen,  und  nur  gelegentlich 
würde  ich  es  als  ein  Curiosum  —  damit  Ihnen  auch   der- 
gleichen Dinge  wenigstens  zu  Gesicht  gebracht  würden  — 
Ihnen  vorgelegt  haben.    Die  Indiscretion  des  Buchhändlers, 
welcher  das   Stück  wider    die    bestimmteste  Abrede   ver- 
sendet, erinnert   mich,   ihn   nicht    an   Unverschämtheit  zu 
überbieten,  indem    ich    es    darauf  ankommen  liesze  ,    da»s 
Ihnen  das  Stück  anderwärts  zu  Gesicht  käme ,  nicht  durch 
mich.    Die  Absicht  ist  nicht  eben,   dasz  Sie    es  lesen  soll- 
ten ;    denn   wer   kann   solchen  Abhub   (und    mehr   können 
freilich  alle  dergleichen   Schulhefte  nicht  sein)  ohne  schmäh- 
liche Zeitverderbnis  durchgehen  ?  ~   Für  Ihren  [Wilhelm's] 
Werhher  habe  ich  nicht  einmal  gedankt;  was  werden  Sie 
von  mir  denken?    Der  Wunsch,   mit  mehr   als  der  allge- 
meinen Formel,  mit  Beweisen  des  Gelesen-Habens  und  des 
Nutzens  aus  dem  Lesen,  zu  danken,  liesz  mich  im  Anfange 
Aufschub  suchen ;  nachher  traten  die  seit  einem  Jahre  wieder 
unabläszig  andringenden   Amtshindernisse,    wie    diese    bei 
unsern  Verhältnissen  so  häufig   kommen,   in  den  Weg.  — 
Beiliegendes  Citat  wird  Ihnen   wohl   längst   bekannt  sein; 
seit  drei   Vierteljahren   liegt  es   nun   schon   bei   mir.    Ein 
wirklich   interessantes,   Ihnen  vielleicht  unbekanntes  und 
nicht  ganz   unwichtiges   Zeugnis   werden   Sie   neulich  von 
Dr.  Dietrich  erhalten  haben  oder  doch  in  der  Kürze  erhal- 
ten. —  An   Ihrer  [Wilhelm's]   goldenen  Schmiede  habe  ich 
vielfache  Freude  gehabt :  zunächst  die  billige  und  milde  und 
doch  entschiedene  Abwehr  des  fremden  Maszstabes ;  vor  allem 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  807-308.  299 

aber  das  theologisch-poetische  Glossar,  welches  für  die 
innere  Kirchengeschichte  nicht  hoch  genug  in  Anschlag 
kommen  kann.  Wie  reich  ist  diese  Fundgrube,  und  wie 
wenige  kennen  sie;  denn  seit  Peschek  meine  ich  kaum 
eine  Andeutung  dieser  Dinge  gelesen  zu  haben.  Ohne 
Eingehen  darauf,  von  den  angelsächsischen  Stücken,  Otfried 
und  Heliand  an  bis  hinab  in  das  15.  Jh.,  werden  wir  aber 
niemals  eine  Geschichte  des  Christenthums  in  Deutschland 
bekommen.  Mit  der  herzlichsten  Verehrung  und  Ergeben- 
heit Ew.  Wohlgeboren  ergebenster  Vilmar.  —  Marburg, 
28.  Sept.  1840.- 

5. 307.  Ihre  mir  . . .  übersandte  schrift]  Deutsche 
Schulgrammatik  etc.    Marb.  1840,  7.  Aufl.  1871. 

ib.  unserer  grammatik  ihre  eigenthümlich- 
keit  zu  bewahren]  vgl.  S.  334. 

5.308.  die  .  .  reduction  des  textes  erschreckt 
doch  ein  wenigl  vgl.  S.  314,  332,  217  u.  J.  Gr.'s  Anzeige 
V.  Lachmann*9  Scnrift  über  die  ursprüngliche  Gestalt  der 
Nibelunge  Noth.  Berlin  1816.  (Kl.  Sehr.  IV  92  ff.)  sowie  die 
W.*s  (KL  Sehr.  II,  176  ff.)  und  W.  Gr.  an  Görres  v.  6.  12. 
1816  ( Görres briefe  II  505).  Die  spätere  Correspondenz  Lach- 
mann's  u.  Wilh.  Gr.*s  über  das  Nibelungenlied  steht  in 
Zacheres  Zeitschr.  II,  vgl.  dazu  Wegeners  Anm.  in  dem 
Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  366  f.  Jacoo's  Correspond.  mit  L. 
begann  1819,  vgl.  ib.  S.  303  f. 

S.  308.  Gervinus  fünften  Theil]  Gesch.  d.  poeti- 
schen Nationalliteratur  d.  Deutschen.  1 — 5.  Bd.  Leipzig 
1835-40.  5.  Aufl.  bes  v.  K.  Bartsch  1871-74.  8».  —  Be- 
kanntlich war  Gervinus  mit  Dahlmann  und  J.  Grimm  1837 
gemeinsam  aus  Hannover  verbannt.  Aus  den  7  mir  vor- 
liegenden Briefen  an  Weigand  (von  1847—53)  hebe  ich  fol- 
gende  seinen  Berliner  Aufenthalt  1852-3  beleuchtende  Stellen 
eraus:  Heidelberg  28.  9.  1852:  ,Ich  würde  Sie  dann  bitten, 
mir  dasselbe  unter  J.  Grimmas  Adresse  nach  Berlin  zu 
schicken,  wohin  ich  übermorgen  abreise,  vielleicht  um  den 
ganzen  Winter  dort  zu  bleiben.*  —  Berlin  Behrenstr.  6.  — 
18.  12.  1852:  ,Ich  werde  hier  wohl  noch  längere  Wochen 
oder  selbst  Monate  aushalten  müssen.  Die  Masse  des  Vor- 
rathes  ist  gewaltig."  —  H.  1.  3.  1853:  ,Die  lanjfe  Ver- 
schleppung dieser  Antworten  entschuldigen  Sie  gewisz  gerne 
mit  aen  häszlichen  ZwischenföUen ,  die  mich,  zum  Schaden 
auch  meiner  neuen  Auflage  der  Lit.  Gesch.  vorschnell  aus 
Berlin  nöthigte.  Es  ist  ein  seltsames  Schicksal,  dasz  ich 
über  der  Überarbeitung  des  3.  Bandes  gerade  so  aus  Berlin 
vertrieben  wurde  (u.  vielleicht  noch  weiter  aus  Baden  u. 
Deutschland  weg)  wie  ich  bei  der  ersten  Ausarbeitung  eben 


y  Google 


300  Anmerkniigen  zu  B.  I  S.  308-^13. 

dieses  Bandes  aus  Göttingen  verjagt  wurde  .  .  .  ich  könnte 
wahrscheinlich  in  Wochen  noch  nicht  hier  weg,  wefl  mit 
einer  demnächstigen  Freisprechung,  an  der  ich  nicht  zweifle, 
die  Sache  noch  nicht  zu  Ende  sein  wird/  —  23.  9.  1852: 
« J.  Qrimm  war  schon  weg ;  er  blieb  nur  1 — 2  Tage^  o.  sah 
leider  recht  verarbeitet  aus.*  (vgl.  Fr.  Roth  an  Weigand 
12.  9.  1852.  Anm.  zu  S.  377).  —  Qervinus'  Briefwechsel  mit 
den  Brüdern  wird   demnächst  von  Dr.  Ippel  veröffentlicht. 

S.  308.  Ihre  Nationalliteraturl  Geschichte  der 
deutsch.  N.    Marb.  1845.    8.    22.  Aufl.  1886. 

S.  309.  theilnahme  d.  publicums  an  der  altd. 
lit.  nimmt  ab.]  vgl.  Vilmar*s  Aeusserung  an  Weigand  in 
Anm.  zu  S.  297.  —  Seifrid  Helbling  steht  in  Bd.  lY  v. 
Haupt's  Zeitschr. 

ib.  Müllers  u.  Schaumanns  leere  Einbil* 
dunij^en]  vgl.  L.  Diefenbach  an  Weigand  v.  5.  6.  u.  28.  7. 
1845  m  Anm.  zu  S.  388,  sowie  J.  Gr.'s  Recension  v.  W.  MüUer^s 
Geschichte  u.  Syst.  d.  altd.  Religion.  Göttingen  1844  (Kl.  Sehr, 
y  S.  336  ff.)  u.  seine  weitere  Sklärung  in  der  Allg.  Zeitang 
1845  (Kl.  Sehr.  VII  8.  600).  Wegen  Schaumann's  vgl.  J.  Gr.'s 
Bemerkungen  zu  Schaumann*s  Aufsatz  über  das  wehrgeld 
d.  freien  nach  d.  Lex.  Saxonum  in  Bd.  11  d.  Zeitsch?.  f. 
gesch.  rechtswissensch  385  ff. 

S.  310.  phol]  vgl.  «Schon  mehr  über  phol*  in  der 
Zeitschr.  f.  das  Alterthum  v.  Haupt  Bd.  2.  1842.  S.  252-7 
(=  Kl.  Sehr.  Vn  S.  101). 

ib.  Ihrer  abhandlung  über  den  Heliand] 
Deutsche  Alterthümer  im  Heliand  etc.  Progr.  1845. 

S.  311  z.  1  V.  u.]  lies:  »des  von  1594*  st  *der*. 

S.  312.  Pertz  davon  benachrichtigt]  Vgl.  Anm. 
S.  267.  Pertz  war  bekanntlich  Oberbibliothecar  an  der 
königl.  Bibliothek  in  Berlin. 

ib.  SchadewitzJ  Vgl.  in  Anm.  zu  S.  313  V.*s  Br.  4 
auf  S.  302. 

ib.  Pfeiffer  will  .  .  .  neue  Zeitschrift  be- 
ginnen, was  mir  lieb  ist].  VgLS.314,  Germania XI,  122. 
Die  22  mir  vorliegenden  Briefe  Franz  Pfeiffer^s  an  Weigand 
von  1843—68  bieten  keine  Ausbeute  für  Pf.*s  Verhältniss 
zu  jedem  der  beiden  Brüder,  das,  wie  auch  deren  Briefe  an 
Weigand  ergeben,  ein  sehr  verschiedenes  war.  Vgl.  noch 
Wühelm's  Kl.  Sehr.  II,  S.  508  ff. 

S.  313  no.  148]  Antwort  auf  V.'s  Br.  4:  .Marburg 
4.  Januar  1859.  Hochverehrtester  Herr  Hofbit!  Nicht  um 
die  gratulantenschar  zu  vermehren,  welche,  erwünscht  und 
unerwünscht,  an  diesem  tage  sich  Ihnen  zu  nahen  pflegt, 
komme  ich,  wol  aber,  um  doch  wenigstens  einmal  an  cuesem 


y  Google 


Anmerknngen  zn  B.  I  S.  313.  301 

tage  Ihnen,  mein  hochverehrtester  meister,  meine  verehmng 
anch  brieflich  anszndrflcken,  die  mich  ja  freilich  seit  nun- 
mehr l&iger  als  dreifsig  jähren  keinen  tag  verlalsen  hat 
leider  bin  ich  seit  zehn  Jahren  fast  ganz,  seit  länger  als 
drei  jähren  ffftnzlich  aus  der  bahn  herausgeworfen  worden, 
auf  dfer  ich  Ihnen  von  fem  folgen  konnte,  wenn  gleich  aller- 
dings auch  in  jenen  ersten  zwanzig  jähren  die  gesch&fte  des 
amts  nur  ein  sehr  fernes  und  langsames  folgen  erlaubten; 
aber  auch  auf  dem  felde,  auf  welches  ich,  viel  zu  spät, 
zurückgeworfen  worden  bin,  freut  es  mich^  die  nach- 
wirkungen  Ihrer  meisterschafb,  wenn  auch  fUr  jetzt  noch  in 
den  erslen  anfangen,  zu  bemerken,  ganz  junge  aber  tüchtige 
kräfte  beginnen  die  ausgefahrenen  gleise  der  alten  exegese 
zu  verlafsen,  und  eine  gründliche  forschung  sich  zur  aufgäbe 
zu  machen,  wie  dieselbe  von  Ihnen  vorgezeichnet  worden 
ist,  80  z.  b.  dr.  ZOckler  in  Giefsen  und  prof.  v.  Zezschwitz 
in   Leipzig.  —   Dagegen   ist  es   mir  schmerzlich .  in  einem 

Suncte,  und  einem  sehr  wesentlichen,  einen  abmll  gerade 
erjenigen  jungem  weit  bemerken  zu  mülsen,  welche  Ihre 
pfade  einzuhalten  bemfen  ist.  das  wirmis,  welches  Holz- 
mann in  der  ansieht  von  den  Nibelungen  angerichtet  hat, 
trägt  je  länger  desto  üblere  fruchte,  welche  wiedemm  ihre 
samen  auf  weite  gebiete,  nicht  blofs  der  deutschen  literatur 
und  sprachwifsenschafb  hinaus  tragen  wird,  die  ganze  an- 
sieht von  dem  was  volkspoesie,  was  epos,  ja  was  poesie 
überhaupt  ist,  gerät  in  schwanken,  Verwirrung  und  —  schon 
jetzt  —  in  verfall,  ich  verkenne  ja  nicht,  daDs  Lachmann, 
der  in  allem  guten  seine  safte  aus  Ihnen  zog,  und  nur  wo 
er  sein  Ich  ungehemmt  walten  liefs,  formell  fehlte,  durch 
seine  abstmse  methode  an  dem  abfall  —  nicht  schuld  ist, 
aber  seinen  anteil  hat;  denn  die  schuld  liegt  an  denen,  die 
zu  träge  sind,  sich  durch  das  Lachmannsche  gestein  hin- 
durchzuarbeiten, aber  deSa  man  nun  die  Sachen  auf  den 
köpf  stellt,  und  Lachmann  als  auf  dem  köpf  stehend  dar- 
stellt, das  ist  mir  zu  arg.  wie  hat  sich  Zamcke  dazu  her- 
bei lafsen  können,  die  schülerhaften  misverständnisse,  welche 
Holzmann,  und  noch  neuerlichst  Fischer,  zu  tage  bringen, 
nur  gelten  zu  lafsen?  ist  denn  niemand  da,  welcher,  maCs- 
voller  und  geschickter  als  der  gute  Müllenhoff,  für  die 
meister  eintüte  ?  —  geht  es  so  lort ,  so  ist  ein  Untergang 
der  wifsenschaft,  welche  lange  zeit  die  königin  gewesen  ist, 
auf  dem  gebiete  der  literatur  der  poesie  nicht  schwer  zu  weis- 
sagen, warum  schweigt  Haupt?  —  Herr  Wurm  ist  ja  nun  mit 
seinem  Anti-Grimm,  wenigstens  mit  einem  probebogen, 
heraus  gekrochen,  er  wird  niemanden  überreden,  dafs  er 
ein  drache  sei.    möge  es  Ihnen  aber  vergönnt  sein,   Ihr 


y  Google 


302  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  313-315. 

Wörterbuch  zu  einem  frölichen  und  siegreichen  ende  m 
bringen!  Mit  den  herzlichsten  wünschen  fttr  Ihr  äuXaeree 
und  inneres  wolergehen  in  bekannter  innigster  Verehrung 
Ihr  ergebenster  Vihnar,  prof.  d.  th.  u.  Cons.  E.  —  Es  fällt 
mir  ein,  dafs  ich  Ihnen  noch  die  beantwortung  einer  frage 
schuldig  bin ;  falls  Sie  die  antwort  noch  interessiert,  so  folgt 
sie  hier:  der  buchdrucker  Schadewitz  in  Kassel  fühiie 
diesen  namen  wirklich,  und  es  lebt  in  Kassel  sogar  noch 
ein  nachkomme  des  buchdruckers,  welcher  diesen  namen 
fahrt.* 

S.  314.  anderes  in  sich  verschlossen  halten 
m  u  8  z]  vgl.  Anm.  zu  S.  115. 

S.  314.  Dem  Wörterbuch  ist.,  wenig  aner- 
kenn ung  zu  theil  geworden]  vgl.  Germ.  XL,  252. 

ib.  8.  deutsche  Wb.  unter  der  presse]  vgL 
S.  352. 

ib.  Lach  mann 's  ansieht]  s.  Anm.  z.  S.  308. 

ib.  Haupt  ist  ...  in   seine    Fusztapfen  getre- 


ten],    vgl.    Brief w.   mit    y.    Meusebach    S.    395.      We^en 

7gl. 

S.  314.    Meyenbergs]  verdruckt  st.   Megenbergs. 


Haupt  vgl.  noch  Anm.  zu  S.  304. 


S.  314.  Conrad  heiszt  sicher  nicht  von  Wür»- 
burg  nach  der  stube  (?)  in  Basel];  Vgl.  Wackemagel 
Joh.  Tischart  S.  78  Anm.  170  u.  Germania  IV.  S.  113  ff.,  so- 
wie Jac.  Grimm  an  Pfeiffer  v.  8.  2.  1859  (ib.  XL  S.  113  ffl 
no.  28) :  „Conr.  v.  W.  hat  lange  zu  Basel  gelebt  und  ist  da 
gestorben;  doch  kommt  mir  der  beweis,  den  Wackemagel 
aus  dem  Baseler  hause  zieht,  bedenklich  vor.* 

S.  315.    Wer   den   Gargantua  endlich  heraus- 

fibt,  wollen  wir  sehen,  Meusebach  sah  vieler- 
ei  ein),  vergl.  Fischartstudien  d.  Frh.  K.  H.  Gregor  v. 
Meusebach.  Mit  einer  Skizze  s.  liter.  Bestrebungen  heraus- 
geg.  V.  Dr.  Camillus  Wendeler  Halle  1879.  Demselben 
Herausgeber  verdanken  wir  auch  den  hochinteressanten  Brief- 
wechsel des  Frhn.  v.  M.  mit  Jac.  u.  Wilh.  Grimm  Heilbr. 
1880,  dessen  so  werthvoUem  Commentar  leider  ein  leicht 
orientirender  Index  fehlt. 

S.  315,  Prof.  Weigand]K.  in  Giessen,  wohl  der  w&rmste 
und  aufopferndste  Freund  der  Brüder.  Über  ihn  vgl.  be- 
sonders 0.  Bindewald:  Zur  Erinnerung  an  Fricdr.  Ludwig 
K.  Weiland  Gieszen  1879,  wo  auch  verschiedene  Aeusze- 
rungen  W.'s  über  die  Brüder  mitgetheilt  sind.  Die  Briefe 
der  Brüder  an  ihn .  so  wie  seine  gesammte  sauber  aufbe- 
wahrte wissenschaftliche  Correspondenz ,  eine  Anzahl  von 
ihm  gehaltene  Vorträge ,  seine  Collegienhefte  sowie  eine 
Anzahl  Collectaneen  sind  mir  von  seiner  Tochter,  der  Frau 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  315.  303 

Oberlehrer   Dr.   Flach   in   Wiesbaden   freundlichst  anver- 
traut worden.      Das     seit     langer   Hand   von    W.    gesam- 
melte Material   zu   einem   Wetterauer  Idioticon   hat    Prof. 
Crecelins  in  ßlberfeld  in  Händen   und   denkt  es  demnächst 
um    anderes    vermehrt    zu  veröffentlichen.      Das    Material 
über  Lamprechts   Tochter    Sion   hat   Prof.   Weinhold    ver- 
werthet  (vgl.  Anm.  zu  S.  816).     Einen  Vortrag  über  Ickel- 
samer  hat  Fechner  (vgl.  8.  340)  abgedruckt,  einer  über  die 
Beziehungen  der  einzelnen  Landestheile   des    Groszherzog- 
thum  Hessen  zur  deutschen  Literatur  sollte  im  Feuilleton 
der  Frankfurter  Zeitung  1885  mitgetheilt  werden.     Auszer- 
dem  liegen  mir  noch  je  ein   Vortrag   über  Jacob  und  Wil- 
helm Grimm    und    einer    über    Schmeller    ans  den  Jahren 
1863,  1870,  1869   vor.      Sie    spiegeln    die    aufrichtige   Ver- 
ehrung Weigands  für    diese    drei  seinem   Herzen  so  nahe 
stehenden  Männer  wieder.    Die  anderen  Vorträge  handeln: 
über  die  deutsche  Lezicographie  (26. 1.  1855),  die  Forschung 
in   den   deutschen  Mundarten,   deutsche   Etymologie  (2.  8. 
1867),  den  Buchstaben  R  im   Deutschen  (29.  11.  1861),  Bür- 
gers Lenore  (2.  2.  1872),   den  Göttinger   Dichterbund  oder 
den   Hainbund  (4.  7.  1873),  Max  u.  Thekla  in  Schillers  Wal- 
lenstein (19.  2.  1875),  Bürgers  Ballade  .des  Pfarrers  Tochter 
zu  Taubenhain*  (24.  11.  1876),  von  welchen  der   eine  oder 
andere  auch  jetzt  noch  veröffentlicht  zu  werden  verdient.   Von 
der   sehr  umfangreichen   wissenschaftlichen   Correspondenz 
habe  ich  für  meine  Anm.  verwerthet,  die  Briefe  v.  L.  Diefen- 
bach  (s.  Anm.  zu  S.  388),  Ph.  Dieffenbach  (S.  370),  Dietrich 
(S.  372  u.  377),  Gervinus  (S.  308),  Grieshaber  (S.  321),  M.  Haupt 
(S.  304),  Ad.  V.  KeUer  (S.  333),  K.  Müllenhoff  (S.359).  Franz 
Pfeiffer  (S.  312),  Franz  Roth  (S.  377),  Heinr.  Rückert  (1  Br. 
V.  16.  10.  1851),  J.  A.  Schmeller   (S.  333),   Vilmar    (S.   297). 
W.  Wackemagel  (S.  338),  J.  W.  Wolf  (S.  318).  —  Vgl.  auch 
noch  Anm.  zu  S.  353  einen   Brief  Weigands  an   S.    Hirzel, 
von  dem  natürlich    ein    dicker    Pack    Briefe ,    welche   das 
deutsche  Wb.  betreffen,   vorliegt.  —   Wie  pietätvoll  Wei- 
gand  bis  ins  kleinste  gegen  die  Brüder  gesonnen  war,  geht 
unter    anderem    daraus    hervor,    dasz    mir    nicht   nur  die 
Couyerte    zu    no.    149,    152,    182  vorliegen,    sondern  auch 
1)   ein  Sedezzettel  mit  der  Adresse:    ^An  Frau  Professorin 
Dorothea  Grimm  Bad  Heringsdorf    bei  Swinemünde.  —  fr. 
Jac.  Grimm  Abg[eordneter]   zur   N[ational]  V[er8ammlung]'* 
(Poststempel:  Frankfurt  d.9.  (?)Aug.  1848),  dessen  Rückseite 
von  Dorothea  Grimms  Hand  folgende  zweite  Adresse  trägt: 
.Herrn     Professor    Wilhelm    Grimm    Berlin  20    V/    Post- 
stempel :  Swinemünde  11.  (?)  8.  —  2)  der  Entwurf  einer  auf 
die  Anzeige  von  Jacob  Grimms  Tod  hin   aufgegebenen  De- 


y  Google 


304  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  315. 

pesche:  .Fraa  Professor  Wilhelm  Grimm  Berlin.  Tiefrter 
Schmerz.  Gott  mit  Ihnen!  Bitte  gleich  Nachricht,  wenn 
die  Beerdigung  morgen  nachmittags.  Weigand.',  sowie  der 
telegraphischen  Antwort:  «Professor  Weiland  Giessen  in 
Hessen.  Die  Beerdigung  ist  Donnerstag  früh  nm  9  Uhr. 
Professorin  Grimm  Limcstr.  7.'  DasE  Weigand  sich  ein 
eigenes  Grimmsimmer  eingerichtet  hatte,  wird  allen  denen 
die,  wie  ich,  das  Glück  hatten  den  freondlichen  alten  Herrn 
in  seiner  Wohnang  zu  besuchen ,  bekannt  sein.  —  In  der 
'Grimm-Gorrespondenz  sind  nachstehend  angezogene  d8  Briefe 
von  ihm  erhalten. 

S.  315  no.  149].  Voraus  geht  W/s  Br.  1,  womit  er 
seine  *Kurze  deutsche  Sprachlehre  für  Real-,  Bürger-  n. 
Volksschulen  Mainz  1838'  an  J.  Gr.  übersendet.  Bindewalds 
Darstellung  1.  c.  S.  45  f.  u.  49  wird  durch  diesen  Brief  et^ 
was  berichtig^.  Er  lautet:  , Wohlgebomer ,  Hochznyer- 
ehrender  Herr  Hofrath !  Wenn  ich  es  hiermit  wage.  Eurer 
Wohlgeboren  das  anliegende  kleine  Schrifbchen  zu  über- 
senden, so  folge  ich  dem  Drange  meines  mit  Verehrung 
gegen  Sie  erfüllten  Herzens.  Als  ich  frühe  schon,  mit  mei- 
nem Adelung  beschäftig^  und  dann  in  den  mittelhoch- 
deutschen Sprachdenkmälern,  die  ich  erlangen  konnte, 
lesend,  das  otudium  der  deutschen  Sprache  lieo  gewonnen 
hatte  und  mit  der  ^öszten  Freude  in  demselben  weiter  za 
kommen  suchte,  zeigte  mir  Ihre  Sprachlehre  erst,  was  ein 
solches  Studium  sei  und  wie  dasselbe  betrieben  werden 
müsse.  So  ward  ich  Ihr  Schüler  und  lernte  Sie  verehren, 
und  diesz  um  so  mehr,  je  mehr  sich  mir  unter  Anleitnng 
und  Hilfe  des  Herrn  Geheimen  Regierungsrathes  Schmitt- 
henner  dahier  schon  in  den  Jahren  meiner  Studienzeit  auf 
der  Universität  die  althochdeutschen  Quellen  mit  denen  der 
übriffen  Mundarten  im  Altdeutschen  aufschlössen.  Wie  sehr 
würde  es  mich  nun  freuen,  wenn  Eure  Wohl^eboren  dem 
hier  übersendeten  wenn  auch  geringen  Büchlein,  das  unter 
gröszeren  Arbeiten  und  während  meines  Unterrichts  sich 
bildete,  eine  freundliche  Aufriahme  und  gütige  Nachsicht 
nicht  versagen  wollten!  —  Ich  habe  Bedeutendes  zu  einem 
Wetterauiscnen  Idiotikon  gesammelt  und  g^rdnet,  und 
dabei  mancherlei  Freude  gehabt.  Diese  gewährte  mir 
theils  das  Auffinden  alter  aus  der  Schriftsprache  verschwun- 
dener Wörter,  die  in  der  Wetterau  noch  gang  und  gäbe 
sind,  z.  B.  die  Üssel  (agf.  ysla)  =  Funke  und  Funkenasche ; 
iderüchen  (ahd.  itaruhhan)  =  wiederkäuen ,  Athem  holen ; 
die  Urschwinge  (ahd.  äfwinka) ,  die  bei  dem  Brechen  des 
Flachses  abgefallenen  gröberen  Fasern,  b.  Alberus:  eh- 
schwingen ;  aut  =   etwas  und  naut  =  nichts ;  die  Schnübe 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  315—318.  306 

=  Kopfbedeckung,  Haube  (ahd.  fnuaba);  Walt.  v.  d. 
Vogelw.  *Schapel  und  Geb&nde*;  die  bemde  =  Binse 
u.  8.  w.  Theils  freuten  mich  manche  Formen,  z.  B.  beede, 
bode,  beide,  ähnlich  dem  daselbst  beobachteten  zween,  zwo^ 
zwei ;  die  regelmäszige  Bildung  der  Diminutivformen  auf  i 
bei  Sauselauten  :  f,  fz,  fch,  z,  bei  den.  übrigen  Auslauten  auf 
chen.  U.  dgl.  m.  Eben  zeichne  ich  aus  Alberus  auf, 
welcher  ehedem  Pfarrer  zu  Staden  in  der  Wetterau,  eine 
Masse  von  Wörtern  und  Formen  jener  Gegend  enthält.  — 
Mit  inniger  Verehrung  und  Liebe  verharret  Eurer  Wohl- 
geboren ganz  ergebenster  Dr.  Weigand.  —  Gieszen,  am 
6.  Dec.  1837." 

S.  315.  Ihre  fleifsige  arbeit]  Wörterbuch  der 
deutschen  Synonyme  1—3  Bd.  Mainz  1840-3,  2.  Aug.  1852; 
vgl.  S.  318. 

S.  316.  Wörterbuch  des  Alberus]  Erasmus  A. 
geb.  zu  Sprendlingen  1500  verfasste :  Novum  dictionarii 
genus,  in  quaultimis  seu  terminalibus  germanicarum  vocum 
syllabis  observatis  latina  vocabula  sese  offerunt  Francof. 
1540  40.    Vgl.  oben  W.'s  Br.  1. 

ib.  and e lagen]  s.  Deutsches  Wb.  s.  v.  handlangen, 
u.  Weigand's  Br.  10  Anm.  zu  S.  329. 

S.  316.  Lamp rechts  ,tochter  Syon**].  W.  ist 
nie  zur  herausgäbe  dieses  mhd.  allegorischen  Gedichtes  von 
der  Seele  und  ihrem  himmlischen  Bräutigam  gekommen, 
doch  zeugt  eine  ausgedehnte  Correspondenz  mit  dem  Gym- 
nasiallehrer Ignaz  Petters  zu  PiscK,  später  zu  Leitmeritz 
(9  Briefe  von  1855 — 73j,  sowie  zwei  Briefe  des  Prof.  Kelle 
in  Prag,  dasz  er  bis  in  späte  Zeit  seinen  Plan  im  Auge  be- 
hielt und  sorgfältige  Vorarbeiten  dazu  angestellt  hat.  Diese 
sind  nach  der  Bio^phie  von  Bindewald  S.  88  in  die 
Hände  des  Prof.  Wemhold  in  Breslau  übergegangen,  der 
bald  darauf  das  Gedicht  auch  wirklich  zusammen  mit 
Sankt  Francisken  Leben  desselben  Autors  Lamprecht  von 
Regensburg  (Paderborn  1880)  veröffentlicht  hat. 

S.  317.  Basse]  der  Verleger  der  Quedlinbarger  National- 
bibliothek, welche  von  1835 — 75  in  drei  Abtheilun^en  von 
im  ganzen  47  Bänden  erschien  und  manchen  wichtigen 
Text  der  älteren  deutschen  Literatur  zu  Tage  gefördert  hat. 

ib.  Dasypodius]  vgl.  Anm.  S.  335.  —  z.  2.  v.  u.  L  *war*. 

S.  318.  no.  153].  Antwort  auf  W.'s  Br.  2  v.  15.  9.  1843 
an  beide  Brüder;  W.  übersendet  Bd.  3  seines  Wörterb.  d. 
d.  Syn.,  fragt  ob  der  früher  geschickte  2.  Bd.  und  die 
Weisthümer  von  Beienheim  u.  Fauenbach  in  der  Wetterau 
richtig  eingetroffen  seien,  macht  auf  Einzelnes  im  Bd.  3 
aufmerksam,  theilt  mit,    dasz   seine   nächsten  Arbeiten  ein 

E.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Grimm.  20 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


306  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  318. 

kleines  deutsches  Wörterbuch  u.  eine  Ausgabe  der  Tochter 
Syon  sein  würden  und  überschickt  den  Plan  u.  Proben  des 
Wörterbuchs. 

S.  318.  prof.  Dielfenbach  .  .  seine  schrift 
über  dieWetterau]  vgl.  Br.  Ph.  D.'s  an  Weigfand  y. 
8.  Dez.  1843  in  der  Anm.  z.  S.  370. 

S.  318.  Die  neue  ausgäbe  meiner  mytholo^iej 
vgl.  hierzu  einen  im  Britischen  Museum  befindlichen  (vgL 
Anm.  zu  S.  74)  Brief  v.  J.  Grimm  an  seinen  Verleger 
Dieterich  in  Göttingen :  , Berlin  25. 1, 1844.  Hochgeschätzter 
herr  und  freund,  es  that  mir  vorigen  sommer  recht  leid, 
dafs  ich  nach  dem  rath  der  ärzte  eine  reise  nach  Italien 
machen  und  dadurch  den  druck  der  m^hologie  anter- 
brechen  muste.  Sie  haben  zwar  mit  meiner  bewiJliffnng, 
doch  so  dafs  es  mir  eigentl.  unangenehm  war  die  44  fer- 
tigen bogen  unterdessen  ausgegeben ,  in  diesem  werk  ist 
alles  auf  einander  berechnet  und  ein  stück  nicht  recht 
brauchbar,  namentlich  kommt  es  auf  die  einleitende  vor- 
rede an,  welche  den  leser  über  vieles  erst  ins  klare  setzt. 
—  Ich  dachte  nach  meiner  rückkehr  würde  der  abge- 
brochne  druck  desto  rascher  fortgesetzt  werden,  allein  es 
geht  zu  meinem  bedauern  ganz  scnläfrig.  Seit  anfan^  nov. 
bis  jetzt,  also  in  drei  monaten  sind  blofs  vier  bogen 
(46.  47.  48.  49)  fertig  gebracht ,  denn  44.  45  waren  schon 
vor  meiner  reise  gesetzt,  wenn  auch  nicht  gedruckt.  Auf 
solche  weise  wird  der  druck,  der  im  juli  1842  begann, 
ausserordentlich  in  die  länge  gezogen,  und  meine  last  an 
der  arbeit  gestört.  Manuscript  ist  bis  zu  cap.  33  oder  bis 
zu  p.  548  der  ersten  ausg.  dort ;  ich  bat  unterm  18.  Dec 
um  schnellere  förderung,  es  hat  jedoch  nichts  geholfen.  - 
Wenn  Sie  das  buch  nicht  zu  gründe  richten  wollen,  so 
bitte  ich  in  der  druckerei  die  nöthi^e  Vorkehrung  za  tref- 
fen.    Hochachtend  und  freundschaftlich  Jac.  Grimm." 

Hier  sei  auch  der  Beziehungen  der  Brüder  zu  dem  bekannten 
Mythologen  Joh.  Wilh.  Wolf  gedacht.  —  (Mir  liegen  auch 
zwölf  Briefe  Wolfs  an  Weigand  v.  1850—53  und  zwei  Ant- 
wortschreiben des  letzteren  vor,  die  sich  auf  seine  Märchen-, 
Volkslieder-  und  Sagensammlungen,  sowie  auf  seine  mytho- 
logischen Arbeiten  beziehen.  Aus  ihnen  hebe  ich  folgende 
zwei  Stellen  aus  1)  18.  Merz  1850  „.  .  .  dank  für  Ihre  mir 
höchst  werthvolle  sendung;  die  mir  nicht  nur  zu  meiner 
sagensammlung ,  sondern  auch  zu  'heiträgen  zur  deutschen 
mythologie*  [erschienen  Göttingen  1852  u.  Abth.  2  nach 
des  Verfassers  Tod  1857]  mit  deren  ausarbeitung  ich 
auf  Jacob  Grimms  mahnung  beschäftigt  bin,  viele  und 
kostbare  notizen   brachte."     2)  27.  dec.  1852:     „Von    beiden 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    307 

Grimms  hörte  ich  seit  längerer  zeit  nichts;  'der  abgnind 
des  Wörterbuchs*  scheint  sie  verschlungen  zu  haben."  — 
14  Briefe  der  Brüder  Grimm  an  ihn  sind  mir  noch  nach- 
träglich von  Wolfs  Wittwe  in  Darmstadt  freundlichst  zu- 
gestellt und  lasse  ich  sie  daher  hier  zugleich  mit  den 
7  in  der  Grimmcorrespondenz  erhaltenen  Briefen  Wolfs  folgen : 

1.    J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

„Hochgeehrter    herr,    schon   am    27.  febr.  kam  mir  Ihr 
brief  vom  25.  jan.  nebst  dem  übersandten  heft  der  Wodana 
richtig  zu  banden,  ich    wollte   den   eintritt  der   ferien    ab- 
warten, um  Ihnen   ausführlicher   antworten  zu  können,  bin 
aber  seit  dieser  zeit  fortwährend  krank  gewesen   und  fühle 
mich  immer  noch    nicht  wieder    hergestellt.     Nehmen    Sie 
daher  mit  diesen  wenigen  zeilen    meines   herzlichen    danks 
für    Ihre    gute    vorlieb.    —    Ihrer    begonnenen    Zeitschrift 
wünsche  ich  rege   theilnahme,   damit   Sie   zur    fortsetzung 
schreiten  können.    Uns  in   Deutschland  und    vor  allen  mir 
sind   diese   studien  und   Untersuchungen   sehr  willkommen  ; 
beim  ausarbeiten  der  neuen  hoffentlich    viel  besseren  ausg. 
meiner  mythologie ,   wovon  jetzt   die    hälfte   gedruckt   ist, 
liegt  es  mir  besonders  an,  das    material   aus  dem  staub  zu 
wecken.      Belgien    wo    das    feld   so  lange  brach  lag  mufs 
schon  darum  äufserst  ergiebig  sein ,   und  in  der  erwartung 
täglich   neue  entdeckungen    zu   machen  teuschen   Sie   sich 
kaum,   —    Die   stelle   aus   Gramayes   Taxandria  ist    merk- 
würdig.   Woensel  stelle  ich  myth.  s.  144  (der  zweiten  ausg.) 
zum  nordischen  Odinssalr,  und  es  mufs  früher  Woedenssele 
geheifsen   haben ,    wie   Woensdrecht  =   Wodani  trajectum 
war.  den  seltsamen  namen   der  spanne    Woenslet   (Wodani 
membrum  und  den  grund  der   benennung   müssen  Sie  dort 
zu  erforschen  suchen.    Wo   liegt  Roy  sei?  und  wie  hiefs 
der  ort  in  alten  Urkunden?    an  der   mythischen  beziehung 
zweifle  ich  beinahe  nicht,  den  Holländern  zum  trotz,    roy- 
dach für  dies  Martis  las  ich  sonst  noch  nie,  aber  es  könnte 
recht      sein;      sollte      Roydach      nicht     der     ahd.    name 
Hruodtac,     also    sächsisch     Hröddag,     Röddag     scheinen? 
Hruod  geraahnt  an  die  ags.    göttin    Hrede   und  an  Krodo, 
der   vielleicht   noch    zu    ehren  kommt    (myth.  s.  186,  227. 
267) ;    Hrßde   steht   dem  merz   monat   vor ;     da   hätten  wir 
wieder  Mars,    wo  nicht  im  tag,   doch  im  monat.    Eersel 
müste    auf  Era,    Erde   bezogen  werden.     Suchen  Sie   doch 
ältere    namensformen    und    die    quelle    aus    der    Gramaye 
schöpfte  herauszubringen.  —  Auch  die  mitgetheilten  volks- 
sagen  und  märchen  haben  mir  sehr  gefallen.  —  Sicher  sind 
Sie  mit  Willems    befreundet ,    an   den   ich  einen  Grufs  be- 

20* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


308  Anmerkxmgen  zu  B.  I  S.  318. 

stelle,  mein  College  Ranke,  der  nach  Paris  gereist  ist, 
sollte  diesen  brief  mitbringen,  er  hat  aber  einen  andern 
weg  eingeschlagen,  und  kommt  diesmal  nicht  nach  Belgien, 

—  Mit  au^chtiger  hochachtnng  und  erffebenheit  Jacob 
Grimm.  —  Berlin  10  mai  1843.*  —  Adr. :  «Monsieur  Monsieor 
J.  W.  Wolf  Membre  de  plnsienrs  societäs  savantes  ä  Gkuid 
(Belgiqne)  Ackergem.  Renodynstraet  15.* 

2.  J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

.Berlin  2.5.  april  1844.  Hochgeschätzter  herr,  ich  bin 
mit  dank  und  antwort  auf  Ihre  freundschaftlichen  Zu- 
sendungen lange  zurück  geblieben;  in  der  zweiten  hälfte 
des  vorigen  janrs  war  ich  verreist  und  diesen  winter  über 
kränklich,  da  brauche  ich  Ihnen  nicht  erst  zu  erklären, 
wie  manches  vorhaben  unausgeführt  wurde.  —  Mit  genauer 
noth  reicht  die  neue  ausgäbe  meiner  mythologie  zum 
schlufs.  sie  ist  fast  um  das  doppelte  vermehrt  und  doch 
mufs  ich  den  ganzen  anhang,  der  sogar  einigen  lesem  das 
liebste  am  buch  war,  diesmal  auslassen,  es  hätte  einen 
dritten  band  gegeben.  —  Aus  Ihrer  Wodana  habe  ich  mir 
in  den  nachtragen  noch  ein  und  das  andere  zu  gute  kommen 
lassen,  die  samlungen  über  die  alte  kosmogonie  werden  Sie 
beträchtlich  vermehrt,  und  auch  sonst  vielerlei  nachgetragen 
finden,  aus  dem  aberglauben  und  den  segensformeln  wurd 
sich  vortheilhaft  ein  eignes  buch  machen  lassen.  Zum  boch 
de  Biterne  (Wodana  p.  XL)  bedürfen  wir  Leos  hilfe  nicht, 
vgl.  mythol.  p.  1019  (und  schon  p.  601  der  ersten  ausübe.) 

—  Es  ist  mir  gleich  erfreulich  und  förderlich,  dafs  Sie  anf 
die  niederländischen  Überbleibsel  unsrer  mythologie  so  be- 
dacht sind  und  selbst  unter  uns  in  Deutschiana  sind  nur 
wenige  so  sinnig  und  mit  erfolg  in  meine  combinationen 
eingegangen.  Icn  hoffe  dafs  dies  geständnis  Ihnen  will- 
kommen ist,  und  niemand  wünscht  aufrichtiger  als  ich  die 
fortsetzung  Ihrer  arbeiten,  wobei  ich  Ihnen  nur  behutaam- 
keit  empfehle.  Ihren  fleifs  und  sinn  zu  loben  habe  ich 
nicht  nöthig.  —  Dieser  brief  erfolgt  mit  gelegenheit,  (durch 
prnf.  Huber  von  hier,  der  nach  England  reist.  [Rand- 
oemerkung.])  die  mir  zugleich  ihn  abzukürzen  auflegt.  Mit 
herzlicher  ergebenheit  Ihr  Jacob  Grimm." 

3.  J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

.Berlin  7  augnst  1844.  Geehrter  herr,  vorige  woche 
habe  ich  Ihren  brief  vom  25  juni  nebst  dem  dritten  stück 
der  geschiedenis  van  Antwerpen  empfangen,  für  dessen 
gütige   Zusendung   ich    der  dortigen  Rederykkamer  meinen 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    309 

dank  zu  melden  bitte.  Im  april  hatte  ich  dem  prof.  Huber 
briefe  an  Sie  und  Willems  mitgegeben;  er  ist  aber  erst 
nach  England  gereist  und  wird  sie  nun  auf  dem  rückweg 
▼on  da  überbringen.  Den  herzlichsten  dank  fQr  Ihre  nieder- 
länd.  volkssagen,  för  die  beiden  hefte  der  Wodana  und 
andere  handschriftliche  mittheilungen  glaubte  ich  längst 
erstattet  zu  haben.  Sollte  es  noch  nicht  geschehen  sein,  so 
entschuldigt  mich  kränkeln  und  vielfache  arbeit.  Ich  hoife 
nicht  dafs  die  Zeitschrift,  die  so  angenehm  begonnen  hatte, 
wieder  abgebrochen  werden  soll.  Meine  mythologie  ist 
fertig  geworden  und  ein  ezemplar  ist  an  Sie  und  an  Willems 
über  Bonn  (durch  Marcus)  abgegangen.  Sie  werden  dem 
buch  mancherlei  nachtragen  können,  so  wenig  ich  es  selbst 
schon  an  nachtragen  habe  fehlen  lassen.  —  Dais  Sie  nach 
Berlin  zu  kommen  gedenken  freut  mich  sehr,  obgleich  es 
mir  leid  thut,  dafs  Sie  einen  ergibigeren  boden  verlassen, 
auf  dem  Sie  unsem  Studien  grofsen  Vorschub  thun  konnten, 
wie  Sie  es  schon  bewiesen  haben.  —  Ich  stehe  auf  dem 
Sprung  einer  reise  nach  Dänmark  und  Schweden,  die  meiner 
gesundheit  nützen  soll;  eben  so  gern  hätte  ich  den  weg 
nach  Belgien  eingeschlagen.  —  Das  chronicon  blandiniense 
will  ich  künftig  einmal  nier  bei  Ihnen  einsehn,  wir  wollen 
es  den  weg  nicht  zweimal  machen  lassen.    Mit  bestem  grufs 

Jacob  Grimm. 

4.    J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

„Berlin  25  oct.  1845.  Lange  habe  ich  nichts  von  Ihnen 
gehört  und  weifs  nicht  einmal,  wo  Sie  jetzt  Ihren  aufenthalt 
aufgeschlagen  haben?  ich  denke  in  Brüssel  und  sende  diese 
Zeilen  an  Willems  in  Gent,  der  wol  näheres  wissen  wird. 
Der  minister  Thiele  versicherte  mir,  aber  freilich  schon  vor 
langen  monaten,  dafs  Ihnen  Unterstützung  werden  solle,  und 
seitdem  können  sich  plane  und  ansichten  wieder  geändert 
haben.  Ihre  neue  samlung  von  volkssagen  ist  mir  noch 
nicht  zu  gesicht  gekommen,  obgleich  sie  längst  erschienen 
sein  soll.  —  Können  Sie  mir  auskunft  darüber  geben,  ob  zu 
Antwerpen  ein  nachdruck  von  Weilands  holländ.  Wörterbuch 
fertig  erschienen  sei  und  was  er  dort  koste?  auch  ob  ihn 
Marcus  in  Bonn  oder  Leipziger  buchhändler  liefern  können? 
—  Nicht  wahr  von  Ihrer  Wodana  waren  nie  mehr  als  zwei 
hefte  herausgekommen?  neulich  hörte  ich  behaupten,  auch 
ein  drittes.  —  Ich  habe,  seit  mein  buch  erschienen  ist,  far 
die  mythologie  viel  nachgearbeitet;  die  wunderbare  Ver- 
breitung der  märchen  kommt  immer  deutlicher  an  tag. 
nächst  den  norwegischen  und  schwedischen  sind  jetzt  auch 
walachische   aus   mündlicher  Überlieferung  von  Alb.  Schott 


y  Google 


310  Anmerkungen  za  B.  I  S.  318. 

herausgegeben  worden ,  die  von  neuem  bestätigen  und  er^ 
läutern.  —  Diese  zeilen  sollen  blofs  herausbringen  wie  es 
jetzt  um  Sie  steht,  damit  der  zwischen  uns  angeknüpfte 
verkehr  femern  fortgan^  haben  könne.  Sein  Sie  also  herz- 
lich gegrüfst.    Jacob  Gnmm.* 

5.  J.   Grimm  an  J.  W.  Wolf. 
^Werthester   herr   und  freund,   Über  eine  ganze  'woche 

haben  die  geburtswehen  der,  wie  sie  undeutsch  heifst,  provi- 
sorischen central  Verwaltung  tägliche  Sitzungen  erfordert,  da 
ist   es   kein  wunder,    dafs   ich  im  unablässigen  getöse  der 
gegenwart  zu  Wuotan  und  Donar  gar  nicht  sammeln  konnte, 
deren  treiben  uns  jetzt  ganz  still  erscheint,   gewünscht  hätte 
ich  wol,   dals   sie  mitten  unter  uns  geritten  und  gefahren 
wären  und  gewaltig  und   zornig  an  das  Vaterland  gemahnt 
hätten,     die    unsinnigen    democraten   achten   weder  götter 
noch  göttersage  und  geschichte ;  sie  möchten  das  ganze  land 
aufreifsen   und   den   samen  ihres  Unkrauts  auswerfen:    ihre 
spur  durch  die  äcker  wird  nicht  durch  höhere  halme,  blols 
durch  zertretene  bezeichnet.  —  Ihre  abhandlung,  die  Sie  so 
freundlich   gewesen  sind  mir  zuzueignen,  mit  dem  frischen 
kränz   angehängter  volksagen,  wird  mir  in  ruhigen  tagen 
noch  willkommner  sein,  als  sie  es  jetzt  schon  ist.    ich  habe 
alles  erst  einmal  durchlaufen  und  mich  darüber  gefreut.    Es 
kann  sein  dafs  Sie  recht  haben,  den  Schnellertauf  Wuotan, 
den  Rodensteiner  auf  Donar  zu  ziehen,  und  der  name  'land- 
geist',   wiewol   er   auch  einmal  jenem  zusteht,  scheint  ganz 
eigentlich  diesen  zu  bezeichnen,    doch  wissen  Sie  wie  apfir^ 
lieh  unsre  künde  von  beiden  göttern  im  innem  Deutschland 
lautet,  und  es  bleibt  unsicher  ob  vater  und  söhn  ebenso  zu 
einander  sich  verhalten,  wie  im  Norden.    Wir  wollen  daher 
was  Sie   sinnig   mutmafsen   noch  femer  prüfen  und  zu  be- 
stätigen  suchen.    Auf  allen  fall  haben  Sie  die  göttematur 
der    Deiden  geister   über  jeden   zweil'el  erhoben.  —  Leider 
wurde   aus  dem  vorgehabten  ausflug  über  Darmstadt  nach 
dem  Melibocus  nichts;  der  himmel  zeigte  sich  bedeckt  und 
arbeiten  versetzten  in  bewegte  Stimmung.    Unser  aufenthalt, 
fürchte   ich,   in   Frankfurt  wird  sich  noch  so  in  die  länge 
ziehen,    dafs   ich   hoffen   darf  in   sich  darbietenden  ferien- 
tagen   Sie  noch  einmal  zu  besuchen.    Mit  herzlichem  dank 
Ihr   ergebenster  Jacob   Grimm.     Frankfurt  28  juni  1848.* 
Adr.:  .Herrn  Dr.  Joh.  Wilh.  Wolf  Darmstadt  Lmsenstr.  bei 
Kaufm.  Veith.* 

6.  J.  W.  Wolf  an  J.  Grimm. 

,  Verehrtester    Herr    und    Freund ;     Wie    Vieles    und 
Schweres   ging  an  uns  vorüber,   seitdem  ich  Sie  zuletzt  in 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    311 

Frankfart  sah  und  sprach!  Mich  verschlngen  die  Stürme 
in  das  stille  und  abgeschiedene  Jugenheim  und  ich  danke 
es  ihnen,  denn  sie  gaben  mir  dadurch  Zeit  und  Musze,  die 
alten  Studien  mit  neuer  Kraft  aufzugreifen  und  endlich  an 
die  Zusammenstellung  und  Ausarbeitung^  des  seit  so  lange 
Gesammelten  ernstlich  zu  denken.  Freilich  stiegen  dabei 
mancherlei  Aengstlichkeiten  auf,  aber  ich  tröstete  mich  mit 
unserm-  rheinischen  Sprichwort ;  Wer  thut,  was  er  kann,  ist 
werth,  dasz  er  lebt.  Wenn  auch  „kühne  Griffe**  unterlaufen, 
so  kühn  sind  sie  keinesfalls,  wie  der  von  Menzel,  der  die 
Katzen  und  Kaninchen  in  der  belgischen  Sage  zu  Katten 
und  Kaninefaten  macht.  —  Ich  habe  die  Hoffnung,  manchem 
Kapitel  der  Mythologie,  ja  wol  den  meisten,  Interessantes 
nachtragen  zu  können ;  ein  paarmal  überraschte  mich  selbst 
der  Umfang  des  für  einzelne  angewachsenen  Materials  und 
der  noch  immer  neue  Zuflusz  desselben.  Diesz  war  be- 
sonders bei  näherm  Auswählen  für  die  Nornir  der  Fall. 
Sie  führen  388  einen  schweizerischen  Kinderreim  an,  den 
ich  mit  wichtigen  Abänderungen  in  Michelstadt  und  Darm- 
stadt wiederfand.  Hier  steht  nämlich  die  dritte  „Jungfer" 
am  Brunnen  und  hat  ein  Kind  gefannen«  (Bhuet  mer  Gott 
mis  Chindli  au!)  Der  Brunnen  ^findet  sich  als  „Mägda- 
brunnen**  in  Baden  an  den  Gräbern  dreier  Jungfrauen  aus 
der  Gesellschaft  der  h.  Ursula  wieder;  sie  heiszen  Kune- 
gundis,  Meistundis,  Wibrandis.  Von  einer  andern  Trias 
derselben  Gesellschaft  erzählt  Caesarius  VIÜ,  85.  (Meine  d. 
M.  u.  Sagen  No.  182)  eine  ganz  heidnisch  klingende  Legende. 
Die  darin  vorkommenden  Kamen  sind  Theomata,  Cleomata, 
Christiancia.  Einer  dritten  Gräber  bestreiten  sich  Strasburg 
und  Worms;  sie  heiszen  dort  Einbetta,  Vorbetta,  Willbetta 
(bei  Bollandus  mens.  Sept.  V  p.  315)  auf  dem  Grabmal  ina 
Wormser  Dom  Embede,  Waroede,  Wilibede.  Andre  drei 
Jungfrauen  fand  ich  in  Kyllthal  in  der  Eifel:  Irmindis, 
Adela,  Clotildis;  ohne  Namen  welche  in  Landskron  und 
Luxemburg  — -  in  Lüttich  eine  Kapelle  der  drei  Marien  — 
bei  Thienen  die  Gräber  dreier  Jungfrauen:  Helwigis,  Jutta, 
Giselindis  —  in  Gent  drei  Jungfrauen  —  in  Brusthem  die 
Gräber  dreier  Schwestern  mit  drei  heilkräftigen  Brunnen  — 
drei  solcher  Brunnen  ohne  Gräber  in  Nordbrabant  —  drei 
weisze  Frauen  endlich  in  Holland.  Vielleicht  liesze  sich 
auch  noch  Troisfontaines  und  der  Maidebrunn  beiLembach 
im  Elsasz  hierherziehn.  Wie  verschieden  die  Legenden  von 
diesen  Jungfrauen  auch  klingen  mögen,  sie  haben  alle  den 
einen  Zug  gemein,  dasz  dieselben  als  verfolgt  dargestellt 
werden,  viele  finden  wunderbare  Rettung,  Entrückung. 
Innerer   Zusammenhang   ist   ganz  unleugbar.    In  Strasburg 


y  Google 


312  Anmerkmigen  zn  6.  I  S.  Sia 

konunt  noch  das  Merkwürdige  hinzu,  dasz  die  meisia 
Mart^ologen  nur  die  Einbetta  kennen,  die  ältesten  aUe 
drei  ignoriren,  während  die  Sage  auf  den  dreien  besteht 
,Tres  virgines  istae  ignotae  fuerunt  Omnibus  omnino  mai^ 
tyrologis  antiquioribus  et  duae  posteriores  etiam  recentio- 
nbus.  Sola  Einbetta  mutata  aliauantulum  nominis  scriptione 
occurrit  hodie  apud  varios'  (Eimoetha,  Eimberta,  AimberÜia.) 
Boll.  1.  c.  Die  Anlehnung  an  die  Geschichte  der»  Ursula 
(plura  ad  eam  historiam  pertinentia  prorsus  fabulosa.  Pagins 
zu  Baron.  Y,  551.)  ist  aarum  noch  interessant,  weil  sich 
diese  Sagen,  Brunnen  und  Gräber  so  viel  mir  bekannt  nur 
in  den  Strichen  längs  des  Rheines  finden,  den  Ursula  auf 
ihrer  Fahrt  nach  Rom  hinauffuhr,  an  dessen  Ufer  sie  ge- 
martert wurde.  Wäre  nur  mit  den  Namen  mehr  anzufangen, 
nur  mit  einem  derselben !  —  Eben  lebe  ich  in  dem  Eldorado 
der  legenda  aurea;  sie  ist  eine  sehr  reiche  Fund^i^rube  fOr 
mich  und  ich  wünsche  nichts  mehr,  als  noch  eini^  ihr 
ähnliche  zu  finden,  aber  sie  sind  allzuselten.  Vielleicht 
kennen  Sie  noch  andere  und  machen  mir  die  Freude,  mir 
deren  Titel  mitzutheilen.  —  Durch  Buchhändlergelegenfaeit 
sende  ich  Ihnen  einen  kleinen  Aufsatz  über  den  ,  heiligen 
Berg*',  in  dessen  Hut  ich  wohne;  er  erschien  in  dem  Archiv 
fQr  hessische  Geschichte  und  Landeskunde.  —  Wüszten  Sie, 
mit  welchem  Verlangen  ich  wieder  einigen  Zeilen  von  Ihrer 
theuren  Hand  ent^egenharre.  dann  schrieben  Sie  mir  gewisz 
bald.  Doch  ich  bin  nicht  unbescheiden  und  warte  gem.  — 
Empfangen  Sie  mit  herzlichstem  Grusz  die  Versicheran^ 
meiner  tiefsten  Verehrung.  Ihr  ergebenster  J.  W.  Wolf. 
Ju^enheim  a/Bergstrasze  21.  July  1849.  poste  restante 
Zwingenberg.* 

7.    J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

Sie  sind  diesmal,  werthester  freund,  nicht  weit  ver- 
schlagen worden,  und  immer  noch  in  der  Eatzenelnboffischen 
grenze  geblieben;  ich  wünsche  nur  wovon  Sie  nichts  be- 
rühren, Ihre  äufsere  läge  möge  sich  dort  so  gestalten,  dals 
Sie  getrost  in  die  Zukunft  backen  können.  Voriges  jähr 
konnte  ich  Ihrer  schönen  einladung  leider  nicht  folgen,  einen 
theil  der  reizenden  bergstrafse  und  vielleicht  des  Oden« 
walds  mit  Ihnen  zu  bereisen,  der  codex  laureshamensis 
versetzt  mich  zuweilen  in  jene  gegend,  wo  es  an  alterthüm- 
lichen  namen  und  sagen  nicht  gebricht,  den  letztem  wer- 
den Sie  treulich  nachzuspüren  fortfahren.  --  Bei  Ihren 
forschungen  über  die  namen,  über  Einbetta,  Vorbetta  und 
Willbetta  dürfen  Sie  nicht  säumen  Panzers  'beitrag  zur 
deutschen   mythologie.  München  1848*  einzusehen,   wo  sich 


Digitized  by  VjOO^I^ 


Briefe  zwischen  J.  tu  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    313 

reichlich  über  sie  gesammelt  findet,  die  weifzschwarze 
kleidnng  ist  gewis  nichts  nenpreufaisches ,  sondern  uralt 
nordisches.  — Die  sündliche  Verkehrtheit  des  süddentschen 
particnlarismos  steht  der  einigung  des  Vaterlandes  schroffer 
als  je  entgegen,  was  den  thoren  an  Preoüsen  nndeutsch 
vorkommt  würde  ja  durch  den  beitritt  aller  verwischt  wer- 
den, ein  Jammer  dafs  wir  nicht  erleben  sollen,  was  der  Zu- 
kunft doch  bevorsteht.  —  Mit  Belgien  bin  ich  seit  Willems 
tode  nicht  mehr  in  verkehr,  —  Ich  wünsche  Ihnen  dafs  Sie 
so  ruhig  und  vergnügt  fortarbeiten  können  als  es  geht.  — 
Berlin  28  juli  1849.  Jacob  Grimm. 

8.    J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

Hochgeschätzter  freund,  eine  von  Ihnen  heute  morgen 
mit  der  briefpost  empfangene  Sendung  lälst  mich  einen 
irtum  vermuten ,  weshalb  ich  gleich  schreibe.  —  es  war 
kein  brief  in  dem  paket,  sondern  zwei  exemplare  Ihrer  abh. 
über  den  heil,  berg,  deren  eins  mir  genügt  hätte,  und  dann 
handschriftliche  auszüge  aus  belachen  cartularien  auf 
dickem  papier,  mit  welchen  ich  nichts  anzufangen  weifs. 
ich  denke  also  sie  waren  einem  andern  zugedacht ,  der 
vielleicht  den  mir  bestimmten  brief  erbalten  hat.  Sagen 
Sie  mir  also  wem  ich  alles  zu  schicken  habe  und  ob  es 
damit  eilt;    sonst  gebe   ich    es  in   buchhändlergelegenheit. 

—  Schon  neulich  liefs  ich  antwort  auf  Ihre  frühere  Zu- 
schrift, wie  Sie  bestellt  hatten,  poste  restante  Zwingenberg 
abgehn  und  mache  es  diesmal  wiederso.  Hoachtend  Ihr 
ergebenster  Jac.  Grimm.  23  aug.  1849.  —  das  eine  ex.  vom 
Jugenheimer  buch  darf  ich   wol   für   mich  zurückbehalten. 

—  Unsere  posteinrichtungen  sind  unverschämt,  da  Sie  ver- 
säumt hatten  auf  den  Brief  zu  setzen  fahrende  post 
(die  so  schnell  wie  die  briefpost  mit  der  eisenbahn  geht) 
und  gedr.  sachen;  so  kostete  der  brief  was  5  einfache, 
nemlich  35V2  groschen;  ich  lege  Ihnen  die  adresse  bei, 
wenn  Sie  sie  etwa  in  Darmstadt  vorzeigen  wollen.* 

9.  J.  W.  Wolf  an  Jacob  Grimm. 
»Hochverehrtester  Herr  und  Freund.  Eben  von  Basel 
zurückkehrend,  finde  ich  Ihre  Zeilen.  Gewisz,  es  ist  ein 
Irrthum  und  zwar  ein  doppelter.  Gleich  vor  meiner  Ab- 
reise gab  ich  unserer  Botin  eine  Anzahl  dicker  Briefe  und 
Packete  mit  der  Weisung,  sie  der  Pabstacben  Buchhand- 
lung in  Darmstadt  zur  Versendung  durch  Buchhändler- 
gelegenheit zu  ^eben.  Statt  dessen  warf  sie  alles  auf  die 
Post  und  bereitete  mir  so  mehr  als  eine  Verlegenheit. 
Auszerdem  vergasz  ich   in  der  Eile,   Ihrem   Päckchen  den 


y  Google 


314  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  318. 

ihm  bestimmten  Brief  beizufQgen  ,  worin  ich   Sie    bat,  d» 
wol  in  Folge  der  Beschlüsse  des  ersten  Germanistencongires^es 
in  Frankfort  in's  Leben  getretenen  Commission  zur  Sammlung 
älterer  Namen  von  Orten  und  Personen  die  beigelegten  Auszüge 
gefälligst  übergeben  zu  wollen.    Die  beiden  Exemplare  der 
Abhandlung  über  den  heil.  Berg  waren  für  Sie   und     Ihren 
Herrn   Bruder    bestimmt.     Entschuldigen   Sie   ^ügst    den 
unangenehmen    Vorfall    und    erlauben     Sie    mir    zug'leich, 
Ihnen    die  unnützen  Kosten,  welche  er  Ihnen  verursachte, 
k  peu  pres  wiederzuerstatten.  —  Meine  heszischen  Märchen 
und  Sagen,  Lieder  und  Gebräuche  gehen  nun  endlich  unter 
die  Presse.      Die   Märchen   enthalten   manches    Neue    und 
recht  Frische ;    die    Sagen   sind    leider  weniger  bedeutsam, 
obwol    sie  auf  eine  ganze    Reihe  halbgöttlicher   Weaen  oft 
helle  Lichter  werfen.    An   ihnen  wie   an   Gebräuchen  sind 
wir  hier  viel   ärmer,    als  der   Norden    Deutschlands.      Die 
Poesie    des    Volkslebens    wich    und    weicht    immer    mehr 
zurück  bei  uns  und  was    an   ihre  Stelle   tritt,  das  ist  eben 
nicht    tröstlich,    wie   Baden    und   jetzt    Württenberg    uns 
sattsam  zeigen.    Ihnen    im    Norden    ist    die    Regenerirung 
unseres  Südens  vorbehalten;    diese  seine  grosze  Mission  hat 
Preuszen  erkannt.     Gebe    Gott    seinen    Segen ,    dasz   es  sie 
seiner  würdig   erfülle !    —    Ich   sprach   Ihnen   in     meinem 
letzten  Brief  von  Jacobs   a  Voragine    legenda    aurea.     Das 
Buch  wurde  mir  je  tiefer   ich   hineindrang ,   so  lieber  und 
werther,  eine  rechte  Goldgrube.    Ist  Ihnen,  um  ein  Beispiel 
anzuführen ,    die    folgende  offenbare    Göttersage   schon  be- 
kannt?    „Dum  {Germanus  ep.)  in  Brittannia  praedicaret  et 
sibi   et  sociis  rex  Brittanniae  hospitium   denegasset,    subul- 
cus    regis    regressus    a    pascuis   acceptam    praebendam    in 
palatio  ad  proprium  tugurium  referens,    vidit  beatum   Ger- 
manum  cum  sociis   fame    et    Mgore   laborantem,   quos    in 
domo  sua   benigne  recepit   et  unicum  vitulum  quem  habe- 
bat, hospitibus   occidi    mandavit.     Post   coenam    S.ii»  Ger- 
manus omnia  ossa  vituli  super   pellem  vituli  componi  fecit 
et  ad  eius  orationem  vitulus   sine  mora  surrexit.    Sequenti 
die  Germanus  regi  festinus  occurrit,  cur  ei  hospitium  dene- 
gayerit  potenter  inquirit.     Tunc    rex  vehementer   attonitus 
sibi  respondere  non  potuit.    Et  ille,  ejyredere,    inquit  et  reg- 
num  meliori  dimitte.     Germanus    igitur   dei   mandato   su- 
bulcum  cum  uxore  sua    venire   fecit  et  universis   stupendi- 
bus  regem  constituit  et  extunc  reges  ex  genere  subulcipro- 
deuntes  dominantur  genti  Brittanniae."   7 Vgl.  Vita  S*  Uer^ 
mani   Legenda    aur.   Venet.    1516   r  111  c]     Dieser  letztere 
Theil  der  Thorsage  wurde   so   viel   mir   bewuszt  noch    von 
Niemanden    angeführt.      Wir    hätten   sie    somit    auch  f^ 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Gnmm  u.  J.  W.  Wolf.    315 

Brittannien  gesichert  and  noch  dazu  in  Verbindung  mit 
dessen  Königshaus.  —  Zu  jenem  Roydag  von  Gramaye 
kommt  noch  in  den  Auszügen  aus  brüszler  Cartularien  eine 
oft  erscheinende  ,via  dicta  Koyweg  in  parochia  de  Winczele* 
(Winsele)  und  aus  der  Legende  des  heil.  Mellon«  zweiten 
Bischofs  von  Ronen,  das  ,idolum  Roth*.  In  einer 
alten  Prosa  kommt  namentlich,  wie  Amelie  Bosquet,  in  'la 
Normandie  pittoresque  et  merveilleuse*  p.  421  sagt,  der 
Vers  vor:  ,extirpato  Roth  idolo*,  und  von  diesem  Abgott 
soll  Ronen,  Rothomagus,  seinen  Namen  haben.  Ist  diesz 
Letztere  auch  nicht  ganz  unverdächtig,  dann  bleibt  der 
Royweg  doch  von  Bedeutung.  —  Unser  ters  fand  ich  als 
Eigennamen  a.  1280  auf  p.  7ä  des  Cartularium  S.*  Michaelis 
(Antv.)  wo  ein  ,Walteru8  dictus  ters*  vorkommt.  Eben- 
daselbst steht  n.  65  a.  1154  ein  Henncu8Magathoc(Matoc?j, 
p.  108  a.  1179  nenricus  curtibold,  p.  169  a.  1346  arnoldns 
mommaert.  Im  Cartular.  S.*  Petri  afflighemensis  etwa  100 
Seiten  nach  jenem  Roy  weg  (welches  tom.  II  pp.  609,  611. 
617  a.  1424  vorkommt)  p.  702  a.  1163  fand  ich  Rogerus  de  Can- 
dast.  Im  tom  I.  p.  325  a.  1329  (dess.  Cart.)  Claes  sduuels- 
sone.  —  In  Cart.  abbat,  helencyrensis  p.  6()  a.  1262.  Wal- 
terus  dictus  cobout.  Jammerschade,  dasz  sich  weder  Hände 
noch  Mittel  finden ,  diese ,  wie  noch  ein  Dutzend  anderer 
sehr  bedeutsamer  belgischer  Cartularien  herauszujfeben  I  — 
Auf  Panzers  Beitrag,  den  ich  mir  verschrieben,  bin  ich  sehr 
gespannt.  Mein  eigner  schwillt  immer  mächtiger  an,  und 
ich  darf  hoffen ,  wenn  auch  weniger  für  die  dii  majorum 
gentium  doch  für  die  andern  manche  Frage  ihrer  Lösung 
näher  zu  führen.  Mit  herzlichsten  Grüszen  in  bekannter 
Verehrung  Ihr  ergebenster  J.  W.  Wolf.  —  Jugenheim 
15.  Sept.  1849  poste  rest.  ZwingenbcM^.  —  P.  S.  Dürfte 
ich  Sie  wohl  bitten,  eingeschlossenes  Zettelchen  zur  Stadt- 
post geben  zu  lassen?* 

10.  J.  W.  Wolf  an  J.  Grimm. 
„Hochgeehrtester  herr  professor;  Erlauben  Sie  mir, 
Ihnen  beißlgend  meine  neueste  arbeit  zu  überreichen,  sie 
wird  Ihnen  weniger  durch  das  interessant  sein,  was  daran 
mein  werk  ist,  als  durch  den  theil,  der  meinem  freunde 
Hefner  angehört,  wissen  wir  doch  noch  so  wenig  über 
Waffen,  kleidung  und  gerate  des  ma.,  dafs  jeder  beitrag  sei 
er  auch  noch  so  klein  willkommen  sein  mufs.  die  sagen- 
ausbeute war  wie  Sie  bemerken  werden  nur  gering.  — 
Aufser  diesem  buche  wurde  eine  Sammlung  von  etwa  50 
märchen  fertig,  deren  erste  bogen  gedruckt  siod  und  die  ich 
Ihnen  bald  vollständig  senden  kann,  sie  enthält  durch- 
gängig  neues   und  hochwichtiges,    ihr  schliefsen  sich  eine 


y  Google 


316  Anmerkangen  sq  B.  I  S.  318. 

von   ca.   250   sagen   und    eine   andere   ziemlich    reiche  von 
bränehen,   segen   und   aberglanben  aus  Hessen  an,  die  alle 
nur  des  setzers  harren.  —  Aus  meinem  buch  «zur  deutschen 
mvthologie*    erlaube   ich  mir  eine  kleine  probe  beizulegen, 
ich    habe    in    ähnlicher    weise    die    meisten    Ihrer    Unter- 
suchungen da  wo  Sie  dieselben  verlassen  au^nommen  und 
soviel   es   meine  kräfbe  erlaubten  weiter  zu  mhren  geeucht. 
mir   scheint   als   habe   ich  manches  neue  gewonnen;    ganz 
unbeachtet  blieb  nichts;    mehr  wäre  geschehen,   wenn  mir 
mehr  nordische  quellen  zu  gebot  gestanden  hätten,    binnen 
einigen   monaten,   wol  noch  vor  ablauf  des  Jahres  gedenke 
ich  den  ersten  band  des  Werkes  abzuschliefsen,  der  beitrage 
zu  cap.  I— XIV   und  XVII    Ihres    unvergleichlichen  buchee 
bringet,    cap.  XVI  beiden  lasse  ich  vor  aer  band  unberfihrt, 
da   sich   meine  collectaneen  dazu  so  reich  gestalteten^  dais 
ich   sie  zu   einem  eigenen  buche  ausarbeiten  möchte,     von 
den  andern  cap.  sind  die  über  Wuotan  und  Donar  die  um- 
fassendsten  und   es  gelang  mir  (ob  gut  oder  schlecht,  dai^ 
über   können  nur  Sie  richten)  besonders  den  ersten  wieder 
in   ziemlich   klares   licht  zu  stellen,  wie   seine  äuTsere  er^ 
scheinung,   so   sein   wesen    und   die  ihm  heiligen  orte,    ao 
führte   mich   z.  b.   was  die  letztem  betrifft  die  bemerkong, 
dafs  Bonifacius  seine  meisten  kirchen  den  heil.  Michael  und 
Petrus  weihte,  zu  einer  grofsen  zahl  von  uralten  (sec.  8 — II) 
Michaels-   und    Peterskirchen    und  bergen,    die  mitunter  in 
Verbindung  stehen   wie   der  Snellerts   mit  dem  Rodenstein. 
—  Je   mehr   ich    mich    so  in  Ihr  schönes  werk  hineinlebte, 
um  so  mehr  muTste  mir  seine  gröfse  aufgehen  und  so  mehr 
beugte   und   beuge   ich   mich   vor  dem  wunderbaren  geiste 
der  es  schuf,    wol  wirkte  jene  oft  fast  erdrückend  auf  mich, 
doch  rifs  es  mich  bald  wieder  um  so  gewaltiger  empor  und 
mit  sich  fort,    die  massen  sind  so  siegreich  bewältigt,    wie 
etwa    in    dem   grofsartigsten   aller   dome,   und  über  ihnen 
thront  der  geist,   wie   das  goldene  kreuz  auf  hoher  thurm- 
spitze.     gestatten   Sie    mir  denn,    meinem   danke  für   die 
reichen   stunden,    die   Ihr  buch    mir  geschaffen   hat,   und 
meiner  hohen  Verehrung  für  Sie  einen  ausdruck  dadurch  zu 
geben,   dafs   ich   Ihnen  meine  arme  aehrenlese  weihe.    Sie 
geben  mir  dadurch  neuen  muth,  die  bahn  zu  verfolgen  auf 
die  ich  wieder  ganz  und   ausschliefslich  eingelenkt  bin  und 
die  ich  auch  nicht  mehr  verlassen  zu  müssen  hoffe.  —  Meine 
Verhältnisse  sind  zwar  noch  dieselben,  wie  seit  Jahren,  doch 
der   alte   gott  lebt  noch   und  der  hilft  immer  wieder  und 
wird  wol  auch  fürder  helfen,    auch  mir  bringt  die  zeit  wol 
einmal   rosen.    Mit  herzlichstem  cnnifse  Ihr  treuergebenster 
Job.  Wilh.  Wolf.    Jugenheim  a/Bergstrafse.    20.  Oct  50.* 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    317 


11.  J.   Grimm    an  J.  W.  Wolf. 

»Werthester  frennd,  Sie  werden  von  selbst  ermessen 
was  schuld  ist,  dafs  ich  auf  Ihren  willkommnen  brief  vom 
20  oct.  so  spät  antworte  und  für  das  gesandte  prachtwerk 
vom  Tannenoerfif  erst  jetzt  danke,  die  zeit  in  diesen  mo- 
naten  war  und  ist  so  unruhig  und  gespannt,  wie  als  ich 
zuletzt  Sie  persönlich  sah,  nur  weit  trüber  und  hofnungs- 
loser.  alle  gedanken,  die  sich  zum  briefschreiben  sammeln 
müssen,  vergehn  einem  da,  diese  wenigen  worte  sollen  Ihnen 
blofs  den  empfang  bezeugen.  Mögen  in  Ihrem  winkel  an 
der  bergstrafse  Sie  auch  ferner  unangetastet  leben.  —  Die 
ausstattung  des  Tannenbergs  ist  sauber  und  fleifsig,  zumal 
zog  mich  oie  dem  Hamelnschen  rattenfänger  ähnliche  sage 
an,  die  Sie  nur  echter  auftreiben  müssen.  Reichhaltiger 
noch  als  dies  werk  wird  Ihr  verheifsnes  märchenbuch  sein, 
auf  das  ich  mich  freue.  Ergibige  und  biegsame  mythische 
combinationen  haben  Sie  mir  abj^elemt,  besser  als  irgend 
wer,  das  ist  mir  natürlich  lieb.  Mit  buchhändlergelegenheit 
sende  ich  Ihnen  ein  paar  academische  kleinigkeiten ,  denn 
sonst  ist  wenig  dies  jahr  von  mir  heraus  gekommen ;  doch 
eine  vorrede  zur  lex.  salica  und  eine  abh.  über  den  leichen- 
brand.  —  Geben  Sie  die  einlage  nach  Mainz  zur  post  und 
sein  mir  herzlich  gegrülist.    Jac,  Grimm.    28  nov.  50.* 

12.  W.   Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

, Hochgeehrtester  herr,  Sie  haben  für  die  auffassung 
lebendiger  Überlieferungen,  wie  sie  noch  immer  im  deutschen 
volk  fortdauern,  so  viel  theilnahme,  sinn  und  liebe  gezeigt, 
und  selbst  so  schätzbare  beitrage  in  verschiedenen  werken 
geliefert,  dasz  ich  hoffen  darf  Sie  werden  der  neuen  ausgäbe 
der  kinder-  und  hausmärchen,  die  ich  Ihnen  hierbei  zusende, 
einen  platz  bei  sich  gönnen,  mein  bruder  hat  schon  nach 
der  ersten  ausgäbe,  von  gröszeren  arbeiten  abgehalten,  mir 
die  pflege  und  weiterführung  der  Sammlung  überlassen,  und 
es  ist  mir  geglückt  sie  nach  und  nach  um  ein  viertel  zu 
vermehren,  auch  diese  neuste  ausgäbe  enthält  wieder  ein 
paar  neue  stücke,  und  ich  habe  bei  einem  Sommeraufenthalt 
m  Schlesien  musze  gefunden  eine  abhandlung  hinzuzufügen, 
welche  überschaut  was  in  den  letzten  dreiszig  jähren  für 
diese  sache  geschehen  ist.  auch  Ihrer  neusten  Sammlung 
hessischer  m£'chen  habe  ich  nach  einer  mittheil ung  meines 
bruders  schon  gedacht,  wovon  ich  mit  vergnügen  das  erste 
heft  gesehen  habe  und  der  ich  einen  glücklicnen  fortgang 
wünsche,  als  ich  im  jahr  1821  den  dritten  band  unserer 
Sammlung  schrieb,  war  er  wohl  ziemlich  vollständig,  aber 


y  Google 


318  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  318. 

jetzt  nach  so  reichem  Zuwachs,  möchte  ich  ihn  f^ern  om- 
arbeiten  und  ergänzen:  es  ist  keine  schwierige,  &ber  eifi^ 
mühsame  arbeit,  die  viel  zeit  kostet,  die  sich  nicht  leicht 
auftreiben  läszt.  Die  besten  wünsche  Itlr  Ihr  wohler^hei 
und  den  jfhlcklichen  fortgang  Ihrer  wissenschaftlicher 
arbeiten  wie  die  Versicherung  aufrichtiger  hochschätxaD^ 
und  ergebenheit.    Wilhelm  Grimm.     Berlin  2.    märz   185L' 

13.    J.  W.  Wolf  an  J.    Grimm. 

„Verehrtester  herr  professor;  Die  aushängebo^en  meines 
buches  werden  Ihnen   regelmäfsig    zugekommen    sein  ,    das 
ganz  fertige  wird  wol  jetzt  in  Ihren  banden   liegen,  jeden- 
lalls  dieser  tage  bei  Ihnen   eintreffen,     nehmen   Sie    es    aJs 
einen  neuen  beweis    meiner   tiefen   Verehrung   für    Sie    auf 
und  seien  Sie  ihm  der  gewohnte  nachsichtsvolle  beurtheiler. 
ich    weifs ,    dafs   ich    an  mehr   als  einer  stelle  darin  Ihrer 
mahnung    an    „Vorsicht*    vergessen    habe,    aber    mitunter 
mufs  man  ja  einmal  frisch  wagen,  will  man  gewinnen,  sind 
Sie  auch  nur  einigermafssen  mit  der  arbeit  zufrieden,    dann 
bin  ich  für  dieselbe  reich  belohnt,  denn  nächst  dem  wünsche, 
unsere  Wissenschaft  um  einen   schritt   zu   fördern,  war   der 
mir  Ihre  Zufriedenheit   zu   erringen    der   mächtigiste    sporn 
zur  ausarbeitung  des  werkes.    ob  ein  zweiter  theil  erschei- 
nen wird,  steht  noch  dahin,  da  es  von   dem   absatze  diese» 
ersten  abhängt.  -   Zugleich  mit  diesem  buche  laufen  meine 
„deutschen  hausmärchen'*     bei  Ihnen    ein,   für  welche  ich 
freundlich  um    ein    plätzchen    unter   Ihren    büchem  bitte, 
ich  hoffe,  Sie  werden  freude  an  ihnen  haben,    eben  wächst 
ein  zweiter   band   schon    wieder  so    rasch   heran,    dafs  ich 
mich  vor  material  kaum  zu  retten  weifs.    die  zahlreich  sich 
häufenden  Varianten   werde  ich  in    einem  .beitrag  zur  ge- 
schichte  und  kritik  der  märchen*  niederlegen,   zu   dem  be- 
reits   bedeutend    vorgearbeitet    ist.    —    Ein    herr    G.    von 
Meyem    sammelt    eben    eifrig    am    Bodenstein    und  findet 
wieder    manche  werth vollen   sagen,    man    soll    oft   lauten 
sprechen   und    hellen   gesang    im    Schnellerts   hören;    der 
auszug  findet  stets  vom  Schnellerts  aus  statt,     auch  ein  in 
der  nähe  wohnender  geistlicher   bekümmert  sich  jetzt  dar- 
um ,   so   dafs    wir   noch    mancher  ausbeute  entgegen  sehen 
können,    das  wichtigste  was  ich  von  ihnen  erfuhr,   ist  dafs 
noch  ein  dritter  berg  bei  Berfurt  mit  den  zweien  in  sagen- 
hafter Verbindung  steht;     die  ritter   seien   vettern  gewesen 
und  man  soll  sicn  über  sie  manches   erzählen.   —  Wo  sind 
denn    die  sa^en    des    Saurlandes    von    Beusch  erschienen? 
vergebens   habe    ich   die   darmstädtor   buchhändler  in  be* 
wegung    gesetzt ,   sie   mir  zu  verschaffen.    —    Darf  ich  Sie 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    319 

wohl  bitten,  einliegende  briefe  besorgen  zu  lassen V  Mit 
den  herzlichsten  g^rüfsen  Ihr  Sie  innig  verehrender  J.  W. 
Wolf.  —  Jugenheim  2  dec.  51.* 

14.  J.  Grimm   an  J.  W.  Wolf. 

,Sie  haben,  lieber  freund,  Ihr  wort  gelöst  und  mich 
durch  Zueignung  Ihrer  beitrage  zur  deutschen  mythologie 
geehrt  wie  erfreut,  ich  empfing  das  buch  vor  acht  ta^en 
aus  Göttingen  und  sage  Ihnen  den  herzlichsten  dank,  eine 
woche  früher  war  eine  andere  gäbe,  nicht  minder  willkom- 
men, aus  Leipzig  vorausgegangen,  Ihre  überraschend  reich- 
haltigen hausmärchen.  Da  gibt  es  nun  für  mich  vieles  zu 
lesen,  zu  erwägen  und  einzutragen,  und  doch  bin  ich  diesen 
au^enblick  ungeschickter  dazu  als  je ,  ich  habe  mich  seit 
einigen  monaten  in  den  abgrund  des  deutschen  Wörterbuchs 
gestürzt,  der  nun  über  mir  zusammenschlägt  und  fast  kein 
ende  absehen  läfst.  freude  ist  zwar  auch  bei  der  arbeit, 
doch  der  mühe  weit  mehr;  die  zeit  mufs  erleichterung 
schaffen.  Sie  entschuldigen  mich  aber  dafs  ich  jetzt  auf 
gar  nichts  näheres  über  Ihre  bücher  eingehe;  ich  kann  sie 
noch  nicht  recht  zur  band  nehmen.  —  Wilhelm  grüfst  mit 
mir  aufs  herzlichste  und  dankt  gleichfalls  für  oeide  ge- 
schenke.  —  Freundschaftlich  der  Ihrige  Jacob  Grimm.  — 
3  dec  1851.- 

15.  W.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 
„Hochgeehrtester    herr.    Nehmen    Sie    meinen  groszen 

dank  für  aie  werthvoUen  geschenke  an,  die  Sie  mir  mit 
den  Beiträgen  zu  der  deutschen  mythologie  und  den  Haus- 
märchen gemacht  haben,  beide  bücher  sind  mit  soviel 
sinn  und  geschick  geschrieben ,  und  von  so  einer  warmen 
liebe  zur  sache  belebt,  dasz  ihnen  jeder,  der  diese  Vorzüge 
zu  schätzen  weisz,  geneigt  sein  musz.  die  märchen  habe 
ich  gleich  in  ein  paar  abenden  durchgelesen  und  viel 
hübsches  und  manches  neue  darin  gefunden,  ein  besonderes 
vergnügen  haben  mir  die  neuen  thier märchen  gemacht,  es 
macht  einen  eigenen  eindruck,  wenn  manches  märchen 
gleichsam  ins  soldatische  übersetzt  ist ,  aber  das  hat  auch 
ansprach  auf  geltung  und  Sie  thun  recht  diese  quelle  aus- 
zuschöpfen; icn  hone  bald  die  fortsetzung  zu  sehen.  Mit 
der  aufrichtigsten  hochachtung  und  ergebenheit  Wilhelm 
Grimm.  —  Berlin  7.  Dec.  1851.'* 

16.  .1.  W.  Wolf  an  W.  Grimm. 
„Hochverehrtester  herr  professor ;    vor  einigen  Wochen 

schrieb  ich  Ihrem  herrn  bruder  Jacob  [fehlt]  und  bat  ihn  um  die 


y  Google  


320  Anmertranf^en  zn  B.  I  S.  3 

erlanbnifl,  eine  bearbeitnng  der  «dentschen  mytholo^ple*  mit 
benntzang  seiner  worte  heransffeben  zu  dürfen,  natfirlkk 
mit  gewissenhafter  angäbe  in  der  vorrede  nnd  nöthigea- 
falls  in  eigenen  Anmerkungen,  was  sein  eigenthmn  und 
was  mein  werk  sei.  meine  absieht  mit  dem  buche  ist 
einzig  (denn  die  150  fl,  honorar  konnten  mich 
nicht  dazu  bestimmen  [Randbemerkung]),  dieser  did- 
ciplin  einen  grölseren  toreis  von  freunaen  zu  erwer- 
ben, dem  weitern  publicum  die  resultate  der  bis- 
herigen forschungen  zugänglich  zu  machen,  da  ich  bisher 
keine  antwort  auf  meinen  brief  erhielt,  so  muCs  ich  htei 
vermuthen,  dafs  die  arbeiten  am  Wörterbuch  —  dessen 
erste  lieferung  ich  gestern  mit  hoher  freude  begrüüste  — 
Ihren  herrn  bruder  zu  sehr  in  anspruch  nehmen,  denn  ihn 
auch  nur  entfernt  beleidigt  zu  haben ,  bin  ich  mir  nicht 
bewufst.  sollte  er  aber  meine  arbeit  nicht  billigen  und  mir 
die  benutzung  von  theilen  seines  textes  nicht  gestatten 
wollen,  so  will  ich  gern  meine  obgleich  vollendete  arbeit 
vernichten  und  sie  von  neuem  beginnen ,  da  es  mir  rein 
um  die  sache  zu  thun  ist  und  nur  die  gröfste  pietfit 
geffen  Ihren  herrn  bruder  mich  seine  worte  beibehalten 
liefs.  Erlauben  Sie  mir  denn  freundlich,  Sie  zu  bitten,  mir 
seinen  entschlufs,  der  Ihnen  ja  nicht  unbekannt  sein  wird^ 
gütigst  selbst,  oder,  da  auch  Ihre  zeit  jetzt  aeufiserst  beschränkt 
sein  wird,  durch  eine  andere  hand  mittheilen  zu  wollen, 
da  der  Verleger  mit  der  sache  eilt,  und  ich  den  arglos  be* 
gonnenen  druck  in  gewissem  fall  auf  meine  kosten  zurück- 
nehmen werde.  —  Empfangen  Sie,  hochverehrtester  herr 
Professor,  die  Versicherung  meiner  ausgezeichneten  hoch- 
achtung,  der  ich  memen  herzlichen  gruTs  an  Sie  wie  an 
ihren  herrn  bruder  Jacob  anzuschliefsen  mir  erlaube. 

Ihr  ergebenste  diener  J.  W.  Wolf. 
Jugenheim  18  Mai  1852. 

17.    J.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

«•Hochfj^eschätzter  freund,  ich  kann  mir  gar  nicht  den- 
ken, dafs  Sie  meine  mythologie  beeinträchtigen  wollen,  habe 
also  gar  keine  einwilligung  zu  ertheilen  für  das  buch, 
welches  Sie  bekannt  zu  machen  beabsichtigen,  jedes  werk 
mufs  sich  selbst  tragen,  Ihre  forschende  tnäti^keit  ist  mir 
längst  bekannt,  höchstens  könnte  mir  bedenkhch  scheinen, 
dafs  Sie  die  ergebnisse  derselben  vielleicht  allzuschnell  mit- 
theilen, das  aber  habe  ich  nicht  zu  verantworten,  und 
wünsche  Ihnen  allen  erfolg.  Die  ausarbeitung  des  wb. 
gibt  mir  unmässig  zu  schauen  und  absorbiert  jetzt  alles 
andere,    vorige  woche   gab  ich  einem  reisenden  eine  hier 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  n.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wol£    321 

erschienene  interelsante  diss.  über  abergläubische  gebränche 
für  Sie  mit,  welche  in  Ihre  bände  gelang  sein  wird,  mit 
an&ichtiger  hochachtnng  nnd  ergebenheit  Jac.  Grimm.  — 
22  mai  1852.- 

18.    W.  Grimm  an  J.  W.   Wolf. 

, Hochgeehrtester  herr,  Ihr  brief  vom  25.  Ang.  ist  mir 
hierher ,  wo  ich  am  fass  des  Thüringer  waldes  mit  einem 
theil  meiner  familie  den  Spätsommer  zubringe,  nach- 
gesendet worden,  weshalb  ich  ihn  erst  heute  beantworte, 
mit  vergnügen  nehme  ich  das  geschenk  an,  welches  Ihr 
herr  seh  wager  mir  mit  einer  ausgäbe  der  Gudrun  zuge- 
dacht hat  und  freue  mich  jeder  neuen  Untersuchung  über 
dieses  ausgezeichnete  gedieht,  bei  der  mhd.  metrik  scheint 
es  mir  ein  wichtiger  punct  die  eigenthümlichkeiten  der 
hauptdichter  neben  dem  allgemein  geltenden  festzustellen, 
ich  nahe  über  einen  nahe  hegenden  gegenständ ,  über  den 
reim ,  eine  Vorlesung  in  der  academie  gehalten,  die  eben 
gedruckt  ist,  und  von  welcher  ich  Ihnen,  wenn  ich  nach 
Berlin  werde  zurückgekehrt  sein,  ein  exemi)lar  zusenden 
will,  um  es  Ihrem  herrn  schwager  mitzutheilen.  —  Em- 
pfangen Sie  im  voraus  meinen  besten  dank  für  das  hand- 
Duch  der  d.  mythologie:  es  wird  mit  derselben  sinnvollen 
Sorgfalt  und  liebe  gearbeitet  sein,  die  Ihre  anderen  Schrif- 
ten auszeichnet.  —  Mit  der  erneuten  Versicherung  aufrich- 
tiger hochachtung  und  ergebenheit  Wilhelm  Grimm.  — 
Friedrichsroda  bei  Gotha  10.  Sept.  1852.* 

19.  J.  W.  Wolf  an  J.  Grimm. 
»•Hochverehrtester  herr  und  freund ,  nur  auf  einen 
augenblick  möchte  ich  Sie  dem  ^abgrund*  des  Wörterbuches 
entreifsen  und  Ihren  Blick  verlassenen  studien  zuwenden, 
deren  förderung  Ihnen  ja  doch  noch  nahe  liegt,  ich 
möchte  nämlich  vom  1.  juli  an  eine  der  Wodana  im  plan 
ähnliche  .Zeitschrift  für  deutsche  mythologie ,  rechts-  und 
sittenkunde*  herausgeben,  von  der  alle  drei  monat  ein 
heft  k  7—8  Bogen  erscheinen  soll,  neben  abhandlungen 
will  ich  besonders  frisches  material  darin  bringen  und  habe 
dazu  freunde  aus  allen  gegenden  des  vaterlanaes  gefunden, 
vom  Süden  Tirols  bis  an  die  Nordsee,  vom  Rhein  bis  zu 
den  Donaumündungen!  wenn  aber  dies  unternehmen  eine 
Zukunft  haben  soll,  dann  meine  ich,  mulj9  es  Ihren  segen 
haben  und  mufs  Ihre  theure  band  den  jprundstein  dazu  legen. 
Sie  haben  mir  schon  so  viel  unverdiente  liebe  und  gute 
bewiesen,  dafs  Sie  mir  die  bitte  auch  wohl  gestatten 
werden,  mir  wenigstens  für  das  erste  hefb  eine  wenn 
E.  Steoffel.    Acten  der  Brüder  Grimm.  21 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


322  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  318. 

auch  kleine  abhandlang  zu  schenken  nnd  auch  in 
der  folge,  wenn  es  Ihnen  gerade  pafst,  sich  der 
Zeitschrift  freondlich  erinnern  zu  wollen,  ohne  diese  Ihre 
weihe  hätte  ich  ja  keinen  glauben,  kein  vertrauen  zu  dem 
werk.  —  Das  handbuch  der  götterlehre  hat  eingeschlafen, 
ich  hoffe  dieses  jähr  noch  an  die  2.  aufläge  zu  gehn.  übej> 
haupt  re^  es  sich  aller  enden  für  unsere  Wissenschaft,  die 
liebe  zu  ihr  greift  mächtig  um  sich  und  wenn  Sie  einmal 
die  vorrede  zur  dritten  aufläge  der  mythologie  schreiben, 
wahrlich  dann  mufs  sie  anders  enoen  als  jene  vom  28. 
april  1844.  —  Die  hessischen  sagen  laufen  dieser  ta^  nebst 
einer  mit  abhandlungen  begleiteten  Übersetzung  (mitg^en- 
überstehendem  Originaltext)  der  Gudrun  meines  schwagers 
Wüh.  von  Ploennies  bei  Ihnen  ein  und  fiir  beides  bitte  ich 
Sie  um  wohlwollende  aufrahme,  den  2.  band  der  beitrage 
hoffe  ich  Ihnen  noeh  im  lauf  des  iahres  überreichen  zu 
können.  Nodnagel  ist  gestorben  und  hinterlies  eine  hübsche 
Sagensammlung,  die  ich  herausgebe.  —  Der  wohlg^eneigten 
erfüllung  meiner  bescheidenen  bitte  harrend,  bringe  ich 
Ihnen  nebst  den  herzlichsten  wünschen  für  Ihr  wohl  und 
besten  grüfsen  die  Versicherung  meiner  alten  Verehrung 
und  treuen  liebe.  Ihr  ergebenster  J.  W.  Wolf.  —  Jugen- 
heim  a.  BergstraTse  16  apr.  1853.  p.  r.  Zwingenberg." 

20.  W.  Grimm  an  J.  W.  Wolf. 

^Hochgeehrtester  herr,  vor  kurzem  habe  ich  Ihnen  ein 
paar  märcnen  aus  der  hebräischen  Sammlung  des  rabbi 
Barachja  für  Ihr  neues  unternehmen  zugesendet,  ich  war 
damals  noch  der  allgemein  verbreiteten  meinung,  dasz 
Baracl^'a  im  anfang  des  15.  jahrh.  geschrieben  habe,  bin 
aber  jetzt  überzeugt  dasz  er  in  viel  ältere  zeit  gehört,  ich 
bitte  Sie  daher  einige  änderungen  in  dem  manuscript  vor- 
zunehmen und  zusetzen  ^thierfabeln  die  der  rabbi  Barachja 
in  der  zweiten  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  m 
hebräischer  spräche  dichtete*  und  weiter  unten  , deren 
hohes  alter  dadurch  nachgewiesen  ist.**  —  Mit  erneuter 
Versicherung  meiner  hochachtung  und  ergebenheit  Wilhelm 
Grimm.  -  Berlin  12.  mai  1853." 

21.  J.  W.  Wolf  an  W.  Grimm. 
^Hochverehrtester  herr ;  Sie  haben  mich  mit  so  schönen 

und  reichen  bditrägen  überrascht  und  mich  durch  diese 
Ihre  grofse  gute  so  glücklich  gemacht,  dafs  ich  Ihnen  meinen 
wärmsten  und  herzlichsten  dank  darzubringen  mich  beeile, 
wenn  irgend  etwas,  dann  ist  es  Ihre  freundliche  Unter- 
stützung,  die  mir  vertrauen  auf  die  zukunft  der  Zeitschrift 


y  Google 


Briefe  zwischen  J.  u.  W.  Grimm  u.  J.  W.  Wolf.    323 

einznflöfsen  vermag,  sie  ist  mir  ein  neuer  sporn,  alles  dafür 
aufzubieten,  dafs  sie  der  grofsen  ehre  würdig  werde.  — 
Aufser  reichen  beitragen  aus  Ungarn  liegen  mir  noch  eine 
grofse  zahl  von  märchen  aus  der  Bukowina  vor.  Waldburg 
und  Staufe  (recte  Simiginowicz)  haben  sehr  bedeutende 
Bammlungen,  die  noch  unausgearbeitet  sind  und  durch  die 
Zeitschrift  angeregt,  sind  dort  noch  andere  Sammler  erwacht, 
es  regt  sich  stets  und  überall  lebendiger  und  es  sind  mir 
bereits  so  viele  und  grofso  manuscripte  von  traditionen 
jeder  art  zur  verfCLgung  gestellt,  dafs  ich  nächstens  an  die 
herausgäbe  einer  groCsen  bibliothek  dieser  Überlieferungen 
zu  gehen  gedenke,  in  der  ich  ganze  Sammlungen  aufnehmen 
kann;  der  Zeitschrift  bleiben  dann  nur  abhandlungen  und 
kleinere  beitrage,  die  in  masse  einlaufen,  vorbehalten, 
o  unsere  alterthümer  haben  eine  herrliche  zukunft  und  es 
ist  mir  ein  seeliger  genufs,  unsem  forschungen  täglich  fast 
neue  jünger  zueilen  zu  sehen,  nach  aHen  Seiten  hin  das 
feuer  der  begeisterten  liebe  zu  ihnen  wecken  und  schüren 
zu  können,  selbst  ihre  bisherigen  feinde  kommen,  sie  sehen 
es  ruht  ein  ^ofser,  reicher  segen  auf  diesen  arbeiten,  und 
sie  helfen  mit  bauen  an  dem  ewigen  denkmal,  das  Ihren 
theuren  namen  trägt,  welchem  deutschen  mann  schuldete 
auch  das  vaterland  das,  was  es  Grimm  schuldet?  —  Noch- 
mals meinen  vollsten  dank  und  indem  ich  Sie  noch  bitte, 
Ihrem  herm  bruder  meine  freundlichen  grüfse  in  den  ab- 
grund  des  lexicons  bringen  zu  wollen,  zeichne  ich  mit  der 
Versicherung  meiner  aumchtigsten  Verehrung  und  liebe  Ihr 
ergebenster  diener  J.  W.  Wolf.  Jugenheim  a/Bergstrafse 
20  Jan.  1854.« 

S.  319.  Soldan  hat  fleissig[  über  die  hexen- 
rocesse  geschrieben].  Gemeint  ist  seine  geschichte 
_er  Hexenprocesse,  sie  wurde  von  H.  Heppe  1880  neu  be- 
arbeitet. Grimm  äuszerte  darüber  in  der  Vorrede  z.  zwei- 
ten Aufl.  der  Mythologie. 

S.  819.  Ihren  plan  zu  einem  handwörterbuchl 
vgl.  S.  336,  einen  Brief  L.  Diefenbachs  an  W.  v.  2. 12.  1843 
(Anm.  zu  S.  388)  und  eine  Aeusserung  W.*8  gegen  Diefenb. 
V.  17.  3.  1844:  „Auszerdem  habe  ich  noch  Auszüj^e  für  mein 
Wörterbüchlein  zu  machen,  für  welches  ich  bereits  viel  vor- 
bereitet habe,  was  neu  ist.  J.  Grimm  .  .  .  möchte  mich  in- 
dessen lieber  an  eine  andere,  die  Forschung  fördernde  Arbeit 
haben,  als  diese.  Doch  wird  auch  das  Wörterbüchlein  dem 
Forscher  manches   bieten  (freilich    in   populärem   Kleide).* 

ib.  meine  vorjährige  ReiseJ  nach  Italien;  vgl. 
Schmeller  an  W.  v.  9.  9.  1843  (Anm.  zu  S.  333)  u.  J.'s  Ab- 
handlung: it.  u.  scandinav.  eindrücke  (Kl.  Sehr.  I,  57). 

21* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


l 


324  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  321—326. 

S.  321.  Grieshahn]  verdruckt  st.  Grieshaber,  geist- 
licher Rath  zu  Rastatt.  Er  wechselte  von  1846—50  eioige 
Briefe  mit  Weigand,  wegen  der  von  W.  beabsichtigten  Ge- 
schichte d.  deutechen  Predigt  bis  Luther  u.  seiner  deutschen 
Predigten  aus  dem  13.  Jh.  2  Abth.  (Stuttg.  1844-6.)  Er 
starb  1866  in  Freiburg  i/Breisgau. 

ib.  Nächstens  .  .  .  kleines  gegengesch  enk 
mit  einer  akademischen  Vorlesung  etc.]  Vffl. 
Weigand  an  L.  Diefeubach  v.  29.  8.  1846:  rvor  seiner  [d.ii. 
J.  Gr.'s)  abreise  [nach  Lippspringe  vgl.  I  S.  324]  erfreute  er 
mich  noch  durcn  zwei  schöne  geschenke,  Vorlesungen  in 
der  academie:  *über  Jomandes  u.  die  Geten'  upd  'über 
diphthonge  nach  weggefallnen  consonanten\* 

S.  323.  den  fertigen  Athis]  s.  W.  Grimmas  Kl. 
Schriften  III,  S.  212  if.  Auszüge  aus  Weigand's  Antwort- 
schreiben auf  no.  155  u.  156  stehen  ib.  S.  333  ff.,  woraus 
hervorgeht,  dasz  Geh.  R.  Prof.  Dr.  Nebel  in  Giessen,  ein 
heiterer  freundlicher  Greis,  derWilh.  Gr.  einige  Mal  flüchtig 
gesehen  hatte,  die  ihm  gehörigen  Athisbrucnstücke  dorch 
Weigand's  Vermittlung  W.  Gr.  geschenkt  hatte. 

S.  324  no.  157.J  Vorauf  gehen  W.'s  Br.  3-5.  —  Mit 
Br.  3  V.  12.  11.  1846  überschickt  W.  5  weitere  Nummern  des 
Friedberger  Intelligenzblattes,  worin  wetterauer  Wörter 
besprochen  waren,  weiterhin  eine  Urkunde  von  1398  ans 
einem  Hausarchiv.  Er  fragt  dann,  ob  die  giessener  Marien- 
lieder sich  in  anderen  Hss.  fUnden  und  bedauert  durch  seine 
Krankheit  um  die  Frankfurter  Germanistenversammlung 
gebracht  zu  sein.  —  Mit  Br.  4  v.  27.  7.  1847  folgen  wieder 
Nummern  des  oberh.  Intelligenzblattes  und  d.  Vaterlandes. 
W.  theilt  weiter  mit,  Prof.  Nebel  habe  eine  Papier hs.  der 
von  Grieshaber  herausgeg.  Predigten  gekauft,  fragt  im 
Namen  von  Adrian  nach  dem  Titel  eines  Buches,  dessen 
Anfang  u.  Schluss  er  beilege  und  grüsst  von  Fr.  Roth.  — 
Br.  5  V.  24.  10.  1847  begleitet  ein  ihm  übergebenes  Buch  v. 
Ph.  Dieffenbach  mancherlei  Interessantes  aus  der  Wetterau 
enthaltend,  und  fügt  einige  Bemerkungen  hinzu.  —  no.  157 
beantwortet  W.'s  Br.  6  v.  10.  1.  1848:  Dank  fxlr  J.  Gr.'s 
Brief,  Glückwunsch  zum  Geburtstag,  Freude  Über  wieder^ 
hergestellte  Gesundheit  u.  baldiges  Erscheinen  der  Geschichte 
d.  deutschen  Spr.,  Uebersendung  von  3  Nummern  des  oberh. 
Intelligenzbl.  und  Mittheilung  über  seine  wetteramschen 
Studien.  Einzelne  Lautbrechungen  würden  schwer  zu 
deuten  sein. 

S.  325.    Adrian]  Prof.  u.  Bibliothecar  in  Giessen. 

S.326.  Friedberger  passions spiel]  Vgl. Weigand's 
Aufsatz:  .Über  das  Fr.  Pass.*  in  Hauptes  Zeitschrift  Bd.  VII 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


Anmerkungen  zu  B.  1  S.  326—328.  325 

545 — 56.  Das  weitere  von  W.  gesammelte  Material  hierüber 
befindet  sich  noch  in  Dr.  Milchsack's  Runden. 

ib.  ruhe  für  Vilmar]  vgl.  V.'s  Aeusserung  gegen 
Weigand  von  1849  in  Anm.  zu  S.  297. 

ö.  327.  Ihren  hübschen  fund  zu  Friedberg] 
vgl.  Hauptes  Zeitschr.  VII  S.  442-8:  »Bruchstück  einer  Alt- 
mitteldeutschen £vangelien-Harmonie  mit  Vorrede."  Es 
wurde  am  18.  Sept.  1848  im  Fried  berger  Seminar  gefunden 
und  schleunigst  an  Haupt  Übersandt  um  Jacob  Gr.  zu  seinem 
Geburtstag  üoerreicht  zu  werden  (vgl.  Anm.  zu  S.  304).  Im 
Bd.  VIII  S.  258-74  erschien  dann  das  ganze  Bruchstück, 
welches  später  von  Müllenhoff  in  den  Denkmälern  als  Christ 
u.  Antichrist  bezeichnet  wurde,  wie  auch  schon  in  einem 
Briefe  an  Weigand. 

ib.  zu  Frankfurt  .  .  konnte  es  .  .  nicht  länger 
aushalten]  Vgl.  II  295,  310,  J.*8  Brief  an  v.  Lassberg  v. 
20.  Juli  1848  (Germania  XIII,  384)  u.  den  Adresszettel,  dessen 
Anm.  zu  S.  315  gedacht  wurde. 

ib.  durch  starke  prüfungen  sind  wir  ge- 
gangen] Vgl.  II  313  u.  den  interessanten  Br.  v.  W.  Gr.  an 
Lassberg  v.  15. 2. 1849,  (Germ.  XIII  487  f.)  worin  er  schildert, 
wie  er  in  der  aufgeregtsten  Zeit  Vorlesungen  gehalten  habe. 

ib.  Mein  buch]  Geschichte  d.  deutschen  Sprache,  vgl. 
325,  338. 

S.  328  no.  160]  Antwort  auf  W.'s  Br.  7  v.  12.  7.  1849: 
W.  schickt  2  Nummern  des  oberh.  Int.-Bl.  ,In  dem  kirchen- 
zinsbuch  kommt  s.  32  (zinsposten  nr.  102)  vor ,  aber  nach 
dem  jähre  1471  eingetragen:  'eyn  gerigin  liget  hinder  der 
bürg  den  Hzt  Heintzgin  Welcher  hait  vnd  höret  zu  dem  aeker 
der  dar  gein  vher  liget  am  hreidenwege  den  man  nennet  der 
wüle/  das  wort  wüle*  ist  hier  merkwürdig  und  scheint 
sich  mir  auf  den  acker  zu  beziehen.  ..." 

no.  160  beantwortet  W.'s  Br.  8  v.  2.  11.1849:  Dank  für 
die  Abhandlungen,  den  eingelegten  Brief  an  J.  W.  Wolf,  [fehlt] 
der  wieder  in  Jugenheim  sei,  habe  er  besorgt.  Vergeoliche 
Nachforschungen  nach  altdeutschen  Hss.  im  ehemaligen 
Kloster  Ilbenstadt.  Einige  Reste  aus  Enenkel  u.  dem  alten 
Passional  seien  ihm  von  Baur  in  Darmstadt  mitgetheilt. 
J.  Gr.  werde  wohl  am  Wörterbuch  arbeiten:  ,Vor  längerer 
zeit  bin  ich  auf  eine  erscheinung  im  neuhochdeutschen  auf- 
merksam geworden ,  über  die  ich  noch  nicht  ins  reine 
kommen  konnte,  nämlich  das  in  einigen  Wörtern,  welche 
'ür*  hatten  und  diesz  später  in  *auer*  zerdehnten,  vor- 
kommende zwischeneintreten  des  d.  so  haben  wir  z.  b. 
Schauder  neben  schauer  aus  mhd.  schür  ahd.  scür;  haudem 
(süddeutsch  s.  v.  a.  kleinhandel  auf  karren  u.  s.  w.  treiben) 


y  Google 


326  Anmerkungen  za  B.  I  S.  328. 

neben   dem   nach  Ettmüller  zu   Franenlob   s.  274  in  südd. 
mnndarten  vorkommenden  hauem,  hanren,  von  dem  altem 
hüren,   welches   sich  in  behüren  =  durch  kauf,  mietbe  er- 
werben  (frauenleich    17,    19)   mehr   dem   begriffe    des   nhd. 
Wortes   nähert;    schlauderaff  (in   hiesiger  gegend  familien- 
name)  =   schlaraffe  aus  älterm  slüraite.    was  ilbrigens  das 
letzte   wort  anbelangt,  so  meine  ich  schon  in  einer  sclirift 
des  15.  ihdts.   schlüderaffe   angetroffen  zu  haben,    ob  aach 
unser  nhd.  schleudern  (oberd.  schlaudem)  auf  älteres  alüren 
zurückgeht?    vocabularien    aus    den    letzten   jahrzehenden 
des  15ten  und  Schriftsteller  des  16ten  jhdts.  haben  slawder, 
schluder,  Schleuder  und  das  verb  schludern,  schleudern  för 
funda  und  fundibalare.    endlich  möchte  vielleicht  selbst  bei 
zaudern  ein  wort   mit  ür  zu  gründe  liegen?  —  Ihr  mythol. 
s.  349   angefahrtes   ags.  Aegles  thorp  erinnert  mich  an  das 
gpleichnamige  an  dem  VogeJsberge  gelegene  Eichelsdorf,  im 
jähre  1187  Eigelesdorph  und  Eigelesdorf.    diesem  ganz  nahe 
aber  liegt  ein  zweites,  Eigil  in  dem  namen  ftlhrendes  dorf : 
Eichelsachsen,  1187  Eigelessachscen,  im  14.  jhdt.  Eygelsahsen 
(Würdtwein  d.  M.  III,  1287.  Eygelhassen  ist  verschrieben). 
Wie  möchte  sich  wol  dieses  -sahsen,  das  in  Ortsnamen  der 
Wetterau   und   Oberhessens  mehrmals  begegnet  (Saasen  — 
1125  Sachsun  bei  Guden.  c.  d.  I,  397-,  Wettsaasen,  König- 
saasen, Mühlsachsen),  erklären  laszen?    ich  habe  daran  ge- 
dacht,  ob   das   deutsche  wort  dem  lat.  saxum  entsprechen 
möchte,    betrachtet  man  aber  die  tiefe  der  la^e  der  meisten 
der  genannten  orte,    so    ist  keine   Wahrscheinlichkeit.   — 
Vogt  ist   zwar   in   der  Schweiz,  aber  seine  zahlreichen  an- 
hänger   hier   hoffen   auf  seine    rückkehr  und  möchten  ihn 
gern    bei    der   nahe   bevorstehnden    abgeordnetenwahl    zu 
unserm  landtage  durchbringen,    diesz  werden  vielleicht  die 
mit   der  stadt  stimmenden  dörfer  vereiteln,  und  jene  rück- 
kehr  dürfte  schwer  auszufahren  sein,    der  ehrgeiz  hat  ihn 
weit  geführt:   bis   zum  bewerbenden  redner  in  den  niedem 
wirthshäusern  und  dann  bis  zum  regenten,  der  freilich  ohne 
land  war.    im  umgange  war  er  allerdings  recht  angenehm. 
—  Was  wäre  aus  unserm  armen  vaterlande  geworden,  wenn 
die   revolutionäre   genoszenschaft  ihre   plane   hätte  durch- 
setzen können !    ihre  auf  die  demoralisation  und  die  herbei- 
Seführte   Verarmung  gegründete  herrschafb  würde  eine  zeit 
er  grösten  rohheit  über  uns  gebracht  haben  [Vgl.  II.  310J, 
und  wahrlich!   deutliche  anzeichen  waren  schon    da.    Wie 
schön  wäre   es  gewesen,   wenn  sich   die  deutschen  Staaten 
um  Preuszen  vereinig  hätten !    der  anschlusz  unsres  gross- 
herzogthums  hat  mich  sehr  gefreut.  .  .  .* 

S.   328.     zwei  akademische    Abhandlungen]. 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  328—329.  327 

Wohl  die  im  Jahrgang  1849  d.  Abh.  d.  berliner  Akademie 
enthaltenen :  *Ober  schnle,  universit.,  akad/  u.  *Über  d. 
verbrennen  d.  leichen/    (Kl.  Sehr.  I.  211  ff.,  U.  211  ff.) 

S.  329.  Den  Vogt  sind  sie  nun  in  Giessen  los]. 
Der  bekannte  Prof.  K.  Vogt ,  welcher  im  Frankfurter  Par- 
lament der  äuszersten  Linken  angehörte  und  1849  seines 
Amtes  als  auszerordentl.  Prof.  der  Medizin  in  Giessen  ent- 
setzt wurde.     Vgl.  W.'s  Br.  8:  II  326. 

S.  329  no.  161].  Antwort  auf  W.*8  Br.  9  u.  10.  —  Br. 
9  V.  Himmelfahrtstage  1850:  W.  schickt  einige  Recensionen, 
erwähnt  die  ergiebigen  Auszüge  Phil.  Dieffenbachs  aus  dem 
Kloster  Amsburger  Salbuch,  die  Synonyma  Jac.  Schöppers, 
Dortmund  1550,  fragt  für  Prof.  Kenaud  nach  der  Bedeu- 
tung von  Quercrecnt  (Weisthümer  III.  698)  und  theilt 
mit,  dasz  sein  Friedberger  Fund  sich  vermehrt  habe.  — 
Br.  10:  „Ihr  gütiges  geschenk,  verehrtester  Herr  Hofrath,  habe 
ich  erhalten  und  sage  Ihnen  für  dasselbe  auf  das  herz- 
lichste dank,  es  hat  mich  sehr  gefreut,  sowol  als  ein 
neues  freundliches  zeichen  Ihrer  mir  so  werthen  gewogen- 
heit,  als  auch  in  wiszenschafblicher  beziehung,  denn  wie 
sollte  ein  jeder ,  der  ein  herz  für  das  deutsche  alterthum 
hat,  nicht  erfreut  sein,  dasz  Sie  der  verwaisten  und  lange 
verwahrlosten  reste  der  alten  fränkischen  spräche,  welche 
die  beute  eines  allerdings  gespenstischen  und  ohne  zweifei 
gespenstisch  bleibenden  g^tes  zu  werden  drohten,  Sich  an- 
genommen haben !  doch  wer  hätte  es  auch  vermocht,  sich 
ihrer  so  anzunehmen,  wie  Sie.  zwar  war  schon,  jener  jagd 
Leo's  auf  keltisches  in  deutschem  walde  entgegen,  die  er- 
klärung  der  malbergischen  glosse  durch  den  auslauf  in  der 
gesch.  d.  deutsch,  spr.  nach  meiner  Überzeugung  vortrefflich 
gefSrdert;  aber  sie  ist  nun  eben  in  Ihrer  abhanalung  zu  der 
neuen  vorzüglichen  ausgäbe  der  lex.  Salica  [v.  J.  Merkel]  so 
durchschlagend,  dasz  der  zweifei,  ob  jene  glosse  wirklich 
deutsch  sei,  für  immer  gehoben  sein  wird,  ich  oin  mit  gröster 
spannune  den  erklärungen  gefolgt,  von  welchen  manche 
überraschen,  mehreres  wird  sich  mit  der  zeit  sicherer 
stellen  lassen,  so  scheint  mir  das  s.  LXXXIII  aus  Schm eller 
angeführte  bayerische  rennferkel,  rennsau  nicht  wol  auf  alt- 
tränk, chranne  zurückzuführen ;  denn  jene  ausdrücke  wer- 
den mit  dem  wetterauischen  und  oberhessischen  der  sprenger 
eins  sein ,  welches  wort  das  schwein  bezeichnet,  das  nicht 
mehr  eigentliches  ferkel ,  aber  auch  noch  nicht  recht  sau 
ist,  und  zur  heerde  getrieben  werden  kann,  hier  in  Gieszen 
und  der  umgegend  wendet  man  diesz  «sprenger*  auch  auf 
einen  knaben  an,  der  etwa  5—8  jähre  alt  ist.  das  wort 
gehört    aber    zu    springen,   wie  niederd.  sprenger  =  heu- 


y  Google 


328  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  329. 

schrecke  (brem.  nieders.  wtbch.  4,  974);  und  so  wird  auch 
das  bayer.  rennferkel,  rennsau  zu  rennen  zu  stellen  sein.  — 
Bei  besprechung  des  ausdrucks  andelagen  in  Ihren  rechts- 
alterthümern  [196  ff.]  weisen  Sie  neben  anderm  auf  *Ich  Andel 
Ministro*  bei  dem  Wetterauer  firasmus  Alberus  hin.  in  einem 
briefe,  welchen  ich  vor  zehn  jähren  an  Sie  schrieb,  [fehlt] 
bezweifelte  ich ,  dasz  dieses  wort  wetterauisch  sei,  denn  es 
komme  weder  in  wetterauischen  Urkunden  noch  jetzt  in  der 
mundart  vor.  ich  kann  es  aber  nun  aus  ungedruckten  Ur- 
kunden der  kirche  und  pfarrei  des  zwischen  Gieszen 
und  Butzbach  liegenden  dorfes  Polgöns  nachweisen,  das 
buch  ^Jerlich  einkomm ens  vnd  gebrauch  der  pfarr  vnnd 
kastens  zu  polguns  jm  Hittenberge*  v.  j.  1586  hat  nemlich 
8.  8.  den  ausgabeposten:  ^xiiii  gl.  (d.  i.  gülden)  gegeben  das 
hausz  zu  sticken  (d.  i.  die  gefache  der  wände  mit  stick- 
stecken zu  versehen)  vnd  kleyben  (,)  drey  bön  (=  bühnen 
d.  i.  gerüste  ?  oder  bäume  ?)  zuschlagen  vnd  dem  decker 
zu  and  ein,*  worin  ich  vor  das  leUte  Vnd*  ein  komma 
setze  und  das  folgende  so  verstehe:  'dem  dachdecker  beim 
decken  des  daches  handreichung  zu  thun.*  andeln  wäre 
also  8.  V.  a.  darreichen ,  handreichung  thun  ,  was  auch  zu 
dem  bei  Frisch  I,  26  c  aus  Alberus  Wörterbuch  angeführten, 
von  mir  in  diesem  übersehenen  Substantiv  der  andeler  = 
opera  stimmt,  übrigens  will  ich,  da  es  vielleicht  für  Sie 
interesse  hat,  bei  Polgöns  nicht  unerwähnt  laszen,  dasz  der 
Pfahlgraben  dort  schlechthin  der  Pol  heiszt,  und  ich  habe 
mir  für  mein  wetterauisches  wörterb.  aus ,  dem  16.  jhdt. 
angehörigen  Polgönser  pfarracten  aufgemerkt:  'vor  dem  pole.* 
*der  boler  berg*,  'der  boler  weg.'  [Vgl  Br.  11]  —  Ich  weiss 
nicht,  ob  ich  Ihnen  für  Ihr  neuhochd.  Wörterbuch  zu 
blöken  bereits  mitgetheilt  habe  'Baiare  bl eckchen'  aus 
*liber  ordinis  rerum'  (ein  wol  in  Österreich  geschriebener 
vocabular  v.  j.  1429.,  mscrpt.  in  Nebels  besitz)  bl.  24  b.  im 
mhd.  findet  sich  das  wort  bekanntlich  noch  nicht.  Zu 
^amm.  P,  867  unterste  zeile  habe  ich  mir  neben  pittan  u. 
sizan  noch  likkan  ausgezeichnet,  auf  dessen  schwaches  praes. 
der  im  ahd.  Tat.  XXVlIL,  1.  (Schmellers  Matth.  5,  27)  vor- 
kommende imp.  hinweist.  Das  Tatianische  mandwäri 
(gramm.  IV,  479.  steht  nicht  mehr  ä  sondern  a)  ist  doch 
wol  wie  gramm.  II,  553.  man-dwäri  (nicht,  wie  s.  577.  ver- 
muthet  wird,  mand-wäri)  zu  theilen  und  etwa  wie  unser 
menschen-freundlich  zu  faszen?  —  Schmitthenners  tod,  den 
Sie  aus  den  zeitungen  erfahren  haben  werden,  war  und  ist 
mir  noch  sehr  schmerzlich,  schon  seit  vielen  jähren  plagte 
den  sonst  kräftigen  mann  von  zeit  zu  zeit  ein  leberleiden, 
das  er  irrig  für    magenschwäche  hielt  und  darnach   selbst 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  829.  329 

zu  curieren  suchte,  aber  den  letzten  winter  über  nahm  die 
krankheit  so  zu,  dasz  er  nach  ostem  sehr  übel  aussah  und 
mit  anfang  des  juni^s  die  ärzte  wenig  hoffhung  mehr  hat- 
ten. Er  hat  auch  in  den  letzten  jähren  sich  noch  viel  mit 
deutschen  Sprachstudien  beschäftigt  und  sich  namentlich 
der  angelsäcDs.  mundart  zugewandt,  vieles  ist  von  ihm 
zur  erklärung[  der  deutschen  ei^ennamen  aufgezeichnet 
wie  sehr  er  Sie  hochachtete,  habe  ich  oft  aus  seinem  munde 
gehört,  wenn  wir,  was  häufig  geschah,  sprachliche  erschei- 
nungen  besprachen,  eins  seiner  liebsten  bücher  war  ihm 
Ihre  deutsche  mythologie.  —  Der  landtag  für  das  grosz- 
herzogthum  ist  aufs  neue  eröffnet,  wird  aber,  nach  seiner 
Zusammensetzung  zu  urtheilen,  schwerlicb  lange  beisam- 
menbleiben, die  Demokraten  hatten  bei  den  wählen  meistens 
freien  Spielraum,  denn  die  constitutionellen  und  conserva- 
tiven  haben,  groszentheils  aus  verdrusz  über  das  Jaup'sche 
Wahlgesetz,  nur  sehr  schwach  sich  betheilijft,  Es  ist  bei 
uns  überaus  thätig  gewühlt  worden  ,  und  die  staatsregie- 
rung  hat  ihre  gröszten  feinde  zum  theil  unter  ihren  eignen 
angestellten  gehabt  —  Die  herzlichsten  grüsze  an  Sie  und 
Ihren  herrn  bruder.  mit  unwandelbarer  Verehrung  und 
liebe  Ihr  Dr.  Weigand.  —  Gieszen  14.  September  1850.* 

Auf  no.  161  antwortet  W.'s  Br.  11  v.  1.  1.  1851 :  W. 
dankt  für  die  Schrift  zu  Savigny's  Jubiläum:  *Das  Wort 
des  Besitzes*.  Die  andern  Ex.  seien  besorgt,  (rlückwünsche 
zum  Geburtstag.  ^Dürfte  ich  ^egen  eine  der  in  Ihrer  schrift 
gegebenen  ver^eichungen  einiges  bedenken  äuszern,  so  wäre 
es  gegen  die  von  (x^  ^^^  ^^^  &*  ^^  ^*  (^ff^*  gesch.  d.  d.  spr. 
s.  410).  trotz  Potts  zweifei  (etymol.  forsch.  I,  ^,  373)  möchte 
fjfw  mit  sanskr.  sah  =  perferre,  sustinere  zusammengehören, 
den  Spiritus  asper  zeigt  das  fut  t^to  und  das  abgefallene 
a  der  aor.  (c^oy.  ist  aber  bei  (/^  ^i^  anlautendes  s  weg- 
gefallen, so  könnte  es  nicht  mit  äih  zusammengehören.  .  .  . 
Aus  Baurs  Arnsburger  urkundenbuch  .  .  .  hft.  2.  s.  298  f.  nr. 
441  ersehe  ich  denn  auch,  dasz  ich  in  meinem  letzten 
briefe  an  Sie  unrichtig  die  in  Polgönser  kirchenacten  v.  f. 
1569  vorkommenden  namen  Boler  weg,  der  Boler  berg  mit 
dem  pole  (=  Pfahlgraben)  zusammengestellt  habe,  oeide 
namen  sind  völlig  verschieden,  wie  eben  in  der  Urkunde 
nr.  441.  'offe  deme  boilirwege*  zeigt.  .  .  .* 

S.  329prof.  KnobelJ  seit  1839  Prof.  d.  Theologie  in 
Giessen. 

S.  329.  Baurs  Arnsberger  Urkunden].  Vgl. 
Weigands  Br.  11.  Mit  Baur  hat  Weigand  eine  ziemlich 
umfangreiche  Correspondenz   geführt,  welche  mir  vorliegt. 


y  Google 


330  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  890—331. 

S.  330.  Die  sache  des  Vaterlandes  u.  s.  w.] 
Am  1.  Nov.  1850  rückten  trotz  Preussens  Protest  dieBaiem 
u.  Oesterreicher  in  Hessen  ein.  Das  preuss.  Heer  wurde  in 
Folge  dessen  mobil  gemacht  u.  am  8.  Nov.  kam  es  zu  dem 
berüchtigten  R^ncontre  bei  Bronzell. 

S.  330.    Wigandl   Paul  vgl.  Anm.  zu  S.  1. 

S.  330.  Böhmer].  Mit  J.  F.  Böhmer  hat  J.  Gr.  auch 
einige  Briefe  gewechselt  Nach  Reifferscheid  (Vorwort  za 
den  Freundschaftsbr.)  sind  2  Briefe  J.  Gr.'s  an  ihn  gedruckt. 
Wo?    Vgl.  noch  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  361. 

S.  SSO.  no.  162).  Dieser  Brief  ist  die  Antwort  auf 
folgenden  nur  im  Concept  erhaltenen  Weigand's:  ^Hier- 
mit,  verehrtester  Herr  Professor,  sende  ich  Ihnen  genaue 
vollständige  abschrift  der  in  meinem  briefe  vom  2.  d.  m. 
[fehlt]  erwähnten  sprüche.  welche  in  nr.  1247  der  hiesigen 
hss.  enthalten  sind,  sie  bilden,  wie  es  scheint,  eine  ähnliche 
Spruchsammlung,  wie  die,  nach  s.  22  über  Freidai\k,  Ihnen 
von  Diemer  mitgetheilte.  nur  ist  die  Gieszener  nicht  zu 
ende  geführt,  denn  mit  „Vil  geiaget  vnd  nit  gefangen* 
beginnt,  nachdem  ein  strich  die  mit  namen  überschnebe- 
nen  geschlossen  hat ,  offenbar  eine  neue  reihe ,  die  aber 
nach  dem  ersten  Spruche  nicht  fortgesetzt  ist.  Adrian  gibt 
an,  die  hs.  gehöre  in  das  15.  jahrh. ;  was  die  sprüche  be- 
trifft, so  sind  sie  ohne  zweifei  in  dieser  zeit  aufg[eschrieben. 
.  .  .  Herr  prof.  Braun  hat  die  gute,  gegenwärtiges  an  Sie 
mitzunehmen.* 

Auf  no.  162  folgt  W.'s  Br.  12  v.  10.  7.  1851:  W.  über- 
sendet Abschrift  der  Carber  Markordnung.  ,es  freut  mich, 
mit  Zusendung  derselben  einem  wünsche  nachkommen  zu 
können,  den  iSie,  als  ich  Sie  zu  Frankfurt  besuchte  (die 
freundlichen  stunden  werden  mir  immer  eine  der  ange- 
nehmsten erinnerungen  sein),  gegen  mich  aussprachen, 
aber  leider  kann  ich  das  weisthum  in  seinen  beiden  fas- 
zungen  nur  nach  einer  alten  dem  markbuche  entnomme- 
nen abschrift  mittheilen,  nicht  aus  diesem  selbst,  ich  habe 
lange  vergeblich  mühe  aufgewendet ,  des  buches  habhaft 
zu  werden,  es  scheint  verloren,  auch  imarchive  zu  Darm- 
stadt, wo  ich  selbst  nachfragte,  war  es  nicht  zu  finden.  — 
Die  beigelegten  sprüche  bitte  ich  Ihrem  herrn  bruder  zu 
geben,  den  lieben  brief  desselben  vom  19.  mai  habe  ich 
erhalten  und  werde  demnächst  schreiben  .  .  .* 

S.  330.  Bernhard  Freidankl  Vgl.  Germania  XI, 
112,    122  u.  W.  Gr.'s  kl.  Sehr.  H.  449  ff.,  508  f. 

S.  331  no.  163]  Antwort  auf  W.'s  Br.  13  v.  1.  1.  1852: 
Neujahrs-  und  Geburtstagsglückwunsch,  Mittheilung  seiner 
am  Vorabend  des  christfestä  ihm  mitgetheilten  Ernennung 


y  Google 


Annrerkungen  zu  B.  I  S.  331.  331 

zum  ausserord.  Prof.  Bei  Abfassung  seiner  Anzeige  der 
giessener  Hs.  v.  Hans  Rosenblut's  Schwanken,  sei  ihm  ent- 
gangen, dasz  die  Erzählung  von  dem  Ritter  mit  den  Nüzsen 
schon  in  v.  d.  Hagens  Gesammtaben teuer  no.  XXXIX  stehe. 
Freude  über  das  demnächstige  Erscheinen  der  ersten  Liefe- 
rung des  Grimmischen  Wörterbuchs.  Er  selbst  habe  die 
Bearbeitung  der  3.  Aufl.  v.  Schmitthenners  kurzem  deutschen 
Wörterbuch  übernommen  und  hoffe,  dasz  Anfang  Febr.  der 
Druck  beginnen  könne.  (Die  beigefügten  Zeilen  an  W.  Gr. 
sind  nicht  vorhanden.)  —  Auf  no.  163  antwortet  W.'s  Br.  14 
V.  Gründonnerstag  1852:  ^Empfangen  Sie,  verehrtester  herr 
hofrath,  für  Ihren  herzlichen  glückwunsch  meinen  besten 
dank,  theilnahme  thut  wol,  aber  von  Ihnen  wie  von  Ihrem 
herm  bruder  hat  sie  mich  doppelt  gefreut,  möchte  mein 
wirken  in  meinem  neuen  amte'  immer  so  sein,  dasz  Sie  mir 
Ihren  beifall  zu  theil  werden  laszen  können!  —  Die  von 
Weidmanns  ausgegebene  probe  des  deutschen  Wörterbuches 
war  mir  eine  höchst  freudige  erscheinung.  erst  ietzt,  mit 
diesem  werke,  liegt  der  gesammte  nhd.  Sprachschatz  klar 
vor  und  dessen  grösze  und  fülle  wird  in  erstaunen  setzen, 
was  die  anordnung  betrifft,  so  sind  die  artikel,  wie  sich 
auch  nicht  anders  erwarten  liesz,  so  schön  angelegt  und 
aufgebaut,  dasz  wol  niemand  sie  anders  wünschen  möchte, 
und  das,  was  sich  über  die  Entstehung  des  wertes  sa^en 
läszt,  findet  sich  kurz,  aber  ausreichend  gegeben,  dürfte  ich 
mir  eine  bemerkung  erlauben,  so  wäre  sie  über  die  ent- 
faltung  des  aber-  zum  beispiel  in  aberwitz  aus  ahd.  mhd. 
ä-,  welche  mir  bedenklicn  scheint,  sie  stünde  zu  un- 
gewöhnlich da  und  würde  einen  durch^ng  durch  abe- 
als  zerdehnung  des  ä-  voraussetzen,  die  meines  wiszens 
nicht  zu  erweisen  ist,  denn  mhd.  a  b  e-getroc  neben  ä-getroc 
gehört  nicht  hierher,  ich  ziehe  das  gramm.  2,  709 — 710 
gesagte  vor.  den  ältesten  beleg  übrigens  für  aberwitz  finde 
ich  in  dem  vocabular.  predicant.  (Nurenberg  1483)  bl.  f2^ 
wo  „Delirus  homo.  der  da  get  in  die  aberwitz.  pueriliter 
agens.*  ein  aus  Hoffmeisters  nachlese  zu  Schillers  werken 
3,  85  genommenes  xenion,  in  welchem  Göthe  aberwitz  und 
Wahnwitz  scheidet,  habe  ich  in  der  neuen  au&g.  meines 
syn.  wtbchs.  I,  12  angeführt.  -  Dasz  das  ganze,  wie  Sie  in 
Ihrem  lieben  biiefe  bemerken,  eine  mühevolle  arbeit  ist  und 
Sie  bei  derselben  auf  viele  unvorhergesehene  Schwierigkeiten 
stoszen,  die  aufhalten  und  nur  durch  neues  nachsuchen  ül 
den  (quellen  zu  überwinden  sind,  kann  ich  mir  wol  denken, 
ich  bin  sehr  begierig,  wie  Sie  mit  manchen  ausdrücken  bei 
Luther,  Fischart  u.  a.  zu  rande  kommen  werden,  kann  ich 
Ihnen   bei   manchen    artikeln   irgend   beihilfe   aus   meinen 


y  Google  _^ 


332  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  331. 

anfzeichnungen  und  auszü^en  aus  glossarien  und  hss.  oder 
den  Idiotismen  leisten,  so  bitte  ich  über  mich  zu  verfügen ; 
ich  werde  nach  möglichkeit  und  mit  vergnügen  zu  will- 
fahren suchen,  über  der  al  =  ,zwinger  oder  winkel  zwischen 
gebäuden*  und  die  ahne  =  »das  von  flachs  oder  hanf 
Beim  brechen  oder  schwingen  abgefallene  stengelsplitterchen' 
ist  einiges  in  den  Ihnen  mitgetheilten  nuromem  des  ober- 
hess.  intelligenzbl.  v.  i.  1844  (nr.  95)  und  1845  (nr.  6);  doch 
habe  ich  daselbst  neben  der  al  die  noch  in  der  Wetterau 
vorkommende  und  auch  von  Alberus  angeführte  form  der 
aln  in  (Alberus  fabeln  s.  44:  Bisz  er  gieng  ausz  dem  aln 
herfür,  —  Und  macht  sich  vor  der  Geyssen  thür)  unerwfthnt 
gelaszen,  eben  so  bei  ahne,  dasz  man  dieses  wort  auch  in 
einem  theile  der  Wetterau  noch  von  den  stachelsplittem 
der  ähren  gebrauche,  z.  b.  gerstenahn.  das  zeitwort  a n  de  1  n 
.  .  .  eine  stelle  habe  ich  Ihnen,  schon  früher  [Br.  10]  mit- 
getheilt.  ich  nehme  das  wort  hier  von  dem  darreichender 
ziegel  oder  schiefer  an  den  dachdecker,  der  im  decken  be- 
griffen ist.  es  geschah  diesz  darreichen  nämlich  früher  in 
aer  Wetterau  immer  durch  knaben,  die  von  der  erde  bis 
zum  dache  auf  der  leiter  saszen  imd  von  dem  eigenthümer 
eine  besondere  bezahlung  empfiengen.  ist  Ihnen  das  südlich 
in  der  Wetterau  vorkommenae  Smen  =  ätzen  (den jungen 
vögeln  futter  geben),  z.  b.  der  vogel  hat  seine  jungengedmt, 
nicnt  bekannt?  es  kommt  auch  intrans.  von  wunden  vor, 
z.  b.  die  wund'  6mt  =  zieht  eiter  (?),  und  wird  wol  zu  mhd. 
am ,  om  (Benecke-Müller  27.  Schmeller  1,  53)  ^hören.  — 
Sie  fragen  über  willetzknaben ,   willetzkinder  bei  Schmeller 

4,  58.  auch  mir  ist  der  ausdruck  dunkel,  läszt  sich  Schweiz, 
willen  =  wickeln  (Aalder  II,  451)  vergleichen,  so  möchte 
man  wickelkinder  denken,  wenn  diesz  in  das  fastnachtsspiel 
passte.  —  Der  Verleger  meines  synonym,  wörterb.  wünschte 
dasselbe,  das  in  sehr  starker  aufläge  gedruckt  ist  neu  aus- 
zugeben. .  .  .  ich  machte  den  Vorschlag,  eine  anzahl  blätter 
umzudrucken  und  so  nicht  allein  veroeszerungen,  sondern 
auch   einige   neue   artikel   mitzugeben,   was  dem   Verleger 

ganz  genehm   war Sie  werden  es  bereits  in  hänaen 

nahen,  ich  bin  begierig,  ob  Sie  die  ableitung  von  auf- 
wiegeln 8.  127  und  die  zurückführung  von  der  backe  s.  158 
auf  das  bei  Graff  fehlende  ahd.  braccho  billigen  werden, 
dieses  backe  würde  einen  neuen  beleg  zu  gesch.  d.  deutsch, 
spr.  314  geben.  .  .  .* 

Auf  das  gegen  die  Deutung  von  aber  weitend  ge- 
machte Bedenken  bezieht  sich  auch  eine  Stelle  in  einem 
Briefe  v.  L.  Diefenbach  an  W.  v.  27.  6.  1852  (vgl.  Anm.  zu 

5.  388). 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  I  S.  332—333.  333 

S.  332.  mehr  freie  rnhe  ...  einige  lieblings- 
ge genstände  unter  die  band  zu^  nehmen]  vgl.  Anm. 
zu  S.  115. 

ib.  gegen  meines.,  freundes  behandlnng  d. 
Nib.]  vgl.  Anm.  zu  S.  308.  Rede  auf  Lachmann  (Kl.  Sehr. 
I,  145  ff.).  Die  Rec.  d.  gött.  anz.  steht  jetzt  auch  in  Kl. 
Schriften  V,  476  ff. 

S.  333.  Die  v.  Keller  jetzt  gesammelten  fast- 
nachtspiele |.  Aus  den  mir  vorliegenden  8  Briefen  Ad.  v. 
KeUers  an  Weigand  v.  1846-72  ergibt  sich,  dass  Keller  mit 
Grimm  über  diese  Stücke  zuvor  correspondirt  hatte:  Keller 
an  Weigand  Tübingen  3.  Dec.  1851 :  ,J.  Grimm  schreibt  mir 
gestern,  in  X^ieszen  liege  eine  hs.  mit  fastnachtspielen  u. 
macht  mir  hoffnung  Sie  werden  die  ffiie  haben  mir  dazu 
zu   verhelfen.*    (Von   seiner  Arbeit  seien   bereits  20  Bogen 

gedruckt.)  —  Bis   jetzt  ist  nur  ein  Brief  von  J.  Grimm  an 
[eller  aus  dem  J.  1862  bekannt  geworden  (Germania  XIX, 
S.  504  f.). 

S.  333.  Seh  melier  4,  58]-  Bayerisches  Wörterbuch 
4  Bde.  Stuttg.  u.  Tüb.  1827—37.  Es  erschien  1869-78  in 
zweiter  Aufl.  bearbeitet  von  Frommann,  mit  einer  Vorrede 
von  Weigand,  mit  welchem  Schmeller  längere  Zeit  cor- 
respondirte.  Mir  liegen  9  Briefe  Schmellers  an  W.  von 
1841—52  vor,  sowie  ein  handschriftlicher  in  Giessen  1869 
gehaltener  Vortrag  Weigands  über  Schmeller.  .Aus  den 
Briefen  hat  W.  schon  einzelnes  in  der  Vorrede  und  in  seiner 
Besprechung  der  neuen  Aufl.  des  bayr.  Wb.*s  in  Zamckes 
Centralblatt  1869  mitgetheilt  Ich  theile  hier  aus  den- 
selben mit,  was  allgemeineres  Interesse  bean^ruchen  kann : 
2)  München,  1.  9.  1842:  »Mit  toppl  werden  Sie  ganz  recht 
haben.  Der  Grundbegriff  liegt  vielleicht  ebenso  gut  in  dem 
tupfen,  eintupfen  unserer  Volkssprache  als  in  dem 
romanischen  topar,  toper.  Eine  andere  frage  wäre,  ob 
das  eine  u.  welches  aus  dem  andern  entstanden?  Deutsche 
Kriegsknechte  haben  auch  trincar,  trinaueTf  brin- 
disi  u.  dergl.  nach  dem  Süden  gebracht  Bekanntlich 
waren  sie  auch  starke  Liebhaber  des  Toppein  (Spielens 
mjt  Würfeln).  Dagegen  heiszt  am  Westende  Europas  im 
romanischen  Portugal  topa  eine  Art  Kinderspieles  mit 
einem  vierkantigen  Knochen.  Die  ältere  französische 
Sprachformel  tope  et  tingue  ist  augenscheinlich  die 
spanische  [yo]  topo  y  tengo.  Und  so  sind  andre  Haupt- 
kunstwörter der  Spieler  [es,  daus.  auater,  cinq  u. 
dergl.]  romanischen  Ursprungs.  Es  wira  also  keinesfalls 
gefehlt  sejn,  auch  jenes  topp  zunächst  auf  das  spanische 
topo  zurückzuführen,  das  weiland    mit  andern  hoffähigen 


y  Google 


334  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  333. 

Fremdlingen  (wie  tantos.  ayo ,  parte,  gastos,  seerelos) 
sich  eingeschlichen  ha  Den  mag.  —  Anch  ge^en 
Ihre  romanische  Ableitung  von  hunzen,  Degen  n. 
matt  wüszte  ich  für  den  Augenblick  nichts  haltbares  zu 
sagen.  Auffallend  braucht  auch  der  Böhme  sein  hund' 
dwati  unter  anderen  für  verhunzen.  Wenn  erst  aus  dem 
Deutschen,  wainim  hätte  er  für  den  Zischlaut  sein  t  gesetzt  ? 
Oder  [er]  nahm  es  aus  dem  Niederdeutschen  u.  also  schon 
sehr  früh.  —  üngethüm  ist  mir  ein  rechtes  Ungethüm. 
Deutsch  scheint  es  auf  jedem  Fall.  Nach  Analogie  mit 
un-gihiuri  schliesz  ich  auf  ein  gituomi  in  gutem, 
dem  besten  Sinne,  tuomjan ,  ags.  ddmian  ist  judt- 
care,  censere.  Besser  freilich  würde  ein  'dem  alten 
zeman  entsprechendes  Wort  passen  Es  findet  sich  etwa 
mit  der  Zeit  noch  ein  historischer  thatsächlicher  Au^hlus« 
über  dieses  Ungethüm.  Unsere  Nachkommen  müssen  anch 
noch  zu  thun  haben.  Trost  des  faulen,  was  ich  die  eben 
angetretenen  Vakanzwochen  noch  mehr  als  sonst  zu  seyn 
mir  vorgenommen  habe.  Ich  werde  sie  zu  einer  Reisenach 
dem  Lande  unserer  guten  Nachbarn  der  Cechen,  verwenden. 
Bleiben  Sie  nach  wie  vor  gewogen  Ihrem  ergebensten 
J.  A.  Schmeller."  —  3)  9.  9. 1843 ;  ,Von  einer  Erholungsreise  an 
den  Oberrhein  zurückgekommen,  eile  ich  Ihnen  anzugeben, 
was  sich  von  den  Schriften  des  Erasmus  Alberus  auf  unserer 

Bibliothek  befindet Ein  kleines   d.   Handwörterbuch- 

lein  von  der  Art,  die  Sie  andeuten  u.,  bei  Ihrem  Ober  blick 
des  ganzen  in  allen  seinen  Einzelheiten,  vor  Andern  durch- 
zuführen im  Stande  sind,  käme  ohne  Zweifel  einem  wahren 
Bedürfnisz  entgegen.  —  J.  Grimm  ist,  wie  mich  ein  in 
Leipzig  auf  die  Post  gegebener  von  ihm  Ende  Juli's  in 
Berlin  geschriebener  Brief  belehrt,  auf  einer  Reise  nach 
Italien  begriffen,  die  sehr  kurz  seyn  wird ,  da  er  mich  die 
Freude  erwarten  läszt,  ihn  im  October  hier  zu  sehen.  Al- 
lerdings ein  für  die,  Gesundheit  halber  angerathene.  Reise 
sehr  Inirzer  Zeitraum.  Er  spricht  von  einer  neuen  bis  zum 
46.  Bogen  gedruckten  Ausgabe  der  Mythologie ,  und  von 
einer  'Nebenstunden*  betitelten  Sammlung  vermischter 
Abhandlungen,  die  er,  heimgekehrt,  in  die  Welt  schicken 
wolle.  Von  d.  Wb.  nichts*  ....  —  4)  22. 3. 1846:  ,Höchlich 
lobe  ich  Ihren  Gedanken  den  Sinn  für  Forschungen  dieser 
Art  auch  in  den  weniger  gelehrten  Lebenskreisen  dadurch 
anzuregen,  dasz  sie  unter  dem  Gesichtspunkte  einer  prak- 
tischen jedermann  einleuchtenden  orthographischen  Auge* 
leg^enheit  dargestellt  werden.  —  Was  die  romanische  Ab- 
leitung von  Garge,  Gärgehack,  peisen  oder  peischen, 
pfeeschen   betrifft,    so    käme    es   wol    mit    darauf  an,    ob 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  333.  335 

für  lene  Gegenden  Bolche  Formen,  die  sich  im  be- 
nachbartesten Romanischen,  dem  Französischen,  nicht  fin- 
den, in  dem  entfernteren  Spanischen  oder  Italienischen  ge- 
sucht werden  dürfen.  Näher  läge  vielleicht  das  Latein  der 
frühem  Klosterwelt.  —  Bei  garge,  gärgel,  wenn  es  zunächst 
einem  Sacke  gälte,  der,  wie  man  noch  bei  Schacheijuden 
sieht,  vom  Nacken  nach  beiden  Seiten  vorne  herab  hängt, 
habe  ich  an  Kilian's  goreel^  ^oreüua  (hdcium)  gedacht. 
Peisen  ist  dem  nahen  fransOsisch  peaer  ähnlich  genug. 
Über  pfeeschen ,  das  freilich  kaum  deutscher  Abkunft  zu 
seyn  scheint,  föllt  mir  unser  pfuschen ^  einpüsehen  d.  h. 
piachen  bei.  So  möchte  ich  bei  dem  seltsamen  Augen- 
gUff  an  unser  Laffen,  Lauf,  Lofel  (Schale) ,  wozu  sich  das 
^chische  leb  (Himscnale,  Helm)  halten  läszt,  lieber  als  an 
lAppe,  Lefze  denken.  —  Wenn  der  Günter  nicht  etwa 
von  einer  Person  als  Erfinder  oder  erstem  Verbreiter  her- 
stammt, so  ist  freilich  sehr  natürlich  die  Zuflucht  zu  dem 
Solabischen  aus  jdtra  plur.  entstellten  guntra,  vorausgesetzt 
asz  das  hauptsächlicnste  oder  doch  ein  wesentliches  In- 
grediens eben  die  Leber  ist."  —  5)  2L  2. 1847 :  ,Der  Beziehung 
des  räthsel  haften  bäfixr  auf  Baumfuchs  steht  der  einfache 
u.  dennoch  entscheidende  Umstand  entgegen,  dasz  in  jenem 
Falle  nicht  bä  sondern  bd  gehört  werden  müszte.  So  wich- 
tig ist  es,  bei  allen  Untersuchungen  solcher  Art  die  ört- 
lichen Lautverhältnisse  klar  vor  Augen  oder  vielmehr 
vor  Ohren  zu  haben.  Ich  freue  mich  auf  Ihre  Leistungen 
für  die  Wetterau,  von  welchen  Sie  so  ansprechende  Proben 
gegeben.  Auch  auf  die  Bedeutsamkeit  der  jüdischen  Ele- 
mente in  unsem  Volkssprachen  machen  Sie ,  u.  wie  es  am 
wirksamsten,  gleich  durch  die  That,  aufmerksam.  Diese 
Elemente  wol  durch  ganz  Deutschland  dieselben  u.  nur 
örtlich  verschieden  gefärot,  verdienten,  für  einen  eben  so  kun- 
digen eine  eigene  Aufgabe  zu  sejn,  eine  dankbarere  als 
etwa  die  Schatzgräberey  nach  Keltischem.  Vielleicht,  doch 
musz  ich  zweifeln,  wäre  ein  Dr.  Anton  R  ^  e  der  Mann  dazu, 
der  mir  von  Hamburg  aus  eine  Broschüre  von  146  Seiten 
8^:  ,Die  Sprachverhältnisse  der  heutigen  Juden  im  In- 
teresse der  Gegenwart  u.  mit  besonderer  Rücksicht  auf 
Volkserziehung  Hamburg  44,  zugesendet  hat.  Seine  Be- 
sprechung ist  mir  nur  etwas  zu  allgemein  u.  zu  sehr  in 
philosophischen  Höhen  gehalten,  als  dasz  sie  auch  das  ge- 
hörige Vermögen  im  Concreten  sicher  voraussetzen  liesze.  — 
Ihr  Lieh  (um  vom  Semitischen  wieder  auf  unser  unbe- 
zweifelt  altheimiscbes  zu  springen),  nach  der  alten  Form 
Leoh  auf  L6h  zu  beziehen  scheint  mir  etwas  gewagt,  ob- 
schon  solche  Beziehung  durch   Grimmas  fünfte   Ablautreihe 


y  Google 


336  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  333. 

zu  befunden  wäre.  Des  entschiedenen  und  scharfen  dk 
wegen,  würde  ich  lieber  an  eine  Wurzel  lükan  (für  liukna, 
liechen)  denken.*  —  6)  11. 9. 1847 :  ^Verehrter  Freund.  So  ^ 
traue  ich  mir  Sie  anzureden;  denn  dazu  berechtigen  mich 
die  wiederholten  Beweise  freundschaftlicher  Gesinnung*,  die 
in  zweien,  durch  diesen  allzuspät  beantworteten  Briefen 
vor  mir  liegen.  Keine  Floskeln  der  Entschuldigung^  and 
statt  jener  des  Dankes  blos  die  Anzeige,  dasz  Ihre  gütigen 
Mittheilungen  gehörigen  Ortes  eingetragen  sind.  —  Ganz 
erwünscht  ist  mir  die  Stelle  gekommen ,  in  welcher  des 
Laberers  Erwähnung  geschieht ,  obschon  der  gute  Geselle, 
allerdings  so  ziemlich  fertig  zum  Ausfahren,  noch  immer 
in  meinem  Schranke  still  liegt.  .  .  .  Die  Monatsnamen 
Ihres  cod.   878    halte    ich  geradezu  für  böhmisch,  nemlich 

einer  früheren  Zeit Für  diesen  Herbst  lagen    zwei 

Ausflüge  nahe,  einer  nach  Norden,  Lübeck,  wo  wahrschein- 
lich auch  Sie  zu  treffen  seyn  werden,  ein  anderer  nach 
Süden  zu  den  Scienziati  in  Venedig.  Mir  wird  es  so  gut 
nicht,  an  dem  einen  oder  dem  andern  Orte  gegenwärtig 
seyn  zu  können.  Die  Krankheit  eines  Stie&ohns  (Legations- 
rath  Fr.  Auer,  Herausgeber  des  Münchner  Stadtbuchs)  legt 
mir  die  Pflicht  auf.  ihn  nach  Meran  zu  begleiten,  von  des- 
sen Klima  u.  Trauben  die  Aerzte  ihm  Heilung  versprechen, 
Ueberhaupt  hangen,  so  scheint  mir  mehr  als  je,  am  poli- 
tischen Himmel  ringsum  die  Wolken  so  tief  u.  drohend 
nieder,  dasz  man  sich  kaum  irgendwo  so  gut  oder  besser 
als  in  der  Studirstube  des  Lebens  freuen  mag.  Da  ist  ein 
Trost,  zu  dem  ich  schon  oft  u.  viel  roeine  Zimucht  genom- 
men habe.  Dasz  dieser  Ihnen  stäts  nichts  weniger  als  der 
einzige  sey,  wünscht  von  ganzer  Seele  Ihr  ergebenster 
J.A.Schmeller.*  —  7)6.5.1849:  , Verehrter  Freund.  Ihre  wie 
immer  freundliche  u.  gütige  Zuschrift  v.  25.  v.  M.  erinnert 
mich  an  eine  vor  mehr  als  Jahresfrist  empfangene,  für 
welche  gebührend  zu  danken  ich  damals  leider  wenig  in 
Verfassung  war,  so  dasz  sie  beinahe  in  Vergessenheit  ge- 
rathen  ist  Damals  lag  ich,  ein  Lahmer  an  das  RichthoU 
des  Arztes  gefesselt,  zu  Bette ;  heute  dem  Himmel  sey  Dank, 
kann  ich,  ein  Hinkender  zwar,  zu  meinem  Berufstagewerk 
wieder  den  kurzen  Weg  über  die  Strasze  gehen.  Das 
Gasteiner  bad  hat  weniger  als  ich  gehofft  hatte,  geholfen, 
u.  ich  bin  noch  unschlüssig,  ob  ich's  diesen  Sommer  aber- 
mals u.  etwa  mit  dem  Wildbade  im  Schwarzwald  versuchen 
soll.  Dazu  die  Unsicherheit  in  den  öffentlichen  Verhält- 
nisseuy  an  denen  man  als  Deutscher  nicht  umhin  kann  den 
lebhaftesten  Antheil  zu  nehmen,  so  dasz  Einem  von  Zei- 
tungsankunfb  zu  Zeitungsankunft  fortwährend  zu  muthe  ist 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  3.33.  337 

wie  einem  Spieler  um  nicht  viel  Geringeres  als  Hab  n.  Gnt, 
Leib  u.  Leben.  Ans  solcher  Stimmung  kein  wirksameres 
Rettungsmittel  als  Arbeit  —  u.  Arbeit  auch  in  den  Stun- 
den der  Erholung.  —  Zu  dem  tercius  in  mayo  lupus  et 
septimus  anguis  Ihres  Kalenderbruchstücks  vom  vorigen 
Jahre  fallen  mir  manche  ähnliche  die  bösen  oder  verwor- 
fenen Tage  jedes  Monats  aushebende  Verse  früherer  Calen- 
der  bey,  z.  B.  anfangend :  Prima  dies  mensis  et  septima 
truncat  ut  ensis  od.  Prima  dies  Jani  septenaque  daiur  inani 
od.  Prima  dies  Jani  timor  est  et  septima  rani.  —  Ihr  Fried- 
berger  Passionsapiel  erinnert  mich  an  ein  ähnliches  frühe- 
res, das  Sie  aus  I)ocen'8  Miscell.  kennen ,  das  aber  nebst 
einem  Weihnachtsspiel  auch  in  dem  Carmina  hurana  be- 
titelten Bändchen  enthalten  ist  ...  Für  die  jüngsten 
Notizen  zum  b.  Wb.  wie  für  die  früheren  danke  ich  herz- 
lich, trom  (Balken)  lebt  noch  lustig  bei  uns  fort.  Es  ist 
auch  richtig  I.  4H9  vorgetragen.  Desto  willkommener  ist 
mir  die  Aufklärung  über  £'wrr  Ihre  Vermuthung slawischer 
Herkunft  theile  ich  ohne  weiteres.  Zwar  finde  ich  in  sla- 
wischen Wörterbüchern  ein  entsprechendes  materielles  Wort 
nicht ;  aber  als  Grund  desselben  bietet  sich  das  Verb  imati, 
jimati  f  imai  (fassen  ergreifen)  wie  von  selber  an  —  7.  5: 
Ich  habe  gestern  nicht  weiter  geschrieben.  Es  kam 
die  Zeitung,  die  mich  aus  dem  friedlichen  gemüthlichen 
in  einen  ^anz  andern  Gedankenkreis  risz.  Also  nlut  auch  im 
ruhigen  loyalen  Dresden !  0  des  beschränkten  Unterthanen- 
verstandes !  Der  will  nicht  begreifen ,  wie  viel  besser, 
weiter  jener  unbeschränkte  sehe.  Genug.  Nur  soviel : 
wenn  Deutschlands  Schmach  eine  ewige  seyn  soll,  —  wenn 
es.  wie  sich  von  Osten  her  alles  dazu  anläset  —  ein  zweites 
Polen  werden  soll,  man  wird  wissen,  wer  die  Schuld  trägt. 
—  Ich  werde  nächstens  ins  fünfundsechzigste  Lebensjahr 
treten;  aber  ferne  von  mir  der  groszsinnige  Trost:  apres 
moi  dHuge !  Leben  Sie  wohl ,  so  wohl  als  ein  Deutscher 
es  kann  unter  solcher  Folterung  des  armen  Vaterlandes. 
Ihr  J.  A.  Schmeller.*  ~  9)  4.  1.  1852:  „Freund,  weit  freund- 
licher u.  ehrender  scheint  es  mir  einen  Freund  zur  Mit- 
freude als  ihn  zum  Mitleiden  aufzufordern.  Klage  drückt, 
Freude  hebt.  Und  so  danke  ich  Ihnen  wahrlich  nicht 
minder  herzlich  für  den  zweiten  als  für  den  ersten 
Ihrer  Decemberbriefe.  —  In  meinem  Leben  und  Treiben 
hat  sich  in  dem  sonst  nicht  sonderlich  lobenswerthen 
J.  1801  keine  wesentliche  Veränderung  weder  zum 
Bessern  noch  zum  Schlimmem  ergeben.  Vom  Besuch 
emer  Heilquelle  habe  ich  diesmal  Umgang  genom- 
men ;    doch    hab   ich  das  Gefühl ,  im  nächsten,  honentlich 

E.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Grimm.  22 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


338  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  383. 

besseren,  Sommer  sey  abermal  in  den  säuern  Apfel  so 
beiszen.  —  Dr.  Schaum  war  mir  eine  freundliche  Erschei- 
nung. Er  hat  sich  was  Unser  einer  nur  durch  Roatine 
lernt  zum  Gegenstand  eines  speciellen  methodischen 
Studiums  gemacht,  und  sollte  was  er  errungen  nicht  für 
sich  behalten.  Grüszen  Sie  ihn  bestens.  —  Von  Dingen 
die  jetzt  die  Welt  bewegen,  und  worüber  ich  die  Frende  n. 
Hofnung  Vieler  nicht  tneilen  kann ,  sey  unter  uns  keine 
Rede.  ~  Retten  wir  uns  aus  dem  Getümmel  der  Menschen 
u.  Ihrer  Leidenschaften  auf  das  stille  friedliche  Gebiet  der 
V^örter.  —  In  dem  dula  y.  1482  kann  das  u  dialektisch 
bereits  das  sonst  auch  in  o  übergehende  d  vertreten. 
Ob  bacco  aus  hracco  entstanden?  üas  r  von  hr,  dr^  er 
vor  dem  Vocal  ausfalle ,  begreift  sich ,  meine  ich ,  weniger 
leicht,     als    dasz     dies    in    hr ^     wr    geschehen    könnte. 

Deshalb  ist  mir  auch    Grimmas  adogean   aus   adr noch 

zweifelhaft.  Specan  aus  sprecan  möchte  sich  aus  dem 
schweren  sp  erklären.  Grosz  ist  indessen  die  Wahrschein- 
lichkeit für  Ihre  Vermuthung.  Richtig  ersetzen  Sie  [Hanpts- 
Zs.  9,  174]  in  Rosenblut's  Spiegl  im  Bech  das  pleen  Ihrer 
Hs.  durch  p lecken.  In  unserer  Hs.  713  f  54  heiszt  es: 
Sank  für  den  ofen  in  die  aschen  Und  liesz  plecken  ire  rawe 
laschen.  . . .  Ich  finde  es  nun,  in  meinem  67ten  Jahre,  hoch 
an  der  Zeit,  endlich  die  Nachträge  z.  b.  Wrtbch.,  da  beim 
Verleger  etwa  über  eine  zweite  Ausgabe  altum  silentium, 
in  Angriff  zu  nehmen,  nachdem  ich  ein  lange  vorbereitetes 
Vocabular  der  VIT  u.  XIII  Communen,  wenigstens  was  an 
mir  ist,  (einen  Verleger  habe  ich  noch  nicht)  hinter 
mir  habe.* 

Von  der  Correspondenz  J.  Grimmas  mit  Schm.  auf  die 
auch  der  Brief  v.  9.  9.  1843  als  vorhanden  hinweist  ist  bis- 
her nichts  bekannt  geworden. 

S.  333  no.  164].  Vor^ufgehen  W.'s  Br.  15-23:  Br.  15 
V.  28.  4.  [1852]  dankt  für  die  Vorlesung  über  eine  Corveier 
Urkunde:  „Es  ist  auffallend,  dasz  in  der  alten  freien reichs- 
Stadt  Friedberg  die  alten  benennungen  der  häuser  mit  den 
angebrachten  figuren  schon  lange  verschwunden  sind, 
während  sich  wenigstens  jene  zu  Frankfurt  a.  M.  erhalten 
haben,  alle  nachirage  nach  dem  hause  der  Nibelungen 
war  vergeblich  und  auch  prof.  Philipp  Dieffenbach  wüste 
keine  auskunft  zu  geben,  eoen  so  wenig  kommt  von  irgend 
einem  hause  oder  puncte  der  stadt  noch  der  name  ^zudem 
vogelsang*  vor,  der  in  der  nämlichen  Urkunde  erwähnt  ist. 
den  von  Ihnen  erklärten  beinamen  Halbir  nehme  auch  ich 
als  Halbbier,  wie  denn  die  neben  der  mitteldeutschen  form 
*Halbir*    ohne    e    bei     Baur    urk.    nr.    103    vorkommende 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  333.  339 

*Halbeir*  faranz  dafilr  spricht,  diese  nämlich  ist  der  mund- 
art  gemäsz,  welche  beir*  statt  *bier*,  überhaupt  ei  (wie 
äi  lautend)  statt  ie  hat.  Ovenhüson  s.  16  haben  Sie  un- 
erklärt gelaszen.  sollte  hier  ein  ahd.  ovanhüs  zu  gründe 
liegen?  oder  ist  vielmehr  in  Oven  ein  personname  Ovo 
zu  suchen  ?  —  Ich  weisz  nicht,  ob  Sie  für  Ihr  wörterb.  auch 
des  Erasmus  Alberus  'der  barfuser  manche  Eulenspiegel 
vnd  Alcoran  mit  einer  vorrede  D.  Martini  Luth.*  haben 
ausziehen  laszen.  ich  habe  unlängst  die  Wittern berg.  aus- 
gäbe von  1542  benutzt,  in  den  auszügen  aus  Alberus 
wörterb.  th eilte  ich  Ihnen  mit  'Schlarr,  XccQog,  i.  stupidus*, 
und  diesz  auch  Frisch  2,  193^  seltene  und  sonst  unbekannte 
wort  begegnet  wieder  in  jener  barfuser  münche  Eulenspiegel 
nr.  343.  'Ich  (nämlich  Christus)  habe  dich  (näml.  Fran- 
ciscus)  gesetzt  zum  zeichen,  das  sie  (näml.  die  ordensbi-üder) 
dir  sollen  nachfolgten,  wollen  sie  nicht,  so  mögen  sies  lassen, 
leufft  Schlarr  hmweg,  so  kompt  Schlaudrant  an  sein  stat, 
Ich  wil  dir  wol  brüder  verschaffen.'  mit  slarren  =  schlarfen 
(brem.-nieders.  wtbch.  4,  816)  hängt  das  wort  nicht  zu- 
sammen, und  in  der  Wetterau  kommt  es  nicht  vor.  — 
Vogt,  an  den  man  hier  jetzt  kaum  mehr  denkt,  soll  noch 
in  Nizza  sein,  wohin  er  sich  aus  der  Schweiz  begeben  hatte, 
um  den  flüchtlingen  zu  entgehn,  die  von  ihm  unterstützt 
sein  wollten,  die  beste  ernte  aus  dem  jähre  1848  haben 
die  Jesuiten  und  ihre  partei  gemacht,  in  denen  aber  den 
regierungen  ein  noch  viel  schlimmerer  feind  erstehn  wird, 
als  die  demokraten.  selbst  strenge  katholiken,  entschiedene 
anhänger  des  früheren  erzbischofs  von  Cöln,  sind  über  das 
jesuitische  treiben  aufgebracht,  unlängst  waren  in  Wis- 
baden  missionsprediger  und  sollen  dort  einige  mädchen 
katholisch  gemacht  haben,  unsere  katholische  facultät  ist 
auszer  thätigkeit  und  der  bischof  in  Mainz,  den  wir  unserm 
frühem  minister  Jaup  verdanken,  hat  eine  auf  eigene  faust 
an  seinem  sitze  errichtet,  ohne  sich  um  die  regierung  zu 
kümmern,  solche  Vorgänge  müszen  den  freund  des  Vater- 
landes mit  trauer  erfüllen,  und  wir  haben  noch  bei  dem 
gedanken  an  Schleswig-Holstein  zu  trauren.  doch  ich  will 
schweigen,  ich  weisz,  wie  dieser  gedanke  Ihren  schmerz  neu 
aufregt  ..." 

Br.  16  V.  9.  6.  1852  schickt  auf  die  von  den  Brüdern 
im  liter.  Central  bl.  veröffentlichte  Bitte  Beiträge  für  die 
beiden  nächsten  Lieferungen  des  Wb. :  ,Mit  welcher  freude 
ich  die  erste  lieferung  durchgeganfjen  habe,  können  Sie 
Sich  wol  denken,  auf  jeder  seite  gibt  es  für  mich  neues 
zu  lernen,  und  auch  das  sp.  151  nachgewiesene  *abewitze' 
ist   mir   nun   nicht   entgangen,    von    allen   neuem   schrifb- 

22* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


340  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  3:33. 

stellern  scheint  mir  Göthe  am  sorgftiltiprst^n  aus^ezogi^n. 
doch  vermisse  ich  'adlersjüngling*  (2,  77)  und  *abtreiben*  in 
der  Stellung  2.  76.  auszerdem  *adlerfittich*  bei  Bürger,  'adler-- 
schwinge'  bei  Wieland  (Oberon  1,  7),  'abtröseln*  aus  ThümmeL- 
reise  in  die  mittägl.  prov.  v.  Fr.  Ihre  ableitung  von  *aber*ei' 
scheint  mir  aus  dt^m  vocab.  incip.  teut.  ante  Tat.  bestätij^ 
zu  werden,  wo  sich  findet  'Auswürfling,  Arula,  volg^ariter 
abersei  oder  vrpitz.'     aber  was  ist  vrpitz?  .  .  .• 

Br.  17  V.  19.  6.  1852  begleitet  neue  Beiträge  aus  Erasmu» 
Alberus  Ehbüchlein.  , Wüste  ich  nur,  was  Sie  etwa  noch 
durchgelesen  wünschten,  das  mir  zur  band  wäre  !  .  .   .* 

Br.  18  V.  5.  7.  1852:  Neue  Zettel  für's  Wb.  aus  Andrea^ 
Tscherning's  Deutscher  Gedichte -Frühling  (Breslau  1642i. 
aus  Ickelsauier's  Clram.  u.  aus  Dicteria  proverbialia  .  .  .- . 
cum  versione  Germanica  Andreae  Gartneri  Mariae  montani 
1598  Franc|of.  ad  M.],  Bedauern  über  Liebig's  Weggang 
nach  München. 

Br.  19.  V.  18.  8.  1852:     Dank   für  die   Schrift  über  den 
Ursprung  der  Sprache,     wwenn  irgend  ein  Sprachforscher,  so 
waren  Sie  berufen,  Ihre  ansichten  über  den  höchst  schwie- 
rigen gegenständ  auszusprechen,  und  schon  lange  ht»gte  ich 
im  stillen  den  wünsch,  Sie  möchten  diesz  einmal  thun.     für 
mich  war  es  darum    auch  eine  grosze  freude,  dasz  Ihre  ab- 
handlung,   wie   sich  denn  auch  nicht  anders  ei*warten   liesx, 
80    reichen    beifall    fand,     dasz    übrigens   die  spräche  keine 
geoifenbarte  sei,  geht,  wie  Sie  mit  recht  behaupten  ,    schon 
aus  den  alttestamentlichen  Urkunden  hervor  una  1  Mos.  2,  19 
spricht    deutlich    dagegen,     vor   einigen    tagen   sprach    ich 
prof.  Knobel ,  dessen  auslegung  der  genesis  eben  bei  Weid- 
manns   gedruckt    wird,     über    Ihre   schrift.     auch    er   gibt 
Ihnen  vollen  beifall.  —  Ihr  deutsches  wtbch.  schreitet  trotz 
der  überaus   mühsamen  und  schwierigen  arbeit  zur  groszen 
freude    aller ,    die   für   das  Vaterland  und  seine  spräche  ein 
herz    haben ,    rasch   vor ,    und   die  zweite  lieferung  hat  den 
lauten    beifall    für    das   werk   noch  gesteigert,     mich    freut 
sehr,  dasz  es  auch,  wie  ich  aus  erfahrung  weisz,  anregt,  der 
spräche    des    voikes    gröszere  •  aufmerksamkeit   zuzuwenden, 
als    bisher    geschehen,     wie    sich    aber   Wörter   in   alter  be- 
deutun^   noch    unter  dem  volke  erhalten  haben,  davon  bot 
sich    mir   unlängst    abermals   ein  schönes  beispiel.     auf  der 
nicht   weit   von    hier   gelegenen    Kabenaii    nämlich ,    deren 
volksmundart  manches  alterthümliche  bewahrt  hat,  ist  noch 
die  'sänge'    ausdruck    für    den    ährenbüschel ,  wie  er  beim 
ähreniesen    aufgesammelt   wird,    ganz   ahd.    sanga  gemäsz, 
das  Sie  gramm.  2,  3ü  trefl*end    von   goth.   siggvan  ableiten, 
insofern   diesz   ursprünglich   s.   v.  a.    aufsammeln    bedeutet 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  333—335.  341 

hätte,  bayer.  sandeln  =  ähren  lesen  {Schmeller  3,  270)  da- 
gegen kommt  auf  der  Rabenau  nicht  vor.  Schmellers  tod 
hat  mich  tief  betrübt,  seinem  letzten  briefe  [vgl.  oben  S.  337 
no.  9J  nach  vermuthete  ich  den  trefflichen  mann,  dessen  freund- 
licher gewogenheit  ich  mich  erfreuen  durfte,  in  einem  bade, 
und  plötzlich  bringen  die  Zeitungen  die  todesnachricht.  was 
meinen  schmerz  vermehrt,  ist,  dasz  ich  ihn  nicht  von  angesicht 
kannte,  und  vergeblich  habe  ich  mich  schon  früher  nach 
einem  bildnisse  umgethan.  wie  ausnehmend  viel  hat  die 
wiszenschaft  in  ihm  verloren !  der  beabsichtigte  fünfte  band 
seines  bayer.  wtbchs.  würdö  noch  viel  des  vortrefflichen 
gebracht  haben.  .  .  .*• 

Br.  20  V.  18.  8.  1852  an  Wilh.  Gr.  gerichtet,  Einlage  zu 
Er.  19.  W.  dankt  darin  für  die  neuen  Athis- Bruchstücke. 
—  Br.  21  V.  2.  1.  1853:  Glückwunsch  zu  J.  Gr.'s  Geburts- 
tag. —  Br.  22  V.  26.-  4.  1853  begleitet  W.'s  Abhandlung 
über  die  hess.  Ortsnamen.  Berichtigung  der  [II  319j  ge- 
gebnen Deutung  von  Helmannshausen,  welches  aus  Helmirs- 
hüsen  entstellt,  das  seinerseits  wohl  auf  einen  Mannsnamen 
Helm-mär  zurückzuführen  sei,  wie  Germanshausen  auf  Ger- 
märshüsen.  Auch  in  dem  verschwundenen  Dorfe  Huftirs- 
heim  bei  Obermörle  (Arnsb.  ürk.  s.  10  nr.  17.  494,  801) 
stecke  ein  ihm  dunkler  Mannsname.  —  Br.  23  v.  13.  5. 
1853:  Neue  Zettel.  „Die  letzte  lieferung  des  Wörterbuchs 
habe  ich,  wie  Sie  denken  können,  gleich  mit  gros terfreude 
durchgegangen  und  bin  nun.  so  viel  es  mir  die  zeit  ge- 
stattet, mit  dem  einzelnen  beschäftigt,  zu  balzen  fehlt 
Ihnen,  wie  es  scheint,  ein  beleg  aus  der  mhd.  zeit,  das  kloster- 
Engelthaler  salbuch  v.  j.  1340  hat  aus  der  Wetterau  den 
ilurnamen  „ame  hanenbaltzen**.  .  .  .** 

S.  333.  manche  andere  .  .  .  sich  gar  nicht 
rühren.]    vgl.  S.  'SSS. 

S.  334.  foVschung  über  die  Ortsnamen].  Aus 
zwei  Vorträgen  ging  Weigand's  Aufsatz  „über  Oberhessische 
Ortsnamen*  im  Archiv  f.  hess.  Landesgesch.  VIT,  1853,  her- 
vor. Wegen  J.  Gr.'s  ähnlicher  Arbeit  vgl.  Anm.  z.  S.  303. 
S.  334.  dasz  die  ergebnisse  der  indogerm. 
sprachvergl.  zurückstehen  müssen]  vgl.  S.  307. 

S.  335.  iJasypodius]  Dictionarium  Latino  germani- 
cum  et  vice  versa  Germanico  latinum.  Argentorati  1535.  4. 
Ein  exempl.  desselben  hatte  v.  Meusebach  mit  einem  sehr 
launigen  Brief  1826  dem  kleinen  Jacob  Grimm  übersandt 
(vgl.  Briefw.  m.  v.  M.  S.  327  f.).  Auf  D.  basiert:  J.  Serranus 
Dictionarium  latinogermanicum  Norimb.  1539. 

S.  335  no.  165).  Antwort  auf  W.^s  Br.  24  u.  25.  —  Br. 
24  V.  6.  12.  1853:    W.   übersendet   den    Anfang   seiner  Be- 


y  Google 


342  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  335. 

arbeitung  v.  Schmitthenner'a  Wb.     ,So   wie  es  vorlag,    ge- 
nügte  es   nicht ,    es   mußte    gänzlich    umgearbeitet  werden. 
sehr  wird  mich  freuen,  wenn  Sie  u.  Ihr  herr  brader  mit  der 
neuen    abfassung    zufrieden  sind.*     Neue   Zettel    för's  Wb. 
»sp.  1609   besprechen   Sie  'besebeln,  besefeln',  u.  bemerken, 
dasz    beide    Wörter    keinen    hebr.   Ursprung   hätten,      aber 
*baal-8ebur  ist  *deus  stercoris',  also  ^sebhuP  =  *8tercu8'  und 
in   der  Judensprache   hört   man   *8Öibele,   sSiwele'  (also  in« 
deutsche   aufgenommen   'sebeln')  =  *cacare'.  —  Br.  25  vom 
3.  2.  1854:    Neue    Zettel    für's    Wb.,    nebst   Auszügen    ans 
Thümmel   von   stud.   Schwabe,    nach   W.'s   Anleitung    an- 
gefertigt.   Nachricht   vom    Darmstädter  Nibelungen-Bruch- 
stück. —  Auf  no.  166  antwortet  W.'s  Br.  26  v.  10.   4.   1854: 
,Der   recensent   des    Wörterbuches   in   der  Darmstadter 
schubs,    ist  dr.  Karl  Wagner,   professor   am   gymnasium  zu 
Darmstadt  und  seit  neujahr  mitherausgeber  der  Zeitschrift, 
der  mann  meint  es  gut,  sollte  sich  aber  nicht  unterfangen, 
in  einem  fache,  welches  ihm  fremd  ist,  mit  berichtigungen 
hervorzutreten.  .  .  .  Sie  haben  recht,  wenn  Sie  in  ansehung 
solcher   recensenten   sagen,    dasz  es  mit  unserer  deutschen 
Philologie   übel   bestellt  sei.    aber  in  unserem  groszherzog- 
thume   steht   es    damit   an    den  gymnasien  besonders  übeL 
nicht   ein   eiuziges   hat  einen    lehrer,    der  auf  dem  gebiete 
der  deutschen  sprachwiszenschaft  bewandert  wäre,  und  doch 
wird    deutsche    literatur  gelehrt,    unter  den  gymnasiallehr- 
amtscandidaten  dagegen  sieht  es  beszer  aus.    manche  haben 
sich    auch    im  deutschen  schöne  kenntnisse  gesammelt  und 
studieren  fleiszig  fort,    es  macht  mir  diesz  besondere  freude. 
denn    sie    besuchten    alle   bis  auf  einen  meine  Vorlesungen, 
in    diesen   gilt   es   zunächst   auf  den  rechten  weg  zu  leit-en 
und    anzuregen.    Beckers   grammatiken    haben   in  unserem 
lande,    besonders  unter  den  lehrern,  zu  viel  eingewirkt  und 
einem    gründlichen  Studium   geschadet.  —  *Wa8  meine  Um- 
arbeitung des  schmitthennerischen  wtbchs.  betriflft,  so  konnte 
mir   natürlich   nichts   erwünschter   sein,    als   dasz  Sie  Sidi 
offen  darüber  aussprachen,  und  ich  war  auch  fest  überzeugt 
dasz  Sie  diesz  thun  würden,    ich  musz  gestehn,  dasz  ich  auf 
die   herausgäbe   des   buches  nicht  eingegangen  sein  würde, 
hätte    mich  nicht  rücksicht  auf  die  familie  bestimmt,    ich 
musz  es  ja   doch   völlig  neu  herstellen  und  von  dem  alten 
texte    bleiben    kaum    einige    zeilen   stehn.    hätte   ich  nur 
nicht   stets    auf  den   räum  zu  achten  und  könnte  mich  hie 
und  da  mehr  gehn  laszen.  —  Die  redaction  der  Darmstädter 
Schulz,    hat    mich   um    eine   anzeige   Ihrer  geschieh te  der 
deutschen  spräche  angegangen  und  ich  habe  zugesagt,  böte 
sich  mir  auch  nur  recht  bald  die  nöthige  freie  zeit,  meinem 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  l  S.  335-337.  343 

veräprechen  nachzukommen,  sie  ist  mir  durch  meine  stelle 
an  der  realschule  zu  sehr  beschränkt  und  ich  musz  beinahe 
tag  ftlr  tag  bis  tief  in  die  nacht  arbeiten,  ob  ich  das  für 
die  dauer  auszuhalten  vermag,  fragt  sich.  .  / 

S.  336.  Umarbeitung  des  schmitthenn er- 
sehen wb.]  Dieselbe  erschien  1857 — 71  u.  von  neuem 
1872 — 76  und  fand  groszen  Beifall  bei  allen  competenten 
Beurtheilern.  J.  Gr.  hatte  gegen  Seh.  wegen  seiner  Re- 
cension  d.  deutschen  Grammatik  einen  alten  Groll.  (Vgl. 
Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  331  Anm.  z.  S.  331.)  Schon 
1843  hatte  W.  den  Plan  eines  Handwörterbuchs  auf  An- 
regung Diefenbachs  gefaszt  (Vgl.  S.  319).  Über  Schmitt- 
henner  vgl.  noch  W.'s  Br.  10   hier  11  328-9; 

S.  336.  Schwabe  auszüge  aus  ThOmmel  gesandt]. 
J.  Grimm  erwähnte  ihn  in  der  Vorrede  zum  Wörterbuch 
und  liegt  mir  ein  schwungvoller  Brief  F.  L.  Schwabe's  aus 
Göttingen  v.  18.  Juni  1854  an  Weigand  vor,  in  welchem 
er  voll  Freude  darüber  ist. 

S.  337.  Vom  Darmstädter  Nib.  Fragment], 
vgl.  Haupts  Zeitschr.  X.  142—6. 

S.  337  no.  166J.  Voraufgehen  W.'s  Br.  27—31.  —  Br. 
27  V.  13.  8.  1854:  Neue  Zettel.  rDie  beitrage  aus  dem 
fürstlichen  archive  zu  Büdingen  rühren  von  dr.  Crecelius 
her,  einem  jungen  philologen,  der  bis  vor  kurzem  haus- 
lehrer  am  hofe  war.  er  hat  auch  eine  alte  gedruckte  hess. 
fischereiordnung  und  Wilh.  v.  Humboldts  sonette  für  das 
Wörterbuch  ausgezogen  und  mir  die  zettel  übergeben.  Sie 
sind  in  meine  eingeordnet  und  kommen  Ihnen  nach  und 
nach  mit  diesen  zu.  er  hat  genau  und  sorgßlltig  auf- 
gezeichnet, nur  ist  bei  den  sonetten  das  absetzen  der  vers- 
zeilen  unterblieben.  —  Über  Ihre  vorrede  zum  wörterbuche, 
welcher  allerseits  mit  gröszter  Spannung  entgegengesehen 
worden  war,  habe  ich  nun  viele  reden  hören.  Sie  finden 
sich  sämmtlich  in  vollem  masze  befriedigt  und  gestehen 
wie  sehr  sie  dieselbe  angezogen  habe,  aber  ich  wüste  auch 
in  der  that  nicht,  was  treffender  hätte  gesagt  werden  kön- 
nen und  wo  mehr  oder  minder  zu  geben  gewesen  wäre, 
dürfte  ich  mir  jedoch  eine  bemerkung  erlauben,  so  möchte 
es  die  sein,  dasz  mir  sp.  xxvi  der  name  Moritz  nicht  wol 
zu  passen  scheint,  das  Wörterbuch  von  Moritz  nämlich  ist 
kein  deutsches,  sondern  fremdwörterbuch  und  grammatik 
in  alphabetischer  folge  ihrer  üblichen  ausdrücke,  auch 
sagt  ja  Moritz  in  seiner  kurzen  zugleich  die  stelle  der  vor- 
reae  einnehmenden  Zueignung  an  Katharine  H. ,  er  habe 
einen  versuch  in  dem  werke  gemacht,  'die  deutsche  spräche 
von  unnöthigem   fremden   zusatze   zu  säubern   und  sie   in 


y  Google 


344  Anmerkungen  zu  B.  1  S.  337. 

ihrer  ursprünglichen  kraft  und  reinigkeit  aufzustellen.'  da- 
gegen wäre  vielleicht  Voigtel  zu  nennen  gewesen.  Albe- 
rus  Wörterbuch  ist  nirgends  erwähnt,  auch  im  quelleri- 
verzeichniase  nicht,  hier  wäre  auch  später  der  titel  der 
von  mir  ausgezogenen  schrift  wider  Jörg  Witzel  nach- 
zutragen und  ich  lege  ihn  deshalb  hier  bei,  ich  hätte  ihn 
früher  übersandt,  versäumte  diesz  aber,  da  der  erste  band 
anfangs  mit  dem  vollständigen  B  schlieszen  sollte  und  ich 
die  genauen  titel  mit  den  letzten  zetteln  zu  diesen  buch- 
staben  schicken  wollte.  —  Das  älteste  eigentlich  deutsche 
Wörterbuch  (s.  sp.  xx)  ist  der  'vocabularius  theutonicus* 
V.  j.  1482,  ,in  quo  vulgares  dictiones  ordine  alphabetico 
preponuntur  et  latini  termini  ipsas  directe  significantes  se- 
quntur' ,  und  zu  Serranus  wollte  ich  bemerken,  dasz  sein 
Wörterbuch  blosz  lateinisch-deutsches  ist,  dem  kein  deutsch- 
lateinisches  verzeichnisz  folgt,  wie  bei  üasypodius.  Sie 
haben  von  J.  H.  Voss  einen  Frisch  und  einen  Adelung  mit 
beigeschriebenen  Zusätzen  zur  band,  ich  besitze  einen  zwei- 
ten Frisch,  welchen  ich  aus  Vossens  bibliothek  ersteigert 
habe,  er  enthält  zierlich  und  reinlich  beigeschriebene 
stellen  aus  den  Nibelungen,  aus  Luther,  Opitz,  Zinkgreflf, 
Zesen,  Wizel  u.  a.  ich  werde  Ihnen  einzelne  unter  meinen 
zetteln  mittheilen,  vorn  ins  buch  ist  der  name  eingeschrie- 
ben und  *Eutin.  1797.*  —  Wie  ich  sehe,  ist  die  Übersetzung 
des  Horaz  von  Voss  für  das  Wörterbuch  nicht  ausgezogen, 
die  bemerkenswerthesten  Wörter  mit  den  stellen  habe  ich 
mir  vor  26  jähren  in  eine  zu  einem  wörterbuche  angelegte 
Sammlung  eingetragen,  woraus  ich  sie  für  Sie  ausschreiben 
werde,  in  dem  jüngsten  hefte  Ihres  Wörterbuches  fehlt 
aus  dem  Horaz  die  hole ;  'stracks  auf  dem  fusz  hin  Tragen 
in  mächtiger  bole  die  bursch'    ein  gehacktes  vom  kranich.* 

8  a  t.  2,  8,  86 Machen  Sie  in  diesem  jähre  keine  er- 

holungsreise ?  es  wäre  doch  schön»  wenn  Sie  auch  einmal 
unser  Giessen  besuchten  . . ."  -  Br.  28  v.  30. 8. 1854 :  Neue  Zettel. 
„Aber  ein  ausdruck  bei  Serranus  ist  mir  entgangen,  bl.  n  1  b. : 
'limbus,  ein  b  l  e  i  d  e  oder  vmbleg  an  eines  weibs  kleid.* 
Dasypodius  hat  das  wort  bei  limbus  nicht,  wol  aber  *lim- 
bolärius,  ein  biegen  Schneider/  diesz  biege,  bleige.  ver- 
zeichnen auch  Sie  im  wörterbuche,  aber  nicht  bleide  in  der 
hier  in  betrachtung  kommenden  bedeutung.  wie  ist  die 
form  zu  faszen?  vielleicht  liesze  sich  unter  streif,  säum, 
das  wort  nachtragen."  —  Br.  29  v.  25.  9.  1854 :  Neue  Zettel. 
„Unter  den  beifolgenden  ausgezognen  Stellen  finden  Sie 
auch  einige  aus  Sturz  Schriften.  Sie  sind  von  dem  jun^n 
philologen  Schwabe  aufgezeichnet,  der  auf  meinen  antrieb 
jenen  Schriftsteller  für  das  Wörterbuch   auszieht  und  schon 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  :337— 339.  345 

ziemlich  vorgerückt  ist.  was  er  Ihnen  jüngst  mit  einem 
beischludz  von  mir   zugesandt,   werden   Sie  erhalten  haben. 

—  Das  studentische  'balken'  =  hausmagd  scheint  Ihnen 
wtbch  1,  1089  entgangen  zu  sein.  Sollte  dieses  wort  mit 
die  balge  =  situla  zusammenfallen  und  ähnliche  ent- 
stehung,    wie   das    ebenfalls    studentische  'besen'  haben ?^ 

—  Br.  30.  V.  28. 12.  1854.  Zettel  aus  dem  vocab.  teuton  v.  j. 
1482  für  den  Buchstaben  D.  Drängende  Arbeiten  hätten 
die  Arbeit  verzögert  und  selbst  an  den  Feiertagen,  an 
welchen  er  zweimal  zu  predigen  gehabt,  habe  er  die  letzten 
Zettel  nicht  zufügen  können.  Die.  jüngste  Lief,  des  Wb. 
ziehe  um  so  mehr  im,  als  auf  die  cleut.schen  Eigennamen 
gröszere  Rücksicht  genommen  sei.  Dr.  J.  W.  Wolf  zu 
Juerenheim  leide,  wie  er  höre,  an  Gehirnerweichung.  Prof. 
Knobel  habe  .1.  Gr.  vorigen  Herbst  bei  der  Durchreise  durch 
Berlin  aufgesucht,  aber  verfehlt.  —  Br.  31  v.  4.  1.  1855 : 
Glückwünsche,  weitere  Zettel. 

S.  337.  Riegers  vertheidigungl.  Vgl.  Haupts  Zs. 
X  241,  XI  206  u,  sein  Buch :  Zur  Kritik  d.  Nibelungensage 
Giessen  55. 

S.  338.  die  Geten  u.  Gothen  sind  unaufge- 
gebenj  vgl.  die  erst  1866  erschienene  Abb.:  'Über  Jor- 
nandes  u.  die  Geten*  (Kl.  Schriften  UI  171  ff.)  ferner  Mül- 
lenhoffs  Aeusserung  gegen  Weigand  v.  8.  4. 1800  in  d.  Anm. 
zu  S.  359  und  die  auf  diese  Fragen  bezüglichen  Schriften 
bei  V.  Bahder  *die  deutsche  Philol.'  no.  3875  ff. 

S.  338.  Wacker  na  gel].  Die  Correspondenz  der 
Brüder  mit  W.  ist  noch  unveröffentlicht.  Prof.  Jac.  Wa^ker- 
nagel  in  Basel  theilt  mir  mit,  es  sei  die  Absicht  der  Fa- 
milie aus  W.  Wackernagels  Briefwechsel  demnächst  eine 
Publication  zusammenzustellen.  Bekanntlich  hatte  J.  Gr. 
seinerzeit  W.  Wackernagels  Promotion  angeregt  (vgl. 
Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  381).  Von  Briefen  Wackern.'s 
an  Weig.  liegen  mir  5  von  1846 — 62  vor,  doch  werfen  die- 
selben auf  sein  Verhältniss  zu  Grimms  kein  Licht. 

S.  338.  Lachmann]  vgL  S.  333  no.  164,  vgl.  aus 
Jacobs  Brief  an  Lachmann  v.  24./31.  Aug.  1838:  ,es  ist 
schon  dankbar  tu  erkennen,  wenn  Sie  uns  den  auszug  aus 
Lessing  verschaffen  wollen**,  und  aus  Lachmanns  Antwort 
V.  8.  Oct. :  «Von  hier  bekommen  Sie  Excerpte  aus  Lessing, 
Logau  etc  *  (s.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  416,  418). 

S.  339.  no.  167],  Auf  no.  166  u.  167  antwortet  W.'s 
Br.  32  V.  27.  4.  1855 :  W.  dankt  für  die  beiden  Briefe  und 
die  Mittheilung  über  Ickelsamer.  ^Schwabe  hat  auf 
meinen  rath  Sturz,  dann  Rosts  epistel  des  teufeis 
an  Gottsched,  Overbecka  Sammlung  vermischter  gedichte 
und    nun    auch    Göckingks    lieder    zweier    liebenden    (in 


y  Google 


346  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  339—340. 

der     letzten     und     vorletzten     ansfi^be)     ausgezogen,     ein 
anderer    meiner    zuhörer,    stud.    Köster,    Matthissons     ge- 
dichte.      die    auszüge    aus    den     beiden     letzten      Schrif- 
ten werden  in   kurzem   an  Sie   abgehn.    Köstern  hatte  ich 
schon  beim  ausziehen  des  Pyrker  angegeben,  wie  die  zettel 
einzurichten  seien,  und   ihm     die  gröste    genauifi^keit  und 
deutliche  schrift   empfohlen,     beides   hat  er   auch    in    den 
auszügen,  die  er   mir    zeigte,    beobachtet.      Overbeck     und 
Göckingk   habe   ich    gern   an   Schwabe    überlaszen,    dafür 
wende  ich  mich  lieber  den   frühem  werken  zu,    wie  denen 
von  Alber  US ,   von    dessen    schriften   mir   neulich   noch  die 
Widder  die  verfluchte   lehre   der    Carlstadter  in  die  bände 
gefallen  ist,  leider  in  der  späteren  ausgäbe   v.  j.    1594.  — 
Dem  neulich   durch  Holtzmann   herbeigeführten  streit    bin 
ich  mit   interesse   gefolgt.     Holtzmann  trat  nicht   ji^ehörig 
gerüstet  auf  den  kampfplatz  und  seine  neueste  scbrift,  in 
welcher  er  sich  vertheidigt,  macht  die  gegebenen   blöszen 
keineswegs  gut.    wie  sich  aber  sein   buch  über  Germanen 
und  Kelten  oeifall  erwerben  will,  begreife  ich  nicht,      mein 
urtheil,  das  ich  mir  über    dasselbe   gebildet  hatte,  stimmte 
mit  dem  überein,  welches  Sie  in  Ihrem  briefe  aussprechen. 
—  Landaus  buch  über  die  Wetterau  hat  mich  angesprochen : 
doch  vermisse  ich  manches  im  einzelnen. 

S.  340.  IckelsamerJ  Valentin.  Teutsche  Gram- 
matica,  wahrscheinlich  1531  erschienen.  Weigand  hat  sich 
lange  Zeit  mit  diesem  Buche  beschäftigt  und  in  Giessen 
auch  einen  Vortrag  darüber  gehalten,  welcher  nach  seinem 
Tode  von  H.  Fechner  in  seinen:  Vier  seltne  Schriften  des 
sechzehnten  Jahrhunderts  Berlin  1882^  als  Einleitung  ab- 
gedruckt ist,  nach  Pietsch^s  Anzeige  im  Literat.  Bl.  1883 
§p.  212  allerdings  nunmehr  von  den  gleichzeitig  erschiene- 
nen Untersuchungen  v.  Joh.  Müller,  mehrfach  berichtig^ 
wird.  Weigand  sagt  am  9.  4.  1872  gegen  Kehrein  darüber 
folgendes :  ,Ueber  L  habe  ich  eine  besondere  Studie  ge- 
macht und,  was  ich  erforscht,  zum  drucke  niedergeschrieben, 
die  für  eine  Zeitschrift  [Germania,  vgl.  W.'sBr.  7a  an  J.  Gr.J 
versprochene  abhandlung  aber  bis  jetzt  zurückgehalten,  weil 
ich  noch  manches  zufügen  wollte,  wozu  mir  bis  jetzt  die  zeit 
fehlte,  mit  Jacob  Grimm  sprach  ich  sehr  viel  darüber,  und 
was  er  in  seinem  Wörterbuch  von  ihm  und  über  ihn 
bringt,  ist  von  mir.  seine  Zustimmung  zu  den  ergebnissen 
meiner  forschung   hatte  mich  sehr  gefreut.* 

S.  340  no.  168].  Voraufgehen  W.'s  Br.  33—37.  —  Er. 
33  V.  17.  11.  1855.  Der  Dank  für  die  Abhandlung  über  die 
Marcellischen  Formeln  erfolge  erst  so  spät,  da  zu  seinen 
sonstigen  Arbeiten  nun  auch  die  Direction  der  Realschule  ge- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  1  S.  340.  347 

kommen  sei.  »Wenn  man  nur  auch  immer  bei  den  be- 
hörden  in  Darmstadt  die  anerkennung  fände,  die  man  nach 
seiner  stillen  Überzeugung  erwarten  durfte !  ich  kann  mich 
dessen  gerade  nicht  rühmen;  woi  aber  hat  die  Universität 
immer  für  mich  gethan,  was  sie  zu  thun  vermochte,  und 
zwar  mit  gröster  bereitwill igkeit.  eine  Stellung  indessen 
hier  zu  lanae  zu  erringen,  in  welcher  ich  vorzugsweise  oder 
ganz  meinen  Studien  mich  hingeben  könnte ,  wollte  bis 
jetzt  nicht  ^elin^en ,  und  können  Sie  glauben,  dasz,  nach- 
dem die  Universität  vor  beinahe  einem  jähre  einen  gehalt 
für  mich  als  professor  an  ihr  in  Darmstadt  beantragt  hat 
(bisher  bin  ich  blosz  als  lehrer  an  der  realschule  besoldet), 
das  ministerium  daselbst  bis  heute  in  tiefem  schweigen 
verharrt  und  unlängst  bei  ertheilunpf  von  Zulagen  mich 
übergieng.  doch  ich  will  Sie  nicht  mit  solchen  dingen  be- 
helligen, und  die  worte  entschlüpften  mir  auch  nur  in  dem 
gedanken  an  Ihre  freundliche  theilnahme  und  Ihr  wohl- 
wollen. .  .  .  Für  Ihr  Wörterbuch,  von  welchem  mich  jede 
weitere  lieferung  mit  neuer  freude  erfüllt,  habe  ich  trotz 
meinen  arbeiten  thätig  zu  sein  fortgefahren  und  jüngst 
noch  in  abendstunden  Keisersbergs  predigten  über  Maria 
hiramelfahrt  und  Adam  Rysens  altoerühmtes  rechenbuch 
ausgezogen,  von  ersteren  hatte  ich  die  ausgäbe  Strasz- 
hvLTff  1512,  von  letzterem  die  1544  zu  Frankfurt  a.  M.  bei 
Christian  Egenolph  erschienene,  zu  meinem  schrecken  sah 
ich  nach  Vollendung  des  ausziehens ,  dasz  jene  predigten 
schon  im  Wörterbuch  citiertsind.  doch  wird  meine  arbeit 
wol  nicht  vergeblich  sein  und  an  Sorgfalt  wie  an  umfang 
die  bereits  in  Ihren  bänden  befindlichen  auszüge  überbieten 
bei  bocherei  2,200  z.  b.  ist  das  buch  angezogen,  aber  Keiser 
berg  schrieb  böchery.*— Br.  34  v.  6. 12.  >Jeue  Zettel. --Bra5  v. 
19.  12:  W.  empfiehlt  Dr.  Zöckler  aus  Solms-Laubach  an 
J.  Gr.  —  Br.  36  v.  3.  1.  1856  Glückwunsch  zu  J.'s  Geburts- 
tag u.  neue  Zettel.  —  Br.  37  v.  29.  5.  1856:  Neue  Zettel  u. 
die  Lieferung  seines  Wbs.,  dessen  erster  Bd.  in  der  nächsten 
Lieferung  abgeschlossen  werden  solle.  Kr  bittet  das  Wb. 
den  Brüdern  u.  W.  Wackemagel  widmen  zu  dürfen.  —  Auf 
no.  168  erwidert  W.'s  Br.  38-40.  —  Br.  38  v.  9.  10.  1856: 
W.  bittet  die  lange  Verschiebung  des  versprochnen  Briefes 
zu  entschuldigen ,  spricht  sich  sehr  erfreut  über  die  Ab- 
handl.  *über  den  Personenwechsel'  aus,  theilt  mit  was  er 
von  Ph.  DieflFenbach  über  die  Schulanrede  'wir'  erkundet 
(vgl.  Anm.  zu  S.  370  Br.  v.  14.  7.  1856),  stellt  etwaige  Auf- 
zeichnungen zu  den  Märchen,  deren  3.  Bd.  von  W.  Gr.  so 
vollständig  ausgestattet  sei,  für  diesen  in  Aussicht  und 
schickt  neue  Zettel  fürs  Wb. :    .unter  die  noch  hier  befind- 


y  Google 


348  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  340. 

liehen  hat  dr.  Crecelius  einige    gethan ,   auch    drei   bächer- 
titel  zur  besorgung  an  Sie  dagelaszcn ,    titel   von   Schriften, 
die  er  für  daa  Wörterbuch  ausgezogen  hat  und  auszieht.    — 
Die    aufzeichnungen    aus    Keisersbergs    postill    (Straszbarg" 
1522)    werden  Ihnen,    wie  ich  hotte,    willkommen   sein.  — 
die  aufzeichnungen  bei  Krisch  sind  wie  die  aus  dem  Nürn- 
berger   vocabular.    teuton.    v.  j.    1482   nicht  immer  zuvei> 
lässig,  auch  hat  Frisch  eine  andere,   jedenfalls  spätere  aus- 
gäbe der  postille  gehabt.     Dann    habe  ich  aus  der  gewöhn- 
lichen Umgangssprache   manche   Wörter   aufgezeichnet ,    die 
in  den  bisherigen  Wörterbüchern   fehlen,    und    werde  diese 
aufzeichnungen  fortsetzen,      aus    der   Übersetzung   der   Ver- 
wandlungen nach  Ovid  von  Voss  hat  Ihr  herr  bruder  schon 
Zettel  erhalten,     sie   bietet  sonst  nicht  leicht  vorkommende 
ausdrücke,  namentlich    seltnere    mit  ge-   zusammengesetzte 
hauptwörter.    —    Dr.    Crecelius    erfreute    mich    mit   einem 
grusze  von    Ihnen,     er    wird    in    preuszischen    Staatsdienst 
treten    und   dieser   gewinnt   an   ihm   einen    sehr    tüchtigen 
mann.  —    In   der   ausarbeitung    meines   Wörterbuches  stehe 
ich  im  M,    das  L  ist   glücklich    beendigt,    bot   aber   auch 
manche  Wörter,  die  sorge  und  mühe  machten,  z.  b.  'losung** 
=  feldgeschrei,  das  zuerst  bei  Luther,  Dasypodius  und  8er- 
ranus  vorkommt.    —    Philipp    Diefenbach   trägt    mir   einen 
grusz  an  Sie  auf.* 

Br.  39  V.  3.  1.  ia57 :  Glückwunsch  zu  J.'s  Geburtstag. 
Die  5.  Lieferung  seines  Wbs.  sei  leider  noch  nicht  fertig. 
«Bei  dem  niederschreiben  sehe  ich  oft  auf  Ihr  bild  über 
meinem  schreibpulte  und  denke,  ob  und  wie  Sie  mit  meiner 
arbeit  zufrieden  sein  möchten  und  ob  einzelnes  neue  Ihre 
billigung  erhalten  werde.  —  ich  stehe  eben  im  M,  an  markt, 
bei  ab-  und  ausmergeln  haben  Sie  die  ganz  richtige 
ableitung,  und  meine  von  mergel,  die  auch  Schmeller 
hat,  beruht  auf  irriger  ansieht,  die  Ihrige  wird  schön  be- 
kräftigt durch  'adv.  Medullitas  [verdruckt  statt  medullitus] 
gantz  von  marck  vszgemergelt.  Medulliter  idem'  im  vo- 
cabular. gemmagemmarum  (Straszburg  1505)  bl.  p3c. 
woher  das  k  in  mark?  doch  wol  aus  der  ausspräche  in 
mitteldeutschland ,  wie  denn  auch  der  Wetterauer  bßrk, 
w6k,  st6k  u.  8.  w.  für  berg,  weg,  steg  u.  s.  f  spricht,  merk- 
würdiger weise  hat  der  voc.  theut.  v.  j.  1482  bl.  t6a 
*mack  mit  ausgestoszenem  r:  'mack  in  den  knochen  oder 
gepain,  meduUa"  u.  s.  w.  und  *mack  in  der  federn,  ylus*.* 
—  Br.  40  V.  27.  6.  1857:  ,Sie  haben,  verehrtester  herr  hof- 
rath,  mit  Ihrem  herrn  bruder  mir  freundlichst  gestattet, 
Ihnen  beiden  mein  Wörterbuch  widmen  zu  dürfen,  von 
welchem  ich  nun  den  ersten  band  übersenden  kann,    nehmen 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  340—343.  349 

Sie  beide  das  buch  als  ein  kleines  zeichen  der  herzlichsten 
Verehrung  und  liebe  gütig  auf.  ich  darf  wol  sagen  dasz 
ich  bei  jeder  zeile  an  Sie  und  Ihren  herm  bruder  gedacht 
habe,  und  meine  gröste  freude  wird  sein,  wenn  Sie  die 
arbeit  Ihres  beifalles  würdig  halten.  —  Zugleich  lege  ich 
die  fünfte  lieferung  bei,  welche  auszer  zweien  zum  ersten 
bände  gehörigen  bogen  bereits  acht  des  zweiten  enthalt, 
auszerdem  empfangf^n  Sie  noch  eine  anzahl  zettel  zum  D. 
—  Ich  hatte  die  absieht,  im  juli  nach  Berlin  zu  kommen, 
um  die  bibliothek  zu  benutzen,  und  meine  tochter  dahin 
mitzunehmen,  ich  fürchtete  aber,  Sie  und  Ihren  herm 
bruder  um  diese  zeit,  die  badezeit,  wol  nicht  zu  treffen,  und 
ich  will  doch  nicht  in  Berlin  sein,  wenn  Sie  beide  abwesend 
sind,  dazu  kommt,  dasz  durch  eine  länger  andauernde  reise 
meine  Vorlesungen  und  auch  meine  Unterrichtsstunden  an 
der  realschule  zu  sehr  unterbrochen  werden  würden,  ich 
habe  deshalb  meine  reise  nach  Berlin  bis  zur  mitte  des 
Septembers  verschoben,  zu  welcher  zeit  die  universitäts- 
ferien  eingetreten  sind  und  die  sclmle  ihre  ferien  beginnt. 
Sie  und  Ihr  herr  bruder  sind  doch  in  dieser  zeit  anwese«ü  V  . .  • 

S.  341.  abhandl.  über  , Personenwechsel*]  ab- 
gedr.  Kl.  Sehr.  III,  236  ff. 

S.  341  no.  169|  nicht  im  Aj)ril,  sondern  im  Anfang  Juli 
ist  dieser  Brief  geschrieben ,  wie  W.'s  Br.  40  ergiebt.  Auf 
ihn  erwidert  W.'s  Br.  41  v.  31.  7.  1857:  Dank  für  neue  Auf- 
lage der  Märchen  u.  freundl.  Aufnahme  seines  Wörterbuchs. 
Freut  sich  auf  baldiges  Wiedersehen  J.'s  und  die  persönl. 
Bekanntschaft  Wilhelms.  Ladet  die  Nichte  Gustchen  nach 
Giessen  ein.  »-S.  510  in  meinem  wörterbuche  *hoch  tütsch' 
ist  aus  Tschudis  Rhetia  (Wackernagels  lesebuch  3.  thl.  1.  bd. 
sp.  385),  'hochteutisch*  aber  aus  Sastrow  1,  65.  zwei  stellen 
aus  Helbers  sylbenbüchlein  lege  ich  in  abschrift  an.  die 
eine  hatte  ich  früher  schon  Wilhelm  Wackemagel  mit- 
getheilt,  der  sie  auch  in  seiner  geschichte  der  deutschen 
literatur  s.  373  in  einer  anmerkung  abdrucken  liesz.  sollte 
ich  weitere  belege  aus  dem  16.  jahrh.  oder  aus  noch  früherer 
zeit  auffinden,  so  schicke  ich  dieselben  ihnen  gleich  zu.  — 
Ihren  auf  trag  an  prof.  Klein  habe  ich  gleich  besorgt." 

S.  343.  Prof.  Klein  .  .  .  mit  seinem  werk  über 
Groszen linden]  Joh.  Val.  Klein.  Die  Kirche  zu  Grossen- 
Linden,  bei  Giessen  in  Oberhessen.  Versuch  einer  histor.- 
symbol.  Ausdeutung  der  Bauformen  u.  ihrer  Portal-Reliefs. 
Giessen  1857. 

ib.  Raszmann  mein  landsmann]  lebte  damals 
als  Bibliotheksbeamter  in  Marburg,  wurde  später  Pfarrer; 
von   ihm  rühren   die  umfangreichen  Artikel  über  J.  u.  W. 


y  Google 


350  Anmerkunflfen  zu  B.  I  S.  343—352. 

Gr.  in  Ersch  u.  Gruber's  Encyclojpädie  her.  In  der  Griniin- 
Correspondenz  befinden  sich  5  Briefe  R.'s  ans  den  Jahren 
1856-9.  Die  letzten  3  beziehen  sich  auf  R.'s  ver^bliche 
Nachforschungen  nach  dem  vollständipren  Hildebrandsliede 
in  Fulda,  wo  sich  dasselbe  nach  der  offenbar  irrigen  An- 
gabe eines  Militärgefangenen  v.  Lossberg^  der  später  -wahn- 
sinnig  wurde  und  auf  dem  Transport  nach  Haina  starb,  in 
einfer  Pergamentrolle  nebst  anderen  wichtigen  altdeutschen 
Hss.  erhalten  haben  sollte.  Vgl.  über  diese'  Hs.  einen 
Aufsatz  von  Dr.  Grosz  in  der  Zeitschr.  d.  Vereins  f.  bess. 
Gesch.    N.  F.     Bd.  VIII  (1879)  S.  148  ff. 

S.  344  no.  170]  Voraus  geht  W.'s  Br.  42  an  J.  Gr.  v. 
25.  11.  1857:  Viele  Arbeit  habe  ihn  am  Schreiben  u.  Zettel- 
schicken gehindert.  Er  u.  seine  Tochter  dächten  oft  nach 
Berlin  zurück.  Beschreibung  der  Rückreise  über  Weimar, 
Eisenach,  Cassel.  Ueber  Wendungen,  wie  die  [S.  344J  an- 
gegebenen,  gäben  seine  Aufzeichnungen  keinen  Aufschlosa. 

S.  346  no.  171]  beantwortet  durch  W.'s  Br.  43  v.  25.  4. 
1858 :  Ph.  Dieffenbachs  Mittheilung,  von  der  er  im  jüngsten 
Brief  gemeldet  hätte,  in  Darmstadt  sei  ein  Verzeichniss  der 
im  Druck  des  cod.  Lauresh.  falsch  wiedergegebnen  Namen 
nebst  der  richtigen  Lesung  der  Hs.,  sei  irrig.  Er  habe 
F.  Roth  in  Frankfurt  besucht. 

S.  346.  Dorenlar  in  pago  Erdehe]  vgl.  dazu  die 
Aeusserung  von  Phil.  Dieffenbach  an  Weigand  v.  1.  4.  1858 
(in  Anm.  zu  S.  370). 

ib.  Förstemann  vermutet]  im  Altdeutschen 
Namenbuch  II,  Ortsnamen  56-9. 

S.  351.  Vermählung  d.  königin  von  Portugall] 
Stephanie,  die  Tochter  des  Fürsten  Karl  Anton  von  Hohen- 
zoUern-Sigmaringen  heiratete  im  Mai  1858  den  jungen 
König  Pedro  V,  sie  starb  bereits  1  Jahr  darauf. 

S.352no.  174]  Voraus  gehen  W.'s  Br.  44  u.  45.  —  Br.44 
V.  29.  6.  1858:  W.  überschickt  ein  für  J.  Gr.  erworbenes 
Exemplar  v.  Gottscheds  Deutscher  Gramm.  —  Br.  45  vom 
27.  9.  1858:  J.  Gr.  u.  seine  Nichte,  welche  in  Giessen  vor- 
gesprochen hatten,  würden  nun  wohl  zu  Hause  angekommen 
sein,  demnächst  erhoffe  er  und  die  Seinen  längeren  Besuch. 
Einige  Zettel  fürs  Wb.  lägen  bei.  Dr.  Crecelius  werde 
Körners  Werke  ausziehen.  —  Auf  no.  174  antwortet  W.'s 
Br.  46  V.  24.  12.  1858:  Dank  für  die  übersandten  Bücher. 
Neue  Zettel.  Er  habe  schon  bisher  einigermaszen  auf 
Schriften  wie  die  von  Gr.  bezeichneten  Bedacht  genommen 
,und  bei  mehreren  erwerbungen  für  mich  wie  auch  für  die 
hiesige  Universitätsbibliothek  hatte  ich  das  ausziehen  für 
das  Wörterbuch  im  äuge,    ein  Schriftsteller,  der  sonst  nicht 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  352.  351 

leicht  vorkommende  ausdrücke  aus  dem  Volksleben  bietet 
ond  ausgezogen  zu  werden  verdiente,  ist  Schmidt  von 
Werneucnen,  aber  ich  habe  bisher  weder  seiner  Gedicht- 
sammlungen noch  der  von  ihm  herausgegebenen  almaiiache 
habhaft  werden  können.  —  Über  die  in  neuester  zeit  er- 
scheinenden deutschen  Wörterbücher  wird  Crecelius  eine 
recension  in  Jahns  Jahrbüchern  liefern,  was  läszt  sich  aber 
dazu  sagen,  wenn  solche  kenntnislose  schreier,  wie  Wurm 
und  Sanders,  die  da,  wo  sie  tiefer  liegendes  zu  tage  zu 
fördern  genöthigt  sind,  nur  armuthszeugnisse  bringen, 
lobende  oder  doch  billigende  worte  in  manchen  Organen 
der  tagespresse  finden  konnten,  ich  habe  schon  manchmal 
im  stillen  gedacht,  ob  hier  feilheit  der  presse  zu  gründe 
liegt  oder  unverzeihliche  unwiszenheit  und  leichtsinn  mit 
anmaszung  im  bunde.  wer  möchte  wol  eine  schlechtere 
arbeit  liefern,  als  das  nun  begonnene  deutsche  Wörterbuch 
von  Wurm,  der  sich  rühmt,  Schmellers  nachlasz  benutzt  zu 
haben,  ohne  doch  nur  entfernt  die  einsieht  zu  besitzen,  ihn 
benutzen  zu  können.  Sanders  aber  wird,  nach  seinem  pro- 
^amm  zu  urtheilen,  schwerlich  beszeres  bringen  pnd  kehrt 
in  seiner  Ordnung  der  zusammengesetzten  Wörter  in  die  zeit 
vor  Frisch  zurück,  von  beiden  spinnen  ist  mir.  die  letzte 
die  widerlichste,  mit  einem  katholisch-deutschen  wörter- 
buche  dürfte  es  vor  der  band  nichts  werden,  denn  wo  wäre 
der  katholische  gelehrte,  der  es  ausarbeiten  sollte,  etwa 
Kehrein,  mit  dem  die  katholiken  hie  und  da  grosz  thun? 
da  müste  erst  ein  werk  vorliegen,  an  das  er  sich  anlehnen 
und  woraus  er  in  den  schwierigen  partien  ausschreiben 
könnte,  es  ist  in  der  that  eine  betrübende  erscheinung  bei 
unserem  volke  daaz  neben  Ihrem  und  Ihres  herrn  bruders 
werke  noch  solche  bücher  aufzutauchen  vermögen  wie  die 
von  Wurm  und  Sanders.  —  Osann  war  nur  wenige  tage 
krank.  .  .  sein  tod  hat  mich  sehr  geschmerzt,  obgleich  ihm 
die  deutschen  Studien  fremd  waren,  so  nahm  er  doch  leb- 
haften antheil.  ...  oft  sprach  er  den  Wunsch  aus  dasz  ich 
ganz  der  Universität  angehören  möchte.  .  .  .  Haben  Sie  die 
gute  den  hier  eingelegten  brief  an  Ihre  frau  Schwägerin  zu 
geben,  an  welche  auch  das  in  demselben  angemeldete  päck- 
chen  geschälten  kummers  adressiert  ist ,  worin  zugleich 
schon  lange  bereit  liegende  Zettel  zum  E.  .  .* 

S.  352.  sieben  deutsche  Wörterbücher]  vgl. 
S.  314.  Es  sind:  1)  W.  Hoffmann,  Vollst.  Wb.  d.  deutsch. 
Spr.  1-6  Bd.  Leipz.  59  61  (vgl.  dazu  1. 380).  2)  Deutsches 
Wb.  V.  J.  u.  W.  Grimm,  nach  Weigands  Tod  fortgesetzt  v. 
M.  Heyne,  Hildebrand  und  Lexer  (abfällig  kritisirt  von  D. 
Sanders,  Hamb.  1852-3.  2  Hfte.  u.  Wurm,  München  1852-3, 


y  Google 


352  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  352—354. 

sonst  noch  von  R.  Raumer  in  d.  Zs  f.  öater.  Gymn.  1858,  wieder 
abgedr.  in  seinen  gesammelten  sprachw.  Schriften  S- 381 -62 
[vgl.I  349]  und  von  einem  Karl  Wagner  [vgl.  1  336,11  342!  :^i 
DeutschesWb.  von  Weigand.  2  Bde.Giessen  1857  —  71,  neoeAufi- 
1872-76  (vgl.  S.  342).  4)  J.  Gfr.  L.  Kosegart^n ,  Wb.  der 
niederdeutschen  Sprache.  Lief.  1 — 3.  Greiiswald  1855 — 60. 
5)  Mittelhd.  Wb.  v.  Benecke,  W.  Müller  u.  Zarncke.  3  Bde. 
Leipzig  1854—68.  6)  Ch.  F.  L.  Wurm,  Wb.  der  deutschen 
Sprache.  Bd.  L  Freiburg  i/B.  1858-59  (angez.  v.  Weigand 
in    Zarnckes    Centralblatt    1860    u.    nicht    fortgesetzt,    vgl. 

1  :355,    371).     7)  Dan.  Sanders,    Wb.   d.  deutschen  Sprache. 

2  Bde.  Leipz.  18-59-65  (angez.  v.  Weigand,  ib.  1861,  vgL 
1  355,  357,  372).  Das  achti^,  dessen  I  314  gedacht  wird, 
ist  W.  V.  Gutzeit's  Wörterschatz  d.  deutschen  Sprache  Lir- 
lands.     Riga  1859  ff.  (vgl.  1  355). 

S.  353.     keine    coraödie    aus    dieser    Zeit    etc] 
Vgl.    hierzu   folgende    Stelle    aus    einem    undatirten    Brief- 
Entwurf  Weigand's  an  S.  Hirzel    [aus  dem  Jahre  1861,   vgl, 
Weigand's  Br.  69  in  Anm.  zu  S.  372],  welcher  ihm  die  vier 
Bücher  von  H.  L.  Wagner  übersandt  hatte  :  „  . . .  besonders 
verzögerte  meinen  brief,  dasz  ich  mich  beeilte,  Jacob  Grimm 
aus  jenen  wagnerschen  Schriften  und  andern,   die  ich  nicht 
früher  zur  band  bekommen  konnte,  für  die  nächste  lieferung 
des    Wörterbuches,    deren   druck    nach   Ihrer   gütigen    mit- 
theilung   zu   anfange  des  mais  beginnen  sollte,  stellen  mit- 
zutheilen.    ich    bin    eben    noch   im  ausziehen  begriffen  und 
sobald  ich  mit  den  Schriften  fertig  bin,  sende  ich  sie  Ihnen 
mit    dem   besten   danke   zurück,     auch  in  anderer  hinsieht, 
als  der  sprachlichen,  waren  mir  die  wagnerschen  stücke  von 
hohem  interesse.     die    reue    nach  der  that  ist  ein  Vorläufer 
von  Schillers  cabale  und  liebe.    Evchen  Humbrecht  ist  gegen 
die    kindermörderin   um    den    ersten   act   verkürzt  und  der 
ausgang  des  stücks  wesentlich  verändert,     auf  dem  Macbeth 
beruht  wirklich  der  schillersche  und  in  die  hexenscenen  ist 
volksmäsziges    eingefloszen.      die    frohe    frau    wird    durch 
Klingers    erklärung   in    den    beigebundenen   nummern  der 
Frankfiirter   gelehrten    anzeigen   erst  recht  interessant  und 
die  dialoge  sind  vortrefflich,    auch  in  ihnen  zeigt  sich  die 
Verehrung  Göthes,  die  man  bei  Wagner  kennt,    die  confis- 
cablen    erzählungen   sind   originell  und  laszen  die  ^eniezeit 
durchblicken,     in   allem    erscheint   Wagner   von   nicht  ge- 
ringer'  begabung  und    hätte   schon    darum   mehr  beachtet 
werden  sollen,  weil  er  dem  freundeskreise  des  jungen  Gotha 
angehörte." 

S.  354.  Osann's  früher  tod]  Fr.  Gotth.O.,  geb.  1794 
in  Weimar,  war  seit  1825  Prof.  der  alten  Philologie  ü.  Dir. 
d.    philol.    Seminars   in  Giessen.    Er  starb  am  30.  11.  1858. 


y  Google 


Anmerkungen  lu  B.  I  S.  354—358.  353 

8.  354.  die t.  h  ist.  de  la  1.  fr.]  das  Werk  ist  nicht  fort- 
gesetzt, an  seine  Stelle  ist  das  Dict.  hist.  de  langne  fr.  von 
E.  Littrd  getreten. 

S.  354  no.  175]  Antwort  anf  W.'s  Br.  47  v.  2.  1.  1859: 
Glückwunsch  zu  J.  Gr.'s  Geburtstag.  In  der  sechsten  Liefe- 
rung seines  eigenen  Wbs.  habe  er  in  dem  Worte  *die  dürft'  das 
ursprüngliche  part.  praet.  Ton  dürfen  gesehen,  wo  er  glaube, 
dass  J.  Gr.  ihm  Recht  eehe.  Dieses  Wort  würde  also  zu 
*  macht,  schuld,  kunst  u.  list'  Gramm.  4.  255  zu  setzen  sein. 
—  Auf  no.  175  erwidert  W.'s  Br.  48  v.  13.  2.  1^59:  Dank 
für  die  neue  Büchersendung,  Freude  über  die  erste  Lieferung 
von  E.  Zusätze  werde  er  später  schicken,  anbei  folge  eine 
neue  Lief,  seines  Wb.  u.  2  Päckchen  Zettel.  Abmlliges 
ürtheil  über  Lief.  1  von  Sanders  Wb.,  ebenso  über  Wurm, 
den  sogar  die  Heidelb.  Jahrb.  im  Decemberheft  lobend  re- 
censirt  hätten.    Gutzeit's  Wb.  kenne  er  noch  nicht. 

S.  855  , Kummer**  oder  ,dinkel-j  vgl.  Vilmar's 
Idiotikon  v.  Eurhessen. 

ib.  wb.  V.  Gutzeit]  vgl.  Anm.  z.  S.  352. 
S.  358.  no.  177).  Darauf  antwortet  W.*s  Br.  49  u.  50. 
Br.  49  V.  15.  4.  1859  lautet:  „Über  das  adv.  enke,  lieber 
Verehrtester  herr  hofrath,  eile  ich  Ihnen  mitzuth eilen,  was 
ich  weisz  und  nach  emi)fang  Ihrer  lieben  zeilen  noch  er- 
kundet habe,  das  wort  ist  allerdings  auch  oberhessisch,  in 
unserm  hessen-darmstädtischen  Oberhessen  ist  es  ganz  ge- 
läufig in  der  gegend  von  Gladenbach  und  Biedenkopf,  aber 
auch  auf  der  unfern  Gieszen  nach  Homberg  an  der  Ohm 
zu  liegenden  Rabenau ,  weiter  in  der  fegend  dieses  Hom- 
berg selbst  und  in  der  von  Alsfeld.  Sicher  wird  man  es 
also  ebensowol  in  den  zwischen  Biedenkopf  oder  Gladen- 
bach u.  Homberg  gelegenen  kurhess.  Oberh^ss.  d.  h.  der  gegend 
von  Marburg  u.  s.  w.  hören,  auszerdem  kommt  es  nocii  in 
der  zwischen  waldeckischem  gebiete  bei  Corbach  liegenden 
hessen-darmstädtischen  herrschaft  Itter  vor.  merkwürdig 
aber  bleibt  dasz  es  in  der  nördlich  von  Biedenkopf  liegen- 
den gegend  von  Battenberg  nicht  gehört  wird,  in  der 
Wetterau  kennt  man  es  nicht  und  auch  auf  dem  Vogels- 
berge ist  es,  soviel  ich  erfragen  konnte,  unbekannt,  in  den 
von  Grünberg  nach  Alsfeld  nin,  z.  b.  an  der  in  die  Ohm 
sich  ergieszenden  Felda  gelegenen  orten  beginnt  es  aujtzu- 
sterben.  auch  hier  in  Gieszen  wird  das  wort  nicht  gehört; 
aber  in  dem  nahe  gelegenen  Busecker  thal  (es  liegt  von 
Gieszen  aus  so  ziemlich  in  der  richtung  zu  der  vorhin  ge- 
nannten Rabenau  hin)  kommt  'enklich*  vor  und  zwar  ganz 
so  wie  *enke\  welches  durch  das  thal  hin  nicht  gebraucht, 
sondern  erst,  wie  ich  oben  angegeben  habe,  auf  der  Raben- 

E.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Grünm.  23 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


354  Anmerkangen  zn  B.  I  S.  858—359. 

an  gehört  wird.  Der  sinn,  in  welchem  das  volk  enke  ^ 
brancht,  ist:  ffenau  (accnrate)  bestimmt,  gewia,  waliriich 
und  wirklich  (profecto),  z.  b.  *er  weisz  f Randbemerkung: 
die  mundart  spricht  waesz  (langes  ä  =:  ei).  1  es  enke ,  er 
weisz  es  gar  enre,  es  ist  enke  wahr.*  im  Bnsecker  thale 
z.  b.  *er  weisz  es  enklich*.  —  Ich  weisz  nicht  ob  Ihnen  bd 
enke  das  von  Valentinus  Ickelsamer  erwähnte  *näncke'  yor- 

r legen  hat,  welches  wol  nicht  unwichtig  scheint,     bl.  C. 
b  (in  meiner  d.  h.  der  ältesten  ausgäbe).  —   In  dem  Ber- 
liner exemplar  von  Ickelsamers  grammatik  findet    sich  die 
stelle  auf  bl.  C.  4  b ;    auch  kommt  Ickelsamer  auf  das  woit 
näncke  in  seinem  auf  der  Berliner  bibliothek   befiodlicbes 
sehr  seltenen  büchlein  'Die  rechte  weis  auffs  kürtzist  lesen 
zu  lernen*   (Marburg  1584,   neue  ausgäbe)  bL    A.  3  b   n 
sprechen  und  nennt  es  auch   hier  nach  seiner  sonderbarea 
ansieht  undeutsch.  . . .  Luthers  'enne*  =  thor,  narr,  war  mir 
ganz  unbekannt,    in  den  mund arten  findet  sich  nichts,  und 
der  hennebergiache  pl.  *önn*  [Randbemerkung :  (Reinwald  1, 
118)1,  welches  auf  einem  mhd.  *egene*  (Grieshabers  pred.   L 
56)  beruht,   bedeutet  brechahnen,   stengelsplitter    vom  ge- 
brechten flachse.  —  Br.  50  (offenbar  eine  Beilage  sn  einem 
verlorenen  Br.  an  W.  Gr.)  v.  24.  4.  1859  lautet:  ^Nachtrag- 
liches  über  enke.    Auf  weiteres  befragen  wurden   mir  aus 
der  gegend  von  Gladenbach  folgende   Verbindungen   ange- 
gegeben, in  welchen  enke  gebraucht  wird:    'ich    weiss  es 
enke  {=  genau,  bestimmt,   gewis),    ich  bin  dabei 
gewesen,    er  sieht  nicht  enke  (=  genau),    er  hört  [Rand- 
bemerkung:      *in     der      mundart     *h6rt.*J      nicht     enke. 
ich  habe  es  enke  gesehen*.  —  *ich  weisz  (es)  enke*   gut  in 
lener  gegend  als  feste  Versicherung  dasz  man  es  genau  and 
bestimmt  weisz,  und  sagt  jemand  *ich  sag's  enke*,   so  sieht 
es  der  sprechende  wie  eine  beleidigung  an,  wenn  das,  wai 
er  so  bekräftigt,  noch  bezweifelt  wird  .  .  .* 

S.  858.  Estor  oberhess.  idiot]  Probe  eines 
oberhessischen  Wörterbuchs  in  Estors  Teutsche  Rechts- 
gelahrtheit  Frankf.  1767  111.  S.  1403-28. 

S.  859.  Müllenhof f).  Die  mir  vorliegenden  35 
Briefe  M/s  an  Weigand  (von  1850—76)  beginnen  mit  einer 
Aufraffe  M.'s  nach  üss.  des  Wolfdietrich.  Aus  dem  man- 
nigfacn  interessanten  Inhalt  der  Briefe  seien  hier  folgende 
Stellen  ausgehoben:  Kiel  8.  4.  1850:  .meine  deutsche  alter- 
thumskunde,  deren  leitende  ideen  Sie,  wenn  es  Ihnen  darum 
zu  thun  ist,  aus  der  abh.  depoesi  chorica,  aus  einem 
aufsatz  in  Schmidts  Zeitschrift  fttr  gesch.  bd.  YlII.  u.  einem 
auf  der  Lübeker  Versammlung  gehaltenen  vortrage  ungefähr 
errathen  werden,  musz  ein  janr  lang  ruhen;  aber  mitnenem 


y  Google 


Anmerkangen  xa  B.  I  S.  359.  355 

eifer  werde  ich  wieder  daran  gehen,  sobald  ich   den  Wolf- 
dietrich abgethan,  und  so  Gott  will,  wird  es  mir  noch  ein- 
mal  gelingen  aus   dem   Zusammenhang    der    mythen    und 
mythischen  Torstellangen  mit  der  heimischen  natur  unseres 
landes,   der  religion  überhaupt  mit   dem   ganzen  sittlichen 
staatlichen  und  geselligen  leben  des  volkes  und  endlich  des 
epos    mit  der    geschichte   u.    dem    heldenleben  zu  zeigen, 
welchen  geistigen  inhalt  das  leben  unserer  alten  hatte  u. 
wi'lche    entwiälung    es    bereits    durch^j^emacht ,    als    das 
christenthum  aufgenommen  wurde  zugleich  mit  einer  frem- 
den   cultur.       Einen    groszen    schmerz   habe    ich  inmitten 
solcher  Studien  gehabt  und   noch  nicht  überwunden:     Jac. 
Grimms    geschichte    der    deutschen   spräche,    die  thorheit 
seines  alters,    es  wird  hohe  Zeit  etwas  rechtes  und  ernstes 
dawider  zu  setzen,  damit  uns  forschungen  dieser  art  nicht 
zurückführen   in   einen   zustand  der  Wissenschaft  der  ärger 
wäre    als    er  je   zuvor   auf  diesen  gebieten  gewesen,    eine 
recension,   die  mir   Waitz  und  andre,    die  mit  meinen  ar- 
beiten vertraut  sind,  fast  zur  pflicht  machen,  vermag   ich 
indes  bis  jetzt  nicht  übers  herz  zu   bringen,   obgleich   der 
alte  selbst  mich  dazu  herausgefordert  hat.   aber  es  ist  mir  ein 
bedürfnis  von  kundigen  u.  solchen  die  Grimm  zugleich  lie- 
ben u.  ihm  nabestehen,  ein  urtheil  zu  hOren  über  das  buch, 
ich  kann  mir  gar  nicht  denken,  dasz  man  mit  aufrichtiger 
Überzeugung   die   dort  geführten   beweise   für    den  getisch 
gothi sehen  Kram  u.  was  damit  zusammenhängt,  aufnehmen 
kann;  ich  vermag  schlechterdings  in  dem  buch  im  ganzen 
weder    sinn    noch    verstand    zu   entdecken,     wenn  Sie  mir 
einmal  gelegentlich  schreiben,  so   vergessen  Sie  nicht  mir 
Ihre  memung  zu  sagen."  —  24.  2.  1855 :  ^^wenn  man  so  viele 
Jahre  im  Stoff  u.  Detail  gelebt  hat,  so  wird  einem  das  ab- 
stractere  Denken  doch  beinahe  fremd  u.  es  gehört  ein  har- 
tes Ringen  dazu  ehe  man  das  wieder  in  das  Leben  der  Er- 
fahrung umsetzt.    Jetzt  bin  ich  am  Ziel  n.  brenne  fast  vor 
Ungeduld  die  solang  bedachte   Sache   [d.   h.   die  deutsche 
Altertumskunde!  zu  Papier  zubringen.    Der  Aufgabe  gegen- 
über, die  wir  Philologen,  die  wir  überhaupt  in  der  Wissen- 
schaft haben,  fühle  ich  mich  ungeheuer   klein  u.  alles  was 
wir  leisten  ist  eigentlich  nichts  im  Verhältnis  zu  dem  was 
wir  sollen.      Und   jemehr    ich   dies  einsehe,  desto  zorniger 
werde  ich  jedesmal,  wenn  Menschen,  die  davon  keine  Ahnung, 
dafür  kein   Gefühl  haben,  mit  Anmaszung,  wie  Qoltzmai^n, 
oder  mit  spatzenhafter  Leichtfertigkeit  u.  Eitelkeit,  wie  . . ., 
auftreten.    Das  was  wir  sollen,   unsere  Aufgabe,   die  hoffe 
ich    allerdings    so    bestimmt    u.  klar,  u.  so  grosz  zugleich 
jetzt  hinstellen  zu  können,  dasz  ein  sicherer  Maszstab  da- 

23* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


356  AnmerkuDgen  zu  B.  I  S.  859—360. 

mit  gegeben  sein  wird  und  es   leicht  sein  wird  hinfort  die 
Gecken   Ton  den  Treuen    zu   unterscheiden.      [V^I.    II   313 
u.:    Vilmars    Br.  4]     Hab    ich    die   Einleitung     nur     ent 
überwunden,    u.    zu    Ostern    hoiFe  ich    Ihnen    gute    Nach- 
richt   geben  zu   kOnnen,   so  wird   die  letzte   AuKarbeitung 
des  ersten  Theils  rascher  von   Statten   geben  und  za   Ende 
der   Michuelisferien    hoffe    ich   ziemlich   am  Ende    za  sein. 
[Der  erste  Band  der  Alterthumskunde  erschien  fhataäcblidb 
erst  1870].   Erhalten  Sie  mir  Ihre  freundliche  Theil nähme  o. 
Gesinnung.    leb  weisz  wohl  was  die  Leute  von  mir  denken, 
und  dasz  ich  äuszerlich  betrachtet  anders  erscheine,  als  ich 
bin.    Dem  tiefer  Blickenden  kann  es  nicht  entgehen ,    da^tz 
mein  böses  Wesen  einen  ernsten  u.  gerechten   Gmnd    hat. 
Werden  Sie  nicht  irre  an  mir.     Es  wird    sich    alles  offen- 
baren.   Sie  aber  gehOren   zu    den    wenigen   MenscheD.  von 
denen  ich  nicht  möchte,  dasz   sie  auch  nur   einen    Augen- 
blick an  mir  zweifelten.*  —  Berlin,  Schellingstr.  7.    25.  Jan. 
1857:    -Gerade  heute  kam    ich   in  meiner  Vorlesung  über 
die  Nibelungen  auf  einen  Punkt,   über  den   ich   Sie    Iftngst 
habe  einmal  fragen  wollen.    Sie  wissen,  dasz  Wilh.    Grimm 
in  d.  Heldensage  S.  41  u.    Mone  in   d.   seinigen   S.    45    die 
beiden   Orte   Horus  u.  Kiliandr,    zwischen  denen  Sieg- 
fried nach  dem  Itinerar  des  Abt   Nicolaus   den   Fafnir    er- 
schlagen haben  soll,  auf  Horhausen   u.   Kaldem  (Kalantra) 
gedeutet    haben.       Ich     möchte    von   Ihnen    hören,     was 
Sie    nach    Ihrer     genaueren     Localkenntniss    von     diesen 
Namen     und    Deutungen     halten     und     ob     Sie     nichts 
besseres  wissen.    Es  ist  immer  schon    mein    Gedankt*    ge- 
wesen einmal  die  Grenzen  von   Niedersacbsen   u.  Hessen  u. 
was  sich  daran  schlieszt  zu   besuchen ,   besonders    um    der 
Heldensage   willen ,   dann  aber  freilich    auch   weil    meine 
Familie    gerade    dorther     ,aus  Winterberg*    stammt.*     — 
11.  5.  62:  ,Jac.  Grimm  ist  unverwüstlich,  wenn  ersieh  auch 
zuweilen  durch  Kindereien  allerlei   zuzieht,   z.    B.    eine  Ei^ 
kältung   dadurch,   dasz    er  in  der  Nacht  das  Bettzeug  von 
sich  wWt."*  -   11  Br.  d.  Br.  an  M.  s.  Anz.  f.  d.  A.  11,  235  C 
S.  360.  no.  179].    Voraufgeht  W.'s  Br.  51  an  J.  Gr.  v. 
2.  6.  1859:    W.  dankt  darin  tür  die  Abh.   über   die   Göttin 
Tanfana,  freut  sich  auf  die  zweite  Wb-Lief.  vom  E.,  schickt 
weitere  Zettel  und  berichtet  über  seinen,  letzten  Freitag  |je- 
haltenen  Vortrag  über  V.  Ickelsamer.  —    An  diesen   Brief 
schlieszt  sich  W.'s  Br.  52  v.  6.  8.  1859,  worin   er   J.  Gr.  für 
den  Vortrag  über  die  Göttin  Freia  dankt  und  sich  über  die 
2.  Lief,  vom  E  äuszert:      »besonders   begierig   war  ich  auf 
den  artikel  'emesz*  . . .  Ihre  darlegung  ist  überzeugend,  und 
ie  haben   auch  darin  recht  dasz  das  anlautende  e  gewis 


y  Google 


Anmerlningen  zu  B.  I  S.  860—867.  357 

nicht  ursprünglich,  sondern  nur  in  der  ausspräche  lang  ist. 
übrigens  wird,  da  die  Wetterau  neben  %mBz"  häufig  genug 
*1m8z*  spricht  und  mitunter  i  für  den  umlaut  e  setzt,  wol  in 
'emaz*  das  e  dem  ^  vorzuziehen  sein,  das  wort  ekstem, 
weiches  Sie  sp.  899  haben ,  ist  in  der  Wetterau  so  volks- 
üblich, dasz  es  kaum  fremdher  sein  dürfte,  ich  hab<^  es 
extern  geschrieben  und  werde  einen  zettel  darüber  ein- 
senden. Campe  führt  es  beiläufig  in  abeztern  und  ab- 
äflchem  an,  und  in  dem  Aachener  idiotikon  von  Müller  und 
Weitz  s  44  steht  extere  .  .  .  von  Wörtern  finde  ich  nicht 
eisenstimme  ans  Herders  Cid  und  eisgangslied  aus  Elop- 
stoek  1.  285,  doch  wer  kann  alle  Zusammensetzungen  ver- 
zeichnen ,  sie  sind  zahllos.  —  Die  auszüge  ans  unsem 
Schriftstellern  haben  sich  auch  in  der  neuen  lieferung  ver- 
mehrt, und  es  freut  mich  dasz  unter  den  ausgezogenen 
Schmidt  von  Wemeuchen  ist,  der  so  vieles  aus  dem  volks- 
ieben bringt,  aus  den  anliegenden  zetteln  werden  Sie  er- 
sehen dasz  ich  auch  die  trauerspiele  von  Weisze  für  das 
Wörterbuch  durchgehe.  Sie  geben  aber  geringe  ausbeute. 
Franz  Roth ,  der  einige  tage  oei  mir  war,  hat  die  absieht, 
die  ihm  erreichbaren  Schritten  Rists  auszuziehen. 

S.  862.  no.  180].  Voraus  geht  W.'s  Br.  68  (ein  kurzer 
Begleitzettel)  an  J.  Gr.  v.  29.  9.  1859:  Neue  Zettel,  darun- 
ter Aufzeichnungen  aus  einer  Schrift  des  Franz  v.  Sickin- 
gen.  Dr.  Crecelius  theile  ihm  mit  dasz  das  Citat  im  Wb. 
8.  158  (unten)  lauten  müsse :  'Widerlegung  des  calvinischen 
Testaments  Casp.  Peucers.*  Tn  einigen  Tagen  werde  er 
weiteres  an  W.  Gr.  schreiben. 

S.  368.  die  luft  in  Pillnitzl.  In  dem  in  meinem 
Besitz  befindlichen  Exemplar  des  1858  erschienenen  Karl 
Meinet,  (welches  aus  W.  Gr. 's  Bibliothek  in  die  Weigand*8 
[vgl.  Weigand's  Br.  93  in  Anm.  zu  S.  380]  übergegangen 
war  und  1879  vom  Kerler'schen  Antiquariat  in  Ulm  von 
mir  gekauft  wurde),  findet  sich  eine  getrocknete  Pechnelke 
in  ein  weisses  Blättchen  gezogen  mit  der  Beischrift  ^Buinen- 
berg  bei  Pillnitz  am  9.  Sept.  1859*  v.  Wilhelm's  Hand. 
Ausserdem  finden  sich  auf  dem  vorderen  Einbanddeckel  und 
Vorsatzblatt  eine  grosse  Zahl  von  kurzen  Bleistift* Notizen, 
welche  bekunden,  dass  W.  Gr.  das  Buch  fieissig  durch- 
studiert hat. 

S.  365  no.  181].  Darauf  erwidert  W.'s  Br.  54  v.  27.  11. 
1859:  Dank  für  die  Rede  auf  Schiller,  neue  Zettel.  Der 
Aufsatz  über  die  Göttin  Bendis  sei  ihm  nicht  zugekommen. 
An  Schwabe  werde  er  den  Dank  ausrichten. 

S.  367.    Crecelius]  zur  Zeit  Professor  am  Gymnasium 


y  Google 


358  ÄDmerkangen  za  B.  I  S.  367—369. 

in  Elberfeld.  Er  wird  das  von  Weigand  geplante  wettermaer 
Wb.  veröffentlichen  (vgl.  Anm.  xu  8.  315).  —  Fol^^enden  von 
J.  Gr.  an  ihn  gerichteten  Br.,  welcher  sich  auf  s^ne  Mit- 
theilungen für  das  Wb.  besieht,  theilte  er  mir  freundlichst  vor 
knrzero  mit:  , Hochgeehrter  herr  doctor,  willkommen  waren 
die  anezüge  ans  Amadis  und  Kömer,  für  deren  Übersendung 
ich  noch  nicht  habe  danken  können,  behalten  Sie  femer 
Inst  nnd  mnsze  unser  werk  zu  fördern,  von  dem  nftchsteas 
zwei  hefte  auf  einmal  erscheinen  sollen,  so  wünsche  ich, 
dasz  Sie  auf  die  buchst.  F  und  G  rücksicht  nehmen,  snmal 
in  werken  von  1650 — 1750  danach  suchen  möchten,  dem 
in  dieser  zeit,  wo  die  spräche  gesunken  und  noch  nicht  ec^ 
hoben  war,  gewähren  selbst  mittelmäszige  schrifUteller  noch 
hergebrachte  Wörter  und  redensarten,  die  sich  später  ver- 
kriechen, nachdem  bedeutendere  geister  die  poesie  nea  an- 
fezündet  haben,  die  gewöhnlichen  autoren  werden  dann  xu 
loszen  nachahmern  und  lassen  alle  eigenthümlichkeit 
fahren,  doch  in  der  wähl  seien  Sie  unbeschränkt.  —  Fröh- 
liches nei\jahr  wünschend  verbleibe  ich  Ihr  ergebenster 
Jac.  Grimm.    Silvesterabend  1858* 

S.  367.  aufsatz  über  die  göttin  Bendis  .  .  . 
damit  Sie  ihn  zu  Tanfana  u.  Freia  legen].  Alle 
3  Aufsätze  erschienen  1859  in  den  Monatsberichten  d.  Berl. 
Akademie,  wieder  abgedruckt  sind  sie  in  den  kl.  Schriften 
V,  416  ff. 

S.  368J  üeber  Wilhelms  letzte  Krankheit  und  Tod  vgl. 
besonders  noch,  was  sein  Sohn  Herman  darüber  im  Anschlusi 
an  Jacobs  Rede  auf  den  Bruder  mittheilt.  (J.  Gr.'s  Kl.  Sehr. 
I,  178  f.)  —  In  no  182  1.  Lappenbergs  Jubiläum. 

S.  369  no.  1831  Vorauf  gehen  W.'s  Br.  55-59.  —  fe. 
55  V.  3.  1.  1860:  Tröstender  herzlicher  Glückwunsch  Eum 
Geburtstag.  —  Br.  56  vom  11.  1.  1860:  Kurzes  Begleit- 
schreiben zu  neuen  Zetteln.  —  Br.  57  v.  21.  1.  1860:  Neue 
Zettel.  Aeusserung  über  die  neue  Lieferung  von  E.  In 
Giessen  würden  aie  neuen  Lieferungen  von  Verschiedenen 
eifrig  durchgelesen.  Crecelius  werae  er  an  seine  beab- 
sichtigte Recension  erinnern  und  selbst  eine  für  das  Central" 
blatt  liefern.  Die  Rede  auf  Schiller  habe  allgemein  gefallen. 
Den  Dank  an  Schwabe  für  die  Abb.  über  die  Diminutive 
habe  er  ausgerichtet  —  Br.  58  v.  21.  2.  1860:  Dank  ftlr 
übersandte  Schriften,  neue  Zettel  und  Notizen  dazu.  -  Br. 
59  V.  10.  6.  1860 :  Neue  Zettel,  Erwähnung  seiner  Recension 
von  Wurms  Wb.  in  no.  20  des  lit.  Centralbl.,  eine  über 
Sanders  solle  in  kurzem  folgen.  —  Auf  no.  183  antwortet 
W.'s  Br.  60  V.  5.  8.  1860:  W.  dankt  für  das  übersandte  Bild 
und  hofft,   dass  die  Krankheit  bald  überstanden  nnd  er  J. 


y  Google 


Anmerinmgen  zu  B.  I  S.  369—870.  359 

in  Giessen  sehen  werde.  Die  Bruchstücke  ans  dem  Rosen- 
fffurten  habe  er  mit  gleicher  Wehmuth  darchffegangen  wie 
die  Schloszlieferong  des  zweiten  Bandes  desWb.  Die  vierte 
Lieferung  vom  E  habe  ihm  auch  sehr  gefallen.  Als  An- 
denken ans  Wilhelms  Bücher  bitte  er  um  ein  Exemplar  der 
Abb.  über  die  Sa^e  v.  Ursprang  der  Christnsbilder ,  welche 
er  noch  nicht  besitze,  ^sonst  würde  mir  eine  mhd.  dichtung 
lieb  sein ,  besonders  ein  exemplar,  in  welchem  sich  kleine 
bemerknngen,  wenn  auch  nur  wenige ,  von  der  band  Ihres 
herm  bruders  bei-  oder  eingeschrieben  befänden,  und  ich 
überlasze  ganz  Ihrer  gute,  welches  buch  Sie  für  mich  be- 
stimmen wollen. ..." 

S.  370  no.  1841    Vorauf  ffehen  W.'s  Br.  61-68.    Br.  61 
V.  2.  10.   1860:     Neue  Zettel   aus  Joannes  Nasus  heftiger 

fegenschrift  gegen  des  Georg  Nigrinus  buch  *von  brüder 
ohann  Nasen  esel\  welches  er  für  die  Giessener  Universitäts- 
bibliothek gekauft  habe.  Sie  hätten  vergeblich  mehrere 
Wochen  in  den  Abend-Eilzug  von  Norden  her  nach  ihm 
ausgeschaut.  —  Br.  62  v.25.  11.  1860:  Neue  Zettel.  -  Br.68 
V.  11.  12.  1860:  Neue  Zettel,  »nur  zwei,  die  obenaufliegen- 
den zu  *fasznacht*  und  zu  *feenland*  erscheinen  nach- 
träglich, der  Zettel  zu  jenem  worte  ergänzt  die  bereits 
übersandten  stellen  aus  den  ersten  drucken  von  Schillers 
Wallenstein  und  Teil  und  zeigt  dasz  Schiller  stets  fz  setzte, 
nicht  rt.  der  zettel  zu  *feenland*  bringt  eine  hübsche  stelle 
aus  den  liedem  Schmidts  von  Lübeck,  die  für  das  Wörter- 
buch ausgezogen  zu  werden  verdienten,  ich  will  sehen  dasz 
ich  jemand  veranlaszen  kann  die  geeigneten  stellen  auszu- 
schreiben. — ^  In  den  weihnachtsferien  werde  ich  die  schon 
lange  beabsichtigte  recension  über  Sanders  liefern.  ...  — 
Wird  wol  in  München  an  dem  ergänzungsbande  zu  den 
weisthümern  schon  vorbereitet  oder  gar  gedruckt?  .  .  sollte 
ich  noch  irgend  ein  ungedrucktes  weistnum  auffinden,  so 
werde  ich  es  gleich  abschreiben  und  an  Sie  senden.  —  Dasz 
Philipp  Dieflfenbach  in  Friedber^  zu  ende  des  octobers  ge- 
storben ist,  wiszen  Sie  vielleicht  noch  nicht,  er  litt  an 
einem  ausgetretenen  brache  und  es  scheint  noch  ein  lungen- 
leiden dazu  gekon^men  zu  sein,  nur  5  tage  lag  er  zu  bette, 
die  trauernachricht  hat  mich  recht  betrübt.  —  Gymnasial- 
lehrer Dithmar  in  Marburg  will  in  dem  osterprograram  de« 
fymnasiums  eine  abhandlung  über  die  dentscne  grammatik 
es  16.  jahrh.  liefern  und  ich  glaube  dasz  eine  gründliche 
arbeit  zu  erwarten  ist.  ..."  —  Auf  no.  184  folgten  W.'s  Br. 
64-8  -  Br.  64  v.  31. 12. 1860 :  W.  dankt  für  das  gütige  Geschenk 
des  letzten  vollendeten  Werkes  von  W.  Gr.  f  Freidank],  welches 
schon  in  der  ersten  Ausgabe  sein  Lieblingsbuch  gewesen 


y  Google 


360  Anmerkungen  za  B.  I  S.  370. 


sei.    Auch   die   beiden  Abhandlangen  in  Hftupts  Ze. 
er   demnächst   genauer   lesen.    £r  fireut  sich   über  J.*8  Ge- 
nesung, schickt  neue  Zettel,  spricht  sich  anerkennend  über 
L.  Diefenbachs   Qloss.   lat.-germ.   aus.    Rumpelts  Lautlehre 
habe  ihn  beim  ersten  Einblicke  zurückgeatossen.    Die  Grösse 
an  Thodichum  habe  er  bestellt  und  solle  sie  erwidern.    Eib 
Weisthum  von  Rodheim,  welches  wahrscheinlich  fehlerhaft 
bei  Schatzmann  gedruckt  sei,  habe  J.  Gr.  von  Th.  srag^echickt 
erhalten.    Th/s  "Gau-  u.  Mark  Verfassung'   sei   recht  fleise^ 
und    scheine    werthvoll,   doch  seien  seine  sprachlichen  Be- 
merkungen   nicht  immer  vorsichtig.    Dieser  Tage  irerde  er 
Sanders  recensiren,  Wurm  scheine  ohne  Titelblatt  erloschen. 
Dr.  F.  Roth   in  Frankfurt  sei   wegen   eines  Brustleidens  in 
Ruhestand  versetzt.  —  Br.  65  v.  3. 1. 1861  enthält  W.'s  Gebnrt»- 
tagswüDsche  u.  eine  Aeusserung  über  Eehreins  Volkssprache  o. 
Volk^(sitteira  Herzogthum  Nassau.  So  wie  das  Idioticon  vorliege 
genüge  es  trotz  der  fleissigen  Sammlungen  nicht.  —  Br.  68 
V.  10.  2.  1861:  W.  schickt  eine  neue  Lief,  seines  Wbs.    ,wie 
wenig   man   sieb   aber  in  ansetzung  der  formen  immer  auf 
Graff  verlaszen  darf,  habe  ich  wieder  einmal  bei  rathfragen 
gesehen ,   für  welches   derselbe   im   ahd.  zwei  formen ,  rftt- 
frägön  und   rätfräg^n,  hat.    nach  dem  Substantiv  rätfräga 
ist  die   erste  zu  erwarten,    richtig  stellt  sich  auch   seine 
zweite    auf  -§n,   die   Zarncke   bei   Benecke  3,  390  b   nach- 
geschrieben hat,  als  unbegründet  heraus,  denn  die  gl.  herrad., 
aus  welchen  Graff  sein  rätfräggn  hernehmen  will,  enthalten 
bereits    Schwächung    des   -ön   zu   -ön.    so   musz  man  eben 
überall  selbst  nachsehen,  um  sicheres  geben  zu  können,    wie 
oft  denke  ich  bei  meinen  Untersuchungen  an  Sie  und  spreche 
im  Geiste  mit  Ihnen.  .  .*    —    Br.    67  v.  osterdienstag  1861: 
W.    freut  sich    über   die   neue   Lieferung  des  Wbs.     ,abtf 
doch  waren  mir  die  artikel  über  ^es",   auf  welche  Sie  mich 
bereits  aufmerksam  gemacht  hatten,  eine  besondere  freode 
und  wie  sollte  man  diese  nicht  haben,  wenn  man  die  grossen 
Schwierigkeiten  so   schön  überwunden   und  sich  tief  in  die 
geschichte  des  wortes  und  in  die  feinsten  fasern  der  stellang 
und   des   gebrauches  eingeführt  sieht,  dabei  trotz  der  nm- 
faszendsten    Vollständigkeit    überall    mit    der    wünschens- 
werthesten  einfachheit  und  klarheit    es  ist  eine  wahre  lost, 
den    gegenständ    so    durchgearbeitet   und   abgerundet   vor 
äugen  zu  haben,    ein  anderes  *es*  sp.  1138  haben  Sie  über- 
raschend  und   vortrefflich   aus   *sich'  nachgewiesen,    dieses 
*es'  ist  in  Volksliedern  hiesiger  gegend  überaus  häufig,  in  der 
Wetterau   viel   weniger   gehört,  aber  merkwürdig  bleibt  in 
dieser   ein   eindringliches  *sichste  sich*  d.  i.  siehst   du  sich 
=  siehst  du!   z.  b. :  *sichste  sich,  er  hats  gethan,  und  alles, 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  870.  361 

was  er  sagte,  war  gelogen*;  .sichste  sich,  er  wollte  uns 
betriegen*;   ^sichste  sich,   wir  sind  um  unser  geld,   wie  ich 

Srophezeit  habe*  u.  s.  w.  -te,  -de  ist  das  aogeschwächte 
n.  *8ich*  =  uns  sp.  1189  ist  hier  und  in  der  Wetterau  das 
ailfibliche;  aus  dem  Simplicissimus  habe  ich  mir  nicht 
wenige  stellen  in  mein  wetterauisches  Wörterbuch  ein- 
getragen, auch  *sen'  sp.  1189  erscheint  hier  und  in  der 
Wetterau  durchweg  geläufig,  z.  b.  *es  is  kein  waszer  da, 
du  must  sen  holen*;  ,ich  hab  kein  brot  mehr,  bring  mr 
(mir)  sen*  u.  s.  w.  klar  über  dieses  wort,  das  offenbar  ge- 
kürzt ist,  bin  ich  noch  nicht  geworden.  .  .  —  hier  erhalten 
Sie  eine  nachlese  von  stellen,  eine  weitere  sende  ich  ganz 
in    der   kürze   nach,    bei  den  lustspielen  von  Kretschmann 

aber   kann   ich  nur  die  einzelnen  stücke  citieren '  — 

Br.  68  V.  21.  5.  1861:  Neue  Zettel,  einige  würden  wieder 
zu  spät  kommen,  so  die  Stellen  für  *8ich  mchen*,  für  welche 
kein  deutsches  Wb.  belegende  Stellen  vorzubringen  wusste. 
Leider  sei  der  *Schoszhund  von  Dusch'  erst  seit  wenigen 
Tagen  in  seinen  Händen.  Die  Recension  v.  Sanders  sei  ab- 
gesandt £r  habe  sich  noch  manchen  Trumpf  zurück- 
behalten. Fr.  Roth  sei  am  Archive  mit  vollem  Gehalte 
angestellt. 

S.  370.  Ph.  Dieffenbach].  Directer  des  Schul- 
lehrer-Seminars in  Friedberg  und  um  die  Localgeschichte 
der  Wetterau  hoch  verdient.  Aus  den  28  Brieten  dieses 
Gelehrten  an  Weigand  von  1841 — 58  reichend ,  hebe  ich 
folgende  Stellen  aus,  in  welchen  er  J.  Grimm  erwähnt: 
Friedberg  8.  Dez.  1843:  „Durch  meinen  Sohn  Richard 
habe  ich  Herrn  Jacob  Grimm  ein  Exemplar  meines  Werkes 
über  die  Vorgeschichte  der  Wetterau  übersandt;  hoffent- 
lich wird  dieses  und  Jenes  darin  von  einigem  Interesse  für 
ihn  Wyn.*  —  24  12.  1846:  „Lieb  war  mir  in  Frankfurt 
mehrere  der  ausgezeichnetsten  Männer  unsers  Vaterlandes 
persönlich  kennen  gelernt  zu  haben.  Unter  diesen  wird 
Sie  hauptsächlich  Jac.  Grimm,  Schmeller  und  Wilh.  Wacker- 
nagel interessiren  ....  Jac.  Grimm  fragte  mich  nach 
Ihnen."  —  14.  7.  1856  :  „Sie  erwähnen  Jacob  Grimms  neue 
Abhandlung  *über  den  Personenwechsel  in  der  Rede*.  Wie 
freue  ich  mich,  dasz  dieser  Mann,  der  mir  beinahe  gleich- 
alterig  u.  dabei  so  lieb  und  werth ,  immer  noch  so  jung 
und  frisch  in  der  literarischen  Welt  dasteht.  Ich  werde 
freilich  in  der  Regel  erst  ein  halbes  Dezennium  nachher 
mit  seinen  Schriften  bekannt.  Seine  Abhandlung  'über 
das  Verbrennen  der  Leichen*  habe  ich  erst  dieses  Frühjahr 
zu  lesen  Gelegenheit  gehabt,  dabei  wieder  seine  Schärfe 
und  Belesenheit  bewundert   und    hätte    ihm  gerne  wegen 


y  Google 


362  Anmerkmigen  zu  B.  I  S.  870. 

einiger  Punkte«  über  die  ich  nicht  mit  ihm  einTerstand» 
sein  kann,  geschrieben,  wenn  sich  gerade   Gelegenheit  da- 
zu gefunden  hätte  ....    Über  Ihre  Anfrage  in  Betreff  d« 
*Wir*    als  Anrede   hess.  Lehrer  kann  ich  Ihnen    keine  ge- 
nügende Antwort  ertheilen.    So  weit  ich  erfahren,  'wbt  die- 
ser pluralis  majestaticus  mehr  nur  persönlicher  Natur/  ^ 
1.  4.  1858:     j,Ich   habe  zwar  in   früneren  Jahren  Do  rlar 
worüber  Sie  in  Ihrem  gestrigen  Schreiben  für  unsem  lieben 
Jacob  Grimm  anfragen,  öfter  besucht  ....    Ich  meine,  ia 
früheren  Jahren  einmal  eine  alte  Urkunde  gelesen  zn  haben, 
worin  Dorlunlar  vorkam,  doch  ist  mir   das  Nähere  ent- 
fallen und  es  kann  sein,    dasz    ich   es  mit    Holonlar     ver- 
wechsele.   Die  Stelle  im  Cod.  Laur.  III.  p.  1.  No.   3032,  wo 
es  Dorlenlar  heiszt,  wird  Ihnen  bekannt  sein.     Da  aber 
dort  so  viel  verschrieben  ist,  so  möchte  es  nöthig  sein,  ror- 
erst  bei  Herrn   Baur   in  Darmstadt,    wo  sich  ein  Verzeich- 
nisz  der  falschen  Namen  des  Cod.  Laur.  u.  die  Verbesserung 
nach   einem  sorgfältig  verglichenen  Ms.    (zu  München?)  be- 
findet [Vgl.  II 350 :  no.  17 IJ,  hierüber  anzufragen.  —  Von  dta  an 
kenne  ich  nur  Urkunden,  in  welchen  immer  Dorlar  steht . . . 
Über  den  Grdahegau  finden  sich  bekanntlich  Nachrichten 
bei  Wenck  (II,  445  Note  o)  u.  kurz  bei  Schmidt  (I,  69  Not.  c. 
und   154).     interessant  ist  aber  besonders  die  Angabe   im 
Cod.  Laur.  III.  p.  46  No.  3181:  'in  pago  Er d ehe  in  Erd- 
eher marca  juxta  fluvium  A  r  d  a  h  a  \  weil   noch  jetzt  die 
A  r  d   ( A  b  r  d)  ihren   Namen  hat.     Dieser   Bach   entspringt 
(wie  auch  auf  der  groszen  Gen.  Stabskarte  Sect.  Gladenbach  su 
ersehen)  auf  der  Gränze  des   Gr.-H.  Hessen  am  Holfholt 
(worüber  ich  an  Ort  u.  Stelle  eine  Sage  gesammelt)  zwischen 
Hohen  Solms  u.  Frankenbach,  flieszt  zuerst  bei  dem  Dorfe 
Erda,  dann  bei  Ahrdt   (beide   Preuszisch)   vorbei   u.    er- 

S'eszt  sich  bei  Burg,  nördl.  von  Herborn  m  die  Di  IL 
er  Name  des  Gaues  existirt  aber  soviel  mir  bekannt,-  im 
Munde  des  Volkes  durchaus  nicht  mehr.  Doch  habe  ich 
hierüber  keine  besondere  Nachfrage  gethan.  (Der  Aar- 
bach, welcher  bei  D  i  e  z  in  die  Lahn  fällt,  kommt  von 
Süden  u.  kann  hier  wohl  nicht  berücksichtigt  werden.)* 

S.  370.  Dithmars*  grammatishe  Thätif^keit]. 
D.  hatte  siclr  am  1.  Nov.  an  Weigand  mit  der  Bitte  um 
Hilfsmittel  für  sein  1862  veröffentlichtes  Gyranasialprogramm ; 
•Einleitung  in  die  Greschichte  der  neuhochdeutscnen  Gram- 
matik* gewandt.  Später  erschien  von  ihm  noch  eine 
längere  Abhandlung  über  die  altdeutsche  Negation  ne  in 
abhängigen  Sätzen  im  Ergänzungsband  zu  Zacher*s  Zeitechr. 
f.  deutsche  Philologie  1874  S.  183—318. 

ib.   Rumpelts    lautlehrej.    H.   Bh.    R.     Deutsche 


;  Google 


Anmerkangen  zn  B.  I  S.  872.  363 

Grammatik  mit  Rücksicht  auf  vergl.  Sprachforsch.  1.  Th. 
Lautlehre  Berl.  1860. 

8.  370.  ein  baud  weisthümer]  der  vierte,  welchei 
1863  erschien.  Th.  1—3  er:»chienen  1840—2,  Th.  5  u.  6  erst 
1866-9;  vgl.  S.  384. 

S.  372.  no.  185].  Darauf  antwortet  W's  v.  Er.  69.  11. 
6.  1861 :  W.  schickt  Zettel  zum  Wb.  Weisze's  lustspiele  habe 
ich  erst  seit  kurzem  in  der  hand.  sie  bieten,  wiedietrauer- 
spiele,  für  das  Wörterbuch  weniger,  als  die  komischen  opern, 
und  ich  freue  mich  dasz  ich  aiese  zuerst  auszuziehen  be- 
gonnen habe,  überhaupt  stehn  dieselben  auch  viel  hoher, 
als  jene  lust-  und  trauerspiele.  —  Durch  Hirzels  gute  bin 
ich  in  den  stand  gesetzt,  noch  vier  Schriften  von  Heinrich 
Leopold  Wagner  für  das  Wörterbuch  auszuziehen.  .  .  . 
Wagner  schöpft  in  seiner  spräche  mehr  aus  dem  volke  und 
so  bieten  seine  stücke  stellen,  wie  man  sie  nicht  leicht  bei 
andern  Schriftstellern  findet.  Göthe  hatte  den  grösten  ein- 
flusz  auf  ihn.  ...  —  Eben  da  ich  weiter  schreiben  will ,  er- 
halte ich  Ihren  lieben  brief .  .  .  und  ich  fühle  mich  wie  zu 
Ihnen  in  Ihr  zimmer  versetzt  und  mit  Ihnen  redend,  ich 
war  sehr  gespannt,  wie  Sie  über  meine  anzeige  des  Sanders 
urtheilen  würden,  und  Ihre  billigung  ist  mir  eine  wahre 
freude.  . .  .  dasz  Sanders  so  schändlicn  gegen  Sie  handeln 
konnte,  hat  mich  wahrhaft  empört,  doch  in  meinem  nächsten 
briefe  mehr  über  ihn.  ich  bin  begierig,  ob  er  entgegnen 
wird ,  und  dasz  er  diesz  thut ,  wahrscheinlich  auf  dem  um- 
schlage eines  heftes,  läszt  sich  .  .  .  erwarten.  ..." 

3.372.  wenn  zehn,  zwanzig  unbeantwortete 
B  ri  efe  vor  mir  liegen  ].  Vgl.  hierzu  einen  Brief  Prof.  F.  E. 
Chr.  Dietriches  in  Marburg  an  Weigand  v.  16.  Nov.  1861 :  „Sehr 
vermisse  ich  es  aber ,  dasz  er  mich  auf  meinen  schon  vor 
mehreren  Monaten  an  ihn  gerichteten  Brief  über  mein  Vor- 
haben, die  Aussprache  des  Gothischen  zu  behandeln,  keiner 
Antwort  gewürdigt  hat,  obwohl  ich  mich  zu  seinen  treuesten 
Schülern  und  Verehrern  rechne.*  —  Hier  sei  bemerkt,  dasz 
mir  noch  2  andere  Briefe  Dietrichs  an  Weigand  aus  1861 
u.  einer  aus  1855  vorliegen,  aus  dem  vom  25.  Febr.  1861 
folgende  Stelle  wegen  ags.  reöfan:  „Da  es  in  der  Zusam- 
mensetzung beröfe  ^beraubt*  heiszt,  so  erklärt  sich  der  alte 
Irrthum,  dasz  es  mit  redfian,  beredfian  zusammengehöre, 
obwohl  dies  schwach  ist,  und  ein  reduplicirendes  beredfan 
als  Particip  beredfen  voraussetzen  würde.  Bouterwecks 
Schreibung  röfen  (8.  238  seines  Glossars)  gehört  einfach  in 
die  Reihe  seiner  Sprachschnitzer.  Lye  hatte  es  unter  einem 
fälschlich  angenommenen  rifan,  u.  kein  reöfan  angesetzt, 
daher  letzteres  auch  bei  Bosw.  fehlt.    Erst  Jac.  Qrimm  hat 


y  Google 


364  Anmerknngen  zu  B.  I  S.  372— 374, 

es  aus  dem  ^anz  üblichen  altn.  riufa  richtig  erkannt,  ud 
Bouterweck  hat  es  offenbar  besser  wiszen  wollen,  indein  er 
ein  redfan  erfand.*  Vgl.  auch  Anm.  zu  S.  377.  —  Briefe 
J.  Grimmas  an  Dietrich  sind  nicht  erhalten,  wie  auch  dk 
übrige  wissenschaftl.  Correspondenz  Dietrichs  abhanden  ge- 
kommen zu  sein  scheint.  Der  oben  erw&hnte  Brief  Diet- 
richs an  J.  Gr.  befindet  sich  dagegen  in  der  Grimm-Coi^ 
respondenz  und  ist  v.  19.  6.  1861  datirt.  Die  Schrift  derent- 
wegen D.  um  Mittheilnngr^n  bat  erschien  1862  in  Mai^ 
bürg:  'Über  die  Aussprache  des  Goth.  während  d.  Zeit 
seines  Bestehens*. 

S.  372.    Ihre    anzeige    des  Sanders].    Wei^and*a 
Polemik  mit    Sanders    setzte    sich    fort.      Er    liesz    später, 

gerade  wie  Grimm,  bei  der  Fortsetzung  des  Wörterouchs 
anders  völlig  bei  Seite,  und  wünschte,  dasz  es  auch  Ton 
andern  geschah.  So  schrieb  er  einem  mir  yorliefrenden 
Concept  nach  am  9.  4.  1872  an  Eehrein:  «Meine  empfeh- 
lende recension  des  von  Ihnen  und  Ihrem  söhne  erschiene- 
nen Wörterbuchs  der  weidmannsprache  (Wiesbaden  1871  8*j 
ist  abgegangen  ....  wie  Sie  aber  bei  der  so  schwierigen 
ableitung  von  ,fialzen**  s.  51  auf  einen  Sanders  rücksiehi 
nehmen  Konnten,  begreife  ich  nicht,  denn  dieser  versteht 
doch,  wie  sich  in  seinem  dicken  Wörterbuch  fast  unzählige 
mal  zeigt,  von  unserer  deutschen  spräche  in  ihrer  entwick- 
lung  nichts  .  .  .  Jacob  Grimms  urtneil  über  ihn  bringt  die 
vorrede  zum  Wörterbuch  bd.  1  s.  LXVII  in  kurzen  schlacken- 
den Worten;  ausföhrlicher  spricht  er  sich  in  einem  briefe 
an  mich  aus/ 

8.  373.  des  königs  letzte  rede  die  mit  einer 
phrase  schlieszt  welche  ich  für  einen  Sprachfehler  erkläre]. 
Gemeint  ist  die  Thronrede  vom  5.  6.  1861 ,  welche  mit : 
*Da8  walte  Gott*  schliesst  Gr.  meint,  es  müsse  entsprechend 
dem  früheren  Sprachgebrauche:  ^Des  walte  Gott*  lauten. 

S.  374.  no.  186).  Antwort  auf  W.'s  Br.  70  u.  71  und 
auf  einen  Br.  seiner  Tochter  v.  11.  7.  1861,  womit  sie  ihm 
ihre  Photographie  zusendete :  —  W.*8  Br.  70  v.  7.  7.  1861 
dankt  für  die  Abhandlang  *Über  Maue*  (Kl.  Sehr.  V  441), 
übermittelt  neue  zettel  rür's  Wb.,  so  wie  den  über- 
sandten Brief  Sanders  und  bringt  verschiedene  Aeusserungen 
über  Sanders.  Vor  S.  sei  ihm  nur  ein  Jude  bekannt,  der 
sich  mit  Forschen  im  deutschen  abgegeben,  Prof.  Joel 
Loewe  zu  Breslau.  —  Br.  71  v.  17.  7.  1861:  Begleitworte 
zu  neuen  Zetteln.  —  Auf  no.  186  folgen  W.'s  Br.  72  8. 
—  Br.  72  V.  11.  8.  1861.  Dankt  für  das  Exemplar  v.  Wü- 
helms  Abband  1.  über  die  Christusbilder  und  ebenso  in  sei- 
ner Tochter  Namen  für  das  Geschenk  von  Frl.  Augnstchen, 


y  Google 


Anmerkungen  zu  6.  I  S.  874.  365 

bestellt  Grüsze  an  Prof.  Pfeiffer  falls  er  noch  in  Berlin  sei. 
Er  habe  ihm  seinen  Vortrag  über  Ickelsamer  für  die  Ger- 
mania noch  nicht  zusenden  können,  da  noch  einiges  anders 
zu  fassen  sei  u   er  auch  eine  in  Weimar   befindliche  kleine 
Schrift  lokelsamers  noch  nicht  habe  bekommen  kOnnen.    Anf 
Sanders  Antwort  denke  er   in   der   That  nnr  zu   erwidern, 
falls   Zarncke   einige   Worte   wünsche.     »Die    abscheuliche 
that  gegen  kOnig  Wilhelm ,    der   auch    in    unserm    grosz- 
herzogtnum   sehr    beliebt    ist ,    hat    hier    wie  überall  aufs 
höchste  erschreckt  u.  entrüstet  . . . ."  -  Br.  73  v.  26.  8. 1861: 
Dank  für  Abh.  über  einige  goth.  Wörter  (Kl.  Sehr.  V,  445) 
neue  Zettel,  am  8.  Sept.  feiere  Oervinus  seine  silberne  Hoch- 
zeit.   Warum  wohl  K,  Gödeke  einen   Theil  seiner   schönen 
Bibliothek  verkaufe?    —    Br.   74   u.   76  v.  20   9.  u.  29.  10. 
1861 ;  Neue  Zettel.  -  Br.  75   v.    19.  10.  1861 :   Neue  Zettel. 
,,Bei  der  philologenversaramlung  wird   nun,    durch  einstim- 
migen beschlusz  •  zu    Frankfurt  a.   M.,  eine   germanistische 
section  gebildet  und  tritt  im   nächsten  jähre   zu  Augsburg 
ins  leben,    hätte  sie  gleich  in   Frankfurt   erstehen  können, 
so  würde  sie.  recht   zahlreich   geworden  sein,  indem   viele 
f^mnasiall ehrer  an  ihr  theil  genommen  haben  würden,    es 
ist  diesz  ^ewis  erfreulich,  denn  es  zei^.  wie  die  erkenntnis 
und  der  sinn  für  die  deutsche  sprachwiszenschaft  gewachsen 
sind,  und  ich  denke  dasz  für  diese  die  bildung  der  section 
noch  stärker  wirken   soll,     die   bei   der  Versammlung   an- 
wesenden germanisten  wiszen  Sie  aus  dem  telegramm,  des- 
sen abfaszung   Wackemagel   übernommen   hatte,    es  gieng 
alsbald  nach  dem  bei  dem   festeszen   auf  Sie   und   Uhland 
ausgebrachten    hoch,    welches    das    nächste    auf   das    auf 
Deutschland  war,  an  Sie  ab.     Ihre   antwort  hat  uns  sehr 
gefreut  und  Ihr  wünsch  „seid   froh**   hat  sich   erfüllt,    wir 
waren  recht  froh,  wären   es   aber   doppelt  gewesen ,  wenn 
wir  Sie  noch  bei  uns  gehabt  hätten,     wir   waren,  selbst  in 
den  Sitzungen,  fast  immer   beisammen,      nur    Rudolf   von 
Raumer  verliesz  uns  schon  am  zweiten  tage,  indem  ihn  die 
auf  diesen  fallende  goldne  hochzeit  seiner   eitern  zur  rück- 
reise  nöthigte.    seine  ^thesen   über  die  behandlong  des  alt- 
deutschen auf  gymnasien  und   über  die  heranbildung   der 
dazu  nöthigen  lehrkräfte*    hatte    er    in   den  Sitzungen   der 
pädagogischen  section  am  ersten  und  zweiten  tage  mit  ge- 
wandtheit  und  beifall  vertheidigt.    es  ist  doch  unter  unsern 
Philologen    ein   ganz   andrer  geist,   was  deutsche   spräche 
und  literatur  betrifft,    als  früher,   wo   sich   dieselben  starr 
und  steif  abschJoszen.  —  Gestern  abends  waren  weithin  auf 
den  höhen  feuer  angezündet  und  auch  hier  in  der  nähe  der 
Stadt  brannte  eines  zur  feier  des  tages.    das  sind  herrliche 


y  Google 


366  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  874 

zeugen  des  irischeren  geistes,  der  sich  gewaltig  in  unserem 
Volke  regt,  besonders  dem  erbfeinde  unseres  Vaterlandes, 
den  franzosen,  gegenüber,  för  Preuszen  ist  der  tag  ein 
doppelter  festta^,  und  von  hier  aus  sieht  man  auf  dem 
thurme  der  nahen  burgruine  Gleiberg  eine  mächtige  fahne 
wehen,  aber  auch  viele  deutsche  auszerhalb  rreuszens 
feiern  mit,  denn  auf  dem  könige  Wilhelm  ruhen  grosse 
hoffnungen  itlr  das  ganze  Vaterland.  —  Professor  Diez  war 
mehrere  wochen  hier,  der  erste  band  der  neuen  aufläge  sei- 
nes etymol.  Wörterbuchs  der  romanischen  sprachen  wird  in 
kurzem  ausgegeben  werden  und  am  zweiten  gedruckt,  er 
sagte  mir  dasz  vieles  geändert  sei,  doch  habe  er  wegen  der 
kürze  der  zeit  nicht  alles  aufs  neue  durcharbeiten  können, 
wie  er  es  gerne  gewünscht  hätte,  jedenfalls  hat  das  vor- 
treffliche werk  auch  ohne  diese  völlige  durcharbeitnng  noch 
bedeutend  gewonnen . . .-  —  Br.  77  v.  7. 11. 1861 :  W.  dankt  für 
die  neue  Lieferung  des  Wb.,  schreibt  über  Wurms  Tod.  —  Br. 
78  V.  8.  12. :  Neue  Zettel,  er  habe  Freitag  vor  8  Tagen  über 
den  Buchstaben  R  einen  Vortrag  gehalten,  sich  aber  da- 
bei auf  die  deutsche  Sprache  beschränkt.  Fr.  Pfeiffers  Kr- 
krankung  vor  vier  Wochen  habe  ihn  erschreckt,  er  sei  nun 
wohl  wieder  hergsstellt. 

S.  374.  ab  handl.  V.  den  Christusbild  ern).  Sie 
steht  jetzt  auch  in  W.'s  kleineren  Schriften  lU.  S.  138  ff. 

c  376  no.  1871.  Darauf  antwortet  W.'s  Br.  79  v.  81. 
12.  1861:  Dank  für  Wilhelms  Bild  u.  neue  Zettel.  Bei 
öffentlichen  Versammlungen  würde  zwar  manches  leere 
Stroh  gedroschen y  aber  er  freue  sich  doch,  dasz  sogar  die 
Philologen  alten  Schlages ,  die  sich  sonst  gef^en  deutsche 
Sprachwissenschaft  sträubten,dieser  sich  jetztgeneigter  zeigten. 
—  Es  folgen  W.'s  Br.  80-4.  —  Br.  80  v.  3.  1.  1862:  Ge- 
burtstagsglückwunsch, neue  Zettel,  der  Director  des  giesze- 
ner  Gymnasiums  sei  ein  eifriger  Leser  des  Wb.*8  —  ßr.  81- 
83  u.  85  V.  12.  1..  2.  2.,  23.  2.,  5.  5.  1862.  Begleitworte  für 
neue  Zettel.-  Br.  84  v  21.  4. 1862 :  Neue  Zettel  aus  dem  Alma- 
nach  der  deutschen  Musen  von  1774  u.  1776  sowie  Beleg  z. 
*fliesner*  aus  Klamer  Schmidt.  „Herzlichsten  Dank  für  das 
^tigst  übersandte  schriftchen  zur  begründung  des  in  der 
Sitzung  des  Göthecomitäs  am  7.  april  eingebrachten  an- 
trags.  es  ist  mir  von  hohem  Interesse,  das  nähere  über  die 
angelegenheit,  die  mir  aus  den  Berliner  Zeitungen  nicht  eben 
vollständig  bekannt  war,  zu  erfahren,  was  mich  am  meisten 
interessierte,  war  Ihr  brief  s.  8 — 11,  der  sich  so  kurz  und 
treffend  über  die  aufrichtnng  der  Standbilder  und  die  Stel- 
lung der  drei  heroen  in  unsrer  literatur  zu  einander  aus- 
spricht,   nach  meiner  vollen  Überzeugung  konnten  Sie  nach 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  374—377.  367 

dem  verkehrten  beschlnsze  der  versammlnng  vom  16.  joli 
y.  j.  nicht  anders  handeln,  als  austreten,  wer  mOchte  auch 
an  den  Verkehrtheiten  nur  irgend  antheil  haben!  der  neue 
antrag  bahnt  an,  aus  diesen  herauszukommen,  und  ich 
wünsche  dasz  er  schon  darum  den  überwiegendsten  beiCall 
finden  möge  ,  .  / 

S.  376.  ein  von  den  Leipziger  druckerraben 
angeschrieener  autor].  Vgl.  «LGr.  an  v.  Lassberg  y. 
19.  oct  1836 :  «der  drucker ,  der  wie  ein  rabe  nach  ms. 
hungert,  zwingt  mich  unablässig  das  grammatische  feld  zu 
pflügen.' 

8.377.  Vorigen  herbst,  ja  was  solte  ich  in 
Frankfurt!]  Nach  dem  als  Einladung  versandten  Pro- 
gramm sollte  in  der  pädagogischen  Section  Prof.  Rudolf 
y.  Raum  er:  ,über  die  Behandlung  des  Altdeutschen  auf 
Gymnasien  u.  übi^r  die  Heranbildung  der  dazu  nöthigen 
Lehrkräfte"  sprechen,  ferner  wollte  Prof.  Dr.  Bursian:  »Vor- 
schläge zur  Einigung  über  die  Aussprache  des  Griechischen 
auf  deutschen  Gymnasien  und  Universitäten*  machen. 

S.  377.  Roth.]  gemeint  ist  Franz  Roth  t  1869  in 
Frankfurt  a.  M.  der  unter  anderem  lange  an  Eonrads  von 
Würzburg  Trojanischem  Krieg  arbeitete.  Das  Gedicht 
wurde  dann  von  Keller  für  den  Stuttg.  litt  Verein  1858  heraus- 
gegeben. Er  stand  mit  den  Brüdern  in  brieflichem  Verkehr, 
wie  folgende  Stellen  seiner  Briefe  an  Weigand  (52  der- 
selben von  1844 — 67  liegen  mir  vor)  ergeben :  Frankfurt 
6.  2.  1846:  ,  Wissen  Sie,  dasz  W.  Grimm  (wenn  ich  mich 
recht  besinne)  über  'Athis  u.  Prophilias'  in  der  akademie 
d.  Wissenschaften  einen  vertrag  gebalten  hat''  [vgl.  S.  322]. 
—  14.  10.  1846,  «Ihnen  etwas  ausführlicher  über  die  Ver- 
sammlung [d.  Germanisten]  zu  schreiben  .  .  ist  mir  sogar 
ietzt  noch  nicht  möglich  .  .  und  bemerke  nur,  dasz  ich  den 
brief  an  Wilhelm  Grimm  besorgt,  alle  grüsze  ausgerichtet 
habe.**  —  15.  7.  1851:  »Ich  wollte  nun  für  diese  geschenke 
[über  Freidank  u.  altdeutsche  gespräche  u.  s.  w.]  nicht 
mit  leerer  band  [kommen]  u.  scnrieb  für  W.  Grimm  die 
deutschen  Sprüche  des  Freidanks  aus  einer  Ascbaffenburger 
hdschr.  in  Aschaffenburg  ab ,  streng  meine  äugen  etwas 
an  u.  erkältete  mich,  so  dasz  ich  ein  sehr  schlimmes  äuge 
bekam ,  in  meinen  ferien  nur  einen  brief  an  W.  Grimm 
schrieb  und  anstatt  nach  Heidelberg  zu  gehen,  das  zimmer 

hüten  muszte Uhland  der  v.  30.  juni   an  hier  war, 

einige  ausflüge  in  die  umgegend  machte  d.  8.  juli  zu  Wolf 
nach  Jugenheim,  dann  nach  Marburg  ging  (sicn  in  Gieszen 
nicht  aufhielt?)  u.  am  donnerstag  zurück  nach  Tübingen 
ist  ...  .    Als   Uhland  da  war,   stöberte  ich  meine  notizen 


y  Google 


368  Anmerkungen  zu  6.  I  S.  377. 

über  hiesige  hss.  durch  and  fand  dadurch  noch  Sprüche  aas 
dem  Freidanke  in  einer  hs.  der  hies.  stadtbibliothek,  die 
ich  sogleich  an  Wilhelm  Grimm  schickte  a.  ftlr  die  er  in 
dem  80  eben  angekommenen  briefe  dankt;  in  dem  vorigen 
briefe  schrieb  er ,  dasz  er  erst  2  abhandl.  für  die  akndemie 
vollenden  müsse,  ehe  er  an  eine  nochmalige  durcharbeitang^ 
des  Preidank  komme ,  woza  ihn  nener  Stoff  nOthige ,  ans 
diesem  entnehme  ich ,  dasz  er  einige  tage  in  Freien walde 
wohl  za  seiner  erholung  zubrachte.  Doch  Sie  müssen  diese 
briefe,  wie  manchen  andern  z.  b.  von  Karl  Roth,  Schmeller 
a.  s.  w.  selbst  lesen."  —  11.  7.  1852:  »Ich  will  meine 
ferien  zu  einer  reise  nach  Leipzig  a.  Berlin  benutzen,  wo 
ich  Sie  bei  meiner   durchreise   heute   über  8  tage  zu  sehen 

gedenke  u.  alles  in  auftrag  nehmen  will  ,  was  Sie  mir  an 
laupt  oder  Grimm  u.  s.  w.  zu  bestellen  geben.*  —  28.  8. 
1852:  «Von  Jacob  Grimm  die  herzlichsten  gp-üsze  u. 
schönsten  dank  fQr  die  mittheilungen ,  denen  er  in  betreff 
der  auswahl,  Zuverlässigkeit  u.  nettigkeit,  wie  allen  Ihren 
arbeiten  das  gröszte  lob  spendete.  Auch  Wilhelm  grüszt 
herzlich  u.  bittet  um  Zusendung  der  für  ihn  in  aussieht  ge- 
stellten Schriftsteller,  die  mir  Wilhelm  Grimm  slIs  noch 
nicht  für  das  Wörterbuch  ausgezogen  angab  (nicht  auf  der 
Frankfurter  bibliothek  befindlich)  sind :  Fuchs  ameisen-  u. 
mückenkrieg,  Sibylle  Schwarz,  Ernst  Christoph  Homburg, 
Jacob  Schwiger,  Nicolaus  Peuker,  Benjamin  I^eukirch  (s. 
Wachler  TU,  279.  281.  283.  285).  Was  ist  davon  auf  der 
Gieszener  bibliothek?*  —  12.  9.  1852:  »Soeben  war  Jacob 
Grimm  bei  mir,  der  nach  Heidelberg  ist.*  (vgl.  Gervinus 
an  Weigand  23.  9.  1852.  Anm.  zu  S.  308).  -  17.  11.  1852: 
,ln  der  einleitung,  die  mh:  recht  wohl  geföllt  [es  handelt 
sich  jedenfalls  um  d.  2.  Aufl.  von  W.'s  Wörterbuch  d.  ^- 
nonymen  Mainz  1852],   finde   ich   alles   dahin   gehörige  an- 

feführt Auch  dürfte  noch  untersucht  werden,  ob 
acob  Grimm  im  2.  bände  d.  grammatik  nach  den  *neuen 
abkürzungen*  (francof.  frankrarter  glossen)  diese  glossen 
oder  andere  meint;  denn  Jacob  Grimm  besitzt,  wie  Wilh. 
Grimm  mir  d.  26.  9.  1851  schrieb,  von  diesen  glossen  eine 
abschrift  Maszmanns,  welche  Wilhelm  bei  den  Wiesbader 
glossen  benutzt  haben  wird ,  weshalb  ihm  die  lesefehler 
nicht  zur  last  fallen.  Wilhelm  setzte  damals  hinzu  *ein 
genauer  abdruck,  etwa  in  Haupts  Zeitschrift,  würde  immer 
verdienstlich  sein**.  —  20.  12,  1852:  mtnahren  steht  in  der 
hs.  des  herm  v.  Aufsesz  (in  der  sich  Albrechts  von  Keme- 
naten Zwerff  Goldmar  findet)  nr.  1359  b  in  einem  verzeig- 
nisse  von  pnanzennamen,  das  ich  für  Jacob  Grimm  abge- 
schrieben habe  und  das  ich  im   concepte   noch  besitze:    es 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  377—379.  369 

ist  nirgends  gedruckt."  —  9.  9.  1855:  ^Dasz  W.  Qrimm  in 
Soden  war ,  nahen  Sie  wohl  aus  der  zeitung  erfahren ;  er 
lieez  mich  es  wissen  u.  ich  habe  so  einen  herrlichen  taff  in 
[seiner  gesellschaft]  verlebt.     Auch   Ihrer  wurde   gedacht*. 

—  30.  8.  1857  :  ^Zu  Ihrer  Berlinei  reise  das  schönste  wetter  I 
•  an  herzlichster  aufnähme  bei  den  beiden  Cirimm,  bei  Masz- 

mann  u.  s.  w. . .  wird  es  nicht  fehlen  . . .  GrüszenSie  mir  doch 
J.U.W.  Gr.,  sowie  Wilhelms  frau  r^cht  herzlich  u.  die  söhne 
Wilhelms  —  die  tochter,  die  ich  wohl  den  20.  luli  1840  in 
Cassel  sah,  war  ende  juli  1852  (als  ich  in  Berlin)  im  Harze." 

—  5.  1.  1860:  , Leider  hat  Ihnen  u.  mir  der  schlusz  des 
iahrs  durch  das  abieben  Wilhelm  Grimms  noch  unersetz- 
lichen Verlust  gebracht.  Möge  Jacob  uns  und  der  Wissen- 
schaft noch  recnt  lange  erhalten  bleiben!*  —  25.  1.  1862: 
^Mit  diesem  briefe  geht  auch  ein  päckchen  zettel  fürs 
Wörterbuch  an  Jacob  Grimm  ab,  von  aem  ich  lange  nichts 
gehört  habe.* 

Von  den  Briefen  der  Brüder  an  Fr.  Roth  scheint  keiner 
erhalten  zu  sein ,  wenigstens  sind  meine  Nachforschungen 
nach  denselben  bei  dem  Sohne  erfolglos  gewesen.  In  der 
Grimm-Correspondenz  finden  sich  auch  nur  zwei  Briefe  v. 
Fr.  Roth  an  J.  Gr.  Der  erste  v.  2.  1.  60  ist  der  Beileids- 
brief aus  Anlass  v.  Wilhelms  Tod.  Dr.  Th.  Creizenach  habe 
dem  auch  in  Frankfurt  tief  empfundenen  Verluste  am 
29.  Dec.  in  d.  lit.  Section  des  Vereins  f.  Gesch.  u.  Alterthum 
würdige  Worte  verliehen.  Der  zweite  vom  13.  5.  1861  ent- 
hält Mittheilungen  über  Weisthümer  und  einige  Zettel 
fürs  Wb. 

S.  378.  ob  das  wb.  gelesen  wird  von  andern 
als  von  Hildebrand  u.  von  Ihnen]  vgl.  J.  Grimm  an 
Franz  Pfeiffer  v.  11.  4.  1862  (Germ.  XI,  252). 

S.  379.  Was  Sie  von  Pfei  fer  melden].  Ein 
Brief  Pfeiffers  an  Weigand  vom  8.  11.  1861  be^nnt:  ,Da 
ich  an  einem  Fieber  zu  Bett  liege,  so  musz  ich  mich  zq 
Beantwortung  Ihres  Briefes  der  Hand  meiner  Frau  be- 
dienen.*  —  L.  »Megenberg'. 

S.  379  no.  ISS]  Darauf  antworten  W.'s  Br.  86—90.  — 
Br.  86  V.  3.  6.  1862:  Neue  Zettel.  ,Wenn  ich  früher  ein- 
mal Ihre  gedrängtheit  erwähnte,  so  bezog  sich  diesz  auf 
die  faszung  Ihrer  forschungen  und  der  aus  diesen  gewonnenen 
ergebnisse,  und  gerade  die  inhaltvolle  kurze  art  Ihrer  dar- 
legung  ist  mir  besonders  lieb,  begriffe  und  belebe,  über- 
haupt die  ausführung  der  artikel  sind  nach  meinem  er- 
meszen  nicht  zu  kurz  und  es  ist  gewis  höchst  wünschens- 
werth,  wenn  Sie  hier  so  ausführTich,  als  möglich  sind. 
....  —  Meinen  besten  dank  für  das  schöne  büd 
E.  StongeL    Acten  der  Brüder  Orlmm.  24 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


370  AnmerkuDgen  za  6.  I  S.  379. 

Fichtes.  Ihrem  nrtheil  über  seine  philosopbie  stimme  ich 
Yollkommen  bei,  aber  seine  reden  an  die  deutsche  nation 
habe  ich  immer  geschätzt,  besonders  angezogen  hat  mich 
von  unsem  philosophen  überhaupt  nur  einer,  nämlich  Kant, 
und  ich  habe  in  ihm  stets  den  scharfen  denker  bewundert. 
-  Wilhelm  Hoffmann  ist  nichts  anders  als  ein  bnchmacher, 
dem  es  nur  auf  den  verdienst  ankam.  .  .  bei  der  von  mir 
beabsichtigten  recension  gilt  mir  es  weniger  um  das  buch 
selbst,  vielmehr  darum,  manches  sagen  zu  können,  woiu 
sich  hier  gelegenheit  bietet.  .  .  .*  —  Br.  87  v.  pfingstsonntag 
1862 :  W.  theilt  einige  Bemerkungen  zur  neuen  Lieferung  des 
Wb.  mit.  „zu  diesen  rechne  ich  zunächst  wenn  ich  die 
Wörter  *felddienst'  und  'felddienstzeichen^  vermüst  habe, 
welche  bei  unsem  Soldaten  sehr  geläufig  sind.  .  .  vielleicht 
wären  noch  *feifeP  und  'finkler*  in  der  alphabetischen 
folge  zu  erwähnen  gewesen,  um  auf  *feibel*  und  *finkeler' 
zu  verweisen,  wo  jene  beiden  formen  auch  angeführt  sind. 
bei  *feldbett*  fiel  mir  aus  Waliensteins  tod  aufis.  3  auftr. 
10  ein :    ,was  sagst  du  ?    dreiszig  jähre  haben  wir 

zusammen  ausgelebt  und  ausgehalten. 

in  äinem  feldbett  haben  wir  geschlafen, 

aus  ^inem  glas  getrunken,  ^inen  bissen 

getheüt*  — 
und  die  stelle  ist  schön,  aber  sie  konnte  auch  wegbleiben, 
da  das  geläufige  wort  an  sich  in  seiner  bedeutung  keines 
beleges  bedurfte,  das  *ein  so*  in  der  stelle  aus  Schwabes 
tintenfäszl  auf  sp.  1444  z.  8  v.  u.  ist  nach  der  Volkssprache 
nicht  ganz  durch  *80  einer*  zu  deuten,  sondern  diese  £aazt 
vielmehr  das  sp.  299  f,  behandelte  wort  scharf  in  dem  sinne 
'so  und  nicht  anders*  (=  in  d^r  und  keiner  andern  weise 
des  handelns  oder  handelnd,  in  d^r  und  keiner  andern  weise 
beschaffen,  überhaupt  in  d^r  und  keiner  andern  weise),  die 
von  Alberus  in  seinem  dictionar.  aus  der  Dreieich  angeführte 
redensart  *der  alb  feist  so*  auf  sp.  1466  stand  bereits  voll- 
ständiger 1,245  unter  *alp*,  und  ich  hatte  übersehen,  sie 
noch  einmal  bei  *feisten*  zu  wiederholen,  jetzt  hört  man 
sie  in  jener  gegend  nicht  mehr.  sp.  1664  in  der  zweiten 
bedeutung  von  *finkeln*  wird  funkeln  zu  schreiben  sein  und 
ich  werde   einen  zettel  zu  diesem  worte  nachbringen,    der 

ansdruck   gehört   der   Volkssprache  an füge  zwei  be- 

merkungen  von  dr.  Christian  Rumpf  bei,  einem  meiner 
ersten  zuhörer,  der  namentlich  im  niederländischen  und  im 
friesischen  sehr  schöne  kenntnisse  besitzt.  .  .  Rumpf  ist  ein 
sehr  eifriger  leser  Ihres  Wörterbuchs.  —  Die  Kölner  zeitong 
meldet  von  einem  am  30.  v.  m.  in  der  academie  zu  Wien 
gehaltenen  vertrag  Franz  Pfeiffers  über  das  Nibelungelied, 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  379—380.  371 

auf  den  ich  begierig  bin.  es  soll  nicht  aus  Volksliedern 
entstanden  sein,  sondern  den  von  Kürenberg  zum  verfaszer 
haben.  Pfeiffer  wird  jedenfalls  für  seine  behauptung  seine 
gewichtigen  gründe  haben ;  wie  ich  die  sache  vor  der  band 
ansehe,  glaube  ich  kaum  dasz  er  völlig  überzeugen  dürfte. 
—  Unsere  verstorbene  groszherzogin  war  im  lande  sehr  be- 
liebt  «    —    Br.   88  V.  26.  6.  1862;    Neue  Zettel.     »Eine 

bildung  Göthes  vermisse  ich  in  der  neuen  lieferung  des 
Wörterbuches,  ^felsenmütze*  aus  bd.  13  s.  54,  und  es  scheint 
fast  als  habe  der  sonst  so  überaus  sorgfältige  auszieher  des 
grösten  dichters  das  wort  aus  irgend  einem  besondem  gründe 
nicht  auf£[ezeichnet.  wäre  nur  der  auszieher  Höltys  mit  der 
Genauigkeit  Klees  [der  Göthe  auszog ;  s.  J.  Gr. 's  Br.  an  ihn 
Germ.  26,  127]  verfahren,  aus  diesem  dichter  sind  viele 
aufzeichnenswerthe  stellen  unaus^ezogen  geblieben,  und  ich 
habe  in  meinen  zetteln,  wie  Sie  bemerkt  haben  werden, 
nachzuhelfen  gesucht,  da  ich  aber  bei  manchen  bildungen 
dachte,  sie  mOchten  Ihnen  bereits  von  dem  früheren  aus- 
zieher vorliegen,  und  sie  deshalb  nicht  gleich  ausschrieb,  so 
sind  sie  im  wörterbuche  weggeblieben,  dahin  ffehören,  wie 
ich  nun  sehe,  in  der  neuen  lieferung  'feuerscnmatz'  und 
•feuerstrand*  Hölty  (1804)  s.  27  und  25.  ich  werde  künftig 
aufmerksamer  sein  und  ohne  rücksicht  auf  jenen  auszieher 
aus  Hölty  ausziehen,  was  mir  für  das  Wörterbuch  zu  taugen 
scheint,  bisher  hatte  ich  mein  aagenmerk  mehr  auf  die 
eigentlichen  früheren  texte  von  Hölty  und  die  von  Voss 
nicht  aufgenommenen  gedichte  gerichtet. ..."  —  Br.  89  v.  16. 8.: 
Neue  Zettel.  —  90  v.  31.  8.  1862:  Zettel  zum  Quellenverzeich- 
nisse, „es  ärgert  mich  dasz  ich  Ihnen  ein  paar  zettel  nicht  zeitig 
habe  zusenden  können,  so  z.  b.  zu  *d  er  fliedermus*  mit  dem  be- 
lege aus  Schmidts  von  Wemeuchen  almanach  der  musen  und 
grazien  für  1802  s.  285,  wo :  'kocht  steifen  fliedermus,  macht 
saure  kirschen  ein*  und  zu  'der  fliesz*.  wozu  sich  bei  eben 
diesem  dichter,  doch  ohne  dasz  sich  das  ^eschlecht  er- 
kennen läszt,  'erlenfliesz'  bietet.  .  .  .  habe  bei  ßchmidt  ge- 
sehen dasz  er,  wie  ich  früher  bereits  aus  einzelnen  gedichten 
schlosz,  für  das  Wörterbuch  eine  bedeutende  ausbeute  ge- 
währt  • 

S.  380.    Wh.  Hoff  mann]  vgl.  Anm.  zu  S.  352. 

S.  380  no.  1891  Darauf  erwidern  W.'s  Br.  91—93.  -  Br.  91 
V.  4.  10.  1862:  Neue  Zettel,  Erwähnung  der  Augsburger 
Philologenversammlung.  —  Br.  92  v.  8.  11.  1862:  Freude 
über  neue  Lieferung,  neue  Zettel.  „Fladungen  sp.  1709  ist 
sicher  dativ  plur.  eines  mannsnamens  Fladung;  ich  kannte 
einen  mann  zu  Striaen  in  der  Wetterau,  der  sich  so  schrieb, 
dasz  ich  bei  der  sp.  1800  unter  'flink*  angegebenen  belegstelle : 

24* 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


372  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  382—383. 

im  ganzen  dorf  ist  kein  gesiebt 

der  flinken  Hanne  gleich 
Adelungs  fehler  aut  einem  zettel  nicht  berichtigt  habe, 
ärgert  mich  nun.  die  stelle  ist  nämlich  nicht  von  Weisze, 
sondern  von  Hagedorn  und  steht  in  dfr  1800  zu  Hamburgs 
erschienenen  gesammtausgabe  bd.  8  s.  80.  der  name  dürfte 
sich  berichtigen  laszen,  wenn  die  stelle  unter  dem  artikel 
*gesicht',  wohin  sie  auch  trefl'lich  pHfst,  wiederholt  würde. 
.  .  .  ich  habe  Ihnen  doch  wol  früher  einen  zettel  mit  dem 
Worte  *forstteich'  =■  im  oder  am  forst  befindlicher  teich 
und  der  stelle  von  Salis  s.  51  *der  forstteich  mattversilbert 
(vom  monde)  glimmt  durch  zarten  ne bei dufl* zugesendet? 
es  wäre  mir  leid,  wenn  der  hübsche  ausdruck  Ihnen  viel- 
leicht nicht  vorgelegen  haben  sollte.  .  ."  Br.  98  v.  11.  11. 
1862:  W.  dankt  für  die  übersandten  Bücher,  die  mir  stets 
höchst  werthe  und  liebe  andenken  sein  werden,  als  ich 
beim  auspacken  den  Karl  Meinet  aufschlug  und  auf  den 
ersten  blick  Pillnitz  mit  bleistift  eingeschrieben  las,  ergriff 
mich  ein  schmerzliches  geiühl,  denn  gerade  über  den  auf- 
enthalt  zu  Pillnitz  verbreitete  sich  der  letzte  brief,  welchen 
ich  von  Ihrem  lieben  herm  bruder  erhielt,  und  dort,  wo  er 
demnach  die  dichtung  durchgegangen,  hatte  es  ihm  so  wol 

f feiallen,  mit  welchem  fleisze  aber  und  w.elcher  Sorgfalt  hat 
hr  seliger  herr  bruder  die  einzelnen  werke  durchgegangen 
und  durchgearbeitet,  letzteres  zeigt  sich  namentlich  oei 
dem  Eraclius,  bei  welchem  eine  menge  verbeszerungen  mit 
der  grösten  genauigkeit  eingeschrieben  sind.  .  .  ."  Neue 
Zettel. 

S.  388  no.  190]  Darauf  antwortet  W.*s  Br.  94  v.  23. 12. 
1862:  W.  übersendet  die  neue  Lieferung  seines  Wbs.  bis 
*schmiegen^  „Mit  den  auszögen  aus  dem  vocabularios 
teutonicus  von  1482  bin  ich  nicht  fertig  geworden.  . .  auszer 
den  bisher  angezogenen  werken  aber  werden  Sie  auf  den 
zetteln  manche  neue  finden,  bo  Frevers  an  Weisung  zur 
teutschen  Orthographie  (Halle,  1722),  Öries  gedichte,  Gries 
Übersetzung  von  Fortiguerras  Richardett,  Dreyers  gedichte, 
Tiedges  elegien  dritter  band  und  frauenspiegel.  die  auf- 
zeichnungen  dr.  Bindewalds  aus  Kist  für  aas  F  werde  ich 
in  meine  zettel  einordnen,  so  dasz  Sie  diese  auch  gleich  bei 
der  ausarbeitung  benutzen  können.  .  .* 

S.  888.  dasz  ich  anfangs  october  zur  histori- 
schen commission  nach  München  muste]  J.  Gr. 
Senoss  das  specielle  Vertrauen  von  König  Max,  mit  dessen 
nterstützung  auch  der  vierte  Band  der  Weisthümer  (S.  870) 
erschien.  Aus  dem  Brief  eines  jüngeren  Germanisten  an 
Weigand  vom  24.  Dec.  1868  geht  hervor,  dass  er  sich  noch 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  383—385.  373 

20  Tage  vor  seinem  Tode  für  denselben  durch  ein  direct  an 
den  König  gerichtetes  Schreiben  verwandte.  In  der  hist 
Commission  hatte  J.  Gr. ,  als  es  sich  um  die  neue  Ausgabe 
von  Schmeller's  bayrischem  Wörterbuch  handelte,  anfänglich 
beantragt  nur  die  nackten  Nachträge  von  Schmeller  selbst 
abdrucken  zu  lassen. 

S.  884  no.  191]  Darauf  antworten  W.'s  Br.  95  96.  — 
Br.  95  V.  14.  2.  18r3:  ^  ...  so  empfangen  Sie  erst  jetzt  die 
noch  übrigen  auszUge  aus  dem  vocabular.  teutonicus  v.  i. 
1482  fQr  aas  F  nebst  weiteren  aus  Schillers  Teil,  den  ich 
eben  in  der  obersten  classe  der  realschule  mit  den  schülem 
lese,  doch  vielleicht  liegen  Ihnen  bereits  zettel  von  dem 
auszieher  der  schillerscben  werke  vor,  der  aber  manches 
ausgelaszen   hat,    z.  b.    eben   im  Teil   den   ausdruck  'fluch- 

Sebäude'.  dann  werden  Sie  einige  zettel  mit  belegen  aus 
ists  neuem  deutschen  Parnasz  finden,  die  dr.  Bindewald 
ausgezogen  hat,  ebenso  einige  auszüge  aus  kirchenliedem 
von  demselben.  .  .  .  auffällig  ist  das  von  mir  aus  Vossens 
briefen  aufgezeichnete  wort  'frägler',  und  ich  bin  begierig 
ob  Sie   sonst   noch    einen  beleg  haben  werden,    hoffentlich 

kommt   der   zettel  nicht  zu  spät *    —   Br.  96  v.  18.  3. 

18t)8 :  Neue  Zettel.  „R.  v.  Kaumer  hat  in  no.  9  des  lit. 
Centralbl.  die  deutsche  Orthographie  des  19.  jahrh.  v.  d'Hargues 
(seminarlehrer  in  Berlin,  wenn  ich  nicht  irre)  angezeigt, 
ohne  das  mangelhafte  des  buches  u.  seines  Verfassers  mit 
schärfe  hervorzuheben ** 

S.  385  no.  192]  Darauf  antworten  W.'s  Br.  97  u.  98.  — 
Br.  97  V.  30.  4.  1863:  ,.Den  herzlichsten  dank,  lieber  ver- 
ehrtester  herr  hofrath,  für  das  unter  dem  23.  v.  nv,  gütigst 
übersandte,  es  war  mir  lieb,  das  in  Riga  erschienene  buch 
über  *das  schreiben  des  deutschen'  kennen  zu  lernen,  zumal 
da  es  nicht  im  buchhandel  ist.  bei  allen  Wunderlichkeiten, 
die  darin  vorkommen,  erscheint  es,  wie  Sie  mit  vollem 
rechte  bemerken,  viel  beszer,  als  die  mit  Selbstgefälligkeit 
geschriebene  schlechte  arbeit  von  d'Hargues.  .  .  .  sowie  es 
mir  möglich  ist,  werde  ich  die  beiden  bücher  anzeigen, 
wahrscheinlich  in  der  Darmstädter  .schul zeitung,  und  da 
keine  so  zahme  recenaion  des  buches  von  d'Hargues  liefern, 
wie  R.  V.  Kaumer.  .  .  —  Die  gütigst  übersandten  aushänge- 
bogen  haben  mir  grosze  freuae  gemacht .  .  .  übrigens  hat 
das  landübliche,  auch  in  der  Wetterau  vorkommende  'fort- 
schustern' sp.  31  den  genaueren  begriff:  einen  durch  freund- 
liches zuthun  sich  fortbegeben  machen,  so  schustert  man 
z.  b.  einen  betrunkenen  aus  einer  Gesellschaft  fort,  wenn 
man  ihn  zum  mitgehn  mit  einem  sich  wegbegebenden  be- 
redet,  ihm  auch  wol  vorspiegelt,  es  warte  jemand  auf  ihn 


y  Google 


374  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  385—387. 

zu  hause  u.  s.  w.  Eehrein  hat  sich  als  director  des  schal- 
lehrerseminars  zu  Montabaur  groszentheils  durch  seine  Semi- 
naristen die  idiotismen  in  Nassau  aufsammeln  laszen,  ohne 
selbst  gewiszenhafb  zu  prüfen  ob  auch  alles  richtig  steht^ 
zumal  da  er  alles  nicht  geschwind  genug  gedruckt  sehen 
kann  theils  um  des  geldes  theils  um  der  ehre  willen,  and 
so  kommt  es  ihm  auf  genaue  und  scharfe  begriffsbestimmang 
eben  nicht  an.  leichter  hatte  er  es  bei  seinem  onomatischen 
Wörterbuche,  denn  hier  hat  er  groszentheils  mein  Wörter- 
buch der  deutschen  synonymen  ausgeschrieben,  weshalb  ich 
auch  eine  recension,  die  er  von  mir  wünschte,  ablehnte, 
tadeln  mochte  ich  nicht,  weil  ich  ihn  aus  meiner  Studien- 
zeit her  kannte,  und  loben  konnte  ich  nicht.  —  Zu  dem 
Wörterbuche  lege  ich  hier  eine  anzahl  Wörter  bei . . .  manches 
darunter  ist  aus  öffentlichen  blättern  und  dem  gewöhnlichen 
leben.  —  Mit  gröstem  bedauern  habe  ich  den  tod  Ihres 
herrn  bruders  in  Kassel  in  den  Zeitungen  gelesen  und  es 
schmerzt  mich  tief,  dasz  Sie  wieder  in  trauer  versetzt  sind, 
gott  sei  mit  Ihnen  und  verleihe  Ihnen  trost  in  diesem  neuen 

tiefen  leide "   —   Br.  98  v.  17.  6.  1863:    Neue  Zettel. 

Er  habe  sein  Wb.  im  S  ein  Stück  weiter  gebracht.  ,in 
Notkers  aristotelischen  abhandlungen  s.  58  der  ausgäbe 
Graffs  findet  sich  ein  'scregehöri.*  das  ist  doch  wol  ans 
einem  ahd.  scregi  unserm  nhd.  schräge  und  einem  adj.  höri, 
von  höran,  hörran  unserm  hören,  erwachsen  ?  aber  wie  wird 
da  bei  diesem  höri  zu  erklären  sein?  etwa  gehörig?  und 
also  scregehöri  gehöri^keit  zum  schrägen,  schrägheit? 
Graff  läszt  wie  gewöhnlich  bei  schwierigen  Wörtern,  so  auch 
hier  im  stich.  —  Ags.  *snican*  =  kriechen  nehmen  Sie  doch 
wol  auch  nicht  als  stark  biegend.  ...  —  Mit  dem  tode  des 
Professors  Knobel  ist  in  der  hiesigen  theologischen  facultät 
eine  höchst  empfindliche  lücke  eingetreten.  .  .  in  der  grab- 
rede  wurde  erwähnt,  dasz  er,  als  er  hierher  berufen  worden, 
auch  nach  Göttingen  einen  ruf  erhalten  habe,  um  an  Ewalds 
stelle  zu  treten,  diese  letzte  berufung  aber  abgelehnt  habe, 
weil  es  ihm  widerstanden,  das  amt  des  widerrechtlich  ent- 
setzten anzunehmen,  das  war  auch  ganz  Knobels  fester 
gesinnung  gemäsz,  die  jeder  an  ihm  acuten  muste  und  die 
er  unverholen  und  ohne  scheu  aussprach.  .  .  * 

S.  386.  das  elende  buch  von  d'HarguesTF.  d'H. 
Die  deutsche  Orthogr.  im  19.  Jahrh.  Berlin  186*2.  8.  Weigand 
scheint  sein  Vorhaben  das  Buch  zu  recensiren,  aufgegeben 
zu  haben,  so  kann  ich  auch  nichts  über  das  ihm  von  Grimm 
übersandte,  in  Biga  erschienene  sagen. 

S.  387  no.  19äU^ygl.  auch  einen  schon  von  Bindewald 
angefahrten  Brief  Weigands  an  L.Diefenbach  v.31. 10. 1863: 


y  Google 


Anmerknngen  zu  B.  I  S.  387.  375 

...  «Sie  erwähnen,  lieber  Diefenbach,  den  tod  Jacob 
Grimms  und  drücken  Ihren  schmerz  aus.  ich  dachte  Ihnen 
an  dem  tage,  an  welchem  ich  an  dem  grabe  des  mannes, 
an  dem  ich  mit  ganzer  seele  hing ,  gestanden  hatte ,  von 
Berlin  aus  zu  schreiben,  aber  ich  brachte  nur  wenige  zeilen 
ferti(^,  mich  überwältigte  die  wehmuth  und  so  blieb  der 
brief  unvollendet,  dasz  er  krank  gewesen  war ,  hatte  ich 
nicht  gewuszt,  noch  den  21.  v.  m.,  also  den  tag  nach  sei- 
nem tode,  hatte  ich  ihm  aufzeichnungen  fHr  das  Wörter- 
buch geschickt  und  ihm  geschrieben,  dasz  ich  über  Weimar 
und  Leipzig  zur  Philologenversammlung  nach  Meiszen  zu 
gehn  vorhabe  und  von  da  nach  Berlin,  falls  er  zu  der  zeit 
nicht  verreist  sei.  während  aber  dieser  brief  nach  Berlin 
lief,  lief  ein  an  demselben  tage  in  der  frühe  geschriebener 
brief  von  Grimms  nichte  Auguste  an  mich  feinj  und  meldete 
mir  das  am  tage  vorher  bald  nach  10  uhr  abends  erfolg 
hinscheiden  sowie  die  vorausgegangene  krankheit,  eine 
leberentzündung,  und  dann  den  nach  beszerung  derselben  ein- 
getretenen Schlaganfall,  der  den  tod  herbeiführte,  meinen 
schmerz  können  Sie  Sich  denken,  ich  eilte  gleich ,  nach- 
dem ich  mich  etwas  gesammelt  hatte,  auf  das  telegraphen- 
bureau  und  fragte  bei  frau  professor  Grimm  an,  wann  die 
beerdigung  stattfinde,  worauf  ich  alsbald  die  antwort  er- 
hielt, dasz  sie  donnerstags  früh  um  9  uhr  sei.  So  eilte  ich 
denn  mittwochs  ^  dienstags  hatte  ich  Augustchens  brief 
erhalten  —  mit  dem  morgens  abgehnden  eilzug  nach  Ber- 
lin, wo  ich  abends  gegen  halb  zehn  eintraf,  donnerstags 
früh  gieng  ich  zuerst  zu  MüUenhoff,  um  mich  zu  befragen, 
in  weicher  weise  die  begleitung  zum  iriedhofe  statthabe, 
und  begab  mich  dann  etwa  um  acht  uhr  in  Grimms  wohnung, 
wo  der  sarg  in  der  wohnstube  aufgestellt  war.  er  war 
schon  geschloszen  und  so  konnte  ich  die  theuemzüge  nicht 
noch  einmal  sehen,  oben,  zu  beiden  seiten  und  an  den 
beiden  enden  war  er  mit  kränzen  geschmückt,  am  obem 
ende  hieng  ein  kränz  von  weiszen  rosen  mit  zwei  nieder- 
hangenden breiten  weiszen  bändem,  worauf  die  worte  ge- 
stickt waren  ^dem  freund  der  Jugend  von  dankbaren  kin- 
dem."  ich  blieb  hier  bis  zur  bestimmten  stunde,  die 
trauerversammlung  war  grosz.  propst  Nitzsch  hielt  die 
rede,  die  begleitung,  die  sich  von  dem  hause  nach  dem 
friedhofe  bewegte  war  eine  so  zahlreiche,  wie  sie  Berlin 
selten  sieht,  am  grabe,  in  welches  der  sarg  gesenkt  wor- 
den war,  sprach  prediger  Buttmann,  ein  söhn  des  berühm- 
ten Philologen,  oeide  brüder  ruhen  neben  einander,  ich 
habe  mir  das  bild,  wie  ihre  sarge  stehn,  wol  eingeprägt, 
sonntags  nachmittags  war  ich  mit  Müllenhoff  noch  einmal 


y  Google 


376  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  387—388. 

an  der  stelle;  ich  wollte  gerne  die  gräber  sehen,  ehe  ich 
von  Berlin  abreiste,  es  ist  die  schönste  Stelle  des  kirch- 
hofs,  wo  das  einzige  brüderpaar  ruht,  an  einer  sanften  an- 
höhe,  von  welcher  man  gerade  hier  eine  schöne  anasicht 
hat.  ich  war  viel  in  Grimms  wohnung,  und  es  ergriff  mich 
tiefe  wehmuth,  als  ich  die  zimmer  betrat,  in  welchen  ich 
vor  sechs  jähren  bei  den  beiden  brüdem  so  frohe  slunden 
verlebt  hatte,  höchst  schmerzlich  war  es  itir  mich,  als  ich 
dann  den  28.  v.  M.  von  Wilhelms  familie  schied,  am  den 
darauf  folgenden  Tag  morgens  früh  nach  Meiszen  zu  reisen. 
—  Über  die  philologenver8ammlunf2[  an  diesem  orte  wissen 
Sie  wol  alles  aus  den  zeitungen,  wie  schön  wäre  es  doch 
dort  gewesen,  wenn  Jacob  Grimm,  wie  es  vor  seiner  krank- 
heit  seine  absieht  war,  auch  hingekommen  wäre,  mich  er- 
füllte der  schmerz  um  ihn  und  ich  kann  darum  nicht  von 
heitern  tagen  sprechen,  wie  andere  bei  der  gedächtnia- 
feier ,  der  die  gesammtversammlung  anwohnte ,  sprach 
Zamcke  ganz  vortrefflich,  und  was  die  grenzboten  darüber 
berichten,  ist  völlig  der  Wahrheit  gemäsz.  —  Ich  habe  es 
übernommen ,  vorerst  das  F  zu  ende  zu  führen,  und  Hilde- 
brand, dem  Grimm  schon  vor  etwa  sechs  jähren  das  K 
übertragen  hatte ,  wird  auch  das  G  ausarbeiten.  Grimm 
ist  im  artikel  'frucht'  stehn  geblieben  und  von  da  habe  ich 
dann  weiter  zu  arbeiten.  der  winter  wird  demnach  ein 
schwerer  für  mich  sein ,  indem  ich  zugleich  an  meinem 
eignen  buche  arbeiten  musz.  könnten  Sie  mir  vielleicht 
gütigst  mittheilen,  ob  in  den  von  Ihnen  ausgezogenen 
glossaren  irgend  'frühling*  sich  findet  und  in  welchen,  so 
würde  ich  Ihnen  dafür  herzlich  danken.** 

S.  38^.  L.  Diefenbach].  Der  berühmte  Sprachforscher 
stand  sowohl  mit  Fr.  Diez,  wie  mit  Wei^nd  in  intimen  Vei> 
kehr.  Diez  Briefe  an  ihn  habe  ich  mit  denen,  die  er  an 
Weigand  schrieb,  (vergl.  hier  IL  366)  in  meinen  Erinnerungs- 
worten an  Fr.  Diez  Marb.  1883  veröffentlicht.  Seine  eige- 
nen an  Diez  gedenkt  Prof.  Tobler  zu  veröflfentlichen,  einige 
der,  welche  Weigand  an  ihn  richtete,  besitzt  jetzt  Dr.  0. 
Bindewald  in  Gieszen  und  hat  mir  Einsicht  in  dieselben 
gestattet ;  (s.  v.  Anra.) ;  auch  die,  welche  er  an  Weigand  schrieb 
(77  von  1837—1872)  liegen  mir  "vor.  Ich  theile  daraus  das  auf 
Grimm  bezügliche  mit :  Br.  17  fv.  1842:1  „  Die  merkwürdigen 
V.  J.  Grimm  entdeckten  ahd.  Gedichte  aus  heidniscber 
zeit,  Berlin  1842,  werden  Sie  nun  auch  aus  d.  Rhein.  Zei- 
tung oder  aus  Grimms  Broschüre  kennen  ?"  —  Br.  21.  v.  Hanau 
2. 12. 1843:  „Sobald  [meine  Grammatik]  im  Druck  ist,  werdeich 
sie  Ihnen  zusenden,  um  ....  Ihre  Ansichten  über  viele 
wichtige  Punkte  zu  hören,  darunter  gar  manche,  in  welchen 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  388.  377 

ich  selbst  v.  J.  Grimm  abzuweichen  wage  ....  Wenn  die 
Grimma  noch  zaudern,  kommen  Sie  ihnen  doch  mit  einem 
nhd.  Wb.  zuvor ,  ehe  Ihr  tnonumentum  aere  perennius  [d. 
Wb.  d.  Synonymen)  von  andern  Lexikographen,  vielleicht 
z.  B.  von  mir,  als  Spicker  benutzt  wird".  —  Br.  24  v.  11. 3. 1844 : 
„Besonders  freue  ich  mich ,  dasz  Grimm  Sie  zum  Idiotikon 
antreibt;  wir  sind  ja  wohl  alle  von  der  unschätzbaren  u. 
vielseitigen  Wichtigkeit  idiotischer  Studien  überzeugt ;  be- 
halten Sie  nur  in  Gottes  Namen  meine  Papiere  länger  .  .  . 
Wenn  Sie  Hrn.  J.  Grimm  wieder  schreiben ,  so  fragen  Sie 
ihn  doch  einmal  über  die  captatio  benevolentiae  durch  die 
Titel  vetter  u.  base  in  hiesiger  gegend ,  auch  anderswo  in 
Deutschland  (dem  Ruggau,  Rud-liuthgau;  beiläufig  versteht 
das  Volk  hier  auch  aas  Wort  gau).  Dasz  ein  ESngel  auf 
dem  Brodlaib  sitzt,  weshalb  man  ihn  nicht  verkehrt  legen 
darf,  wird  er  wissen ;  sodann  dasz  bei  Finsternissen  Gift 
auf  die  Erde  fällt  u.  diisz  der  Vogelflug  Was  bedeutet. 
Schreiben  Sie  ihm  diese  Kleinigkeiten  einmal  gelegentlich, 
so  bitte  ich  meine  Empfehlung  zuzufügen,  sowie  noch  eine 
kleine  Bemerkung,  die  mir  gerade  beifällt:  dasz  zu  seiner 
Erklärung  von  'hiaford'  (lord)  ags.  (noch  mehr  als  z.  B. 
unser  Brotherr  in  seiner  speciellen  Bedeutung)  der  Umstand 
passe:  dasz  das  Bulgarische  Volk  den  Sultan  'unsem  Sup- 
penherrn* nennen  soll,  wenn  der  Berichter  nc^e  6orhagi 
nicht  falsch  verstanden  hat.  Meine  Mutter  will  ich  nochmals 
nach  dem  Norntbörtiche  fvgl.  11 381  u.  1  fragen  oder  lieber  aus 
den  Dauemheimer  Flurbüchern  die  älteste  Schreibung  etc.  zu 
erkunden  suchen."  —  Br.  25  v.  9.  4.  1844:  „Über  den  Nomen- 
brunnen erwarte  ich  noch  Auskünfte;  einstweilen:  Der  ganze 
Grund  heisztbeim  Volke  nermburrem  und  wird  Nornboden  ge- 
schrieben ;  dort  der  nerm-bom  (närn-).  Die  durch  eine 
noch  existirende  Geldstiftung  bestätigte  neuere  Volkssage 
von  der  Altenburg  bei  Dauemheim  ist,  glaube  ich,  Ihnen 
u.  Grimm  bekannt.    In  der  Dau.   Gemarkung  ist  auch  der 

fßUe  (gille,  gülle)  -born,  dessen  gelbes  Waszer  nur  flieszt,  wanns 
'rieggiebt  [vgl.  II  382  o.].  Fieberfurcht  hält,  wie  an  vielen 
Orten,  die  Leute  vom  Trinken  aus  diesem  Brunnen  zurück.  — 
Die  Notiz  über  Alahstat  aus  Schannat  (cf.  Alahdorp- Allen- 
dorf V)  bei  Grimm  3.  428  werden  Sie  kennen."  —  Br.26v.28. 
5. 44 :  „Nach  Absendung  meines  Briefes  an  Sie,  lieber  Weigand ! 
kamen  mir  noch  einige  Teüfelnamen  ganz  zufällig  in  die  Hände, 
über  die  ich  Sie  u.  J.  Grimm  fragen  möchte,  vorausgesetzt 
dasz  sie  in  der  Mythologie  (deren  Studium  ich  demnächst 
vorhabe)  nicht  berührt  waren.  'De  olle  Firk*  der  Teufel 
nnd.)  hängt  doch  mit  dem  e.  firth  nicht  zusammen?  Das 
e.  firk  (vgl.  ferkeln  u.  ferl  bei  Klein  ?  gehört  wol  auch  nicht 


y  Google 


378  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  388. 

dazu.  Steht  es  in  Verbindung  mit  gth.  fairhvus  ahd.  (fira- 
him)  ferh  etc.,  wozu  wol  dän.  fyr  Bursche,  Kerl;  Geliebter, 
gehört;  vgl.  altn.  fiör  =  ferh.  Verschieden  ist  dÄn.  schwed. 
f  ö  r  gesund,  tüchtig,  das  zu  afrs.  fere  id.  Rhof.  734  gehört 
Ist  das  dort  erw.  altn.  faere  habilis,  sufQciens,  eine  Ver* 
wechselung  mit  foer  meabilis  Grm.  2,9  Nr.  73??  fcer  pasat 
durch  OB  besser  zu  dän.  för  —  woher  das  glbd.  iörlig, 
schwed.  fyrlig ;  foere  (faere)  beszer  zu  den  fries.  Formen,  an 
welche  sich  femer  altengl.  schott.  fere ,  fiere ,  fier  soand, 
(nicht  von  frz.  fier,  ferus),  healthy,  knüpft.  Letzteres  be- 
deutet auch  sodalis,  Freund,  Bruder,  Ehemann  etc.  u.  map 
in  dieser  Bd.  =  ags  gefgra  (Syn.  833)  sein.  Wie  ?  —  nnd. 
Pfänder,  fanner*  Teufel  ist  doch  wol  der  viant  e.  fiend  ,  der 
böse  Feind?  fankerl  bei  Klein  106  bed.  ei^.  Funken 
(vanke).  wester w.  *feiwel*  ist  wol  jedenfalls  euphemistisch  aiis 
deiwel  gebildet;  indessen  mag  zum  Anl.  f  irgend  ein  sinn- 
verw.  Name  mitgewirkt  haben.  Es  ist  Schlafenzeit,  gute 
Nacht !  Ihr  alter  Freund  Lorenz  D."  —  Br.  27  v.  2.  Pfingststa^ : 
„Grimms  Mythologie  neue  Ausg.  besitze  ich  zwar,  mag  sie 
aber  vor  ihrer  Vollendung  nicht  binden  laszen  u.  deshalb 
auch  nicht  lesen.  Deshalo  mögen  vielleicht  folgende  ganz 
gelegentliche  Notizen,  die  ich  Sie  ihm  mitzutheilen  bitte, 
überflüszig  sein.  Der  niederd.  *B  u  d  d  e*  (di  ward  de  Budde 
nig  biten  Dähnert  59)  ist  wol  trotz  des  d  Eins  mit  dem 
Butzemann  (cf.  Gf  v.  Buzo)."  ~  Br.  29  v.  23. 1.  1845:  „Ich  werde 
gel.  in  Frankfurt  noch  einmal  Bd.  70  der  Wiener  Jahrbücher 
nachsehen ;  alle  übrigen  Gothica  Grimms  habe  ich,  denke 
ich,  erschöpfend  benutzt;  in  neuester  Zeit  föngt  er  an,  sehr  kühn 
exoterisch  zu  vergleichen.*  —  Br.  31  v.  3.  4.  1845 :  „Ihre  lit. 
Neuigkeiten  von  Grimm  u.  Vilmar  sind  mir  noch  fremd ;  letztere 
werde  ich  mir  verschaflfen,  ob  ich  schon  (wenn  ich  nicht 
irre!)  hört«,  dasz  Vilmar  zu  der  pietistischen,  germanisch- 
christlichen  oder  protestantisch-römischen  Partei  neige,  die 
mir  mit  allen  ihren  Producten  widriger  ist,  als  das  Pabst- 
thum  selbst."  —  Br.  32  v.  5. 6. 1845  :  „Auf  Grimms  Fortsetzung 
[der  Grammatik]  habe  ich  nicht  gewartet;  sondern  mir  Th.  1 
Ause.  2  für  3  fl.  gekauft  .  .  .  Von  Grimms  Streite  mit 
Müller,  dessen  mitunter  phantastisches  Werk  ich  durchblätterte 
u.  für  Sprachliches  excerpierte,  habe  ich  nur  gehört;  der 
Streit  mit  Schaumann  —  worüber?  —  ist  mir  ganz  unbe- 
kannt, da  ich  hier  die  A.  ZZ.  nicht  lese  *  --  -  Vilmais 
Idiotismen  in  der  Kasseler  Zeitschrift  laszen  mich  das  beste 
von  seinen  Sprachkenntnissen  erwarten."  —  Br.  34  v,  Offenbach, 
28.  7.  1845:  „Ich  fürchte,  unser  J.  Grimm  hat  in  dem  Streite 
mit  Müller  u.  Schaumann  neue  Blöszen  gegeben,  um  so 
mehr,  da  er  die   zu  seinen  Arbeiten  Helrenden  nicht  eben 


y  Google 


Anmerkuiif^en  zn  B.  I  S.  388.  379 

immer  nennt."  —  Br.  35  v.  16. 3. 1846 :  „Neulich  las  ich  irgendwo 
die  Notiz,  dasz  endlich  der  erste  Band  des  Grimmschen 
Wörterbuchs  herauskommen  sollte.  Wenn  J.  Grimm  nur 
erst  seine  Grammatik  fortsetzte  .**  —  Br.  37  v.  10. 5. 1846 :  „Was 
wiszen  Sie  vom  Grimmschen  Wörterbuch ,  dessen  baldiges 
Erscheinen  (d.  h.  des  1.  Heftes)  alle  Zeitungen  ausrufen !"  — 
Br.  39  V.  13. 10. 1846 :  „Ihrer  gütigen  Darleihung  der  Grimmschen 
Abhandlungen  (worunter  die  über  Jomandes  besonders  in- 
teressirte)  bedarf  ich  nun  nicht,  da  mir  sie  der  Verf.  selbst 
verehrt  hat  .  .  Jac.  Grimm  wird  zunächst  eine  Geschichte 
der  deutschen  Sprache  herausgeben.  Ob  wir  aber  das  grosze 
Wörterbuch  erleben,  fragt  sich  —  eher  am  Ende  noch 
Weigands  wetterauisches  Idiotikon!"  —  Br.  40  v.  9.  12.  1846. 
„Über  Grimms  interessante  Abhandlungen  sage  ich  Ihnen  später 
Manches  mündlich  oder  schriftlich.  Mit  J.  Grimm  habe 
ich  öfters  verkehrt  [auf  der  Germanistenversammlung  in 
Frankfurt] ;  er  ist  überaus  gemüthlich  u.  sprach  mich  gleich 
von  Weitem  viel  mehr  an,  als  sein  Bruder,  mit  welchem  ich 
zuMlig  auch  nicht  Einmal  zusammentraf  ....  W.  Grimm 
hat  sogar  einen  Vortrag  über  das  künftige  grosze  Wb.  ge- 
balten, aber  nur  für  das  gröszere  Publicum,  darum  gar 
Nichts  über  die  Art  der  Behandlung  im  Einzelnen;  an  ein 
Erscheinen  desselben  ist  noch  lange  nicht  zu  denken.  Machen 
Sie  nur  zu,  dasz  Ihres  herauskommt!  J.  Grimm  wird  zu- 
nächst eine  Geschichte  der  d.  Sprache  herausgeben,  —  nach 
seinen  Aeuszerungen  bald  — ,  worauf  wir  uns  gewisz  freuen 
dürfen.  Von  der  neuen  Ausgabe  seiner  R.  A.  weisz  ich 
Nichts."  —  Br.  44  v.  2. 1. 1848 :  „Haben  Sie  nicht  vernommen,  ob 
Grimms  Sprachgeschichte  bald  herauskommt.  Ich  fürchte 
nur,  Grimm  stirbt  uns  einmal  weg,  ehe  er  Grammatik, 
Mythologie,  Wörterbuch,  Rechtsalterthümer  etc.  nach  Ver- 
sprechen completirt  hat."  —  Br.45  v.  Frankf.  a.  M.  19. 5. 1849: 
„J.  Grimm  hat  in  seiner  Schrift  über  die  Diphthongen  viele 
geniale  Forschungen  gegeben  oder  eingeleitet.  In  den 
meisten  Fällen  indessen ,  wo  er  die  ursprüngliche  Einheit 
verwandter  Wortstämme  durch  einen  mehr  mechanischen 
Ausfall  von  Consonanten  erklärt,  nehme  ich  lieber  die  or- 
ganische Entfaltung  mehr  oder  minder  synonymer  Neben- 
wurzeln aus  je  einer  Primitivwurzel  an."  —  ßr.46  v.  11. 1. 1851 : 
„Wird  denn  endlich  einmal  das  Grimmige  Wörterbuch  den 
Kopf  aus  der  Decke  stecken  ?"  —  Br.  49  v.  27. 6. 1852 :  „Ich  unter- 
schreibe willig  Weigands  Witz  contra  Grimms  Aberwitz 
(vgl.  Anm.  zu  S.  331  W.'s  Bedenken  gegen  Grimms  Deu- 
tung) u.  darf  mich  als  propbeta  post  eventum  berühmen, 
von  selbst  auf  Ihre  Ansicht  gekommen  zu  sein,  jedoch 
mehr  an  *aber*  st.  'after*  denkend  vgl.  Ihre  no.  18."  —  Br. 


y  Google 

,1  * , 


380  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  388. 

60  V.  Bornheim  b.  Frankf.  a.  M.  24.  1.  1860 :  „Unser  J.  Grimm 
wird  wegen  seiner  Schillerrede  mehrfach  angefochten ,  in 
gewohnter  ungezogener  Weise  von  Schwenck  im  Convers. 
der  hiesigen  (schwarzgelben)  Postzeitung.*  — Br.  63  v.  26.  10. 
1863 :  „Wollen  Sie . —  mir  gelegentlich  sagen :  ob  die  Verbal- 
endunff  st  der  2.  p.  sing,  statt  der  älteren  s  aus  Anleh- 
nung aes  Personförwortes  entstand  oder  wie  anders?  Ver- 
geblich suche  ich  bei  Ihnen  u.  Grimm  Auskunft.  Indem 
ich  diesen  theuren  Namen  schreibe,  thut  es  mir  aufs  neue 
weh,  dasz  ich  seine  Ansprache  um  Beiträge  zu  s.  Wb.  bia 
auf  unbestimmte  Zeit  ninaus  ablehnte,  gleichwohl  eine 
Sammlung  begann,  aber  sie  noch  zu  unbedeutend  fand,  um 
sie  ihm  zu  senden.  Da  er  nicht  in  meine  erdrückende  Ar- 
beitslast hineinsehen  konnte ,  hielt  er  mich  vielleicht  fSLr 
undankbar.  Have  pia   anlmat  Br.   64  v.  5.   11.    1863: 

„Ihre  Erzählung  aus  Berlin  (die  Begräbnisfeierlichkeiten 
J.  Gr. 's  betreffend.  Vgl.  II,  375)  rief  mir  eine  Aenszenmg  Ad. 
Kuhns  in  einem  Briefe  an  mich  in  den  Sinn.  Er  war  bei 
W.  Grimms  Begräbnisse  gewesen  u.  war  sehr  bewegt  von  Jacobs 
Anblick,  der  immer  nur  stumm  in  das  Grab  gestarrt  habe. 
[Vgl.  J.  Gr.'s  Kl.  Sehr.  I.  179.]  Die  Tragödien  des  Lebens 
stimmen  wenig  zu  dem  anthropomorpheu  Gotte  des  *Kad- 
dissemes*!  .  .  .  Wer  übernimmt  die  exotischen  Sprach- 
vergleichungen in  Grimmas  Wb.V  Haben  Sie  nicht  an  mich 
gedacht?  Für  jetzt  freilich  dürfte  ich  nicht  darnach 
streben.  Den  anliegenden  Anfang  einer  Sammlung  zu  Gr. 
Wb.  benutzen  Sie  nach  Belieben  und  geben  ihn  s.  Z.  mit 
den  Glossarauszügen  zurück.** 

Die  8  Briefe  v.  J.  Gr.  an  D.  wurden  mir  von  D.'s  Nichte, 
Frau  Prof.  Böse  in  Giessen  freundlichst  mitgetheilt  In  der 
Grimm-Correspondenz  befinden  sich  nur  6  solcher,  welche 
D.  an  J.  Gr.  schrieb. 

S.  388  no.  194)  Antwort  auf  D.'s  Br.  1  [praes.  22.  dec. 
1835],  womit  er  seine  Schrift  *Über  Leben,  Geschichte 
und  Sprache.  Giessen  1835*  übersandte:  ,Wolgeborener 
Herr!  Hochverehrtester  Herr  Professor!  Ew.  Wolgeboren 
wollen  mir  nicht  als  Anmaszung  oder  Zudringlichkeit 
auslegen ,  dasz  ich  wage ,  dem  hohen  Priester  des 
Tempels,  in  dessen  Vorhofe  ich  diene,  mit  meinem 
kleinen  Geschöpfe  näher  zu  treten.  Ihre  Forschungen  und 
noch  mehr  Ihr  frommer,  milder  Sinn  lehrten  Sie  ja  längst, 
auch  das  Kleine  nicht  zu  verachten ;  und  in  jedem  Indi- 
viduum —  Menschen  oder  Buche  —  wohnt  ja  doch  ein 
Funken  der  unendlichen  Lebensgluth.  Diese  Gedanken 
geben  mir  den  Muth,  auch  fQr  mich  und  mein  Büchlein 
eine  Stunde   Ihrer   unschätzbaren  Zeit  zu  erbitten.    Ich  er- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  388^-389.  381 

laube  mir  nur  noch  zu  erwähnen,  dasz  ich  die  Lyrik,  mit 
der  mein  Schriftchen  beginnt,  von  dem  philologischen 
Theile  desselben  fern  zu  halten  gesucht  habe.  -  Noch  be- 
merke ich ,  dasz  unsre  hiesige  —  übrigens  an  60,000  Bände 
zählende  —  Bibliothek  nicht«  Interessantes  für  Deutsche 
Sprache  darbietet,  als  etwa  eine,  zum  Theile  auf  Pergament, 
zum  Theile  auf  Papier  geschriebene  Randschrift  des  Barlaam. 
Mit  herzlicher  Verehrung  zeichne  ich  mich  Ew.  Wolgeboren 
gehorsamster  Diener  Dr.  Diefenbach.  Laubach  inOberHessen.* 
S.  389  no.  195]  Antwort  auf  D.'s  Br.  2.  Laubach  27. 3. 
1836 :  »Es  war  längst  mein  Wunsch,  ein  Autograph  von  Ihrer 
Hand  zu  besitzen;  ein  so  freundliches,  an  micn  selbst  ge- 
richtetes muszte  mir  dreifache  Freude  machen  und  ich  will 
es  gleich  einer  Reliquie  aufheben.  Ich  bin  aber  nun  so 
unbescheiden  und  bitte  Sie  um  Auskunft  über  folgende 
literarische  Angelegenheit:  Auf  unserer  Bibliothek  befindet 
sich  nämlich  eine  Handschrift  des  Barlaam.  .  .  Eine  Probe 
liegt  hierbei,  nach  deren  Verschiedenheit  von  dem  Köpke- 
schen  Barlaam  Sie  auf  den  Rest  schlieszen  mögen.  Ich 
laufe  wol  nicht  Gefahr,  mich  bei  Ihnen  lächerlich  zu  machen, 
indem  ich  in  aufrichtiger  Demuth  frage:  ob  diese  ver- 
schiedenen Barlaame  nicht  schon  eine  weltbekannte  Sache 
sind?  Ich  bin  nämlich  für  meine  philologischen  Studien 
hier  so  isolirt,  dasz  nur  die  treueste  Liebe  dazu  mich  daran 
festhalten  läszt;  das  genuszreichc  Studium  jenes  monu- 
mentum  aere  perennius,  Ihrer  Grammatik,  habe  ich  erst 
kürzlich  vollendet;  den  ersten  Band  hatte  ich  schon  öfters 
ganz  durchgelesen,  die  beiden  letzteren  vor  Ausarbeitung 
meines  Ihnen  übergebenen  Büchleins  erst  cursorisch,  was 
ich  nun,  da  ich  auch  diese  beiden  Bände  genauer  erkannte 
und  genosz,  sehr  bereue  früher  herausgegeben  zu  haben.  — 
.  .  .  Archäologisches  aus  diesen  Gegenden  weisz  ich  Ihnen 
bis  jetzt  wenig  zu  bringen  ,  theils  weil  ich  selbst  weniger 
mein  Augenmerk  auf  dasselbe  —  mit  Ausnahme  der  Sprache 
—  gerichtet  hatte,  theils  weil  die  raschere  Modernisirung 
der  Wetterau  das  AlterthÜm liebe  in  Sprache,  Sitten  und 
Sagen  sehr  verwischt.  Stehen  Sie  vielleicht  schon  in  Corre- 
spondenz  mit  Professor  DiefPenbach  in  Friedberg  (einem 
Verwandten  von  mir)  ?  Wo  nicht,  so  denke  ich  von  diesem 
Notizen  für  Sie  zu  verschaffen.  Indessen  erlauben  Sie  mir, 
Einiges  zu  bemerken.  1)  Im  Felde  von  Dauemheim,  Dorfe 
bei  Nidda  (Turenheim ,  von  Karl  d.  Groszen  an  Fulda  ge- 
schenkt) ist  ein  Grund  mit  Brunnen,  vom  Volke  Nöm- 
burrem  u.  Nömborn ,  oder  Nornb.,  von  den  Gebildeteren 
Nomenb.  etc.  genannt.  Wenn  ich  nicht  irre  gehört  zu 
diesem  Brunnen   die  Qaelie,   von   der  das  dortige  Volk  be- 


y  Google 


382  Anmerkungen  zn  B.  I  S.  389. 

hauptet,  dasz  sie  nur  fliesze,  wann  es  Kiieg  geben  solle  [vgl.  11 
377  Br.  25  J.  —  2)  An  der  Altenbargbei  Danernneim  (einem  Berse 
mit  Gemäuer  oder  vielleicht  nur  Steinhaufen;  eine  Stunae 
davon  bei  Nidda  ist  eine  andre  Altenburg,  auf  der  sicher  ein 
Schlosz  stand;  im  letzten  Sommer  fand  mein  genannter 
Vetter  bei  einem  flüchtigen  Gange  darüber  einen  antiken 
Pfeil  in  den  Steinen)  fand  ein  JSauer  eine  schöne  fremde 
Blume,  die  er  auf  den  Hut  steckte.  Bald  fühlte  er  etwas 
Schweres  auf  dem  Hute,  fand  statt  der  Blume  einen  Schlüge! 
u.  gewahrte  zugleich  eine  Thüre  im  Berge,  die  sich  seinem 
Schlüssel  öffnete.  Drinnen  war  reicher  Glanz  von  Metallen 
u.  Edelsteinen,  u.  der  Bauer  griff  wacker  zu  als  eine  Stimme 
ertÖDte :  vergisz  das  Beste  nicnti  Er  versah  sich  nun  noch 
reichlicher;  als  er  aber  gehen  wollte,  rief  die  Stimme  wieder 
das  Selbe  u.  so  noch  mehrmals ;  als  er  keinen  Baum  mehr 
hatte  zu  weiterem  Einpacken,  ging  er  ungeachtet  jenes 
Rufes  weg;  hinter  ihm  fiel  die  Thüre  donnernd  zu  nnd 
schlug  ihm  noch  ein  Stück  von  der  Ferse  (wett.  fearschte) 
u.  siehe,  da  erst  bemerkte  er,  dasz  er  den  Schlüssel  in  der 
Höhle  liegen  gelassen.  Ähnliches  wird  auch  anderswo  er- 
zahlt. Vgl.  deutsche  Sagen  I  No.  303.  —  3)  Ergänzung  zu 
ib.  No.  166.  Zwischen  meinem  früheren  Wohnorte,  Leid- 
hecken, u.  dem  genannten  Dauernheim  liegt  ein  Waldberg, 
der  hüe  bSark  (hohe  Ber^)  genannt.  In  diesem  sah  ich  oft 
selbst  die  Stätte,  woher  ]ener  Steintisch  in  Bingenheim  ge- 
nommen wurde :  des  wöUe-frä-geschtoils  (wilde-Frau-Ch»stühl8) 
genannt,  ein  wunderbares  Naturspiel.  Auf  einem  ungeheuren 
u.  hohen  Steine  sind  die  posteriora  u.  Hände  zwei  er- 
wachsener Personen  u.  eines  Kindes  eingedrückt,  an  ent- 
S »rechender  Stelle  unten  am  Vordertheile  die  Fuszzehen  des 
indes,  wie  beim  Hinaufsteigen  eingedrückt,  oder  nach 
Variation  der  Sage ,  die  Zehen  eines  zur  Familie  gehörigen 
Hündchens.  Dasz  von  keiner  Sculptur  die  Rede  sein  kann, 
zeigt  der  Augenschein ;  das  wilde  Ehepaar  mit  seinem  Kinde 
hauste  hier  'wei  di  schtän  nä^h  möU  wä.m';  nachher  wurde 
es  verfolgt,  der  Mann  entfloh,  Frau  u.  Kind  lebten  in  Ver- 
wahrsam zu  Dauernheim  bis  zu  ihrem  Tode.  Auszer  jenem 
Steine  ist  noch  der  Heerd  mit  Feuerstätte  sichtbar.  So  das 
Volk  noch  heute.  Drauds  Aussage  (s.  Sagen)  befindet  sich 
wirklich  noch  unter  den  Urkunden,  die  von  Bingenheim 
nach  Nidda  gekommen  sind.  War  hier  eine  Opferstätte? 
Später  eine  Maistätte?  —  4)  Auf  dem  Glauberge  unfern 
Büdingen,  auf  welchem  eine  Ritterburg  u.  früher  wol  ein 
Römercastell  stand,  erscheinen  Römergestalten;  noch  bei 
Menschengedenken  kamen  gerichtliche  Verhandlungen  dar- 
über vor.    Der  Berg  ist  überhaupt  interessant  u.  war  in  der 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  389—392.  383 

Urzeit  ein  feuerspeiender  Berg.  —  5)  Hier  in  Laubach  be- 
steht noch  ein  sonderbarer  Rest  früherer  Zeit:  die  Blasius- 
(Gesellschaft  mit  eignen  Gütern,  Rechten  u.  Lasten,  die  mit 
jenen  koroischen  Gebräuchen,  welche  das  Mittelalter  u.  die 
daran  stoszende  Zeit  in  ihrem  sonderbaren  Humore  zeigt, 
en^  verwachsen  sind.  Sollten  genauere  Angaben  Sie  inter- 
essiren ,  so  stehn  sie  mit  Vergnügen  zu  Diensten.  —  .... 
Zugleich  wird  es  Sie  vielleicht  nicht  belästigen,  wenn  ich 
Ihnen  —  bis  jetzt  erst  unter  der  Hand  zusammengestellte 
—  lexikalische  u.  grammatische  Notizen  üb.  den  Wetterauer 
Dialekt  mittheile;  Sie  wissen,  dasz  kein  Yolksdialekt  ganz 
ohne  Frucht  für  die  historische  Sprachforschung  studirt  wird. .  .• 

S.  390  no.  195]  Der  Brief  D.'s,  auf  welchen  no.  195 
antwortet,  liegt  nicht  vor.  Er  bat  darin  J.  Gr.  sein  *Ver- 
gleichendes  Wb.  d.  gothischen  Sprache.  Frankf.  1846.*  zu- 
eignen zu  dürfen. 

Ihre  persönliche  Bekanntschaft]  Auf  der  Ger- 
manistenversammlung in  Frankfurt.  Vgl.  D.'s  Brief  an 
Weigand  in  Anm.  zu  S.  388. 

S.  391  u.]  Ähnliche  Äusserung  im  Yorw.  z.  Gesch.  d.  d.  Spr. 

S.  392  no.  198]  Antwort  auf  einen  weiteren  verlornen 
Brief  D.'s.  womit  er  Gr.  den  Bd.  II  des  *Vgl.  Wb.  d.  goth. 
Sprache*  übersandte.  Diesem  vorauf  ging  D.*8  Br.  3  von 
Frankf.  a/M.  15.  7.  1849:  Dank  für  J.  Gr.'s  *Marcellus*,  der 
manchen  Satz  seiner  eigenen  *Celtica*  bestätige  oder  be- 
richtige, ,Noch  überraschender  aber  war  mir  unsere  Be- 
gegnung in  der  H^othese  über  gth.  sauls  st.  stauls,  welche 
ich  erst  kürzlich  in  dem  Msc.  der  Fortsetzung  meines  goth. 
Wtb.  nebst  den  weiteren  Vergleichungen  Marc.  30  nieder- 
gelegt hatte.  Übrigens  verliert  am  Häufigsten,  namentlich 
in  den  litu-slavischen  u.  der  galischen  Sprache  st  sein  t  vor 
Liquiden  u.  ohne  Zweifel  durch  deren  Einflusz,  so  auch  in 
slup  &c  — '  kein  sulp  &c. ;  sollte  dennoch  vielleicht  auch  in 
sauls  die  Liquide  über  den  Vocal  hinaus  wirken?  . .  .  Ich 
habe  den  2.  Band  (Rest,  die  mit  L  R  S  anl.  Wörter  enth.) 
vollendet  u;  den  dritten  und  letzten  seit  einigen  Tagen  be- 
gonnen. Ihre  so  liebevollen  Worte  über  mein  Buch  in  der 
Vorrede  zu  Schulzes  Wtb.  trieben  mich  um  so  kräftiger 
wieder  in   meine  Forschungen  hinein,  als  die  Politik  mich 

fänzlich  missmütig  u.  müde  gemacht  hatte.  . .  .  Aber  nun 
ann  ich  keinen  Verleger  finden,  u.  hatte  schon  lange  vor, 
für  eine  Entdeckungsreise  nach  einem  solchen  Ihre  ^tige 
Unterstützung  nachzusuchen ,  was  ich  denn  hiermit  an- 
gelegentlich  thue Ich  erlaube  mir ,   einige  flüchtige 

Bemerkungen  zu  Ihrer  Geschichte  d.  d.  Spr.  Ihnen  vorzu- 
legen u.  dabei  der  Kürze  wegen  mitunter  auf  den  in  meinen 


y  Google 


384  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  392. 

eigenen  Schriften  zusammengestellten  Stoff  zu  verweisen. 
Wahrscheinlich  sind  sie  für  Sie  zum  Theile  üherflüszig, 
sollen  aber  auch  wirklich  nur  als  anspruchslose  Aphorismen 
erscheinen.  —  G.  d.  d.  Spr.  S.  10—11.  *arame*  aus  abramen 
&c.  vgl.  Goth.  Wtb.  T.  S.  15.  —  S.  12.  »ezflst,  ezüs*  medo- 
persischen  Ursprungs,  wie  viele  Wörter  der  finn.  u.  kaukas. 
Sprachen  vgl.  osset.  avzizt,  dug.  azuesta,  klpr.  taganr. 
ävzist,  digor.  avieste,  Liogr.  argen  tum.  Nurdiedugor.  l*orm 
hat  nicht  die  in  den  übrigen  Mundarten  übliche  Umstellung 
u.  zeigt  die  wahrscheinliche  Verwandtschaft  mit  sskr.  9veta 
id.  Weiteres  s.  Celtica  I.  1.  S.  29  ff.  —  *bronze'  &c,  doch  wol 
zu  braun,  brunire  gehörig,  vU.  von  der  Bed.  politum  =  bm- 
nitum,  'stanno  lucidissimo  i.  e.  bene  brunito*  Gloss.  man. 
1,  812  ausgehend,  i  fiel  aus  in  mit.  bruntus,  bruntiasaginm 
ib.  —  'brass*  =  gal.  prais  f.  cymr.  prSs  m.  com.  brest.  — 
esthn.  'werrew*  ruber  von  werri  san^is,  wie  finn.  werewfi 
sanguineus,  pulcher  von  weri  sanguis.  — S.  30.  Über  cymr. 
08W,  *echwa,  ep.*  &c.,  wie  Übh.  über  Fferdenamen  s.  Gth.  Wtb. 
I.  S.  28  ff.  —  nnl.  *ruin*,  mnnd.  rüne,  aachen.  rong,  JL  nhd. 
raun,  esthn.  ruun  equus  castratus.  nnl.  ruinen,  nnd.  rünen, 
rünken,  lett.  rünit,  esthn.  runama  castrare.  vgl.  vlL  ahd. 
runen  (rimen  Graff  2,  526)  rautilare ;  u.  s.  m.  wahrscheinlich 
andern  Ursprunges,  als  warannio.  —  *page*  equus  machten 
Sie  mir  schon  hier  bemerklieb.  Hat  das  wort  etwa  noch 
andre  Bedeutungen?  Ist  nnd.  pagem inte mentastrum neben 
poggeminte  menta  palustris  Br.  Wtb.  3, 283. 348.  zu  beachten? 
vgl.  die  entspr.  Namen  bei  Nemnich  vv.  mentha  aquatica, 
arvensis,  sylvestris.  Mit  afrz.  paqu^e  mauvais  cheval  hat 
wol  page  eben  so  Wenig  zu  schaffen,  als  mit  port.  faca,  sp. 
haca  &c.  mannulus,  das  wiederum  schwerlich  mit  altn. 
f&kr  zusammenhängt.  Nach  mehrfacher  Analogie  kann  pai^ 
eher  mit  dän.  dial.  plagföll ,  föllplack,  n.  süddän.  norafru. 
plagge  Füllen  zusammenhangen.  —  Hänfj^  span.  'borro', 
borricoEsel,  frz.  bourrique,  mlat.  (früh)  buncus,  burricus^^ 
nifirr.  ßygfx^^  ^^'  man.  1,  846  mit  burdo  .ib.  837  zusammen? 
—  S.  33.  cymr.  ^dafad'  f.  com.  davat,  davas,  brt.  danvad, 
vann.  davad  comm.  Schaf,  vll.  mit  dant  Zahn  zusammen- 
hangend, wie  bidens  &c.  Gesch.  S.  35?  —  S.  35.  cymr. 
ilamp*  agnus  ist,  wenn  ich  nicht  irre,  eine  der  zahlreichen 
Fictionen  Leos ,  der  das  malb.  lamph ,  lamb  keltisieren 
wollte ;  dagegen  gehört  gal.  lumhan,  lubhan  m.  agnus  hier- 
her ;  Inan  finde  ich,  auszer  bei  Nemnich,  nirgends,  wol  aber 
uan,  dessen  vollere  (wenn  nicht  bloss  phonetisch  oder 
graphisch  zu  nehmende)  Formen  uaghn,  uaghan  Gesch.  35 
den  von  mir  Gth.  Wtb.  I,  S.  82  geleugneten  Zusammenhang 
mit  agnus  möglich  machen;   vgl.   meine  Ntrr.  in  Bd.  II.  1. 


y  Google 


Anmerkongen  zu  B.  I  S.  392.  385 

S.  123.  Zu  lamm*  vgl.  noch  esthn.  lammas,  gen.  lamba, 
läpp,  lamb  neben  libba,  libbe  a|y^ns,  letzteres  vll.  zn 
trennen  u.  za  libbes  mansuetus,  mitis  zu  stellen.  —  S.  38. 
Über  slav.  *py8ü,  pes'  &c.  canis  habe  ich  Gth.  Wtb.  I.  S.  351 
eine  andre  Hypothese  gewagt.  —  S.  95  ff.  Weigand  in  Gieszen 
hat  Ihnen  wof  die  von  ihm  in  einer  Hs.  gefundenen  slav. 
Monatsnamen  zugesandt?  —  S.  169  ff.  Den  lithauischen 
Sprachen  weise  ich  ein  nahes  patriarchalisches  Verhältniss 
zn  den  slavischen  zu,  ähnlich  wie  der  gothischen  zu  den. 
neudeutschen  Sprachen.  —  lett.  Guddi  Weiszreussen.  — 
S.  211.  dak.  daXsta  (doch  nicht  st.  ßUUtall)  beziehe  ich 
(Celt.  I.  1.  S.  203)  zu  alban.  diet,  dieti  Sonne  (vgl.  die  Insel 
JfjXog,  von  vorgriechischer  Bevölkerung  benannt,  oder: 
&riXbg  &c.?)  nach  Analogie  anderer  Namen  dieser  Pflanze. 
Überhaupt  verdient  die  alban.  Sprache  Berücksichtigung  bei 
allen  osteuropäischen  Forschungen;  leider  mangeln  uns 
noch  gute  Hülfiamittel.  —  S.  236.  adga  caput  (vll.  =  gr. 
xäQa  urverw.)  gehOrt  einer  medopers.  Sprache  an  vgl.  pers. 
sar  u.  kurd.  afghan.  ser,  afghan.  osset.  digor.  sar,  osset. 
tagaur.  sär  caput.  —  S.  343.  Das  armen.  Alphabet  beginnt, 
wie  das  griechische  (auf  welches  es  sich  auch  meist  graphisch 
zurückfahren  läszt)  mit  a,  b,  g,  d  u.  ist  nicht  in  Unordnung, 
sondern  snäter  regelmäszig  lautverschoben.  Alle  Mediae 
haben  nacnweislich  später  mit  den  Tenues  die  Aussprache 
ausgetauscht.  Noch  ist  dieser  interessante  Zweig  des  medo- 
pers. Sprachstammes  wenig  durchforscht.  —  S.  433.  slav. 
*vjetrü*  steht  wol  näher  an  wetter,  weather  als  an  wind, 
vgl.  goth.  Wtb.  V.  27.  Vgl.  noch  Ith.  newidönas  Miss- 
gönner, Feind,  kurd.  na-binum,  osset.  ne-fettun  odi,  eig.  non 
Video,  vgl.  goth.  Wtb.  I.  S.  224.  225,  wo  ich  auch  neith 
hinzugezogen  habe,  doch  nur  mit  Bedenken;  vgl.  ib.  II.  1. 
S.  106  ff.  —  S.  968.  Auch  einer  der  sorbenwend.  Dialekte 
besitzt  noch  einen  schönen  Dual.  —  S.  974.  Zu  den  nieder- 
hess.  Formen  vgl.  wetterau.  was-,  ob-,  dasz-,  wie  (wel)-  der, 
ter  =  was  ihr,  worin  nicht  die  Part,  dar  (Schmeller  1, 389), 
sondern  nur  das  enklit.  Personfurwort  steckt.  Gehört  hier- 
her wett.  da-t  habter,  sing,  da  hastu?  Ich  habe  meine 
Notizen  über  Letzteres  verlegt.  —  S.  973.  zigeun.  *stvngo- 
nester*  (flectierte  Form)  stammt  von  dakorom.  sti'ngu,  ste'nga 
link,  f.  sti'nffa*  linke  Hand,  nach  Ofen.  Wtb.  =  it.  man 
stanca.  Auen  dieses  stanco  berührt  sich  mit  deutschen 
Wörtern;  ich  habe  bereits  mehreres  darüber  gesammelt.  — 
Erlebe  ich  die  Vollendung  und  Herausgabe  meines  goth. 
Wörterbuchs  u.  bin  dann  nicht  genöthigt,  einen  schleunigen 
Broterwerb  zu  suchen ;  so  werde  ich  vor  Allem  meine  zanl- 
reichen  sprachvergleichenden  Brouillons   sichten  u.  ordnen. 

E.  StengeL    Acten  der  Br&der  Grimm.  25 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


386  AnmerkangeB  eu  B.  I  S.  d9^--394. 

Immer  mehr  wird  mir  bei  diesen  Stadien  meine  Mvtter- 

Spracbe  in  allen  ihren  zeitlichen  n.  r&nmlichen  Phasen  d^i 
entmm  u.  Hauptziel.  Leider  bin  ich  hier  s^ir  isoliert  für 
dieses  Fach.  Nehmen  Sie  mich  als  Famnlns  aa!  Yielleicfait 
findet  sich  einmal  eine  halbe  Sinecnre  fQr  mich  in  BerHn, 
etwa  an  der  Bibliothek,  die  bei  mäszigem  Saläre  auch  nvr 
mäszige    Amtspflichten    gibt    n.    Zeit  zu  stillem  Forsehea 

gibt • 

S.  398  no.  199]  Darauf  antwortet  D.'s  Br.  4.  Frankfmrt  a/M. 
16. 6. 1854 :  ,Mein  verehrter  Meister  und  Freund !  Von  einer 
Beise  zurückgekehrt  werde  ich  durch  Ihren  lieben  Brief  nnd 
durch  die  wolwollende  Ankündigung  meines  neuen  Wörter- 
buchs in  Ihrer  Vorrede  Überrascnt.    Letzteres  wird,  für  Sie 
wenigstens,  multa,  non  multum,  enthalten ;  ich  weide  Qber- 
zufirieden  sein,  wenn  Sie  es  einst  für  eine  brauchbare  Schüler- 
arbeit  Ihres    Schülers   erklären    u.   hier  und  da  gtut  noch 
Einiges   von   meinem  Steingebrückel  zwischen  die  Quadern 
Ihres   mächtigen  Baues   eintügen  mögen.  . .  .    Baer  dahier 
gedenkt,   im   nächsten  Jahre   die  Herausjgabe  zu  bewerk- 
stelligen,  wenn   bisz   dahin   —  Europa  die  Wahl  zwischen 
Kosackisch  u.  Republikanisch  getroffen  hat.    Leider  bewegt 
diese  Wahl   auch   mich  unseligen  Europäer  lebhafter,   us 
einem  Alterthumsforscher  heilsam  ist,  u.  über  die  Telegraphie 
Terffesse    ich   oft    die   Lexikographie.  .  .  .     Bizarrer   Weise 
deuKe  ich  manchmal  bei  meiner  Arbeit,  dasz  einst  Hercules 
bei   Aagias   zwar   die   unreinlichste,   aber  darum  nicht  die 
uninteressanteste    seiner  Arbeiten  fand.    Eine  ähnliche  Ge- 
schmackslaune gab  mir  früher  Geduld  zu  meinen  Forschungen 
über  die  2^geunersprache.  .  .  .    Ich  freue  mich  auf  jede  neue 
Lieferunjsf   Ihres    Wörterbuchs,   beklage  aber  oft,    dasz  Sie 
nicht  mindestens  ein  Dutzend  Leben,  wenn  auch  auf  Kosten 
müaziger   Inhaber ,   vom   lieben   Gotte  als  Zulage  für  jedes 
Ihrer   Jahre   erhalten   —   damit   Sie   auch   in   den  Seiten- 
kapellen Ihres  Domes  Amt  halten  können  bisz  in  die  tie&ten 
Krypten   hinab,   ohne   dem   Dienste   des  Hochaltars  Etwas 
abzubrechen.    Mit  den  Meinen  Ihnen  u.  Ihrem  ganzen  lieben 
Hause  empfohlen  Ihr  Lorenz  Diefenbach.* 

S.  393.  Halbertsma]  12  Briefe  J.  Gr.'s an Halbertsma 
stehen  in  Zacher's  Zs.  f.  d.  Philol.  17,  257  ff. 

S.  394  no.  200]  Antwort  auf  D.*s  Br.  5.  Frankf.  a/M. 
16.  6.  1857,  wo  er  Gr.  sein  Gloss.  Latino-Germanicum  etc. 
übersandte.  „Endlich  sende  ich  Ihnen  mein  Glossar  .  . . , 
Freilich  hätte  ich  noch  die  Bibliotheken  der  Universitäten. 
Kirchen  u.  Klöster  durchstöbern  sollen;  aber  in  beiden 
letzteren  hätte  ich   als   persona  ingrata  selten  Zugang  ge- 


y  Google 


Anmerkonfen  zQ  B.  I  S.  8^—385.  887 

fanden,  nnd  zu  Reisen  überhaupt  fehlte  mir  Zeit  und  Geld. 
Ich  habe  Gründe  zu  fflauben,  dasz  in  der  That  aach  viele 
Yon  mir  unbenutzte  Glossarien  mir  verhältnisrnftsziK  weniff 
wesentlich  Neues  geboten  haben  würden  —  während  freilich 
selbst  auf  Misthaufen  ungesuchte  Perlen  gefunden  werden. 
Massmann  hat  mir  Hülfsmittel  aus  Berlin  versprochen,  aber 
nicht  gesandt.  Seit  dem  Schlüsse  des  Druckes  habe  ich 
selbst  noch  einige  hübsche  Voce,  erhalten,  namentlich  eine 
rein  niederländische  Gemma  G^mmarum.  Ich  will  auch 
unter  der  Hand,  je  nach  Kräften  u.  Gelegenheit,  weiter 
sammeln,  um  über  kurz  oder  lang  ein  Nacntragshefk  her- 
auszugeben; die  Auflage  ist  zu  stark,  um  Aussicht  auf  eine 
künftige  Umarbeitung  zu  gestatten.  Meine  Manuscript- 
numer  26  stammt,  wie  ich  znföUig  kürzlich  von  Weigand 
erfahr,  aus  Nebels  Bibliothek  in  Gieszen  u.  ist  Ihnen  von 
W.  excerpiert  worden.  —  Ich  war  kürzlich  nahe  daran,  mich 
aus  der  Zersplitterung  u.  dem  Dilettantismus  zu  retten, 
denen  ich  mich  in  Frankfart,  trotz  meiner  Eingezogenheit, 
nicht  entziehen  kann.  Aber  Familienverhältnisse  u.  wieder- 
holte finanzielle  Schlaf  hemniteo  meine  Bewegungen,  und 
ich  habe  wieder  auf  ein  Jahr  in  Frankfart  gemiethet,  eine 
sehr  freundliche  Wohnung  unmittelbar  vor  dem  Allerheiligen- 
thore  —  wo  mich  Ihre  freundlichen  Augen  gewiss  einmal 
finden  werden,  wann  Sie  wieder  gen  Süden  wandern.  Wäre 
ich  nicht  auch  dem  EOnige  von  Preussen  gegenüber  ein 
Ungläubiger,  so  würde  ich  Sie  um  Rath  u.  That  bitten,  um 
von  Jenem  eine  Sinecure  an  einer  Bibliothek  zu  erhalten, 
in  welcher  ich  in  friedlicherer  Weise  der  Welt  natzen  könnte, 
als  hier ,  wo  ich  nicht  aus  den  Katzbalgereien  mit  den 
Ultramontanen  herauskomme.  —  Mit  meinen  warmen 
Grüszen  an  Sie  u.  an  die  edle  Familie  Wilhelm  Grimm  ver- 
bindet meine  Frau  die  ihren.  Gedenken  Sie  Ihres  treu- 
ergebenen Lorenz  Diefenbach.' 

S.  395  no.  201]  Antwort  auf  einen  verlorenen  Begleit- 
brief D.'s  und  erwidert  durch  D.*8  Br.  6  v.  Bomheim  bei 
Frankf.  14. 2. 1861 :  ,Mein  hochverehrter  Freund!  Nicht  länger 
will  ich  auf  die  Ankunft  des  Diplomes  warten,  um  Ihnen  zu 
sagen,  dasz  dieses  überraschende  Ehrenzeugniss  mir  dadurch 
noch  eine  höhere  Weihe  erhält,  dasz  ich  es  zunächst  Ihrer 
theuren  Hand  verdanke.  -  Seine,  von  Ihnen  fragweise  berührte, 
günstige  Einwirkung  auf  meine  äuszeren  Verhältnisse  wird 
leider  durch  die  immer  noch  dauernde  Verfehmung  meiner 
Confession  (der  deutsch-katholischen)  aufgewogen  werden, 
ob  ich  gleich  längst  jüngeren  Kräften  meinen  rlatz  in  der 
ecclesia  militans  überlaszen  habe.  Meine  biszherigen  Ver- 
suche ,   ein  Lehr-,   Bibliothekar-  oder  Archivai^amt  zu  er- 

25* 


y  Google 


388  Anmerkungen  zu  B.  I  S.  395—398. 

halten  (am  liebsten  eine  halbe  Sinecnre  mit  folglich  aac 
nnr  halber  Besoldung),  blieben  erfolglos,  auch  fehlte  c 
wirklich  an  passender  Gelegenheit,  oder  sie  ent^eng*  mein« 
Anfmerksamteit  in  meinem  Stilleben.  Wäre  ich  flr  pa 
pistische  n.  habsbnrglothringer  Zwecke  so  thäÜg  g^wesei 
wie  iUr  protestantische^  n.  prenssischdeutsche,  so  wäre  mi 
änszerlich  geholfen,  was  mir  freilich  weder  Ehre  noch  Freod 
machte.  Im  Vertrauen  gesagt,  Hr.  Max  Dnncker  hiU^ 
mehrerlei  Wege  gehabt,  mich  zu  fördern,  n.  schien  einma 
dazu  geneigt,  rechnete  aber  auf  mehr  Zudringlichkeit,  al 
ich  besitze.  ~  Was  Sie  mir  von  Ihrem  Oesundheitszastandi 
schreiben,  betrübt  mich  sehr,  u.  ich  empfinde  es  um  sc 
deutlicher  mit,  weil  auch  ich  Winterleiden  (des  Jahres  a 
des  Lebens)  trage.  Es  ist  ein  Jammer,  dasz  der  Geist  so  oü 
mit  der  Materie  unterhandeln  musz!  —  Was  mögliche  Bei- 
träge zu  Ihrem  Wörterbuche  betriflFt ,  so  halte  ich  mich  n 
Diensten  ftir  dieses  Volksdenkmal  verpflichtet,  waffe  abei 
keine  bestimmter  zu  versprechen,  solange  meine  Zeit  ond 
Zukunft  nicht  bestimmter  vor  mir  steht  Augenblicklicli 
ist  meine  Arbeitszeit  fast  ausschlieszlich  durch  übernommene 
novellistische  Verpflichtungen  in  Anspruch  genommen.  — 
Auch  auf  diesem  Gebiete  fällt  es  mir  schwer,  so  weit  auä 
mir  selbst  herauszutreten,  als  es  das  Publicum  verlangezi 
darf,  selbst  das  wähl  verwandte,  das  ich  zunächst  im  Auge 
habe.  Sollte  Ihre,  mit  so  freundlichem  Beisatze  g;emachte^ 
Rüge  der  ,schwierigen  Anordnung'  in  meinen  Origines  dem 
Lexikon  gelten  u.  ich  Ihnen  dessen  Benutzungdnrch  ein 
hs.  Register  der  darinn  besprochenen  deutschen  Wortreihen 
erleichtem  können,  so  verfugen  Sie  Über  mich.  —  Auch  für 
die  Reliquie  Ihres  lieben  Bruders  meinen  besten  Dank! 
Eine  Begegnung  mit  Ihm,  Frau  u.  Tochter  (die  auch  ein- 
mal mit  Ihnen  uns  besuchte}  zwischen  hier  u.  Gieszen  (auf 
dem  Bahnhofe)  bleibt  mir  eine  werthe  Erinnerung.  Dajik- 
baren  Qrusz  u.  Händedruck  von  Ihrem  getreuen  Lorenz 
Diefenbach." 

S.  397.  Landau].  Archivar,  geb.  in  Cassel  26.  10. 
1807,  gest.  ebenda  15.  2.  1865.  vgl.  über  ihn  Gerlands 
Fortseteung  zu  Strieder-Justi  S.  d23  ff.  u.  Zs.  d.  V.  fl  h. 
Ges.  N.  F.  X.  Suppl.  S.  19.  In  der  Grimm-Correspondens 
befinden  sich  7  Briefe  Landaus  an  J.  Gr. 

S.  397  no.  2021.  Antwort  auf  L.^s  Br.  1  v.  16.  2.  1833, 
mit  welchem  er  J.  Gr.  Abschrift  eines  Rulaer  Weisthums 
nach  dem  Original  des  Casseler  Archivs  übersandte  u.  sich 
zu  weiteren  Mittheilungen  erbot 

S.  398  no.  2031.  Antwort  auf  L.^s  Br,  2  v.  22.  10. 1883, 
mit  welchem  L.  Abschrift  eines  im  Besitz  des  Pro!  Nebel 


y  Google 


Anmerkangen  eu  B.  I  S.  398.  389 

in  Gieszen  befindlichen  Weisthnms  schickte,  auch  von  2 
Weistbümem  ans  Kaltennordheim  berichtet,  die  er  in 
einem  alten  Copialbnch  in  Fnlda  gesehen 

S.  898  ady.  Carl],  anch  erwähnt  in  Bangs  Brief  82 
in  Anm.  zu  S.  108. 

S.  398.  Bibl.  Bernhard  i].  Der  hier  erwähnte 
Brief  Bemhardi's  ist  nicht  erhalten.  In  der  Grimm-Cor- 
respondenz  sind  nur  8  Briefe  von  ihm  vorhanden.  —  Er.  1. 
Kassel  26.  6.  1830,  „Ich  benutze  das  freundliche  Anerbieten 
des  Überbringers,  um  durch  Sie  bejkommende  Ankündigung 
des  thesaur.  Stephan.,  an  die  Göttingische  Bibliothek  ab- 
zuliefern. . . .  Zu  gleicher  Zeit  freue  ich  mich  Ihnen  bey  dieser 
Gelegenheit  zu  bezeigen  dasz  ich  es  mir  zu  einer  vorzüg- 
lichen Ehre  schätze  Ihr  Nachfolger  geworden  zu  sevn,  uud 
dasz  es  mein  herzlichster  Wunsch  i^  Ihnen  näher  bekannt 
zu  werden.  Sollte  ich  Ihnen  bey  Ihren  wissenschaftlichen 
Forschungen  hier  von  einigem  Nutzen  sejn  können«  so  er- 
suche ich  Sie  nur  frey  über  mich  zu  beschicken.  ,  .  ." 

Br.  2.  Kassel,  20.  6.  1831:  ^»Mit  Vergnügen  übersende 
ich  Ihnen  die  verlangten  Bücher.  Sie  wissen  wahrscheinlich 
dasz  die  Bibliothek  an  das  Land  abgetreten  worden  ist; 
jedoch  will  der  Kurfürst  alle  die  Bücher  zurücknehmen, 
welche  er  aus  der  Wilhelmshöher  Bibliothek  ins  Museum 
gegeben  hat.  Da  ich  kein  Verzeichnisz  dieser  Bücher  unter 
den  Papieren  der  Bibliothek  vorgefunden  habe ,  so  konnte 
ich  bisher  diesz  Geschäft,  alle  Cataloge  mit  Federstrichen 
zu  durchkreuzen,  als  uuthunlich  zurückweisen.  Nun  hat 
man  mir  aufgetragen,  an  Sie  zu  schreiben,  um  zu  erfahren, 
ob  kein  Katalog  dieser  Bücher  aufgestellt  und  besonders 
bewahrt  worden  ist.  Ich  bitte  Sie  daher,  mir  sobald  als 
möglich  ein  officielles  Schreiben,  welches  ich  den  Herren  Kom- 
missaren vorlegen  kann,  über  diesen  Gegenstand  zukommen 
zu  lassen.^ 

Br.  4.  Kassel,  8.  2.  1835:  , Verehrtester  Freund!  Ihr 
beifälliges  Urtheil  in  Beziehung  auf  die  Bildung  eines  Ver- 
eins für  hessische  Geschichte  und  Landeskunde  hat  unsem 
Muth  bedeutend  erhöht.  Im  Auftrage  des  Ausschusses  er- 
suche Sie  zugleich,  uns  womöglich  inr  das  erste  Heft  eine 
kleine  Gabe  zugehen  zu  lassen.  Ihren  besonderen  Rath 
und  Ihre  gütige  Mitwirkung  nehmen  wir  dann  noch  in 
einer  Angelegenheit  in  Anspruch,  die  wir  ohne  Ihre  Lei- 
tung schwerlich  genügend  würden  durchführen  können. 
Wir  beabsichtigen  nämlich  die  Grenzen  der  verschiedenen 
hessischen  Mundarten  zu  ermitteln  und  das  Gebiet  einer 
jeden  topographisch  darzustellen,  als  Vorarbeit  zu  einer 
Sprachkarte  von  Deutschland.    Gewisz  haben  Sie  dazu  schon 


y  Google 


390  Anmerknngen  zn  B.  I  S. 

Vorarbeiten,  wir  werden  Ihnen  gern,  nach  einer  von  Uma 
m  entwerfenden  Anweisnne,  alle  erforde]4i<^lleIl  Materialiea 
liefern,  und  Ihnen  die  Arbeit  soviel  möglich  erleichten 
wenn  Sie  die  Leitung  dieser  Forschungen  übernehmen  wol 
len.  Zu  gleicher  Zeit  würde  eine  von  Ihnen  aosi^ehendi 
Aufforderung  an  alle  deutschen  Geechichtsvereine  zu  eine 
gemeinschamichen  Ausarbeitung  einer  Sprachkarte  ffii 

fanz  Deutschland  nach  denselben  Gmnds&tBeii  «nd 
emselben  Maasstab  gewisz  überall  Anklang  und  willüf 
Arbeiter  finden.  £s  wäre  diesz  überaus  wichtig*  för  £e 
Geschichte  so  wie  fCtr  die  Sprachforschung,  und  dämm  haSi 
ich  keine  abschlägige  Antwort  zu  erhalten.  Wenn  Sie  ei 
wünschen  und  wenn  Sie  eine  mündliche  Beredung*  dieser 
Sache  für  ersprieszlicher  halten ,  bin  ich  bereit  nächstna 
nach  Göttingen  zu  kommen,  denn  ich  verkenne  keineswegs 
die  Schwierigkeiten,  welche  bei  der  vorgängigen  Feststel- 
lung der  Mundarten  zu  überwinden  sind,  und  weiez  and 
wie  wenig  Männer  im  Stande  sein  werden,  die  erforder- 
lichen Nachrichten  gehörig  einzuziehen;  es  wird  daher 
einer  recht  ausfübrlicnen  Erläuterung  bedürfen,  damit  un- 
sere zukünftigen  Berichterstatter  erst  lernen,  wie  sie  ihr« 
Studien  beginnen  müssen/ 

Br.  7.  Kassel,  4,  12.  1887:  .Verehrte  Herren  Kollegen 
und  Landsleute!  Dasz  sich  das  Herz  Ihrer  alten  Lands- 
leute  höher  hob,  als  sie  unter  denen,  welche  bei  der  Wahl 
zwischen  Vortheilund  Pflicht  unbedenklich  und  laut 
ihre  Überzeugung  aussprachen,  zwei  in  ganz  Deutschland 
gefeierte  Namen  sah[enj,  die  Hessen  noch  näher  angehöres 
sollten,  als  diesz  seit  acht  Jahren  der  Fall  ist,  das  kann 
Ihnen  wohl  keinen  Augenblick  zweifelhaft  sein,  und  darum 
bedarf  es  keines  öffentlichen  Ausdrucks  der  in  dieser  Be- 
ziehung hier  allgemein  herrschenden  Gesinnung.  Ich  aber 
kann  unmöglich  diese  Gelegenheit  vorüber  gehen  lass^ 
ohne  Ihnen,  als  Stellvertreter  eines  wahrhaft  deutschen 
Händedrucks  von  meinem  Kollegen  Schubart  und  mir  einen 
vaterländischen  Grusz  zu  senden,  womit  sich  der  herzliche 
Wunsch  und  die  Hoffnung  verbindet,  dasz  diese  Verhält- 
nisse Gelegenheit  geben  mögen,  unserem  Hessenlande  ein 
verlorenes  Gut  wiederzuerwerben.  Freundschaftlichst  Karl 
BemhardL^ 

Br.  8.  Kassel,  19.  4.  1848  an  W.Gr.  gerichtet:  .Hoch- 
verehrter Freund!  Mit  der  gewünschten  Anzeige,  dasz 
unsere  Handschrift  glücklich  an  die  Bibliothek  zurückgelangt 
ist,  verbinde  ich  Namens  der  Bibl.  den  freundlichsten  Dau 
für  das  stattliche  Exemplar  Ihrer  *Ezhortatio*.  Die  Zeit- 
ereignisse haben  mir  kaum  eine  flüchtige  Ansicht  gestattet 


y  Google 


ABmeekun^ren  bq  B.  I  S.  398—399.  ,^91 

und  da  man  mich  nach  Frankfort  schicken  will,  so  werden 
die  8t>rach8tadien  nnd  die  2.  Auflage  meiner  Sprachkarte 
anch  in  diesem  Jahre  rohen.  Es  freot  mich,  daisz  Bezsen- 
b^rgers  Arbeit  Sie  befriedigt  hat,  er  ist  bis  jetzt  fast  der 
Einzige,  den  ich  hier  in  Kassel  für  ein  ernsteres  deotscbes 
Spracnstodiom  habe  gewinnen  kOnnen.  Wir  haben  hier 
▼oraosfi^esetzt  dasz  Ihr  Hr.  Broder  Jakob  in  Preoszen  fOr 
Franktart  gewählt  wird,  da  Sie  110  Abgeordnete  schicken. 
Sollte  dazo  keine  Aossicht  sein,  so  wäre  es  mir  lieb,  om- 
gehend  Nachricht  zu  erhalten,  indem  hier  wahrscheinlich 
Doppelwahlen  Statt  finden.  .  .  .'^ 

Br.  3,  5,  6  V.  22.  10.  1833,  17.  12.  1835,  1.  8.  1837  sind 
nor  korze  Begleitschreiben  zu  ßüchersendongen.  --  Auch  von 
Bemhardi*8  Collegen  Schubart  liegt  in  der  Grimm-Corres- 
pondenz  ein  Brief  vom  16.  3.  1842  vor,  womit  er  durch 
bergk  an  die  Brüder  ein  neues  Heft  des  Geschichtsvereins 
sendet  und  seine  Freude  über  ihre  Widerherstellung  aus- 
spricht. —  Von  Briefen  der  Brüder  an  Bemhardi  scheint 
wenig  erhalten  zu  sein.  Seine  Tochter  theilt  mir  mit,  dasz 
bei  ihres  Vaters  Tod  1874  sich  keine  solche  mehr  vorfanden. 
In  der  Zeitschr.  d.  Vereins  f.  hess.  Gesch.  Neue  Folge  X. 
Suppl.  S.  10  ist  eine  Stelle  aus  einem  Br.  J.*s  an  Bernhardi 
V.  12.  12.  1834  mitgetheilt  u.  ebenda  S.  9  eine  solche  aus 
einem  etwas  älteren  Br.  Wilhelm's  an  Dr.  Schubart  Wegen 
eines  weiteren  Briefes  s.  Anm.  z.  I,  5.  üeber  Bern- 
hardi wie  Scbubart  vgl.  vorgenannte  Zs.  S.  17  u.  22. 

S.  399  no.  204  undatirt  aber  wegen  der  Erwähnung 
von  Schraders  Tod  (t  Nov.  1834)  wohl  vor  no.  205  ge- 
schrieben. Die  diesen  beiden  Briefen  u.  no.  206  entsprechen- 
den Briefe  L.*s  liegen  nicht  vor. 

S.  399.  Einderlingscbe  Bände].  K.  war  Archi- 
var in  Fulda  u.  starb  1819  zu  Mainz. 

S.  399.  SchraderJ,  L. ,  Lieutnant  in  Cassel.  Seine 
1832  von  Dieterich  in  Göttingen  verlegte  (vgl.  S.  400  no. 
206)  Geschichte  der  Grafen  von  Nordheim  u.  Kaltenburg 
(Bd.  1.  von:  *Die  älteren  Dynastenstämme  zwischen  Leine, 
Weser  u.  Diemel*  u.  s.  w.)  war  den  Brüdern  Grimm  gewid- 
met. Von  Sehr,  finden  sich  in  der  Grimm-Correspondenz 
14  Br.  aus  den  Jahren  1829—1833,  welche  im  wesentlichen 
das  vorgenannte  Buch,  welches  J.  Gr.  auch  in  dem  Gott. 
Anzeiger  besprochen  hat,  betreffen,  u.  die  hohe  Verehrung 
Sch.*s  für  die  Brüder  bekunden,  ebenso  aoch  die  freunf 
liehe  Unterstützung«  welche  ihm  Jacob  Gr.  in  seinen  wis- 
senschaftlichen Bestrebungen  gewährte.  Die  B.  1  S.  400  er- 
wähnten nachgelassenen  Abhandlungen  Sehr. 's  scheinen  on- 
gedruckt  geblieben  zu  sein,  wenigstens  ist  keine  in  der 
Zeitschrift  d.  hess.  Geschichtsvereins  veröffentlicht  worden. 


y  Google 


392  Anmerkimgen  zu  B.  I  S.  399—402. 

S.  899.  Falkenhainer]  =  Falkenheiner,  welcher 
in  Bd.  I— m  d.  Zs.  d.  Y.  f.  hess.  Qes.  eine  Anzahl  An&äixe 
veröffentlichte. 

S.  400  no.  2061.  Antwort  anf  L/s  Br.  3  v.  13.  1.  1886: 
....  ^Hinsichtlicn  des  Christenbergs  erlaube  ich  mir  noch 
einige  Bemerkungen.  1240  findet  sich  Eesterbarg  zaerst 
und  'diese  Namensform  bleibt  bis  gegen  das  Ende  des  15. 
Jahrh.  Erst  im  16.  Jahrh.  finde  ich  Christenberg.  Schon 
1240  findet  sich  K.  als  der  Sitz  eines  Landdechanten,  woxa 
doch  nur  die  ältesten,  wenigstens  wichtigem,  Earchen  erwählt 
wurden.  .  .  .  Wie  aber  konnte  sich  Eesterburg  in  Christen- 
berg  verwandeln.  .  .  .  Diese  Umwandlung  schien  mir  eini^^ 
Analoge  mit  dem  hessis<^en  Eespem  f&r  Kirschen  za 
haben.  Wenn  Ew.  Wohlg[eboren  mir  hierüber  eine  nnr 
etwas  bestimmte  Ansicht  mittheilen  konnten,  so  würde  mir 
dieses  sehr  angenehm  sejn,  indem  ich  eine  Geschichte  die- 
ser Kirche,  wozu  ich  Verschiedenes  gesammelt,  für  eines 
der  nächsten  Hefte  unserer  Zeitschrift  bestimmt  habe.  .  .  .* 

S.  401  no.  208].  Darauf  erwidert  L.'s  Br.  4  v.  8.  5. 
1836 :  .  .  .  .  „Morgen  ^ehe  ich  nach  Marburg. . .  Namentlich 
werde  ich  nach  Nachrichten  über  den  Christenberg  forschen. 
Ihrer  in  Ihrem  letzten  gütigen  Schreiben  geäuszerten  Ver- 
muthung,  dasz  Kester  sich  wohl  anf  den  h.  Castor  be- 
ziehen möchte,  kann  ich  nicht  beistimmen,  weil  nie  Castor 
sondern  stets  Kester  geschrieben  wird  und  sich  dann  ge- 
wisz  auch  der  Zusatz  heilig  finden  würde,  wie  dieses  stets 
bei  den  Orten  der  Fall  ist,  die  ihren  Namen  einem  Hei- 
ligen zu  verdanken  haben.  ..."  —  Vgl.  auch  W.  Kolbe :  *Der 
Christenberg  im  Bnrgwald*  Marb.  1879. 

S.  402  no.  209].  Antwort  auf  L.'s  undatirten  Br.  5 
[praes.  5.  1.  1855J:  „Theuerster  Landsmann!  unmöglich 
kann  ich  die  Anlagen  an  Sie  abgehen  lassen,  ohne  den- 
selben einige  Zeilen  beizufügen.  Qewisz  nehmen  auch  Sie 
Interesse  an  der  projektirten  Beschreibung  der  deutschen 
Gaue.  Um  das  grosze  Unternehmen  zu  fördern  habe  ich 
ein  Exemplar  der  Beschreibung  der  Wetterau  der  dortigen 
Akademie  übersendet  und  dieselbe  gebeten,  durch  einen 
Ausspruch  das  Vorhaben  zu  empfehlen.  Es  würde  dadurch 
eine  Anregung  gegeben  werden,  welche  sicher  heilsame 
Folgen  haben  würde.  Haben  Sie  die  Güte  das  Gesuch 
durch  Ihren  Einflusz  zu  unterstützen.  Indesz  wäre  es  mir 
auch  sehr  angenehm,  wenn  Sie  sich  persönlich  gegen  mich 
aussprechen  wollten.  .  .  .  Was  sa^n  Sie  aber  zu  der  von 
mir  nachgewiesenen  eigenthümlichen  Dreitheilung.  Als 
ich  zuerst  Waitz  davon  schrieb,  hat  dieser  meine  Mitthei- 
lung durch  Schweigen  beantwortet    Ich  habe  es  ihm  nicht 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  I  S.  402-409.  393 

übel  genommen,  denn  einer  einfachen  Versicherung  würde 
ich  el^n  so  wenig  Glauben  schenken.  Indessen  überzeuge 
ich  mich  immer  mehr  von  der  Wahrheit,  denn  auch  im 
fränkischen  Hessen  u.  im  Oberlahngaue,  mit  denen  ich 
jetzt  beschäftigt  bin,  wiederholt  sich  fort  und  fort  dieselbe 
Thatsache.  Ja,  was  den  letztem  betrifft,  so  erhält  meine 
frühere  Behauptung,  (Territorien  etc.)  dasz  derselbe  ein 
von  den  Hessen  unterworfenes  Gebiet  sey,  durch  jene  Drei- 
theilung  eine  auffallende  Bestätigung.  Der  Niederlahngau 
hat  nämlich  6,  der  Oberlahngau  8  Centra,  also  waren  beide 
ein  Gkinzes.    Dazu  kommt  dann  noch ,   dasz  der  Oberlahn- 

fau  keinen  Centralpunkt  hat,   sondern  aus   drei   abgeson- 
erten  unter  verschiedenen     Grafen    bestehenden    Theilen 

besteht •  —  Auf  no.  209  erwidert  L.'s  Br.  6  v.  1. 5. 1855,  worin 

L.  für  Gr. 's  ürtheil  über  seine  Arbeit  dankt  und  sich  weiter 
über  sein  Unternehmen  verbreitet.  L.'s  Br.  7.  v.  28. 1. 1862, 
womit  er  eine  neue  Abhandlung  übersendet,  beschlieszt  die 
Gorrespondenz. 

S.  403.  Dronke]  Ernst  Fr.  Joh.  D.  Codex  di^lom. 
Fuldensis  Cassel  1850  4.  Erst  1862  erschien  dazu  ein  *B«gister* 
V.  Jul.  Schmincke. 

S.  404.  Kurfürstin  Auguste]  Tochter  des  EOnigs 
Friedr.  Wüh.  II.  v.  Preuszen,  sie  starb  1841.  Über  die  freund- 
lichen Gesinnungen,  welche  sie  gegen  die  Brüder  hegte,  die 
schon  von  1809  her  datirten,  aber  dem  Fortkommen  der  Brüder 
in  Cassel  am  meisten  geschadet  haben  werden,-  vgl.  noch 
Briefe  m.  v.  Meusebacb  S.  356  f.  u.  369.  Wie  hoch  diese 
unglückliche  Frau  in  der  Achtung  ihrer  hessischen  Unter- 
thanen  stand,  dafür  zeugt  auch  das  schlichte  Denkmal  auf 
der  nach  ihr  benannten  herrlichen  Kuppe  „Augustenruh** 
in  Marburg  (vgl.  S.  125  u.  Anm.  zu  S.  127  Justij.  — 
1830  hatte  die  Kurfürstin  die  Brüder  in  Güttingen  besucht 
(vgl.  W.  Gr.  an  v.  Meusebach  S.  136)  und  im  Herbst  1830 
war  Wilhelm  bei  ihr  in  Fulda  (vgl.  H.  225  S.'s  Br.  64.)  Dasz  W. 
in  den  20er  Jahren  bei  ihr  die  Stellung  eines  Vorlesers  versehen 
hatte,  ergiebt  der  obige  Briefwechsel ;  vgl.  dazu  die  Stellen  aus 
Völkel's  Brief  in  Anm.  zu  S.  61.  —  Die  „Briefe  aus  der 
Gorrespondenz  der  Brüder  mit  der  Kurfürstin  Auguste  u. 
ihrer  Tochter  Marie*,  wurden  mir  von  Herrn  Begierungsrath 
Rudolph  Grimm  gütigst  zugestellt.  Sie  ergeben  überdies, 
dass  die  KurfOrstin  bei  W.*8  Tochter  Pathe  stand  und  sie 
reichlich  beschenkte. 

S.  409.  Leben  d.  Herzogin  von  Briegl.  vgl. 
S.  411.  Gemeint  ist  das  seiner  Zeit  Aufsehen  erregende 
Buch  des  Sjndicus  von  Brieg  Koch:  'Denkwürdigkeiten  ans 


y  Google 


394    AnmerlnmgeB  bu  B.  I  S.  409—416  n.  B.  n  8.  1. 

dem  Leben  der  Sibylla'  Brieg  1830,  welches  dae  Hm»-  und 
Tagebuch  Val.  6ierth*8,  Rothgerbermeisten  bq  Brieg  wieder- 
geben will  nnd  reichliche  Nachriehten  von  Dorothea 
Sibilla  HersogiD  Ton  Liegnits  a.  Brieg  (Tochter  dee  Kurt 
Joh.  Qeor^  t.  Brandenb.)  enthSIt.  Nach  einer  Brealmn 
1838  erschienenen  Untersnchnng  t.  H.  Wnttke  ist  dieses 
Bach  indessen  grOsztentheis  Eoch*s  Erfindung.  Die  Fälsch  nny 
hatte  Forscher  wie  Stenzel  nnd  Mensel  irregeleitet.  V^ 
hierüber  noch  Qrünhagen  in  d.  allg.  deutschen  Biogruhae 
V859. 

8.  411.  die  letzten  tranri^en  Auftritte]  w^elohe 
durch  das  Zerwürfmss  der  KurfÜrstin  mit  ihrem  Sohne  dem 
Kurprinzen  veranlasst  waren.  8iehe  eine  Schilderung  der- 
selben in  Fr.  Müller,  Kassel  seit  70  Jahren  8.  264  ff.  Yp^ 
ausserdem  hier  11  227  Suabedissens  Br.  66  ▼.  23.  12.  1881 
u.  II  265  einen  Br.  J.  Gr.*s  an  Hupfeld. 

8.  413  Z.  8.]  1.  Professor  st  Prossor. 

8.416.  die  Professoren  in  alterthümlichea 
Talaren  u.  Baretten].  Bekanntlich  war  aus  Anlassder 
Einführung  dieser  Festkleidung  s wischen  J.  Grimm  n. 
Chr.  Dahlmann  eine  vorübergehende  Meinungsverschieden- 
heit entstanden,  worüber  vgl.  Allg.  Zeit.  1885  Beil.  no. 
158-9. 


Band  n. 


8.  1.  Ich  habe  .  .  .  nach  erhaltener  g^n&- 
digster  Erlaubniss  jura  studirt.]  Für  Jacob 
fehlt  eine  derartige  Notis.  Bis  1880  bedurften  alle  Lan- 
deskinder die  nicht  einer  schriffcsässigen  BeamtenfEimilie 
angehörten,  eine  ausdrückliche  Erlaubniss  des  Kurfürsten 
wenn  sie  sich  den  Universitätsstudien  widmen  wollten. 

8.  1.  Ich  habe  mich  im  Sommer  1806  in  Mar- 
burg Gffe  ntlich  examiniren  lassen.]  Die  wider- 
sprecnende  Angabe  in  der  Autobiographie-  ,Im  Frühjahr 
1807  wurde  ich  examinirt"  (Justi  8. 171)  ist  unrichtig.  Aus 
den  von  mir  nach  langem  Suchen  aufgefundenen  Acten 
der  Jurist.  Facultät  (Decanalien  vom  Jahre  1806)  geht  her- 
vor, dass  Wilhelm  Grimm ,  der  seit  Jacobs  Rückkehr  aus 
Paris  d.  h.  seit  Ende  September  1805  mit  ihm  in  Cassel 
bei  der  Mutter  lebte  (vgl.  Justi  S.  154),  am  14.  Mai  1806 
geprüft  werden  sollte.  Er  reichte  jedoch  fi^gendes  Gesudi 
um  Aufschub  ein :    «Wohlgebor^ier  Herr,  j^hzuverehnsn- 


y  Google 


Anmerkniigen  zn  B.  11  S.  1.  395 

der  Herr  Professor!  Die  Heftigkeit  eines  wiederholten 
Anfalls  meiner  Krankheit  macht  es  mir  leider  anmöglich, 
BU  der  so  ^tig  bestimmten  Zeit  in  Marbnrg  zn  erscheinen, 
nnd  die  Bitte  oei  Enrer  Magnificenz  nothwendig:  meinen 
Examen  noch  8  Tage  aa&nschieben,  nnd  mir  daher  den 
21.  Mai  festznsetzen,  oder,  wo  diesz  nicht  geht,  den  n&chst 
möglichen  Tag.  —  Ich  hoffe,  dasz,  weil  ich  ohne  alle  Schuld 
bin,  Eare  Ma^ificenz  die  Bitte  nm  Verzeihung,  durch  diese 
Sache,  Ihre  vielen  Geschäfte  noch  vermehrt  zu  haben,  gütig 
aufnehmen  werden,  wie  die  Versicherung  der  grOszten  Ehr- 
erbietung, mit  der  ich  verharre  Eurer  Magnificenz  gehor- 
samster Diener  Wilhelm  Carl  Qrimm,  Cassel  am  6.  Mai  1806.* 
—  Der  Aufschub  wurde  bewilligt  und  die  Prüfung  fiauid  am 
21.  May  1806  statt.  Das  Protocoll  darüber  von  Deoan 
Robert  aufgestellt  besagt:  ,Die  heutige  Versammlung  war 
zu  dem  Examitie  pro  advoc<Uura  des  Candidaten  Wilhelm 
Gbrirom  aus  Hanau  bestimmt.  Es  examinirte  A)  Herr  Vice- 
kanzler  Erxleben:  1)  aus  dem  bürgerlichen  Rechte  die 
Lehre  von  den  Erbschafts-Klagen ;  2)  aus  dem  Kirchen- 
rechte die  allgemeinen  Begriffe  von  der  Kirche,  Kirchen- 
Gewalt,  dem  jure  circa  sacra,  der  in  Teutschland  recipirten 
Särohen  und  ihren  Verhältnissen;  B)  Herr  Professor 
B  u  c  h  e  r  aus  dem  teutschen  Staatsrecht  die  Lehre  von  der 
Regierungsform  des  Reichs,  der  Person  des  Kaisers,  dem 
Reichstage :  C)  Herr  Prof.  Weis  fragte :  1)  aus  der  Rechts- 
geschichte von  den  Bestandtheilen  des  corporis  iuris 
romani;  2)  aus  dem  bürgerlichen  Recht  von  der  testamen- 
tarischen Erbfolge;  D)  Herr  Prof.  Bauer  examinirte: 
1)  aus  dem  teutschen  Privatrecht  die  Lehre  von  der  Güter- 

ßemeinschaft  unter  Eheleuten ;  sodann :  2)  aus  dem  pein- 
chen Rechte  von  dem  Begaffe  und  den  Erfordernissen  des 
Verbrechens;  E)  Ich  fügte  einige  Fragen  hinzu  1)  aus  dem 
Lehnrecht  von  der  Infeudation;  2)  aus  dem  bürgerlichen 
Process  von  dem  Einreden.  —  Das  Conclusum  ging  dahin, 
dasz  dem  Cand.  bezeugt  werden  solle :  er  habe  aus  allen 
Theilen  zur  Zufriedenheit  der  Facultät  geantwortet.  Ich 
nahm  hiervon  das  Staatsrecht  in  meinem  voto  aus.*  — 
Hierauf  wurde  dem  Examinanden  folgendes  S^ugniss  aus- 
gestellt: ,Qui  per  biennium  annique  dimidium  in  hao 
alma  nostra  stuoiis  legitimae  inprimis  -seien tiae  laudabili 
diligentia  incubuit  Guiiielmus  Grimm,  Hanouiensis,  vitae 
integritate  morumque  probitate  conspicuus,  ad  examen  pu- 
*blicum,  forum  petituris  praescriptum,  hac  ipsadieab  ormne 
nostro  admissus,  responsionibus  suis  ad  quaestiones  ex 
historia  iuris  de  partibus  corporis  iuris  romani,  ex  iure  pu- 
blico  germanico  de  forma  regiminis   Imperii ,  persona  Im- 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


396  Anmerkungen  z.  B.  II  S.  1—4. 

peratoris,  deqne  comitiis  imperii,  ex  jure  criminali  de 
notione  et  reqnisitis  delicti,  porro  ex  inre  cinili  romano  de 
dioisione  hereditatis  in  successione  testamentaria, 
atqne  de  actionibus  ex  inre  hereditario  descenden- 
tibns,  ex  inre  germanico  prinato  de  commnnione  bo- 
nomm  inter  coninffeSf  ex  iure  eccleeiastico  de  notione  eccle- 
siae,  potestate  ecclesiastica  et  inre  circa  sacra  maiestatioo, 
nee  non  de  religionibns  in  Germania  reeeptis  eammqne 
nexn,  ex  inre  fendali  de  infendatione,  deniqne  ex  processa 
cinili  de  notione  et  distinctionibns  exceptionnm,  ipsi  pro- 
I>08ita8  nobis  satisfecit.  Qnanropter  hoc  ei  testimoniam 
si^lo  ordinis  nostri  mnnitnm  aecrenimns.  D.  in  Academia 
Marpurgica  d.  XXI.  m.  Maii  d.  MDCCCVI/  Die  Angabe  im 
Eingang  dieses  Zeugnisses «  dasz  Wilhelm  5  Semester  in 
Maronrg  stndirt  habe,  stimmt  nicht  zu  der  Angabe  seiner 
Eingabe  vom  11.  12.  1813,  wonach  er  nur  von  1804—6  da- 
selbst stndirt  haben  will,  eine  Angabe,  welche  bestätigt  zu 
werden  scheint,  wenn  W.  in  seiner  Autobiographie  (Justi  170) 
sagt:  «Ich  hatte  mich  einiger  Maszen  erholt,  als  mich  im 
Frülgahr  1804  Jacob  nach  Marburg  abholte,  wohin  er  voraas- 
gegangen  war'.  Dem  gegenüber  sagt  aber  Jacob  in  seiner 
Autobioffraphie  (ib.  151)  ausdrücklich :  ,Im  Frülgahr  1802,  ein 
Jahr  früher  als  Wilhelm ,  der  um  diese  Zeit  lange  und  ge- 
fährlich kränkelte,  bezog  ich  die  Universität*  Diese  Ang^>e 
wird  durch  die  weitere,  dasz  im  Sommer  1804  Savigny,  von 
dessen  Vorlesungen  auch  Wilhelm  mehrere  gehört  zu  haben 
anhebt,  Marburg  verliesz.  (Aus  der  Statistik  des  Lycenm 
Fndericianum  von  Grosz,  Gymnasialprogr.  von  1879  ergiebt 
sich  nur  dasz  W.  1799  der  Quarta  angehörte  und  1802  ans 
Obersecunda  zur  Universität  abg^g.  Wie  W.'s  obige  Worte 
andeuten,  bezog  er  krankheitshalber  nicht  sofort  mit  Jacob 
die  Universität).  W.  hat  sich  wie  hinsichtlich  der  Prü- 
fungszeit, also  auch  hinsichtlich  des  Beg^ns  seiner  Studien 
rirrt  (vgl.  auch  Rassmann  in  Ersch  u.  Grubers  Enc^cl. 
276,  Anm.  3.)  Auch  das  Datum  der  Doctorpromoäon 
giebt  er  (Justi  S.  188)  unrichtig  an,  ebenso  auch  den  Hoch- 
zeitstag seiner  Schwester  Lotte  (vgl.  I.  S.  212)  und  die  Jahres- 
zahl einiger  nach  Nei:gahr  geschriebener  Briefe. —  J.  Gr.  hat 
scheint  es  die  Facultä&prüfung  nicht  abgelegt  vgL  L  S.  109. 

S.  3.  Zur  Ernennung  v.  W.  Grimm  zum  Secretarins 
vgl.  I.  S.  4  u.  6 ,  Freundesbriefe  S.  20  u.  Briefe  aus  d. 
Jugendzeit  S.  224,  248. 

S.  4.  2)  vgl.  Br.  an  Jacob  v.  5.  Mai  Briefe  aus  d. 
Jugendzeit.  S.  320. 

S.  4.  Zwei  meiner  Brüder]  Karl  u.  Ludwig.  Der  letz- 
tere als  Officier,  vgl.  Anm.  zu  I.  S.  24. 


y  Google 


Anmerkungen  zn  B.  II  S.  5—12.  397 

8.5.  zwei  jüngere  Geschwister]  Ferdinand 
vgl.  I.  S.  25)  u.  Lotte. 

S.  6.  8)  vgl.  I,  S.  4  no.  8,  Br.  an  Jacob  v.  8.  u.  12. 
Nov.  (ib.  S.  376,  384). 

S.  6.  Enzeroth].  vgl.  über  ihn  Briefe  ans  d« 
Jagendzeit. 

S.  7.  Zwischen  4)  u.  5)  sollte  ein  nenes  Gesuch  v.  W. 
Gr.  um  Gehalts  Vermehrung  und  die  zweite  Bibliothekar- 
stelle stehen,  welches  nach  einem  Brief  W.^s  an  J.  v.  5.  11. 
1815  (Jugendbr.  S.  482)  mit  «beruhef  abgewiesen  war.  Es 
findet  sich  aber  in  den  Acten  davon  keine  Spur. 

S.  7.  Wegen  dieser  Reise  nach  Franlnurt  u.  weiter 
vgl.  Anm.  zu  L  S.  27.  Auf  der  Rückreise  muss  W.  eine 
spassige  Verwechslung  widerfahren  sein.  Thomas  schreibt 
ihm  darüber  am  22.  10.  1815 :  ,,Dasz  Sie  als  Kron-Prinz 
von  Preuszen  im  Postwagen  den  Magistrat  in  Wabern  im 
Schlafe  fanden,  wird  diesem  zur  ewigen  Schande  gereichen 
u.  ich  weis  nicht  wie  er  das  gut  machen  kann.  Ich  würde 
ihm  rathen,  in  Zukunft  so  weise,  wie  die  zu  Schiida 
zu  werden,  seine  Thaten  u.  Reden  aufzuzeichnen  und  sie 
Ihnen  mit  goldnen  Buchstaben  auf  Purpurpergament,  etwa 
in  einer  Hs.  aus  dem  8.  Jh.  zu  überreichen,  damit  sie  in 
den  groszen  Vorrath  kämen,  wo  die  geladenen  Flinten  von 
hinten  feuern.** 


ib  S.  10.    Ableben  Voeikelsl.    Er  war  am  31.  Jan. 


S.  7.    Prof.  Conradi].  vgl.  I.  S.  24. 

Ikelsl.     " 

1829  gestorben,  vgl.  Anm.  I,  8.  61,  125, 

ib.  S.  12.  no.  13]  vgl.  Briefw.  m.  v.  Meusebach  S.  122 
wo  Wilh.  Gr.  im  Nov.  1829  schreibt:  .Unser  am  Mittag 
eingereichtes  Abschiedsgesuch  erhielten  wir  schon  am  an- 
dern Morgen  gewährt,  die  einzige  schnelle  Beförderung, 
der  wir  uns  im  hessischen  Dienste  zu  erfreuen  gehabt.  Der 
Kurfürst  hat  geäuszert:  *Die  Herrn  Grimms  ^ehen  wegl 
groszer  Verlust!  sie  haben  nie  etwas  fCLr  mich  gethan!* 
Als  eine  besondere  Aufmerksamkeit  dürfen  wir  betrachten, 
dasz,  während  die  Bescheinigiing  der  Behörde,  worauf  die 
Entlassung  erst  konnte  ertheilt  werden,  dasz  Archiv,  Siegel 
in  ordentlichem  Zustande  übergeben  worden,  erst  am  2. 
Nov.  auszustellen  möglich  war,  doch  der  förmliche  Abschied 
in  den  Oct.  zurückdatiert  wurde,  um  uns  den  Anspruch  auf 
die  laufende  Besoldung  zu  entziehen.  Den  2.  Nov.  um  halb 
12  Uhr  habe  ich  das  letzte  Buch,  ein  juristisches  aufge- 
stellt u.  s.  w.'  Vgl.  auch  oben  I.  S.  404  Anm.  zu  I.  S.  112, 
sowie  II.  251  u.  253  m.,  wo  ebenso  wie  im  Briefwechsel  m. 
V.  Meusebach  S.  124  des  6  Wochen  später  erfolgten  *lirritu8 
conatus*  die  Brüder  zu  halten,  gedacht  wird.    Vgl.  II  158  n. 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


398  Anmerkungen  bu  B.  n  &  18. 

S.  18.  Die  Acten  über  J.  Gr.*8  Mission  sind  erst  seit 
dem  8.  Aug.  1881  dem  hiesigen  Archiv  einverleibt,  n&mlioh 
mit  den  Acten  der  Verwaltung  des  ehemaligen  kurf&rsi- 
lichen  UansschatEes,  welche  erst  nach  Regelung  des  Agnaten- 
Processes  an  das  Archiv  abgegeben  worden  sind.  Archiv- 
rath  Dr.  EGnnecke  hatte  die  Freundlichkeit  mich  auf  die- 
selben aufmerksam  zu  machen  und  mir  die  VerOffenÜichang 
derselben  zu  überlassen.  Hierfür,  wie  fCLr  die  freundliche 
lÜlfe  bei  diesem  wie  bei  so  manchem  andern  Anlass  meinen 
besten  Dank,  der  zugleich  auch  den  andern  Beamten  des 
Archivs,  insbesondere  den  Herren  Archivaren  Dr.  Reimer 
und  Dr.  Winter  gebührt. 

ib.  V.  Carls  hausen].  Buderus  v.  C.  hatte  sich  in  unter- 
geordneter Stellung  das  Vertrauen  des  Kurfürsten  erworben 
und  hatte  während  der  westphälischen  Zeit  in  Prag  seine 
Geldangelegenheiten  besorgt.  £r  wurde  nach  der  Rück- 
kehr d.  EurfOrsten  geadelt  u.  vom  geh.  Eriegsrath  som 
Kammerpräsidenten  ernannt.  In  diesen  Stellungen  ffelan^^ 
er  (nach  Wippermann  S.  12)  zu  Reichthümern.  Nach  sei- 
ner Rückkelur  von  Paris  wurde  er  Gesandter  des  EurfOrsten 
beim  Bundestag  (vgl.  Anm.  IL  72)  u.  danach  Präsident  der 
Re^erung  in  Hanau.  In  der  Correspondenz  der  Brüder 
Gnmm  aus  der  Jugendzeit  wird  er  immer  als  Buderus  er- 
wähnt. Wie  unbeliebt  er  in  Gassei  war,  geht  aus  einer 
Correspondenz,  welche  W.  Gr.  dem  Rhein.  Merkur  ein- 
sandte, hervor,  (no.  224  Mont.  d.  17.  4.  1815  =  El.  Sehr. 
I.  546—7).  Zum  Bundestag  sollte  ihn  Jacob  als  Secretär 
begleiten  und  auch  Thomas  hätte  es  gern  gesehen,  wenn  dieser 
die  Stellung  angenommen  hätte.  So  schreibt  er  an  Wilhelm 
d.  12.  12.  1815 :  «Senator  Smid  ist  hier  ....  Er  glaubt,  dasz 
der  Mensch  (v.  Carlshausen)  die  Geschäfte  nicht  verstehe  u. 
dasz  Jacob  sie  fuhren  könne ,  mithin  die  Sache  in  die 
Hände  bekäme;  was  doch  zu  vielem  gut  wäre.* 

S.  18.  Die  Angelegenheit  der  Rückerstattung  der  aus 
Cassel  entführten  Gemfide  hatte  nach  Geheimrath  Buderus 
von  Carlshausens  Berichten  an  den  Eurfürsten  bis  zu  seiner 
Abreise  Ende  Sept.  folgenden  Verlauf  gehabt: 

Bericht  1.  (v.  5.  8.  1815):  «Über  die  Eunstsachen  . .  ist 
befohlen  worden,  dasz  alles  erst  im  diplomatischen  Wege 
ausgeglichen  werden  müsse  und  ich  habe  alle  Einleitungen 
dazu  schon  gemacht." 

2.  (v.  9.  8.)  bestätigt  den  ausdrücklichen  Befehl  des 
Königs  von  Preuszen,  dasz  hinsichtlich  der  Abgabe  der 
Eunstsachen  die  Berechtigten  ihre  Ansprüche  bei  den  ver- 
bündeten Mächten  geltend  machen  müssen;  doch  habe  er 
den  Fürsten  Blücher  Wahlstadt  in  Rambouillet  bewogen. 


y  Google 


Anmerkoiigen  zn  B.  n  S.  13.  399 

sich  sn  HesseiiB  GDnsten  bei  dem  Fürsten  ▼.  Hardenberg 
Ml  verwenden,  ebenso  habe  derselbe  den  Staataraifi 
Ribbentrop  brieflich  ersucht,  f£Lr  möglichst  schnelle  Ab- 
gabe der  Ennstsachen  ZQ  wirken.  Er  habe  sich  dann  ebenso 
wie  der  Braanschweigische  Commissar  von  Münchhaosen 
direct  an  den  Direeteur  general  du  Musie  Denen  gewandt. 

4.  (t.  15.  8.):  .Vom  frühen  Morgen  bis  in  die  späte 
Nacht  bin  ich  wegen  der  Ennstsachen  herumgelaufen  und 
doch  noch  nicht  am  Ziele.'  Nach  nnsfthligen  Bemühungen 
sei  ihm  militairische  Hilfe  zugesagt,  wenn  die  gutwimf|^ 
Bückgabe  yerweigert  würde.  Denon  habe  sich  wie  ein 
wahnsinniger  Mensch  bei  der  Rückgabeforderung  betragen 
und  gerufen:  *ee  sotU  les  bijoux  du  Muah,  on  ne  doit  paa 
les  rendre*, 

5.  (v.  17.  8.):  .Mit  den  Eunstsachen  bin  ich  noch  um 
nichts  weiter.'  ...  In  einem  Schreiben  des  Ministers  des  k. 
Palastes  Graf  v.  Pradel  an  Staatsrath  Ribbentrop,  sei 
allerdin^  eine  befriedigende  Antwort  an  ihn,  v.  Carlshausen, 
in  Aussicht  gestellt 

6.  (v.  18.  8.)  Die  Antwort  y.  Pradels  sei  vollständig 
zufriedenstellend.  (Sie  ist  in  den  Acten).  Er,  v.  C,  werde  nun 
mit  möglichstem  Fleisse  in  Paris  und  in  den  auswärti^n 
Schlössern  nach  diesen  Gegenständen  forschen  und  seine 
Abreise  thunlichst  beschleunigen.  (Unter  dem  27. 9.  erfolgte 
hierauf  von  Cassel  aus  ein  Dankschreiben  an  den  Eönig  v. 
Frankr.  sowie  die  Genehmigung,  dasz  G.  seine  Rückreise 
nach  Rückgabe  der  Eunstsachen  antreten  könne.) 

7.  (v.  22.  8.):  ,Bis  heute  habe  ich  nun  205  Gemähide 
in  Empfang  genommen.''  Er  sei  so  schnell  zum  Ziel  ge- 
kommen, weil  er  die  Vorsteher  des  Musäe  schon  2  mal  zum 
Essen  gebeten  hätte.  Die  Franzosen  suchten  sich  auf  alle 
Weise  aer  Rückgabe  zn  entziehen.  „Mehrere  Gemähide  be- 
finden sich  in  Compiegne,  Rambouillet,  Lyon,  Brüssel, 
Strasburg  u.  an  anderen  Orten,  deren  Wiedererlangung  noch 
manche  Schwierigkeit  haben  wird.  Von  den  48  Gemänlden, 
welche  der  General  la  Grange  vor  der  Ankunft  des  Di- 
rectors  Denen  aus  Cassel  hatte  wegbringen  lassen*^,  seien 
überhaupt  nur  36  nach  Malmaison  gelangt,  die  andern  seien 
niemals  zum  Vorschein  gekommen  [vgl.  II 406  zu  S.  50].  „Die 
Direction  des  Musde  hat  sich  in  früherer  Zeit  die  g^röste  Mühe 
gegeben,  um  diese  Gemähide  zu  erlangen,  alle  ihre  Nach- 
forschungen musten  aber  aufhören,  als  Napoleon  auf  ihre 
Anzeige  von  der  Weigerung  der  Eaiserin  zur  Herausgabe 
die  Entscheidung  ertheilte :  elU  ne  seroU  pas  ImpSrcUricef  si 
eUe  €tgir<nt  aufrement.  Nach  EngeUand  soll  nichts  von 
diesen  Gemähiden  verkauft  worden  sejn.' 


y  Google 


400  Anmerlningen  zn  B.  n  S.  18. 

9.  (y.  26.  8.):  Gestern  sei  Malmaison  durchsucht, 
doch  seien  nar  4  der  48  Gemählde  daselbst  Torgefonden 
(vgl.  oben  S. 47)  und  zn  deren  Wiedererlangnngdie n5thiffeii 
Vorschritte  gemacht.  Nach  dem  Tode  aer  Kaiserin  Jo- 
seph ine  hätten  die  Directoren  des  Mnsenms  wieder  alle 
möglichen  Schritte  gethan  um  die  48  Bilder  in  das  Museum 
zn  bekommen,  aber  vergeblich.  Die  Franzosen  hätten  die- 
selben auf  780,000  Franken  geschätzt ....  Von  den  von 
La  Orange  aas  dem  Museo  in  Cassel  genommenen  a.  in 
2  Kisten  verpackten  Sachen,  von  welchen  von  Oberhofrath 
VGlkel  am  16.  9.  1806  ein  Verzeichnis  aufgestellt  worden 
sei,  befinde  sich  nichts  in  den  Museen.  £r  werde  ev.  einem 
Advoc.  die  Verfolgung  der  Sache  gegen  La  Grange  fiber- 
geben  und  wenn  die  übrigen  Sachen  fertig  seien  abreisen. 

11.  (v.  30.  8.)    Betrifft  die  Verschickung  der  Gem&hlde. 

12.  (v.   4.   9.):    ,Nach    den    von    ProtT  Robert    mit- 
gebrachten   Verzeichnissen    hat    der    Director    Denon    in 
Cassel  überhaupt  299  Gemähide  genommen.    Hiervon  sind 
abgeliefert  271  Stück*",   1  sei  beim  Einpacken  in  Cassel  ge- 
stohlen,   1  ein  Kind   mit   einer  Seifenblase  v.  Mieris  soll 
nicht   in   das   Museum   gekommen  sein.    In  den  Zwischen- 
iahren   seien   entwendet   in  auswärtigen  Schlössern  4.     j^Es 
hängen  in  Strasburg  9,   Brüssel  2,   Lyon  4,   Toolonse    1, 
Caen  1,  Rambouillet  2,  Fontainebleau  1,  H6tel  de  TEmpire 
in  Paris  1.*     Das  Zimmer,   in   welchem   letzteres   sich   be- 
finde,  sei   derzeit   unzugänglich.     ,Eine  Kirche  von   Peter 
Neefs   findet  sich  nicht  mehr.*'    Die  21  somit  restirenden 
Bilder  sollten   mit  anderen  Preuszen  gehörigen  nach  Paris 
gebracht  werden.    „Ich  bin  gesonnen,  den  hiesigen  Mahler 
Ünger,   welcher   ein  Schwestersohn  vom  verstorbenen  In- 
spector  Tischbein  —  u.  in  der  GaJlerie  zu  Cassel  erzogen 
worden  ist,   zum  Empfange  dieser  21  Gemähide,  u.  zur  Be- 
sorgung des   Transports   nach   Cassel    zn  bevollmächtigen, 
weil  mehrere  Monate  verstreichen  werden,  bis  sie  zusammen- 
gebracht worden  sind.    Er  kennt  die  Gemähide  ebenso  gut, 
wie  der  Prof.  Robert.    2  Gemähide,  welche  nicht  in  dem 
Verzeichnisse   der  genommenen  Sachen  ständen,  seien  ihm 
noch  übergeben ,   er   habe  also  273  erhalten.    Die  aus  dem 
Museo  durch  Denon  entnommenen  Sachen  seien  ihm  eben- 
falls zum  Theil  schon  übergeben.* 

14.    (v.  14.  9.  1815)  stellt  den  Bericht  16  in  Aussicht 
16.    (V.  20.  9.  1815,  bis  auf  die  Respectformel  u.  Unter- 
schrift V.  Grimmas  Band): 

«Mit  Beziehung  auf  meinen  allerunterthänigsten  Bericht 
vom  14.  d.  widme  ich  diesen  submiszen  Vortrag  lediglich 
den   vom   Gouverneur  La  Grange  in  Caszel  vor  der  An- 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  II  S.  13.  401 

knnft  des  Directors  Denon  genommenen  und  der  ver- 
storbenen Kaiserin  Josephine  nach  Malmaison geschickten 
Gemählden. 

Ich  hatte  den  Staatsrath  Kibbentrop  um  die nöthige 
Hülfe  zur  Wegnahme  der  an  letzterem  Orte  noch  befind- 
lichen vier  Gemählde  ersucht  und  von  diesem  wurde  der 
Kriegs  Comraissarius  von  Martens  beauftragt  dem  Geschäfts- 
träger der  Beau  h  arnaischen  Familie,  Chevalier  Sou- 
lange  zu  bedeuten,  dasz  man  die  befragten  vier  Gemählde 
mit  Gewalt  nehmen  werde,  wenn  man  sie  nicht  gutwillig 
aushändigen  wolle. 

Der  Chevalier  Soulange  antwortete  in  dem  sub  1  bei- 
gefügten Schreiben,  dasz  diese  Gemählde  zu  denjenigen 
gehören,  welche  von  Sr.  Maj.  dem  Kaiser  von  Rusziana  in 
Gefolg  älterer  Unterhandlungen  gekauft  und  dem  Fürsten 
von  Wolkonsky  seit  dem  Einmarsch  der  alliirten Armeen 
in  Paris  ü berge l»en  worden  seyen. 

Niemand  hielt  den  Handel  für  richtig,  der  General 
vonGneisenau,  an  welchen  ich  wegen  der  Auswirkung 
der  militairiachen  Hülfe  zur  vorläufigen  Wegnahme  der  ^ner 
Gemählde  in  dem  von  den  Engelländern  besetzten  Schiosze 
Malmaison  gewiesen  wurde ,  verweigerte  aber  auf  mehr- 
maliges Ersuchen  seinen  Heistand  gänzlich  und  der  Staats- 
rath Ribbentrop  ertheilte  keine  Antwort  mehr.  —  Ich 
habe  mich  darauf  an  den  ruBzischen  Staats-Minister  Grafen 
Nesselrode  und  den  FürHten  von  Wolkonsky,  nach- 
dem mehrere  Bemühungen  eine  Unterredung  zu  erlangen, 
vergeblich  gewesen  sind,  in  den  Anlagen  sub  2  u.  3  schrift- 
lich gewendet  und  gegen  den  Ankauf  der  48  Gemählde 
protestiret,  von  jenem  indessen  auf  fünfmalige  Erinnerungen 
bis  heute  noch  keine  Antwort  —  u.  von  diesem  in  der  An- 
lage sub  4.  die  Nachricht  erhalten ,  dasz  er  einige  von  den 
in  Malmaison  zu  verkaufen  gewesenen  Gemählden  angekauft 
und  in  das  ruszische  Gesandtschaftshaus  hätte  bringen 
lassen. 

Da  hiernach  die  verkauften  Gemählde  weggebracht 
worden  sind,  so  fand  ich  gut,  den  Herzog  von  Welling- 
ton in  der  Anlage  sub  5.  um  eine  Ordre  an  den  englischen 
General  in  Malmaison,  dasz  er  sich  der  Wegnahme  der 
vier  Gemählde  daselbst  nicht  wiedersetzen  möge  —  den 
Fürsten  von  Wolkonsky  m  der  Anlage  sub  6  um  die  Be- 
zeichnung der  angeblich  gekauften  einigen  Gemählde  in 
dem  ihm  mitgetheilten  Verzeichnisse  der  48  Stücke  und  den 
Fürsten  von  Hardenberg  in  der  Anlage  sub  7.  um  seine 
Verwendung  zur  Wiedererlangung  der  48  Gemählde  zu 
bitten.  —  Der  erste  hat  mir  auf  einmalige  Erinnerung  in 
£.  Stengel.    Acten  der  Brüder  Orlmm.  26 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


402  Anmerkungen  sn  B.  II  S.  18. 

der  Anlsj^e  snb  8.  beantwortet,  dasz  nach  dem  ßeechlosae 
der  Minister  von  den  verbündeten  Mächten  die  vier  Ge- 
mähide nicht  weggenommen  werden  könnten,  man  sich  aber 
über  die  Zurückgabe  der  sämmtlichen  Q^mählde  berath- 
schlage  und  ich  weiter  beschieden  werden  solle ;  vomxweiten 
ist  aaf  viermalige  Erinnerungen  gar  keine  Antwort  gegeben 
worden  und  der  dritte  hat  auf  zweimalige  Erinnemn^  in 
der  Anlage  sub  9.  die  Antwort  an  mich  gelangen  lassen, 
dasz  das  Ministerialconseil  der  verbündeten  Höfe  sich  schon 
mit  diesem  wichtigen  Gegenstand  beschäftige,  und  ich  anf 
die  lebhafteste  Theilnahme  und  Unterstützung  des  i>reiiszi- 
sehen  Ministerii  rechnen  könne.  —  Durch  den  hier  an- 
wesenden Handelsmann  Toussaint  den  jung,  aus  Hanau, 
welcher  lange  in  Petersburg  war  und  viele  ruszische  Con- 
nexionen  hat,  habe  ich  zu  erfahren  gesucht:  welche  Ge- 
mählde  des  Kaisers  von  Ruszland  Maj.  besitzen;  mein 
Bemühen  ist  aber  ebenso  wenig  von  Erfolg  gewesen ,  als 
unzählige  andere  Versuche,  welche  ich  zur  Beförderung  der 
Wiedererlangung  gemacht  habe.  —  Ich  befürchte  nicht  den 
Vorwurf  irgend  emer  Versäumnis  in  dieser  Angelegenheit 
und  der  indessen  hier  eingetroffene  Legationssecretarins 
Grimm  wird  entweder  durcn  den  Mahler  Unger  die  Ge- 
mählde  in  Empfang  nehmen  laszen  können  oder  von  der 
Unmöglichkeit  der  Wiedererlangung  Anzeige  machen.  — 
Vertraulich  ist  mir  eröffnet  worden,  dasz  nach  den  öster- 
reichischen, englischen  und  preuszischen  Abstimmungen  die 
Wiederaushändigung  der  Gemähide  ganz  bestimmt  —  nach 
der  ruszischen  aoer  gar  nicht  zu  er^^urten  ist.  —  Der  Lord 
Castlereagh  hat  vorzüglich  mit  dem  gröszten  Nachdrucke 
auf  die  Zurückgabe  angetragen.' 

Aus  J.  Grimmas  Berichten  ergiebt  sich,  dasz  von  den 
21  restirenden  Bildern  nach  und  nach  abgeliefert  wurden 
aus  Fontainebleau  (II  8.  48)  1  Rubens,  der  von  der  Sieges- 
göttin gekrönte  Mars  (no.  55  nach  dem  Catalog  von  1783, 
jetzt  no.  188),  das  Gegenstück  zu  dem  aus  Caen  nicht  za- 
rückgelieferten  (vgl.  Anm.  zu  II  8.  69),  aus  Rambonillet 
Ol  S.  55)  2  Mignon  (alt  no.  68  u.  70,  jetzt  no.  597  u.  596), 
aus  Lyon  3  Bilder  (II  8.  82),  das  vierte  dort  befindliche  wird 
noch  in  den  letzten  Ta^en  vor  Grimmas  Abreise  ihm  zu- 
gestellt sein  (vgl.  II  8.  95  u.  82),  aus  dem  Hotel  de  TEmpire 
n^helusson)  1  Rembrandt,  Alter  Mann  mit  Winkelmasz  u. 
Feder  an  einem  Tische  (alt  no.  18,  jetzt  no.  350),  endlich 
gleichfalls  in  letzter  Stunde  8  Bilder  aus  Strassburg  (ein 
neuntes  blieb  daselbst  zurück).  Im  ranzen  also  16  Bilder, 
welche  nach  Roberts  Angabe  (s.  Anm.  u  69)  Grimm  und  Unger 
mit  nach  Cassel  brachten.    Dazu  kamen  später  noch  die  2 


y  Google 


Amnerkangen  zu  B.  II  8.  18.  403 

aus  Brüssel.  Wegen  dieser,  sowie  der  3  nicht  zurück- 
gegebenen Bilder  s.  Anm.  zu  II  S.  69.  Vergeblich  waren 
Grimmas  Bemühungen: 

1)  wegen  45  Bildern  von  48,  welche  General  Lagrange 
bereits  1800  nach  Frankreich  schickte,  und  welche  zum  grossen 
Theil  (s.  II  406  Anm.  z.  69)  nach  Schloss  Malmaison  ge- 
langten; V.  Carlshausen  (vgl.  Anm.  zu  II  S.  17  no.  8)  hatte 
nur  8  Stück  zurück  erhalten,  ein  viertes,  welches  anfangs 
vorhanden  war  (eine  Landschaft  v.  Berchem  nach  II  S.  47), 
war  bei  der  Ablieferung  auch  verschwunden.  Nach  Toossaint^s 
Ermittelongen  waren  88  dieser  fehlenden  45  Bilder  vom 
russ.  Kaiser  angekauft  (vgl.  Anm.  zu  II  S.  50)  und  4  bereits 
früher  von  einem  russ.  General  weggenommen  worden 
(ib.).  Unter  diesen  Bildern  befanden  sich  (ib.  8.  28)  4  Claude 
Lorrain  'die  vier  Tageszeiten'  (no.  8,  17,  82,  41)  u.  der  be- 
rühmte Potter  *Jagdstück'  (no.  62).  Die  'CaritV  Leonardo  da 
Vinci's  (no^  46)  scheint  nie  nach  Malmaison  gekommen  zu 
sein  (ib.  8.  41,  vgl.  auch  Anm.  zu  II  8.  24). 

2)  wegen  der  erst  unter  dem  19.  October  1815  (vgl.  n 
8.  69  f.)  nachträglich  reclamirten  18  Bilder  (ib.  8.  85)  aus 
dem  Casseler  8chloss  (ib.  8. 88),  unter  denen  sich  (nach  8. 79) 
3  Ostade  befanden,  welche  in  einer  Ausstellung  des  Pariser 
Museums  einige  Jahre  früher  vom  Maler  Unger  gesehen  u. 
copirt  waren  und  die  Nummern  128,  124  u.  126  trugen. 
Von  der  Rücklieferung  dieser  Bilder  musste  nach  Abscmuss 
des  Friedens  Abstand  genommen  werden  (vgl.  8.  94). 

8)  wegen  der  2  Eisten  mit  Konstschätzen  des  Kasseler 
Museums  (vgl.  Anm.  zu  II  8.  25).  Bei  der  Aushändiffunff 
der  grossen  Masse  der  Bilder  war  ein  Elzheimer  verwechselt 
worden,  nämlich  no.  292  (^cole  allemande)  des  franz  Cat. 
statt  no.  294  abgeliefert.  Auch  hinsichtlich  des  Tintoretto 
in  Brüssel  bestanden  Zweifel  (vgl.  8.  97,  Anm.  zu  II  8.  69). 

8.  18.  man  wünscht  von  8eiten  d.  k.  pr.  Be- 
hörde ....  denselben  hierher  zu  senden].  Man 
vgl.  hierzu  eine  Aeusserung  J.'s  gegen  W.  v.  21.  10.  1815 
(Jngendbr.  8.  479):  , Die  Freunde,  die  mich,  da  ich  kaum 
los  geworden  war,  nun  wieder  nach  Paris  jagten,  haben  mir 
einen  ungebetenen  Dienst  erwiesen  u.  s.  w.*  Unter  diesen 
Freunden  sind  8avign7  und  Thomas  gemeint.  Am  27.  7. 
1815  schreibt  Thomas  an  Wilhelm :  j^Fjichhom  ist  dieser 
Tage  durch  nach  Paris.  Er  hatte  8ie,  lieber  Jacob,  der  8ie 
nun  zu  Haus  seyn  werden,  auf  der  Liste  derer,  die  die  fran* 
zösischen  Bibliotheken  examinieren  und  respective  leeren 
sollen.  8avi^jr  hat  8ie  ihm  dazu  empfohlen.  Ich  habe 
auch  das  meimge  gethan  und  wünsche,  dasz  die  8ach6  zu 
Stand  käme,  es  Ihnen  auch  nicht  unangenehm  wäre."  VgL 
hierzu  J.'s  Br.  an  W.  v.    13.   9.    1815  (von  Mainz  aus  ge- 


y  Google 


404  Anmerkungen  zu  B.  II  S.  13—25. 

schrieben):  ,Am  Samstag  (d.  9.  9.)  bekam  ich  plötzlich 
Befehl  zufolge  der  noch  eingetroffenen  Berufung,  von  der 
Ihr  beide  wiszt,  woran  meine  Seele  aber  nicht  mehr  dachte, 
schleunig  nach  Paris  zu  reisen.* 

S.  15.     Buderus]  s.  v.  Carlshausen  Anm.  zu  S.  13. 

S.  14 — 5.  Kammergeri  chts-Ra  th  v,  Eich- 
horn] vgl.  Anm.  zu  I.  S.  175. 

S.  17.  Z.  3.  worauf  ich  3  zurückerhalten]  näm- 
lich zwei  von  Nicolas  Poussin  und  eins  von  Guido  Reni ;  vg-l. 
Duncker  in  d.  Zeit«chr.  d.  Vereins  f.  hess.  Gesch.  u.  Lan- 
desk.  IX.  S.  324. 

S.  24.    Die   Sache  liegt    so    dasz   sie  mit  der 
Zeit    einmal     öffentlich    in    Deutschland     zur 
Sprache    gebracht    werden    musz.]      Das  geschah 
denn    auch    durch   W.   Grimm  im    Rheinischen  Merkur  no. 
340  Mittw    d.  6.  12.  1815  =  Kl.  Sehr.  I.  556    ,hier  werden 
berühmte  Stücke  vom    ersten    Bang:    die   vier  Tageszeiten 
von  Claude  Lorraine,  eine  heilige  Familie  von  da  Vinci,  die 
wunderherrliche   Charitas,    die    Kuh  von  Potter  u.   a.   ver- 
misst  ....  Niemand  dachte  .  .  .,  dasz  sie  könnten  zurück- 
gehalten werden,  dennoch  haben  es  .  .  .  die  Russen  gethan 
....  Der  russische  Hof  hat  diese  Gemälde  für  eine  halbe 
Million  Franken  gekauft  .  .  .  .*     Er  schickte  diese  Artikel 
an  Görres  am  21.  11.  1815  mit  einem   Brief  (Görres   Briefe 
II.    S.   478)   in    dem    es   heiszt:     ,Es  ist   doch   schändlich, 
gerade  die  Meisterstücke  für  dies   Lumpengeld   für  sich  zu 
nehmen.     Ich  überlasse   Ihnen  zu   mildem ,  wie  es    Ihnen 
gutdünkt. "      Nach    Waagen    ,Die    Gemäldesammlung    der 
Eremitage*  S.  16  u.  20  zahlte  der  Kaiser  für  38  dieser  Bil- 
der sowie  für  drei    AJarmorstatuen    Canovas  400.000  Rubel 
(vgl.    noch    Anm.    zu    IL ,    17   u.  50   und    die   Angabe   in 
V.  Carlshausens  Bericht  no.  9  in  Anm.  zu  IL  S.  13).    Wilh. 
Gr. 's  Angabe  beruht  auf  einer  Mittheilung  von  Thomas  vom 

22.  10.  1815:  ^W.'s  Bruder  Ludwig  der  Maler  habe  einen 
groszen  Ärger  gehabt  ,v.  Bethmann  kam  von  Paris  zurück 
u.  erzählte,  wie  der  Kaiser  v.  Russland  die  Gallerie  v.  Mal- 
maison  um  500,000  fr.  gekauft-     [Aehnlich  schrieb  Th.  an 

23.  10.  1815  an  J  | 

S.  25.  in  Angelegenheit  der  zwei  Kistenl.vgL 
IL  S.  16  2)  u.  V.  CHrlshausens  Bericht  9  (Anm.  zu  IL  ö.  13). 
Das  in  diesem  Bericht  erwähnte  Verzeichniss  ist  1882  in 
der  Zeitschr.  des  Vereins  f.  hess.  Gesch.  u.  Landeskunde 
Bd.  IX.  S.  336  ff.  von  A.  Duncker  mitgetheilt  Eben  da  ist 
auch  von  ihm  angegeben,  dasz  1816  ein  erneuter  Versuch 
gemacht  wurde  dein  (geraubten  auf  die  Spur  zu  kommen, 
aber  ebenso  vergeblich.     Die  näheren  Umstände  des  Raubes 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  II  S.  38—48.  405 

ergeben  sich  aus  den  dort  voraufgehenden  Aufzeichnungen 
Völkeis  und  den  dazu  gefügten  Erläuterungen  Dunckers. 
Letztere  erfahren  hinsichtlich  der  geraubten  Bilder  durch 
vorstehende  Anmerkungen  einige  Berichtigungen  und  Er- 
gänzungen. 

S.  88.  Der  Mahler  Unger,  der.  .  .  dem  Aller- 
gnädigsten  Herrn  empfohlen  zu  werden  ver- 
dient etc.]  Nach  v.  Carlshausens  Bericht  V2  (Anm.  zu  II. 
S.  13)  war  W.  ünger  ein  Neffe  Tischbeins.  Des  weiteren 
8.  über  ihn  J.  Hofmeister's  gesammelte  Nachrichten  über 
Künstler  u.  Kunsthandwerker  in  Hessen  herausgeg.  v.  Prior 
Hannover  1885 ,  wo  indessen  dessen  Verwandtschaft  mit 
Tischbein  unerwähnt  geblieben  ist.  Wegen  der  wieder- 
holten Erwähnungen  seiner  thätigen  Hilie  s.  den  Index, 
erwähnt  mag  besonders  werden,  dasz  er  nach  II  S:  88  seine 
Abreise  von  Mitte  October  bis  in  den  December  verschoben 
um  Grimm  in  Brüssel  bei  Reclamirung  der  dorthin  gerathe- 
nen  Bilder  behilflich  zu  sein.  Trotz  alledem  scheint  U.  für 
alle  seine  Opfer  von  der  hessischen  Regierung  nicht  die 
mindeste  Entschädigung,  ja  nicht  den  mindesten  Dank  er- 
halten zu  haben,  wie  das  mehrfach  erwähnte  Actenfascikel 
über  V.  Carlshausens  Mission  ergiebt.  Am  1.  Oct.  1817 
überreichte  er  endlich  dem  Kurfürsten  eine  Eingabe,  worin 
er  um  Schadloshaltung  für  die  gehabten  Unkosten  bittet 
und  hervorhebt,  dasz  verschiedene  Erinnerungen  bei 
V.  Carlshausen  vergeblich  gewesen  seien.  Letzterer  und  da- 
nach auf  seinen  Antrag  der  Gallerieinspector  Robert  wurden 
über  dieses  Gesuch  zum  Bericht  aufgefordert.  Obwohl  nun 
beide,  besonders  aber  Robert  in  energischer  Weise  Ungers 
Anspruch  auf  Entschädigung  befürworteten,  lautete  die  am 
7.  März  1818  gefasste  Resolution :  „bleibt  offen*  und  weiteres 
besagen  die  Acten  nicht. 

8.  40.  eine  ihm  v.  dem  preusz.  Commiss.  Hr. 
V.  Martens  eingehändigte  Liste].  vgL  v.  Carls- 
hausens Bericht  16  m  Anm.  zu  U  S.  13. 

ib.  auf  d  as  fehlend  e  vierte  BildJ.  vgl.  S.  17 
oben  u.  S.  47,  sowie  v.  Carlshausens  Bericht  9  in  Anm.  zu 
II  S.  13. 

S.  41.  Ich  gestehe,  dasz  es  mir  kaum  glaub- 
haft erscheint  etc.]  vgL  Bericht  7  v.  Carlshausens  in 
Anm.  zu  11  S.  13. 

ib.  Versuche  der  Minister  gescheitert  etc.] 
vgl.  ib.  Bericht  7  u   9  v.  Carlshausens. 

S.  48.  der  auch  die  ausgewechselte  Urkunde 
mitbringt].  VgL  dazu  die  Stelle  aus  dem  nicht  abge- 
druckten   Bericht  4  (v.    9.   10.):     „Gestern    habe   ich  von 


y  Google 


406  Anmerkungen  zu  B.  11  S.  48—69. 

Cassel  mit  der  Briefpost  den  engl.  Acceszvertrag  lichtif^ 
empfangen  u.  dafOr  36  Franken  Porto  erlegen  müszen.  Dem 
zur  Auswechselung  dieser  Urkunde  AUergnädigst  beordneten 
hannöv.  Legations-Rath  von  Bodennausen  habe  ich 
solche  ungesäumt  selbst  überbracht  und  er  behält  sich  Tor, 
in  einem  eigenen  Schreiben  seine  Dankbarkeit  für  das  ihm 
geschenkte  Zutrauen  auszudrücken.' 

S.  50.  dasz  38  Stück  Gemähide  ..  für  den 
rusz.  Kaiser  eingepackt].  Diese  Angabe  Toussaints 
wird  durch  die  von  Waagen  (Die  Gemäldesammlung  der 
Eremitage  S.  16  u.  20;  vgl.  hier  II  404  Anm.  z.  24)  be- 
stätigt, y.  Carlshausen  war  also  falsch  unterrichtet,  wenn 
er  in  seinem  Bericht  7  (Anm.  zu  II  13)  behauptete  es  aeien 
überhaupt  nur  36  dieser  Bilder  nach  Malmaison  gekommen. 

n  S.  57.  Brief  an  meinen  Bruder].  vgL  Br. 
aus  d.  Jugendzeit.  S.  477. 

S.  69.  wir  sollten  .  .  beweisen,  dasz  die 
Preuszen  das  Bild  zu  Caen  gelaszen  hätten  .  . 
suchen  die  Franzosen  .  .  Zeit  Zugewinnen]. 
In  diesem  Falle  war  es  ihnen  thatsächlich  geglückt,  das 
Bild  (s.  unten)  vorzuenthalten  und  trotz  der  Warnungen 
Grimms  und  der  Erinnerung  des  Galleriedirectors  Robert 
kümmerte  sich  die  hessische  Regierung  nach  Grimms  Weg- 
gang von  Paris  nicht  weiter  um  dasselbe.  Erst  1826  erin- 
nerte sie  sich  desselben  und  nun  begannen  breitspurige  und 
kostspielige  Verhandlungen  zwischen  dem  hessischen  Ge- 
sandten Ri viere  und  der  französischen  Regierung,  welche 
endlich  1830  dazu  führten,  dasz  der  KOnig  der  Stadt  Caen 
das  Bild  abkaufen  und  dem  Kurfürsten  schenken  wollte. 
Thatsächlich  ist  auch  daraus  nichts  geworden.  Das  nähere 
ergiebt  das  11  S.  13  erwähnte  Acten£ascikel  über  v.  Carls- 
hausens Sendung  nach  Paris,  aus  welchem  auch  hervor- 
geht, dasz  laut  einem  Bericht  des  Gallerieinspectors  Robert 
über  das  Gesuch  des  Maler  Unger  (vgl.  Anm.  zu  II  8.  38) 
vom  3.  3.  1818  von  den  restirenden  21  Bildern  16  im  Decem- 
ber  1815  zurückkamen  und  noch  4  Bilder  vorenthalten 
waren:  1)  Distribution  de  pain  ä  des  Soldats; 
oder  Abraham  u.  Melchisedec  etc.  v.  P.  P.  Rubens  zu  Caen 
(alte  Nummer  96).  2)  Un  Paysage;  oder  eine  Land- 
schaft mit  vielen  Bäumen  und  einem  Wasser  auf  dem  Yor- 
ffrunde  einige  Bauern  u.  Ziegen.  Von  Johann  Roth.  In 
Strasbourg,  (alte  Nummer  7o).  3)  T§te  d'homme  oder 
Hugo  Grotius  in  seinem  mittleren  Alter,  mit  einem  nieder- 
ländischen Kragen  von  Arnold  von  Ravesteyn.  In  Tou- 
louse (alte  Nummer  199).  4)  Interfeur  d'Eglise  oder  ein 
Prospect  einer  Kirche  mit  Säulen,  und  in  derselben  eine 


y  Google 


Anmerkungen  zu  B.  n  S.  69—122.  407 

Menge  Menschen.  Von  Peter  Neefe.  In  Paris  (alte  Nummer 
175).  Das  letzte  Bild  war  nach  v.  Carlshausens  Bericht  13 
[Anm.  zu  II  S.  18]  in  Paris  nicht  mehr  vorhanden.  Die  beiden 
Bilder  in  Brüssel  ein  Titian  (Lebensgroszes  Bildniss  des  Alfonso 
d*Ayalo8  Marchese  del  Guasto)  und  ein  Tintoretto  deren 
Auslieferung  bereits  Dec.  1816  (vgl.  S.  97)  von  der  nieder- 
ländischen Regierung  zugestanden  war,  sollen  im  August 
1817  abgeliefert  worden  sein;  (alte  no.  2u.  76,  neue  no.  2b 
u.  71).  Hinsichtlich  des  Tintoretto  (Bildniss  eines  alten 
Mannes)  soll  Robert  bestritten  haben ,  dasz  es  das  nach 
Cassel  gehörige  Bild  sei,  der  Kurfürst  aber  befohlen  haben 
von  weiteren  Reclamationen  Abstand  zu  nehmen.  Vor- 
stehende Angaben  ergänzen  und  berichtigen  mehrfach 
Duncker's  Aufsatz  in  d.  deutschen  Rundschau  1883  Febr.  und 
noch  mehr  das  in  jeder  Hinsicht  ungenügende  Schriftchen: 
pDie  Gründung  der  Hessen-Casserschen  Gemälde-Gallerie  u. 
ihre  nachmaligen  Schicksale.    Cassel  1880.* 

S.  72.  Ew.  Hochwohlgeb auszeichnen- 
den Ernennung]  offenbar  zum  Bevollmächtigten  beim 
Bundestage;  vgl.  Il  S.  91  Bericht  10.  Auszerdem  musz 
V.  Carlshausen  damals  den  Freiherrntitel  erhalten  haben 
und  zum  Cammerpräsidenten  ernannt  worden  sein,  darauf 
hin  deutet  die  veränderte  Anrede  von  Bericht  8.  VgL 
Anm.  zu  II  S.  13. 

8.  85.  den  Plan  dieser  Compensation  fest- 
zustellen und  .  .  .  den  Franzosen  so  annehmlich 
als  möglich  darzustellen]  vgl.  Jacob  an  Wilhelm 
V.  23.  9.  1815.    (Briefe  aus  d.  Jug.  S.  471). 

S.  96.  vielleicht  auch  noch  eins  aus  Tou- 
louse]. Dasselbe  ist  überhaupt  nicht  eingetroffen,  obwohl 
es  schon  S.  69  als  angelangt  bezeichnet  wurde.  VgL  Anm. 
zu  II  S.  69. 

S.  100.  Vor  einem  halben  Jahre  nicht  Gnade 
gehabt  .  .  .  Gesuch  um  Urlaub  ...  zu  willfah- 
ren]. Offenbar  weil  im  Frühjahr  1816  Wilhelm  einen 
längeren  Urlaub  erhalten  hatte  (vgl.  Anm.  zu  I  S.  187). 
Auen  später  wurde  Jacob  noch  einmal  ein  nachgesuchter 
Urlaub  versagt,  vgl.  seinen  schönen  Br.  an  Hoffm.  v.  Fal- 
lersleben  v.  6.  3.  1826,  in  Germ.  XII,  500. 

S.  103.  Über  sein  Verhältnisz  zum  Ober-Hof-Marschall- 
Amt  hat  sich  J.  Gr.  schon  in  seiner  Autobiographie  bei 
Justi  8.  159  f.  ausgesprochen. 

S.  122.  Seine  Thätigkeit  in  der  Censur-Commission  be- 
friedigte J.   Gr.  durchaus  nicht,    wie    er  das  auch  gegen 


y  Google 


408  Besserungen  und  Nachträge. 

V.  Meusebach  unter  dem  25.  11.  1829  (BriefV.  S.  119)  «r©- 
äussert  hat.  Vgl.  überdies  seine  Autobiographie  bei  Justi 
S.  169,  Brief,  an  Tydemann  v.  12.  5.  1824  (Briefe  an  T.  S. 
78j,  Germ.  XQ  499  u.,  sowie  hier  I  S.  165  und  BangsBr.  11 
V.  22.  12.  1819  in  Anm.  zu  S.  53. 

S.  133.  7)]  Dieses  Votum  datirt  v.  9.  7.  1828,  wie  ans 
den  Voten  von  Bommel  u.  Völkel  hervorgeht. 

S.  135.  einigen  Bogen  gramm.  Inhalts].  Znr 
Recension  der  deutschen  Grammatik  unwiderlegt  hersg^. 
Cassel  1826.  8. 


Besserungen  und  Nachträge. 


I  Vorwort  S.  VIll  1.  MüUenhoff. 

—  139  Z.  10  V.  0.  1.  Willen  st.  Wille;  vgl.  S.  145  Z.  9  v.  a. 
339   Abs.   3  vgl  H    182:   116  —  ib.  Z.  6  1.   studiere  st. 

sudiere. 
395  Z.  3  V.  u.  1.  origines  europaeae  st.  origines. 
europaeae. 
II  24  und  39  1.  Wolkonskv.    st.  Wolkowsky,  Wolkovsky. 

—  25  Z.  9  V.  u.  1.  restituiblen  st.  restituiben. 
47  Z.  1  V.  u.  1.  S.  17  und  405  u.  st.  S.  .  .  . 

140  0.  fuge  hinzu :  1837  war  Jacob  während  der  Herbst- 
ferien einen  Tag  bei  Hupfeld  in  Marburg.  Vgl.  II  268 
Br.  33. 

—  144:  11  no  15.    Dieser  Brief  ist,  wie  mirDr.  Stosch  nach- 

träglich mittheilte,  zum  grössten  Theil  schon  von 
Gödeke  selbst  in  der  Einleitung  seiner  ttir  dieCottaVhe 
Bibliothek  d.  Weltliteratur  besorgten  Platenausgabe 
I  s.  45  f.  mitgetheilt. 

—  149:  22-3  füge    hinzu:   schon   am  3.  4.  30  erklärt  sich 

Thomas  W.  Grimm  gegenüber  gern  bereit  ,wenn  Dahl- 
manns  kommen,  Ihnen  soviel  Angenehmes  zu  erzeigen, 
als  in  seinen  Kräften  steht*.  W.  Gr.  hatt«  ihm  also  in 
diesem  Sinne  geschrieben. 

—  150.    Die  Briefe  von  Thomas  an  die  Brüder  geben  über 

die  Geschichte  der  Ausgabe  d.  Armen  Heinricn  specielle 
Auskunft.    Thomas  besorgte  die  Correctur  allein. 

—  152  Z.  4.    Vgl.  noch  Anm.  II  S.  7. 

—  168:  73  8.  Namen-Verzeiohniss. 


y  Google 


Besser angen  und  1^ achträge.  409 

II    168  Z.  6  V.  u.  u.  170  Z.  6  v.  o.  s.  Namen- Verz.  u.  Thomas. 

—  169  0.  füge  noch  hinzu:    Am  29.  11.  15  schreibt  Thomas 

an  Wilh.  Gr.:  „dasz  meine  gute  Frau  nun  schon  seit 
mehreren  Wochen  recht  bedenklich  krank  ist.  Sie  hat 
Sie  besonders  lieb  u.  mich  öfters  gefragt,  ob  ich  an 
Sie  geschrieben.  Wenn  Grimm  wüszte,  sagte  sie,  dasz 
ich  krank  wäre,  der  bäte  den  lieben  Gott  um  Besserung, 
denn  der  steht  gut  bey  ihm  angeschrieben**.  Einige 
Ta^e  später  am  5.  12.  15  in  der  Fortsetzung  desselben 
Briefes  musste  Th.  den  Tod  seiner  Frau  melden. 

—  170  füge  ein :  S.  76  falsche  Wanderjahre  Wilh.  Meister'sJ 

V.  Pustkuchen;  vgl.  11  213  u. 

—  181 :  112  vgl.  noch  Anm.  z.  II  12. 

—  190  Abs.  1,  Z.  1  V.  u.  1.  no  75  st.  no  77. 

—  191 :  144  Schmalz  vgl.  noch  Br.  v.  Thomas  an  W.  Gr.  v. 

22.  10.  15:  «Das  Schmalzische  Buch  ist  sicher  auf  Be- 
stellung der  Regierung  geschrieben  u.  macht  mich 
sehr  trüb.  Der  Geist  der  Freyheit  kann  nur  dadurch 
beängstigend  werden,  dasz  man  ihn  so  hartnäckig 
widerstrebt." 

—  214  Z.  12  V.  u.  1.:  S.  211.  Harnier]. 

—  221  füge  zu :  S.  248  etwas  Gothisches  etc.]  =  Zur  Literatur 

d.  Runen,  Kl.  Sehr.  IV  83  ff. 

—  224  Mitte  1.:  v.  2.  11.  1829  st.  v.  2.  18.  1829. 

—  243  Abs.  1  Z.  3  V.  u.  1. :  belästigt.**  —  Es  etc. 

—  247  Abs.  1  Z.  5  V.  u.  1. :  Ostindienfahrer. 

—  251  u.  Vgl.  Anm.  zu  II  S.  12. 

—  255  Br.  20  Z.  7  1. :  ostem  st.  Ostern. 

—  325 :  328  Abs.  2  Z.  2.  tilge :  [fehltj. 

—  345:  338  Z.  2  1. :  schon  1846  st.  erst  1866. 


y  Google 


Chronologische  Tabelle 

der  in  dieser  Sammlung  entlialtenen  Grimmbriefe. 


L  Brief«  ▼on  J.  Orimm. 

Jfthr            MoDftt  AdreiMt  Silto 

1802    Mai                    P.  Wigand 1 

Juni                             ,             1 

Aug.                            ,             2 

1813  Dec  16.              Kurfürst 4 

1814  Aug.  3.               P.  Wigand 2 

1815  Aug.  10.             Kurfürst 5 

Sept.  9.  10.        K.-B.  Knatz U   18 

Sept.  29.  Kaiser  v.  Russland     .    .     .     .  11   27 

Oct.    1.               V.  Carlshausen n    19 

„      4.               Chev.  Soulange If  45 

„      5.               V.  Oarlshausen 11  31 

„      6.              Chev.  Soulange n  47 

„      8.               y.  Carlshausen IT  35 

„9.                           „              n  47 

„15.                           „              n  48 

„    15.               Pozzo  di  Borgo 11  58 

„                      Comte  de  Pradel IT  59 

„    20.               y.  Carlshausen U  54 

„22.                          „             n  «2 

„    22.              Duc  de  Richelieu U  76 

„    23.               y.  Altenstein U  76 

„    26.               Quatrem^re 11  78 

„    28.              y.  Altenstein ü  74 

„    28.               y.  Carlshausen U  65 

H    31.              PozKO  di  Borgo II  88 

„     ?                Vaublanc II  89 


y  Google 


I.    Briefe  von  J.  Qrimm.  411 

AdreiMt  Seit« 

V.  Carlshaasen II  80 

H  91 

n  94 

n  95 

EurfOrst 11  96 

II  98 

9 

Bang 28 

Thomas                    11168 

KnrfÄrst R  100 

Oerling 123 

Frl.  RamoB 9 

Bang 42 

Bang .47 

Snabedissen 141 

Bang 

Gerling 13J 

Bang 55 

55 

61 

Censnr-Commission     .    .    .    .  n  123 

Bang 64 

68 

Snabedissen 142 

Censnr-Commission     ....  II  123 

Bang 74 

77 

78 

„         .    .    Antiqaaschrifb  *)  81 

Censnr-Commission     .    .    .    .  n  126 

Bang 82 

*)  Bnter  Brief  mit  AnttooMobrift.  Die  Voten  f&r  die  Censar-Oom- 
missioii  sind  der  Mehrsalü  naob  in  Fr»etnrsohrift,  in  AntiqaMehrift  (»nwer 
2  nngedmokten  Tom  38. 6.  und  8.  9.  18M)  nor  das  Tom  2.  Sept.  1828,  »ber 
den  dAsngehörlgen  (nicht  mitgetheilien)  AnsfertigangsentwnTf  Yom  8.  10. 
1828  sohrieb  J.  Or.  in  Fraetorschrift,  ebeneo  wie  noob  eine  AutfertlRnng  Tom 
80.  10.  1827,  während  ein  Yotnm  Tom  12.  19.  1827  wiedenim  AntiöoMohrift 
seigt  Im  Verkehr  mit  dem  Oberhofmftrsohallftmt  bediente  tioh  J.  Or  .durch- 
weg  (ftuoh  in  den  sahlreiohen  angedruckten  Schreiben)  der  AnttqnMchrift. 
Kur  die  erste  Singibe  an  diese  Behtode  Tom  4.  8.  1828  ist  in  FrMtnr- 
Schrift  sbgefksst  wie  sehr  sich  J.  Or.  in  den  niohsten  Jshren  schon  der 
Frscturs^rift  entwöhnt  hstte,  seigt  seine  Unterschrift  unter  die  Ton 
Wilhelm  geschriebene  Singsbe  sn  den  Kurfürsten  Tom  2.  2.  1829,  wo  er 
bei  den  wenigen  Worten  fortwihrend  siu  der  Frsoturschrift  in  die  Antiqus 
TcrfUH  AnniUg  ist  hierbei,  dsss  er  in  seinem  Nsmenssug  dss  Frsctur  r 
bis  sum  24.  Not.  1880  durchweg  beibehllt.  Bpiter  begegnet  diese  Form 
des  r  nur  noch  In  den  sorgfUtfg  gesobriebenen  Br.  Tom  27.  12.  1888  »n 
die  Kurf&rsttn  Auguste. 


Jftlir 

Monst 

1815 

Nov.  7.  u.  10. 

„    14. 

Dec    4. 

„      6. 

n     28. 

1816 

Febr. '9. 

Aprü  14. 

Jnni  12. 

Sept.  8. 

1817 

März  14. 

Jnni  17. 

Dec.  5. 

1818 

Jan.  22. 

1819 

Jan.  3. 

Aprü  15. 

Aug.  18. 

Sept.  3. 

Dec.  7. 

1820 

Juni  28. 

Oct  8. 

„    15.  23. 

Dec.  22. 

1821 

Jnni  14. 

Nov.  12. 

1822 

Febr.  12. 

Mai  14. 

Ang.  11. 

Sept.  6. 

Nov.  21. 

Dec.  14. 

„    19. 

y  Google 


412 


Chronologische  Tabelle. 


Jahr 

1823 


1824 


1825 
1826 


1827 


1828 
1829 


1880 


1831 


1832 
1833 

1834 
1835 


Monat 
Jan.   13. 
Febr.  19. 
,.       26. 
Aug.  3. 

n        4. 

Sept.  16. 
Dec.  19. 
Jan.  5. 

.     14. 
März  7. 
AprU  19. 
Mai  10. 

»  24. 
[Juli  9.] 
Juli  25. 
Febr.  23. 

„      27. 
Juni  22. 
Juli  30. 
Aug.  10. 

»      15. 
Sept.  2. 
Jan.  18. 
Mai  10. 
Juni  13. 
Aug.  20 
Sept.  1. 
März  16. 
Jan.  19. 
Mai  9. 
Dec.  21. 
März  13. 
Nov.  24. 
Dec.  20. 
Jan.  9. 
Febr.  22. 
Dec.  13. 
Sept.  5. 
Febr.  25. 
Juli  9. 
April  25. 

?       ? 
März  8. 
April  22. 
Aug.  5. 


▲dreisat 
Censur-Commisfdon 
Bang 


Censur-Commission 
O.-H.-Marschall-Amt 
Censur-Commission 
O.-H.-Marschall-Amt  Ant.-Schr. 

Bang Ant-Schr. 

„  ....    Fract-Schr. 

O.-H.-Marschall-Amt  Ant.-Schr. 
Censur-Commission  Fract.-Schr. 
0.-H.-Mar8chall-Amt  Ant.-Schr. 

„  Ant.-Schr. 

Censur-Commission  Fract.-Schr. 
O.-H.-Marschall-Amt  Ant.-Schr. 

Bang Ant.-Schr. 

„  Ant.-Schr. 

Censur-Commission  Fract.-Schr. 
Fract.-Schr. 
Fract.-Schr. 

„  Fract-Schr. 

„  Ant.-Schr. 

Bang 

Hupfeld 


Banff     . 
Hupfeld 

»» 
Bang 
Hupfeld 


Schotten 

Bang 

Hupfeld 

Landau 

Bang 

Landau 


Frau  Bauer,  geb.  Ramus 
Landau       


Seite 
n  127 

87 
8^ 

n  12^ 
n  101 
u  r^i 

U  104 

8s 

89 

II  107 

n  134 

II  109 

II  111 

n  133 

121 

92 

96 

n  135 


104 
U234 

n2ds 
n  178 

II  238 
n245 

108 
n249 
n251 
n255 
n257 
U260 
ni64 

115 
0264 
0266 

397 

118 


399 

10 

400 


y  Google 


IL    Briefe  von  J.  Grimm.  413 

Jahr            Monat  Adressat  Seite 

1835  Nov.  25.              Vümar       298 

1836  Jan.  17.              Landau       400 

März  20.  L.  Diefenbach     !..!!."  388 

Mai  10.                          „                389 

1838    April  12.             Gödek«^ 11 

Mai  5.                 J.  Müller 296 

„    15.               Hupfeld n273 

Aug.  28.                   „           n  277 

Nov.  4.               Vilmar        299 

Dec.  1.                      „           300 

„     27.  Kurfarstin  Auguste     ....  419 

1889    Jan.  20.               Bang 121 

Febr.  8.              Hupfeld 11 279 

April  9.               Vilmar       301 

Mai  19.                     „           302 

Sept.  22.                   „           304 

Oct.  23.               Berlit 13 

?           ?     ?  Dorothee  Dahlmann  ....  22 

1840  März  15.             Weigand 315 

Mai  29.                      „           316 

Oct.  10.                      „          317 

Dec.  5.                 Vilmar        307 

1841  März  11.             Weigand 317 

.,      12.             iupfeld n282 

1843  Mai  10.               J.  W.  Wolf H  307 

1844  Jan.  25.               Weigand 318 

„    25.               Dieterich II 306 

Aprü  4.              Hupfeld 11 283 

„     25.             J.  W.  Wolf n  308 

Juni  20.              Hupfeld H  284 

Aug.  7.-              J.W.Wolf n308 

1845  Febr.  1.              Vilmar        308 

?                          „           310 

Oct.  25.               J.  W.  Wolf n  309 

1846  Jan.  12.              Weigand 320 

Nov.  12.              L.  Diefenbach 390 

Dec.  30.                          „               391 

1847  Dec.  30.              Weigand 324 

Juni  28.              J.  W.  Wolf H  310 

1848  Juli  23.               Weigand 326 

Dec.  5.                Hupfeld       H  284 

1849  Jan.  7.                Weigand 327 

JuU  28.                     „            828 


y  Google 


414  Clironologische  Tabelle« 


Monat  AdresMt  Seifee 

1849    Juli  28.               J.W.Wolf n312*) 

Aug.  23.                      , n  313 

[1850]  Oct.  31.               Weigand 329 

Nov.  28.             J.  W.  Wolf n  317 

1851  Juli  15.               L.  DiefesbMh 392 

Dec  3.                J.  W.  Wolf n  319 

1852  Jan.  10.               WeiganT 331 

Mai  22.               J.  W.  Wolf H  330 

Aug.  3               Berlit 15 

1853  Mai  25.               Weigand 333 

1854  April  4.                      „          335 

Mai  25.               L.  Diefenbach 39S 

1855  Febr.  3.              Weigand 3S7 

,,     22.             Landau       402 

Juli  16.               Vilmar        311 

1856  Juni  27.              Weigand 340 

1857  Juni  28.              L.  Diefenbach 394 

Juli    ?                Weigand 341 

1858  Febr.  12.                  „           346 

Dec.  10.                    „           352 

„    30.              Frl.  Gies Iß 

„    31.              Crecelius II 357 

1859  Febr.  6.               Weigand 354 

„     28.             Vilmar       315 

April  11.             Weigand 358 

„      18.             Frl.  Gies 18 

Nov.  ?                Weigand 365 

Dec.  17.                   „           368 

1860  Juli  81.                     „           369 

„    31.               Frl.  Gies 20 

Oct.  29.              Fr.  Oetker 21 

Dec.  J6.              Weigand 870 

1861  Febr.  2.              L.  Diefenbach 3^ 

Mai  4.                 H.  Dahlmann 22 

Juni  9.                Weigand 372 

Aug.  6.                     „           374 

Dec.  21.                   „           376 

1862  Mai  29.                     „           379 

Sept.  5.                     „           380 

Nov.  29.                   „           38a 

1863  Jan.  5.                      , 384 

März  23.                   , 385. 


*)  Dies  ist  der  n  8.  835  irrig  eU  fehlend  beseiolmete  Büet 


y  Google 


n.    Briefe  von  W.  Grimm. 


415 


XL    Brlefi  Ton  W.  Orlmm. 


Jahr 
1806 
1813 

1814 


1815 
1816 

1817 


1818 


1819 


1820 


Monat 

Mai  6. 
Mai  29. 
Dec  11. 
Febr.  9. 

n      28. 
April  5. 
Mid  ? 
Nov.  4. 
Ende 
Aug.  17. 

„     28. 
Dec.  15. 
März  23. 
Mai  10. 
Juli  3. 
Nov.  10. 
Dec.  12. 
„     23. 
Jan.  7. 

Osterfeiertag  2. 
Aprü  25. 
Juni  24. 
Juli  24. 
Nov.    5. 

„       5. 

„  6. 
,»  26. 
Jan.  20. 

.,    22. 
März  10. 
Aug.  25. 
Nov.  9. 
Jan.    3. 

,,      3. 

„    29. 
4.  März 
Mai  9. 
Oct  25. 
Dec  7. 
Febr.  20. 
Juni  1. 
Oct  8. 


AdreiMt 


Bector  d.  Univ.  Marburg   . 

P.  Wigand 

Kurfürst  Wilhelm  1 n 

P.  Wigand 

Kurfürst' Wilhelm  I.  '.    !    *.    !      11 

P.  Wigand 

Kurfürst  Wilhelm  1 11 

P.  Wigand 

Kurfürst  Wilhelm  I U 

Bang 

Suabedissen 


Seite 
n394 
3 


Bang      .    . 

Suabedissen 

Bang      .    . 

Suabedissen 

Gerling 

Ban^      .    . 

Gerling 

Suabedissen 

Gerling 


Bang      .    . 
Suabedissen 


Gerling 
Ban^      .    . 
Gerling 

Suabedissen 


Gerling 
Bang      .    . 
Suabedissen 
Gerling  .    . 
Bang      .    . 


1 
4 

24 
4 
4 
6 
4 
7 

25 
143 
146 
151 
152 
155 
159 
160 

29 
162 

33 
165 
124 

37 
126 
170 
128 
129 

38 
173 
176 
130 

42 
132 

47 
182 
187 
134 

53 
189 
135 


y  Google 


416  Chronologische  Tabelle. 

Jahr            Monftt  Adressat  Selto 

1820  Oct.  27.               Suabediasen 191 

1821  Jan.  7.                          „              192 

„30.                        „              196 

Mai    2.                Gerling 138 

„    23.                Suabedissen 198 

Juni  14.               Bang 65 

Aug.  16.                   68 

Sept.  19.             Suabedissen 202 

Oct.  15.               Bang 69 

„    23.  Kurfürst  Wilhelm  11.      ...  11      7 

„    29.               Suabedissen 204 

1822  Jan.  22.                       „             205 

Febr.  19.  (?)                „             207 

Mai  14.                Bang 75 

Juli  22.               Suabedissen 209 

Aug.  12.              Gerling       140 

1823  Mai  16.               Suabedissen 222 

Juli  25.                        „             224 

Oct   19.                        „             226 

1824  Jan.  12.                        „             215 

Oct.  2.                          „             229 

Dec.  17.                       „             234 

.     23.  (?)                 , 236 

1825  Jan.  12.                       „             2:37 

März  10.              Bang 90 

April  9.  0.-H.-Mar8chall-Amt       ...  IT     9 

2.  Pfingsttag       Suabedissen 238 

Dec.  27.                       „             239 

1826  April  ?                Bang 97 

„      21.             Suabedissen 241 

Sept.  15.             Bang 101 

1827  Jan.  3.                 Suabedissen 242 

Mai  28.                        „             246 

1828  Jan.  7.                         „             252 

Febr.  24.             Bang 105 

Juli  10.               Suabedissen 254 

Sept.  11.                      „             256 

„28.                      „             257 

Oct.    ?                         ,,             222 

„18.                      „             258 

1829  Jan.  2.  „             .......  259 

Febr.  2.              Kurfürst  Wilhelm  H H  102 

Mai  7.                 Suabedissen 261 

Aug.  13.                      „             263 

»22.                       „             264 


y  Google 


IL    Briefe  von  W.  Grimm.  417 

Jfthr           MoDftt  AdreMftt  BMte 

1829  Not.    1.              Snabedissen 265 

,,     25.  Kurfarstin  AogOBte     ....  407 

1830  März  15.             Bang 112 

1831  Dec.    4.  KnrfOrstin  Auguste    ....  409 
1882    März  13.             Suabedissen 266 

Mai    25.  Eurfdrstin  Auguste     ....  411 

Oct.    18.              Suabedissen 269 

1833    Jan.    10.                     „             274 

Oct.     9.                     „             274 

1835    März  22.                     „             277 

Mai    19.             Hupfeld 280 

1837  März  24.  Eurftirstin  Auguste     ....  415 
Dec.    3.              J.  Müller 284 

„23.                     „         285 

„30.                     „         286 

1838  Jan.    3.                     ,,         292 

1839  JuU   14.  Hupfeld      .  Antiqua-Schrift*)  281 

1840  Oct    7.                    „           283 

1842    Aprü  23.            J.  MüUer 294 

1846    Febr.    2.            Weigand 822 

Juli     12.                 „           323 

1851  März    2.             J.  W.  Wolf H  317 

Mai    19.             Weigand 330 

Dec.     7.            J.  W.  Wolf n  319 

1852  Sept.  10.                     „            n  321 

1853  Mai    12.                     „             H  822 

1855    März   3.             Weigand        339 

1857  Dec.  30.                     „             344 

1858  Febr.  18.                     „             348 

Mai     11.                     „             349 

1859  Febr.  27.  „             .......  356 

Aprü  16.                    „             359 

Aug.     5.                     „             360 

Nov.     6.                     , 362 


*)  Bnter  Brief  WUbelm  Oxlmm's  In  AntiqiiMohrtfl»  alle  folgenden 
sind  ebenso  gesohrieben. 


K.  Stengel.    Acten  der  BrAder  Oxlmm.  27 

Digitized  by  VjOOQ  IC 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


(Oiirsiv-Zfthleii   deuten   »vf  Anmei^iuigeii,  []  dMS  der  Name  nicht  an- 

gefOhrt  ist,  (  )  dam    die  ErwUmnng  sieh  nicht  In  einem    Qrimmhxlelb 

findet) 


abenel  (11  340  o). 

aberwitz  (II  331  m.,  339  u., 

379  u.) 
Abrion  II  266:  29. 
abtröseln  (II  340  o.) 
Adelung  36,  H  236 : 6,  (344  m.) 
adlerfittig,      adlerajüngling, 

adlersschwinge  (II  340). 
adogean  (II  338  m.) 
Adrian  325,  (II324 :  324,330  m.) 
Aeglesthorp  (11  326  m.) 
ahne  (II  332  o.) 
Abrd  B.  Ard. 
üh  (II  329  m.) 
al  (n  332  0.) 
Alberus  316-1  (H  305,  332  o., 

339  0.,  340  Br.  17,  344  o.. 

346  0.) 
Albrecht  293. 
Aifonsua,  Petr.  II  277  u. 
Alfred,  König  14. 
Allianz  heil.  68. 
aln  (II332oJ 
Altenburg  (U  382.) 
Altenstein,  Minister  v.94, 110, 

n  42,  52,  56-7,  60,  62, 

64,  67    8,  71,  76,  80,  86, 90, 

94-5;  an  A.  U  74,  76,  90. 
Amadis  (U  358  o.) 
andelagen    andeln    316,    (II 

3280,332  m.) 


Anhalt,  Herzogin  fFriederike] 

V.  161,  167,  n  [125). 
arabisch  11  238 : 8. 
arame  (II  384  o.) 
Aristoteles  217. 
armenisches     Alphabet      CD. 

385  m.). 
Arnim,  Achim  7.  31,  44,  46, 

48,  64-5,   81,   102,  107, 

117,  129,  145,  151, 169,  171, 

174,    195,  202. 
— ,  Bettine  v.,  geb.  Brentano 

117,  233  [27f\, 
Ard  [Flnss]  346,  (n  362  o.) 
Arndt  (II  285  n.) 
Arnoldi  127, 186(11 151,238:7). 
Arnsberger  nrknnden  329  (U 

329  Br.  11.) 
Arnstadt  380. 
Arwidsson  II  280  n. 
Ascanins,  aschkenas  11  283  o. 
Ast  38  no.  30. 
aswinka  (IT.  304  n.) 
Anbei,  Wittwe  173,  (ü  196: 

170). 
Anchenfort,  Friedr.  y.,  310. 
Anerhahnpfals  335. 
augengleff  (11  335.) 
Angsburg  383. 
Angnsti  89. 
ant  (U  304  n.) 


y  Google 


Namen-  und  Wort-Veraeichnias. 


419 


bacco  (n  338  m.) 

backe  (II  332  u.) 

bkfixr  (U  335.) 

Baiem  II  52,  55  ;  Kronprinz 
V.  408;  König  v.  B.  416, 
(II  372  u.) 

Baldacci  II  26. 

balken  II  345  o. 

balzen  (U  341  m.,  364.) 

Bang,  Dan.  (11  139.) 

Bang  (Bange),  Job.  H.  Chr. 
82,  125,  129,  132,  236,  U 
150,  218:  236,  220o4;  an 
B.  no.  24— ei  n.  n.l78no. 
55a ;  von  B.  II  150  ff. ;  sein 
Sohn  (11  176:  97);  dritter 
Sohn  Btnd.  jur.  (II 179: 108). 

Barakia  II  322:20. 

Bardeleben,  v.  (II  165). 

Barlaam  389  (U  381). 

base  (II  377  o). 

Basse  317. 

Baner,  Prof.  109,  289,  [407], 
(n  395). 

— ,  Dr.  10,  127,  130-1,  135-6. 
168,  170,  173,  176,  (II  188: 
135,  198 :  170). 

— ,  Charlotte  geb.  Ramns 
[168J;    an  Ch.  B.  no.  13-4, 

Banr  329,  (U  325:328,  329 
Br.  11,  333  u.  362  o.) 

Beanfort  II,  82,  93. 

Beanhamais  (11  25,  29-31, 
41,  85,  401 0.) 

Becker  (II  342  m.) 

beede,  bode,  beide  (II  305  o.) 

Beienheim  (II  305  n.) 

Belgien  11  307,  313:7. 

Belli  393. 

Below  139,  145, 150, 156,  169, 
172,  182,  187-8,  192,  195, 
197,  200,  (H  190,  192  Br.  5, 
196:165,  207:192,  208  u., 
210  0.) 

Benecke  184,  246,  257,  389. 


Bentheim,  v.  (El  139). 

Beownlf  13-4. 

Berfurt  fll  318  u.) 

Bergen  (U  146). 

Bergk  (II  391). 

Bergmann,  Prof.  in  ööt- 
tingen  289,  (U  279). 

Bergmann ,  Prof.  in  Strass- 
bnrg  n  280  m. 

Berlepsch  165, 

Berlin  17,  145,  193,318,331, 
345,  360,  410,  II  (154:38, 
204,  209  0.),  236:6,  (249: 
15,  282  0.),-  Akademie  396; 
üniv.  n  151  no.  24;  jur. 
Fak.  110 ;  deutsche  Sprach- 
gesellschaft 155,  159,  (H 
195  m.,  u.);  Hotel  z.  Stadt 
Braunschw.  358. 

Berlit,  S.,  an  B.  no.  16-1. 

Bemhardi  398,  399,  (U  122), 
252:17;  von  ihm  389  ff. 

Bemwalde  145,  151. 

Bertheau  291. 

Berthold  v.  Chiemsee  352. 

Bertuch  43-4. 

besebeln  (II  342  o). 

beseu  II  (3i5  o.) 

Bethmann,  v.  (H  404  u.) 

Bezzenberger  (II  391  o). 

Bickel  11  (236:7),  238:8, 
239:8,  (242m.),  252:17, 
(254:19),  256:20,  257:22, 
260:24,  265:27  u.,  (266o., 
272  u.),  273:35,  278:37, 
293  u.) 

Biener  (II  254  u.) 

Bindewald  (II 372  u.,  373  m.) 

Bingenheim  (U  382  m.) 

Blasius-Gesellschaft  (II383o.) 

Blackert  122,  299^800 

blandiniense,  chron.  II 309 : 3. 

bleckchen  (II  328  m.) 

bleide  (H  344  u.) 

27* 


y  Google 


420 


Namen-  und  WortrVeneiobniss. 


Blindbeim,  Schulmeisterwahl 

zu  B.  nnd  Ernennung  o. 

Heirath  d.  Schnlm.  zu  B. 

[2  dram.  Stücke  in  schwäb. 

Mundart,  8.  Jahns  Jahrb. 

IX    (1829)    S.    836  Anmu] 

n240  m.) 
Blücher,  V.  67,  H  44, 72,  (397  xl) 
Blum,  Robert  329. 
— ,  Maler  (U  209). 
Blumenbach  114,  416. 
Bodenhausen,  v.  n  17,24,48, 

55,  62,  65,  94,  (406  o.). 
BOckh  43,  55,  105,  (U   161 : 

53). 
Böhmer  SSO. 

böhmisch  (II  334  o,  336  m.) 
pökendorf]  170. 
Börsch,  Prof.  47  (H  154:38), 

215  :  17,  (253). 
BOttner,  Wittwe  113,  408. 
— ,  Tochter,  L.  Grimms  Frau 

113,  408. 
bol  (U  328  m.,  329  u.) 
hole  (U  344  m.) 
Bologna  80. 

Bonaparte,  s.  Napoleon. 
Bonifacius  (U  316  m.) 
Bonn,  Univ.  46  [176). 
Bopp  38,  n  233:3,  (239:9, 

&7:21,  258  m.) 
Bosz,  Weiszbind.  in  Saman 

[101]. 
Bosworth  IS,  (ü.  369  u.) 
Bothmer,  v.  II  27. 
Bouquet  38. 
Bourget  et  Oie.  II  17. 
Bouterweck  (II  363  u.)  [5Br. 

J.  Gr.*s  an  ihn  V.  1849—57  s. 

Germ.  19,  247  ff.] 
braccho  (11  332  u.) 
brass  (11  384  m.) 
Braun  330-1,  (U  330  m.) 
Braunschweig  320,  1185,260: 

24.  (261    n.);    Herzog    y. 


Bremen  207. 

Brentano  70,  74-5,  93,    104, 

154,   156-7,    202,    (U  150, 

152:27.) 
— ,  Clemens   31,  40,  45,  49, 

64,    94,   103,  (n   153:32, 

174:92,  177:104),  179. 
— ,  Christian  32,  37,  39,  41, 

45,  55,  64,  70,  74,  76.  n 

(154:38,  178:104^  179. 
— ,  Franz  64. 
— .George  94. 

Kunigunde,  s.  Sayi^y. 
— ,  Luaovica,  s.  Jordis. 
— ,  Meline,  s.  Guaita. 
Brieg,  Doroth.  Sibylla,  Her- 

zojnn  y.  409,  411. 
Brockes  122. 
bronze  Ol  384  o.) 
Bucher  [U  139,  395). 
Buchholz  (U  204). 
Budde  (U  378  m.) 
Buderus,  s.  y.  Carlshansen. 
Büdingen  226,  (n  343:  337). 
Burchardi  166. 
Bnmouf  n234:3.(4,2d5:5). 
burro  (II  384  u.) 
burschenschaft ,  (11  201 :  176.) 
ButÜar,  Treusch  y.,  305. 
Buttmann    80,  93,  (11  171: 

82,  176:97.) 
— ,  PflEunrer,  söhn  d.  y.  (11 

375  u.) 
Bjrgicn  189:138.) 
Byron  208,  220. 

Caesar  in  Cassel  [60]. 
Caedmon  14. 
Caen  n  50,  69. 
Caldem,  s.  Ealdem. 
Calderon  44, 230-l,(U  217:229.) 
Cambridge,  Herzog  y.  267, 
Campe  SSO. 
Canitz,  y.  101,    pi  122] 

s.  Kanitz. 
Canoya  n  22,  83,  37. 


y  Google 


Namen-  und  Woit-Verzeiclmiss. 


421 


Capo  d*l8tria,  Graf  n  23,  89. 
Carber ,    Markordnnng    (ü 

330  m.) 
Cardale,  14. 

Carl,  Adv.,  398,  (U  179:108). 
Carl  d.  Grosse,  306,  s.  Earl- 

m  einet. 
Carlsbader    beschlüsse    (11 

205  Q.) 
Carlshausen ,  v.    6,  11  i5-7, 

46,97,(405m.);anC.II19ff. 
Carlsruhe  II  265  o. 
Casanova  76,  89. 
Cassel,  4«,  112-8,  128-4,  266, 

269,  380,  404,  407-8,  n(227 

u.,  281 0.),    251:17,  (259), 

265  m ;  Wilhelmshöher  Thor 

(n  163);  Fünifensterstrasse 

(n213m.,  214:210);  Belle- 

Yuestrasse  (TL  218:233). 
Bibliothek  116.11,8,(174: 

92),  256:20,  (389  Er.  2). 
Hofarchiyar  7. 
Gymnasium  60,  84  f. 
Bildergallerie  11  28,  38, 

41,  47-8,  55,  69,  79,  83,  85, 

88,  96-7,  (398  ff.,  400  m., 

402   f.,  404:17. 

Verein    f.    hess.    Gesch. 

299  u.,  399, 400,  (H  158,  389 

Br.  4). 
Oberhofmarschallamt  (II 

9-12,  101  4),  103  ff. 

Censur-Commission  165, 

Verhandl.  d.  C.  ü,   122  ff. 

(Vgl.  n  161:58). 
Castlereagh  (II  402  m.) 
Castorkirche  401-2, 
Öechen  (11  334) 
celtisch  II  250  m. 
Cervantes  44. 
Chateaubriand  (U  225  m.) 
chranne  (II  827  u.) 
Chrimhild  (U 173 :  90),  s.  Grim- 

matik. 
Christenberg  400-2. 


Christian,  s.  Brentano. 

Clemens,  s.  Brentano. 

Cleve,  Graf  v.  147. 

Clodius  49,  184,  239,  (II  195: 
155,  219 :  289) ;  seine  Frau  f 
(H  222:261). 

Clusa,  Jac.  de,  11  277  u. 

Coblenz  402. 

Collmann  88. 

Colmar  306. 

Conrad  v.  Würzburg  S14. 

Conradi  24,  26-7,88,  113,116, 
289,  407,  n  7,  (150,  151); 
von  ihm  1  Br.  11  151. 

Corpus  juris  75. 

Corvetto  11  62. 

Cramer,  80,  84,  218,  (ü  171: 
82). 

Crecelius  367,  378,  (U  348: 
337,  348  m.,  850  u.,  351  o., 
358:369;  an  ihn  U  857: 
363. 

Credner  338. 

Creizenach,  Th.  (II  369  m.) 

Creuzer,  Prof.  in  Heid.,  60, 
56-7,  68-9,  73,  78,  80,  82-4, 
86,  93-6,  111,  (U  150,  152: 
28,  163,  169,  170:82,  174: 
92.  179:105,  212:207.) 

— ,  Prof.  in  Marb.  (U  151). 

— ,  Gymn.  Lehrer,  Sohn  d. 
V.  86,  95,  99,  104,  (H  171: 
82,  173:90,174:92,176:97). 

— ,  Weinwirth  25,  (II  150j. 

Curländer  Studenten  181. 

Curtius  (II  202  u.) 

Dänmark  11  309:3. 
dafad  (II  384  u.) 
Dahlmann,  Chr.,  Prof.    114, 

117,   120,  267,  293,  418,  ü 

(185,  276  0.),  279  u.,  282: 

40,  (394:416). 
— .  Dorothee,  Tochter  d.  Prof. 

D.,  verh.  m.  B«yscher;  an 

sie  no.  22. 


y  Google 


422 


Namen-  und  Wori-Verzeichniss. 


Dahlmann,  Herman,  Land- 
gerichtsdir.,  Sohn  d.  Prof. ; 
(h  292:295),  an  ihnno.23. 

Dahme  145,  151. 

Darmstädter  Schulzeitung. 
336;  D.  Nibelungenfragm. 
337. 

Daeypodius  317,  335, 

Daub  (H  174:92,  195:155). 

Dauemheim  (II 381  u.,382u.) 

Deffermon  IT  17,  26. 

Dehnhard  (II  139). 

Denhard,  B.  II  148 :  19. 

Denon  II  37-8,  49,  79,  84, 
(399  o.,  u.,  400  m.) 

Deutschland  [327,  330].  II 30, 
336  u.,  337  m.;  Süd.  D.  362, 
n  52,  313  0. 

deutsche  Constitution,  Pro- 
toooUe  d.  Conferenzen  über 
(II 142-3).  alt-,  neu-deutsch 
(11  199:173\  hochtütsch 
(II  349:341);  d.  postein- 
richtungen  II  313:8. 

de  Wette,  s.  Wette. 

Dickerhof  25  (vgl.  II  S.  151). 

Diefenbach,  L.  326,  343,  353, 
370;  an  D.  no.  194-201;  von 
D.  U  376  ff. 

Dieffenbach,  Ph.,  318,  325, 
370,  (II 324 :  324,  338  u..  347 
u.,  348  m.,  350: 346  no.  171, 
359  u.,  381  u  ;  von  ihm  11 
361  m. ;  sein  Sohn  Richard 
(II  361  m.) 

e^XB^a  (n  385  0.) 

Diemeistrom  150. 

Diemer  (11  330  m.) 

Dieterich,  Verleger ;  an  ihn  11 
306. 

Dietrich,  Franz,  (£1  298  u.); 
von  ihm  II  363  m. 

Diez  (n  366,  376).  fJ.  Gr.'s 
Corr.  m.  ihm  s.  Zs.  f.  r. 
Ph.  VI  501  ff.,  VII  481  ff.] 

Dithmar  370,  (U  359  u.) 


Docen  56,  133. 

DObel  15. 

Döring  II  13. 

DOml^rg,    8.    Frau  v.  Wita- 

leben. 
Dohm  43. 

Doaar  n  310:5,  (316  m.) 
Dorlar  346,  (II  362  o.) 
Draud  11  382  u. 
Dresden  iJl  204  u.,  337  m.) 
Dreyer  (U  372  u.) 
Dronke  403. 
Dudon  U  63,  66. 
Dülmen,  Nonne  in  45,  103. 
Dürer,  Alb.  2. 
dula  (II  338  o.) 
dulths  390. 

Duncker,  Max  U  388  o. 
dürft  (II  353  o.) 
Dusch,    schosshund  von    (II 

361  0.) 
dutte,  dütte  360. 

ivm  (n  329  Br.  11). 

Eckhart  314. 

Edda,  sämundische  (11  278); 

Snorra  E.  II  280. 
Edinburgh  Review  48. 
Eersel  II  307  u. 
Egloffstein  II  133. 
ehschwingen  (11  304  u.) 
Eichels-dorf,  -Sachsen  (II  326 

m.) 
Eichendorf  352. 
Eichhof  (U  170:82). 
Eichhorn,  J.   Gottfr.   87,89, 

(H  173:89,  243:11). 
-,  K.  Fr.   111,  (TL  179:108). 
-,  Joh.  Albr.  Fr.  ü  14-6,26, 

71,  (201 :  175),  403  u. 
Eichstädt  (n  241  u.) 
Einbetta  U  (311),  312  u. 
ein  so  (11  370  m.) 
ekstem  (H  357). 
elbentrOtschen  s.hilpentrit8ch. 
Elberfeldermundart(n2^a.) 


y  Google 


Nainen-  und  WortrVerzeichnies. 


423 


Elgersburg  381. 
Omen  (II  332  m.) 
emeaz  (II  356  n.) 
emet  (II  337). 
Ems,  8.  Rudolf  v.  E. 
Enenkel  (II  325  u.) 
Engelhard  U  44,  53,  72. 
engl.   Sprache  364,   (11  166, 

267:31);  s.  firk,  himself. 
enk,  enker  53. 
enke  (H  353 :  35^,  354  m.) 
enken,  enkede  358. 
enne  359. 
Enzeroth  II  6. 
Eos,  Zeitschrift  133. 
Eraclius  (11  372  m.) 
Erdehe  346,  (U  362  m.) 
Erfurt  381. 
Emesti  79,  84. 
Ernst  n  135,  (231  o.) 
Erxleben  (11  395). 
es  (H  360  m.) 
Estor  368,  II  234:3. 
Estocq,  r  159-60,  (U  195 :  155.) 
Ettmüller  U  280. 
euch  (H  152:28). 
Eugen,  Prinz  11  87. 
Euler,  Dr.,  s.  Thomas  74, 
Eusebius  (II  285  u.) 
Ewald   288,  (H  241,  244:11, 

254:19),   256   o.,   258  m., 

(261  m.),   265:27  u.,  278: 

38,  (374  u.) 
ewart  (II  180 :  108  u.  110). 
ezast  (II  384  0.) 

fachen,  sich  (II  361  Br.  68.) 
Fafnir  305. 
Fagel;  v.  n  97. 
Falkenheiner  399. 
fander,  fanner  II  378  o. 
fasznacht  (IL  359  m.) 
Fauenbach  (11  305  u.) 
feifei,  feisten,  feld-bett,  -dienst 

(n  370). 
feiwel  (II  378  m.) 


felsenmfitze  (11  371  o.) 

Feltre,  duc  de  II  25. 

Feodosia  n  284:44. 

Ferdusi  $1,  56,  59, 

feuer- schmatz,  -Strand  (11 
371  m.) 

Fichte  380,  (U  370  o.) 

Filidor  300. 

finkein,  finkler  (U  370). 

firk  (II  377  u.) 

Fischer  (II  301  u.) 

Fischart  311,  315,  352. 

Fladungen  (II  371  u.) 

Flaxmann  235. 

Fleckenland,  Harnisch  v.  312. 

FlemmiDg  301. 

fliedermus,  flieez,  flink  (11 
371  u.) 

Florenz,  medic.  Venus  von 
II  21. 

fluchgeb&ade  (11  373  m.) 

Förstemann  387,  346,  386. 

Fontanus,  Conradus  399. 

forstteich  (U  372  o.) 

fortschustern  (II  373  u.) 

Fox,  Samuel  14. 

fr&gler  (ü  373  m.) 

fränkische  spräche  (11 327  m.) 

Freyer  (II  372  u.) 

Franck,  Seb.  300,  304. 

Frankfurt  a/M.  27,  36,  70, 77, 
202,  263,  277,  324,527,377, 
395;  II  7,  101,  (338  n.U 
Bandesversammlung  7,  (U 
194:155,  197:165);  Parla- 
ment in  d.  Paulskirche  II 
(285  u.),  310:5,  (391  Br.  8); 
Gymnasium  74;  fr.  Btirger- 
capitain  U  245 :  13. 

Frankreich  41,  60-1,  (225  m.); 
Eon.  V.  II 21, 82;  Akademie 
V.  354. 

Franzosen  177,  11  52,  64,  68, 
83. 

Freidank  330,  (II  330  m.) 

Freygang  38. 


y  Google 


424 


Namen-  und  Woit-Verzeichniss. 


Friedberg  (U  338  u.) 
Friedberger  Passionsspiel  326, 

(II  337  0.);    F.  Christ  u. 

Antichrist  327, 
Friedrichsroda  U  321 :  18. 
Frischen  344  m.,  3480.,  351  m.) 
frucht,  frühling  (11  376  m.) 
Fulda  226,  270,  U  36. 

Gagern,  v.  64,  69,  96. 
Gains  31,  [41],  51. 

galische  spräche  II  281  o. 
ans  110,  (n  179 :  105). 
garbe  321. 
Gargantua  315, 

Sw-Re,  järgel  (II  335  o.) 
artner  11340  Br.  18.) 
Sm  (n  377  m.) 
ansz290,  11256:20. 

Geibel  (II  210  n.,  221  u.) 

Geliert  351. 

Genelli  85. 

Gentü  II  87. 

Genz  49, 

Gercken  400. 

Geriing,  36,  42,  143,  154-5, 
158,  161,  163,  166, 186, 192, 
200,  204,  213,  228,234,238, 
242,  245,  260,  274,  282,  (ü 
154:38,  186:123,211 0.,  225 
Br.  63, 290);  an  G.  no.  62-74; 
von  ihm  11  186  ff. 

— ,  Christiane,  Wilhelmine, 
geb.  Snabedissen,  Frau  d. 
Vor.  154-5,  259,  280. 

— ,  Emma,  Tochter  d.  Vor. 
127,  130. 

Germanns,  Lebend,  h.  (11 314). 

Gervinns  508,  (II 365  o.);  von 
ihm  II  299. 

Gesellschaft  f.  deutsche  Ge- 
schichte 35. 

Gesenins  347,  (II  241). 

gesiebt  (H  372  o.) 
^eszler  399. 
get  63, 


fi^traide  22. 

Gierth,  Val.  (H  394). 

Gies ,  Luise ;  an  sie  no.  18 — 
20;  von  ihr  11  146. 

Gieseler  288. 

Giessen  226, 380 ;  (H  350 :  352, 
388  n.) ;  ünivers.  (11 347  o.) ; 
kath.  theol.  Facnlt  (0339); 
Ünivers.-Bibl.  (11  350  u.); 
Hs.  (385  0.);  Hs.  878  (II 
336  m.);  Hs.  1247  (ÜSSO: 
330). 

GKustiniani,  Galerie  11  28. 

Glanberg  fÜ  382  n.) 

Glimmerode  125, 

Gneisenan  II  23,  44,  (401  m.) 

Gnissberg,  Gnitberg  122. 

Gnitaheide  305-6. 

Godülot  n  42,  70. 

Göcking  (n  345  u.) 

GOdeke,  E.  357  (11  228  n., 
365  0.);  an  G.  no.  15,  s. 
Nachtr.  S.  408. 

GOrres,  Jos.  v.,  4,  51,  56,  59, 
94,  103,  107,  123,  125,  129, 
[146],  147,  164,  174;  II 128, 
126,  128,  (178:104),  178, 
(188:128,  191:146,  197: 
165,  200  Br.  15). 

— ,  Guido,  Sohnd.v.  (n  178: 
104,   179:105). 

Göschen  114,  H  239:8. 

Göthe  12,  32,  35,  37.  43,  50. 
55-6,  59,  64,  70-1,  73-4,  76, 
153,  157,  168,  213,214,215, 
227,  229.  231,  234,255.279, 
339,  350-2,  364,  366,  378, 
382,412,11(153:28,155:38. 
194 :  152. 155, 213  u.,  216 :226. 
218:234).  266:29,  (340  o.. 
352  u.,  363,  371  o.);  Frau 
Göthe's  t  153. 

Göttingen  121.  123.  149,  181, 
266,  274.  294,  386.  4034. 
n  (249: 15),  251:17,  (268: 
33),  274  u.,  (279  0.,  289  m., 


y  Google 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


!425 


374  u.);  üniversitätainbil. 
416,  (n  184:121);  Univ.- 
Cnrat.  285,  Bibliothek  lU 
—115,  408,  n  (225  Br.  63), 
234:3,  256:20,  (389  o.); 
Societät  d.  Wissenach.  91, 
Alleestr.  407;  Gott.  Revo- 
lution (IX  226  u.,  261  u.) 

Golownin  55-4. 

Goltz,  V.  n  95. 

Gossfelden  39,  82,  (H  220  o.) 

Gotha  328. 

Gottsched  (U  350 :  352). 

Grftffendorf,  Frl.  v.  263. 

Graff  322,  II  (260  u.),  281  m. 
(360  m.). 

Gramave  II  307,  (315  o.) 

greizzet  321. 

Grethe  283, 

Griechen  68,  72. 

Gries  44,  (ü  372  u.) 

Grieshaber  321. 

Grimm,  Vorfahren  d.  Brüder 
n  3,  5,  (146). 

— ,  Grossvater  16. 

— ,  Phil.,  Wüh.  Vater,  16. 

— ,  Dorothea,  geb.  Zimmer, 
Mutter  lU,  240,  243,  261, 
266,  404,  n  10. 

^,  Tante,  s.  Zimmer. 

— ,  Base,  8.  Hohne. 

— ,  Carl,  Bruder  (geb.  24.  4. 
1787,  t  25.  5,  1852)  131, 
136,  140,  177,  188, 190, 198, 
201,  241,  n  4,(151,  210  m.) 

— ,  Ferdinand,  Bruder  (geb. 
18.  12.  1788,  t  6.  1.  1845) 
86,  131,  178,  n  4,  (151, 
203:182). 

— ,  Ludwig  Emil,  Bruder, 
(geb.  14.  3.  1790,  t  4.  4. 
1863)  106,  112,  128,  136, 
150,  154,  156,  172,  175, 
190,  198,  224,  234,  258, 
262,  408,  n  4,  (147:17, 
148:19,    151,    160:4),  179, 


(209  0.,  216:224,  218:234, 
374  m.,  404  u.)  (dessen 
Frau ,    geb.  Böttner). 

Grimm,  (Charlotte  Amalie, 
Schwester  (geb.  10.  3.  1793, 
t  15.  6.  1833)  verh.  ra. 
Hassenpflug  77,  88,  118-P, 
124,  128-30,  133,  140,  163, 
168,  176-7,  183,  212,  216, 
239,  243,  253,  n  4. 

—.Dorothea,  geb.  Wild,  W.'s 
Frau,  23,  ^,  96,  105, 
112,  118-9,  121,  238,  240-1, 
243,  246,  251-2,  255,  258, 
263,  268,  270,  275,  278, 
284,  296,  354-5,  363,  369, 
380-1,  385,  408,  418,  n  9 
f.,  179,  280  0.,  282  u. ;  von 
ihr  no.  14,  II  304. 

— ,  Jacob,  W.'s  Sohn  97,  241- 

3,  266,  404. 

— ,  Herman  Friedrich  ,  W.'s 

Sohn,  105,  111-2,  342,  345, 

363-4,  375,  415. 
— ,  Gisela,  geb.  Arnim,  H.'s 

Frau  364. 
— ,  Rudolf,    W.*s   Sohn  113, 

252,  255,257,260,  342,345, 

356,  360-1,  415. 
— ,  Auguste,   W.*s    Tochter, 

273,  342,  354-6, 360  f.,  363, 

867,  369,  376,  380,385,418, 

415,419,  n  266:29,  280,  o. 

(349:341),  864  u.;  von  ihr 

no.  193. 
— ,  Jacob  Ludwig  Karl  (geb. 

4.  1.  1785,  t  20.  9.  1863) 
149  etc. 

— ,  Wühelm  Cari,  (geb.  24. 
2.  1786,  t  16.  12.  1859) 
368  etc. 

Sehrlften  der  Brfider : 

(t  Ton  beiden  gemeinsam.  *  von 
Wilh.  [  ]  nloht  ersohlenen.) 

Adiectiva,  Preisschrift  über 
die  deutschen  89. 


y  Google 


426 


Samen-  und  Wort-Verzeichniss. 


Andreas  n.  Helene,  Ausg. 

n  145 :  14. 
Antrittsrede,  göttinjfer  (De 

desiderio  patriae)  116. 
t  Armer    Heinrich    24,    26, 

408:n  150. 

*  Athis    u.    Prophilias   322, 

323  (H  294  m.) 
Autobiographie      J.    Gr.'s 

[118]. 
Bendis,    Über    die  Göttin, 

367, 
Besitzes,    das    Wort    des, 

329  III  329  m.) 

*  Christnsbilder,  Sage  v.  Ur- 

sprung d.,  313.  (II  359  o.) 
Corveier  Urkunde    (d.   XH 

Jh.),  über  eine  U  aS8  u. 
Diphthonge   nach   weggef. 

Conaon.  E  294  m. ,  324  : 

321,  379  u. 
t  Edda    149,    179,   (H    192, 

201 :  176). 
t  Elfenmärchen,  irische  243. 
Entlassung,  über  meine  121  j 

[287  f(.],    296,    n  (185), 

278  u.,  (276  0.) 

*  Exhortatio  ad  plebem  ehr., 

(II  390  u.) 
Freia,  über  die  Göttin  367, 

*  Freidank,  270-1,  [330],  348, 

396. 
Gedichte  aus   d.  Zeit   des 
deut.  Heidenthums,  über 
zwei  entdeckte  (n376u.) 

*  [Gesch.   d.   deutschen   epi- 

schen Poesie]  s.  Helden- 
sage. 

Gesch.  d.  deutschen  Sprache 
325,  [327],  391,  (R  327  m., 
342  u.,  355  0.,  379  o., 
383  u.) 

Gott.  Gel.  Anz.  1824  no. 
143  etc. :  232;  1833  no.  12: 
120;  1852  no.  175:552. 


*  Goldene  Schmiede  Konrads 

V.  Würzbuijf   (U  298  n.) 
gothische     Wörter ,      über 

einige  (U  365  o.) 
gothisches  Glossar  y.  Ernst 

Schulze,   Vorrede    za  (II 

383,  386  0.) 

*  Graf  Rudolf  106. 
Grammatik,    deutsche   42, 

46-7,  52,  62,  68,  78-9,  86, 
92,  116,  132,  141,  179, 
198,  305,  307,  U  (160:47, 
170:82,  278  m.),  281:39, 
(379  0.,  381  m.) 

— ,  Zur  Recension  d.  d.  Gr. 
[U  135]. 

— ,  serbische  89, 

*  Heldensage,    die   deutsche 

[216,   260],   (H  356  vgl, 
298:305). 
t  Hildebrand   u.  Hadubrand 
u.    das    Weissenbnmner 
Gebet  (II  156  Z.  3). 

[hochdeutsch,  über  d.  Be- 
griff) 344. 

Hymnorum  veteris  ecciesiae 
XXVI  interpretatio  Theo- 
disca  11257:22. 

Jean  Paul ,  Artikel  wider 
(Hermes  1819)  158. 

Jornandes  u.  d.  Geten  [388], 
391,  (11  294  m.,  824:321, 
345: 338,3790.,  (409: 345.) 

Lachmann,  Rede  auf  332, 

Leichen,  über  das  Ver- 
brennen der  328  0  317: 
11,  (327  0.^ 

Lex  salica  hersg.  v.  Job. 
Merkel,  Vorrede  zur  H 
817:11,  327. 

*  Literatur,  die  altnordische, 

in   der  gegenw.  Periode 
179,  184. 
t  Märchen,  Kinder-  u.  Haus- 
30,  50,  53,   190,  223,  H 
(206,268o.),817:12,(847u.) 


y  Google 


Namen-  und  Wort-Verseichnisa. 


427 


Marcellische    Formeln    (ü 

346  n.) 

Marcellas       Burdigalensis, 

über  (H  388  m.) 
mane,  aber  (ü  364  u.) 
Mythologie ,    deutsche    11, 

297.    299,    310,    318,    U 

(296  m.),    307,  309:3.  4, 

320:17,  (322:19,  329  o.), 

a34  D. 
[Nebenstunden]  (U  334  u.) 
Nenjahrswansch,  poetischer 

161. 
Ortsnamen,   Bemerknn^n 

über  hessische  303, 
Personenwechsel     in     der 

Bede,   über  den  341,  II 

347  u. 

Poesie,     Verhältniss     der 

Philosophie  SEur  247. 
Becht8alterthümer,deatsche 

[114],  in  179 :108,379  m.) 
•  Beinhart  Fuchs,  38.  [127], 

170,  179,  (U  199 :  173). 
Bosengarte,  der  359. 
'  Bunen,   über  deutsche   66, 

218,  (n  167  u.) 
— ,  zur  Litterat.  d.  [243  u.] 
'  Sagen,  deutsche  28,  30,  47, 

ä,  149,  179,  (ü  201: 176). 
Schüler,  Bede  auf  (U  358 

m.,  380  o.) 
Schule,   Universität,  Aka- 
demie,   über    [328],  (ü 

327  o.) 
Sprache,  Ursprung  der  (U 

340  m.) 
Sünde,    Abstammung    des 

Wortes  303, 
Taciti  germania  297. 
Tanfana,   über  die  GOttin 

367, 
Volkslieder ,     Übersetzung 

serbischer  229. 


Weisthümer   110,  299,  370, 
373,  377,  384,397,11281: 
39,  (372  u.) 
*  Wernher  v.  Niederrhein  (II 

298  m.) 
t  Wörterbuch,Deutsches  14-5, 
121,  282,   298,  303,  307, 
313-4,  332-6,  338-42,  344, 
349,   1362],  355,   357-60, 
362,  365-7,  371,   373-86, 
396,  n  277:37,  319:14, 
(331,  840  u.,  343  n..  358 
0.,  377  o.,  879,  380). 
Grimmatik  (II  174:90);  vgl. 
grimmige  Wb.  (II  379  Br. 
46)  und  Chrimhild. 
Grosse  (II  139). 
Grotefend  60,  86,  (H 168  :74). 
Groth,  Kl.  381. 
Grouchy  II  35. 
Grüner  H  16,  25,  42,  70. 
Gryphius  301. 
Guaita,    Mann    von   Meline 

Brentano  74-5. 
guddi  (II  385  o.) 
Gudrun,    217,    U     321:18, 

(322 :  19). 
günter  (U  335). 
Gustav  Wasa  II  51. 
Gutzeit.  355. 
Hach  (H  223:265). 
Hagedom  351,  (U  372  o.) 
ha£nenbalze  335. 
Haiti,  Majestät  zu  158. 
Halbertsma  393, 
Halbir  (II  338  u.) 
Halle  145;   hallische   Jahrb. 
n  279  m. ;  h.  Literat.  Zeit. 
(H  241). 
Haller  43,  172. 
halsmeni  311. 
Haman  215. 
Hamburg    177,   i98,    367-8; 

n  93. 
Hameln,  Uattenfänger  v.,  H 
317:  IL 


y  Google 


428 


Namen-  und  Woit-VeneichiuBs. 


Hammer  59. 

Hanau  16-1 ,  II  36.  146; 

Marktpl.  no.  1  und  Lanff- 

gasse  41  (H  147:18). 
Hannchen  s.  Molter. 
Hannover  196,  266,  270,  28B, 

404,  II  (281  m. ;  König  v.  H. 

404,  iE  269,  272),  Reg.  y. 

H.  (U227  0.) 
hannoversche    Zeitung    267, 

n  265 :  27. 
Hans  8.  Hannchen  Molter. 
Hansen  (H  149). 
Hanstein,  v.,    37,   128,  899 

Frau  V.  H.  50. 
Hardenberg,  Fürst  174,  II 16, 

23,  32,  42,  71,  94,  200  Br. 

15,  399  0.,  401  u.) 
Hargues,  d*  386,  (U  873  m., 

n.) 
Harles  79. 
Hamier  [R.].   129,  139,  141, 

154,   157,   160-1,    167,  172, 

186,  200,  203,  209,  211, 

223,  225,(11165?,  193,194: 

152?:  204). 
—    E     211 
Hartmann  {JI  244:11). 
Hassenpflug    77,    120,    140 

212.     IT    (184:121,    185, 

278.34)  282:40,(283:42), 

288  0. 
— .  Vater  d.  Vor.  216. 
Hatto,  Bischof  148. 
haudem,  hauem  (II  825  u.) 
Haupt  Mor..  304,  806  808-9, 

gl2],  314,  837-8  848.  857. 
1,    371.    875.    (H    294 

u.-  801    u.);    von  ihm  H 

297. 
-.  Jos.,  367. 
Hausmann  290. 
Haxthausen.  v.,  170,  U  168: 

74.  284:44. 
Haynau,  Major,  E  72. 
hebräisch  11  288 : 8. 


Heckmann  (ü  188). 

Heeren    87,    89,    n    284:8 

(285:4). 
Hefner,    [Jacob,    H.  ▼.]    (11 

815 :  10). 
Hefter  111. 
Hegel    94,  110-1,  256,   262, 

ai  176:97). 
Heidelberg  86,  168,   266,  H 

7.  83   100.  (220  m.);  Pro- 
fessoren V.  U..  46. 
Heine  (U  279  m.) 
Heinrich,  Kaiser  843. 
Heinroth,  s.  Wellentreter. 
Helbling,  Seifr.,  309. 
Helene  s.  Molter. 
Heliand  810,  H  256:20,  260 

u.,  (295  u.) 
Helmannshausen  (H  341). 
Henschel  146,  14a 
Heppe  15. 
Herbart  275. 
Heringsdorf  ü  303  u. 
Hermann,   [Joh.  Gottfir.]  50, 

85,  207. 
— ,  [Karl,  Friedr.l  283,11  26i 

m.,  277  u.,  (279  u.,  281  m., 

289  0.) 
Hermes,  Zeitschr.  48,  58,  95, 

179,    183-4,  n  (167,   203: 

182,  204),  245:18. 
Herodot  57. 
Hersfeld  226,  29a 
Hensog  s.  Cambridge,  Sacbseii- 

Meiningen. 
Hensogin  s.  Anhalt 
Hessen  (H  140). 
Hessen-Darmstadt  U  52,  (32S 

u.);    Landtag  (H  829  o.); 

Ministerium  (ü  347  o.) 
~  Grosshersogin  v.  379,  (H 

871  o.) 
Hessen-Gassel  66, 74, 271, 384» 

380,  404;  n,  34,  53,  60-1, 

66,  74-5,  85,  87,  98,  125, 

n(252: 18),  260  m.,  282:41; 


y  Google 


Namen-  und  Wort-Yerzeicbniss. 


429 


Hessen-Cassel,  Oberheasen  28 ; 
Constitution  y.  H.  117,  150, 
(H  193, 227  m.) ;  Landst&nde 
34 ;  Landtaff(226  o.) ;  Kriegs- 
GoUegUUl;  Staatsminist, 
an  Y.  Eichhorn  11 14.8.Ca88el. 
— ,  Kurfürst  Wilhelm  I  v.:  2, 
66,  161,  165.  n  127,  (167); 
Leichenbegängniss  (11 164). 
an  ihn  no.  9-12,  n,  L  l)-4)i 
n,  IL  13)-4),  n,  m.  A  3);  von 
ihm  n  141. 
— ,  EurfGlrstin  Wilhelmine  v. 

(t  1820>,  191,  202. 
-^,  Kurprinz,  seit  1821  KurfElrst 
Wilhelm  Hv.  8,  ü  27,  (167, 
889  m.);  an  ihn  11  I.5),II, 
ni  A  6). 
— ,  Kurprinzessin,  sp.  Kur- 
ftbrstin  Auguste  v.  26,  125, 
148,  194,  235,  273,  n  27, 
(225  m.,  227  u.) ;  an  sie  no. 
210,  212-3,215,219-20;  von 
ihr  211,  214,  216-7. 

— ,  Princessin  Friederike .  v., 
sp.  Herzogin  von  Anhalt 

— ,  Prinz  Friedrich  sp.  Kur- 
fürst Friedr.  Wilh.  I  v.  ^5, 
131-2,  142,  152,  169,  172, 
183,  fl98J,  201,  224,  240, 
(H  165,  190.  197:165,  202: 
182,  203:182,  206,  209  m., 
210  m.,  219  0.,  224  u., 
225  m.) 

— ,  Princessin  Marie  v,  sp.  Her- 
^     zogin  V.  Sachsen-Meiningen. 

— ,  Princessin  Caroline  v.  406, 
408,  410,  413-4,  417,  419. 

— ,  Princessinen  v.  235,  (11 
219  0.) 

Hexenprocesse  303,  319. 

Heyne  56, 

Hieron  vmus  11 284 :  45,  (285  u.) 

Hildebrand,  B.  372,  (H  376 

HüdebrandsHed  345,  (n  350  o.) 


hilpentritsch,  hersfelder  298, 

(n  296 :  138). 
himself  (II  166). 
Hirzel,  S.  375,  (H  352:353). 
hlaford  (iord)  (ü  377  m.) 
HOfer  401. 
Hohne,  Philippine,  Tochter 

des  Pfarrer  Höhne  in  Hoch- 
stadt u.  dessen  Frau,  geb. 

Zimmer,   Base  der  Brüder 

Grimm  19,  (H  145-6). 
Hölty  (H  371  m.) 
Hoffmann  E  234:3. 
— ,  [Amad.]  215, 
— ,  [W.l  352,  380  (11  370  o.) 
— ^,  Hotkammerrath  in  Cassel 

n  S.  111. 
— ,  in  Priedberg  328. 
Hohenlohe,  Fürst  70. 
Holländer  45,  TL   239:8,    s. 

Niederlande. 
Holtzmann   337,   (11  801  m., 

346  m.,  355  u.) 
Holweg  110. 
Homer  217,  229;  Odyssee  (11 

152:28). 
Hopf,  Pfarrer  25,  (U  150). 
Hom  39. 

-,  Job.  V.  n  134-5. 
Hortensia,  Königin  IE  51. 
Horus  305. 

Hrede,  Hruodtac  11  307  u. 
Huber,  Prof.  291,  II  283: 4L 

(42,  288  m.,  290,  292:294), 

308:2,  309  o. 
— ,  Dorothea,  Catharina  verh. 

m.  J.  R.  Wild. 
Hüningen  H  20,  82,  36. 
Hufeland  109, 
Huftirsheim  (II  341  m.) 
Hugo  41,   103,  114,  290,  296, 

II256  u. 
Humboldt,  [W.l  U  53-4,  234 

:3.  (4,  235:5),  236:6,  ^^ 

:9). 
-   [A.]  44. 


y  Google 


430 


Namen-  und  W  ort-Verxeicliniss. 


Hnmmel  125. 

hunddwati,  hunzen  (ü  334  o.) 

Hupfeld  26,  (U  150)  279,  (II 
149,  175:92,  227  Br.  67, 
228  m.,  231  m.,  u.,  280, 
290);  an  ihnno.  130-2;  von 
u.  an  ihn  II  232  ff.;  seine 
Grossmutter  (II  240);  sein 
Bruder  (U  268  o.,  287 :  281). 

— ,  Marie,  T.  ▼.  Suabedissen. 

Hütten  369. 

Ickelsamer   340,  (ü  340,  Br. 

18,  854  m.,  365  o.) 
iderüchen  (II  304  u.) 
Ihre  36. 

Hbenstadt,  Kloster  (U  325.) 
Ilmenau  380. 
indisch  II  238 : 8. 
ink,  inker  53. 
Isländinga  sOgur  11  280. 
Italien    168,    [319J ,  U  306. 

(334  u.) 
itaruhhan  (ü  804  u.) 

Jacobus  a  Voragine  (ü  312 : 

6,  314  m.) 
Jäger  II  228    u.);    s.    Elise 

Suabedissen. 
Jahn's  Jahrb.  U  245 :  13. 
Japan  34. 

Jaup  (U  329  m.,  339  u.) 
Jean  Paul  58,  133. 
Jena  182,  418,  ü  279:39. 
Jesuiten  (II  339  m.) 
jit  (vob)  53. 
Jordan  (U  227  m.) 
Jordis,  Frau  Ludowica,  geb. 

Brentano  71. 
Josephine,  Kaiserin   II,  28-9, 

41,  91  (399  u.,  400  0.,  401 0.) 
jüdische    Elemente    in    der 

deutschen  Spr.  (H  335.) 
Jung  34. 
Justi  118,  127,  n  (151),  257: 

22. 


Jostitia,  madame  J.  im  Guck- 
kasten n    (240),    245:13; 

s.  Blindheim. 
Kaldem  122,  306. 
Kaltennordheim,  weisthnia  t. 

(II  389). 
Kamptz  52. 

Kanits,  y.  (H  290  u.)  b.  Canits. 
Kanne  83,  150. 
Kant  122,  (U  370  o.) 
Karaim  U  284: 44. 
Karlmeinet,  W.  Grimms  Ex. 

V.  (II  357,  372  m.) 
kassen,  kassbeeren  400. 
Katholik,  Zs.  v.  Görres  103. 
Kaupen,  y.  398. 
Kehrein  (H  351  m.,   360  o., 

364,  374  0.) 
Keü  U  197  :  165. 
Keisersberg  n  347  m.,  348  o. 
KeUe  371,  (II  305:316). 
Keller,  Ad.  v.   333,  von  ihm 

n  333. 
~,  Graf  Y.  (H  141-2). 
Kellner  11  199  u. 
Kemble  13. 

Kephalides  (U  195:155X 
kersbeeren,  kerstnen,  kespein 

400. 
Kessler  (H  216). 
Kesterburg  400. 
Kiliandr  305^. 
Kindlinger  399. 
klecke321. 
Klee  (H  371  m.) 
Klein  343. 
Kleist  32. 
Klense  111. 
Klinger  (U  352  o.) 
Knatz,  an  ihn  II  18. 
— ,  0.-A.-(Jericht8rafch,  vgL 

n  164. 
Knobel  329,  347,  (11  340  m.^ 

345  0.,  374  u.) 
Koch,  Chr.,  Pro£  in  Marb. 

78  (II  139). 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


Namen-  and  Wort-Yerzeichniss. 


431 


.  Koch,  Synd.  v.  Brieg  (II  393 
'     n.) 

Kochelsee  365. 

Kochern  852. 

Köllner  288. 

Koppen  II  280. 

Körner  (II  350  u..  358  o.) 

Körte  54,  58. 

Kosen  152. 

Köster  (II  346  o.) 

Kopp  213,  II  (220  m.),238:8. 

Kosegarten  34,  352. 

Kotze  bue  52. 

Kraft  85,  96,  [lOOj,  (U  175  : 
97,  211  m.) 

Kraus  55-6,  62. 

Krause  30. 

Kraut  290. 

Krieffer  26,  32-3,  37,  227,  U 

Krodo  U  307  u. 
Krücke  25,  (II  150). 
Krüdener,  Frau  v.   184,  (II 

199 :  173). 
Krug  141,   184,  262,  (U  167, 

204). 
Kruse,  Prof.  (II  197 :  165). 
Kühne,  0.  V.  (U  147). 
Kürenberg  (II  371  o.) 
Küster,  V.  Ü  53. 
Kuhn,  A.  (ü  380  m.) 
Kuithan  79,  (U  170:82.) 
kummer  355,  (II  351  u.) 

Laberer  (11  386.) 
La  Bouillerie  n  92. 
Lachmann  85,  298,  508,  314, 

332,  337-8,  345,  357,   375, 

II  236 : 6,  (264  m.,  301  m.) 
Lacombiet  322-3. 
Lagrange  U  16-7,  26.  41,  67, 

70,  85/93,  (399  u..  400  o.) 
Lamprecht  316,  18211. 
Landau    800.  889,  847;    an 

ihn  no.  202-209, 
Landgrebe  258,  261. 


landsmannschaft     182,      (U 

201 :  176). 
Lang  279. 

Langenbeck  288,  298. 
Laplace  140. 

Lappenberg  867-8,  II  281  o. 
Laroche  (U  189). 
Lassen  II  234 : 8.  (4). 
Laubach  (II  881  o.,  388  o.) 
Laureshamensis.  cod.  11  312: 

7   (350:346,  862.) 
LavaUäe   II  87,  49,  51,  68-9, 

79,  84 
Lazius  259. 
Ledebur  402. 
Leipold  25.  (II,  150) 
Leipzig   145,   292;    Feier  d. 

Öchlacht  bei  L.  155-6,  171, 

259,  278. 
Leist  157.  160, 
Lene  s.  Molter. 
Lenz  255-6, 
Leo  14,  298,  H  279:88,  808: 

2,  (327  m.,  884  u.) 
Lepel.    V.    5-6    U  100,  (148) 

von   ihm   an  d.    Kurf.   11 

142. 
Lessing  888,  350. 
Letzner  899. 
Lieh  (U  885). 
Licherhof  s.  Dickerhof. 
likkan  (il  328  u.) 
Lindheimer  (II  286). 
Line.  s.  Caroline  Suabedissen. 
Lippspringe  324. 
Litthauen    164 ;    litthanisch 

n  238 : 8.  (285  o). 
llamps  (U  884  u.) 
Lobeck  58,  86,  93. 
Löwe,  Joel  (H  364). 
Lope  de  Vega  s.  Vega. 
Lossberg,  y.  (U  850  o.) 
Lössius  48. 
losung  (U  348  m.) 
Lotz.  E.  R.   202,  207-8.  228. 

(H 189, 211  no.  96, 212: 207.) 


y  Google 


432 


Namen-  und  WortrVeraeichniM. 


Lücke  114,  275,  278,  287, 
291,  n  (225,  280  m.),  281 : 

39,  (287:281). 
Lüder  38. 

Luther  70,  122,  174,190,311, 

352. 
Lye  13  (H  368  n.) 

Mackeldei  186. 

Magnussen  II  280. 

Mahn  (H  244:11). 

Mahner  U  69,  76. 

Mailand  410. 

Mainz  11  32;  Bischof  v.  M. 
(U  339  u.) 

Maio  41. 

Maistre,  Xavier  de  108. 

Malbergische  glosse  (IT  827m.) 

Maimaison  Schloss  II 23  28- 
30, 70,  (399  n.  400  o.,  401  o.) 

Malsburg,  Frau  y.,  125. 

— ,  Ernst,  Fr.  v.,  231,  (11 139). 

mandw&ri  II  328  u. 

Manso  38,  67. 

Marburg  2,  27,  46,  58-9,  69, 
77,  89.  96-7,  103,  109, 
117,  119,  123,  130,  133, 
186,  194-5,  205.  213,  222, 
226,  240,  246,  258,  264, 
274,  283,  285,  294,  306, 
310,  407,  II  1,  (138  227  o.) 
265  m.,    (268:33),  281:39. 

40,  282  u..  (290  o.);  Uni- 
versität (n  153:33  159: 
46,  177:103.  188:135  189: 
138.  208,  219:239,  220, 
227  m.,  263 :  26  288  m., 
289  0.) .  Univ.-Jubiläum  H 
179:105,  220);  phü  Facult. 
(n  149:22,  156,  211  o.); 
jur.  Facult.  Prüf.  W.  Gr.*s 
vor  d.  (U  394  ff.  Bibl.  d. 
Univ.  (n  284:4);  Forstr 
hof  (n  242  u.,  213,  226  uj 

Marcus.  Buchh.  in  Bonn  u 
309:4. 


Marheinecke  (11  209  o.) 

Mark.  Grafeohaft  58. 

Marlowe  48. 

Martelliere  11  41. 

Martens,  v.  U  40,  (405: 40). 

Martin  77. 

Marx  289. 

Massmann  300-1. 

mat  318. 

Mathesius    39-40,    129,    171, 

174,  370. 
Matsko  138. 
Matthiae  (U  168:74). 
Matthisson  382  (II  346  o.) 
Mecklenburg  n  34,  74. 
medum  303. 
Megenberg  314,  379. 
Megerle  352. 
Meiningen  418,  s.   Sacbsen- 

Meiningen. 
Meisner  125. 
Meisten  (EL  376  o.) 
Melanchthon  39,  174. 
Melsungen  135,  202. 
Menontes  350. 
Menzel    H    (173:90),     178, 

(311  o.) 
mergel  (0  348:  6r.  39.) 
Merkur,  rheinischer  4,   li$, 

(II  191 :  146). 
Mertin  77. 

Mettemich,  Fürst,  49. 
Meusebach,  v.  316, 
Meyenberg  s.  Megenberg. 
Meyem,  (i.  v.  11  318. 
Michel-Angelo  379. 
Michelbach  306. 
Moser  a%  175. 
Mohr  298. 
Molter  in  Lübeck,  Schwager 

Suabedissens    (II    210  o., 

221  u.) 
Molter ,    Hannchen    (Hans), 

Nichte      V.     Suabedissens 

Frau  u.   in  S.*s  Hans  er- 


Digitizedby  VjOOQIC       ' 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


433 


zogen  145.  158,  162.  175- 
6,  251-3,  260,  263,  273. 

Molter,  Lene.  Schwester  cL  V., 
158,  251,  253,  273. 

Mone  73 f  (Briefe  an  ihn  be- 
sitzt seit  knrzem  die  bei- 
delb.  Bibi.) 

Moritz  (U  343  n.) 

Mosern  234:8. 

Müllenhoff  ^59, 871,(11301  m., 
375  m.,  u.);  von  ihm  IT 
359  f. 

MüUer  317. 

-,  Mahler  ttl  167). 

^,  Adam  153. 

— ,  Bemh.,  H,  (ll  139). 

— .  JnUn8;?78-9,  281,283, 
n  (231  m.,  268  u.,  269  m..) 
281:39,  284:44;  an  ihn 
no.  133-7.;  von  ihm  II 
289  ff.;  seine  Tochter 
Klara  (II  292:  294.) 

— ,  Ottfried  90,  114,  \290\ 

— ,  Wüh.  309,  (E  378  u.) 

München  365,  377;  Universi- 
tät M.  107;  historische 
Gommission  383. 

Münchhausen,  v.   (11  399  o.) 

Münscher  254,  (EL  221  n.) 

Mnnke  36,  U  154:33. 

Murhardt  (II  139). 

Mumer,  Th.,  301. 

Mythologie,  Zs.  für  H  (321 :  19), 

nachahmen  317. 
nänke  (11  354  o.) 
Nagele,  v.  II  65. 
Napoleon  Bonaparte   180,  II 

^,  60,  90,  (399  n.) 
narrenbrunnen  389. 
Nasns,  Joh.  (U  359  o.) 
nant  (ü  304  u.) 
Neander  32,  48. 
Nebel  323,  (U  387  m.,  388u.) 
Nepos  (II  152:28). 

B.  Stengel.    Acten  dar  Brüder  Orimm. 


Nesselrode    U    24,    39,    51, 

(401  m.) 
Neufville  (H  177 :  104). 
Ney  93. 
Nibelnngen    216,   270,    308, 

314,^2,   337,  (II  192  Br. 

5,  338  u.,  371  0.) 
Niebohr  83,  41,  94,  111,  117, 

144,  250,  n  178,    234:3, 

260:24,  (279  u.) 
Niederlande  n  96,  (225  u.) 
Nissberg,  Nnssberg  122. 
Nitzsch  (n  875  n.) 
Nodnagel  (U  322 :  19.) 
Nordheim,  v.  (U  147-8): 
Nomen  U  (311. 377  m.,  381  u.) 
Nvenip  II  280  n. 
Nürnberg  383. 

O'Connor  II  (278  u.),  281  o. 
Odinssalr  ü  307. 
Odsleben  39. 
Oehlenschläger  227. 
Gnn  (H  354  m.) 
Oesterreich  1152, 124;  Kaiser 

Franz  v.  Oe.  11  21. 
Oetker,  Fr.,  an  ihn  no.  21, 
Ohlnhansen  II  234 :  3. 
Olshausen  (II  235:5.) 
Opitz  301. 

Oppositions-Zeitong  175, 184. 
Ortenfels  H  33. 
Osann  354,  (U  351  n.) 
Osterhansen  88,  11  171 :  82. 
Otfried    310,    871,    II    256 

260  a. 
ovanhüson  (II  339  o.) 
Overbeck  II  345  u. 

Page,  paqn^e  (11  384  m.) 
anzer  395,  H  312:7. 
Paris  36 ;  theatre  Favart  II 35 ; 
pont  S.  Michel  U  45 ;'  hötel 
de  TEmpire  (Thelosson)  11 
37,  82,  88;  me  de  Tnni- 
versit^  no.  7 :  11  27. 


28 


y  Google 


434 


Namen-  und  Wort-Yerzeicbniss. 


Passavant  (U  177 :  1<H). 
passional  (U.  825  n.) 
Passow  93,  II  176 :  97. 
PauluB  54,  142,  180,  (II  170 : 

82,  176:97). 
peltenere  826. 
persisch  II  288 :  8. 
Perte  267'S,  306,  312,  U  265  : 

27. 
Peschek  II  299  o. 
Petters  (U  305:316). 

?fee8chen  (II  335). 
ieiffer,  Räthin,  125, 
— ,  Franz  312,  314,  357,  375, 

379,  (U  294  n.,  371  o.) 
Pfizer,  G.   n  265  m. 
Pfizer,  P.  II  (227 :  67),  265  m. 
Philippeville  II  20. 
Philologenversammlung, 
germanistische  Section  (II 

?hol  310. 
ictet  II  281 0. 
Pillnitz  363,  365,  (II  372  m.) 
Planck  275. 

Platen  12,  97,  (ü  408:144) 
Platner,  E.  224. 
— ,  Fran  264. 
plecken  JI  338  m.) 
Plönnies,  W.  v.    H  [321:18], 

(332:19). 
Polen  (U  261  u.) 
Polgöns  (II  328,  329  u.) 
Portal  II  54. 
Porter  33,  37. 
Portugal    Königin  y.  351. 
Pott,  Prof.  d.  Theol.  287-8. 
— ,  Prof.  d.  vgl.  Sprachw.  300- 

1,  393,  n  329  Br.  11. 
Pozzo  di  Borgo  II  51,  56,  71, 

83 ;  an  ihn  II  58,  88. 
Pradel,   Graf  v.    II  17 ,   26, 

38,  43,  48,  57,  64,  67-8,  76, 

(399  m.) ;  an  ihn  H  59. 


Prenssen  35,  59,  164,  362; 
II  52.  85,  87,  124-6,  (151, 
271),  282  0.,  (314  m.,  826  u.); 
Rheinpr.  II 197: 165;  neupr. 
Farben  11  818  o.;  Preossen- 
thnm  II  279  n.);  prenssi- 
sche  Kegiemng  11.,  204; 

— ,  König  V.  378;  ü  21,  23, 
82,  36,  (II  292 :  295,  365, 
387  m.,  398  u.);  Kronprin- 
cessin  846,  348;  Prinz  Wil- 
helm 855;  Prinz  Albrecht 
u,  Frau  (II  227). 

Prichard  (U  279). 

Pustkuchen  1761  (II  213  u., 
409  :  170). 

Putbns,  Füret  II  51. 

Pyrker  867,  (ü  846  o.) 

pysü  (U  385  0.) 

Quarterlj  Review  48. 
Qaatremere   II   70,  83;    an 

ihn  U  78. 
qnercrecht  (II  327). 

Rabbek  U  280  u. 
Rabenau  (11  340  u.) 
Radlof  29  39,  (II 158 :28.  33.) 
Rambouillet  II  87,  48. 
Ramus  127,  163,  175. 
— ,  Charlotte,  s.  Bauer. 
— ,  Julie  10. 

Ranke  273, 293,  U  178,  308  o. 
Rask  13,  (11  285 : 5). 
Raszmann  343. 
rathfragen  II  860. 
Raumer  76,  (II  206,  254  u.) 
-,  R.  V.,  349-50,  [377,  385J, 

(II  852  0.,  873  m.,  u.) 
Ravnouard  II  250  m.  (s.  2js. 

{.  r.  Ph.  VI  504). 
Redwitz  852. 
Räe,  Dr.,  (II  335). 
Reform  ationsfe^^t  171,  17;i 
regen  35  (II  15o  :  ;)o  . 


y  Google  1 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


435 


Rehm    II    (167,     222:258), 

234:3. 
Reiche  288. 
Reimer  51,  167,  (U  196:206, 

209  0.) 
Reinecke  Fuchs  II  266:  29. 
Reinhard  (II  139). 
Reinwald  305. 
Reiske  11  239 : 8. 
Remusat  II  234:3,  (239:9). 
Renaud.  Prof.  (II  327). 
Renneval  II  37. 
rennferkel  (II  327  u.) 
reöfan  (U  363.) 
Rettberg  288. 
Reuter,  Fritz  381. 
Reyscher  (II  294  u.) 
Reyacher,  Dorothee,  geb. 

Dahtmann. 
— ,   Luischen   23 ;  verh.   m. 

Dr.  Veiel  (II  149). 
Ribbentrop  289,   II  (14),  52, 

69,  71,  (899  0.,  401  o.) 
Richelieu   II  20,   37.  56,  64, 

67-9,  81-2,89;  an  ihn  U  76. 
Richter  84-b. 
Rieger  337, 

Riemer  93,  (U  176:97). 
Ries  97, 
Rigi  410. 

Rimberge  (II  294  ra.) 
Rist  (II  372  u.,  373  o.) 
Ritter,  K.,  51,  55-7. 
— ,  Aug.  Heinr.  290. 
Rivalier  II  19,  (164  u.) 
Riviere  (II  406  m.) 
Robert,  Prof.  [591  II  395. 
— ,  Galerieinspector  II,  13, 70, 

(400  m.,  405  m.,  406  m.) 
Robertson  II  234 : 3. 
Rochard  II  97. 
Roche  -  Jaquelein ,   Marquise 

de  la  32,  157. 
Rochow,  V.  11(271  m.),  [274  o.] 
Rodenstein  II  310 : 5,  (316  m., 

318  u.) 


Rodheim  (II  360  o.) 
roggen  36,  (II  153 :  33.) 
Rohde  56. 

Rollenhagen  300,  302. 
Rom,  Museum  :  Transfigu- 

ration,  Apollo  11  33. 
Römer  =  Ultramontane    11 

274  m. ;  vgl.  II.  378  m. 
romanische  Sprachen  II  250m. 
Rommel,   Gen.-Superint.   60, 

171,  (II  222  fl'.,  258  a.) 
— ,  Archivdirector ,   41,   59, 

116,   401,  II  11,(154:38, 

162:55,  233:1):   von  ihm 

16  Br.,  U  155  ff. 
Rosenblüth   333,   (II  381  o., 

338  m.) 
Rost  353,  (II  345  u.) 
Roth ,  [Franz]   874,    377,  (II 

360  0.,  361  m.) 
— ,  [K.J  302,  403. 
Rothschild,  285,  II  48,  55-7, 

63,  65,  72,  80,  (290  o.) 
Ronen  II  315. 
Rouxel  II  43,  57,  59-61,  67-8, 

76,  81-2,  87. 
roydach.  Roysei  II 307  (315  o.) 
Rubino  (II  264  m.) 
Rudolf  V.  Ems  301,  304, 310, 

312,  314. 
— ,  v.Montfort  389  s.  Barlaam. 
Ru(iolph  in  Marburg  i^il  139). 
rücken  36. 
R  ackert  12. 
Rühs  57. 
Ruhkopf  196. 
Ruhl,  J.  Chr.  (U  164). 
Ruhl,  L.S.,  (II 164);  von  ihm 

22  Br.  II  166. 
Ruhmann  139. 
ruin,  rünen  (tl  384  m.) 
Rulaer  weistnum   (II  388  u.) 
Rumohr  101,  411. 
Rumpelt  370, 
Rumpf,  Chr.  (II  370  u.) 
Ruozelenswilre  320. 

28* 


y  Google 


436 


Namen-  und  Wori-VerzeiclmiÄs. 


Russen  41. 

Rnssland  II  90;  Kaiser  v.  R. 

n  21,  23,  39,  42,  50,  (402 

m.),  Alexander  (II  199  n.) ; 

an  ihn  II  27. 
mssische  Botschaft  in  Paris 

n  S.  82. 
Rjse,  Adam  (11  347  m.) 

Saarbrücken  II  20,  32. 

Saarioois  II  32. 

Sachs,  Hans  338. 

Sachsen,  1167,  74-5,  (193, 
199:198),  260  m.;  Prinz 
Anton  in  S.  153;  KOnig 
292,  364;  Eöniffin  364. 

Sachsen-Cobnrg  II  75. 

— ,  -Meiningen,  Herzog  Bern- 
hard 92;  Herzogin  Marie 
92,  132,  [406],  413,  419; 
von  ihr  no.  218;  Prinz 
Georg  [413],  414. 

sah  in  329  Br.  11). 

Sailer  45. 

Salis  (H  372  o.) 

Salomon,  Sage  von  34. 

Salvandy  231,  235-7,  (ü  218 
0.,  u.) 

Salzburg  II  36. 

Sand  52. 

Sanders  5ßj2,  355,  357,  367, 
371,  57^,873,375  (n351o.) 

sänge  (II  340  u.) 

sanskrit  U  238:8. 

cdga  (n  885  m.) 

Sardinien,  Gesandter  v.  069. 

Sartorins  70, 

sanls  (II  288). 

Savigny ,  K.  Fr.  v. ,  27,  81, 
85,  40,  42,  44-5,  49,  51, 
54-5,  58,  61,  65,  71,  76, 80, 
91,  98,  97,  102-8,  106-7, 
109,  HO,  117, 120, 123,  202, 
210,  241,  n  (154:38, 160  Z. 
3,  169,  170:82,  173:90, 
174:92,  176:97,  178:104), 


179,    (179:108.    180:108, 

184:120,    236:7,  238:7), 

289:8,  (279  n.,  408  n.) 
Savigny,  Ennignnde  v.,   Fraa 

d.  V.  geb.  Brentano  71,  81, 

91.  103. 
— ,  Franz  v.,  49. 
— ,  [KarlJ  V.,    108,  (H  178: 

104.) 
— ,  Bettinchen  71,  103. 
— ,  Victoria  45. 
Scanms  85. 

Schadewitz  312  (H  302  o.) 
Schäfer  ausHeidelb.  (U  169). 
Schannat  306. 
Scharf  TL  17a 

schander,  schauer  (H  325  o.) 
Schaum,  Dr.  (II  338  o.) 
Schanmann  309,  (II 378) 
— ,  Dr.  II  123. 
ScheeUe),  Frl.  v.  176,  262,  (H 

201  Br.  16). 
Scheffer  165. 
Scheidler  248,  260,  262. 
Schelling  107,  fU  154:38). 
schelmacker  328. 
Schelmnfeky,  v.  168. 
Schenk,  F.  K.  W.  H.,  Freih.  v. 

89,  117, 
— ,  Sohn  d.  V.  222,  (U  220). 
— ,  Tochter,  verk  m.  v.  Witz- 
Schiller' 12,  350-2,  365,   (D 

352:353,  359  m.,  873  o.) 
Schlangenbad  (H  101  4). 
Schlarbanm  (II  139). 
schlar-,schlander-affe(lI326o.) 
schlarr  (II  339  o.) 
Schlegel,  A.  W.  '24,  49.  180, 

184-5,  n  (177:104),  234:3, 

(235:4),  236:6. 
— ,  Friedr.  56,  153,  181. 
Schleiermacher  54,  206,  278, 

(H  212  0.,  279  u.) 
Schlesien  H  317 :  12. 
Schleswig-Holstein  (11339  n.) 


y  Google 


Namen-  und  Wori-Verzeichniss. 


437 


schlendern  (11  326  o.) 
Schlosser  85,  90,  227,  H  178. 
Schmalz    144,   157,   (II    191: 

146). 
Schmeller  333,  (II  341  o.,  348 

Br.39,  351  m.,  373  o.);  von 

ihm  II  333  ff. 
Schmerfeld,  v.  ü  18,  42. 
Schmidt,    G.-R.    in  Jena  11 

245:13,  (246:14). 
— ,  Fr.  W.  Val.  YL  278. 
— ,  Kl.  353. 

— .  V.  Lübeck  ü  359  m. 
Schmidt  v.  Werneuchen  382, 

(II  351  0.,  371  u.) 
Schmidts  11  167. 
Schmieder  85. 
Schmitthenner  336,  338,  342, 

385,  (II  304  m.,  328  n.,  331 

c,  342  0.,  u.) 
Schneider,  Leop.  60. 
Schnellert  H  310:6  (316  m., 

318  n.) 
schnübe  (304  u.) 
Schödde  U  136. 
SchOnlein  295, 
Schopenhauer,  Frau  (IT  199: 

173). 
Schott,  A.  II  309  u. 
Schotten   125    (vgl.    11   187: 

124);   an  ihn  1  Br.  U  164. 
Schrader  555-400. 
Schraidt  (U  139). 
Schröder    397,   U    (244:12), 

245:13. 
Schubart  (ü  390-1). 
Schubert  76  =  Schubarth? 
Schuckmann  154, 
Schütz,  W.  206,  (n  212  o.) 
— ,  Rechnungsr.  II  52. 
Schultens  U  239:8. 
Schulz  25,  (n  150). 
Schulze  88. 
-  (U  383  u.) 
Schwab  n  265  m. 


Schwabe  336,  367,  (H  342  o., 
344  u.,  345  u.,  357  u.) 

Schwaben  (U  240,  s.  Blind- 
heim, Justitia). 

schwälmertanz  41, 

Schwanritter  147. 

Schwarzkopf  166. 

Schweden  II  309 : 3. 

Schweinichen  68. 

Schweinsberg,  von  no.  102, 

Schweitz  410,  II  265  o. 

Schwenk  85-4,  86,  (U  170: 82, 
380  0.) 

Schwertzeil  204. 

— ,  Frau  V.  223, 

Scott  108,  208. 

scregehöri  (II  374  m.) 

Sebiz,  Melchior  300. 

Seiler  (II  205  :  189). 

semde  (II  305  o.) 

sen  (II  361  o.) 

Serranus  335,  (H  344  u.) 

Seyffart  (II  176 :  97). 

Shakespeare  49,  185,  214,  (II 
204). 

sich,  sichste  sich  (11  360-1). 

Siebold  289. 

Sigurd  305. 

slavisch  II  238 : 8. 

slup  (II  383  u.) 

Smid  153-4,  196,  (U  224  m., 
398  m.J 

snlcan  (II  374  m.) 

snuaba  (II  305  o.) 

Soden  (11  369). 

Soldan  319, 

Solger  33,  256, 

Sommer  II  284:44 

Sophronizon,  2ieit8chr.  54, 142. 

Soulange,  Chev.  U  25,29,40, 
42,  50-1,   71,  87,  (401  o.) 
Corresp.  m.  ihm  45-7. 

Spangenberg,  Wolf  v.  300. 

Spamen,  König  v.  276, 

Spee  32,  46. 

Spener  205, 


y  Google 


438 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


sprenfi^er  (11  327  n.) 

spuken  21. 

Stael,  Fr.  V.  43-4,47, 180,  226. 

Starenberjfersee  365. 

Steffens  185,  (II 203 :  182, 204). 

Stegmann  138,  vgl.  11  188. 

Stein,  Frh.  v.  II  53. 

Steinau  16,  226,  247,  (II 257 : 
21). 

Stephanowitsch  s.  Wnk. 

Stieglitz  86. 

Stieler  305,  317. 

Stollberg  45,  54,  58,  189-90. 

Stourdza  184. 

Strasse  36,  (II  153  :.33). 

Stransz  (II  290). 

Strieder  II  2,  6,  7,  (252  n.) 

Sturz  (II  344). 

Stuttgart  II  265  o. 

Stuttgarter  Verein  333. 

styngonester  11  385  u. 

Suabedissen  32,  49,  76,  78, 
119,  125-6,  129,  131,  133, 
137,  139,  198,  279-80,  H 
(188:135,  189: 141),  251: 16, 
(257:21,  261m.),^65,i283: 
42.  286:280);  an  ihn  no. 
75-129;  von  ihm  II  190  ff ; 
seine  Mutter  135  206,  261; 
8.  Frau  geb.  Molter  (II  206, 
283 :  42). 

— ,  Marip,  Tochter,  verh.  m. 
H.  Hupfeld  151,  162,  176, 
251,  253,  264,  273-4,  276, 
280-2,  285,  II  (227  Br.  67, 
263:26),  265  o.,  268  u., 
281:40,  282  u.,  (283:42) 
=  Täubchen  158,  Lach- 
täubchen  145;  von  ihr  II 
228. 

— ,  Elise,  Tochter,  verh.  m. 
Geh.  Justizrath  Jäger,  ver- 
wittwet,  lebt  in  Cassel. 
176,  210,  254,  266,  274, 
280,  282.  (II  2061,221:252, 
228  Br.  67, 267 :  30  =  Brum- 


basz  145,  158,  Frau  Nim- 

rod  273. 
Suabedissen,  Christiane,  Wü- 

helmine,  verh.  m.  Gerlin^, 

Schv^ester  v.  S. 
—»Caroline,  unverh.  Schwester 

V.  S.  135,  145,  281.  —  Vgl. 

auch  Molter. 

Tacitus  30. 

Tänzer  15. 

tage,  böse  TL  337  o. 

Talleyrand  11  20. 

Tatian  (II  328  u.) 

Taube  II  2U:S. 

Tennemann  25,  (II  150). 

Teplitz  324. 

Ters  (U  315:9). 

Teutonia  394. 

themselves  (II  166). 

Theobald  25,  n  150. 

Thiele,  Minister  U  309:4. 

Thiersch  (II  179:105). 

Thomas  74,  77,82-3,104,  111, 
U  (177:104),  178;  1  Br.  an 
Th.  II  168  rder  von  Dr. 
Euler  eben  veröffentlichte 
Grimm-Brief  soll  nicht  an 
Thomas  sondern  an  ihn 
selbst  gerichtet  sein);  von 
ihm  II  168,  184,  214:210, 
224,  397:7,  398  m.,  403  a., 
404  u..  408:149.  150,  409: 
169.  191. 

Thorsage  (II  314  u.) 

Thorbecke  76,  226. 

Thorpe  13-4. 

Thudichum  371, 373,  (0360  o.) 

Thümmel,  G.  160,  336. 

Thüringer  380. 

Thumb,  V.  II  ia5. 

Thuret  II  66. 

Tibet  (200  Hr.  15). 

Tidge  (II  372  uj 

Tieck  34,  96,  227,  244,  247, 
255-6. 


y  Google 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


439 


Tischbein  (II  400:12). 

Tochter  Sion  s.  Lamprecht. 

Tolentino,  Frieden  v.  II  22. 

Tommaseo  873. 

topp  (II  3:33.) 

TosKana,  Princessin  v.  364. 

Touseaint  II  17,  23, 25, 39-40, 

50,  (402  m.) 
tranken  358. 
trensch  305. 
trincar  (11  333  u.) 
Troiafontaines  (II  311  u.) 
trom  (II  337  m.) 
Trost  157. 

T8cheming,  A.  II  340  Br.  18. 
Tschirner  II  127. 
Türken  72. 
tnpfen  (II  333  n.) 
Turin  II  69. 
Twesten  275. 
Tydeman  [41J. 

üssel  (II  304  n.) 

ühland,  L.  II  265  m.,  (286  0., 

295). 
Ukraine  41. 
Ulphilas  41. 
ünger  U  17,  38,  48-9,  55,  69- 

70,  79,  88,  95,  97,99,(400: 

12,  402  m.,  403  m.) 
nngethüm  (II  334  o.) 
Urlaub  17,  (n  147). 
nrschwinge  II  304  u. 
ürenla,  h.  (II  311). 
Usener  82  (II  169,  170:82). 
— ,  Pfarrer  (H  159). 

Vamhagen  231-2. 
Vater  36,  H  236:6. 
Vanblanc,  Graf  II  21,  86,  89, 

95. 
Vega  230-1,  (II  217  :  229). 
Veiel  8.  Reyscher. 
Venedig,  Rosse  von  1121,33; 

Löwen  von  II  33. 
Vetter  (II  377  o.) 


vietrü  (II  385  m.) 

Villers  (II  191 :  143.) 

Vilmar  122,  282,  326;  U 
(144:13),  283,  (378  u.);  an 
ihn  no.  i58-148 ;  von  ihm 
II  294  ff.,  297  :  298  n.,  299. 

Vinke  33,  37. 

Vocabnlar.  praedicant.  (II 
331  u.);  V.  teutonicus  (II 
344   0.,  372  m.,  373  0.) 

Völkel  61,  138,  256-7,  403, 
II  3,  6,  7,  10,  102,  103, 
107,  [112,  120  ff.J,  123,(157, 
400  0.,  405  0.);  von  ihm 
21  Br.  II  164. 

~,  Amalie;  1  Br.  von  ihr 
II  164. 

Vömel   II  169). 

Vogelsang,  zu  den  II  (338  u.) 

Vogt,  [K.]  329,  (U  326  m., 
339  m.) 

Voigt  32,  44. 

Voigtel  II  (844  0.) 

Volkssagen  319. 

voUborn  =  Januar  321. 

Voltaire  71. 

Vorbetta  U  (311),  312  u. 

Voss  36,  49,  54,  58,  64,  67, 
69,  72.  90,  91,  93,  184-5, 
189,  382,  (II  161:53.  173: 
90,  176:97,  344  m.,  348  m.) 

Vulpius  34. 

Wabern  (II  397.) 
Wachler  II   121  u.,  (151.) 
Wackernagel,  W.  298, 338,{U 

267:31,  347  u.,  349:341.) 
währewarte,  oberhessische 

110. 
Wagner,  K.  F.  Chr.,  Prof.  in 

Marb.  127,   139,  (II   166). 
— ,  J.  J. ,    Prof.  in  Erlangen 

248. 
— ,  H.  L.  (II  352  m.,363  0.) 
— ,  Dr.  Karl,    in  Darmstadt 

(II  342  m.) 


y  Google 


440 


Namen-  und  Wort-Verzeichniss. 


Waitz  (11  355  m.,  392  u.) 

Waldis,  Burkhard  300,  302. 

Walper  (H  139.) 

walten  [373]. 

Walther  u.  Hildegund  371. 

Wangemann  (11  139.) 

Wartburg  171. 

Weber  (U  169,  171 :  82.) 

Weigand,  an  ihn  no.  145-93, 
von  ihm  II  304  ff.,  352, 
363  m.,  375  f.,  376  u. 

— ,  Mathilde,  verh.  m.  Ober- 
lehrer Dr.  Flach  342,  345, 
348,  351,  354,  358-60,  362, 
367,  372,  374-5,  379,  386, 
(n349  0.);  vonihr  n364: 
374. 

Weiland  II  309:4. 

Weiller  (U  205 :  189.) 

Weimar  152. 

Weis,  Prof.,  (U  395.) 

Weismann  393. 

Weisz  25,  {U  150). 

Weisze  353,  (II 363  o.,  372  o.) 

Weitzel  215. 

Welker  83,  87,  90,  103,  (U 
161:55,    170:82,    171:83.) 

Wellentreter(=Heinroth),itftf, 
171,  cn  196:165). 

Wellington  33,  U  35,  (401  u.) 

welsche  Sprache  II  281  o. 

Wenk  122,  306. 

Werlauff  305. 

Werner  227. 

— ,  W.,  Probator  II  110. 

werrew  (II  384  m.) 

de  Wette  (U  264,  267 :  31). 

Wetterau  316,  318-21,  325, 
330,  339,  347,  402,  (H  304 
u.,  381  u.,  383  o.,  392  u.) 

Wetzlar  321. 

Wieland  34,  43,  (H  155:88^ 

Wien  36;  Congress  zu  W. 
(II  142);  Wiener  Jahrb. 
II  245  :  13,  (378  m.) 

Wiesbaden  119,  274,  277. 


Wigand,  P.  330;  an  ihn  no. 

i-8;  (n  138). 
Wüd,  Joh.  Rud.  n  10. 
— ,  Dor.  Cath.,  geb.  Haber, 

Frau  d.  v.  II  10. 
—,  Dorothea,  Tochter,  verh. 

m.  W.  Grimm. 
— ,  Grethchen,  Tochter /]?407. 
Wildt  223. 
Wildungen  177. 
Wilhelmshöher  Biblioth.  21;?, 

ai  389  m.) 
Wübetta  U  (311),  312  u. 
Wilken  11  33. 
WiUems  TL  307   u.,    309:3. 

4,  312 : 7. 

willetzknaben  333,  (II 332  m.) 
Willingshausen  41,  223,   11 

146  Z.  1.,  148  Z.  2  ▼.  u. 
Windischmann  103. 
wir  341,  (H  362  o.) 
Wippersdorf  151. 
Witt,  Dörring  108. 
Wittgenstein  II  27. 
Witzenhausen  219. 
Witzleben,  Minister  137. 
— ,  Frau  V.,  Schwiegertochter, 

geb.  V.  Schenk  264,(11  220 

u.) 

Wochenblatt,  polit  (EL  276). 
Wodana,  Zeitschr.  II  307  c, 
308:2,  309:3.4. 

Woensdrecht,  Woensel  11 307. 

Wolf,  U  266: 29. 

— ,  Pfarrer  in  Leipz.  (II  202 : 

182?,  206,  223:264). 
— ,  Fr.A.  38,217,(11171:82). 
— ,  Joh.  Wilh.  (n  325  u.,  345 

o.);  von  u.  an  ibnU306ff. 
Wolfdieterich  359. 
Wolfenbütte),  Bibl.  in  115. 
Wolke  30. 
Wolkonsky  U  24,  (verdr.  Wol- 

kowsky),  39  (verdr.  Wol- 

kovskyj,  51,  (401  m.,  u.) 


y  Google 


i_ 


Namen-  und  Wort^Verzeichniss. 


441 


Würtenberg  ü  52,  55,  (240, 
8.  Blindheim,  Ja8titia),(272). 

wnhrewarte  =  währewarte. 

Wak  Stephanowitsch  [89]^ 
228, 

wuol  328, 

Wuotan  n  310:5  (316  m.) 

Wurm  352,  355,357,  367,371, 
(II  301  u.,  351  0.,  366  m.) 

Wurzer  61,  186,  (H  163, 167). 

yBla  (H  304  u.) 

Zamcke  376,  II  301  u.,  365  o., 
376  m. 


Zend  11(235:5),  238:8. 
Zenodot  217. 
ZezBchwitz  (II  301  m.) 
Zimmer,  Henriette  Philippine, 

Tante   der  Brüder  Gnmm 

[191]. 
Zimmermann  (II  139). 
Zöckler  (U  301  m.,  347  Br. 

35). 
Zoega  55-6«  62. 
Zopi  (H  183 :  120). 
zween,  zwo,  zwei  (II  305  o.) 
Zwehren  156. 


y  Google 


y  Google 


Inhalt. 


Seite 
I.    Acten  über  Wilhelm  Grimm  als  Secretär  bei  der 

Maseumsbibliothek  in  Cassel 1 

n.    Acten   über  Jacob   Grimm's   Mission  nach  Paris 

im  Herbst  1815 13 

in.    Acten  über  Jacob  Grimm  als  Bibliothekar  in  Cassel  100 
IV.    Acten  über  Jacob  Grimm  als  Mitglied  der  Censur- 

Commission  in  Cassel 122 

Anmerkungen  zu  Band  I 188 

Briefe  zwischen  Jacob  Grimm  und  Hupfeld    .    .  282 

.    J.  W.  Wolf  .  307 

Anmerkungen  zu  Band  II 394 

Besserungen  und  Nachträge 408 

Chronologishe   Tabelle   der   in   dieser  Sammlung  ent- 
haltenen Grimmbriefe 410 

Namen-  und  Wort-Verzeichniss 418 


Digitized  by  VjOOQ  IC 


y  Google 


y  Google 


y  Google 


Google 


y  Google 


i 


y  Google 


Digitized  by  VjOOQIC 


i 


y  Google 


y  Google 


y  Google 


y  Google